Friedrich Nicolai: Historische Romane, Ausgewählte Schriften & Briefe - Friedrich Nicolai - E-Book

Friedrich Nicolai: Historische Romane, Ausgewählte Schriften & Briefe E-Book

Friedrich Nicolai

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Beschreibung

Dieses eBook wurde mit einem funktionalen Layout erstellt und sorgfältig formatiert. Die Ausgabe ist mit interaktiven Inhalt und Begleitinformationen versehen, einfach zu navigieren und gut gegliedert. Christoph Friedrich Nicolai, auch Nickolai (1733-1811) war ein deutscher Schriftsteller, Verlagsbuchhändler, Kritiker, Verfasser satirischer Romane und Reisebeschreibungen, Regionalhistoriker, Hauptvertreter der Berliner Aufklärung, Freund Lessings, Zelters und Mendelssohns, Gegner Kants und Fichtes. Inhalt: Leben und Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker Voran und zuletzt ein Gespräch Freuden des jungen Werthers Leiden Werthers des Mannes Freuden Werthers des Mannes Zeitgenössische Schmähungen Goethe und Schiller Xenien Johann Wolfgang Goethe: Dichtung und Wahrheit Verschiedenes Johann Gottlieb Fichte: Friedrich Nicolais Leben und sonderbare Meinungen Geschichte eines dicken Mannes Vertraute Briefe von Adelheid B. an ihre Freundin Julie S Anekdoten Witzige Antwort eines Fuhrmanns Die eheliche Pflicht Kennzeichen der Unschuld Das beißende Gleichnis Unter Bayern und Schwaben

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Friedrich Nicolai

Friedrich Nicolai: Historische Romane, Ausgewählte Schriften & Briefe

Leben und Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker + Freuden des jungen Werthers + Geschichte eines dicken Mannes + Unter Bayern und Schwaben und mehr

Books

- Innovative digitale Lösungen & Optimale Formatierung -
2017 OK Publishing
ISBN 978-80-272-0366-6

Inhaltsverzeichnis

Leben und Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker
Freuden des jungen Werthers
Nicolai auf Werthers Grabe
Geschichte eines dicken Mannes
Vertraute Briefe von Adelheid B. an ihre Freundin Julie S
Anekdoten
Witzige Antwort eines Fuhrmanns
Die eheliche Pflicht
Kennzeichen der Unschuld
Das beißende Gleichnis
Unter Bayern und Schwaben

Leben und Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker

Inhaltsverzeichnis
Vorrede
Erstes Buch
Erster Abschnitt.
Zweyter Abschnitt.
Dritter Abschnitt.
Vierter Abschnitt.
Fünfter Abschnitt.
Sechster Abschnitt.
Siebenter Abschnitt.
Zweytes Buch
Erster Abschnitt.
Zweyter Abschnitt.
Dritter Abschnitt.
Vierter Abschnitt.
Drittes Buch
Erster Abschnitt.
Zweyter Abschnitt.
Dritter Abschnitt.
Vierter Abschnitt.
Fünfter Abschnitt.
Sechster Abschnitt.
Viertes Buch
Erster Abschnitt.
Zweyter Abschnitt.
Dritter Abschnitt.
Vierter Abschnitt.
Fünfter Abschnitt.
Sechster Abschnitt.
Siebenter Abschnitt.
Achter Abschnitt.
Neunter Abschnitt.
Zehnter Abschnitt.
Elfter Abschnitt.
Zwölfter Abschnitt.
Dreyzehnter Abschnitt.
Fünftes Buch
Erster Abschnitt.
Zweyter Abschnitt.
Dritter Abschnitt.
Vierter Abschnitt.
Fünfter Abschnitt.
Sechster Abschnitt.
Siebenter Abschnitt.
Sechstes Buch
Erster Abschnitt.
Zweyter Abschnitt.
Dritter Abschnitt.
Vierter Abschnitt.
Fünfter Abschnitt.
Siebentes Buch
Erster Abschnitt.
Zweyter Abschnitt.
Dritter Abschnitt.
Vierter Abschnitt.
Fünfter Abschnitt.
Sechster Abschnitt.
Siebenter Abschnitt.
Achtes Buch
Erster Abschnitt.
Zweyter Abschnitt.
Dritter Abschnitt.
Vierter Abschnitt.
Fünfter Abschnitt.
Sechster Abschnitt.
Siebenter Abschnitt.
Neuntes Buch
Erster Abschnitt.
Zweyter Abschnitt.
Dritter Abschnitt.
Vierter Abschnitt.
Letzter Abschnitt.

