Friedenstüchtig - Fabian Scheidler - E-Book

Friedenstüchtig E-Book

Fabian Scheidler

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Beschreibung

Seit Jahren bewegt sich die westliche Welt in Richtung eines permanenten Ausnahmezustandes. Auf jede neue Krise, auf jeden Konflikt reagiert die Politik mit drakonischen Maßnahmen und zunehmender Militarisierung. In seinem neuen Buch warnt Fabian Scheidler, Autor des internationalen Bestsellers "Das Ende der Megamaschine", dass dieser Weg in eine Spirale von ökonomischem Niedergang, politischem Chaos und Krieg führt. Grundlegende demokratische und soziale Errungenschaften drohen einer als alternativlos dargestellten militärischen Logik geopfert zu werden. Der Wohlfahrtsstaat mutiert zum Kriegsstaat. Scheidler deutet den Ausnahmezustand als Versuch, die sich zuspitzenden globalen Krisen autoritär zu beherrschen. Dabei zeigt er, wie die Feinde, die bekämpft werden sollen, zu einem großen Teil durch die Politik selbst geschaffen werden. Die Verweigerung von Diplomatie schafft Kriegsanlässe, so wie Anti-Terror-Kriege immer neue Terroristen hervorbringen. Doch der Abstieg in die selbstzerstörerische Kriegslogik ist keineswegs alternativlos. Angesichts der Gefahren, die mit den weltpolitischen Umbrüchen, der Zerstörung der Biosphäre und der Aushöhlung der Demokratie verbunden sind, weist das Buch neue Wege zum Umgang mit den Herausforderungen unseres Jahrhunderts. Westliche Gesellschaften müssen lernen, sich von ihrer jahrhundertelangen Politik der Dominanz zu verabschieden, um eine Kultur der Kooperation zu entwickeln.

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Seitenzahl: 317

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhaltsverzeichnis
Prolog
Einleitung
Teil I: Die Logik des Krieges
1. Ein Muster zeichnet sich ab
2. Gaza oder: Der Weg in die totale Zerstörung
3. Wie der Krieg gegen den Terror die umwelt- und friedenspolitische Wende blockierte
4. Wie die Chancen auf Frieden für die Ukraine vertan wurden
5. Wie eine Pandemie als Krieg gedeutet wurde
Teil II: Der Ausnahmezustand als Regierungsform
1. Power Grabbing, Demokratierückbau und Zensur
2. Der Wohlfahrtsstaat für Konzerne, die Ablenkung von systemischen Fragen und der Weg in den Kriegsstaat
Teil III: Die Feinde, die wir schufen
1. Ursachenanalyse als Verrat
2. Wie den Bewohnern von Gaza jede Hoffnung auf eine friedliche Lösung genommen wurde
3. Der Krieg gegen den Globalen Süden: Wie die Politik des Westens Wut und Terror gesät hat
4. Von Gorbatschows Vision eines gemeinsamen »europäischen Hauses« zum Ukrainekrieg
5. Der Krieg gegen die Natur und die Entstehung von SARS-CoV-2
Teil IV: Vernunft oder Selbstzerstörung
1. Gemeinsame Sicherheit statt Dominanz
2. Der geopolitische Umbruch und die Suche nach einer Friedensordnung
3. Friedensbewegungen als geopolitische Kraft
Epilog: Die Kunst des Friedens
Dank
Anhang
Artikel zu den Themen des Buches*
1. Vom Wohlfahrtsstaat zum Kriegsstaat
2. Die Grünen und der neue deutsche Militarismus
3. Nord Stream: Das Versteckspiel um die explosivste Kriminalgeschichte unserer Zeit
4. Wiener Spagat

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Einleitung

Teil I: Die Logik des Krieges

1. Ein Muster zeichnet sich ab

2. Gaza oder: Der Weg in die totale Zerstörung

3. Wie der Krieg gegen den Terror die umwelt- und friedenspolitische Wende blockierte

4. Wie die Chancen auf Frieden für die Ukraine vertan wurden

5. Wie eine Pandemie als Krieg gedeutet wurde

Teil II: Der Ausnahmezustand als Regierungsform

1. Power Grabbing, Demokratierückbau und Zensur

2. Der Wohlfahrtsstaat für Konzerne, die Ablenkung von systemischen Fragen und der Weg in den Kriegsstaat

Teil III: Die Feinde, die wir schufen

1. Ursachenanalyse als Verrat

2. Wie den Bewohnern von Gaza jede Hoffnung auf eine friedliche Lösung genommen wurde

3. Der Krieg gegen den Globalen Süden: Wie die Politik des Westens Wut und Terror gesät hat

4. Von Gorbatschows Vision eines gemeinsamen »europäischen Hauses« zum Ukrainekrieg

5. Der Krieg gegen die Natur und die Entstehung von SARS-CoV-2

Teil IV: Vernunft oder Selbstzerstörung

1. Gemeinsame Sicherheit statt Dominanz

2. Der geopolitische Umbruch und die Suche nach einer Friedensordnung

3. Friedensbewegungen als geopolitische Kraft

Epilog: Die Kunst des Friedens

Dank

Anhang

Artikel zu den Themen des Buches*

1. Vom Wohlfahrtsstaat zum Kriegsstaat

2. Die Grünen und der neue deutsche Militarismus

3. Nord Stream: Das Versteckspiel um die explosivste Kriminalgeschichte unserer Zeit

4. Wiener Spagat

Fabian ScheidlerFriedenstüchtig

Wie wir aufhören können, unsere Feinde selbst zu schaffen

  

© 2025 Promedia Druck- und Verlagsgesellschaft m.b.H., Wien

ISBN: 978-3-85371-934-3(ISBN der gedruckten Ausgabe: 978-3-85371-549-9)

Der Promedia Verlag im Internet: www.mediashop.atwww.verlag-promedia.de

Über den Autor

Fabian Scheidler, geboren 1968 in Bochum, ist freischaffender Autor. Sein Buch »Das Ende der Megamaschine. Geschichte einer scheiternden Zivilisation« (Promedia 2015) wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt. Zu seinen weiteren Buchveröffentlichungen zählen »Chaos. Das neue Zeitalter der Revolutionen« (Promedia 2017) und »Der Stoff, aus dem wir sind. Warum wir Natur und Gesellschaft neu denken müssen« (Piper 2021). Als Journalist arbeitetet er für Le Monde diplomatique und andere internationale und deutsche Medien und wurde mit dem Otto-Brenner-Medienpreis für kritischen Journalismus ausgezeichnet. www.fabian-scheidler.de

Prolog

»Die Welt ist aus den Fugen«, schrieb William Shakespeare vor 400 Jahren, zu einer Zeit, als sich das kapitalistische Weltsystem zu formieren begann. Heute erleben wir, wie nicht nur die Stützen und Streben unserer Welt aus dem Leim gehen, sondern sich auch die Maßstäbe unseres Handelns und Denkens zunehmend verformen. Es ist, als würde sich das Gerüst unserer Welt unter der Einwirkung einer seltsamen Gravitationskraft oder einer übermäßigen Hitze immer weiter verkrümmen, bis eine Gerade keine Gerade mehr ist und ein rechter Winkel kein rechter Winkel. Wie die Uhren in Dalís berühmtem Gemälde schmelzen unsere Kompasse und Richtlinien in der sengenden Sonne der »Zeitenwenden«. Was früher als logisch galt, ist es nicht mehr, wo einst eine ethische Grenze war, rollen nun die Panzer.

