Friedelind Wagner - Eva Rieger - E-Book

Friedelind Wagner E-Book

Eva Rieger

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Beschreibung

Sie galt als »das schwarze Schaf der Familie«, doch unbeirrt ging Friedelind Wagner ihren eigenen Weg: Eva Rieger schreibt die erste Biografie der Enkelin Richard Wagners, die sich als Einzige des Bayreuther Clans zum Widerstand entschloss – gegen ihre Familie und gegen das Nazi-Regime. Sie emigrierte nach England und opferte so ihren Lebenstraum, an der begehrten Festspielleitung mitzuwirken. Selbst nach dem Krieg bekam die »Verräterin« noch den Zorn und die Feindseligkeit ihrer Familie zu spüren.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2012

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»Eine diffus sich ausbreitende Familienhydra, eine eigensüchtige, erbedünklige, zinkennasige, kinnlastige Masse. Ein Atridenclan, in dem Väter die Söhne kastrieren und Mütter sie liebend erdrücken, in dem Mütter ihre Töchter verstoßen und Töchter ihre Mütter verketzern, in dem Brüder einander auf die Füße treten und Brüder gegen Schwestern aufstehen wie Schwestern gegen Brüder …«1

NIKE WAGNER

Vollständige E-Book-Ausgabe der im Piper Verlag erschienenen Buchausgabe

2. Auflage 2012

ISBN 978-3-492-95868-4

Deutschsprachige Ausgabe:

© 2012 Piper Verlag GmbH, München

Umschlaggestaltung: Büro Jorge Schmidt, München

Umschlagfoto: akg­images/picture­alliance

Datenkonvertierung E-Book: Kösel, Krugzell

Einleitung

Strahlend blaue Augen, grellrot geschminkte Lippen, blondiertes Haar und auffällige Stoffe – nicht alle mochten sie auf Anhieb, als die amerikanische Staatsbürgerin Friedelind Wagner nach Jahren der Emigration 1953 wieder deutschen Boden betrat und in Bayreuth die Festspiele besuchte, die ihr berühmter Großvater 1876 gegründet hatte. Die Urenkelin Franz Liszts, Enkelin von Cosima und Richard Wagner sowie Tochter von Winifred und Siegfried Wagner war eine starke Persönlichkeit, die viel redete – manchen zu viel. Ihre Argumente waren laut und feurig, oft undiplomatisch bis hin zur Taktlosigkeit. Dennoch ging etwas von ihr aus, das Menschen faszinierte. Es war nicht nur die auffällige physiognomische Ählichkeit mit ihrem Großvater, dessen Werk zu den bedeutendsten Leistungen der Musikgeschichte zählt: Ihr scharfer Witz, ihre Gewandtheit und ihr Charme taten ihre Wirkung. Und doch hat kaum ein Mitglied der großen Wagner-Familie so viele Schmähungen und Unwahrheiten ertragen müssen wie Friedelind. Diese reichen von sprachlich abwertenden Umschreibungen (»Walküre des Jet-Zeitalters«) bis hin zu groben Drohbriefen. Sicherlich haben diese Angriffe mit ihrer häufig rebellischen Art und ihren zuweilen provokanten Aussagen zu tun, aber ebenso oft hängen sie mit ihrer Opposition gegen manches zusammen, was in Bayreuth hochgehalten und vertreten wurde. Sie stellte sich gegen ihre Mutter, gegen die Rehabilitierung ehemaliger Nazis im Nachkriegsdeutschland und gegen die Versuche ihres Bruders Wolfgang, der nachfolgenden Generation den Zugang zu Inszenierungen in Bayreuth zu versperren. Kein Wunder, dass sich das Bayreuther Establishment angegriffen und irritiert fühlte.

Mit dem Bau des Festspielhauses hoch über der Stadt, das ausschließlich seine Werke aufführen sollte, hatte sich Richard Wagner 1876 einen lange gehegten Traum erfüllt: ein eigenes Musiktheater zu besitzen, das genau nach seinen Plänen und Ideen gebaut wurde. Für dieses Theater hatte er den Ring des Nibelungen und Parsifal geschrieben. Er hatte ein Leben lang seine Mühe mit der Öffentlichkeit gehabt, sie aber andererseits ausgiebig genutzt, indem er für zahlreiche Zeitschriften schrieb und mit Leserbriefen, Gedichten oder anonymen Aufsätzen eingriff, wenn ihm etwas nicht passte. In der Folge hatte er auch hinnehmen müssen, dass mit seinem steigenden Bekanntheitsgrad allerlei Spekulationen (über seine Abstammung, seine Frauenbeziehungen, sein Verhältnis zu Ludwig II. und vieles mehr) ins Kraut schossen. Bis heute färbt dieses Verhältnis zur Öffentlichkeit auf seine Nachkommenschaft ab. Die Wagners sind zu »Ersatz-Royals der Deutschen« geworden, »denen man bei jeder Gelegenheit unter die Bettdecke schauen darf«1, zumal die Nachkommenschaft ihre Fehden stets in der Öffentlichkeit austrug. Bei Friedelind war es weniger ihr Privatleben, das die Medien interessierte, sondern eher ihr Abschied von Bayreuth und ihre kritische Sichtweise auf die Nachkriegsfestspiele.

Die Grundlage für die Kritik, die ihr entgegenbrandete, bildete ihre Autobiografie Nacht über Bayreuth. Es ist kaum verwunderlich, dass das Buch erst 1994 in Deutschland erschien, obwohl es schon ein halbes Jahrhundert früher in den USA herauskam und danach in mehrere Sprachen übersetzt wurde.2 Ihr Bruder Wolfgang Wagner, damals Leiter der Festspiele, wollte mit diesem Oppositionsgeist möglichst wenig zu tun haben. Nach dem Erscheinen gab es am Bücherstand vor dem Bayreuther Festspielhaus ein Versteckspiel: »›Doch, wir haben das Buch‹, sagt die Verkäuferin und greift unter den Tresen, ›aber machen Sie’s nicht so offensichtlich, der Wolfgang Wagner hat das nicht so gern.‹«3 Mutter Winifred behauptet in ihrem Filminterview mit Syberberg herablassend, dass Friedelind das Werk gar nicht selbst geschrieben habe, und Wolfgang nennt das Buch ein »subjektives und phantasievoll-fabulierfreudiges Werk«.4 Die Brüder sprachen von »Irrtümern, Geschmacklosigkeiten, Verleumdungen« und von »Niveaulosigkeit«.5 Ihr Ärger ist verständlich, denn während sie bis zuletzt dem »Führer« geglaubt hatten, hatte sich Friedelind längst von ihm losgesagt.

Selbstzeugnisse müssen bekanntlich nicht größeren dokumentarischen Wert oder mehr Wahrheitskraft besitzen als andere Berichte, und Friedelind hat oft überzeichnet. Dennoch gibt es keine Veranlassung, ihre Integrität anzuzweifeln. In ihrem Nachlass befinden sich Unterlagen, die zeigen, dass eine Verlagsmitarbeiterin die Kapitel lektoriert und in passableres Englisch gebracht hat. Auch die Parallelquellen, wie Briefe, denen man da, wo sie präzise Ereignisse umschreiben, Authentizität zubilligen kann, zeigen, dass Friedelind sich trotz mancher Ausschmückung weitgehend an die historische Wahrheit gehalten hat. Zudem macht ihre intime Nähe zu den NS-Größen, die in Bayreuth ein- und ausgingen, das Buch gerade angesichts des Schweigens ihrer Geschwister zu einem besonderen Dokument. Die Beschreibung ihres Lebens ist daher nicht nur als eine biografische Quelle anzusehen, sondern auch als Zeugnis der dunkelsten Epoche deutscher Geschichte.

Obgleich die zeitliche Distanz die Erinnerung hin und wieder verblassen ließ, ist Friedelind fast immer dort zuverlässig, wo sie sich auf eigene Erfahrungen stützt. Wenn sie sich auf Erzählungen verlässt, entstehen zuweilen Unschärfen oder Übertreibungen, wie bei einem finanziellen Eklat im Jahr 1938, den sie dem Bayreuther Finanzbeauftragten Knittel anlastete6, an dem in Wirklichkeit jedoch Winifred genauso schuld war. Das konnte sie nicht wissen, denn die Mutter hatte sie nicht eingeweiht. Entscheidend ist das Selbstverständnis Friedelinds, das sich im Geschriebenen manifestiert. In einem Punkt allerdings muss man sie schuldig sprechen: Sie gibt den Zeitpunkt ihrer Abwendung vom Nationalsozialismus zu früh an. Es war ein kontinuierlicher Lernprozess, der auch Zweifel einbezog, die aufgrund ihrer Herkunft nur zu verständlich sind, bis sie dann zur entschiedenen Gegnerin wurde.

Wie Jonathan Carr zu Recht schreibt, ist die Tatsache, dass sie »in Nachkriegsdeutschland regelmäßig als ›schwarzes Schaf‹ bezeichnet wurde, an Schäbigkeit kaum zu überbieten.«7 Das hat aber auch mit den ungeschriebenen Gesetzen der Beschreibung öffentlich bekannter Personen zu tun. »Tief eingegrabene mythische Strukturen bestimmen, wer unter den berühmten Toten als sympathisch und wer als unsympathisch zu gelten hat«, schreibt Janet Malcolm, die sich wie kaum eine andere mit den Fallstricken für Biografen befasst hat.8 Diese Gesetzmäßigkeiten führten dazu, dass Friedelind in der deutschen Presse oft als »Abtrünnige« galt, die von Nazigegnern »als Propagandaobjekt« benutzt wurde, die voller Komplexe war und mit ihrem Buch ein »Abreagieren von Minderwertigkeitskomplexen und vermeintlichem Zurückgesetztsein« zelebriert habe.9

Die Lebenswegmodelle von Männern und Frauen unterscheiden sich meist grundlegend. So erfahren Frauen häufiger Diskontinuitäten und Brüche, die ihr Leben prägen und ihm die Stetigkeit nehmen. Dies erschwert das Finden einer übergreifenden biografischen Leitlinie. Hinzu kommt, dass Frauen noch immer kritischer betrachtet werden als Männer. Diejenigen Frauen, die sich einen eigenen, selbstständigen Weg durch das Leben bahnten oder sich gegen gängige Strömungen stellten, haben es besonders schwer gehabt. Bei Friedelind kommt hinzu, dass sie sich gegen das herrschende Bayreuth stemmte. Zuweilen wurde ihr Entschluss, Deutschland zu verlassen, lediglich als Akt der inneren Rebellion gegen alles Herkömmliche interpretiert10, oder aber man deutete ihre Briefe aus der Emigration als »eine sanguinische Wirrköpfigkeit«11, wie dies ihre Schwägerin Gertrud tut. Es gibt aber auch das Gegenteil, nämlich die idealisierende Herausstellung Friedelinds, die – horribile dictu – »in verschiedene Zucht- und Besserungsanstalten« verfrachtet wurde, deren Persönlichkeit durch die Mutter und die Umstände angeblich »reduziert oder zerstört wurde« und die »Psychoterror, juristische Drohung und finanzielle Nötigung« erleiden musste, um das Erscheinen ihres zweiten Buches zu verhindern12 (das in Wirklichkeit nie geschrieben wurde).

