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Das Buch gibt den Lesern einen Leitfaden an die Hand, um in der Natur wieder wirklich heimisch zu werden. Vier Jahreszeiten lang führt es ihn in 32 Kapiteln durch die Bereiche Naturwahrnehmung, Naturwissen, Naturhandwerk und Naturspiritualität. Diese Bandbreite ermöglicht sowohl ein weites Erfahrungswissen um die Natur, als auch eine kraftvolle Verbindung mit ihr. Gegenwärtig zieht es viele Menschen in die freie Natur. Sie erzählen, dass sie dort inneren Frieden finden und wieder mehr bei sich sind. Sie berichten von einer Entschleunigung, die mit einer Belebung einhergeht. Und ja, wer kennt das nicht? Körper, Geist und Sinne werden durch ein Bad in der Natur erfrischt. Viele Menschen fühlen sich danach wie neu geboren. Doch obwohl die Sympathiewerte der Natur ständig steigen, ist sie den meisten Heutigen im Grunde fremd. Kaum jemand kann noch essbare Wildpflanzen erkennen, die Fährten der Tiere lesen oder ohne Streichhölzer ein Feuer entfachen. Matthias Blaß schreibt über sein Buch: »Ich geleite die Leser in vier Unterkapiteln durch jedes Thema. Denn bei Naturvölkern hat sich Lernen als besonders wirkungsvoll erwiesen, wenn nacheinander die folgenden Phasen durchlaufen werden: Jedes Kapitel beginnt mit einer inspirierenden Geschichte. Danach richte ich die geweckte Neugierde auf eine Übung, um ein forschendes Erleben in der Natur anzubahnen. Die eigenen Erfahrungen können anschließend um die Perspektive von anderen Menschen erweitert werden, denn es folgen Erfahrungsberichte von Kursteilnehmern zum gleichen Thema. Zu guter Letzt schöpfe ich in einer Reflexion das Wissen ab, das in den Rückmeldungen enthalten ist und ergänze Hintergründe dazu. Dieses Modell für den Wissenserwerb hat sich in meiner Naturschule auf beeindruckende Weise bewährt. Es ist nicht nur mit Freude verbunden, sondern gleichzeitig effektiv, da im Menschen verschiedene Ebenen angesprochen werden.«
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Seitenzahl: 549
Veröffentlichungsjahr: 2023
Matthias Blaß
Sich verwurzeln · Kraft schöpfenDen Himmel berühren
Mit Zeichnungen vonStefan Brock
Eigenverantwortung
Die im Buch enthaltenen Anleitungen, Vorschläge und sonstigen Hinweise wurden vom Autor nach bestem Wissen und Gewissen geprüft. Dennoch können weder der Autor noch der Verlag eine Haftung für etwaige Schäden übernehmen, die aus den Anwendungen der Leser entstehen könnten. Hierfür bitten wir um Verständnis.
Es gibt sicher viele gute Gründe, das weibliche Geschlecht wieder besser sichtbar zu machen. Dies ist seit mehr als 40 Jahren auch Anliegen unseres Verlages. Ob dies durch Gendern erreicht wird, darf man jedoch hinterfragen, immerhin geht es um unsere Muttersprache. Sicher ist, dass der grammatische Genus nichts über das Geschlecht (Sexus) aussagt. Deswegen halten wir uns als Verlag beim um sich greifenden Gendern bewusst zurück. Ausführliche Begründung dazu unter www.neue-erde.de/derdiedas
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1. Auflage 2023
Matthias Blaß
Freundschaft mit der Natur
© Matthias Blaß/Neue Erde GmbH 2023
Alle Rechte vorbehalten.
Umschlag:
Illustration: Meraylah Allwood
Gestaltung: Dragon Design, GB
Zeichnungen im Buch von Stefan Brock
eISBN 978-3-89060-392-6
ISBN 978-3-89060-832-7
Neue Erde GmbH
Cecilienstr. 29 · 66111 Saarbrücken
Deutschland · Planet Erde
www.neue-erde.de
Wem sonstals ihr
EINLEITUNG
JAHRESRAD
Frühling
Sitzplatz
Ostkraft
Tipifeuer
Glutbrennen
Eulenblick
Fuchsgang
Vogelgesänge
Alarmsysteme
Sommer
Danksagung
Südkraft
Feuerbohren
Schnurdrillen
Sinnesübungen
Pflanzenmeditation
Pflanzenarten
Grünkost
Herbst
Räucherkunst
Westkraft
Kochgrube
Laubhütte
Wasserintuition
Baumfühlung
Wassergüte
Waldsurvival
Winter
Naturzeremonien
Nordkraft
Wurfholz
Medizinbeutel
Naturspiegel
Medizinwandern
Trittsiegel
Fährtenlesen
RESÜMEE
AUSBLICK
Literatur, CDs, Webseiten, Apps…
Naturschule Wildniswandern
Dankeschön!
Der Autor
Sei gegrüßt und setze dich, wenn du magst. Am Feuer ist immer noch ein Platz frei. Lass uns zusammen in die Flammen schauen und ihrem Knistern zuhören. Den Geräuschen der Tiere, die sich im Hintergrund auf die Nacht vorbereiten. Bald dürften die Sterne heraufziehen – lass uns auch darauf lauschen, was für Geschichten sie uns einflüstern möchten.
Weshalb du wohl hier herausgekommen bist? Deine vertrauten vier Wände verlassen hast? Vermutlich aus den gleichen Gründen wie viele andere, mich eingeschlossen. Die meisten Menschen fühlen sich in der Natur spontan wohl. Sie erzählen, dass sie dort inneren Frieden finden und wieder mehr bei sich sind. Sie sprechen von einer Entschleunigung, die gleichzeitig mit einer Belebung einhergeht. Und ja, wer kennt das nicht? Körper, Sinne und Geist werden durch ein Bad in der Natur erfrischt. Viele Menschen fühlen sich danach wie neu geboren.
Offenbar erfüllt die Natur eine Reihe von Bedürfnissen, welche die moderne Lebensweise nicht stillt. Deshalb sehnen wir uns nach Natur. Doch obwohl ihre Sympathiewerte ständig steigen, ist sie uns im Grunde fremd. Ist das nicht zutiefst sonderbar? Wir sind wie schmachtende Liebhaber, die ihre Angebetete nicht kennen.
Mal ehrlich – wenn wir die vielen Spaziergänger, die es in den Wald zieht, fragen würden: Wie viele essbare Wildpflanzen wachsen im direkten Umfeld dieser Feuerstelle? Wie bekommst du ein Feuer nur mit dem an, was du hier draußen findest? Welche Tiere kommen regelmäßig vorbei, aufgrund welcher Spuren? Wovon hat der Vogel hinter dir soeben gesprochen? Was meinst du, wie viele bekennende Naturliebhaber diese Fragen beantworten könnten? Kaum jemand kann das. Die Ursache liegt nicht darin, dass die Fragen schwierig wären. Nein, die Fragen sind ausgesprochen einfach. Vor ein paar Tausend Jahren hätte jedes Kind, das in diesem Wald zu Hause war, sie spielend beantwortet. Doch allem Anschein nach sind wir hier nicht mehr zu Hause und insofern Touristen im eigenen Land geworden – wohlwollend zwar, aber Fremde.
Freilich werden jetzt keine Spaziergänger mehr vorbeikommen, die wir fragen könnten, weil die Sonne bereits untergegangen ist. Touristen haben im Dunkeln Angst. Sie fürchten zu Recht, sich mit ihrem dürftigen Orientierungsvermögen zu verirren. Sie fürchten sich vor dem Bellen des Rehs, das sie als solches nicht erkennen und einordnen können. Bist du schon mal im Dunkeln durch den Wald spaziert, ohne Taschenlampe? Ich genieße das regelmäßig. Noch nie ist mir dabei ein Mensch begegnet, der das gleiche tut! Obwohl viele am Abend doch eher Zeit dafür hätten und der Wald bei Dunkelheit gewiss nicht weniger friedlich und inspirierend ist. Aber dann ziehen sich die Naturliebhaber in die Obhut der Ortschaften zurück. Jetzt überleg mal: Würdest du jemanden deinen Freund nennen, dem du im Dunkeln nicht vertraust? Wir Heutigen scheinen die Natur zu lieben, aber unser Freund ist sie nicht.
Betrachten wir es nüchtern: Wir sind Naturwesen, die sich von der Natur entfernt haben. Deshalb löst sie in uns Befremden und Sehnsucht gleichermaßen aus. Wenn wir das überwinden wollen, müssen wir echte Freundschaft mit der Natur schließen. Erst dann werden wir Erfüllung finden, erst dann erfahren, welche Tiefe des Friedens und der Lebendigkeit die Natur wirklich zu schenken vermag. Sollten wir hingegen auf die Freundschaft mit ihr verzichten: Dann werden wir die Natur weiterhin anschmachten und ruinieren – gleichzeitig wohlgemerkt.
Versteh mich nicht falsch. Ich weiß, auf den ersten Blick scheint nichts dämlicher zu sein, als sich Mutter Natur gegenüber wie ein unerfüllter, flegelhafter, jugendlicher Liebhaber zu verhalten. Und ja, ich behaupte, dass wir uns in gewisser Weise so aufführen. Deswegen halte ich aber niemanden persönlich für einen Trottel oder Bösewicht. Unser widersprüchliches Verhältnis zur Natur ist eine Bürde der modernen Kultur, also schlicht eine Folge davon, wie wir westlichen Menschen in den letzten paar Hundert Jahren gelebt haben. Sagen wir mal großzügig: Wir sind da so reingeschlittert. Aber diese Entschuldigung läuft jetzt aus. Es wird höchste Eisenbahn, unsere Entgleisungen zu erkennen, zu bedauern und eine Entscheidung zu treffen: dass wir in eine erfüllte, reife, pflegliche Beziehung mit der Natur eintreten möchten. Uns dorthin auf den Weg zu machen, dürfte eine der dringendsten Aufgaben sein, vor denen wir heute stehen.