Dieses Buch ist ein Versuch, die Welt als eine verstehbare nicht aufzugeben. Es legt an jüngste Entwicklungen Maßstäbe von Vernunft und Ethik an, die lange weitgehend als selbstverständlich galten. Es ist aus dem Bemühen entstanden, angesichts eines besorgniserregenden gesellschaftlichen Konformitätsdrucks den aufrechten Gang und das klare Denken nicht zu verlernen – und mag hoffentlich auch anderen eine Ermutigung sein, sich nicht verbiegen zu lassen.

FabianScheidlerBerlin, imAugust2025

Einleitung

Zivilisationskrise und Ausnahmezustand

Seit Beginn des dritten Jahrtausends hat sich die westliche Welt immer weiter in einen dauerhaften Krisen- und Ausnahmezustand hineinbewegt, der sich inzwischen zu einem regelrechten Kriegszustand auszuweiten droht. Es begann mit dem »Krieg gegen den Terror« nach dem 11. September 2001 und den späteren Anschlägen in Europa, dann folgte der »Krieg gegen das Virus«, die Eskalation des Ukrainekriegs und der Gaza-Krieg. Im Namen der Bekämpfung des jeweiligen Feindes wurde in vielen Ländern eine massive Aufrüstung in Gang gesetzt, grundlegende Bürgerrechte wurden eingeschränkt oder zeitweise ganz außer Kraft gesetzt und umfassende Überwachungstechnologien eingeführt. Dringende Anliegen wie Klimaschutz und soziale Gerechtigkeit wurden und werden immer wieder mit Verweis auf diese Ausnahmezustände an den Rand gedrängt. In der Kriegslogik verengt sich der Blick auf den äußeren Feind, die Gesellschaft wird aufgefordert, zu seiner Bekämpfung zusammenzurücken. Wer widerspricht, läuft Gefahr, zu einem Verbündeten des Feindes erklärt zu werden.

Der Ausnahmezustand – auch wenn er offiziell nicht immer so genannt wird – ist inzwischen zu einer neuen Normalität des Regierens in einer zunehmend chaotischen Welt geworden. Zu den Kennzeichen gehören auch einschneidende Ad-hoc-Gesetzgebungen und gewaltige Sonderbudgets im Haushalt, die in kürzester Zeit geschaffen werden, oft mit geringer demokratischer Kontrolle, und eine Rhetorik, die nur noch Freund oder Feind, gut oder böse kennt und keine Schattierungen mehr zulässt.

Zugleich hat sich in diesen Ausnahmezuständen die Kluft zwischen Arm und Reich sprunghaft weiter vertieft. Während die Zahl der Milliardäre in die Höhe geschossen ist und viele Konzerne Rekordgewinne einfahren, kämpfen immer größere Teile der Weltbevölkerung um ihr wirtschaftliches Überleben.

Es versteht sich von selbst, dass dieser Zustand, vor allem wenn er länger andauert, für demokratisch verfasste Gesellschaften äußerst gefährlich ist. Daher lohnt es sich zu untersuchen, wie es zu diesem permanenten Ausnahmezustand gekommen ist, ob er tatsächlich alternativlos ist und wie man ihn verlassen kann. Dabei drängen sich zunächst zwei Fragen auf. Erstens: Wo kommen die Feinde her, die mit dem Ausnahmezustand bekämpft werden sollen? Tauchen sie wie Naturgewalten oder Manifestationen des Urbösen unabhängig von unseren eigenen Handlungen auf? Oder sind wir an ihrer Entstehung beteiligt? Zweitens: Ist der Ausnahme- und Kriegszustand tatsächlich die einzig mögliche und sinnvolle Reaktion? Und falls es andere Wege gibt: Warum wurden sie nicht beschritten?

Um diese Fragen zu beantworten, müssen wir zunächst den Blick erweitern und die welthistorische Situation betrachten, in der sich all das abspielt. Das beginnende 21. Jahrhundert ist von einem Aufeinandertreffen von Krisenprozessen geprägt, das in der Geschichte der Menschheit ohne Beispiel ist. Diese Krisen betreffen alle Bereiche des Lebens und erschüttern die Fundamente der gesellschaftlichen Organisation, der Ökonomie und Politik und nicht zuletzt unseres Selbstbildes und unserer Psyche. Es ist die Krise einer gesamten Zivilisation.

Die drei zerfallenden Systeme

Wer Anfang der 2000er Jahre in Europa oder Nordamerika geboren wurde, hat in Kindheit und Jugend vor allem eine Epoche der Zusammenbrüche durchlebt: die einstürzenden Twin Towers, den Finanzcrash, die Eurokrise, den Krieg in Syrien und die Ankunft von Millionen Geflüchteter in Europa, dann die Pandemie und unmittelbar anschließend den Ukrainekrieg, die Inflation und den Gazakrieg. Nicht nur ist kein Ende des Krisenmodus abzusehen, der Takt der Katastrophen wird auch immer dichter. Und die größte dieser Krisen, der drohende Klima- und Ökosystemkollaps, hat gerade erst begonnen. Die große Erzählung, dass es, zumindest in der langen Sicht, aufwärts geht, ob durch sozialen Fortschritt oder technische Entwicklung, verliert von Tag zu Tag mehr an Überzeugungskraft. Vor unseren Augen zerbricht damit das zentrale Zukunfts- und Fortschrittsversprechen, das die westliche Welt quer durch die politischen Lager über Jahrhunderte zusammenhielt.

Mit dem sich anbahnenden Klimachaos steht auch die lang gehegte Vorstellung infrage, der Mensch könne kraft seiner Technik die Natur beherrschen. Ob es die gigantischen Feuersbrünste in Australien, Kalifornien und Südfrankreich sind, die Wirbelstürme in der Karibik und in Südostasien, die Regenfluten im Ahrtal, in Pakistan und Spanien oder die Dürren in Ostafrika und Europa: Angesichts der entfesselten Naturgewalten wirken unsere Löschflugzeuge, Bewässerungssysteme und Dämme wie Spielzeuge. Diese Bilder zeugen davon, dass eine Epoche zu Ende geht: das Zeitalter der Kontrolle. Wir beginnen mit all unseren Sinnen zu begreifen, was es bedeutet, wenn wir Kipppunkte in komplexen Systemen überschreiten: Wir setzen damit, wie der Zauberlehrling in Goethes Fabel, Prozesse in Gang, die sich nicht mehr umkehren lassen.