Es bleibt die Frage, ob es sich lohnt, das Leben einer Frau zu dokumentieren, die sich auf berühmte Groß- und Urgroßeltern berufen kann, aber kein Theater leitete, keine überragende Leistung im Sinne einer historischen Großtat hinterließ. Die Stilisierung bedeutender Menschen zu Heroen ist aber gerade seitens der Geschlechterforschung oft und zu Recht kritisiert worden, weil sie die vielen Frauen ignoriert, die im Hintergrund agierten und dennoch Großartiges leisteten. Neuerdings interessiert man sich stärker für die sozial-, alltags- und kulturgeschichtlichen Anteile eines Lebens. Friedelinds weit vernetztes Kommunikationssystem, ihre Bekanntheit und die Freundschaften mit bedeutenden Künstlern und Künstlerinnen, ihre Förderung junger Hochtalentierter, ihr lebenslanger Kampf für bessere Opernaufführungen – das alles macht sie zu einer faszinierenden Person, deren Leben mit den politischen Umwälzungen und Ereignissen verschmolzen ist und dem nicht mit einem voyeuristischen Blick auf die »Skandalfamilie« Wagner Genüge getan ist. Dennoch sind die Kämpfe um die Leitung und Ausrichtung der Festspiele, um den Nachlass Siegfrieds und Winifreds und um die Nachfolgeordnung, die die weitverzweigte Familie immer wieder erschütterten, nicht auszuklammern; auch sie bilden einen Teil von Friedelinds Leben und Wirken.

Ihr umfangreicher Nachlass, der für die vorliegende Biografie zur Verfügung stand, ermöglicht einen ausführlichen Gang durch ihr Leben. Das Quellenkorpus umfasst Briefe, Zeitungsausschnitte, publizistische Gelegenheitsarbeiten, Vorträge, Skripte für ihr Buch, Überlegungen zu den Meisterklassen in Bayreuth und Stockton-on-Tees, Planungen für ihre Operntruppe, juristische und andere Auseinandersetzungen mit der Familie und zahlreiche Fotos: Alles wurde aufbewahrt. Sie war eine begeisterte Briefschreiberin, und einer ihrer Briefe umfasst – zugegeben in der äußerst großen Schrift, die ihr eigen war – sage und schreibe 34 Seiten. Zuweilen blieb sie bis morgens um drei Uhr am Schreibtisch.

Aus der Fülle dasjenige herauszufiltern, was sie maßgeblich prägte, war daher das Anliegen der vorliegenden Biografie. Dennoch bleiben bei der Rekonstruktion dieses Lebens empfindliche Lücken, sperrt es sich doch gegen gängige Kategorisierungen. So blieb sie einesteils innerlich mit den Festspielen fest verbunden, die ihre Kindheit und Jugend so sehr geprägt hatten; andernteils war sie die Außenseiterin, die nie einen wirklichen Zugang zum innersten Machtzentrum erhielt. Die Widersprüche in ihrem Charakter und in ihrem Leben waren menschlich, und sie sollen nicht verschwiegen werden. Aber wer trifft die Auswahl, und mit welcher Intention? Briefe hängen in Aussage und Duktus bekanntlich vom Adressaten ab, sie sind situativ, können kurz darauf überholt sein oder eine lebenslange Bedeutung besitzen. Ist es nicht spekulativ, sie als Informationsquelle zu nutzen? Ist nicht die Gefahr gegeben, dass man als Biografin in Friedelinds Haut schlüpft, ihre Abneigungen und Vorlieben übernimmt? Und versucht man als nachträglich Aufzeichnende nicht, das fremde Leben zu harmonisieren, einen »roten Faden« zu entdecken, ein Konglomerat verschiedenster Ereignisse einzuebnen, damit ein kohärentes Bild entsteht? Gibt es nicht auch den gegenteiligen Effekt, dass die Biografin etwa eine Entscheidung für falsch hält und alles betont, was die Kritik verstärkt?

Längst ist bekannt, dass historisches Material und mündliche Aussagen keinen direkten Zugang zur historischen Wirklichkeit liefern können und dass das, was sie aussagen oder berichten, konstruiert und gefiltert ist. In den Interviews mit Zeitgenossen Friedelinds gab es zuweilen widersprüchliche Aussagen.13 Es wäre daher vermessen, alle Quellen als gleichermaßen zuverlässig zu betrachten. So sehr sich die vorliegende Interpretation ihres Lebens auch um Wahrhaftigkeit bemüht, bewegt sie sich im Rahmen zwischen wissenschaftlich objektiver Wiedergabe und um reale Deutung bemühter Darstellung. Eine Legitimation sieht sie in der Überzeugung des bekannten Germanisten Peter von Matt, der versichert: »Geschichtsschreibung wird nie ganz ohne Erzählung auskommen.«14

Was Friedelind vor allem zu einer Person des allgemeinen Interesses macht, ist ihre direkte Verwandtschaft mit Richard Wagner, dessen Werk bis heute unendlich fasziniert. Es ist nicht nur der Klanggenuss, der den Komponisten bis heute unvermindert populär sein lässt, sondern es sind auch die Interpretationsmöglichkeiten in Wort, Ton und Ideologie, die Fans wie Gegner gleichermaßen beschäftigen. Das Festspielhaus und die Festspielidee, als Werk eines einzelnen Komponisten bislang ein beispielloses Unterfangen, tun ein Weiteres, um seine einmalige Stellung in der westlichen Musikkultur zu festigen. Das versenkte Orchester, das aus dem Nichts zu erklingen scheint, der Rückgriff auf die Mythologie in den Opernhandlungen, die mystisch-kultische Atmosphäre steigern das Erlebnis des Dabeiseins. Das internationale Medienecho auf den Nachfolgekampf in Bayreuth 2008 hat gezeigt, dass der Name Richard Wagner sich einen Rang im Kulturleben erobert hat, der in der Welt einzig dasteht.

Zugleich zeigte sich aber auch, dass die Mittel des Machtkampfs, der seit Winifreds Übernahme der Leitung einsetzte, sich eher vergröbert als verfeinert haben. Das hat Folgen für die Nachfahren. Friedelind ließ sich schon früh auf Wagners Musik ein, und diese blieb für ihr ganzes Leben richtungsweisend. Ob sie eigene Aufführungen plante, Meisterkurse organisierte, Vorträge hielt oder einzelne Musiker(innen) unterstützte: immer stand die Musik ihres Großvaters im Mittelpunkt, viel mehr als die ihres Urgroßvaters Franz Liszt oder ihres Vaters Siegfried Wagner. Sie nahm die Rolle als Enkelin Wagners an und machte die Beschäftigung mit seinem Leben und Werk zur Grundlage ihres Lebensunterhalts in den USA. Später widmete sie sich dann auch dem Werk ihres Vaters und förderte es nach Kräften. Die ideologische Unterordnung Bayreuths unter völkisch-rassistische Überzeugungen, die schließlich zu ihrem Abschied von dem Ort ihrer künstlerischen Träume führte, war daran schuld, dass sie ihren größten Wunsch nicht verwirklichen konnte, nämlich Opernregisseurin zu werden. Ihre Brüder sorgten nach dem Zweiten Weltkrieg dafür, dass sie keinen Fuß in die Leitungsebene setzen konnte. Dabei hat sie mit ihren Meisterklassen, die sie einige Jahre lang durchführen durfte und aus denen namhafte Theaterleute hervorgingen, bewiesen, wie sehr sie künstlerisches Potenzial zu erkennen und nachhaltig zu fördern vermochte.

Eine seltsame Überkreuzung zweier Schicksale gilt es noch zu vermerken. Als Friedelind am 30. Mai 1940 auf der britischen Insel Man interniert wurde, konnte sie nicht ahnen, dass am selben Tag die schwangere Mutter ihrer späteren Biografin dort eingewiesen wurde. Als Ehefrau eines 1930 eingewanderten deutschen Pastors wurde Johanna Rieger ebenso verhaftet wie sie. Man brachte sie in zwei nebeneinanderliegenden Hotels unter. Die Fotos der beiden Frauen, die bei der Einlieferung gemacht wurden, zeigen im Falle Friedelinds ein offenes, fast neugieriges Gesicht, im Falle meiner Mutter, die drei kleine Kinder zu versorgen hatte und ein viertes erwartete, einen Ausdruck der Angst. Friedelind wurde zwei Monate vor meiner Geburt nach London gebracht. Sie hat somit nicht in das Gesicht des Babys geschaut, das später auf Spurensuche gehen und über sie schreiben würde.