Ob wir überhaupt noch in der Lage sind, uns wirklich mit Natur anzufreunden? Natürlich sind wir das. Indem wir uns wieder mit dem natürlichen Wesen verbinden, das wir immer waren. Ich werde dir jetzt verraten, was du dafür tun musst: Folge dem Pfad des befreiten Stallkaninchens!
Ja, du hast richtig gehört.
Ich spüre, dass du eine Aufmunterung brauchst. Deshalb möchte ich dir eine Geschichte erzählen, die unsere heutige Lage beschreibt und mich hoffnungsvoll stimmt. Ich habe die Geschichte von Mala Spotted Eagle gehört, einem nordamerikanischen Lehrer vom Volk der Schoschonen. Mala ist in einem Reservat aufgewachsen. Seinerzeit war es in den USA gesetzlich vorgeschrieben, dass die Kinder der indigenen Bevölkerung von ihren Eltern getrennt werden. Die Kinder wurden ab einem Alter von fünf Jahren in Internate verbracht, wo man ihnen die weiße Lebensweise eintrichtern wollte. Nach dieser Prozedur schob man sie wieder in die Reservate zurück. Dort verwahrlosten viele von ihnen, da sie weder Weiße geworden noch Schoschonen, Apachen oder Cheyenne geblieben waren. Malas Eltern hatten dieses Reservatssystem satt, weshalb sie eine unabhängige Gemeinschaft in der Wüste gründeten. Im Land ihrer Vorfahren wollten sie wieder näher mit der Erde und ihren Traditionen leben. Aber wie? Dort wachsen nur ein paar Zwergsträucher und Kakteen. Ihre Vorfahren lebten als wandernde Jäger, aber dafür war das Land, das die Gemeinschaft kaufen konnte, bei weitem nicht groß genug. Die örtlichen Wildkaninchen hätten sie schnell ausgerottet, und es war einfach zu trocken, um etwas anzubauen. Es blieb ihnen nichts anderes übrig, als Tiere zu halten.
Für ihre Ziegen und Schweine hatte die Gemeinschaft von vornherein große Gehege angelegt, die von stacheligen Buschzäunen begrenzt wurden. Die Vierbeiner hatten genug Auslauf und waren recht zufrieden. Von ihren Kaninchen konnte das allerdings nicht behauptet werden. Denn die wurden in Käfigen gehalten, wie es allgemein üblich war. Malas Leute beobachteten, dass die Kaninchen in ihren kleinen Ställen verängstigt wirkten, sich weder aufrichten noch mit ihren Füßen Mutter Erde berühren konnten. Da die Schoschonen Tiere ehren, war dieser Zustand nicht akzeptabel für sie. Außerdem wollten sie kein Fleisch von unglücklichen Tieren essen, da ihnen das selbst auch nicht guttun würde.
Die Gemeinschaft überlegte, wie das Los der Kaninchen verbessert werden konnte. Das Problem ist, dass die Langohren buddeln. Also zäunten Malas Leute eine enorme Fläche mit Maschendraht ein, der tief in den Wüstenboden eingegraben werden musste. Das dürfte eine ziemliche Plackerei gewesen sein, aber das Wohl der Kaninchen ging vor, und eines Tages kam der feierliche Augenblick, in dem sie aus ihren Käfigen befreit wurden.
Juhuuu! Oder doch nicht? Ihre menschlichen Besitzer hatten erwartet, dass die Kaninchen sogleich vergnügt umherhopsen würden. Aber dem war nicht so. Sie schienen eher ratlos zu sein, was sie von der Sache halten sollten. Die Kaninchen waren verunsichert und blieben in der Nähe ihrer Käfige, nach denen sie sich ängstlich umsahen. Das ging etwa eine Viertelstunde so.
Dann begannen plötzlich einige von ihnen, derart heftig miteinander zu kämpfen, dass ihre Besitzer sie einfangen mussten. Und siehe da: Alle Raufbolde waren Männchen. Na klar, wie hatten sie das vergessen können! In der Natur will ein männliches Kaninchen ein Territorium mit mehreren Weibchen besetzen. Das beantwortete die Frage, welche Kaninchen sie zukünftig essen würden. Nämlich die männlichen, während die Weibchen der Fortpflanzung dienen durften. Ein paar unverzichtbare Männer blieben in großen Käfigen innerhalb des Geheges, aus denen sie zu ihrem Vergnügen nacheinander herausgelassen wurden. Das war das beste Leben, das sie ihnen bieten konnten.
So weit, so gut. Endlich hopsten die Kaninchen friedlich auf Mutter Erde herum. Allerdings unternahmen sie keine Anstalten, schützende Baue zu graben, so dass ihre menschlichen Freunde sich sorgten, wie die Kaninchen wohl über den strengen Winter zu kommen gedachten. Aber nach etwa einer Woche kam doch ein Pionier auf die Idee, mal probeweise mit den Vorderpfoten in der Erde zu scharren. Das schien gar nicht so übel zu sein. Andere machten es nach, worauf eine allgemeine Begeisterung für das Graben ausbrach. Eben war Buddeln noch ein Gerücht, jetzt das Tollste überhaupt! Malas Leute beobachteten das mit Freude, die erst ein wenig gedämpft wurde, als sie sich die Bauwerke mal genauer ansahen. Denn die Kaninchen hatten lediglich senkrechte Löcher ausgehoben, aus denen sie ihre Kontrolleure mit großen Augen anblickten. Die Lektion kam mit einem Platzregen. Im Nu liefen die Gruben voll, so dass die eingeweichten Kaninchen aus ihnen fliehen mussten und sichtlich missvergnügt im Regen standen.
Die Menschen runzelten ihre Stirn: »Wie zum Teufel sollen wir denen beibringen, wie man ein korrektes Kaninchenloch gräbt?« Sie kamen zu dem Schluss, dass die Tiere das selbst herausfinden müssen. Und tatsächlich, das taten sie! Im nächsten Schritt gruben die Kaninchen horizontale Gänge, die von den senkrechten Löchern abzweigten. Schließlich buddelten sie gleich einen schrägen Gang bis zu einer tiefen Stelle hinab, wo sich das Wasser sammeln und versickern konnte. Von dort führten sie den Gang wieder etwas hinauf – genauso, wie ihre wilden Kollegen das machen.
Die Gemeinschaft war stolz auf ihre Kaninchen. Die strotzten vor Lebensfreude, hatten viel Nachwuchs und alles schien zu laufen, als wäre es so vorgesehen. Bis nach ein paar Monaten jemand sagte: »Mhm. Ich glaube, es werden weniger.« Sie kontrollierten die Zäune, ob Kaninchen hinaus oder Kojoten herein können, doch sie fanden nichts. Bald war allerdings nicht mehr zu übersehen, dass es tatsächlich weniger Tiere wurden. Deshalb stellten sie nachts Wachen ab, die beobachten sollten, was vor sich ging. Ein paar Nächte lang geschah nichts. Aber dann sahen die Wächter, wie eine große Eule auf dem Zaun des Geheges landete, zu der sich kurz darauf noch ein halbes Dutzend weitere gesellten. Die erste Eule startete, griff sich ein Kaninchen und flog mit ihm davon. Die anderen Kaninchen bekamen das durchaus mit – da sie jedoch keine Erfahrung mit Beutegreifern hatten, schauten sie verdutzt zu, wie eine Eule nach der anderen sich bediente und mit einem ihrer Kollegen in der Nacht verschwand.
Als die Wächter das berichteten, war die Gemeinschaft schockiert. Was sollten sie tun? Eine Überdachung des ganzen Geheges wäre zu aufwendig und teuer gewesen. Die Eulen zu töten, kam nicht in Frage. Denn sie selbst boten den gefiederten Jägern einen Präsentierteller an, und die taten nur das, was für sie natürlich ist. Jede Nacht Wache zu schieben, war auf lange Sicht auch nicht praktikabel. Wieder kamen sie zu dem Schluss, eigentlich nichts für ihre Kaninchen tun zu können – außer zu hoffen, dass ihre Schützlinge selbst lernten, bevor sie alle weg waren.
Die Wächter blieben bei Nacht auf ihrem Posten, um Bericht zu erstatten. Sie wurden Zeugen, wie sich das Schauspiel wiederholte: Die Kaninchen sahen die Eulen, ließen sich aber unbekümmert von ihnen ausfliegen. Doch nachdem ihr Volk von 120 Artgenossen auf die Hälfte geschrumpft war, kam die entscheidende Nacht. Einem Kaninchen schien klarzuwerden, dass die Schreie der davonfliegenden Freunde etwas Unerwünschtes bedeuteten, nämlich Schmerz. Das Kaninchen bekam Angst und flitzte in seinen Bau. Die anderen folgten dem Beispiel allmählich, so dass dieses Mal nur noch drei Kaninchen geschnappt wurden. Und siehe da, in der folgenden Nacht flohen alle sofort in ihren Bau, als die Eulen auf dem Zaun landeten – womit die Langohren ihre wichtigste Lektion als Wildkaninchen gelernt hatten. Bravo!