Es ist aber nicht nur die Natur, über die wir die Kontrolle verlieren (soweit wir sie je hatten), sondern es sind auch die gesellschaftlichen Systeme, und das gleich auf mehreren Ebenen. Spätestens seit 2008 ist offensichtlich, dass das globale Finanzsystem extrem instabil und gefährlich ist. Die politischen Antworten auf den Crash haben die Wurzeln dieser Krise nicht beseitigt, vor allem die extreme soziale Ungleichheit und die damit zusammenhängende Verschuldungsdynamik. Von ihrer eigenen strukturellen Krise getrieben, nimmt die globale Ökonomie zunehmend einen »kannibalischen« Charakter an, wie die amerikanische Politikwissenschaftlerin Nancy Fraser schreibt: Um die Profite einiger weniger noch aufrechtzuerhalten, frisst sie öffentliche Güter und Infrastrukturen, die Einkommen und Jobs der Mittelschichten und die Lebensgrundlagen kommender Generationen.1

In dem Maße, wie die kapitalistische Moderne ihre zentralen Verheißungen nicht mehr zu erfüllen in der Lage ist, weil wir uns von einer Aufstiegs- in eine Abstiegsgesellschaft verwandeln, wird auch der ideologische und politische Zusammenhalt brüchig. Die Fliehkräfte nehmen zu, das Vertrauen in politische Institutionen ist in vielen Ländern geradezu kollabiert. In Deutschland etwa vertrauen laut Umfragen nur noch 21 Prozent der Menschen der Regierung, in Bezug auf politische Parteien sind es ganze 13 Prozent.2 Auch die Gesellschaften bewegen sich möglicherweise auf Kipppunkte zu, und es ist vollkommen offen, in welche Richtung die Reise gehen wird, ob zu neuen autoritären oder gar faschistischen Konstellationen oder zu sozialrevolutionären Umbrüchen.

Mit der jahrzehntelangen Phase relativer innenpolitischer Stabilität in Westeuropa und Nordamerika geht zugleich auch noch eine andere Epoche zu Ende: die der Vorherrschaft des Westens in der Welt. Seit der Frühen Neuzeit hatten westliche Staaten die Erde unter sich aufgeteilt und miteinander um die Vorherrschaft gerungen, von den spanischen und portugiesischen Imperien über das niederländische Weltreich und das britische Empire bis zur US-amerikanischen Hegemonie. Mit dem Aufstieg Chinas und anderer Länder des Globalen Südens geht nicht allein die amerikanische Dominanz ihrem Ende entgegen, sondern die des Westens insgesamt. Zwar wollen große Teile des politischen Führungspersonals in Europa und Nordamerika die Tiefe dieses Umbruchs noch nicht zur Kenntnis nehmen, aber das ändert nichts an seiner Realität.

Wir haben es also mit drei ineinandergreifenden Prozessen des Umbruchs zu tun: einem geopolitischen Übergang, der das Ende der westlichen Hegemonie einläutet; einem inneren Zerfall der ökonomischen, politischen und weltanschaulichen Fundamente westlicher Gesellschaften; und einem sich anbahnenden Kollaps des bisherigen Gleichgewichts des Erdsystems und einem Übergang in ein neues Erdzeitalter.3

Man kann auf eine solche Situation auf zwei unterschiedliche Weisen reagieren. Entweder man nimmt die Herausforderung an und akzeptiert, dass viele der bisher gewohnten Verhaltensweisen und Strukturen keine Zukunft mehr haben, dass große Veränderungen stattfinden müssen und werden. Oder man versucht, die Tragweite der notwendigen Veränderungen zu leugnen, mit Gewalt die Kontrolle zu behalten und einen sterbenden Status Quo zu verteidigen.

Die politischen Eliten der westlichen Welt haben in den vergangenen 25 Jahren den zweiten Weg gewählt. Während die Weltlage nach einem grundsätzlichen Neubeginn auf allen Ebenen schreit, von der Ökologie über die Wirtschaft bis zur Geopolitik und den Formen unseres sozialen Zusammenlebens, findet in den Institutionen ein verbissenes Weiter-so statt. Wenn etwa ein deutscher Bundeskanzler von Zeitenwende spricht, dann meint er keine neue Friedensordnung und keinen sozial-ökologischen Tiefenumbau unserer Wirtschaftsordnung, sondern eine Aufstockung des Rüstungsbudgets. Anstelle einer Erweiterung des Blickfeldes erleben wir eine beängstigende Verengung, eine Fokussierung auf den jeweils aktuellen Feind, den es mit allen Mitteln zu bekämpfen und zu besiegen gilt.

Der Kriegszustand

Die Ausrufung von Ausnahme- und Kriegszuständen ist seit jeher ein gängiges Mittel von Regierungen gewesen, um gesellschaftlicher Krisen Herr zu werden. Wenn im Inneren alles brüchig wird, ist nichts so nützlich wie ein guter Feind. Zumindest unter der Voraussetzung, dass man dem tiefgreifenden Wandel, den die Lage eigentlich erfordert, solange wie möglich aus dem Weg gehen will. Gute Feinde können im Chaos klare Fronten schaffen: Wer nicht für uns ist, ist gegen uns. Gute Feinde sind hervorragende Projektionsflächen, auf die man Ängste, Wut und Hass umlenken kann. Gute Feinde bieten, wenn alte Erzählungen zerfallen, neue, schön einfache Narrative: Wir müssen nur den Terror, das Virus, die Impfgegner, Putin oder die Hamas in die Knie zwingen, dann wird alles wieder gut – und das heißt: so wie vorher. Sie können damit vortrefflich von tieferliegenden Ursachen unserer gegenwärtigen Lage ablenken. Und sie sind hervorragend geeignet, um Repression zu legitimieren und große Mengen von Geld in die Taschen derer zu kanalisieren, die ohnehin schon mehr als genug haben.