1

Ein »Riesen-Osterei«

Wo »Mausi« hineingeboren wurde

Vieles wäre anders verlaufen, wäre sie als Junge geboren worden. Mit ihrer dominanten Wesensart, ihrer Impulsivität und der musikalisch-künstlerischen Begabung stach Friedelind schon als Kind die Brüder aus, und als Junge wäre ihr das erst recht gelungen. Ihr Pech war, dass sie als Mädchen zur Welt kam. Schon Richard Wagner, ihr Großvater, sah den Sohn Siegfried als alleinige Gewähr für die Fortsetzung seines Werks, hatte doch dessen Geburt Glücksgefühle bislang ungeahnten Ausmaßes in ihm ausgelöst. Der männliche Nachwuchs erschien ihm nach den Töchtern Isolde und Eva wie eine Erlösung, und der Sohn wurde geradezu als Halbgott gefeiert. »O Heil dem Tag, der uns umleuchtet, Heil der Sonne, die uns bescheint!«, rief Cosima Wagner, die zweite Ehefrau des Komponisten, in Anlehnung an die Oper Siegfried aus. Richard wollte ein Haus für den Sohn bauen, der wie jeder Knabe eine wilde, wüste Jugendzeit durchleben sollte – ganz im Gegensatz zu dem, was die Schwestern vermittelt bekamen.1 Mit dem Siegfried-Idyll, das der stolze Vater für die Mutter komponierte und ihr am Weihnachtstag 1870 vorspielen ließ, wurde die Geburt des Sohnes musikgeschichtlich verewigt. Reisender, Militär, Hausbesitzer, Gelehrter – auf den Jungen häuften sich die Erwartungen, und die spätere Vorstellung von einer Wagner-Dynastie, die vom Vater auf den Sohn, möglichst den Erstgeborenen, weitergegeben werden sollte, prägte das Denken der nachfolgenden Generationen.

Friedelinds Vater Siegfried durchbrach diese Vorstellungen, als er seinerseits die Nachfolge für alle vier Kinder offenließ und Friedelinds Berichten zufolge sie sich durchaus als Erbin des Festspielhauses vorstellen konnte.2 Seltsamerweise waren es die Frauen – Cosima und nach ihr Winifred –, die an der männlichen Erbfolge unbeirrt festhielten. Sich selbst sahen sie als Witwen, die aus einer Notlage heraus die Weiterführung der Festspielleitung zwangsläufig übernehmen mussten. Während Cosima ihren Abgang mit Würde vollzog, hätte Winifred allerdings nach dem Zweiten Weltkrieg das Zepter gerne länger in der Hand behalten.

Als Richard Wagner 1883 in Venedig starb, übernahm Cosima provisorisch die Fortführung der Festspiele. Nachdem zwei Spielzeiten finanziell überstanden waren, war sie bereit, sie zu leiten. Die Skepsis der Kritiker war groß angesichts dessen, was sie sich zutraute, nämlich die organisatorische, finanzielle und künstlerische Verantwortung für eine bedeutende kulturelle Unternehmung, die nicht auf feste Zuschüsse rechnen konnte. Sie war beseelt von dem Wunsch, Richards Werk zu seinem Recht zu verhelfen, und dieser Wunsch trug sie über alle Klippen hinweg. Sie wollte sich nicht selbst verwirklichen, sondern im Dienste des Verstorbenen tätig sein. Die möglichst getreue Übernahme vieler Wagner’scher Maximen, die schwarze Witwenkleidung, der versteckte Sitz, die bei den Proben heruntergereichten Zettel mit Korrekturvorschlägen – dies alles verstärkte die Vorstellung von der Frau als Medium und Übermittlerin für den, der in Wahrheit das Sagen hatte.

Dennoch war sie weit kreativer, als gemeinhin angenommen wird. 1886 schuf sie selbst das Bühnenbild für die Inszenierung des Tristan, schrieb die Angaben für Beleuchtung und alle weiteren Details, wobei sie sich im Einklang wusste mit den beiden vorherigen Inszenierungen, die Wagner selbst beaufsichtigt hatte (München 1865 und Berlin 1876). Darüber hinaus befasste sie sich intensiv mit den Partituren und stellte Überlegungen zum Bühnenbild sowie zu der Art des Singens und der Darstellung an. 1884 schrieb der Dirigent Levi: »Dass die Vorstellungen dieses Jahres so vollendet waren, ist zum größten Teil dem tätigen Eingreifen von Frau Wagner zu danken.« Er habe in den wenigen Tagen unter ihrer Führung mehr gelernt als in 20 Jahren seiner Dirigierpraxis.3 Dafür waren die Finanzen in einem prekären Zustand, was sie aber mithilfe des befreundeten Bankiers Adolf von Groß überstand.

Nach der Aufführung des Parsifal 1888 stand fest, dass das Festspielhaus eine stabile Größe innerhalb Deutschlands geworden war, die nicht mehr zur Disposition stand. Cosima nahm sich 1891 den Tannhäuser vor und spürte alles auf, was auch nur entfernt mit dem Werk zu tun hatte. 1894 wurde auch Lohengrin aufgeführt und in der Presse gut kommentiert. 1901 folgte der Fliegende Holländer, und 1906 brachte Cosima eine veränderte Fassung ihrer Tristan-Inszenierung heraus. »Hinter dem Anspruch auf Authentizität wirkt ein entschiedener eigener Stil … Die Theatergeschichte kennt keine Frau, die organisatorisch und künstlerisch Vergleichbares vollbracht und einen nur annähernd großen Einfluß ausgeübt hätte.«4 In 23-jähriger harter Arbeit gelang es ihr, Bayreuth zu einem Weltereignis zu machen. Zehntausende Besucher aus dem In- und Ausland strömten in die Kleinstadt, um der Musik Wagners zu lauschen.

Gleichzeitig war der Bayreuther Kreis – eine Gruppe von nationalistisch gesinnten, antisemitisch und allgemein rassistisch eingestellten Personen – eifrig dabei, seine aggressive Ideologie in die Welt hinauszuposaunen. Cosima war überzeugte Antisemitin, und obwohl sie sich an der Arbeit des Bayreuther Kreises nur wenig beteiligte, ließ sie unwidersprochen, was verbreitet wurde. Wichtig war ihr allein der Ruhm ihres Ehemannes. Sie erhob die Festspiele zu einer Art religiösem Ereignis: Um Wagner wurde ein Kult getrieben, der ihn letztlich zu einer messiasähnlichen Gestalt machte. Die Aufführungen waren Weiheveranstaltungen, die – trotz der starken sinnlichen Wirkung von Wagners Musik – in einen Bereich der reinen, erbaulichen »Geistigkeit« führen sollten, was immer man darunter verstand. Die Bayreuther Blätter, 1878 gegründet, taten ein Weiteres, um Wagners Werk als groß und unantastbar herauszustellen. So ist Cosima ebenso wie Richard selbst für die Einengung auf eine völkisch-konservative Denkweise haftbar zu machen, die die Industrialisierung und die Demokratie ebenso ablehnte, wie sie das Deutschnationale idealisierte, wobei die Juden zu Schuldigen an den Auswüchsen des Kapitalismus gemacht wurden.

Es verwundert kaum, dass ihre Töchter Daniela und Eva diese verlogenen Denkmuster übernahmen. Michael Karbaum, der als einer der Ersten die Geschichte der Bayreuther Festspiele wissenschaftlich aufarbeitete, setzt die Blütezeit der völkischen Formierung des Bayreuther Kreises in die Jahre zwischen 1901 und 1912 und sieht den Grünen Hügel als Sammelplatz der Reaktion.5 Wie so viele Deutsche begrüßte Siegfried den Ersten Weltkrieg euphorisch und komponierte einen »Fahnenschwur«, den er »Dem Deutschen Heer und seinen Führern in begeisterter Dankbarkeit« widmete.

Herzbeschwerden bewogen Cosima, die Führung der Festspiele dem Sohn zu überlassen. Es fiel ihr nicht leicht, aber sie bewahrte Haltung, mischte sich nicht mehr ein und blieb darin bemerkenswert konsequent.

In diesem Umfeld lebte Siegfried, umgeben von einer starken Mutter, zwei Halbschwestern (Daniela und Blandine) sowie zwei Schwestern (Isolde und Eva). Er wollte ursprünglich Architektur studieren und zog nach Frankfurt am Main, wo Daniela verheiratet war und er sich wohlfühlte. Parallel zum Architekturstudium fuhr er regelmäßig nach Mainz, wo er unter Anleitung von Engelbert Humperdinck in Harmonielehre und Kontrapunkt unterwiesen wurde. Seinen scherzhaften, ins Übermütige schießenden Briefen ist die Zuneigung zu Daniela anzumerken. Für ihn bildete Daniela »die direkteste Brücke« zu seinem Geliebten Clement Harris; anscheinend war sie, die offenbar doch mehr Humor besaß, als es etliche Wagner-Autoren wahrhaben wollen, in die Natur der Beziehung eingeweiht. Ganz offen schreibt er ihr beispielsweise: »Grüß das liebe Clementchen herzlichst: er soll sich während der Tage, wo ich da bin, möglichst frei vom Parnaß halten.« Er war auch mit Hans von Bülow befreundet und besuchte dessen Konzerte, wann sich ihm die Gelegenheit bot. So schrieb er Daniela einmal in seinem typischen Sprach-Mischmasch: »If only your father would make better programmes! It was really empörend last time, I am still quite dégouté.« Als sie sich darüber beschwert hatte, dass er sich nicht für die Übersendung von Noten bedankt hatte, antwortete er: »You old Crocodil! What are you knaunsching! I give you a slap! Did I not thank you for the Missa Choir. If I did not, I’m a pig and beg pardon; it’s already finished two days, also Lenau: Frühlings Tod. Seiner süßen Schwester gewidmet. And if you are not yet pleased, I’ll compose a symphonic poem: Daniela, your character-bild.«6

Im Laufe der Zeit entschied er sich für die Musik und wurde Dirigent, Komponist und Festspielleiter. Mit etlicher Erfahrung als Regisseur und Bühnenbildner war er vorbereitet auf die Aufgaben, die ihm bevorstanden. 1907 übernahm er die Macht im Hause mit der Aufgabe, Bayreuth als Sommerspielstätte zu erhalten, und widmete sich fortan der Regie, wobei er insbesondere für die Beleuchtungseffekte, aber auch für die Inszenierungen selbst viel Lob erhielt.