Von nun an lief im Gehege alles glatt, und die Gemeinschaft atmete auf. Vermutlich waren die Menschen nicht zuletzt deswegen so erleichtert, weil ihnen längst etwas bewusst geworden war: die Lernschritte der Kaninchen hatten sie so intensiv beschäftigt, weil die befreiten Tiere ein Spiegel ihrer selbst waren. Denn auch sie, die Menschen, waren ja in die Wüste hinausgezogen, um wieder näher mit der Erde zu leben. Ihre menschlichen Artgenossen in den Häusern der Städte kamen ihnen jetzt wie die Kaninchen in ihren Käfigen vor. Und sie sagten sich: »Wenn die Kaninchen in der Lage sind, wieder zu ihren natürlichen Instinkten zurückzufinden, indem sie in der Natur ihre Lernschritte machen – dann können wir Menschen das auch!«
Na, was mag in dir vorgegangen sein, während du ins Feuer geschaut und der Geschichte zugehört hast? Sind das nicht blendende Aussichten? Die aufregende Frage lautet jetzt natürlich, worin der Pfad des befreiten Stallkaninchens für zivilisierte Menschen bestehen könnte. Ich möchte dir etwas anvertrauen: Der Beantwortung dieser Frage habe ich mein gesamtes Leben gewidmet. Ich erkunde Pfade, die uns in eine Freundschaft mit der Natur führen, auch unserer eigenen. Die wirksamsten Pfade habe ich nun in diesem Buch gebündelt. Wenn du dich in der Natur zu Hause fühlen möchtest, brauchst du lediglich regelmäßig hinauszugehen und dich von diesem Leitfaden hier an die Hand nehmen zu lassen. Es ist mir eine Ehre, dir das Buch heute zu überreichen – bitte schön, es gehört dir!
Du wirkst verblüfft. Lass mich deine Sprachlosigkeit nutzen, um dir ein wenig von diesem Buch zu erzählen. Ich möchte offenlegen, welchen Ursprung die Pfade haben, die ich beschreibe. Dabei wirst du nebenbei meinen persönlichen Werdegang kennenlernen. Pass auf, das Buch speist sich aus den folgenden Quellen.
1. Naturphilosophie: Als junger Mann habe ich Philosophie an der Universität Tübingen studiert. Ich war auf der Suche nach einer Weltsicht, die das Verwobensein von Mensch und Natur begreift. Darüber denke ich immer noch gerne nach, was du diesem Buch anmerken wirst. Glücklicherweise fand ich jedoch gegen Ende meines Studiums heraus, wonach ich eigentlich suchte – nämlich nach einer Verbindung mit der Natur, die sich nicht in erster Linie dadurch einstellt, dass ich über sie nachdenke.
2. Naturerfahrung: Aufgrund dieser Erkenntnis begann ich damit, mich selbst auszuwildern. Eines der ersten Kaninchenexperimente, das ich mit mir selbst anstellte, fand auf Korsika statt. Dort zog ich mich in einen verwunschenen Urwald zurück, wo ich vierzehn Tage lang lebte, ohne einer Menschenseele zu begegnen. Was ich mir davon erhoffte, geschah tatsächlich. Ich dachte weniger nach, kam ins Spüren, und meine Instinkte erwachten. Ich lernte intuitiv, wie ein schützender Lagerplatz eingerichtet werden muss, wo ich Wasser schöpfen darf und wo besser nicht. Vor großen Eulen musste ich mich zwar nicht hüten. Aber ich beobachtete mich dabei, dass ich unwillkürlich vermied, immer wieder auf der naheliegendsten Route von meiner Wasserstelle ins Lager zu laufen. Warum musste ich diese Umwege machen? Und dabei möglichst über Steine laufen, auf denen keine auffälligen Spuren zurückbleiben? Offenbar wollte ich meinen Lagerplatz nicht durch einen ausgetretenen Pfad verraten, obwohl mir das niemand empfohlen hatte. Oder eine eben doch. Dank solcher Erfahrungen betrachte ich die Natur bis heute als meine wichtigste Lehrerin.
3. Naturvölker: Gegenüber den Kaninchen sind wir Menschen im Vorteil. Wir können nicht nur von unseren natürlichen Instinkten lernen, sondern ebenso von der Tradition. Kultur kann eine Bürde sein, je nach Zuschnitt aber auch eine kraftvolle Unterstützung. Meine Freundschaft mit der Natur kam erst so richtig in Schwung, als ich in den Erfahrungsraum von »Naturvölkern« eintrat. Die Benennung ist unter Ethnologen übrigens verpönt. Ich verwende sie hier in der annähernd gleichen Bedeutung wie »indigene Völker«, wobei ich zusätzlich zum Ausdruck bringen möchte, dass deren Kulturen eng mit der Natur verbunden sind. Es handelt sich um eine kultivierte Naturverbundenheit im wörtlichen Sinne, was für uns Heutige äußerst lehrreich ist. Das Erbe dieser Völker dankbar anzutreten, empfiehlt sich aus mehreren Gründen. Zum einen sind ihre kulturellen Werkzeuge darauf ausgerichtet, Einvernehmen und Gleichgewicht mit der Erde herzustellen. Gleichzeitig ist ihr Wissen in hohem Maße praktikabel, da es im täglichen Leben funktionieren musste. Außerdem scheint mir für moderne Menschen besonders hilfreich zu sein, dass die Kompetenzen von Naturvölkern sich im Zusammenspiel mit der natürlichen Ausstattung von uns Menschen entwickelt haben. Ihr Können und die Fülle, mit der wir ursprünglich wahrnehmen, fühlen, ahnen und denken, sind aneinander angepasst. Diese Verknüpfung hat eine spannende Konsequenz. Denn wenn wir heute in den Erfahrungsschatz und die Themen von Naturvölkern eintauchen, wird der Umfang unserer Anlagen wieder wachgerufen, mit denen wir uns auf die Welt beziehen können. Verschüttete Kanäle öffnen sich, über die wir uns ganzheitlich mit der Natur verbinden, nicht nur theoretisch. Ich hatte das Glück, wunderbaren Lehrern zu begegnen, die mich bei diesem Prozess begleitet haben. Sie stammen entweder aus indigenen Kulturen oder haben in solchen gelernt. Zu diesen Lehrern gehören Tom Brown, Jon Young und Meredith Little in den USA, der Schamane Angaangaq aus Grönland sowie Wolfgang Peham, Wolf-Dieter Storl und Ralph Müller in Deutschland. Am lustigsten jedoch war das Lernen bei den Buschleuten in der Kalahari, den Penan auf Borneo und den Nomaden in der Mongolei.
4. Naturschule: Die kulturellen Werkzeuge von Naturvölkern sind mächtig. Teilweise sind sie uns Zivilisierten aber erst einmal fremd. Deshalb wollte ich herausbekommen, was bei heutigen Naturlehrlingen am besten zündet, die sich am Anfang ihres Pfades befinden. Dafür habe ich mir ein optimales Labor eingerichtet. Im Jahre 2000 gründete ich die Naturschule WILDNISWANDERN, die ich bis heute leite. Das bot mir Gelegenheit, »Kaninchenexperimente« mit zahllosen Schülern durchzuführen. Auf Touren, Seminaren, Kinderfreizeiten, der Ausbildung von Naturpädagogen und Naturreiseleitern kristallisierte sich das Entscheidende heraus. Sowohl, welche praktischen Fertigkeiten, Wahrnehmungsübungen und Naturthemen besonders fruchtbar sind, als auch, wie diese Werkzeuge weitergegeben werden sollten, damit wir gerne lernen. Nebenbei durfte ich die gesamte Bandbreite an Erfahrungen beobachten, die gegenwärtige Schüler auf dem Pfad zur Naturfreundschaft machen. Das war äußerst wertvoll für dieses Buch.
Ich fasse zusammen: Meine wichtigsten Inspirationsquellen sind die Natur, meine Lehrer und Schüler. Danke schön, vor allem ihr habt dieses Buch ermöglicht!
Hatte ich nicht vorgeschlagen, dass wir den Geschichten der Sterne lauschen? Die haben sich ja als ganz schön redselig erwiesen. Derweil ist es dunkel geworden, und du sitzt immer noch hier am Feuer. Damit hast du nicht nur den Pfad des Touristen verlassen, sondern zugleich dein eigenes Kaninchenexperiment begonnen. Lass uns noch ein wenig Holz nachlegen.
Um dich bei Dunkelheit nicht zu verirren, brauchst du Orientierung. Ich möchte dir erklären, wie die Pfade in diesem Buch verlaufen. Sie sind nicht geradlinig angeordnet wie die Rückegassen, die forstwirtschaftliche Erntemaschinen im Wald hinterlassen. Sie entsprechen nicht den modernen, linearen Denkgewohnheiten. Bei Naturvölkern habe ich mir angewöhnt, in Kreisläufen zu denken. Bei genauer längerer Beobachtung verläuft in der Natur alles so. Im Beobachten sind Naturvölker gut, so dass sich in verschiedenen Erdteilen das gleiche Symbol herausgebildet hat, mit dem sich sämtliche Prozesse des Lebens verstehen lassen. Es ist unter einer Reihe von Namen bekannt. Aus der nordamerikanischen Tradition stammt die Bezeichnung »Medizinrad«, während keltisch inspirierte Europäer von den »Jahreskreisfesten« sprechen. Beides meint im Prinzip das Gleiche. Außerdem ist der Begriff »Lebensrad« gebräuchlich, den ich überwiegend verwenden werde.
Das Lebensrad gibt eine Orientierung in Raum und Zeit. Den vier Himmelsrichtungen werden unter anderem die Phasen des Tages und des Jahres zugeordnet. Der Osten steht für Sonnenaufgang und Frühling, der Süden für Mittag und Sommer, der Westen für Sonnenuntergang und Herbst, der Norden für Nacht und Winter. Dabei fällt auf, dass der Sonnenaufgang ähnliche Eigenschaften hat wie der Frühling, weshalb der Osten im allgemeinen Anfänge symbolisiert. Auch die anderen Richtungen besitzen Eigenschaften, die für sie typisch sind. Deswegen lassen sich alle möglichen Phänomene im Universum, die diesen typischen Eigenschaften entsprechen, auf die vier Richtungen verteilen. Etwa die vier Wachstumsstadien einer Pflanze, die vier Lebensphasen eines Menschen oder die vier Elemente. In den Kapiteln Ost-, Süd-, West- und Nordkraft wirst du eigene Erfahrungen mit diesen Zuordnungen sammeln.