Das alles bedeutet nicht, dass der Weg in den Dauer-Ausnahmezustand ein geplanter Prozess war oder gar eine große Verschwörung, die man sich in Davos, Washington oder Berlin ausgedacht hat. Natürlich spielen Intrigen in der Politik eine Rolle, aber der größere Prozess, in dem wir uns befinden, ist komplexer. In diesem Prozess suchen Gruppen, die bestimmte Interessen verfolgen, Strategien, um ihre Privilegien, ihre Macht und ihren Reichtum in einer kritischen Umbruchphase zu erhalten. Der Ausnahmezustand ist nicht der Ausgangspunkt, sondern das Ergebnis dieses selbst oft chaotischen Prozesses. Wie Naomi Klein in ihrem Klassiker »Die Schock-Strategie« gezeigt hat, werden Krisen, egal wie sie zustande gekommen sind, oft von mächtigen Playern der Ökonomie und Politik genutzt, um in der Verwirrung des Augenblicks ihre Agenda durchzusetzen.4 Die Angst vor einem Krieg, vor einem Zusammenbruch der Wirtschaft, des Gesundheitssystems oder gar der ganzen Zivilisation öffnet die Tür für Weichenstellungen, deren Tragweite die meisten Menschen gar nicht absehen können.

Paradoxe Wirkungen: Wie der Kampf die Feinde stets neu hervorbringt

Die Versuche, das Chaos zu kontrollieren oder zum eigenen Vorteil zu nutzen, können allerdings paradoxerweise zu einer Zunahme des Chaos führen und die Lage weiter verschlimmern. Ein mittlerweile schon klassisches Beispiel ist der »Krieg gegen den Terror«, der eine regelrechte Explosion terroristischer Aktivitäten rund um den Globus hervorgebracht hat.

Und damit wären wir bei der eingangs gestellten Frage, wo die Feinde der Zivilisation, denen wir den Kampf angesagt haben, denn herkommen. Eine zentrale These dieses Buches lautet, dass wir diese Feinde zu einem beträchtlichen Teil selbst geschaffen haben und weiter schaffen. Das mag in manchen Ohren provokant klingen. Aber tatsächlich ist genau dies in allen hier behandelten Fällen geschehen, ob es sich um das Verhalten der russischen Regierung, die Pandemie, die Hamas oder den internationalen Terrorismus handelt. In einer komplexen Welt können Handlungen unvorhergesehene und unerwünschte Wirkungen entfalten. Wir haben uns in einen Kampf mit den Folgen der eigenen Handlungen verbissen, statt die tieferen Ursachen anzugehen, die sehr viel damit zu tun haben, wie westliche Regierungen seit Jahrzehnten, teilweise seit Jahrhunderten in der Welt agieren.

Inzwischen hat diese Dynamik in eine Situation geführt, die an verschiedenen Fronten in eine globale Eskalation münden kann. Doch statt in dieser hochgefährlichen Lage auf Deeskalation und neue diplomatische Initiativen zu setzen, haben große Teile des politischen Führungspersonals in Europa den Weg in Richtung Konfrontation und schrankenloser Aufrüstung gewählt.

Entscheidend ist, dass es durchaus Alternativen zum Kriegsmodus gab und gibt. In allen hier beschriebenen Fällen waren und sind grundsätzlich andere Antworten möglich, die an den strukturellen Ursachen dieser Krisen ansetzen und nicht an den Symptomen. Dieses Buch ist in der Hoffnung geschrieben, dass wir die fatalen Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen. Ein Ausstieg aus der Kriegslogik ist heute zu einer Überlebensfrage der Menschheit geworden. Nur wenn wir die neue Hochrüstung, den Krieg gegen die Natur und die Aushöhlung der Demokratie überwinden, haben wir eine Chance, eine lebenswerte Zukunft zu schaffen.

Struktur des Buches

Das Buch gliedert sich in vier Teile. Teil I mit dem Titel »Die Logik des Krieges« zeigt, wie die Reaktionen westlicher Regierungen auf Gewaltakte und Krisen die Ausgangslage massiv verschlechtert haben. Dabei tritt ein Muster zutage, das allen vier untersuchten Fällen gemeinsam ist. Der zweite Teil – »Der Ausnahmezustand als Regierungsform« – fragt nach den Gründen für dieses krisenverschärfende Verhalten. Der dritte Teil, der sich den Vorgeschichten der Ereignisse widmet, argumentiert, dass die Anlässe für die jeweiligen Kriegszustände selbst vermeidbar waren. Teil IV schließlich weist Auswege aus der destruktiven Kriegslogik und lotet Perspektiven für eine neue Friedensordnung aus. Im Anhang finden sich außerdem ausgewählte Beiträge von mir zu den Themen dieses Buchs aus deutschen und internationalen Medien. Die Internetlinks zu den Anmerkungen finden sich auch in einem PDF, das unter www.fabian-scheidler.de/friedenstuechtig heruntergeladen werden kann.

Dieses Buch ist ein Versuch, der zunehmenden Verrücktheit unserer Welt zu begegnen. In dem Bemühen, an die Wurzeln dieser Verrückung zu gelangen, habe ich Themen bearbeitet, die hochgradig kontrovers diskutiert werden, von der Corona-Pandemie über den Krieg in der Ukraine bis zur Zerstörung des Gazastreifens. Dieses Buch mag von der einen oder dem anderen verlangen, eingefahrene Gewissheiten zu überdenken. Es ist meine Überzeugung, dass nur ein solches – auch selbstkritisches – Überdenken uns vor der Weiterführung verhängnisvoller Fehlentwicklungen bewahren kann. Es steht viel auf dem Spiel.

1 Nancy Fraser: Der Allesfresser. Wie der Kapitalismus seine eigenen Grundlagen verschlingt, Suhrkamp, Berlin 2023 (Englisch: Cannibal Capitalism. How our System is Devouring Democracy, Care, and the Planet – and What We Can Do About It, Verso, London 2022)

2 Der Stern, 6. 2. 2024, https://www.stern.de/gesellschaft/umfrage--deutsche-haben-wenig-vertrauen-in-die-politik--34434518.html

3 Siehe dazu auch: Immanuel Wallerstein et al.: The World Is Out of Joint. World-Historical Interpretations of Continuing Polarizations, Routledge, New York 2016

4 Naomi Klein: Die Schock-Strategie: Der Aufstieg des Katastrophen-Kapitalismus, S. Fischer, Frankfurt/Main 2007

Teil I: Die Logik des Krieges

1. Ein Muster zeichnet sich ab

DeraktuelleFeindrepräsentierteimmerdasabsolutBöse, unddarausfolgte,dassjedeArtvonVerständigungmitihmunmöglichwar.

George Orwell, 1984

In diesem Kapitel werden die politischen Reaktionen auf vier Ereignisse untersucht, die das 21. Jahrhundert maßgeblich geprägt haben. Die Ereignisse sind von sehr unterschiedlichem Typ: Neben den Terroranschlägen vom 11. September 2001 und 7. Oktober 2023 und der russischen Invasion in der Ukraine wird auch der Ausbruch der Corona-Pandemie thematisiert. Dieser Fall unterscheidet sich zwar grundlegend von den anderen, weil es sich nicht um einen Krieg im wörtlichen Sinne handelte; doch weil er von zahlreichen Regierungen als Krieg gedeutet und mit Maßnahmen beantwortet wurde, die sonst nur in Kriegszeiten eingesetzt werden, wird er miteinbezogen.