1913 verfiel die Schutzfrist für alle Werke Richard Wagners. Tantiemen gingen nicht mehr ein, und der Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 tat ein Übriges, um den Gedanken an Festspiele in den Hintergrund zu drängen. Eine zusätzliche schwere Krise erschütterte Wahnfried, als Isolde einen Prozess anstrengte, um offiziell zu machen, dass sie eine leibliche Tochter Richards war (seine drei Kinder wurden alle unehelich geboren, aber nur Isolde wurde als eine »von Bülow« bezeichnet). Siegfried nahm in eigennütziger Voraussicht Partei gegen Isolde und verhinderte, dass ihre verzweifelten Briefe an die Mutter diese erreichten. Cosima wurde von dem Geschehen um sie herum außerdem durch Eva und ihren Mann Houston Stewart Chamberlain abgeschirmt. Isolde verlor den Prozess, was sie niemals verwinden konnte, und starb einige Jahre später an Lungentuberkulose.

Für Siegfried als Homosexuellen blieb die Frage seiner Nachfolge lange offen, und erst auf Drängen seiner Familie entschloss er sich, Erben zu zeugen. Mitten im Weltkrieg nahm er eine junge Engländerin zur Frau, Winifred Marjorie. Ihre Mutter, Emily Florence, geb. Karop, war eine halb dänische, halb englische Schauspielerin, die den Schriftsteller und Journalisten John Williams geheiratet hatte. Beide waren nach Winifreds Geburt 1897 im englischen Hastings innerhalb von eineinhalb Jahren gestorben. Die Vollwaise kam in ein Kinderheim, wo sie eine strenge Erziehung erhielt und traumatische Erfahrungen machte, die wohl zu der seltsamen Mischung von Freiheit und Strenge führten, die sie später den eigenen Kindern angedeihen ließ. Durch verwandtschaftliche Beziehungen zu der Frau des Pianisten, Dirigenten und Wagner-Freundes Karl Klindworth (Henrietta Klindworth war eine Kusine von Winifreds Mutter) kam es, dass das Mädchen ab 1907 von diesem Ehepaar in Pflege genommen und später adoptiert wurde. Klindworth nahm sie als 17-Jährige mit zu den Generalproben in Bayreuth, wo sie Siegfried kennenlernte, kurz bevor Anfang August 1914, zu Beginn des Ersten Weltkriegs, der Festspielbetrieb für zehn Jahre eingestellt wurde.

Winifred war 18, Siegfried bereits 46 Jahre alt, als sie 1915 heirateten. Der große Altersunterschied von 28 Jahren erinnert an den, der Cosima von Richard trennte (24 Jahre), sowie an die 22 Jahre Altersunterschied bei Winifreds eigenen Eltern. Cosima war selig über die Heirat des Sohnes. An Humperdinck schrieb sie: »Ich denke zuweilen, ich träume, wenn ich an seiner Seite ein anmutiges, jugendliches Wesen wandeln sehe, welches, von unserem Freunde Klindworth musterhaft erzogen, alle Eigenschaften mitbringt, die zu Siegfrieds Wesen stimmen und zu unserem Hause harmonieren.«7 Das ausgewogene Verhältnis, das sie zu erkennen glaubte, kann sich auf das unterschiedliche Temperament bezogen haben. Siegfried war freundlich und eher konfliktscheu, Winifred konnte sich wehren und kämpfen, was aber erst allmählich zum Vorschein kam. Es war für sie selbstverständlich, in erster Linie für ihren Mann da zu sein, ebenso wie Cosima es gewesen war. »Der Mann war mir wichtiger als die heranwachsenden Kinder.«8

1917 wurde Siegfrieds und Winifreds erstes Kind geboren, ein Junge, der Wieland genannt wurde – Bayreuth hatte den so heiß ersehnten Stammhalter, nachdem der 16-jährige Franz Wilhelm Beidler aufgrund des verlorenen Prozesses seiner Mutter Isolde nicht als Enkel Wagners galt und damit ausgeschaltet worden war. Cosima setzte sich ans Klavier und spielte zur Freude aller, um das Ereignis zu feiern.

Ein Jahr darauf kam eine Schwester zur Welt, in einer Zeit, als der Erste Weltkrieg noch wütete und die Kriegsschäden in Bayreuth deutlich sichtbare Spuren hinterlassen hatten. Winifred wurde am Gründonnerstag, dem 28.März, um sechs Uhr früh von Dr. Schweninger, dem Hausarzt der Familie, ins Krankenhaus begleitet.9 Aus dem Krankenhaus schrieb die stolze Mutter, »dass der Osterhase uns am Karfreitag früh um 7 Uhr ein Riesenosterei gebracht hat und zwar ein kleines, kräftiges, rotbackiges Mädel – das 7 Pfund und 300 gr. wog. Sie soll Friedelind heissen – Mir geht es Gottlob gut – natürlich liege ich wieder draussen im Krankenhaus und mopse mich mächtig – aber in 8 Tagen bin ich spätestens wieder daheim – da muss ich mich halt derzeit vertrösten!«10 Einen Tag später bestätigte Siegfried die frohe Botschaft: »Karfreitag früh sieben Uhr ist Huscheles Schwesterchen Friedelind ans Tageslicht mit einem munteren Schrei und kleinen Fußstößen erschienen. Die Mutter wohl. Es ging alles viel leichter als das erste Mal.«11 Siegfrieds Freund Engelbert Humperdinck erhielt von Siegfried eine Postkarte mit einer zweitaktigen Melodie, unter der stand: »Ein Töchterchen ist da!« Und er setzte hinzu: »Am Charfreitag, also am Tag, wo Du mir schriebst: Ich antworte auch in H-Dur! Friedelind heißt die stramme kleine Jungfrau, Mutter u. Kind wohl! Grosse Freude darob in Wahnfried! Freude kann man ja brauchen in einer Welt voll Wahn u. Hass!«12

Siegfried gab auch der Heldin seiner Oper DerSchmied von Marienburg, an deren Kompositionsskizze er arbeitete, den Namen Friedelind. Ihr Name deutet auf die damals herrschende Sehnsucht nach Frieden. Freilich hieß das Kind bald allgemein »Maus« oder »Mausi« und unterschrieb so auch ihre Briefe an Freunde – den Namen behielt sie lebenslang. Winifred beantwortete die vielen Glückwünsche, die eingegangen waren. Das Temperament kam schon früh zum Vorschein: »Das Mauserl brüllt immer derart Mama & Papa – dass es gewöhnlich Abends stockheiser ist!«13

Ein Jahr nach Friedelinds Geburt wurde Wolfgang geboren; wiederum ein Jahr darauf folgte das vierte und letzte Kind, Verena. Viel Zeit zum Hätscheln und Liebkosen blieb der Mutter nicht, zumal sie es als ihre Pflicht sah, den Ehemann bei seinen zahlreichen Reisen zu begleiten. Sie verreiste für ihr Leben gerne und langweilte sich oft in »Schilda«, wie Bayreuth in der Familienkorrespondenz heißt.

Die altersmäßig enge Abfolge bewirkte, dass die Kinder oft zusammenblieben, sodass sie als »Rasselbande« galten14, als ein Pulk unartiger, auf Streiche ausgerichteter Kinder. Friedelind wurde ihrer Rolle als Oppositionsgeist offenbar schon in frühen Jahren gerecht, denn Winifred schreibt in einem undatierten Brief von einer Tauffeier, bei der anscheinend die drei ersten Kinder gemeinsam getauft wurden: »Am vorigen Sonnabend hatten wir Taufe. Beide Buben waren riesig brav, aber das Mädelchen gab zu jedem Wort des Pfarrers ihre Ansicht ab, sagte entweder ja oder nein und rief dann alle Anwesenden immer bei Namen! Viel Respekt scheint sie also vor der hohen Geistlichkeit nicht zu haben, denn bei ihrer eigenen Taufe streckte sie ja dem Pfarrer die Zunge heraus!«15 Das erinnert an Cosimas Aussage über ihre Tochter Isolde, mit der Friedelind häufig verglichen wurde: »Noch heute höre ich das Lachen, womit sie mich in ihrem Kinderwagen empfing, wenn ich vom Spaziergang heimkehrte, wobei sie sich kerzengrad aufrichtete und wie eine Walküre wieherte.«16

»Das Deutschland, in dem ich 1918 geboren wurde, war ein zerrüttetes, trostloses Land, und meine engere Heimat, Bayreuth, hatte auf besondere Art gelitten: das Festspielhaus war geschlossen, das Ensemble und die Besucher waren in alle Winde zerstreut.«17 So beginnt Friedelind ihre autobiografischen Aufzeichnungen, und es ist kein Zufall, dass sie den kulturellen Niedergang ihrer Heimatstadt so früh erwähnt. Bayreuth blieb ein Fixpunkt in ihrem Leben, auch wenn sie später als Einzige in Siegfrieds Familie dem Nazigeist entgegentrat.18

1918 war aber auch ein Jahr des Aufbruchs: In Deutschland wurde die Republik ausgerufen und das Frauenstimmrecht erstmals eingeführt.

Winifred begeisterte sich von Anfang an für die Ziele der Deutschnationalen und Nationalsozialisten, was damit zu tun haben mag, dass sie im Hause der Familie Bechstein Adolf Hitler persönlich getroffen hatte und ihn verehrte. Sie teilte den Wunsch vieler Menschen nach einer Führerfigur ebenso wie die Schuldzuweisung an die Juden für alle menschlichen, kulturellen und politischen Defizite im Lande. Auch der Traum von einem nationalen Erstarken Deutschlands war nach dem verlorenen Weltkrieg und den wirtschaftlichen Krisen in manchen Kreisen überaus stark; die Versuche der Weimarer Republik, Deutschland zu demokratisieren, sahen viele von vornherein als zum Scheitern verurteilt an. Es mag durchaus stimmen, dass ihre im Kinderheim erlebte Entwurzelung ihr den heißen Wunsch nach Stabilität auch in politischer Hinsicht einpflanzte, wie ihre Enkelin Nike vermutet.19 Friedelind zufolge war sie von jedem angetan, der flüssig und überzeugend reden konnte, wozu neben dem späteren künstlerischen Leiter der Festspiele, Heinz Tietjen, auch Adolf Hitler gehörte. »War sie einmal von jemand eingenommen, blieb sie völlig blind dessen Fehlern gegenüber und nichts konnte ihre Meinung über ihn ändern.«20 Diese Unfähigkeit, den Charakter eines Menschen zu erkennen, war nach Friedelinds Meinung der Grund für die späteren Zerwürfnisse zwischen ihr und der Mutter.

