Isolde. Richard Wagners Tochter - Eva Rieger - E-Book

Isolde. Richard Wagners Tochter E-Book

Eva Rieger

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Beschreibung

Eigentlich war Isolde von Bülow, geboren am 10. April 1865, die Lieblingstochter ihrer Mutter Cosima. Für ihren leiblichen Vater Richard Wagner war sie sein »wunderliches Wunderkind«. Sie dichtete und komponierte schon als Dreizehnjährige, gestaltete Theaterkostüme, und die Feministin Malwida von Meysenbug, eine Freundin der Familie, empfahl die Ausbildung ihres »starken hellen Soprans«. Auch Cosima wollte für ihre Tochter nur das Beste – nämlich eine gute Partie. Die war der Musiker und Dirigent Franz Beidler, den Isolde im Dezember 1900 heiratete, nicht. Ihm fehle die »vornehme Gesinnung« – so Cosima, die ihn nach guter Zusammenarbeit vom Bayreuther Hügel verbannte, als er sich weigerte, einen Dirigiertermin zu übernehmen. Isolde rächte sich, als sie der Mutter zukommen ließ, ihr geliebter Sohn Siegfried sei homosexuell – damals ein schweres Vergehen. Die Folge: Isolde wurde die Herkunft als Tochter Richard Wagners aberkannt und ihr Sohn damit enterbt. Eine beispiellose Schlammschlacht begann.

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Seitenzahl: 468

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Titel

Eva Rieger

Isolde

Richard Wagners Tochter

Eine unversöhnliche Familiengeschichte

Insel Verlag

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eBook Insel Verlag Berlin 2022

Der vorliegende Text folgt der Erstausgabe, 2022.

© Insel Verlag Anton Kippenberg GmbH & Co. KG, Berlin, 2022

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Umschlaggestaltung: hißmann, heilmann, hamburg

Umschlagabbildungen: Isolde Wagner, Foto: Nationalarchiv der Richard-Wagner-Stiftung, Bayreuth; Richard Wagner, Foto: Keystone/Röhnert/picture-alliance, Frankfurt am Main

eISBN 978-3-458-77329-0

www.suhrkamp.de

Übersicht

Cover

Titel

Impressum

Inhalt

Informationen zum Buch

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Inhalt

Einleitung

1.»Könnte ich mit Dir und Isoldchen noch glücklich sein!« Die Familiengründung

2.Isoldes Kindheit 1868-1871

EXKURS

: Der vergöttlichte Bruder

3.Der Umzug. Leben in Bayreuth 1872-1877

4.»Loldi, die passionirteste Malerin« 1878-1883

EXKURS

: Die Rosenbilder

5.Festspiele ohne den Vater 1883-1890

6.Jahre der Verwirrung 1890-1899

7.Frauenbewegung und Antisemitismus Isolde in München

Bildteil

8.»Das Gefühl der Ausgeschlossenheit« 1900-1902

9.»… der bitterste Kelch, den ich je getrunken« Der Eklat 1903-1907

10.Der Bruch zwischen Wahnfried und Colmdorf 1908-1909

11.Franz und Isolde »Werke des Teufels«? 1910-1913

12.Der Prozess 1914

13.»Ich bin verraten und verkauft« Kampf und Ende 1914-1919

Nachbemerkung

Danksagung

Bibliographie

Primärquellen (Briefe, Erinnerungen u.a.)

Sekundärliteratur

Abkürzungen

Bildnachweise

Personenregister

Fußnoten

Informationen zum Buch

Einleitung

Für Richard Wagner, den Vater, war sie »Cenerentola« – das Aschenputtel, ein Kind zweier Welten. Und ein »wunderliches Wunderkind«. Bezog sich dies auf die Umstände ihrer Geburt oder auf ihren lebhaften und leidenschaftlichen Charakter? In einem Brief an König Ludwig II. bezeichnete er sie als »die passionirteste Malerin« und schickte satirische Zeichnungen von ihr an ihn weiter. Cosima Wagner, die Mutter, sah in ihr »eine dämonische Natur«.[1]  Die Lieblingstochter beider Eltern galt als »die begabteste und schönste« unter den vier Töchtern; sie soll »einen starken Grad von Energie« besessen haben, mit dem sie im Hause Wahnfried ihren Willen durchzusetzen vermochte, und »viel von der Genialität beider Eltern« geerbt haben. Wagner selbst hob ihren Humor hervor.[2]  Isolde entwarf Theaterkostüme, dichtete und komponierte schon als Dreizehnjährige, malte als Fünfzehnjährige ein ganzes Konvolut von Bildern zum Geburtstag ihres Vaters, sie konnte auf dem Klavier improvisieren und sang mit ihrem »hellen starken Sopran«[3]  so gut, dass die Feministin Malwida von Meysenbug, eine Freundin der Familie, sie zur Ausbildung empfahl.

Und doch sollten sich die Gegebenheiten ihrer Geburt als verhängnisvoll erweisen. Weil Cosima zur Zeit von Isoldes Zeugung noch bei ihrem ersten Ehemann lebte, musste Isolde sich »von Bülow« nennen. Und dies, obwohl allen klar war, dass sie eine Tochter Richard Wagners war. Richard versicherte ihr, er würde nicht zögern, seine Werke für das Wohl der Kinder zu opfern, »nicht einen Augenblick, Tristan für Isolde, Meistersinger für Eva, den Ring für Siegfried. ›Das ist Leben‹, sagt er.«[4]  Es sei Isolde gewesen, sagte Cosima einmal, die »ich zuerst als Kind der Liebe und Begeisterung begrüßte«.[5]  Damit wollte sie sagen, dass sie erst durch Richard die wahre Liebe erfahren habe, und sie glaubte, »in Evas Auge die Tiefe und Schärfe, in Loldis [Isoldes] Blick die Extase, in Fidis [Siegfrieds] den Witz von Richards Auge zu finden«.[6] 

Man kann sich Isolde, dem ersten Kind Richard Wagners und der dritten Tochter Cosima von Bülows, von zwei Seiten nähern: zum einen als Tochter eines der wichtigsten Komponisten des 19. Jahrhunderts, der sich mit dem Festspielhaus in Bayreuth sowie mit der Schaffung eines viertägigen Opernverbundes in die Musikgeschichte eingeschrieben hat, zum anderen als einer Frau, die zwischen der wilhelminischen Welt mit der sich anpassenden Ehefrau einerseits und dem emanzipatorischen Feld der dem Mann ebenbürtigen Frau andererseits stand. Letzteres war damals kaum möglich, denn die geschlechtshierarchische Logik beeinflusste das Denken und Fühlen viel stärker als jede Richtlinie. Und so war es Siegfried, Isoldes Bruder, dem eine exzeptionelle Rolle zugedacht war, was Isolde nachhaltig beeinflusste und woran sie letztlich scheiterte. An Isolde Wagners Leben lässt sich daher nicht nur das persönliche Unglück verfolgen, sondern auch der strukturelle Wandel der Chancen und Verbote, mit dem sie in ihrer Rolle als »höhere Tochter« um 1900 konfrontiert war.

Als fast Fünfzigjährige musste Isolde erleben, dass man sie in einem Prozess um ihren Namen und damit um ihre Identität betrog. Im Rahmen der bisherigen Narrative wurden jedoch viele Dinge unterschlagen oder falsch dargestellt, die durch neu aufgetauchte Quellen korrigiert werden können. Zum ersten Mal steht der Nachlass ihres Ehemannes Franz Philipp Beidler in Gesamtheit zur Verfügung. Es zeigen sich bislang unbekannte Facetten eines Lebens, das für die Bayreuther Festspielgeschichte bedeutsam war, aber zugleich die Nöte einer Frau, die um 1900 die besten Voraussetzungen für ein selbstbestimmtes Leben hatte und dennoch an dem Machtkampf zwischen Ehemann, Bruder und Mutter zugrunde ging.

Siegfried besaß den gleichen Status wie seine vier Schwestern Daniela, Blandine, Isolde und Eva: Alle waren sie aus juristischer Sicht eheliche Kinder von Cosima und Hans von Bülow. Lediglich Daniela und Blandine waren dieser ersten Ehe entsprungen, doch Richard und Cosima hatten nur ihren Sohn im Blick und sorgten dafür, dass er nach der Verheiratung Cosimas mit Richard umgehend den Nachnamen »Wagner« erhielt. Wagners eigene Töchter Isolde und Eva wurden nicht berücksichtigt. Niemand konnte ahnen, dass Isolde deswegen am Ende ihres kurzen Lebens gegen eine Mauer aus Lügen kämpfen musste.