Was das Lebensrad ist, kannst du erst richtig verstehen, wenn du mehrere Räder bewusst durchlaufen hast. Das wird geschehen, während du im Buch voranschreitest. Im Augenblick sollte dir nur klar sein, dass solche Räder diesem Buch zugrunde liegen. Der äußeren Form nach zum Beispiel das folgende:
Innerhalb vom Rad des Buches verläuft im Süden ein weiteres Rad, nämlich das des Jahres. Hier handelt es sich um den Hauptteil des Leitfadens, in dem ich dich einlade, einen Jahreskreis in der Natur zu erleben. Eine Betonung liegt dabei auf dem Naturerlebnis. So schön es hoffentlich sein mag, dieses Buch auf dem Sofa oder wo auch immer zu lesen – es möchte dich zu einer einjährigen Entdeckungsreise ermutigen, die draußen in der Natur stattfindet.
Der Reiseplan wird von den vier Jahreszeiten vorgegeben. Im Frühling begrüßen dich acht Pfade beziehungsweise Themen, um dich in die Natur hineinzuführen. Im anschließenden Sommer, Herbst und Winter begleiten dich jeweils weitere acht. Die Themenpfade sind so ausgewählt, dass sie unmittelbar zur Jahreszeit oder der ihr entsprechenden Richtung im Lebensrad passen. Falls du nachschauen möchtest, welche Themen auf die verschiedenen Jahreszeiten entfallen, so findest du einen Überblick am Anfang eines jeden Quartals. Die dazugehörigen Seitenzahlen im Buch kannst du dem dargestellten Rad des Jahres entnehmen.
Grundsätzlich ist es möglich, einzelne Themen anzusteuern, die dich besonders interessieren. Allerdings entfaltet dieser Leitfaden seine intensivste Wirkung, wenn du im Frühling beginnst und dann weiter durch das Jahresrad wanderst. Denn zum einen bauen die Kapitel teilweise aufeinander auf. Außerdem wirst du, dem Rad folgend, die Themen der Natur in ihrem ureigenen Prozess erfahren. Das hilft dir, dich wieder mit natürlichen Kreisläufen zu verbinden und das Wesen der Natur zu verstehen.
Doch welche Zeiträume sind mit den vier Jahreszeiten eigentlich gemeint? Wir Heutigen haben uns an die Einteilung des modernen Kalenders gewöhnt, laut der die Jahreszeiten mit den Sonnenwenden und den Tagundnachtgleichen beginnen. Das entspricht aber nicht dem, was in der Natur geschieht. Dort sind die besagten Wenden und Gleichen nicht der Anfang eines Wandels, sondern der jeweilige Höhepunkt. In den keltischen Ausdrücken Mittsommer und Mittwinter, welche die beiden Sonnenwenden bezeichnen, kam das noch zum Vorschein. Da dieser Leitfaden gleich unseren Vorfahren der Naturbewegung folgt, teile ich das Jahr der Abbildung entsprechend ein.
Die Entdeckungsreise, auf der dich das Buch begleiten möchte, erkundet nicht nur die Natur, sondern auch unsere Zugänge zu ihr. Deshalb liegt unterhalb der Jahreszeiten das Rad der Tore, von dem du ebenfalls eine Abbildung vorfindest. Dort unterscheide ich vier Ebenen im Menschen: Geist, Körper, Seele und Verstand. Die verschiedenen Ebenen lassen sich noch weiter teilen, wie das Achtelrad zeigt. Wenn du die mittleren Felder dieses Rades lange genug betrachtest, wird dir etwas Erstaunliches auffallen – deren Inhalte sind nicht bloß nebeneinander, nach dem Vorbild eines Setzkastens angeordnet, sondern gehen sonnenläufig auseinander hervor. Und zwar sowohl evolutionär, in Hinblick auf ihre Entstehungsgeschichte in der Natur, als auch entwicklungspsychologisch, was das Heranreifen von uns Menschen bis zum Erwachsenen betrifft.
Wichtig für das Verständnis des Buches ist, dass die vier Ebenen im Menschen jeweils ein Tor öffnen, durch das wir mit der Welt in Beziehung stehen. Aus diesen Öffnungen entspringen die vier Bereiche, in denen wir uns mit der Natur verbinden können: der Geist gebiert die Naturspiritualität, der Körper das Naturhandwerk, die Seele die Naturwahrnehmung und der Verstand das Naturwissen.
Offensichtlich zeichnet das Rad der Tore ein ganzheitliches Bild vom Menschen. Allerdings haben wir Modernen uns besonders auf den Verstand konzentriert und die übrigen Zugänge vernachlässigt. Aufgrund dieser Überbetonung des Nordens eiert das Rad momentan. Wenn wir mit uns selbst und der Natur wieder ins Gleichgewicht kommen möchten, müssen wir alle Zugänge gleichermaßen fördern. Deshalb ist dieser Leitfaden so aufgebaut, dass du die Natur in jeder Jahreszeit auf allen vier Ebenen erlebst. Um das sicherzustellen, ordnet das Rad der Tore die Themenauswahl in den Quartalen. Das bedeutet: In jeder Jahreszeit gibt es jeweils zwei Themenpfade, auf denen du die Natur mit deinem Geist erahnst, deinem Körper bearbeitest, deiner Seele erspürst und deinem Verstand begreifst. In jedem Quartal also zwei Pfade zur Naturspiritualität, zwei zum Naturhandwerk, zwei zur Naturwahrnehmung und zwei zum Naturwissen.
Idealerweise verläuft deine Entdeckungsreise durch die Natur in diesen vier Bereichen. Es kann aber gute Gründe geben, den Jahreskreis nur auf einzelnen Ebenen zu erleben. Falls du zum Beispiel gerade deine Sensibilität besonders fördern möchtest, kannst du nur im Bereich der Naturwahrnehmung durchs Jahr wandern. Oder wenn deine Absicht vor allem in Erdung besteht, nur im Naturhandwerk. Damit die dazugehörigen Routen erkennbar werden, bilde ich die Themenräder der vier Bereiche im Anschluss an meine einleitenden Worte auf S. 25ff ab.
Mittlerweile ist deutlich geworden, dass dieses Buch aus Rädern besteht, die ineinandergreifen. Unter dem Rad der Tore, welches für eine ausgewogene Themenauswahl sorgt, wirkt noch das grundlegende Rad des Lernens. Dieses gestaltet den Pfad durch ein Thema, das sich jeweils in einem Kapitel befindet. Denn Lernen hat sich als besonders wirkungsvoll erwiesen, wenn wir nacheinander die Phasen im abgebildeten Rad durchschreiten. Das haben die Naturvölker in ihrer alltäglichen Lebenspraxis intuitiv herausgefunden. Sie haben einen Wissenserwerb entwickelt, der auf Neugierde, eigenem Erkunden sowie dem Austausch von Erfahrungen beruht. Meinen Lehrern Tom Brown und Jon Young ist es zu verdanken, das dahinterliegende Rad sichtbar gemacht zu haben, so dass wir es heute bewusst verwenden können. Hierzu hatte ich in den Kursen meiner Naturschule reichlich Gelegenheit, wobei sich das Rad auf beeindruckende Weise bewährt hat. Lass uns die einzelnen Phasen, wie ich sie für diesen Leitfaden zugeschnitten habe, kurz durchgehen.
Osten, erwachende Inspiration: Wirksames Lernen beginnt mit Neugierde, welche die erforderliche Bereitschaft und Motivation zur Verfügung stellt. Ein altes Mittel, um Neugierde für ein Thema zu schüren, ist das Erzählen einer inspirierenden Geschichte, die deshalb am Anfang eines jeden Kapitels steht. Die vorgetragenen Geschichten habe ich selbst erlebt. Denn als Naturmentor kann ich nur Themen weitergeben, mit denen ich eigene Erfahrungen besitze, und diese bilden hier jeweils meinen Ausgangspunkt.
Süden, aufmerksame Praxis: Nachdem ich dein Interesse hoffentlich geweckt habe, richte ich es auf eine Übung in der Natur aus. Dabei bekommst du gerade so viele Hintergründe an die Hand, dass du zu einem forschenden Erleben aufbrechen kannst. Du darfst gespannt sein, welche persönlichen Erkenntnisse und Erfahrungen sich einstellen, mit denen du dir das Thema zu eigen machst.
Westen, geteilte Erfahrung: Anschließend ermögliche ich dir, deine Perspektive noch um die von anderen Menschen zu erweitern. Denn es folgen Erfahrungsberichte von Kursteilnehmern zum entsprechenden Thema. Hierbei handelt es sich nicht um eine wortgetreue Dokumentation, sondern um die literarische Verdichtung und teilweise Verknüpfung von tatsächlichen Rückmeldungen. Manchmal sind wohl auch eigene Erfahrungen mit eingeflossen. Es ging mir vor allem darum, die typischen Beobachtungen, Einsichten, Gefühle, Schwierigkeiten und Lösungswege beim Erleben eines Themas herauszustellen. Die angegebenen Vornamen sind überwiegend fiktiv.
Norden, geronnenes Wissen: Zu guter Letzt schöpfe ich das Wissen ab, das in den Erfahrungsberichten enthalten ist. In einer Reflexion sammle, sortiere und schärfe ich es, damit es für unseren Verstand eine begreifbare Gestalt annimmt. Außerdem ergänze ich weitere Hintergründe, durch die sich das Erfahrene noch besser verstehen lässt. Zuweilen tritt eine tiefere Weisheit in den Rückmeldungen erst dadurch hervor. Bei alledem erwerben wir schließlich ein Wissen um das Thema, das von persönlichen Erfahrungen gesättigt ist.