Obwohl Siegfried den Ruf hatte, unpolitisch zu sein, teilte er den Antisemitismus seiner Familie, und er beobachtete später die Begeisterung seiner Frau für die Nationalsozialisten und insbesondere für Adolf Hitler keineswegs aus vornehmer Distanz. Er war zwar darauf bedacht, die jüdischen Besucher der Festspiele nicht zu beleidigen, und hielt sich aus diesem Grunde zurück, ließ aber seine Frau mit ihrem Enthusiasmus gewähren. Schon 1922 – Friedelind war vier Jahre alt – bildete sich in Bayreuth eine Ortsgruppe der NSDAP, ein Jahr später reichten sich Hitler und der Ehemann von Eva Wagner, Houston Stewart Chamberlain, in Bayreuth die Hände. Chamberlain galt mit seinen Schriften als einer der größten Rassenideologen, und er war sofort von Hitler begeistert.

Auch bei einem »Deutschen Tag« in Bayreuth war Hitler zugegen. Einen Tag darauf, am 1.Oktober 1923, besuchte er Wahnfried und schaute sich alles ehrfurchtsvoll an. Er war seit seiner Jugend ein fanatischer Anhänger des Wagner’schen Werks. Sein Jugendfreund Kubizek hat über Hitlers Begeisterung für den Volkstribun Rienzi in der gleichnamigen Wagner-Oper geschrieben, er identifiziere sich mit diesem Volkshelden und besuche in Wien immer wieder Opern von Wagner. Und Winifred Wagner berichtet, dass er jeden Takt des Lohengrin kannte21, was auf seine generellen Kenntnisse des gesamten Werks schließen lässt.

Obwohl Friedelind erst fünf Jahre alt war, erinnerte sie sich zeitlebens an diesen ersten Besuch, der ihrer Mutter so viel bedeutete. Die ganze Familie war versammelt, einschließlich der zweijährigen Verena. Wieland durfte wegen des Ereignisses die Schule schwänzen. Im Nachhinein überkommt sie Bitterkeit: »Wenn ich auf diesen schönen und hellen Frühlingstag zurückschaue, fällt es mir schwer zu begreifen, dass alles, was mit mir geschah, von diesem kurzen Höflichkeitsbesuch beeinflußt war, den ein armer und praktisch unbekannter Österreicher in seltsamer Kleidung unternahm. Ich konnte damals nicht wissen, dass diese hungrig aussehende Vogelscheuche mich eines Tages aus genau dem Haus vertreiben würde, in dem er herzlich empfangen worden war. Dadurch riß er mich aus einem Dasein heraus, das mir aufgrund meiner zufälligen Herkunft Wohlgefühl und Sicherheit verlieh, die anderen versagt wird, was schließlich das Verständnis und die Zuneigung zwischen meiner Familie und mir zerstörte. Ich konnte nicht ahnen, dass dieser Mann, der damals wie ein Buffosänger wirkte, mich schließlich zur Exilantin machen und von Land zu Land schicken würde auf der Suche nach einer Zuflucht; dass er mich aller Wertsachen berauben würde, die er damals so stumpfsinnig bewunderte, und dass er mich zu Tode verurteilen und alles unternehmen würde, um mich zu zerstören.«22

Einige Wochen später ereignete sich der Aufstand in München: Hitler hatte versucht, mit einem Putsch die Regierung in Berlin zu stürzen, was aber misslang; er kam in Haft. Siegfried und Winifred erlebten die Aufregung zufällig in München, wo ein Wagner-Konzert geplant war, und Winifred konnte drei Tage darauf bei der Bayreuther Ortsgruppe der NSDAP eine Zusammenfassung der Ereignisse geben. »Ich legte mit Sopranposaune los! Die zweite Rosa Luxemburg!!« Ihr war klar, dass sie auch in der Öffentlichkeit mit Adolf Hitler in Verbindung gebracht wurde, was ihr gefiel: »Für mich hat der 9.November ein vollständig neues Tätigkeitsfeld eröffnet, nämlich das leidenschaftliche Eintreten für Hitler und seine Ideen.«

Auch Siegfried war außer sich über den Fehlschlag: »So ein schändlicher Verrat ist noch nie geschehen. Gegen solche Gemeinheit ist allerdings ein so reiner Mensch wie Hitler und Ludendorff nicht gefeit.«23 Hitlers Fanatismus interpretierte er als Geradlinigkeit und sah in ihm den künftigen Retter Deutschlands, der die Ehre des Landes wiederherstellen könnte. Er war angetan davon, dass Winifred »wie eine Löwin für Hitler« kämpfte; er fand das »großartig«24.

Fünf Tage nach dem Putschversuch erschien in der Oberfränkischen Zeitung eine Stellungnahme von ihr, in der sie bekannte, seit Jahren mit innerer Zustimmung die Arbeit Hitlers zu verfolgen, »dieses deutschen Mannes, der, von heißer Liebe zu seinem Vaterlande erfüllt, sein Leben seiner Idee eines geläuterten, einigen, nationalen Großdeutschland zum Opfer bringt …«. Sie lobte seine »moralische Kraft und Reinheit« und betonte, auch in den gegenwärtigen Zeiten zu ihm zu stehen.25 Ein Sieg für Hitlers Partei bedeute auch einen Sieg für Bayreuth.

Tatsächlich konnte sich Siegfried ausrechnen, dass auch Bayreuth von einer politischen Stärkung der Nazis profitieren würde. Ebenso wusste Hitler, dass die Unterstützung der Festspiele aufgrund des Namens Wagner seinem Anliegen eine größere Legitimität verleihen würde.

Die Kinder waren von Menschen umgeben, die fest davon überzeugt waren, dass Hitler der Retter Deutschlands sei: Chamberlain, Winifred, Siegfried, die Tanten Eva und Daniela, Hans von Wolzogen (»Onkel Hans«), die Gouvernante Lieselotte Schmidt und andere. Es verwundert daher nicht, dass sie bald diese Begeisterung teilten. Im Jahr darauf wurde von Bayreuth aus eine große Unterschriftenaktion zur Freilassung Hitlers in Gang gesetzt. Über 10000 Unterschriften kamen zusammen. Es gab sogar Überlegungen, Hitler nach seiner Entlassung aus der Haft in Wahnfried wohnen zu lassen.26

1924 wurde Hitler zu einer milden Strafe verurteilt, die ihm nur wenige Monate Haft einbrachte. Winifred schickte dem Häftling eine Wolldecke, eine Jacke, Strümpfe, Lebensmittel und Bücher nach Landsberg und richtete eine Sammelstelle »für Liebespakete nach Landsberg« ein.27 Auch Daniela Thode, die Tante der vier Kinder, machte aus ihrer Begeisterung für die Sache Hitlers keinen Hehl und reiste nach München, um einen verwundeten Nazi zu besuchen; nach ihrer Heimkehr berichtete sie darüber in einem Bayreuther Lokal. Chamberlain verfasste eine Solidaritätsadresse, in der die Reinheit Hitlers gelobt und es als »Gotteszeichen« gewertet wurde, dass er und Ludendorff den 9.November unversehrt überstanden hatten.28 Unter den Briefen an Winifreds Freundin Helene Roesener befindet sich die Kopie dieses Schreibens an Adolf Hitler, datiert am 1.Dezember 1923. Darunter stehen die Namen von Houston und Eva Chamberlain, Hans von Wolzogen, Siegfried und Winifred Wagner.

Hitlers Partei war zwar verboten worden, aber Winifred engagierte sich für die Tarnorganisation, die sich »Völkischer Bund« nannte. Im selben Jahr fanden Reichstagswahlen statt, und die Nationalsozialisten zogen für den Völkischen Block mit hoher Stimmenzahl ins Parlament ein. Hitler schrieb den Wahlerfolg in erster Linie dem Bayreuther Einfluss zu: »Stolze Freude faßte mich, als ich den völkischen Sieg gerade in der Stadt sah, in der, erst durch den Meister und dann durch Chamberlain, das geistige Schwert geschmiedet wurde, mit dem wir heute fechten.« Deutlicher konnte er nicht ausdrücken, wie sehr seine Ideen vom »Meister« inspiriert worden waren, und die Erwähnung der Schwertmetapher ermöglichte ihm eine Identifikation mit dem Wagner’schen Helden Siegfried, der, mit übermenschlichen Gaben ausgestattet, zu bombastischer Musik ein Schwert schmiedet, mit dem er alle Hindernisse überwindet. Er schrieb weiter, dass er früher nicht habe kommen wollen, um nicht die »Feindschaft jener Kreise ins Haus zu tragen, unter deren Mißgunst Ihr hochseliger Herr Vater, unser aller ›Meister‹ so sehr zu leiden hatte«: ein Hinweis darauf, dass er die antisemitischen Schriften des »Meisters« gut kannte.29

1924 wurden die Festspiele nach zehn Jahren wieder eröffnet, nachdem die Inflation überstanden war. Siegfried konnte weder finanziell noch organisatorisch eine Neuinszenierung präsentieren, aber man war mit den Wiederaufnahmen zufrieden. 1925 kam Hitler, inzwischen aus der Haft entlassen, zu den Festspielaufführungen nach Bayreuth und erinnerte sich noch 1942 gerne daran. »Ich wollte eigentlich nicht hin. Ich sagte mir, die Schwierigkeiten würden für Siegfried Wagner dadurch nur noch größer werden, er war ein bißchen in der Hand der Juden. Ich kam in Bayreuth an um 11 Uhr abends … Am nächsten Morgen früh kam die Frau Wagner und brachte mir ein paar Blumen. Nun war ein Betrieb da! Aus der Zeit existieren sehr viele Fotografien, die die Lotte Bechstein gemacht hat. Tagsüber bin ich in der kurzen Wichs gegangen, zu den Festspielen im Smoking oder Frack. Die freien Tage waren immer wunderbar. Wir sind ins Fichtelgebirge und in die Fränkische Schweiz gefahren. Auch im übrigen war es ein fabelhaftes Leben dort. Wenn ich nur zur ›Eule‹ hin bin, habe ich bei allen Künstlern und Künstlerinnen sofort Kontakt gehabt. Andererseits war ich noch nicht so berühmt, dass ich nicht meine Ruhe gehabt hätte.«30