Isolde gilt in der Popularliteratur als »hochnäsig«, »überheblich«, »eingebildet« und schon früh »von der Dünkelhaftigkeit infiziert«.[7]  Mit einem solch engen Zugriff auf angeblich charakterliche Eigenschaften kommt man jedoch nicht weiter. Isolde lebte zu einer Zeit, in der die Frau gegensätzlich gezeichnet wurde: Heilige und Dirne, femme fragile und femme fatale. Die damalige Frauenbewegung war sich in der Definition von »Weiblichkeit« uneinig. Frauen schauten auf eine von Männern gemachte Kulturgeschichte, Isoldes Halbschwester Daniela Thode und deren Ehemann waren sogar Mitglieder der »Antifeministischen Liga«.[8]  Dennoch hätte es für Isolde zahlreiche Möglichkeiten geben können, ein erfülltes Leben zu führen. Es hatte doch so glücklich angefangen: in ein großbürgerliches Ambiente hineingeboren, von den Eltern geliebt, mit besten Umgangsformen und Manieren ausgestattet, von Dienstboten, Angestellten und interessanten, oft auch hochgebildeten Menschen umgeben, häufig auf Reisen, mit einem talentierten Musiker verheiratet: Das versprach ein ihre Persönlichkeit bereicherndes, erfülltes Leben. Dass es anders kam, lag daran, dass sie an Bayreuth gefesselt war und die Ketten nicht sprengen konnte, die ihr Mutter, Bruder und Schwager Houston Chamberlain gesetzt hatten. Aber auch der Vater war eine übermächtige Figur, die sie prägte und vielleicht lähmte, denn Cosima Wagner, die Mutter, hatte nur ein Ziel, nämlich die Unterordnung aller Familienmitglieder unter die Anforderungen und Ziele Richard Wagners und später der Festspiele. An der Wende zum 20. Jahrhundert herrschte noch ein heroisches Klima, und Richard Wagner eignete sich wie kaum ein anderer für die Stilisierung zum Halbgott. Anders als bei »Cenerentola« führte der Weg nicht von der Armut in den Wohlstand und die Glückseligkeit, sondern umgekehrt von gesellschaftlichen Privilegien in Krankheit, Armut und Vergessenheit, freilich von Kampfesmut und Gerechtigkeitssinn begleitet. Dieses Buch erzählt die Geschichte dieses Lebens.

1.»Könnte ich mit Dir und Isoldchen noch glücklich sein!« Die Familiengründung

Schaut man sich die beeindruckende Villa Wahnfried in Bayreuth an, fällt es schwer zu glauben, dass ihr Bauherr und Besitzer Richard Wagner (1813-1883) einmal als Revolutionär mit einem falschen Pass in die Schweiz einreiste, um einer jahrelangen Gefängnisstrafe zu entgehen; dass er aus Angst vor einer Verhaftung aus Wien floh, weil er völlig überschuldet war, und dass ihm vom bayrischen König Ludwig II. befohlen wurde, München zu verlassen, weil er sich manipulativ in die Politik eingemischt hatte. Das hochherrschaftliche Haus, in das er 1874 einzog, stand im krassen Gegensatz zu seinem von Abenteuern und Gesetzesübertretungen durchzogenen Leben.

Zur turbulentesten Zeit des stets umtriebigen Komponisten gehört das Jahr 1864, in dem sein erstes Kind Isolde gezeugt wurde. Bereits einige Monate zuvor wurde er von heftigen Ereignissen aus der Bahn geworfen. Doch das, was nun geschah, erscheint im Nachhinein wie ein schlechter Roman. Aus einem mittellosen Komponisten auf der Flucht wurde der Liebling eines Königs, der ihn mit geradezu utopischen Privilegien ausstattete.

Um das alles zu verstehen, muss man ein paar Jahre zurückgehen. Der Komponist war mit der Schauspielerin Minna Wagner, geborene Planer, verheiratet und musste 1849 in die Schweiz fliehen, weil er sich an der Revolution in Dresden beteiligt hatte. Infolgedessen verlor er seinen höfischen Kapellmeisterposten, was Minna so sehr verletzte, dass die Ehe starke Risse bekam. Nur widerwillig reiste sie ihm nach Zürich nach. Dort wurde der Heimatlose freundlich aufgenommen und hatte bald einen Bekanntenkreis, zu dem auch der wohlhabende Seidenfabrikant Otto Wesendonck gehörte. Er verliebte sich 1852 in dessen junge Frau Mathilde, die ihm neben vielen glückseligen Erlebnissen auch jahrelanges Leiden und vergebliches Begehren bescherte. Mathilde war gut situiert, hatte eigene Kinder und dachte nicht daran, sich mit einem finanziell notleidenden Mann zu vereinen.

Das führte dazu, dass er die Arbeit an seinem Ring des Nibelungen niederlegte und mit der Oper Tristan und Isolde begann – die Geschichte einer gesellschaftlich verbotenen, grenzenlosen Liebe und zugleich ein Spiegelbild seiner Situation. 1858 eskalierte die Affäre, als Mathildes Ehemann Otto Wesendonck von der Beziehung erfuhr, und Richard blieb nichts anderes übrig, als das Wohnhaus neben der Villa der Wesendoncks zu verlassen, das Otto ihm zur Miete überlassen hatte. Seine Leidenschaft für Mathilde nahm ihn jedoch weiterhin gefangen und war letztlich der Grund für die endgültige Trennung von Minna.

Anders als Ludwig van Beethoven, Johannes Brahms oder Anton Bruckner konnte Richard Wagner ohne eine Lebensgefährtin nicht existieren. Er war von der Liebe und Zuwendung einer Partnerin abhängig und machte auch nie einen Hehl daraus. Die Protagonistinnen seiner Werke, von Elsa bis Elisabeth, von Brünnhilde bis Kundry, sind ein einziges Plädoyer für die Frau. Eine Frau, die nur durch und für ihn lebte, wobei es ihm nicht nur um die sexuell-erotische Erfüllung ging. Ihm war die Mitteilung, Dialog oder Monolog, jede Form der Kommunikation eine Notwendigkeit.[9]  Er präsentierte seiner Partnerin jeden Takt einer neuen Komposition, kommentierte alles, was ihm einfiel, und las ihr bereitwillig seine Aufsätze vor, und das auch schon im Stadium ihrer Entstehung. Hatte er keine Gefährtin, drohte seine Kreativität zu versiegen.

Wo war ein liebendes Weib? 1861 hatte er in Wien eine Liebesaffäre mit einer jungen Frau namens Seraphine Mauro, die jedoch von kurzer Dauer war. Im Februar 1862 lernte er Mathilde Maier kennen, die gebildete Tochter eines Richters, die er vergeblich bat, zu ihm zu ziehen. Sie verweigerte ihm dieses Ansinnen, da er noch mit Minna verheiratet war. Richard war über ihre »bürgerliche Bigotterie« enttäuscht. Er verübelte ihr jedoch die Absage nicht und der freundschaftliche Kontakt blieb bestehen.

1864 stand der so renommierte wie berüchtigte Komponist Richard Wagner am Abgrund. Mit Geld hatte er nie umgehen können, aber nun war die Lage so ernst, dass ihm eine Gefängnisstrafe drohte. Er hatte sich in Wien-Penzing, wo er sich nach vielen Wohnungswechseln dauerhaft niederlassen wollte, eine Villa opulent eingerichtet, und die Zinsen für die Schulden stiegen ins Unermessliche. Um einer Verhaftung zu entgehen, musste er Österreich verlassen und über Zürich und München landete er in Stuttgart. Dort konnte er einen Erfolg verbuchen, denn der Intendant des dortigen Hoftheaters, Baron von Gall, nahm seine Oper Lohengrin zur Aufführung an und zahlte das Honorar unmittelbar aus, so dass Wagner seine Unterkunft bezahlen konnte. Als er bei dem Kapellmeister Karl Eckert speiste, erhielt er die Visitenkarte eines »Sekretärs des Königs von Bayern« und reagierte irritiert, nicht ahnend, was auf ihn zukam. Später erhielt er erneut die dringende Bitte um ein Treffen und erfuhr, dass König Ludwig II. bereit war, fortan alles für sein Wohlergehen zu tun. Kurz zuvor hatte er geschrieben: »Ein gutes, wahrhaft hilfreiches Wunder muss mir jetzt begegnen; sonst ist’s aus!«[10]  Nun war auf geradezu verblüffende Weise genau dieses Wunder geschehen.

Seine erste Audienz beim König war ihm zufolge »eine große, nicht enden-wollende Liebesscene […] Er bietet mir Alles, was ich brauche, zum Leben, zum Schaffen, zum Aufführen meiner Werke […] Und diess jetzt – jetzt – in dieser schwärzesten Todesnacht meines Daseins!! Ich bin wie zerschmettert!«[11]  Die Begeisterung war auf beiden Seiten groß, denn der empfindsame König befand sich in vielem im Einklang mit Wagner. Der Briefverkehr verlief in einem überschwänglichen Stil, begünstigt durch die jahrelange Wagner-Schwärmerei des jungen Monarchen. Bereits als Jüngling hatte dieser ergriffen den Lohengrin gehört und Tränen des Entzückens vergossen. Richard passte sich mit einer geschraubt und gekünstelt klingenden Diktion an, die seine spätere Frau Cosima übernahm, wenn sie dem König schrieb.

Richard Wagner konnte auf des Königs Geheiß im Mai 1864 ein Haus am Starnberger See beziehen – und seine Schulden begleichen. In der ersten Zeit tauschten sich König und Komponist täglich aus. Eine Aufführung von Tristan und Isolde wurde ins Auge gefasst. Aber bald kam bei Wagner der Wunsch nach einem »weiblichen Wesen« wieder auf. Er dachte an Maria Völkl, mit der er in Wien-Penzing eine Affäre gehabt hatte. In dem einzigen erhaltenen Brief an sie, den er in seiner Wiener Zeit schrieb, sprach er sie mit »bester Schatz« an und bat sie, die Wohnung für seine Rückkehr zu heizen, zu säubern und zu parfümieren.[12]  Man kann davon ausgehen, dass Maria keine geistig erfüllende Partnerin für ihn gewesen wäre, und sie hatte auch keine Neigung, zu ihm zu ziehen.