Der Grund für diese Auswahl liegt also nicht in der Verwandtschaft der Ereignisse selbst, sondern in der Ähnlichkeit der Reaktionen darauf. Und es sind die politischen Reaktionen, die für den größten Teil der weltgeschichtlichen Folgen verantwortlich sind, nicht die Ereignisse als solche, so gravierend sie auch gewesen sein mögen. Das mag überraschend klingen. Handelt es sich nicht in allen Fällen um schwerwiegende Herausforderungen, in drei Fällen sogar um massive Verbrechen, auf die reagiert werden musste? Zweifellos. Und doch hätte der 11. September nicht zum Auftakt eines zwanzigjährigen globalen Krieges werden müssen, der 24. Februar 2022 keinen jahrelangen Abnutzungskrieg mit Hunderttausenden Toten und dem Risiko nuklearer Eskalation zur Folge haben müssen, und der 7. Oktober 2023 nicht in die totale Zerstörung des Gazastreifens münden müssen. Auch das Auftreten des neuartigen Coronavirus hätte nicht eine Spirale gesellschaftlicher Selbstzerstörung und Spaltung in Gang setzen müssen, die den Aufstieg rechter Kräfte erheblich beschleunigt hat. Nichts von alledem war unausweichlich. In allen Fällen haben die politischen Reaktionen auf Gewaltakte und Krisen – das ist die zentrale These dieses ersten Teils – die Situation massiv verschlechtert und die Welt Schritt für Schritt weiter an den Rand des Abgrunds geführt.

Dieser Teil des Buchs versucht, das Muster zu identifizieren, das den krisenverschärfenden Reaktionen zugrunde liegt. Die Motive für dieses Verhalten werden hier nur gestreift und ausführlicher im zweiten Teil diskutiert. Die Vorgeschichten, die zu den Krisensituationen geführt haben, sind schließlich Thema des dritten Teils.

Eskalation und Lagerbildung

Die erste auffallende Ähnlichkeit zwischen den vier Fällen besteht in der Neigung westlicher Regierungen, auf Gewaltakte und Krisen mit Krieg oder kriegsähnlichen Zuständen zu antworten und alternative Handlungsoptionen – die es, wie wir noch sehen werden, in allen vier Fällen reichlich gab – auszublenden. Die verheerenden Kriege, mit denen der Westen auf den 11. September und Israel auf den 7. Oktober geantwortet hat, stehen dafür ebenso exemplarisch wie die Verweigerung von ernsthafter Diplomatie im Fall der Ukraine, die wir in den Kapiteln I.2 bis I.4 ausführlich beleuchten werden. Auch die martialischen Antworten vieler Regierungen auf die Pandemie gehören hierher (Kapitel I.5).

Die zweite Gemeinsamkeit zeigt sich in einer ausgeprägten Lagerbildung, die auch die Heimatfront erfasst. Wie so oft im Kriegsfall wird der Raum zwischen den Polen nach und nach kleiner, bis es am Ende nur noch uns und sie gibt, keinen Platz dazwischen. Wer am großen Wir zweifelt, fällt damit automatisch ins Lager von denen. Diese Dynamik war in allen hier behandelten Fällen zu beobachten und hat erheblich dazu beigetragen, Dissens zu diskreditieren und gesellschaftliche Korrektive auszuschalten. Dazu gehören auch erhebliche Einschränkungen der Meinungsfreiheit, die ich besonders für den Fall Gaza ausführlich dokumentiere.

An die Stelle eines farbigen Bildes der Wirklichkeit mit Tiefe und zahlreichen Schattierungen trat so Schritt für Schritt ein binäres und flaches Schwarz-Weiß-Bild. Kritik wurde zunehmend als Verrat gewertet und die Arena sachlicher Debatte in ein Schlachtfeld von Schmähungen verwandelt, einschließlich der Unterstellung, dass der Kontrahent heimlich für den Feind arbeite. Auf diese Weise wurde nach und nach das differenzierende Denken gelähmt, Komplexität unsichtbar gemacht, Konformitätsdruck erzeugt und das Tor für selbstzerstörerisches Herdenverhalten geöffnet. Einmal eingeschlagene Irrwege werden teilweise bis heute verbissen weiter verfolgt, Vorschläge für ernsthafte Kurskorrekturen als Abfall von der Herde geächtet.

Der öffentliche Raum ist dadurch zu einem Flickenteppich aus Tabuzonen geworden. Ob Corona, Ukraine oder Gaza: Wo man hinschaut, stößt man auf vermintes Gelände. Die Angst, sich in diesem Terrain noch zu bewegen, hat mittlerweile zu einem weitgehenden geistigen Stillstand in vielen Ländern der westlichen Welt geführt. Wo über Konflikte und ihre Genese nicht mehr offen gesprochen werden kann, hört das Denken selbst auf.

Die Mythologisierung des Krieges

Die dritte Gemeinsamkeit besteht darin, dass die gesamtgesellschaftliche Mobilisierung, die der Kriegszustand erfordert, damit gerechtfertigt wird, dass es sich um einen Kampf der Zivilisation gegen einen barbarischen, ja dämonischen Feind handelt, der die Grundfesten unserer »Wertegemeinschaft« angreift. Das Gegenüber wird nicht als Gegner von einschätzbarer Größe mit limitierten Zielen und Möglichkeiten betrachtet, sondern als ein Monster, das auf totale Vernichtung sinnt.

Die Überhöhung des Feindes ist im Fall des Anti-Terror-Krieges besonders offensichtlich. Die Vorstellung, dass eine Handvoll Attentäter und ihr Netzwerk in den Höhlen des Hindukusch eine existenzielle Bedrohung für die militärisch mit Abstand mächtigste Nation in der Geschichte der Menschheit sein sollte, war von vorneherein absurd. Auch die Idee, dass die Hamas das hochgerüstete Israel vernichten könnte oder Wladimir Putin mit einer Armee, die seit Jahren in der Ukraine nur mühsam vorankommt, die NATO überrennen und Warschau, Berlin und Paris einnehmen könnte, ist ausgesprochen realitätsfern.