Vermutlich werden dir die Phasen des Lernrades noch mehr einleuchten, wenn du sie in den einzelnen Kapiteln durchläufst. Jedenfalls hoffe ich, dass dir das Wort »Lernen« nicht den Appetit darauf verdorben hat. Verbindest du mit diesem Wort unangenehme Erinnerungen? Das dürfte auf Frustrationen in der Schule zurückgehen. Dort wird Wissen in der Regel frontal vermittelt, ohne Durchschreiten der vorherigen Phasen im Rad. Deshalb ist das Schulwissen oft langweilig, unpraktisch und unpersönlich. Sogar die Hirnforschung bestätigt mittlerweile, dass durch theoretischen Unterricht kaum etwas im Oberstübchen hängen bleibt. Kein Wunder, denn dieses Vorgehen passt nun einmal nicht zu unserer natürlichen Ausstattung. Mit dem Rad des Lernens möchte ich deswegen ein alternatives Modell für den Wissenserwerb vorschlagen und einüben. Es hat den Vorzug, das gesamte Wesen des Menschen anzusprechen, nicht bloß ein Viertel davon. Sobald du das Rad des Lernens neben das Rad der Tore legst, wirst du eine enge Verwandtschaft zwischen den beiden erkennen. Denn auch im Lernrad werden eine begeisternde, eine praktische, eine sensible und eine mentale Ebene berücksichtigt. Dank dieser Vollständigkeit läuft das Rad rund, und was eben noch »Lernen« hieß, ist plötzlich mit Freude verbunden. Uns fällt gar nicht mehr auf, dass wir lernen, sondern wir sind einfach als Menschen da.
Darin besteht meine schnörkellose Einladung: als Mensch in der Natur zu sein. Was dabei herauskommen soll? Eine Verbindung zur Natur mit deinem gesamten Wesen. Ja, durch diesen einfachen Trick wirst du tiefes Wissen aus dem Hut zaubern. Und ein fröhliches Kaninchen, das in Freundschaft mit der Natur lebt.
Mensch, gerade eben hatten wir doch noch Holz nachgelegt. Schon ist es wieder heruntergebrannt, und nur der Mond erhellt noch die Nacht. Danke für deine Gesellschaft! Ich mache mich jetzt auf die Hufe, um ins Dorf zu spazieren. Dort werde ich morgen früh im Büro der Naturschule erwartet. Aber am Abend, nach der Arbeit, sitze ich wieder barfuß an dieser Feuerstelle. Du weißt, wo du mich findest!
Was wirst du jetzt tun? Wo immer es dich hinziehen mag – du kannst sogleich aufbrechen, ein Einheimischer zu werden…
Herzlich willkommen zum ersten Frühlingskapitel, in dem ich dir zunächst einen neuen Freund vorstelle. Es sollte mich nicht wundern, wenn du ihn im Nachhinein als beeindruckendste Erfahrung betrachten wirst, zu der dich dieses Buch ermutigt hat. Ich nenne diesen Freund und Lehrer fortan deinen »Sitzplatz«.
Finde einen Ort in der Natur, an dem du dich wohlfühlst. Besuche diesen Platz regelmäßig und freunde dich mit ihm an. Nimm mit deinem ganzen Wesen wahr, was dort vor sich geht. Lerne den Platz zu allen Tageszeiten, zu allen Jahreszeiten und bei allen Wetterlagen kennen, so dass du mit der Zeit erfährst, wie Pflanzen, Tiere und Mineralien dort zusammenleben. Wie sie dir immer vertrauter werden, so vertraut, dass der Platz sogar mit dir zu sprechen beginnt. Vielleicht vermag die folgende Geschichte auszudrücken, was ich mit alledem meine. Und warum ich den Sitzplatz ausgewählt habe, um den Bereich der Naturspiritualität zu eröffnen.
An meinem eigenen Platz sind mir besonders die Vögel ans Herz gewachsen. Es dauerte nicht lange, bis ich sie mit Vornamen kannte. Unter ihnen war ein Amselmännchen, das seltsamerweise eine weiße Feder im schwarzen Kleid trug. Ich beobachtete die Amsel häufig dabei, wie sie im Laub nach Futter zu suchen pflegte. Wieder und wieder warf sie etwas Laub auf, indem sie zuckende Schnabel- und Flügelbewegungen vollführte. Offensichtlich, um kleine Bodenbewohner zu verspeisen, die dadurch zum Vorschein kommen. Bei dieser Beschäftigung vergaß die Amsel aber nie, sich zwischendurch mal aufzurichten und ihre Umgebung wahrzunehmen, damit sie beim Futtern nicht plötzlich selbst von einem Fuchs gefuttert wird.
Nachdem ich meinen Sitzplatz etwa ein Jahr lang besucht hatte, fiel mir an einem milden Februartag etwas auf. Die Amsel mit der weißen Feder suchte mit größerer Ausdauer nach Nahrung, als ich es von ihr gewohnt war. Eine entschlossene Stunde lang wirbelte sie immer wieder Laub auf, wobei sie sich langsam vorwärtsbewegte und eine schmale Schneise am Boden hinterließ, die am Ende stolze vier Meter maß. Außerdem bemerkte ich, dass sie seltener als sonst ihren Kopf aus dem Laub emporstreckte, um die Sicherheitslage zu prüfen.
Während ich die Amsel studierte, kam noch ein Trupp Schwanzmeisen vorbei. Ich kannte den Trupp von Spaziergängen, die ich rund um meinen Platz unternahm. Beim Sitzen waren mir die langschwänzigen Flauschbälle jedoch nie so nah gekommen wie heute. Ich hörte schon von weitem, wie sie sich mit ihren schnarrenden Kontaktrufen unterhielten und allmählich auf mich zu kamen. Bis sich die Schwanzmeisen, nur zwei Armlängen von mir entfernt, für Minuten in einem Busch aufhielten, um einige Happen von den Zweigen zu lesen. Ich freute mich sehr über ihre Nähe und bestaunte zugleich die Unbekümmertheit, die sie mir gegenüber an den Tag legten. In ihrem Verhalten gab es keine Anzeichen für eine Beunruhigung.
Schließlich waren sowohl die »Langschwänze« als auch »Weiße Feder« wieder verschwunden. Ich blieb noch eine Weile in der Wahrnehmung des Ortes. Irgendwann, während ich hierüber ganz still geworden war, bekam ich einen überraschenden Gedanken ins Bewusstsein eingespielt, als wäre er aus der Tiefe aufgestiegen wie eine Luftblase aus dem Meer: »Es wird schneien.« Ich wunderte mich, schenkte dem Gedanken aber weiter keine Beachtung und ging nach Hause, nachdem mir am Nachmittag kalt geworden war.
Am nächsten Morgen ging ich nachdenklich zu meinem Platz. Es war nicht zu übersehen, dass es in der Nacht geschneit hatte. Der Waldboden war vollständig mit Schnee bedeckt. Auch musste ich nicht lange sitzen, um zu spüren, wie deutlich sich die Stimmung gewandelt hatte. Heute war es unerhört still, und kaum ein Tier regte sich. Schlagartig war ich mir sicher: Die Vögel hatten gestern schon gewusst, dass es schneien wird. Sie hatten vorausgesehen, dass sich die Bedingungen für die Nahrungsaufnahme verschlechtern würden. Deshalb waren sie gestern geschäftiger gewesen und haben ihr Sicherheitsbedürfnis abgesenkt, Nahrung war einfach wichtig. Ich hatte die Veränderungen im Muster des Ortes wahrgenommen, auch wenn ich zunächst nicht wusste, was sie bedeuten. Aber der Platz hatte es mir ins Ohr geflüstert!
Ich war berührt von der Verbundenheit, die ich erlebt hatte. Und ein bisschen unheimlich war mir auch.
Bist du neugierig geworden? Verspürst du Lust, dir selbst so einen Platz zu suchen? Hattest du schon einen im Sinn, als du die vorangegangenen Seiten gelesen hast? Vielleicht ist es genau dieser. Es könnte ein stattlicher, vertrauenserweckender Baum sein. Eine heimliche Lichtung oder ein verwunschener Teich. Schlendere durch die Natur und warte auf den Augenblick, dass dich ein lauschiges Plätzchen anspricht. Es sollte sich so anfühlen, als würdest du eingeladen werden. Ich gebe dir hier noch weitere Hinweise mit auf den Weg, die dir helfen sollen, deinen Platz auszuwählen.
Vielfältigkeit: Schön wäre es, wenn die Natur dort möglichst abwechslungsreich ist. Wenn sie sowohl Deckung als auch offene Bereiche anbietet, vielleicht Wasser und ein paar Sträucher mit Beeren. Interessant sind die Übergangsbereiche von unterschiedlichen Landschaftstypen, zum Beispiel Waldränder oder Ufer. Hier erwartet dich eine hohe Artenvielfalt, und Tiere sind besonders aktiv.
Erreichbarkeit: Das wichtigste ist jedoch, dass du schnell zu deinem Platz gelangen kannst. Angenommen, du müsstest erst eine halbe Stunde lang im Auto sitzen, um bei deinem Traumplatz einzutreffen. Dann wirst du das wahrscheinlich nicht regelmäßig tun und folglich nicht viel davon haben. Idealerweise brauchst du nur etwa 5 bis 15 Minuten, bis du zu Fuß oder mit dem Fahrrad da bist. Im Zweifelsfall kann sich der Platz direkt in deinem Garten befinden, sogar auf dem Balkon, in einem Stadtpark oder im versteckten Winkel einer verwildernden Brachfläche. Du wirst staunen, wie viele Tiere es in der Stadt gibt! Eventuell musst du mehrere Orte durchprobieren, um herauszufinden, was für dich funktioniert.
Stimmigkeit: Maßgeblich bleibt dabei, dass du dich wohlfühlst. Dein Platz sollte Ruhe und Geborgenheit ausstrahlen. Du solltest dort sitzen können, ohne häufig gestört zu werden.
Sobald du mit einem Platz übereingekommen bist, kann es richtig losgehen. Besuche ihn, so oft du kannst und es dir gefällt, ob das nun einmal am Tag, in der Woche oder im Monat bedeutet. Je öfter du freilich hingehst, um so inniger wird die Verbindung werden. Freundschaften möchten gepflegt werden. In warmen und kalten Jahreszeiten, bei Sonnenschein und Regen, am helllichten Tag oder wenn es dunkelt.