Schließlich wandte er sich an das befreundete Ehepaar Hans und Cosima von Bülow, lud sie Anfang Juni 1864 in sein Haus ein und wiederholte seine Einladung in zwei hinterhergeschickten Telegrammen. Diesem Drängen konnten sich beide nur schwerlich entziehen, so dass sie beschlossen, zu ihm nach Starnberg zu reisen. Schon lange hatten sie das überragende Potential seiner Musik erkannt.

Die 1837 geborene Cosima und ihre Schwester Blandine, Töchter von Gräfin Marie d’Agoult und Franz Liszt, waren hochbegabte Musikerinnen. Ihr Vater schickte die beiden zu seinem Schüler Hans von Bülow (1830-1894) nach Berlin, der sie unterrichtete. Wie sie später einräumte, heiratete sie ihren ehemaligen Musiklehrer eher aus einem spontanen Impuls heraus. Vielleicht wollte sie aber auch ihrer lieblosen Kindheit und Jugend entfliehen. Später behauptete sie, »familien-, vermögen- und vaterlandslos« aufgewachsen zu sein: »Ich [wurde] zu verschiedenen Malen gewaltsam von dem Liebsten geschieden; von meiner Großmutter, von meiner Schule und ihrer von mir angebeteten Vorsteherin, endlich von Schwester und Bruder.«[13]  Sie nahm Hans von Bülows Eheangebot an, obwohl sie weder seinem Sarkasmus, noch seiner Intelligenz und seinem Ehrgeiz etwas abgewinnen konnte. Aber sie war frei in ihrem Tun, übersetzte Texte aus dem Französischen, bearbeitete literarische Beiträge für die in Paris erscheinende Revue Germanique und schrieb selbst Artikel. Sie besuchte zahlreiche Theateraufführungen in Berlin und ließ sich durch die Inszenierungen inspirieren, was ihrer späteren Tätigkeit als Festspielleiterin zugutekam.[14] 

Richard kannte das Ehepaar Bülow schon länger und bereits 1862 hatten er und Cosima beschlossen, sich zu duzen. Als Ehefrau und Mutter zweier Töchter (1860 wurde Daniela geboren, 1863 Blandine) war an eine Verbindung nicht zu denken. Aber Richard spürte ihre Begeisterung für seine Kompositionen. Und er brauchte Hans als Dirigent für die Uraufführung seiner Oper Tristan und Isolde in München.

Am 29. Juni 1864 traf Cosima in München ein und zog in das Landhaus, das Richard bewohnte. Hans hatte sie vorausgeschickt, er sollte eine Woche später nachkommen. In dieser Woche der Zweisamkeit kam es zur sexuellen Vereinigung – neun Monate später kam ihre Tochter Isolde auf die Welt. Cosima schrieb drei Tage nach ihrer Ankunft an eine Freundin: »Entfernt scheint mir Alles, daß Alles vergißt, und daß ich Alles vergesse.« Ihr kämen diese drei Tage wie ein Jahrhundert vor.[15]  An dieser Aussage – die Verdrängung des bisherigen Lebens und die Übersteigerung der mit Richard verlebten Tage und Nächte zu einem Jahrhundert – ist die Exaltiertheit zu spüren, die die Begegnung bei ihr auslöste.

Ihrem Tagebuch vertraute sie später an: »Am Abend besprachen wir, R[ichard] und ich, das eigentümlich Geheimnisvolle unsrer Verbindung. Wie schüchtern zugleich und überschwenglich die ersten Annäherungen, wie planlos unsere erste Vereinigung, wie schweigsam immer wir nur auf Resignation dachten, und wie die Verhältnisse und die Menschen uns zwangen, zu erkennen, daß unsere Liebe einzig ächt war und wir beide uns einzig unentbehrlich wären.« Und sie erwähnte, dass zwei Themen, die in der »Starnberger Zeit«, ihrer »Liebeswoche«, entstanden, ihre Umsetzung im Ring des Nibelungen fanden.[16]  Dazu gehört Brünnhildes Gesang »Ewig war ich, ewig bin ich« aus dem letzten Akt von Siegfried, 3. Szene. Dass Wagner mit diesem Motiv diese Zeit mit ihrer Liebe verband, zeigt sich daran, dass er es später für das Siegfried-Idyll verwertete, ein Orchesterstück zur Feier der Geburt ihres Sohnes, das er Cosima widmete.

Cosima begriff, dass sich ein einmaliger Künstler seinen Weg bahnte, der Anerkennung, Ruhe zum Arbeiten und erotische Befriedigung benötigte, und dass sie ihm Stetigkeit, Geborgenheit, Schutz vor der Außenwelt und absolute Hingabe bieten konnte. Selbst unglücklich mit einem Mann, der nicht zu ihr passte, war sie bereit, sich auf Richard einzulassen. Wie Richard beging sie einen Ehebruch, sie riskierte eine Schwangerschaft und war gezwungen, nicht nur ihren Ehemann und ihren Vater zu belügen, sondern auch die Außenwelt.

Richard suchte nun in München, wo er als Dirigent arbeiten sollte, eine Wohnung für Cosima und Hans. Er schrieb Hans, er fände alles, was sie betreffe, »ausserordentlich u. ungewöhnlich«. »Ihr gebührt Freiheit im edelsten Sinne«, schrieb er weiter. »Sie ist kindlich u. tief – die Gesetze ihres Wesens werden sie immer nur auf das Erhabene leiten.«[17]  Ihre Überhöhung umgab den Betrug an Hans mit einem speziellen Glanz. Das »Erhabene« hatte einen besonderen Platz in Wagners Lebensauffassung. Indem Cosima dieser Kategorie zugeordnet wurde, hoffte er, dass die bürgerlich-moralischen Gesetze nicht für sie galten.

Am 10. April 1865 um 8.40 morgens wurde Cosima in München von Richard Wagners erstem Kind Isolde Josepha Ludovika entbunden. Der Name hing mit der Orchesterprobe des ersten Akts von Tristan und Isolde zusammen, die am Tag der Geburt stattfand. Das Kind wurde in der Stiftskirche St. Bonifaz in München katholisch getauft – Wagner war Pate. Hans von Bülow als der offizielle Vater war als Dirigent des Tristan mit dem Namen ›Isolde‹ ebenso verbunden wie der leibliche Vater.

Hans hielt unbeirrt an seiner Ehe fest, auch nachdem er die Wahrheit kannte. Er ließ sich in München und später in Luzern als Vater Isoldes und später Evas ins Taufregister eintragen und bekannte sich weiterhin zu den beiden Töchtern Richards.[18] 

Am 27. Geburtstag ihrer Tochter erinnerte sich Cosima an die Geburt.

»Mein geliebtes Kind,

Ich blicke auf den Tag zurück, an welchem Du die Welt mit dem freundlichsten Schrei begrüßtest, und gedenke Deiner Kindheit und erster Jugend wie auf das Schönste, was mir beschieden war. So lieblich und friedlich Du von dem ersten Augenblicke an mir hingst, so durchaus zufrieden bliebst Du allüberall, nichts begehrend, nichts beneidend, und die seltenste Gabe, die göttliche, der Harmlosigkeit, schien Dir in so reichem Maße beschieden, daß ich nicht anders glauben konnte, als daß Gott in mein damals so harmvolles Dasein Dich gesendet, um mir zu versichern, daß doch alles gut sei. Und wenn ich mich viel mit dem Geschick Deiner älteren Schwestern beschäftigte und mich frug, wie ich es zum besten wenden könnte, für Dich sorgte ich mich nicht.«[19]  Die Zeilen vermitteln die besondere Bindung Cosimas an Isolde.

Einige Wochen nach Isoldes Geburt wurde Tristan und Isolde uraufgeführt: musikalisch das fortschrittlichste Werk Wagners und seiner Zeit, und inhaltlich das Gewagteste, da es die Liebe zweier Menschen mit allem Begehren musikalisch umsetzt. Die Gemüter waren demnach aufs Höchste erregt. Verschiedene Parteien bekämpften sich, es gab sogar Spaltungen im Orchester. Aber Richard dachte mehr an seine große Liebe. Er ertrug es kaum, dass Cosima im August 1865 mit Hans zu ihrem Vater Franz Liszt ins ungarische Pest reiste und einen ganzen Monat fortblieb. Den Säugling ließ sie in München zurück. Liszt hatte die Reise bewusst geplant, um Cosima von Richard fernzuhalten. Dem praktizierenden Katholiken widerstrebte der Gedanke einer Trennung der Tochter von seinem Lieblingsschüler Bülow ebenso wie der große Altersunterschied zwischen Richard und Cosima, der 24 Jahre betrug. Er glaubte, sie von ihrer Liebe abbringen zu können, und begriff nicht, dass dies im akuten Zustand ihrer Verliebtheit besonders peinigend für die beiden war. Cosima schenkte Richard ein Tagebuch, in dem er alles für sie festhalten sollte. Diese Kladde enthält denn auch die quälendsten und unglücklichsten Zeilen, die er je niederschrieb. Das wegen seines Ledereinbands sogenannte Braune Buch wurde für ihn zum Refugium; hier konnte er seine geheimsten Ängste und seine Verletztheit ausdrücken.