In all diesen Fällen wird eine realistische Einschätzung der Gefahr, die vom Gegner ausgeht, seiner militärischen Fähigkeiten und auch seiner Ziele, ersetzt durch das Bild eines unersättlichen Ungeheuers, das nicht eher ruhen wird, bis es unsere Zivilisation vernichtet hat. Die Sprache für die jeweiligen Gegner ist voll von Vokabeln wie »Drachen« (Wolodymyr Selenskyj), »Ungeheuer« (Marie-Agnes Strack-Zimmermann5), »menschliche Tiere« (Yoav Galant) oder »Kinder der Finsternis« (Benjamin Netanjahu). Die religiösen Züge dieser Mythologisierung sind unübersehbar. Eine besonders prominente Spielart dieser Überzeichnungen sind Hitler- und Nazi-Vergleiche, von denen in allen hier thematisierten Fällen reichlich Gebrauch gemacht wurde (siehe Kapitel I.2 und I.4).

Der Sinn all dieser Methoden ist es, dem Gegner die menschlichen Proportionen zu nehmen und ihn zu einer durch und durch bösartigen dämonischen Kraft zu stilisieren, zu einer Hydra, deren Köpfe allesamt abgeschlagen werden müssen. Denn nur wenn es sich um eine derart übermenschliche und allesvernichtende Kraft handelt, gibt es tatsächlich keine Alternative als Krieg oder Untergang. Die Auslöschung des Zwischenraums – des Raums eines möglichen Friedens – ist das eigentliche Ziel aller Kriegsmythologien.

Indem man dem Feind die Züge eines Dämons zuschreibt, wird auch der Akt des Tötens in seiner Bedeutung verschoben: Er ist kein Homizid mehr – die Auslöschung eines menschlichen Lebens –, sondern ein Dämonizid, die Tötung eines Ungeheuers – und damit letztlich ein zivilisatorischer Erlösungsakt. Im Extremfall kann die Dämonisierung und Entmenschlichung des Gegners zu einem Zusammenbruch ethischer Normen führen, wie wir ihn zum Beispiel im Fall des israelischen Vernichtungsfeldzugs in Gaza beobachten können.

Der Chor der Engel und die westlichen Werte

Während der Feind zur Inkarnation des Urbösen wird, der alle nur vorstellbaren Übel der Welt auf sich vereint, formiert sich auf der anderen Seite eine Heerschar von Engeln. Wer etwa den Reden von politischen Führungsfiguren der EU zuhört, könnte tatsächlich glauben, in einer Kirchenversammlung zu sein, deren Mitglieder sich gerade darauf vorbereiten, für ihre Rechtgläubigkeit und Tugend in den Himmel entrückt zu werden. Die Rede von den »westlichen Werten« ist dabei zu einer geradezu religiösen Formel geworden, um eine Wir-Gemeinschaft zu konstruieren, die sich mit allen Mitteln gegen die Barbaren verteidigen muss. Dabei wurde eine mehr als zweitausendjährige Mythologie heraufbeschworen, die das Abendland als Inbegriff von Zivilisation, Vernunft, Freiheit und Fortschritt inszeniert und den Orient als Brutstätte von wilden, rückschrittlichen und irrationalen Kräften dämonisiert.

Dieser Mythos steht allerdings in denkbar scharfem Kontrast zur realen Bilanz des Westens. Man muss nicht einmal daran erinnern, dass eben dieser Westen über Jahrhunderte für die Schrecken der Kolonialherrschaft, für Sklaverei, eine Kette von Völkermorden und die größten Kriege der menschlichen Geschichte verantwortlich war – von der Zerstörung der Biosphäre ganz zu schweigen. Es genügt ein Blick in die Gegenwart: Während die westlichen Führungsmächte Tag für Tag die massiven israelischen Kriegsverbrechen in Gaza militärisch unterstützen und diplomatisch absichern und dabei das Völkerrecht offen mit Füßen treten (siehe Kapitel I.2), behaupten sie im nächsten Atemzug, in der Ukraine alle denkbaren positiven Werte der Menschheit zu verteidigen. Wer einmal die europäische Politblase, die diese monumentale kognitive Dissonanz kultiviert, verlässt, wird feststellen, dass die übrige Welt, von Kolumbien bis China, von Indien bis zum Senegal, diesem Spektakel nur noch kopfschüttelnd zuschaut.6

Die Ausblendung der Vergangenheit

Die metaphysische Schwarzweiß-Logik verhindert außerdem – das ist die vierte Dimension der Kriegslogik –, dass man sich mit der Vorgeschichte, mit den tieferen Ursachen eines Konfliktes beschäftigt. Wer absolut Böse ist, hat keine Geschichte. Er war immer so. Und selbst wenn er eine Geschichte hat, zählt sie nicht, weil er sich ja gar nicht verändert. Er ist unwandelbar böse, folglich vollständig und allein an allem schuld. Wir brauchen also nicht nach hinten, in die Vergangenheit zu schauen, und auch nicht in den Spiegel, sondern nur nach vorn: auf die Vernichtung des Bösen. Und das ist für die Kriegslogik auch zwingend. Denn wer erkennt, dass der Feind eine Geschichte hat und dass diese Geschichte vielleicht sogar mit den eigenen Handlungen etwas zu tun hat, beginnt schon zu zögern.

Aus diesem Grund wird die Erinnerung an die Vorgeschichte regelrecht tabuisiert, ob es sich um die Ukraine oder Gaza handelt. Wer es wagt, an sie zu erinnern, gilt schnell als Parteigänger des Feindes: Er schwächt den Willen zum Krieg. Durch die Verdrängung der Vorgeschichten und der Konfliktursachen wird in der Konsequenz eine Lösung des Konfliktes unmöglich. Aus diesem Grund, weil die Vorgeschichten den Schlüssel zur Konfliktlösung bergen, wird ihnen im dritten Teil die notwendige Aufmerksamkeit gewidmet.

Der Opferkult

Wenn es keinen Platz für Schattierungen zwischen Gut und Böse und keine ernsthafte Beschäftigung mit der Vergangenheit gibt, dann wird einer rationalen Debatte der Boden entzogen. Jeder Versuch einer Abwägung zwischen dem potenziellen Nutzen martialischer Maßnahmen und den zu erwartenden Kosten, Opfern und Rückschlägen gilt bereits als Verrat. Dieses Motiv – die Ausschaltung von Abwägungsprozessen – wird uns in allen vier Fällen begegnen. Die Anrufung metaphysischer Werte war in allen Kriegen der Geschichte ein Mittel, um Abwägungsprozesse zu verhindern und die Menschen dafür bereit zu machen, massenhaftes Leiden und Sterben zu akzeptieren. Wenn von Werten gesprochen wird, für die Menschen geopfert werden sollen, gilt es, hellhörig zu werden. Es ist das Echo eines jahrtausendealten blutigen Opferkultes, der in die weißen Gewänder höherer Weihen gehüllt wird. Und diejenigen, die diese Opfer fordern, stehen selbst nie an der Front.