Die Freundschaft Hitlers zu Winifred und Siegfried wie auch seine Verehrung des Wagner’schen Werks waren eine logische Folge dessen, was Wagner vertreten hatte. Hier mögen nur Stichworte genügen, die sich auf die direkte Verbindung zwischen dem Komponisten und der NS-Ideologie beziehen. Richard Wagners Erbe bestand nicht nur aus dem kulturellen Schatz seiner Opern, die in ihrem Rückgriff auf mythologische Themen und mit ihrer alle Sinne ansprechenden Vertonung bis heute Generationen von Musikliebhabern tief berühren und faszinieren. Bayreuth bedeutet auch die Verbreitung seiner Ideen zum Deutschtum, zur Rasse, zum deutsch-völkischen Nationalismus. Wagner hatte bereits 1850 mit seiner Hetzschrift Das Judentum in der Musik eine biologisch bedingte Deformiertheit und Andersartigkeit von Menschen jüdischer Herkunft behauptet, die er mit zahlreichen abstoßenden Einzelheiten ausgeschmückt hatte. 1869 hielt er es für geboten, das Pamphlet noch einmal zu verlegen, obwohl Cosima dagegen war, wie sie ihrem Tagebuch anvertraute. Gegen Ende seines Lebens intensivierten sich seine rassistischen und deutschnationalen Gedanken noch, denn er hatte die Schriften von Arthur de Gobineau zum Primat der arischen Rasse gelesen und selbst Schriften zum Thema verfasst. Sein monumentales Werk betrachtete er als Aushängeschild für eine dezidiert deutsch-völkische, nationalistische und antijüdische Gesinnung. Mit seiner Entscheidung, die Opernstoffe der Mythologie, also den archaischen Stimmen der Menschheit zu entnehmen, rührt er an tief liegende Emotionen, die durch seine Fähigkeit, die Musik bis in die feinsten psychologischen Verästelungen hinein zu gestalten, noch verstärkt werden. Beides macht das Festspielhaus für die meisten Besucher zu einem Tempel des sinnlichen Genusses, zu einem Quell intellektueller Diskussionen und Beschäftigung. Der Komponist glaubte, mit seinem Schaffen die deutsche Kunst erneuern zu können, ja, er hatte die gesamte »zivilisierte Welt« im Blick. Das Hausblatt der Nazis, der Völkische Beobachter, erkannte die Relevanz seiner Ansichten für die eigenen Zwecke, wenn er »die praktische Erfüllung der Wiedererneuerung des deutschen Volkes im Geiste Wagners« kommen sah.31

1930, nach dem plötzlichen und unerwarteten Tod ihres Ehemannes Siegfried, war Winifred Wagner auf sich allein gestellt. Ihre Schwägerinnen hielten sie nicht für fähig, den Betrieb weiterzuführen. So wie sie Hitler in den Zwanzigerjahren geholfen hatte, so war er jetzt bereit, ihr zu helfen. Ihre Verehrung für ihn währte über den Zusammenbruch Deutschlands und über Hitlers Suizid hinaus bis an ihr Lebensende, und sie »erhielt sein Retter-Image eisern und blindlings aufrecht«32. Diese Verkennung der historischen Fakten, diesen Mangel an persönlicher Scham hat Friedelind ihrer Mutter nie verziehen.

2

»Krachlaute« als Kind

1924 bis 1931

Wahnfried bedeutete Heimat. Die Eltern widmeten den Kindern Zeit, sofern sie in Bayreuth und nicht auf Reisen waren. Frühstück und Mittagessen wurden gemeinsam eingenommen, um 16 Uhr gab es den Tee, der nach englischer Sitte zu einer kleinen Zeremonie ausgeweitet wurde. Der humorvolle, oft nachgiebige Vater, der sich kaum um die Erziehung kümmerte, amüsierte sich über Friedelinds freche Sprüche, während Winifred bemüht war, das rebellische Mädchen zu zähmen. Ihre durchdringende Stimme wusste diese zu nutzen, und sie hieß bald »Krachlaute«. Ihr Bruder Wolfgang schrieb, dass sie »beherrschend das große und mitunter schnodderige Wort« führte, »was meinen Vater zwar amüsierte, meine Mutter aber sehr oft dazu zwang, sie zurechtweisen zu müssen … Sie gebärdete sich stets auffallend und zog allein durch die Lautstärke ihres Sprechens die Aufmerksamkeit aller Umstehenden auf sich.«1 Diese wenig schmeichelhafte Schilderung enthält die bereits angelegte Nähe zum Vater. Dessen Konzept einer freien Erziehung kontrastierte mit den rigiden Vorstellungen der Mutter, die Schläge austeilen und bittere Strafen verhängen konnte, unter denen Friedelind nicht selten zu leiden hatte. Winifred prügelte dieses Kind als einziges, was aber kaum nutzte.

Siegfrieds lockerer Umgang mit den Kindern war vielleicht eine Reaktion auf die übertriebene Betreuung, die er selbst erlebt hatte. Das einzige Verbot, an das sich »Mausi« nachträglich erinnerte, bezog sich auf das Radeln den Festspielhügel hinauf – er glaubte, das könne ihr Herz schädigen.2 Die Kinder durften sogar das Rauchen ausprobieren, da er überzeugt war, dass sie es bereuen würden – was tatsächlich der Fall war.3 Die willensstarke Tochter bewegte sich instinktiv zum Vater hin, der ihre musikalische Begabung und schnelle Auffassungsgabe erkannte und ihr besonders gewogen war. »Meine Schwester war ein Vaterkind«, schreibt Verena. »Er liebte sie sehr: ihre Intelligenz, ihre Spontaneität, ihre Frechheiten, ihr ungebremstes Temperament.« Kam sie ungewaschen und ungekämmt zu Tisch, pfiff er »Eine Zigeunerin, furchtbar anzuschauen« aus dem 1.Akt von Verdis Troubadour, was bei ihr wirkte: Sie stand lachend auf und kam ordentlich wieder zurück.4 Mit Vorliebe begleitete sie ihn bei Spaziergängen in der Umgebung von Bayreuth, wobei er ihr Französisch und Englisch beibrachte, Sprachen, die er akzentfrei sprach. Auch Italienisch beherrschte er bis hin zur Nachahmung von Dialekten, war er doch oft mit seinem Vater in Italien gewesen. Einmal komponierte er mit dem Lied »Wahnfried-Idyll« in infantil-fröhlichem Stil das Leben daheim. Die Maus war »Mo«, Wieland hieß »Huschele«:

Kugeli! Kugeli! Dudeldazwi!

Munter ist’s jetzt in Wahnfried früh:

Kaum kräht der Hahn sein Kikriki,

machen die Kleinen ihr erstes Pipi.

Kugeli Kugeli dudeldazwi!

Die Mo, die bleibt nicht lange stumm!

Dem Huschele wird es bald zu dumm!

An der Türe er pumpert bumbumbumbum

und tanzt im Elternbett herum!

Guckt nicht hinaus, Ihr Kindlein beid’,

Ihr wisst noch nichts von Neid und Leid!

Der Weihnacht reiner Lichterschein

leucht’ Euch stark ins Herz hinein.

Dass des Lachens froher Schall

in Eurer Brust nie verhall’!

Die Villa Wahnfried, das Heim der Familie, spiegelte die Vorlieben ihres Schöpfers Richard Wagner wider. Zahllose Objekte erinnerten an ihn: Möbel, die er selbst entworfen hatte, Bücher, die nach seinen Richtlinien gebunden worden waren, Briefe, die er geschrieben und erhalten hatte, Erinnerungsstücke, die auf seinen Reisen gekauft worden waren, unzählige Geschenke, die ihm Bewunderer geschickt hatten, Porträts von ihm und seiner Familie, ein Klavier in fast jedem Zimmer. Ein von Wagners erster Frau Minna auf einen Wandschirm gestickter Papagei fiel besonders auf.

Was mit Richard Wagner selbst zu tun hatte, wurde wie Reliquien bewahrt. Im Gebäude befanden sich kostbare Souvenirs unter Glas, Partituren lagen aufgeschlagen, zwei große Porträts von Cosima standen auf Staffeleien5 – alles atmete Geschichte und Tradition. Im Zentrum des Hauses befand sich ein zweistöckiger großer Salon mit einem teppichbedeckten Marmorboden. Der Raum wirkte »wie eine Mischung aus Museum und ägyptischer Grabkammer«6. Die Glasdecke war so hoch, dass sie einen Teil des Daches bildete – das Licht schien von oben in den Salon hinein. Auf halber Höhe der Wände befand sich eine Galerie, darunter hingen Ölgemälde mit Motiven aus dem Ring des Nibelungen, Geschenke von Ludwig II. Auch sechs auf Podesten stehende Marmorstatuen mit Figuren aus Wagners Opern waren ein Geschenk des Königs. Man benutzte sie zu Weihnachten als Haken zum Aufhängen von Tannenkränzen. In der Bibliothek waren die Seidentapeten mit einem Blumenmuster bemalt worden, und Tante Eva zeigte Friedelind einmal die inzwischen verblichene Stelle, die sie einst selbst gestaltet hatte.