Die Wochen ohne sie setzten ihm zu, weil er fürchten musste, Cosima würde für immer zu ihrem Ehemann zurückkehren. Nach einem Besuch seiner Tochter machte er Cosima in seinem Tagebuch Vorwürfe: »Und von Isoldchen läufst Du fort, nun schon 5 Wochen –: Du verdienst eben nicht so ein liebes Kind! Wenn Du wieder auf Abenteuer gehst, nehme ich das Kind zu mir, und Du …!«[20]  Nach dieser Eintragung fehlen übrigens Blätter, sie waren später von seiner Tochter Eva aus dem Buch herausgeschnitten worden, weil sie weitere Vorwürfe an Cosima enthielten. Die Angst, Cosima zu verlieren, verwandelte sich zuweilen in Aggression.

Er wolle niemanden sehen oder sprechen, solange Cosima nicht da war, und wirkte wie ein hilfloses Kind. Während er sich die Geliebte herbeiwünschte, war sie weit weg in Termine und Zwänge eingebunden, die sie vermutlich souverän absolvierte, weil sie sie von ihrem persönlichen Kummer ablenkten. Für Richard war das eine Anfechtung: »Mir geht’s nicht gut. Meine armen Nerven! […] Cos ist anders. Die hat das Herz voll Wunden, sieht sich doch aber dabei Bilder, Leute und Gebäude an, hört Musik, freut sich an Fackelzügen u.s.w. […] So sind die Frauen! Sie können Alles. Die Männer nicht.«[21]  Seine Eifersucht auf Franz Liszt quälte ihn: Du hast ja auch eben Deinen Vater dabei. Versteht sich, ist das was andres! – […] Du Böse!«[22]  Cosima musste in Pest die glückliche Ehefrau und zufriedene Tochter spielen, während die vier Monate alte Isolde daheim in der Obhut einer Pflegerin war. Wer mehr litt, bleibt daher offen. Ganz untätig war Wagner in dieser Zeit nicht, denn Ende August entstand der erste Prosaentwurf zum Parsifal.

Am 13. September 1865 kehrte Cosima endlich aus Pest zurück. Richard war inzwischen für eine Zahnbehandlung nach Wien gereist, von dort schrieb er ihr: »O Himmel, könnte ich mit Dir und Isoldchen noch glücklich sein!«[23]  Der Zustand zermürbte ihn und die Vorstellung einer trauten Familienidylle zusammen mit dem Kind schien ihm die Lösung zu sein.

In München brauten sich Wolken zusammen, denn Wagner war scharfen Presseangriffen ausgesetzt, was auf seine Pläne zur Errichtung eines Theaterbaus und einer Musikschule zurückzuführen war, aber auch mit seiner Nähe zu Ludwig II. zusammenhing. Wagner hatte gegenüber dem jungen Mann große Selbstsicherheit erlangt, die mitunter zur Selbstüberschätzung führte, wenn er glaubte, ihn auch politisch beeinflussen zu können. Diese Versuche blieben nicht unbeachtet. Dass er vom König ausgehalten wurde und eine privilegierte Position innehatte, ließ ihn zum Hassobjekt der Journalisten werden. Er hatte im Oktober 40000 Gulden bar erhalten, so dass sich die Kritik wegen seines Geldbedarfs nochmals steigerte. Zu allem Überfluss machten auch noch Gerüchte über die Beziehung Richards zu Cosima die Runde. Wagner ließ sich jedoch nicht einschüchtern. Die Angriffe feuerten ihn zusätzlich an, und er ließ einen Artikel in der Zeitung veröffentlichen, in dem er die Abwahl von einigen Politikern forderte. Ein solcher Einmischungsversuch konnte nicht toleriert werden und führte schließlich zu der Verfügung Ludwigs II., wonach Wagner München verlassen sollte. Der Weggang wurde ihm mit einer jährlichen Apanage in Höhe von 8000 Gulden erleichtert.

Die Suche nach einem passenden Wohnort erwies sich als schwierig – vielleicht auch, weil er selbst nicht wusste, wie das Leben weitergehen sollte. Einen Tag vor Heiligabend mietete Richard das Haus »Les Artichauts« am Genfer See als Provisorium.

Ende Januar 1866 verstarb seine Ehefrau Minna in Dresden. Am 7. März traf Cosima mit ihrer Tochter Daniela in Genf ein; über einige Stationen erreichten sie Luzern, immer auf der Suche nach einem passenden Wohnhaus für ihn. Am Vierwaldstättersee zeigte Richard ihr einen seiner Lieblingsorte, das heutige Rütli (damals Grütli genannt). In Tribschen, am Rand des Sees gelegen, stießen sie auf ein ansprechendes zweistöckiges Landhaus, das der Luzerner Patrizierfamilie Am Rhyn gehörte. Das schlichte Gebäude, heute ein Wagnermuseum, befindet sich auf einer Landzunge unweit von Luzern. Idyllisch gelegen, erfüllte das Haus die von beiden gewünschte Nähe zur Natur und es besaß einen unverstellten Blick auf den See und die Bergwelt. Noch heute strahlt die Gegend Frieden und Ruhe aus. Man überschaut die Rigi, den Bürgenstock und den mächtigen Pilatus, der als alpines Wahrzeichen Luzerns die Stadt überragt. Endlich hatte Wagner ein Objekt gefunden, das ihm ganz zusagte, und er unterzeichnete den Mietvertrag am 4. April. Hier sollte Isolde ihre ersten Lebensjahre verbringen. Sie kam im Alter von elf Monaten dorthin, hielt sich aber die folgenden drei Jahre häufig in München bei Hans von Bülow auf.

An Isoldes erstem Geburtstag schrieb Richard an Cosima, die mit Hans auf Reisen war: »Nicht wahr, ich bin einmal schön ungezogen? Willst Du’s auch wissen, warum? – Ah! gleich sollst Du’s hören! – 1., ist heute Loldi’s Geburtstag, und da wird Champagner getrunken. 2., nehme ich mir vor, mit Vorstel von heute ab über nichts mehr zu verkehren, als über ihre Zurückkunft zu mir, ihren Einzug in den Triebschen.«[24]  (»Vorstel« war Cosimas Spitzname, entnommen Schopenhauers Buchtitel Die Welt als Wille und Vorstellung, und »Loldi« war Isolde). Er war verletzt, denn er wollte mit der Mutter seines ersten Kindes zusammen seine Vaterschaft feiern, nun musste stattdessen der Champagner herhalten. Zwei Tage vor dieser Klage hatte er Hans vorgeschlagen, mit seiner Familie zu ihm zu ziehen. Im Parterre sollten Hans und Cosima leben, Richard wollte das mittlere Stockwerk für sich haben, und ganz oben sollte ein Teil des Personals mit den Kindern wohnen. »So können wir zusammenleben, ohne uns im mindesten zu stören.« Er schrieb noch, dass seine Einkünfte gänzlich ausreichen würden, um eine größere Familie zu versorgen. Bürgerliche Vorbehalte scherten ihn nicht; ihm ging es darum, Cosima um sich zu haben, alles andere würde sich vermutlich ergeben.

Die Bülows reisten tatsächlich im Juni 1866 nach Tribschen; sie blieben bis Anfang September dort und kehrten dann nach München zurück. Cosima gefiel die Gegend, an König Ludwig schrieb sie: »Der einfache, aber große Garten führt zum See, vor uns steht der Rigi in schwerfälliger Pracht, an der Seite der Pilatus wie ein gewaltiger Drache […] Als ich am ersten Morgen die Kleinen im Garten einrichtete und von oben die Meistersingerklänge zu mir drangen, dachte ich, mein Herz würde vor Freude springen.«[25]  Hans, der sich noch immer als Cosimas Ehemann begriff, konnte in der Atmosphäre nicht komponieren, die Situation bedrängte ihn, seine nervliche Anspannung nahm zu. Er begab sich mit Cosima nach Basel, wo er sich kurz niedergelassen hatte, auch um Distanz zur Münchener Klatschpresse zu gewinnen, und unterrichtete dort. Richard blieb allein in Tribschen und klagte: »Cosima’s Kinder sind noch bei mir: Gott weiss, wie es bald unter uns wird!«[26]  Erst am 11. Oktober kehrte Cosima zu Richard zurück.

Richard musste sich mit dem Gedanken anfreunden, Cosima mit Hans zu teilen. Der Komponist, der in seinem Werk die Facetten menschlichen Denkens, Empfindens und Handelns wie kaum ein anderer wiederzugeben vermag, war in Bezug auf die eigene Situation ratlos. Wenn Hans es nicht schon ahnte, erhielt er Gewissheit von der Natur der Beziehung durch das Aufbrechen eines Liebesbriefes Cosimas an Richard.[27]  Dennoch verschleierte er das Dreiecksverhältnis nach außen, um den bürgerlichen Schein aufrechtzuerhalten.