Der Opferkult, als fünfte Dimension der Kriegslogik, beinhaltet nicht nur die Opferung menschlichen Lebens, sondern auch von kulturellen und sozialen Errungenschaften. Dazu gehören hart erkämpfte demokratische Freiheiten und Rechte ebenso wie der Sozialstaat. Sollten die NATO-Staaten tatsächlich ihr Ziel umsetzen, fünf Prozent ihres Bruttoinlandsproduktes für das Militär auszugeben, würde das bedeuten, dass die Hälfte der Staatshaushalte in die Rüstung investiert wird. Der Sozialstaat, wie wir ihn kennen, und jede Aussicht auf eine sozial-ökologische Transformation wären damit Geschichte. Die FinancialTimes brachte es im März 2025 mit einer Schlagzeile auf den Punkt: »Europa muss seinen Wohlfahrtsstaat zurückstutzen, um einen Kriegsstaat aufzubauen.«7

Das narzisstische Kollektiv und die Opferung des Realitätsprinzips

Aus der mythologisierenden Überzeichnung des Gegners folgt ein weiterer und sehr folgenreicher Eskalationsschritt: die Aufgabe des Realitätsprinzips. Wenn ein Konflikt zu einem endzeitlichen Kampf eines absolut Guten gegen ein absolut Böses stilisiert wird, dann verschwindet mit aller Differenzierung und Schattierung am Ende die Wirklichkeit selbst aus dem Bild. Weder der Gegner noch die eigene Lage können noch realistisch wahrgenommen werden. Dem dämonisierenden Feindbild tritt ein narzisstisches Selbstbild entgegen: Das eigene Lager repräsentiert alles vorstellbare Gute in der Welt, die Demokratie, die Menschenrechte, das Völkerrecht, die Moral, die Tapferkeit, die Wahrheit – auch wenn diese Ansprüche mit der Realität beim besten Willen nicht in Einklang zu bringen sind. Aus diesem Grund blendet der Narzisst – bzw. das narzisstische politische Kollektiv – die Realität nicht nur aus, sondern bekämpft sie regelrecht, weil sie sein Selbstbild gefährdet. Die massiven Verengungen des Meinungskorridors, die wir in allen vier Fällen erlebt haben, sind Teil dieser Realitätsabwehr. Sie ist auch der Grund für die außergewöhnliche Aggressivität, die Menschen entgegenschlägt, die es wagen, an die Realität zu erinnern.

Die Abkehr von der Realität ist ausgesprochen gefährlich, weil sie zu irrationalen, destruktiven und am Ende selbstzerstörerischen Handlungen führen kann, wie wir in den folgenden Beispielen sehen werden. Wer die Realität gar nicht mehr wahrnimmt, sondern nur doch die selbst fabrizierten Bilder, kann auch nicht angemessen in ihr handeln. Am Ende dieses Prozesses steht der Weg in die Selbstzerstörung, wie wir sie in Europa, den USA und in Israel bereits beobachten können.

5 »Dieser Mensch, Wladimir Putin, der ja kein Mensch ist, sondern wirklich ein Ungeheuer, …« NTV, 22. 2. 2024, Min. 4’, https://www.n-tv.de/mediathek/videos/politik/Strack-Zimmermann-begruendet-Doppel-Ja-bei-Abstimmung-article24756587.html

6 Siehe dazu z. B. Pankaj Mishra: Die Welt nach Gaza, S. Fischer, Frankfurt/Main 2025

7 Financial Times, 5. 3. 2025, https://www.ft.com/content/37053b2b-ccda-4ce3-a25d-f1d0f82e7989

2. Gaza oder: Der Weg in die totale Zerstörung

Das offensichtlichste Beispiel für den Weg in eine destruktive und letztlich selbstzerstörerische Eskalation ist Israels Vorgehen im Gazastreifen. Wir werden darin viele zentrale Elemente der Kriegslogik wiederfinden, darunter auch die Mythologisierung des Konflikts. Ein besonderer Fokus wird auf den massiven Einschränkungen der Meinungsfreiheit in Ländern, die Israel unterstützen, liegen, insbesondere in Deutschland. Israel wird hier als Teil des Westens behandelt, nicht nur weil es von vielen NATO-Staaten massiv mit Waffen beliefert und diplomatisch protegiert wird, sondern auch, weil es von seinen Verbündeten und von seiner eigenen politischen Führungsschicht als solcher betrachtet wird. Das zeigt sich nicht zuletzt daran, dass das Land, obwohl es in Westasien liegt, symbolträchtig an europäischen Institutionen wie dem Eurovision Song Contest und dem UEFA-Cup teilnimmt.

Die Kinder des Lichts und die Kinder der Finsternis

Der israelische Inlandsgeheimdienst Schin Bet war gewarnt: Bereits ein Jahr vor den Anschlägen des 7. Oktober lagen ihm unter dem Codenamen »Jericho-Mauer« detaillierte Pläne für den Angriff vor und machten in hochrangigen Sicherheitskreisen die Runde.8 Doch getan wurde nichts. Als im November 2022 die neu gewählte Regierung unter Benjamin Netanjahu ihr Amt antrat, löste sie sogar die Schin-Bet-Einheit auf, die für die Überwachung der Funkkanäle der Hamas zuständig war.9 Auch vielfache Warnungen von israelischen Soldatinnen der Überwachungseinheiten an der Grenze zu Gaza, die bereits Wochen vor den Anschlägen auf verdächtige Aktivitäten wie Grabungen an den Zäunen hingewiesen hatten, wurden von den Geheimdiensten systematisch ignoriert. Nichts als harmlose Bauern, hieß es, ohne die Sache zu überprüfen.10

Ob man der Hamas eine solche Aktion nicht zugetraut hatte, wie die Sicherheitsbehörden später beteuerten, oder ob man es für nützlich hielt, die Angreifer gewähren zu lassen, um einen Anlass für die Inbesitznahme des Gazastreifens zu haben, ist nicht bekannt. Bekannt ist aber, dass der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu zwölf Tage vor den Anschlägen in der Generalversammlung der Vereinten Nationen eine Karte des »Neuen Mittleren Ostens« präsentierte, die keine Spuren der palästinensischen Territorien mehr zeigte, sondern stattdessen ein »Großisrael«, das vom Mittelmeer bis zum Jordan reichte.11 Noch vor Beginn des Krieges war damit das Ziel seiner Regierung vorgezeichnet: die vollständige Annektierung aller palästinensischen Gebiete und die Auslöschung der Erinnerung an ihre Bewohner.