Du triffst dich mit deinem Platz unter vier Augen, gehst also allein hin. Lass auch dein Smartphone, Bücher oder Chips zurück. Diese Dinge sind nicht übel, doch kannst du dich ihrer auch anderenorts erfreuen. Am Sitzplatz stehen sie der Erfahrung im Wege, um die es geht. Entscheidend ist, dass du dort zur Ruhe kommst, dass du mit deinem Herzen dabei bist, aus den Ablenkungen des modernen Lebens aussteigst und wirklich an diesem Platz ankommst.
Nutze schon den Hinweg, um den Staub deines Alltags abzulegen und dich der Natur zu öffnen. Dann setze dich. Richte dich bequem genug ein, dass du dich entspannen kannst. Wahrscheinlich ist es förderlich, wenn du dich irgendwo anlehnst und warm genug bekleidet bist. Vielen hilft es, jede Sitzung mit einer kleinen Meditation zu beginnen. Du könntest eine bis zwei Minuten auf deinen Atem achten, deine Aufmerksamkeit durch alle Regionen deines Körpers wandern lassen, um dich im Hier und Jetzt zu verankern. Natürlich kannst du auch eigene Meditationen verwenden, die dir ohnehin schon vertraut sind. Oder all jene, welche ich noch im Verlaufe dieses Buches vorstellen werde, zum Beispiel in den Kapiteln »Ostkraft«, »Eulenblick« und »Sinnesübungen«.
Nachdem du dich eingestimmt hast, gibt es am Platz nichts weiter zu tun, als wahrzunehmen. Vielleicht 20 Minuten bis eine Stunde lang. Ist das nicht eine schöne Aufgabe? Einfach nur da zu sein? Und noch dazu in der Natur?
Zu guter Letzt möchte ich dir empfehlen, deine Erfahrungen in einem Notizbuch festzuhalten. Nicht während der Sitzung, weil das ablenken würde, sondern danach. Im beschreibenden Zurückschauen sinkt noch tiefer in dich ein, was dir am Platz wirklich wichtig war. Außerdem entsteht durch deine Aufzeichnungen allmählich ein persönliches Nachschlagewerk. Du kannst zum Beispiel nachschauen, ob die Schwalben diesmal in der gleichen Woche zurückgekehrt sind wie in den Vorjahren. Oder du entdeckst beim Stöbern alte, vergessene Geschichten wieder. So ist es mir nach langer Zeit mit »Weiße Feder« gegangen, die den Schnee vorausgespürt hat.
Am besten findest du ein Plätzchen in deiner Behausung, wo das Naturtagebuch stets griffbereit liegt, um ein paar Einträge zu machen. Beginne jeweils mit Datum, Uhrzeit und womöglich einem Hinweis zum Wetter. Wenn dein Naturtagebuch ein praktisches Format hat, kannst du es auch regelmäßig mit rausnehmen, nicht nur zum Sitzplatz. Das lädt dazu ein, unterwegs Skizzen von spannenden Pflanzen, Tierspuren oder Vögeln anzufertigen, die du daheim bestimmen möchtest. Fange dabei so viele Details wie möglich ein! In späteren Kapiteln erwarten dich hierzu noch gezielte Übungen, die deine Wahrnehmung schärfen. Dann brauchst du dein Naturtagebuch draußen, worauf ich zu gegebener Zeit extra hinweise.
»Ich hatte meinen Platz schon ein paar Mal besucht, als plötzlich ein Reh daherkam. Es schien verblüfft, mich hier anzutreffen – und bellte, dass es mir nur so in die Glieder fuhr! Was, Rehe bellen?! Nun war ich ebenso verblüfft. Ich kann ein Universitätsdiplom in Biologie vorweisen und hatte das nicht gewusst. So sind die Lehren, welche der Sitzplatz beschert, aber er wirft auch viele Fragen auf. In den ersten Monaten hörte ich manchmal einen lauten, durchdringenden Ruf. War es ein Hühnervogel? Oder doch ein Säugetier? Ich wollte das wissen! Musste aber ein halbes Jahr sitzen, bis die Antwort angeflogen kam. Nicht weit von mir heftete sich ein Schwarzspecht an einen Baumstamm, worauf er genau diesen Ruf von sich gab. Dieses Wissen wird für immer bleiben. Es ist durch keine Lektüre ersetzbar.« (Lukas, 32 Jahre)
»Wenn ich links hinter mir Schritte im Dickicht höre, dann weiß ich, von wem sie sind. Es ist der Fuchs, den ich gut kenne. Ich wende meinen Kopf ruhig, aber bestimmt in die Richtung der Geräusche, wie eine Eule. Aha, dort wippt ein Zweig. Die Art der Bewegung verrät mir, ob eben noch ein Vogel darauf saß, der vor dem Fuchs geflohen ist, oder ob bloß eine Brise durchging. Wird der Wind Regen bringen? Ich sehe es im Verhalten der Insekten, die Vögel rufen es mir zu und ich spüre es in meinem Körper. Der Sitzplatz ist ein kleines Wunder.« (Margrith, 40 Jahre)
»Am Anfang wollte ich mich für keinen Platz entscheiden. Das Sitzen machte mich wuschig, manchmal langweilte es mich auch. Dann stand ich auf, lief im Wald umher und probierte einen anderen Platz aus. Schließlich gab es aber doch einen, zu dem es mich immer wieder zog. Mit der Zeit schlug ich dort Wurzeln, und heute ist er wie ein zweites Zuhause, ein Zuhause in der Natur. Wenn ich an meinem Platz eintreffe, komme ich gleichzeitig bei mir selbst an. In kürzester Zeit begegne ich einem friedlichen Teil in mir, der mit dem Frieden in der Natur zusammenklingt. Der Sitzplatz ist ein Rückzugsort, an dem ich Raum für mich habe, runterkomme und auftanke.« (Bärbel, 51 Jahre)
Warum soll ich mich nicht bewegen? Und warum soll ich mich auf einen Platz beschränken? Das sind wichtige Fragen, die regelmäßig aufkommen. Sie betreffen zwei Wesenszüge des Sitzplatzes, die bereits der Name offenbart: »Sitz!« und »Platz!«
Heutzutage fällt es vielen Menschen schwer, sich still auf den Hosenboden zu setzen. So manchem flößt es sogar Angst ein. Was nicht verwundert, da wir uns an die Hektik der modernen Lebensweise gewöhnt haben. Aber wo die Herausforderungen sind, da warten auch die Schätze. Mit der Zeit hilft gerade das Sitzen dabei, auch innerlich ruhig und aufmerksam zu werden. Wenn wir gehen, sind wir teilweise mit der Bewegung selbst beschäftigt. Die Bilder ziehen vorüber, und wir tauchen in keines tiefer ein, um allmähliche Veränderungen oder andere Feinheiten wahrzunehmen.
Aber warum immer wieder derselbe Ort? Damit wir ihn persönlich kennenlernen. Damit wir dort immer wieder denselben Individuen begegnen. Es ist genau diese Buche, an die ich mich in allen Jahreszeiten anlehne und deren Verwandlungen ich erlebe. Was sehe ich von dort? Zum Beispiel einen Amselmann mit einer weißen Feder. Er fiel mir zum ersten Mal auf, als er mit einem anderen Mann um eine Frau kämpfte. Später verfolgte ich, wie er mit ihr ein Nest baute und Jungen aufzog. Ich durfte erleben, dass sie mich nach einer Weile akzeptierten und sich nicht mehr an meiner Gegenwart störten, wobei die Verbindung mit ihnen bei jeder Begegnung stärker wurde. Eines Tages höre ich aus der Nähe ihres Nestes ein wildes Gezeter. Ich gehe näher heran und sehe, wie meine Vogeleltern einen Eichelhäher anschreien, der sich langsam auf ihr Nest zubewegt. Ich bin empört! Ich spüre die Angst und den Ärger der Eltern in meinem eigenen Körper, so dass ich den Häher vertreibe. Warum eigentlich, habe ich mich danach gefragt. Warum sind mir die Jungen der Amseln wichtiger als die des Hähers, für die er möglicherweise Nahrung gesucht hat? Ganz einfach. Weil ich mit den Amseln befreundet bin.
Ist es unter Menschen nicht genauso? Werden wir echte Freundschaften erleben, wenn wir laufend andere Leute treffen? Um tiefe Beziehungen zu knüpfen, müssen wir uns immer wieder auf dieselben Wesen einlassen. Der Schlüssel zur Freundschaft ist unser Einfühlungsvermögen, auch Empathie genannt. Wo wiederholte Einfühlung geschieht, da entsteht Verbundenheit. Unsere Erfahrungen mit Haustieren zeigen, dass dies nicht auf menschliche Beziehungen beschränkt ist. In späteren Kapiteln, besonders im Bereich »Naturwahrnehmung«, werden wir noch genauer erkunden, wie Empathie der Natur gegenüber funktioniert.
Im Zusammenhang mit dem Sitzplatz sind Entwicklungspsychologen gerade einem interessanten Phänomen auf der Spur, welches die bisherigen Gedanken betrifft: Kürzlich ist ihnen aufgefallen, dass Kinder sich intuitiv einen Ort in der Natur suchen, an den sie sich regelmäßig zurückziehen, zum Beispiel in einem Winkel des Gartens. Dieser Ort ist nicht allzu weit von den Eltern entfernt – gerade weit genug jedoch, um nicht gesehen zu werden. Dort tauchen die Kinder in eine Phantasiewelt ein und verbinden sich auf spielerische Weise mit Naturwesen. Allein wohlgemerkt, es ist ihr erster Sitzplatz. Warum tun sie das? Aus dem gleichen Grund, weshalb Kinder Haustiere, generell Tiere so sehr lieben. Für ihre gesunde Entwicklung sind vertraute Beziehungen zur natürlichen Welt ebenso wichtig wie zu anderen Menschen. Als ich davon hörte, ist mir aufgefallen, dass ich als Kind selbst so einen Platz hatte. Er befand sich auf dem naturnahen Gelände meines Kindergartens, da ich seinerzeit mit meiner Familie in einer Hochhaussiedlung wohnte. Wo war dein Sitzplatz in der Kindheit?