Wagner freute sich an seiner Tochter, und Cosima sorgte dafür, dass er sich auf die Fertigstellung der Meistersinger konzentrieren konnte. Das Werk erforderte höchste Konzentration. Im November 1866, er befand sich mitten in der Arbeit, bezog der junge Musiker Hans Richter in Tribschen Quartier, um als sein Assistent aus der handschriftlichen Partitur die Druckvorlage zu erstellen. Es machte ihm auch Spaß, mit den Kindern zu spielen oder sie zu begleiten.

Auch von Tribschen aus führte Wagner weiterhin einen lebhaften Briefverkehr mit Ludwig II. Seine Briefe zeigen eine peinlich-ungenierte Mischung aus Subordination (»An Ihrem Herzen zu Ihren Füssen«) und dem maßlosen Wunsch, den König politisch zu beeinflussen. Die Selbstüberschätzung des politischen Laien ist atemberaubend: »Meine Liebe zu Ihnen hat das unfehlbar Richtige aufgefunden, was Sie – Sie – von Sich selbst aus – ergreifen müssen, um – ohne die allermindeste Gefahr – Bayern groß zu machen und für alle Zeiten sicher zu stellen.«[28] 

Hans, der sich inzwischen für Basel als festen Wohnsitz entschieden hatte, verlangte nun, dass Cosima ihm folge, was sie auch tat, allerdings nur zeitweise. Am 17. Februar 1867 brachte sie Richards zweite Tochter Eva zur Welt, die Hans, wie schon Isolde, als seine Tochter reklamierte. Am Tag ihrer Geburt traf er in Tribschen ein und blieb eine Woche lang: ein Zeichen, dass er das Kind als seine Tochter ausgeben wollte. Sollte damit Cosima vor dem Vorwurf des Ehebruchs geschützt werden? Wie wird Richard zumute gewesen sein, wenn Hans am Bett seiner Frau mit dem Baby umging, als wäre er der Vater? In sein »Braunes Buch« schrieb er: »Ein kurzer bleierner Schlaf brachte mir alles Elend meines Lebens wie aus dem tiefsten Grund meiner Seele herauf. – Ich ersehne eine große Krankheit und Tod. Ich mag nicht mehr, – will nicht mehr! Hätt’ es ein Ende, ein Ende!!«[29]  Dennoch beendete er in Tribschen die Partitur der heiteren Oper Die Meistersinger von Nürnberg, eine bewundernswerte Leistung angesichts der emotionalen Turbulenzen.

Nach wie vor empfand Cosima eine besondere Zuneigung für Isolde, und das nicht nur, weil sie Richards erstes Kind war. Von klein auf lebhaft, hing sie sehr an der Mutter. Als Dreijährige konnte sie sich praktische Ausreden ausdenken. Cosima gab ihr zwei Schokoladenplätzchen für Eva. »Nachher frug ich sie ob sie sie gegeben, und da sagte sie, ›James [ihre Puppe] hat mir gesagt, ich solle sie essen‹.« Es gab eine Strafe und am nächsten Tag musste sie Eva zwei Kuchenstücke geben, was Isolde brav tat. Eine gewisse Renitenz, aber auch Leidenschaft zeigte sie schon früh, so schreibt Cosima: »Ich küsse Euch à la Loldi, d.h. recht lange und stark.«[30]  Von der Familienfreundin Malwida von Meysenbug stammt eine Einschätzung des Mädchens: »Die kleine Egoistin der Familie ging ihren eigenen Weg, kümmerte sich um nichts außer um sich selbst, machte sich keine Sorgen, dachte nur an Lachen und Vergnügen und war im übrigen ein kleiner Spaßvogel.«[31] 

Die Situation blieb weiterhin ungeklärt. Hans war viel unterwegs und kam sporadisch zu Besuch. Es waren Monate, ja Jahre voller quälender Konfusion und Unentschiedenheit zwischen drei Erwachsenen. Der Klatsch um Cosimas Ehe zu dritt erreichte jetzt auch den König, der empört war: »Sollte also wirklich Ehebruch mit im Spiele sein! – dann wehe!«[32]  So war es bitter nötig, dass Richard den König im Juli über Cosimas Wegzug aus München informierte. Er belog ihn weiterhin, indem er den Grund für ihre Übersiedlung auf ihre Gesundheit schob: angeblich hätten Ärzte ihr dringend ein milderes Klima empfohlen.

Von Ende 1867 bis Februar 1868 hielt sich Wagner wegen der Meistersinger-Aufführung in München auf. Die Proben verliefen zäh, weil er die Feindseligkeit und Entfremdung Bülows empfand. »Tiefste Muthlosigkeit zu irgend welcher Bewegung: in dem Schicksal meines Verhältnisses zu Cos. u. Hans den Grund der Unfähigkeit alles Wollens erkannt.«[33]  Aber auch Hans stand einen schweren Kampf durch: das Werk dirigieren zu müssen, das der Geliebte seiner Frau komponiert hatte, und zugleich den außerordentlichen Rang der Komposition zu erkennen, war quälend für ihn.

Obwohl Cosima ihrem Ehemann im Mai 1868 mitteilte, dass sie sich auf Dauer mit Richard verbinden wolle, war die Tortur für sie noch nicht vorbei, denn im Oktober reiste sie mit ihren vier Töchtern noch einmal nach München, wo es zu einem heftigen Zerwürfnis mit Hans kam. Sie versuchte ihm klarzumachen, dass sie gar keine Wahl habe, weil das Schicksal diese Mission von ihr verlange. Es war vielleicht weniger »ein Akt der Sinne und höchster Leidenschaft, der sie dem Meister zuführte, sondern das klare Bewußtsein, daß er ohne ihre Hilfe verloren [war]«, wie es Moulin Eckart kommentiert.[34]  Im November siedelte Cosima zusammen mit Isolde und Eva endgültig nach Tribschen über. Die beiden Bülow-Töchter blieben vorläufig in der Obhut von Hans bzw. seiner Mutter. Damit war Cosimas räumliche Trennung von Hans vollzogen, wobei die juristische Klärung erst zwei Jahre später, im Juli 1870, folgen sollte, als Siegfried geboren wurde und die Scheidung ausgesprochen werden musste. Wagners bisher unstetes Leben fand jetzt ein Ende.

Liszt reagierte heftig auf Cosimas Bekenntnis. Er erfuhr von ihr, dass nichts Unzüchtiges sie leiten und sie allein für Richard leben würde. Aber er blieb unnachgiebig: was sie tue, sei gegen Gottes und des Menschen Gebot. Sie solle aufhören, sich zu opfern, und lieber vor Gott auf die Knie fallen. Sie sei für Hans auch wichtig und habe ihn aus Liebe und mit freiem Willen geheiratet. Hans habe sich immer nobel ihr gegenüber verhalten, und sie sei ebenso notwendig für ihre vier Kinder.[35]  Es ist erstaunlich, dass gerade Liszt dies sagte, er, der seine Kinder – nach Aussagen von Cosima – als Vater arg vernachlässigt hatte.

Als deutlich wurde, dass die Lügen gegenüber Ludwig II. nicht mehr verfingen, beschloss Cosima, sich zu Richard zu bekennen. Nach einer mehrjährigen Belastung für alle Beteiligten erwies sich diese Entscheidung als ein Glück für beide. »Als ich elf Jahre [nach der Heirat mit Bülow] in tiefster Noth nach Triebschen [sic] ging, nicht einen Augenblick habe ich an Scheidung gedacht. Zwei Jahre wiederum vergingen und sie wurde mir zu Theil«, schreibt Cosima später an Daniela.[36]  Allmählich begriffen Cosima und Richard, welches Glück sie sich erkämpft hatten. Trotz ihrer Schuldgefühle gegenüber Hans, die sie ihrem Tagebuch immer wieder anvertraute und später auf Daniela übertrug, erfährt man darin vieles über ihre Freude mit den Kindern, den Umgang mit der Dienerschaft, über Ausflüge, Reisen und Besucher.

Wagner wünschte sich einen herrschaftlichen Lebensstil. Zum Haushalt gehörten eine Erzieherin, ein Kindermädchen, dazu die Wirtschafterin Vreneli, deren Nichte Marie, die Köchin Louise sowie der Hausbursche Steffen und der Hausknecht Jost. Außerdem gab es noch zwei Pfauen, zwei Katzen, ein Pferd, den riesigen Neufundländer Russ, den kleinen Pinscher Kos sowie eine Menge Mäuse im Haus. Nach dem Mittagessen machte Richard normalerweise einen langen Spaziergang, kehrte zwischen 17 und 18 Uhr heim und begab sich für eine halbe Stunde zu seinen Töchtern in die Kinderstube.

Gerne spazierte er nach der Arbeit nach Luzern, um dort ein Bier zu trinken und sich mit den Einheimischen zu unterhalten. Noch heute kann man die überdachte Holzbrücke von 1333 bewundern, die den Fluss Reuss überspannt und nach einem Brand 1993 renoviert wurde. Die Altstadt besaß sehenswerte Bürgerhäuser: Am Quai standen schon damals prächtige Gebäude, hinzu kamen Türme und Brücken. Auf dem See sah man Dampfschiffe, drumherum tat sich die gewaltige Berglandschaft auf. Man konnte hier gut leben.