Als in der Nacht zum 7. Oktober verdächtige Mobilfunkaktivitäten in Gaza registriert wurden, die auf einen möglichen Angriff hindeuteten, hielt es der Chef des Schin Bet-Geheimdienstes nicht für notwendig, den Premierminister zu wecken. Die israelische Armee war trotz aller Warnungen weitgehend unvorbereitet, als um 6:30 Uhr der Angriff mit Raketen- und Drohnenbeschuss begann. Kurze Zeit später durchbrachen die Qassam-Brigaden der Hamas und andere bewaffnete Gruppen über den Land-, Luft- und Seeweg die Absperrungen des Gazastreifens, der 16 Jahre lang von der israelischen Regierung abgeriegelt und blockiert worden war. Sie griffen zunächst israelische Militärposten an, dann auch Kibbuzim und ein Musikfestival. 1195 Menschen wurden auf israelischer Seite getötet, davon 815 Zivilisten und 379 Angehörige der Sicherheitskräfte, 250 entführt. Beim Einsatz der israelischen Armee wurde vielfach die sogenannte »Hannibal-Direktive« angewendet, die vorsieht, auch auf eigene Soldaten und Zivilisten zu schießen, um Geiselnahmen zu verhindern.12 Eine noch unbekannte Anzahl von Opfern auf israelischer Seite ist auf diese Operationen zurückzuführen.

Die Attacken vom 7. Oktober waren ein Schock für Israel und beinhalteten zweifellos schwere Verbrechen. Die UN-Vollversammlung hat zwar in mehreren Resolutionen mit Bezug auf Palästina festgestellt, dass Bevölkerungen, die eine rechtswidrige Besatzung oder Blockade erleiden, ein Recht auf Widerstand haben, einschließlich militärischer Mittel.13 Die Ermordung und Verschleppung von Zivilisten hingegen stellten eindeutig Kriegsverbrechen dar, auf die reagiert werden musste. Doch die entscheidende Frage lautete, wie in allen anderen hier behandelten Fällen, nicht ob, sondern wie reagiert werden sollte.

Der Anschlag hätte von Israel und seinen westlichen Verbündeten als Weckruf verstanden werden können. Die jahrzehntelange Missachtung palästinensischer Rechte (siehe die Vorgeschichte in Kapitel III.2) hatte nur neue Gewalt geschaffen. Statt die Eskalationsspirale weiter anzufeuern, hätte endlich ein Prozess für eine gerechte politische Lösung des Konfliktes auf den Weg gebracht werden können.

Doch die Vorgeschichte und die Konfliktursachen wurden umgehend ausgeblendet. Israel setzte, unterstützt von den USA, Deutschland und anderen westlichen Staaten, auf ein einziges Mittel: schrankenlosen Krieg, ohne jede Rücksicht darauf, wie viele Opfer er kosten würde. Am 9. Oktober verkündete Verteidigungsminister Yoav Galant: »Ich habe eine vollständige Belagerung des Gazastreifens angeordnet. Es wird keinen Strom, keine Lebensmittel, keinen Treibstoff geben, alles wird geschlossen. Wir kämpfen gegen menschliche Tiere und handeln entsprechend.«14 Damit stellte er von Anfang an unmissverständlich klar, dass Israel ohne Rücksicht auf Völkerrecht und Menschenrechte vorgehen und Krieg gegen die gesamte Bevölkerung führen wird.

Das Ergebnis war ein Inferno, das die Dimensionen des Anschlags vom 7. Oktober um viele Größenordnungen übersteigt. Auf diese Weise wiederholte Israel das Muster der Reaktion des Westens auf den 11. September und ignorierte die verheerende Bilanz der Anti-Terror-Kriege, die den Terrorismus nicht überwunden, sondern vervielfacht hatten (siehe Kapitel I.3).

Wie in den anderen hier untersuchten Fällen wurden die martialische Antwort und die Ablehnung von Diplomatie und Ursachenforschung damit begründet, dass es sich um einen Kampf der Zivilisation gegen eine Schar von Barbaren und Dämonen handele, die keine andere Sprache verstünden als Krieg. Der israelische Premier Benjamin Netanjahu sprach am 16. Oktober 2023 in einem inzwischen gelöschten Tweet von einem »Kampf zwischen den Kindern des Lichts und den Kindern der Finsternis«.15 Deutlicher kann die Mythologisierung des Krieges, von der bereits die Rede war, nicht formuliert werden.

Wie Gaza zur Hölle auf Erden wurde

In der Folge starben durch israelische Militäroperationen, insbesondere Bombardierungen ziviler Ziele, im Gazastreifen mindestens 62.000 Menschen (Stand: Juli 2025), von denen die Hälfte Kinder, Frauen und alte Menschen waren – wobei die Tausenden von Toten unter den Trümmern noch nicht berücksichtigt sind. Eine unabhängige Studie kam auf die Zahl von 84.000 Toten durch militärische Gewalt allein bis Januar 2025.16 Bereits im Oktober 2024 kam eine Gruppe von 99 Gesundheitsexperten in einem Brief an den damaligen US-Präsidenten Joe Biden zu dem Schluss, dass schätzungsweise 62.000 Menschen zusätzlich durch Dehydrierung, vermeidbare Krankheiten und Hunger infolge der Blockade gestorben sind.17 Die Gesamtzahl der Opfer liegt damit mehr als einhundert Mal höher als die des ursprünglichen Anschlags – ein Verhältnis, das typisch für israelische Vergeltungsaktionen ist. Bei der »Operation Gegossenes Blei« in den Jahren 2008/2009 etwa, als Israel den Gazastreifen bombardierte und einhunderttausend Menschen obdachlos machte, starben 1400 Palästinenser, aber nur 13 israelische Soldaten, davon drei durch eigenen Beschuss – ein klarer Beleg für die Asymmetrie und das massive Machtgefälle des Konflikts.

Der Gazastreifen wurde in den Monaten nach dem 7. Oktober in eine Mondlandschaft verwandelt, der größte Teil der Wohngebäude, Schulen, Krankenhäuser, Universitäten, Moscheen und Hilfseinrichtungen gezielt ausgelöscht, zwei Millionen Menschen wurden vertrieben und durch die Blockade von Hilfslieferungen vorsätzlich einer Hungerepidemie ausgesetzt. Die israelische Armee benutzte KI-Programme für ihre Angriffe, um mutmaßliche Hamas-Mitglieder in ihren Wohnungen zu bombardieren, und zwar nachts, wenn die gesamte Familie anwesend war. Dabei wurden die Systeme so programmiert, dass pro vermutetem Kombattanten Dutzende von zivilen Todesopfern in Kauf genommen wurden. Eines der Programme trug den zynischen Namen »Where’s Daddy?«.18

Israel bombardierte auch immer wieder gezielt Flüchtlingslager wie das in Jabalia – und das sogar an Markttagen –, mit jeweils Dutzenden von toten und Hunderten von verletzten Zivilisten. Bisweilen wurde als Rechtfertigung darauf verwiesen, dass ein