Ich möchte diesen Faden noch weiterspinnen: Wenn wir eine vertrauensvolle Beziehung mit unseren Eltern erlebt haben, fällt es uns später leichter, Verbindungen mit anderen Menschen einzugehen. Mit dem Sitzplatz ist das ähnlich. Auch er ist ein Lernfeld für Beziehungen. Wenn wir uns auf einen Naturplatz intensiv eingelassen haben, ganz gleich, ob als Kind oder Erwachsener, fällt es uns danach leichter, uns mit der Natur insgesamt zu verbinden. Wir werden uns dann an allen natürlichen Plätzen der Erde schneller zu Hause fühlen.
Was wir an unserem Sitzplatz lernen, ist auf alle Naturplätze übertragbar. Das gilt nicht nur für die Fähigkeit, in Beziehung zu gehen. Es trifft auf unsere grundlegenden Erfahrungen an diesem Platz überhaupt zu. Indem wir immer wieder an der gleichen Stelle sitzen, formt sich in unserem Inneren ein großes Bild dieses Ortes. Mit der Zeit begreifen wir, wie das Netz des Lebens hier gesponnen ist. Die formgebenden Prinzipien der Natur werden spürbar, die hinter allen einzelnen Veränderungen wirksam sind. Das Volk der Mohawk nennt diese Muster den »Geist, der sich in allen Dingen regt«. Im Grunde ist dieser Geist an allen Orten der Erde gleich. Wir werden ihn überall wiedererkennen, sein Flüstern allenorts hören – obwohl wir ursprünglich einen bestimmten Platz kennengelernt haben.
Ja, der Sitzplatz ist ein kleines Wunder…
Im Jahr 2000 wanderte ich allein durch die Berge der korsischen Castagniccia. Eines Abends rollte ich meinen Schlafsack in einem knorrigen Buchenwald aus, der sich am Fuß eines stattlichen Gipfels befand. Es war das Haupt des ehrwürdigen Monte San Petrone, welches ich am kommenden Morgen besteigen wollte. Vielleicht schlief ich deshalb unruhig, jedenfalls wurde ich viel zu früh – wie mir schien – hellwach und beschloss, den Aufstieg mitten in der Nacht anzutreten. Mit einer Stirnlampe hielt ich mich auf dem schmalen, zuletzt felsigen Pfad, was ein kleines Abenteuer für sich war.
Oben, auf dem Podest des Berges, begrüßte mich ein funkelnder Sternenhimmel. Er war so atemberaubend, dass die hindurchstreifenden Sternschnuppen eigentlich nicht nötig gewesen wären. Ein paar von ihnen berührten ein erstes Dämmern in der Ferne, das etwa anderthalb Stunden vor Sonnenaufgang zu erahnen war. Ganz, ganz langsam erhellte und rötete sich der Horizont. Frühe Vögel waren zu hören, irgendwo bellte ein Fuchs. Ich dachte nicht nach, sondern staunte hemmungslos.
Dann, kurz vor Erscheinen der Sonne, wurde es noch einmal auffallend ruhig. Die ganze Natur schien stillzustehen, innezuhalten vor Erwartung. Ich badete in der unbestimmten Stimmung, die spürbar ist, kurz bevor etwas geboren wird. Also nicht während, kurz davor. Ich genoss die Spanne, in der das Werdende noch wird, im Formlosen noch nicht entschieden ist. Meinetwegen hätte dieser Zustand ewig andauern dürfen. In diesem Augenblick schien es mir genug, einfach in den Schlund des Werdens hineinzulauschen.
Doch die Sonne entschloss sich zum Aufgang. Ich sah, wie sie im Osten als roter Feuerball aus dem Meer herausschlüpfte. Je mehr ihre Kraft zunahm, desto deutlicher traten die Konturen der Landschaft hervor. Ich musste mich wieder und wieder drehen, um die Aussicht erfassen zu können. Gen Süden wanderte mein Blick die Küste bis zum Monte Incudine entlang, den ich vor Wochen besucht hatte. Im Westen ruhte er auf dem imposanten Hauptgebirgszug der Insel, wo sich der Petrone jetzt mit einem unwirklich großen Schatten abzeichnete. Im Norden reichte er bis zum Cap Corse, doch was war das im Nordosten? Nun wurde mir klar, dass ich sogar die weißen Marmorberge von Carrara sehen konnte, also italienisches Festland. In alle Richtungen fiel der Blick so unfassbar weit, während der mächtige Berg unter meinen Füßen mich dem Himmel darbot.
Plötzlich durchfuhr mich eine entgrenzende Begeisterung, ein Rausch, in dem ich mich eins mit der ganzen Natur, dem Kosmos wusste. Ich sprudelte vor Kraft wie die steigende Sonne, so dass ich die Arme emporstreckte und ihr zujubelte!
Eine Woche später war ich wieder in Deutschland. Sogleich begann ich damit, eine Idee in die Tat umzusetzen, mit der ich schon eine ganze Weile schwanger gegangen war: Ich gründete die »Naturschule Wildniswandern«. Im darauffolgenden Jahr leitete ich die erste Veranstaltung – »Wildniswandern auf Korsika« mit fünf mutigen Teilnehmern, die wie ich nach Freundschaft mit der Natur suchten.
Das Logo von »Wildniswandern« seit der Gründung im Jahr 2000
Wenn du immer weiter Richtung Norden ziehst, wirst du dort irgendwann ankommen. Du wirst am Nordpol stehen und sagen: »Geschafft, hier ist der Norden!« Mit dem Süden geht das genauso. Aber wie steht es mit dem Osten? An ihm würdest du scheitern, du würdest ihn nie erreichen. Eigentlich gibt es den Osten gar nicht. Andererseits gibt es ihn doch, und ich beschreibe nun, wie du ihn erkunden kannst – oder zumindest das, was den Osten ausmacht. Er ist ein bisschen geheimnisvoll.
Gehe vor Sonnenaufgang zu deinem Sitzplatz, um ihn zu erleben, während er sich im Osten befindet. Optimal wäre ein klarer, wolkenloser Morgen. Doch muss es nicht dein Sitzplatz sein, vielleicht hast du bislang noch gar keinen. Eine erhöhte Warte käme gut, zum Beispiel auf einem Hügel oder sonst einem Plätzchen, von dem aus du die Stelle am Horizont sehen kannst, wo die Sonne aufgehen wird.
Eine Stunde bevor sie die Bühne betritt, solltest du bereits Platz genommen haben. Nun empfehle ich dir, die »Meditation der vier Räume« durchzuführen, für welche du weiter unten eine genaue Anleitung findest. In dieser Meditation rufst du nacheinander vier Räume wach, die in uns Menschen bestehen. Du schließt die Augen und betrittst als erstes den Raum deines Körpers, zu dem du wahrscheinlich einen relativ schnellen Zugang haben wirst. Hier kommst du bereits ins Spüren, so dass der Übergang in den Raum deiner Gefühle leichter fällt. Von dort begibst du dich in den Raum deiner Gedanken, wobei du womöglich beobachten kannst, wie diese von deinen Gefühlen hervorgebracht werden. Lass dich nicht von den Gedanken einwickeln, sondern beobachte sie als Zeuge. Durch diese Zeugenschaft lässt ihre Kraft bald nach, worauf du müheloser in den Raum der Stille oder Leere gelangst. Dies ist ein innerer Ort des Friedens, der Inspiration und Glückseligkeit, in dem du gerne verweilen wirst.
Du brauchst die folgende Anleitung nicht auswendig zu lernen, sollst sie dir beim Meditieren auch nicht durchlesen. Wichtig ist nur, dass du die vier Räume in der beschriebenen Reihenfolge mit deiner Aufmerksamkeit durchwandelst. In jedem hältst du dich etwa fünf Minuten auf. Anschließend öffnest du deine Augen, bleibst aber im Raum der Stille, um in ihm den Sonnenaufgang und die Stimmung in der Natur zu erfahren.
Nach der Show darfst du noch eine Weile umherstreifen, wobei du auf alles Frühlingshafte achtgibst. Entdecke eine blutjunge Pflanze und lasse sie auf dich wirken. Wie mutet sie an? In welchem biologischen Stadium befindet sie sich gerade? Beobachte auch Tiere, soweit dir das gelingt. Was ist bei ihnen gerade los? Was fällt bei den Vögeln auf, wenn du ihr Verhalten mit dem in anderen Jahreszeiten vergleichst? Ist der Nachwuchs der Säugetiere schon geboren? Regen sich die Insekten wieder? In welcher Wandlungsphase befindet sich die Natur, welche Themen sind spürbar? Und wenn du dein eigenes Menschenleben in vier Abschnitte einteilen würdest – welcher Lebensabschnitt entspräche dem Frühling? Welches Thema hat diese Phase?
So lauten meine Vorschläge für einen Ausflug, der in den Osten führt. Du wirst deine Freude haben und beste Chancen, der Kraft des Ostens bewusst zu begegnen. Beschreibe deine Erfahrungen zu guter Letzt in deinem Naturtagebuch.
Schließe jetzt bitte die Augen. Nimm wahr, wie du im großen Ozean der Luft dasitzt und atmest. Wie dein Atem ein- und wieder ausströmt, ein und wieder aus.