2.Isoldes Kindheit 1868-1871

Richard war der glücklichste Vater. Er hatte in seiner Ehe mit Minna Kinder entbehrt, nun aber war ihm mit 52 Jahren das erste Kind geschenkt worden, dem zwei weitere folgen sollten. Nach der anstrengenden Arbeit am Schreibtisch überkam ihn oft die Lust, über die banalsten Dinge zu lachen, ob Wortspiele oder Kalauer. Seine Freude an solchen Spielereien war für die Kinder herrlich. »Wie die drei Kleinen gestern um uns (wie immer abends!) tobten, sangen, schrien, sagte R.: ›Wir wissen gar nicht, wie glücklich wir sind!‹« Zugleich wurde ihm bewusst, wie ihm die Zeit davonlief: »Ich freue mich der Kinderchen um unser Haus, des vielen Lebens, das um mir ist, nur möchte ich 15 Jahre jünger sein«, verriet er Cosima, die er zuweilen »die gute Glucke« nannte.

Geburtstage wurden im Hause Wagner von nun an opulent gefeiert. An Richards 56. im Mai 1869 standen alle vier Kinder − in Anlehnung an Rienzi − als Friedensboten vor seiner Büste, »genau nach der edelsten Vorschrift costümirt«, frische Palmen in der Hand, und sie empfingen das Geburtstagskind mit der Musik aus dieser frühen Oper, die Hans Richter im Nebenzimmer auf dem Klavier spielte.[37] 

So glücklich er und Cosima über die Kinder waren, Cosima sah es als ihre wichtigste Aufgabe an, Richard zur Vollendung des Rings des Nibelungen zu verhelfen, und sie war begeistert, als er ihr im Januar 1869 ankündigte, unbedingt Siegfried beenden zu wollen. Sie positionierte sich bewusst als Dienerin, denn er wurde oft heftig, wenn sie widersprach, und ließ sie in Konfusion und Verwunderung zurück, weil sie ihn nicht verstand. Freilich mochte er keine andauernden Streitereien und versöhnte sich bald wieder, doch sie lernte rasch, Meinungsverschiedenheiten möglichst zu vermeiden und seine gelegentlichen Ausbrüche als Zeichen einer übermäßigen Empfindlichkeit einzuordnen.

Das Zusammensein hatte für beide unschätzbare Vorteile. Sie gab ihm vor allem Stetigkeit und sorgte dafür, dass er nun ohne Unterbrechungen in Ruhe arbeiten konnte. Während er ihr die Fertigstellung seiner letzten Werke zu verdanken hatte, wurde sie durch ihn an anspruchsvolle Schriften herangeführt, und durch das abendliche Vorlesen erweiterte sie ihren Bildungshorizont. Gemeinsam lasen sie Calderón, Shakespeare, Schiller und Goethe (Faust 2. Teil »mit Entzücken«), Thomas Huxleys Rede über die Erziehung (»vortrefflich«), aber auch Belletristik von Walter Scott und viel Tagesliteratur, die bei Missfallen oft beiseitegelegt wurde. Nur selten erwies Cosima sich als prüde, als sie beispielsweise Wilhelm Heinses mit erotischen Schilderungen gespickten Roman Ardinghello als »nicht griechisch, sondern französisch« abtat.[38]  Eine solche Erotik galt als vulgär, und die Lektüre wurde abgebrochen. Man unterhielt sich über zahllose Themen, und es wurde viel musiziert – Cosima konnte als Pianistin Richards Werke in ihrer Komplexität genauer einschätzen, als seine erste Ehefrau Minna es getan hatte, die als Schauspielerin eher auf bühnentechnische Fragen eingehen konnte.

Bülow schickte im Laufe des Jahres 1869 seine beiden Töchter Daniela und Blandine zu Cosima, da er nach Florenz ziehen wollte. Die Freude war groß, als sie dauerhaft einzogen. Das Paar bemühte sich sehr darum, den Mädchen eine gute Kindheit zu bieten. Ausflüge gehörten zu den Höhepunkten. Um den traditionellen »Fritschi«, den Fastnachtsumzug der Luzerner, zu sehen, speiste man im Luzerner Hotel du Lac und schaute dem bunten Zug zu. Sie besuchten den Zirkus, Knie’s Arena genannt, und sahen aufgeregt zu. Einen Tag später gingen sie zum Jahrmarkt: Kasperltheater, Wachskabinett, Karussell. Es war kein Wunder, dass sich Isolde später gerne an die selige Kinderzeit erinnerte.

Die Kinder wünschten sich ein Pferd, und als Grane eintraf, sprangen sie jubelnd auf den Karren und tanzten. Hans Richter war den Kindern ein Spielkamerad und versetzte mit seiner Waghalsigkeit die Mutter zuweilen in Ängste. Als er die Kinder einmal im Kahn mitnahm, steuerte er die Küste entlang, und Cosima lief am Tribschner Ufer in »der törichsten und unsäglichsten Angst« mit.[39]  Beim Schlittenfahren begoss er zum allgemeinen Entsetzen der Erwachsenen und zur Freude der Kinder die Pfade mit Wasser, um eine Eisbahn herzustellen.

Cosima verbrachte zuweilen ganze Tage mit den Kindern im Garten, oder sie spielten dort allein. Es gab Spring- und Reifenspiele, man pflückte Beeren, nahm Turn- und Tanzstunden. Die Kinder schaukelten nach Herzenslust und erlernten das Schwimmen, was damals für Mädchen ungewöhnlich war. Vielleicht ließ Cosima es zu, weil die Villa so nah am See lag. Sie liefen auch Schlittschuh, und Cosima schreibt, sie seien recht geübte Schlittschuhläuferinnen geworden, »Loldi fanatisch, ungraziös, sah aus wie ein Hussite nach Richard’s Ausdruck, Boni gelassen vornehm, eroberte sich einen Cavalier, ein kleiner sehr wohl angezogener Junge aus guter Familie. Lulu mit Virtuosität nachdem die Angst überwunden war; Fidi kehrte die Bahn, und Eva ließ sich bewundern.«[40]  Cosimas Beschreibung zeigt, wie verbissen sich Isolde auf das Ziel konzentrierte.

Neben dem Spiel und dem Sport kamen auch Klavierstunden nicht zu kurz. Gerne spielte die Mutter mit den Kindern Komödie, und Isolde blühte dabei auf: »Loldi sehr schön, wie aus einer andren Welt, sagt R.«[41]  Man erfand Charaden, Cosima brachte ihnen Lotto und Domino bei und zeigte ihnen die Laterna magica – ein damals populäres Gerät, mit dem sich Bilder herstellen ließen, die real wirkten. Mit Nietzsches Hilfe, ein häufiger Gast im Hause Wagner, war ein Puppentheater aufgebaut worden. Ein Höhepunkt war jedes Mal das Eintreffen des Journals La Poupée Modèle – ein Blatt für junge Mädchen, das Schnittmuster enthielt, mit denen man Figuren bekleiden konnte. Die Mädchen schnitten und klebten begeistert.

Cosima wiederum war ein Kind des Ancien Régime, denn sie selbst wurde in jungen Jahren durch Strafen geprägt. Wenn ihre Kinder logen, kannte sie kein Pardon. »Die Kinder werden sehr ernstlich vorgenommen, mit ihnen geweint, gebetet, sie so weit gebracht, daß sie mich um Strafe bitten.«[42]  Als Isolde einmal »unartig zu heulen« begann, züchtigte sie Cosima mit der Rute, was sie bereute, weil sie das nach eigenem Bekunden sonst nie im Zorn tat. Besonders unerbittlich ging sie mit Daniela um, die sich selbständiger zeigte, als Cosima lieb war. Sie und ihre Schwester Blandine beklagten sich bei ihr über die strenge Behandlung. Richard lehnte körperliche Züchtigung ab – die strengeren erzieherischen Maßnahmen überließ er seiner Frau. Er ließ den Kindern einiges durchgehen: »Abends arbeiten die vier Mädel an R.’s Kopf und machen ihm Locken-Papilot[t]en!«[43]  Sie durften also seine Frisur mit Lockenwicklern traktieren. Und Kindergeschrei inspirierte ihn sogar zu Kompositionen: »R. tollt viel mit den Kindern herum, die gar lieblich sind […] beim Dadadada des Fidi [Siegfried] entwirft R. einiges an der Erzählung Waltrautes (er ›entsendet die Raben‹).«[44] 

Die Jahre in Tribschen wurden von den Geschwistern später als eine glückliche Zeit erinnert, obwohl Isolde die Strenge ihrer Mutter nie vergaß. Richard hatte nun die Muße und Konzentration zum Komponieren und genoss es, eine Familie um sich zu haben. Cosima fand nach der Zerrissenheit der Jahre zuvor ihren Frieden, und die Kinder, die sich austoben durften, erhielten dennoch eine geistig anspruchsvolle und vielseitige Ausbildung.

Gewöhnlich speisten die Kinder von den Eltern getrennt, aber hin und wieder durften sie die Mahlzeiten mit den Erwachsenen einnehmen. Cosima achtete sehr auf die Bildung der Kinder und unterrichtete sie früh in Sprachen, Geographie, Arithmetik und in weiteren Fächern. Sie spielte, las und sang auch mit ihnen, und war »verstimmt über einen Tag, der ohne Kinderstudium vorübergegangen ist«. Als sie herausfand, dass Daniela ein musikalisches Kindermärchen von Elise Polko las, unterband sie dies. Stattdessen griff sie zu Shakespeare und las den Sturm vor: »Große, erhaben sittliche Wirkung davon«[45]  (Daniela, die Älteste, war damals gerade 9 Jahre alt).