Kindergeschrei hallte durch die ehrwürdigen Räume des Hauses. Friedelind wuchs in eine wunderbare Welt der Musik, der Malerei und der Literatur hinein, und ihr Kopf war mit Geschichten über ihre Vorfahren und deren Traditionen vollgestopft. Die greise Großmutter Cosima symbolisierte für sie die Verbindung zu dieser alten Welt, deren Spuren noch überall sichtbar waren. Die Kinder durften jederzeit die alte Dame besuchen, die ihnen Märchen und Märchenhaftes aus Wagners Opern erzählte. Sie waren oft in ihrem Zimmer, wo sie sich die Büste ihres Großvaters anschauten und mit ihr spielten; die Großmutter musste oft die Kranke mimen, und sie kurierten sie. Sie lachte viel mit ihnen, zum Beispiel, als Friedelind auf die Frage, wie es ihr in der Schule ginge, antwortete »Ich gehe jetzt auf das Humoristische Gymnasium«. Cosima kommentierte: »Hoffentlich bleibt es immer humoristisch.«7

Im Garten konnten konsternierte Wagner-Verehrer, die Richards Grab besuchten, vier halb nackte Kinder herumtoben sehen. »Aber Frau Wagner, nur arme Kinder laufen barfuß herum«, bekam Winifred oft von entsetzten Bayreuthern zu hören, wenn der Nachwuchs wieder einmal mit schmutziger oder zerrissener Kleidung und ohne Schuhe herumlief. Friedelind ähnelte in ihrer Wildheit ihrer Großtante Isolde, so meinten die Tanten Eva und Daniela. »Ich küsse euch à la Loldi, d.h. recht lange und stark«, schrieb Cosima einmal an Daniela und unterstrich damit das Heftige im Naturell der Großtante.8

Das alte Kindermädchen Emma Bär betreute die Vierergruppe und ließ den Kindern viele Freiheiten, die ausgiebig genutzt wurden. Für die ältere Tochter, die von Kindheit an Autoritäten grundsätzlich misstraute, gehörten diese Jahre zu den unbeschwertesten ihres Lebens.9 Da der Name »Wagner« in Bayreuth als heilig galt, wuchs sie in dem Bewusstsein auf, etwas Besonderes zu sein. »Man erzählt sich von den Kindern Anekdoten wie von königlichen Prinzen früher«, schrieb eine Bewohnerin Bayreuths, die das Ehepaar Wagner als »Könige von Bayreuth« bezeichnete.10

Friedelind zeigte, im Gegensatz zu späteren Jahren, einen ausgeprägten Geschäftssinn. So hatte sie zum 400. Todestag von Albrecht Dürer Hunderte von Postkarten und Farbreproduktionen gesammelt und brachte sie alle an der Wand der Galerie an, wobei sie für die Besichtigung Eintrittsgeld verlangte, Wolfgang zum Kassenwart bestimmte und Führungen veranstaltete. Verena nahm zehn Pfennige für die Garderobe. Den erzielten Gewinn teilte sie mit den Geschwistern; sie kauften sich damit Knackwürste auf dem Markt, weil Winifred sie gerade vegetarisch ernährte.111927 »erbte« Wolfgang von seinem Onkel Houston den Hühnerstall und verkaufte seiner Mutter die Eier, wobei Friedelind das Amt der Kassiererin übernahm. Während der Festspiele kamen die Kinder auf die Idee, einen Leiterwagen mit kleinen Bänken zu versehen: Für zehn Pfennige verkauften sie den Festspielgästen Fahrten zu Wagners Grab, was sich viele nicht entgehen ließen. (Einer ihrer Kunden war der Naziagitator Joseph Goebbels.12)

Die Beziehung der Kinder zu den Festspielmitwirkenden war damals eng, da die meisten Künstler und Künstlerinnen den ganzen Sommer über in Bayreuth blieben. Der Tenor Lauritz Melchior (1890–1973) besaß noch im Alter ein Foto der vier Wagner-Kinder, die in Bayreuth auf ihm herumgekrabbelt waren, und er erinnerte sich, dass sie respektlos »Fettschwein« hinter ihm hergerufen hatten.13 Auf der Fläche neben dem Grab des Großvaters spielten die Geschwister mit den Stadtkindern Fußball und ruinierten damit den Rasen, den Winifred umgraben und neu herstellen lassen musste. Friedelind war, vermutlich wegen ihres Übergewichts, gerne Torwartin. Sie liebte es zudem, auf Stelzen zu laufen, und war Meisterin im Ersteigen von Treppen.14 Eine Puppenküche, die sich auf dem Dachboden von Wahnfried befand und in der sich kleine Gerichte herstellen ließen, konnte Friedelind nicht entzücken.15 Dafür liebte sie Tiere, und als ihre Geschwister aus einem Wurf je einen Hund auswählen durften, suchten die anderen die kräftigsten Welpen heraus, während Friedelind den schwächsten nahm. Auch nach einem Wurf von sieben Welpen bewährte sie sich als erstrangige Pflegerin.16

Wielands spätere Ehefrau Gertrud Reissinger, die Friedelind im schulischen Turnunterricht kennenlernte, nannte sie eine »koboldhafte Ulknudel«17. Die beiden Mädchen freundeten sich an, und wenn Gertrud zu Besuch in Wahnfried war, machten sie sich einen Spaß mit dem Teeritual. Sie saßen im Speisezimmer, und Friedelind rief durch den Aufzugsschacht: »Hallo, Grete, was gibt’s zum Tee?« Daraufhin schepperte der Aufzug, und es erschien ein Tablett mit Tee und Milch, Brot und Hefenudeln, Butter und Marmelade. Friedelind setzte die beiden Hunde des Hauses auf die Polsterstühle, wo sie Milch aus den Porzellantassen schleckten und den Kuchen von den Tellern fraßen, was die Mädchen köstlich amüsierte. Als die kranke Hündin der Familie sich einmal weigerte, Lebertran zu nehmen, begoss Friedelind deren Nachwuchs mit dem Öl, und die Mutter leckte die Welpen sauber.18

»Meine sprunghafte Betriebsamkeit und hemmungslose Aufrichtigkeit brachten mich stets in Schwierigkeiten«, schrieb Friedelind später über sich.19 Das »lockere Mundwerk«, das ihr nachgesagt wurde, besaß auch der Bruder Wieland. Beide trieben das Spiel mit den Worten bis zur Unflätigkeit, auch, um sich von den als spießig empfundenen Bayreuthern abzuheben. Da sie eine Veranlagung zur Dickleibigkeit hatte, fiel Friedelind schon als Kind mit ihrer gedrungenen Statur gegenüber der hübschen und zarten Schwester ab, was sie durch Temperament und Unternehmungsgeist zu kompensieren suchte.

Die Mutter Winifred litt als junge, erlebnishungrige Ehefrau unter Siegfrieds häufiger Abwesenheit und suchte nach Möglichkeiten, ihn zu begleiten: »Die Danziger Strohwitwenzeit habe ich glücklich überstanden, um jetzt schon wieder ohne Mann dazusitzen … Nach Berlin werde ich wahrscheinlich mitgehen, weil ich ein paar Tage wegkann, ohne das Kind abzugewöhnen. Die Milch pumpe ich mir ab und schick sie in Flaschen nach Bayreuth. Zum Piepen, was?«20 Ein von ihr aus der völkischen Wochenschrift Die Sonne herausgerissener Artikel von 1924, den sie ihrer Busenfreundin Helene Boy (spätere Roesener) schickte und in dem die platonische Liebe gelobt wird, lässt auf ihre Probleme mit dem homosexuellen Ehemann schließen.21 Es war sicherlich nicht leicht für sie, Siegfrieds sexuelle Präferenzen zu akzeptieren.

Winifred entsprach aber auch selbst nicht dem üblichen Rollenbild. Sie war weit entfernt vom Ideal einer sich für Mann, Familie und Haushalt opfernden Weiblichkeit und eher am Bild der selbstständigen Frau der Zwanzigerjahre orientiert; ihre Lust am Autofahren, Reisen und Kennenlernen von Menschen und Orten war groß. Ihre Schwägerin Daniela hat sie einmal wie folgt charakterisiert: »Sie ist jung, rasch, ungeduldig und heftig, geht über Worte die an das Gemüth appelliren beinahe lachend hinweg und nur was ihrem Verstand zugänglich ist hat Erfolg bei ihr.«22 Sie hing an den Kindern, wollte sich aber keinesfalls mit einer vereinnahmenden Mütterlichkeit zufriedengeben, sodass diese die häufige Abwesenheit der Mutter in Kauf nehmen mussten. Zugleich konnte sie dominant und fast herrisch sein – etwas, was ihr bei der Leitung der Festspiele oft zugutekam, aber bei einem so selbstständigen Kind wie Friedelind Widerstand hervorrufen musste. Als »unbestrittene souveräne Herrin ihres Hausstaats, mit seiner Weitläufigkeit, dem vielen Personal, den zwei Autos … war sie den jungen Besuchern gegenüber burschikos und der sie umtänzelnden Dienerschaft gegenüber selbstbewusst. Sie trat vehement auf und setzte, wenn es nötig schien, ihre kraftvolle Stimme mächtig ein. Den Ruf nach ihrer Tochter Friedelind – ›Mausi!‹ – kannte halb Bayreuth.«23 Ein Beispiel für ihre Strenge, die mit ihrem Talent zur Organisation zusammenhing, waren die festen Essenszeiten. Wer um 13 Uhr nicht pünktlich erschien, wurde verbannt und musste sich mit Resten in der Küche begnügen; den leeren Platz nahm dann der Hund (ein Schnauzer) ein.24 Der Kult und die emotionale Kraft der bürgerlichen Häuslichkeit waren nicht Winifreds Sache, aber sie bestand auf gemeinsamen Mahlzeiten und hielt bestimmte Regeln ein. Als sie einmal eine Köchin suchte, fand sie eine »dralle Person, die so aussieht, als ob sie die Bande da unten in Ordnung halten könnte – ob sie kochen kann ist ja eine zweite Frage«25.

1923, Friedelind war fünf Jahre alt, stieg die Inflation an, und die wirtschaftliche Krisensituation spitzte sich zu. Die rechte Presse ereiferte sich über die französische Besatzung an der Ruhr. Der Versailler Vertrag, der dem Kriegsverlierer Deutschland wirtschaftlich harte Bußen auferlegte, wurde als tiefe Demütigung empfunden. Das Gefühl von Ohnmacht ergriff alle Bevölkerungsschichten, und der rednerisch begabte Adolf Hitler erschien vielen als die letzte Rettung. Als es in Bayreuth einen »Deutschen Tag« geben sollte, war klar, dass er kommen und reden würde. Winifred stand am Garteneingang von Wahnfried, um die vorbeimarschierenden Teilnehmer zu begrüßen. Die völkischen Fahnen wurden geweiht, es gab eine Parade auf dem Schlossplatz, und am Abend sprach Hitler in der überfüllten markgräflichen Reithalle. Er plädierte für die »Autorität der Persönlichkeit«, die die parlamentarische Demokratie abzulösen habe, was für viele verführerisch klang.