Dein Atem führt dich in den Raum deines Körpers hinein. Wie spürst du deinen Körper in diesem Augenblick? Bemerke die festen Strukturen in dir, das Knochengerüst, welches dir Halt und Sicherheit verleiht. Sowie die weichen Bereiche dazwischen, in denen es fließt, wo Bewegung und Entfaltung stattfindet. Gibt es in deinem Körper gerade eine Stelle, die dich ruft und dir etwas mitteilen möchte? Sei dir bewusst, dass in deinem Körper ein ständiger Austausch zwischen Organen und Zellen vor sich geht. Ein Fluss an Informationen, in dem ein tiefes Wissen, eine alte Weisheit liegt. Und nun finde eine Form, deinem Körper »Danke« zu sagen. Danke dafür, dass er in einem stetigen Dienst für dich ist, der dir sinnliche Erfahrungen auf der Erde ermöglicht.
Löse deine Aufmerksamkeit jetzt vom Körper und wende dich dem Raum deiner Gefühle zu. Wie nimmst du deine Gefühle in diesem Augenblick wahr? Dein Sehnen, deine Angst, deine Freude und deine Traurigkeit? Lausche auch den leisen Zwischentönen, die in deiner momentanen Stimmung anklingen. Gibt es ein Gefühl, welches im Vordergrund steht und dir etwas sagen möchte? Sei dir bewusst, dass Gefühle deine Bedürfnisse zeigen. Deine Beziehungen zur Welt gestalten, dich in Einklang mit anderen Menschen, sogar dem großen Ganzen führen können. Und dann finde auch hier eine Form, dich bei deinen Gefühlen zu bedanken. Dafür, dass sie deine Verbindungen mit der Welt und mit dir selbst bereichern.
Wende deine Aufmerksamkeit jetzt wieder von deinen Gefühlen ab und richte sie auf den Raum deiner Gedanken. Wie sind deine Gedanken in diesem Augenblick unterwegs? Nimm sie zur Kenntnis, ohne dich in die Geschichten, die sie dir erzählen, hineinziehen zu lassen – als Zeuge. Sind deine Gedanken eher quirlig oder träge? Sind sie eng, indem sie unaufhörlich um die gleichen Themen kreisen, oder schöpferisch, angefüllt mit frischen Impulsen? Gibt es da einen Gedanken, der dich besonders beschäftigt und dir etwas verdeutlichen möchte? Sei dir bewusst, dass du mit deinen Gedanken die Welt begreifst, dein Leben ausrichtest und ihm Sinn verleihst. Und jetzt finde auch hier eine Form, deine Gedanken wertzuschätzen. Mit einem Dank dafür, dass sie dir Klarheit schenken.
Dieses Rad leitet sich vom »Achtelrad der Tore« ab, das du zum Vergleich auf S. 21 findest.
Lasse nun jede Ausrichtung los. Fühle dich eingeladen, nichts zu tun. Dich atmen zu lassen, während du in der Leere badest, der Stille. Wie ein Samenkorn, das im Mutterboden lange überwintert hat – das ruht und auf kommendes Licht wartet. Wie erlebst du dich in diesem Augenblick? In diesem Raum der Stille, in dem nichts ist und gleichzeitig alles zusammen. Finde auch hier eine Form, dich bei der Leere zu bedanken. Aus der alles hervorgeht und in die alles zurückkehrt.
Öffne deine Augen jetzt wieder.
»Die Vögel machten den Anfang. Es war noch dunkel, als sie vereinzelt, leise und irgendwie verdruckst zu piepsen begannen. Vielleicht wachen sie genauso verpeilt auf wie viele Menschen? Ich empfand es als vertrauliche Angelegenheit, das miterleben zu dürfen, und war dankbar dafür. Kam kurz darauf schon das erste Licht? Mir war so, aber es musste noch eine Viertelstunde lang zunehmen, bis ich mir sicher war. Diese Gewissheit löste ein Gefühl der Hoffnung und stille Freude in mir aus. Je heller es wurde, desto mehr dehnten sich diese Gefühle in meinem Oberkörper aus. Den Vögeln schien es auch so zu gehen, denn nun sangen sie aus voller Brust, wovon die Sonne sich eingeladen fühlte. Sie erschien dermaßen feierlich, dass ihre ersten Strahlen einen ganzen Kranz von Gefühlen in mir auslösten. Da war Ehrfurcht, Sehnsucht, innerer Frieden und Inspiration. Was für ein herrliches Lebensgefühl! Ich wünschte mir, es in meinem Alltag jederzeit abrufen zu können, wenn ich es brauche. Vielleicht müsste ich den Sonnenaufgang dafür jeden Morgen erleben? Wahrscheinlich könnte ich mir im Gegenzug alle Entspannungstechniken und sonstigen Workshops sparen!« (Diana, 43 Jahre)
»Es war nicht schwer, ein junges Pflänzchen zu finden. Ein paar blühten schon, aber alles in allem ist jetzt die Zeit, in der die Pflanzen sprießen, die Erdkruste durchbrechen und in ihrem jungfräulichen Grün erscheinen. Es war eine zierliche Wicke, die meine Aufmerksamkeit auf sich zog. Sie berührte mich sehr, weil sie lebendige Frische und Verletzlichkeit zugleich ausstrahlte. Sie war so feingliedrig, zudem von einem zarten Flaum aus weißen Härchen überzogen. Den gleichen Flaum, die gleiche ›Grünkraft‹ habe ich später bei Baumblättern wahrgenommen, die gerade aus der Knospe geschlüpft sind. ›Und allem Anfang wohnt ein Zauber inne‹, kam mir von Hermann Hesse in den Sinn. Auch die Kinder der Säugetiere haben doch diesen Zauber, den Flaum der Unschuld. Alle Wesen, die noch grün hinter den Ohren sind, kommen mir wie ein Versprechen vor, dass sich das Leben wieder und wieder erneuern wird.« (Chris, 36 Jahre)
Die Richtungen hängen mit dem Sonnenstand zusammen. Osten ist bekanntlich dort, wo die Sonne aufgeht. Deshalb können wir dem Osten ohne weiteres eine Tageszeit zuordnen, nämlich den Morgen. Aber wie verhält es sich mit den Jahreszeiten? Auf Kursen habe ich vielen Menschen die Frage gestellt, welche Jahreszeit nach ihrem Empfinden dem Morgen entspricht. Alle sind sich einig, es ist der Frühling. Wie kommt diese bemerkenswerte Einhelligkeit zustande? Es muss etwas geben, was dem Morgen und dem Frühling gleichermaßen innewohnt. Dieses Gemeinsame ist die Kraft des Ostens. Eben war es noch dunkel, jetzt wird es licht. Gerade fröstelten wir noch, nun wird es wieder wärmer. Durch die Kraft des Ostens erwacht sowohl der Tag als auch das Jahr zu neuem Leben. Der Osten steht deshalb für Anfänge, Erneuerung, auch Reinigung, da alles wieder in seiner ursprünglichen Frische erstrahlt.
Im Frühling fällt die Verjüngung besonders bei den Pflanzen auf. Chris hatte die frische Grünkraft der Sprösslinge ja so wundervoll beschrieben. Der Schnee ist geschmolzen, und durch das zunehmende Sonnenlicht werden die Pflanzenwesen ermutigt, zu keimen und die Erdoberfläche zu durchstoßen. Deshalb bedeutet der Osten auch »Aufbruch«. Das entsprechende Symbol aus der Tierwelt ist das Ei, mit dem wir zu Ostern – dieses Wort bitte mal ohne »r« lesen – weiterhin die Fruchtbarkeit der Natur feiern. Das Ei versinnbildlicht das neue Leben, welches aus dem Formlosen in die Welt hervorbricht. Passenderweise beginnen die Vögel im Frühling ja zu brüten. Aber auch Hummeln schlüpfen wieder in die Welt hinaus, und der Laich des Grasfrosches entwickelt sich zu Kaulquappen. In den weiblichen Säugetieren reifen die befruchteten Eier heran, so dass kleine Osterhasen und Fuchswelpen aus der Gebärmutter flutschen können. Folglich gehört die Geburt ebenso in den Osten. Dieses Wunder wird von der Bärin symbolisiert, die im Frühling mit ihren Kleinen die Höhle, den gebärenden Schoß von Mutter Erde verlässt. In dieser Beobachtung hat das Wort »ge-bär-en« seinen Ursprung. Was die Sprache aufbewahrt hat, können wir hierzulande leider nicht mehr erleben. Immerhin jedoch etwas Ähnliches, da die Dachse im Frühling ihre Winterruhe beenden und wieder zu regelmäßigen Streifzügen aus ihren Bauen kommen. Alles strebt erneut ans Licht.
Wann befinden wir Menschen uns im Frühling unserer Lebensreise? Unmittelbar nachdem wir das Licht der Welt erblickt haben. Unser Osten ist die Zeit des Säuglings und Kleinkindes. Wir erleben vieles zum ersten Mal, brechen in eine unbekannte Welt auf, die wir mit Neugierde, Spielwitz und Begeisterung erforschen. Dabei entdecken wir unkonventionelle Lösungen und Fragen, welche die Erwachsenen in Erstaunen versetzen. Doch wie verrückt wir uns auch gebärden, wir genießen »Welpenschutz«. Eben weil wir noch nicht über die Lebenserfahrung von Erwachsenen verfügen, sind wir in den Flaum der Unschuld gehüllt, wodurch wir die Welt mit unbefangenen Augen betrachten können.
Die Kreativität, welche hieraus entspringt, wurde von alten Völkern so geschätzt, dass sie einen festen Platz im kulturellen Raum bekam. In nordamerikanischen Traditionen, etwa bei den Lakota und Algonkin, gab es den heiligen Clown, der alles genau andersherum macht, als wir es gewohnt sind. In Europa wird diese Rolle vom Harlekin eingenommen, der mit seinen Tollheiten ebenfalls Narrenfreiheit besitzt. Beide Figuren zeichnet die Fähigkeit aus, eingeschliffene Regeln auszublenden und das Leben in jedem Augenblick neu zu erfinden. Sie ahmen die kindliche, sorglose Kreativität nach, in der eine starke Ostkraft wirkt.