Daniela und Blandine, die die Konflikte zwischen ihrem Vater Hans von Bülow und Cosima bewusst miterlebt hatten, werden sich mit dem Vater teilweise solidarisiert haben. Es kam zu Auseinandersetzungen, denen Richard sich gerne mit Humor entzog. »Du ziehst gewiß die Kinder zu Heiligen auf, den ältesten gibst du die Rente, und die andren müssen mit selig blassen Mienen herumlaufen!«[46]  Daniela und Blandine jedenfalls hatten keine Möglichkeit, das Trauma der Elterntrennung zu verarbeiten.

Die Geburt Siegfrieds am 6. Juni 1869 war ein einschneidendes Ereignis sowohl für Richard, der sich so sehr einen Sohn gewünscht hatte, aber auch für Cosima. Als die Hebamme Cosima sagte, sie habe einen Jungen geboren, weinte und lachte sie zugleich, um dann der »Weltseele« zu danken – sie übernahm Richards Denken in überdimensionalen Kategorien. Das überbordende Glück zeigt, wie viel mehr damals ein Junge im Vergleich zu einem Mädchen galt. Richard hatte endlich einen Nachkommen, der sein Werk hüten und weitertragen konnte. »Ein Sohn Richards ist der Erbe und einstige Vertreter des Vaters seiner Kinder; er wird der Schützer und Geleiter seiner Schwestern sein«, trug er in das Tagebuch Cosimas ein, weil sie nach der Geburt noch zu schwach war, selber etwas zu schreiben.[47]  Die Mädchen sollten gemäß den damaligen Vorstellungen heiraten und sich dann einem Mann unterordnen. Blieben sie unverheiratet, würden sie sich dem brüderlichen Schutz unterstellen können, mit Ausnahme von Daniela, die Cosima im Geiste schon als Begleiterin ihres Vaters sah. Das half ihr, ihre Schuldgefühle gegenüber Hans zu kompensieren.

Es war den Eltern unmöglich, sich vorzustellen, dass der Knabe mit Nachnamen »Bülow« heißen sollte. Es musste umgehend geheiratet werden, um die Dynastie auch nach außen zu manifestieren, denn solange Cosima noch mit Hans verehelicht war, galt Siegfried rechtlich als ein Abkömmling aus dieser Ehe. Dass Eva und Isolde Bülows Namen trugen, war der Schicklichkeit halber noch hinnehmbar, keinesfalls aber für den Stammhalter. Johann Tschudi, der protestantische Pfarrer der Luzerner Matthäus-Kirche, ließ ausrichten, dass er Siegfried nicht auf den Namen »Wagner« taufen könne. Das gab ihr die Kraft, mit Hans endlich eine Lösung zu finden. Einige Tage nach der Niederkunft schrieb Cosima ihm einen langen, sehr persönlichen Brief und bat um sein Einverständnis zur Scheidung. »Wenn ich versuchte, zwischen uns einen ehrenvollen Frieden wiederherzustellen, hast Du mir mit Ironie geantwortet, wenn ich Dich um eine endgültige Trennung bat, wolltest Du mich nicht anhören.« Im Namen der Kinder bat sie ihn, sich offiziell von ihr zu trennen und ihr zu erlauben, die Kinder zu erziehen. Natürlich wolle sie in Verbindung mit ihm bleiben. Sie verwarf seinen ursprünglichen Plan, die Kinder seiner Mutter zu überlassen.[48] 

Hans willigte schließlich in die Scheidung ein, die Cosima jedoch betreiben sollte: »Je n’ai aucun motif pour proposer le divorce, pour y tenir.«[49]  Er überließ ihr die Kinder sowie die Verantwortung für ihre Erziehung. Einige Wochen später unterzeichnete sie eine gerichtliche Akte und stimmte damit der Trennung offiziell zu. Richard war hierüber glücklich und sie war zufrieden, wenn auch bedrückt, da sie ahnte, wie bitter dies für Hans war.[50]  Dann las Richard in der Zeitung, dass Liszt versuchte, Hans von der Scheidung abzubringen. Liszt sollte noch Jahre später mit Cosimas Entschluss hadern. Seine Geliebte Fürstin Carolyne sprach von »Wagners Verführung der Cosima« und nannte die Verbindung »eine Katastrophe«.[51] 

Am 18./20. Juli 1870 wurde die Ehe von Hans und Cosima von Bülow wegen ›böslicher Verlassung‹ seitens der Ehefrau vom Stadtgericht Berlin geschieden.[52]  Die Scheidungsurkunde weist vier Kinder aus: Daniela / ​Blandine / ​Isolde / ​Eva. Alle waren gesetzlich Kinder von Hans – Siegfried wird nicht genannt, er existierte damit formaljuristisch nicht. Einige Tage darauf wurde er mit Hilfe der Luzerner Behörden auf den Namen »Siegfried Helferich Wagner« getauft. Auf der von dem evangelischen Pfarramt in Luzern ausgestellten Urkunde steht, dass er Richard Wagners eheliches Kind sei. Nun war endlich der Weg für die Trauung frei, die am 25. August, dem Geburtstag von Ludwig II., in der protestantischen Matthäus-Kirche von Luzern stattfand. Trauzeugen waren Hans Richter und die Schriftstellerin Malwida von Meysenbug.

Die Jahre vor der offiziellen Eheschließung waren für Cosima mit einer sozialen Verfemung sondergleichen verbunden gewesen, was Richard durchaus bewusst war: »Sie hat jeder Schmach getrotzt und jede Verdammung auf sich genommen.«[53]  Das war nun vorbei. Das Glück schien vollkommen und Cosima war seelisch von dem Zwang befreit, sich zwischen Richard und Hans aufteilen zu müssen. Ihre gute Stimmung wirkte sich auf das Zusammenleben aus. Oft widmete sich Richard allein dem Sohn – er bekam früh vermittelt, als Junge etwas Besonderes zu sein.

Deutlich wurde zwischen der Erziehung der Mädchen und der des Buben unterschieden. »Abends sagt mir R. von der höchsten männlichen Tugend, die dem Franzosen eben ganz abgeht, dem Gehorsam […] Ein Knabe ist verloren, der nicht gehorchen lernt.« Der Knabe begriff auch rasch, dass er als den Schwestern überlegen galt, und spielte das entsprechend aus: »Kindertisch mit Fidi, der als Mann schon seine Superiorität über die Schwestern geltend macht.«[54] 

Zu Wagners Geburtstag am 22. Mai 1871 richtete Cosima schon um 4 Uhr morgens den Salon feierlich her. In der Mitte stand wie im Jahr zuvor eine Büste Wagners, umgeben von Statuetten. Die Kinder trugen die Kostüme von Figuren aus seinen Opern. Cosima, die Sieglinde darstellte, stand mit Siegfried auf dem Arm neben dem Fuß der Büstensäule. Immer wieder nahm sie bei den Geburtstagsfesten Bezug auf Richards Opern. Eine solche Verherrlichung des Vaters prägte die Kinder, sie wurde aber durch Richards offensichtliche Freude an Späßen wieder durchbrochen.

Hans schrieb Cosima, dass seine Familie ihn immer noch mit der Aufforderung quäle, ihr die Kinder zu entziehen. Die Reaktion der Familie Bülow zeigt erneut, dass Cosima bei dem vorangegangenen Dreieckskonflikt als die Schuldige angesehen wurde. Richard wurde hingegen freigesprochen.

Wagners Arbeit an seiner Ring-Tetralogie näherte sich dem Ende: Die Partitur des Siegfried war nun fertiggestellt. Die Frage, wo der viertägige Ring des Nibelungen aufgeführt werden könnte, wurde zunehmend aktuell, und das Ehepaar Wagner beschloss, Opernhäuser im Deutschen Kaiserreich zu prüfen, ob sie für das gewaltige Werk in Frage kämen. Neben den Sängern und Sängerinnen inspizierte Richard die akustischen Gegebenheiten.

Die Reise begann im April 1871. Das Paar besuchte Augsburg, München, Nürnberg, Dresden, Berlin und verbrachte drei Tage in Bayreuth. Cosima erhielt einen »lieblichen« Eindruck der Stadt mit ihren 18000 Einwohnern. Das barocke markgräfliche Opernhaus hatte im 18. Jahrhundert eine Blütezeit erlebt, gefördert von der Markgräfin Wilhelmine, der Schwester Friedrichs des Großen, die als Komponistin, Mäzenin und Intendantin das kulturelle Leben wesentlich bestimmte. Eine Besichtigung ergab jedoch, dass das Haus sich für die Aufführung Wagnerscher Werke nicht eignete. Es war zu klein, das Orchester konnte nicht versenkt werden, und das barocke Interieur wird Richard unpassend erschienen sein. Dennoch schrieb er die Stadt nicht ab, da er schon wegen der Protektion, die er durch Ludwig II. genoss, in bayrischen Gefilden bleiben musste. So entstand schließlich der Plan, ein eigenes Gebäude in Bayreuth zu errichten.