Kaum hatte er die Rede beendet, fuhr Hitler zu Evas Ehemann, dem Schriftsteller Houston Chamberlain, der mit seinen abstrusen Theorien die Grundlagen für Hitlers Überzeugung von der Ungleichheit der Rassen geschaffen hatte. Dort nahm Hitler sofort eine Einladung zum Frühstück in Wahnfried an. Am 1.Oktober 1923 kam er nach den Worten Winifreds als »ehrfürchtiger Bewunderer des deutschen Genius Richard Wagner, nicht als politischer Agitator«26. Agitation war auch gar nicht nötig, da Winifred ihm politisch längst zustimmte. Bewegt schaute er sich die Reliquien von Cosima und Richard sowie die Wohnräume an. Er hatte von Kindheit an Wagners Musik verehrt, war ihr verfallen; er identifizierte sich mit den Helden der Wagner’schen Opern und fand in ihnen eine Entsprechung für seine eigene Rolle. Der Empfang war herzlich, er lernte die vier Kinder und Siegfried kennen, der an dem Gast Freude hatte und ihm das Du anbot. »Gottlob gibt es noch deutsche Männer!«, schrieb der Hausherr über den Gast. »Hitler ist ein prachtvoller Mensch, die echte deutsche Volksseele. Er muss es fertig bringen!«27

Weihnachten 1924 wurden die Kinder von den Eltern reich beschenkt; sie erhielten Bücher, Helme, Säbel, Trommeln, Eisenbahnen, Soldaten, Puppen, Puppenwagen, und der Christbaum in der Halle reichte bis an die Deckenwölbung.28

1925 wurde nach Hitlers Entlassung aus der Festung die Partei neu gegründet. Winifred erlebte in München die erste Versammlung, als er in einem Saal vor 3000 Zuhörern eine Rede hielt. Anschließend nahm »Wolf«, wie Hitler sich nennen ließ, sie in seinem neuen Mercedes nach Plauen mit, wo Siegfried Wagners Oper Schwarzschwanenreich aufgeführt werden und wo er auch weilen sollte; Hitler wollte sich bei ihm persönlich für seine Unterstützung bedanken. Aufgrund der vorgerückten Uhrzeit schlug Winifred ihm vor, die Fahrt in Wahnfried zu unterbrechen und heimlich zu übernachten, was er auch tat. Wegen des plötzlichen Todes von Reichspräsident Friedrich Ebert kam es dann nicht zu der Aufführung, sodass Hitler die Reise am nächsten Morgen abbrach. Die Kinder, von der elterlichen Begeisterung angesteckt, nannten Hitler nun auch »Wolf« und lauschten gerne seinen Geschichten. Sein spätes Auftauchen mitten in der Nacht machte ihn mysteriös, und er schmückte die Situation aus, indem er ihnen erzählte, wie gefährdet er sei.

Kurz darauf besuchten Winifred und Siegfried Hitler in seiner recht kleinen Wohnung in München, und er versprach, zu den bevorstehenden Festspielen zu kommen. In diesem Jahr erlebte er zum ersten Mal eine Aufführung des Rings des Nibelungen, und er bekannte später als Reichskanzler öffentlich: »Es gibt keine herrlichere Äußerung des deutschen Geistes als die unsterblichen Werke des Meisters selbst.« Auch Joseph Goebbels wurde freundlich empfangen, als er 1926 Wahnfried besuchte. Winifred zeigte ihm den Flügel, den Schreibtisch und Porträts von Wagner, während die Kinder durch die Räume tobten. Sie beschwerte sich wohl bei ihm über ihren Mann, denn Goebbels notierte: »Siegfried ist so schlapp. Pfui! Soll sich vor dem Meister schämen.« Er nannte ihn »Feminin. Gutmütig. Etwas dekadent«. Ein paar Wochen darauf hatte er sich mit den Kindern angefreundet und befand, Friedelind (der Winifred bescheinigte, »immer ungezogener« zu werden29) sei die Begabteste: »Das älteste Mädel das geweckteste … Nachmittags Vorbeimarsch. Blumen werden gestreut und Heil gerufen. Dann tolle ich mit der Wagnerbagage eine Stunde im Heu herum. So ein liebes Kroppzeug … Ich bin etwas verliebt in die Wagnerbagage.«30 Ein undatiertes Foto von 1926 oder 1927 zeigt Friedelind auf seinem Schoß.

Ein unvergesslicher Höhepunkt blieb für die Achtjährige eine Siegfried-Wagner-Woche in Weimar. Die Familie reiste 1926 mit einem Tross Verehrerinnen und Verehrer von Siegfried an, wozu ältere Damen ebenso gehörten wie Friedelinds Pate Franz Stassen, der sie in Museen führte. Sie erinnerte sich später an die aufregende Atmosphäre im Hotel, gespeist von Erwartungen des Festes, umgeben von Musikern, Sängern und Gastdirigenten. In Weimar besuchte man Goethes Wohnhaus sowie die Hofgärtnerwohnung ihres Urgroßvaters Franz Liszt. Auf Eseln ritten sie zur Wartburg bei Eisenach, die den Großvater zu seinem Tannhäuser inspiriert hatte. Überall sah das Kind Spuren des großen Vorfahren und lebte in dem Gefühl, Erbin eines bedeutenden kulturellen Vermächtnisses zu sein.

Friedelind wurde 1924 in Bayreuth eingeschult, in dem Jahr, in dem die Festspiele nach dem Ersten Weltkrieg wieder begannen. »Vom 6ten Lebensjahr, als in Bayreuth die Festspiele wieder eröffnet wurden – 1924 – war ich natürlich dem Theater völlig verzettelt«, schrieb sie. Es schien »für uns Kinder ein Märchen Wirklichkeit geworden zu sein«31. Sie war fasziniert von den Vorgängen auf der Bühne, spielte sie nach, beobachtete, sprach mit den Künstlern und Künstlerinnen, mischte sich ein. Nach eigener Aussage verpasste sie vom Beginn der Festspiele an bis zu ihrem Weggang als junge Frau, wenn es irgend möglich war, keine Probe und keine Aufführung. »Von dem Eifer und der Rastlosigkeit, mit der in den Wochen, die den Festspielen vorangehen, gearbeitet wird, kann sich ja niemand einen Begriff machen, der es nicht selbst erlebt hat.«32 Schon ein Jahr vorher begannen die Proben mit den Sängern. »Mit der Wiedereröffnung war es um uns Kinder geschehen: wir zweifelten nie daran, dass unsere Zukunft völlig von dem Musiktheater absorbiert und obsessiv besetzt werden würde.«33 Frech und phantasievoll, wie sie war, schlüpfte sie bei einer Generalprobe vor den Vorhang und verkündete dem verdutzten Publikum, dass die nächste Oper ihres Vater Der Kuhwedel heißen würde.34 Als Daniela einmal den Kindern Kostüme schneiderte, die dem Wagner’schen Ring entlehnt waren, raste die »Maus« als Fricka durch den Garten – Daniela gab ihr die Rolle der kritischen Ehefrau vermutlich nicht zufällig.

Die ersten drei Jahre in der Schule, einer »Seminarschule« genannten Lehranstalt, die zusätzlich für die Lehrerausbildung zur Verfügung stand und vier Klassenstufen umfasste, gefielen ihr recht gut. 1926 konnte Winifred der Ehefrau des Kunst- und Musikschriftstellers Oskar Bie, Grete, noch stolz berichten: »Friedelind brachte heute ein feines Zeugnis heim. 11 Einser + 4 Zweier!«35 Aber die Freude währte nicht lange. Als die Klasse im vierten Schuljahr einen ungerechten Lehrer bekam, begehrte sie auf und fragte ihn empört, warum er seine Bosheit nicht an ihr ausließ, sondern an den unschuldigen Mitschülern: »Sie würden sich ja nicht trauen, eine Wagner anzurühren.«36 Sie wollte trotz ihres berühmten Namens unbedingt wie alle anderen behandelt werden.

Als man sie wegen schwacher Leistungen ein weiteres Jahr in der vierten Klasse beließ, anstatt sie sofort ins Gymnasium zu schicken, wirkte sich dies verheerend auf ihre Motivation aus. Anstatt aufzupassen, verbrachte sie ihre Zeit damit, die Lehrer zu ärgern. Dies wiederum verleitete ihre Mutter zu besonderen Strafen. Aber mit Wasser und Brot und Ins-Bett-Schicken sowie der Einkassierung von Gegenständen, die das Mädchen liebte, ließ sich der rebellische Wille nicht brechen. Stattdessen förderten diese Maßnahmen zwischen Mutter und Tochter eine Feindseligkeit, die zur Grundlage ihrer lebenslang schwierigen Beziehung wurde. Je mehr die Mutter versuchte, das renitente Kind zu bändigen, desto wilder wurde es: »Ich raste auf dem Fahrrad umher mit Verena, die alle Nickel nannten, auf der Lenkstange und Wolfi hinten auf dem Gepäckträger; ich machte alles, nur nicht meine Schulaufgaben.«37

Als sie endlich in das Gymnasium »Christian Ernestinum« eintrat, empfand sie den Unterricht als undemokratisch; kritische Fragen waren unerwünscht. Die »Kriegsschuldlüge« wurde einseitig und politisch gefärbt dargestellt, wogegen sie sich wehrte. »Wie fast stets in Deutschland war ich von dem Gefühl befallen, dass mich ein Strick würge, an dessen beiden Enden gezogen werde; die Lehrer beschwerten sich, Mutter war am Ende ihrer Weisheit … Wieder war ich in offenem Aufruhr, die Stunden in der Schule wurden zum Kampf, die Spannung wuchs.«38 Sie verschaffte sich Gertrud zufolge »durch ihr aggressiv-witziges Mundwerk und ihre kameradschaftliche Umgänglichkeit sofort eine gewaltige Anhängerschaft«. Von der Schule aus zog die Kinderschar zum Wahnfriedgarten, wo man Fußball spielte. »Es gehörte vor allem zum Stil der anführenden ›Maus‹, dass man sich nicht wie ›Mädchen‹ verhielt, sondern ein möglichst rüdes Bubentum, Kraftausdrücke mit eingeschlossen, an den Tag legte.«39

Zu ihrem zehnten Geburtstag im März 1928 lud sich Mausi 15 Kinder ein, dazu die Tanten Eva und Daniela sowie ihre Klavierlehrerin, Fräulein Mann40