Die Stadtverordneten erwärmten sich für diesen verwegenen Gedanken und stimmten dem Bau eines zweiten Opernhauses zu. Mitte Dezember besichtigte Richard ein Grundstück. Er suchte auch ein stattliches Wohnhaus für die Familie, fand aber nichts Geeignetes. Cosima vermerkte dazu lapidar: »Mit dem Schlossverwalter fahren wir überall herum, nichts konveniert ganz, also auch für uns bauen.« Sechs Jahre zuvor war Richard mittellos und von einer Verhaftung bedroht, weil er sich schwer verschuldet hatte − nun plante er neben dem eigenen Opernhaus den Bau einer repräsentativen Villa.

Die Kinder wurden allmählich auf den Umzug nach Bayreuth vorbereitet. Sosehr sie sich freuten, fiel es ihnen doch schwer, ihr Heim am Vierwaldstättersee zu verlassen. Diese Idylle inmitten der Natur blieb für die Kinder ein Hort des Glücks. Als Isolde Jahre später mit dem Schiff über den See an dem Haus vorbeifuhr, schrieb sie an Blandine: »Ich kannte alles wieder und gedachte wehmüthig unserer herrlichen tollen Kinderzeit.«[55] 

An Isoldes siebtem Geburtstag beendete Wagner die Kompositionsskizze der Götterdämmerung, die den gesamten Ring des Nibelungen und damit eines der gewaltigsten Werke der deutschen Musikgeschichte abschließt. Er schrieb darunter den Satz, dass er die Tetralogie an dem Tage beendet habe, »da mir vor sieben Jahren mein Loldchen geboren wurde. 10. April 1872«. Damit machte er seine Vaterschaft öffentlich. Cosima kommentierte: »R. hat für Loldchen das letzte Blatt der Skizzen aufgeschrieben.«[56]  Die Fertigstellung der Orchesterskizze drei Monate später (sie enthält als letzte Vorstufe zur Partitur die Instrumentierung) war ein weiterer Höhepunkt für Cosima. Sie betrachtete beglückt die Leistung »als die höchste mir gewährte Gnade der Gottheit und als das erreichte Ziel meiner Lebenswendung.«.[57] 

Die Vorfreude auf das neue Haus und die Umgebung steigerte sich von Woche zu Woche. Richard reiste vor dem Umzug allein nach Bayreuth voraus: »Der Ort wundervoll, göttlich für Kinder u. uns.«[58]  Ende April folgte Cosima nach. Sie trug die Last des beschwerlichen Umzugs: »Sturm, Regen, Rus [der Hund] in meinem Wagen, 10 Stück Handgepäck, Nachtübergang in das Dampfschiff selbst gefährlich, Loldi in eine Lache gefallen, Lulu hustend – Rus bei jeder Station von mir nach Wasser am Brunnen ausgeführt – und hier plötzlich wieder eine Traum- und Zauberwelt!«[59] , schrieb sie an Nietzsche. Die Familie zog in das Hotel Fantaisie in Donndorf bei Bayreuth ein, wo es den Kindern sofort gefiel, denn es lag direkt neben dem Schloss, das einen großen Park, einen Fischteich und Bäume zum Klettern besaß. Auch Russ war begeistert. Später zog die Familie in das Haus Dammallee 7 und blieb dort bis zur Fertigstellung Wahnfrieds im April 1874.

EXKURS: Der vergöttlichte Bruder

»Jetzt ist unser Kind erst geboren«, sagte Richard zu Cosima. Die Mädchen mussten die Vorrangstellung Siegfrieds (auch Fidi, Fudel, Fidula genannt) akzeptieren. Wieso aber klammerte Wagner seine Töchter aus, die er doch liebte? Er befand sich im Einklang mit der Zeit, als die Geschlechterunterschiede mit charakterlich »natürlichen« Merkmalen eng verknüpft waren. Er sah in Siegfried den Träger seines Erbes und Hüter seines Werks, denn noch ein Jahr vor dessen Geburt war er überzeugt, dass man nach seinem Ableben seine Werke »gänzlich sekretieren« und er nur »wie ein Phantom im Gedächtnisse der Menschheit leben« würde.[60]  Dies änderte sich mit einem Schlag, wie König Ludwig II. durch Richard erfuhr: »Die glückliche Mutter erkannte sogleich, daß all meine Vergangenheit und Zukunft einen durchaus veränderten Sinn habe: ›Jetzt lebst Du auch nach Deinem Tode das Leben weiter, strebst und wirkst fort und fort.‹«[61]  Insofern entstammte seine Sorge um den Sohn, der sein Werk hüten und verbreiten sollte, dem lebenslangen Wunsch, für sich zu werben.[62]  Aber seine Begeisterung ging weit darüber hinaus. Er glaubte, die »höchste Gunst des Schicksals« habe ihm einen »kräftig erwachsenden« Sohn geschenkt, und für ihn war Siegfried »ein blonder Beethoven«.[63]  Seine Phantasien wuchsen weit über den kleinen Kerl hinaus: »Der Weltgeist […] hat alles so gefügt; wir selbst sind ihm gezwungen gefolgt, ohne ihn zu verstehen.«[64]  Wagner sah somit eine schicksalshafte oder schier göttliche Kraft walten, die den Sohn zu Großem vorherbestimmte und den Betrug an Hans von Bülow rechtfertigte.

Die Schwestern (9, 6 und 4 Jahre alt) wurden nun angehalten, dem Bruder stets den Vortritt zu gewähren. Cosima machte ihnen klar, dass ihre Verehrung für den Vater nach seinem Tod auf den Bruder übergehen sollte: »Lebt nun für Siegfried, meine Kinderchen! Alle eure Gedanken seien hierauf gerichtet; es ist eine schwere, aber eine herrliche Aufgabe, und Ihr werdet, sie ständig erfüllend, mich stets bei Euch fühlen.«[65] 

Darauf, dass Wagner die künstlerische und die bürgerliche Optik nebeneinander vertrat, hat Thomas Mann genauso hingewiesen wie Theodor W. Adorno, für den sich Fortschritt und Reaktion in der Wagnerschen Musik fast unauflöslich verquicken.[66]  In der Kunst schuf Wagner eine Figur wie Brünnhilde, die die Grenzen der damaligen züchtigen Weiblichkeit durchbrach, um am Frühstückstisch dann Cosima zu erklären: »Die Orientalen betrachten mit Recht das Weib wie den Acker, in welchen sie den Samen streuen.«[67]  Sollte eine Frau eigene Wege gehen wollen, machte sie sich damit verdammungswürdig und war mit großer Schärfe zu kritisieren.

Im Ring des Nibelungen, der zu der Zeit komponiert wurde, als das Siegfried-Idyll entstand, ist die Priorität des Männlichen trotz der menschlich berührenden und aktiven Rolle Brünnhildes augenscheinlich. Mit seinem Heroenkult sowie der Zuweisung der Liebe an die Frau vertrat Wagner damit eine traditionell-konservative Position. In der Gestaltung des Bühnen-Siegfried liegt der Versuch, einen neuen (männlichen) Menschen zu konstruieren, auch wenn dieser scheitert. Und bei der Geburt seines eigenen Sohnes blieb es nicht aus, dass Richard seine Wünsche und Hoffnungen auf ihn projizierte. Während er für die Töchter nur ein Kinderlied (»Schlaf, Kindchen, schlaf«) schrieb, schuf er mit dem Siegfried-Idyll, das er Cosima widmete, ein Instrumentalwerk, das die Geburt des Sohnes feiert. Es gehört in seiner Zartheit und liebenswürdigen Ausstrahlung zu den beliebtesten Orchesterstücken des Komponisten. Das Werk verwendet Elemente aus der Oper Siegfried. Wagner arbeitete zu der Zeit an der Skizze der Liebesszene zwischen Brünnhilde und Siegfried (III. Akt) und erklärte Cosima, »wie wunderbar es sich fügt, daß [Siegfrieds] Jubel-Thema (›sie ist mir alles‹) sich zu dem Motiv ›Heil der Mutter, die mich gebar‹ als Begleitung vortrefflich anschmiegt«.[68]  Es vermengen sich die realen Lebensbezüge mit kompositorischen Imaginationen: das Baby Siegfried ist gleichzeitig Held, die Mutter Cosima auch die große Nährerin des Künstlers.

Wie sehr die Kinder die Vergöttlichung ihres Vaters verinnerlichten, zeigt ein Bericht von Harry Graf Kessler über Daniela Thode. Ihn faszinierte der »mystische Kult«, den sie bei der Idolisierung ihres Stiefvaters betrieb. Sie war »ganz von dieser Anbetung durchtränkt, jedes Wort, das sie sprach, glühte und leuchtete von ihr«. Das machte sie selbst zu einer Art Priesterin.[69]  Martin Schneider hat aus einem anderen Blickwinkel diese Selbststilisierung Wagners untersucht und zwei Thesen entwickelt. Zum einen habe Wagner »seinen Hang zur Theatralität eingesetzt, um die Theatralität seiner Werke vergessen zu machen«; zum anderen seien seine Nachinszenierungen verbunden »mit dem Ritualcharakter seines Spätwerkes und dessen Stilisierung zu einer quasi-religiösen, auf sich selbst verweisenden ›Wahrheit‹«.[70]