Vorrede

Inhaltsverzeichnis

Obgleich die leidigen Poeten, Komödien- und Romanenschreiber zu glauben pflegen, sie hätten das Leben ihres Helden weit genug beschrieben, wenn sie ihn bis zur Heurath bringen: so sind doch gründliche Gelehrten der Meinung, daß die Begebenheiten nach der Heurath oft viel merkwürdiger sind, als die Liebesbegebenheiten vor derselben. Die Liebesbegebenheiten sind zwar für junge Herren und für junge Jungfern anmuthiger zu lesen; aber gemeiniglich wird diese Anmuth auf Kosten der Wahrheit verschafft: denn die verliebten Scenen werden nicht so wie sie in der Welt vorgehen erzählet; sondern so wie es das Bedürfniß des Dichters, seine Geistesgaben zu zeigen, oder die Leidenschaften seiner Leser zu vergnügen, mit sich bringt. In dieser wahrhaftigen Lebensbeschreibung hingegen, wollen wir nichts der Anmuth oder des Wunderbaren wegen erdichten, sondern alles ganz einfältig erzählen, wie es vorgegangen ist. Es wird uns dazu nicht wenig beförderlich seyn, daß wir das Leben unsers Dorfpastors erst nach seiner Heurath zu beschreiben anfangen dürfen, indem schon ein anderer Verfasser die Liebesbegebenheiten desselben vor der Heurath, in dem bekannten prosaisch-komischen Gedichte Wilhelmine,Moritz August von Thümmel: Wilhelmine oder der vermählte Pedant, Leipzig 1764. Ein zeitgenössisches Erfolgsbuch, das die Verlobung und Hochzeit der Kammerzofe Wilhelmine mit dem Landpfarrer Sebaldus Nothanker erzählt und dabei satirisch das Leben am Hofe eines Duodezfürsten schildert. beschrieben hat.

Freilich ist dieser Verfasser ein Poet, und ist daher nicht, wie es einem gründlichen Geschichtskundigen gebühret, beflissen gewesen, eine richtige Chronologie zu beobachten und seine Erzählungen von allen Erdichtungen rein zu erhalten. Es sind daher manche Umstände sehr verdächtig, und er scheint nicht im Stande zu seyn, eine einzige von seinen Erzählungen, mit ungedruckten Urkunden zu belegen. Daß er der Chronologie nicht genugsam erfahren gewesen, ist offenbar, da er die Heurath des Sebaldus im Jahre 1762, und also, wie aus ächten brieflichen Urkunden zu erweisen, an zwanzig Jahre zu spät annimmt. Er ist hierinn eben so unachtsam, wie sein Mitbruder, der nachlässige Virgil, in dessen Aeneide die verpfuschte Chronologie, von den gelehrtesten Commentatoren, mit vieler Mühe kaum hat in Ordnung gebracht werden können.

In dieser wahrhaften Lebensbeschreibung hingegen, hat man die Zeitrechnung so genau beobachtet, daß man nicht allein das Jahr, sondern auch den Monath und den Tag angeben kann, wenn eine jede Begebenheit vorgegangen ist, und an vollständigen diplomatischen Beweisen wird diese Geschichte keiner andern nachzusetzen seyn. Wir haben die Vocation des Sebaldus und seine Absetzungsacte, die Predigten des Doctor Stauzius, Säuglings sämmtliche hieher gehörige Gedichte, Wilhelminens, und Sebaldus, Säuglings, Marianens, der Gräfin von ***, Rambolds und anderer Personen Briefwechsel, mit ihren Siegeln und Unterschriften, ja selbst einige sonderbare tironische Zeichen des Bauers, der den Sebaldus beherbergte, in Händen, mit welchen unverwerflichen ungedruckten Urkunden wir jedes Wort das wir gesagt, aufs glaubwürdigste belegen können.

Sie würden im Drucke nur etwan sieben bis acht Quartbände betragen. Demohngeachtet können sie bloß aus der Ursach nicht mit der Geschichte zugleich bekannt gemacht werden, wegen deren schon so manche trefliche Urkundensammlung ungedruckt geblieben ist; nämlich wegen des wenigen Geschmacks unsers Jahrhunderts an gründlichen Studien. Es ist dies sehr zu beklagen, aber es ist schwerlich ein Mittel vorhanden, die Bekanntmachung dieser nützlichen Urkunden zu befördern. Wir haben zwar noch einige ob gleich nur schwache Hofnung, auf den Herrn Generalsuperintendenten Pratje in Stade und auf den Hrn. Professor Cassel in Bremen gesetzt. Diese grundgelehrten Männer haben schon so viele tüchtige Bände voll Urkunden zu der Brem- und Verdischen Staats- Schul- und Kirchengeschichte ans Tageslicht gebracht, daß sich manche Leser einbilden, man habe für so wenig interessante Wahrheit, schon viel zu viel uninteressante Beweise erhalten. Wir sind aber dieser Meinung gar nicht, sondern leben vielmehr noch der Hofnung, daß diese Herren, die beweisenden Urkunden zu unserer Geschichte, als ein Supplement von Urkunden zur Bremischen Kirchengeschichte, durch ihre hebammliche Sorgfalt, ans Licht bringen könten; weil, wie aus der Folge erhellen wird, Sebaldus, in der Nachbarschaft von Bremen eine Zeitlang herumgewankt hat.

Sollte auch diese Hofnung fehl schlagen, so wäre der Vorschlag zu thun, daß einmahl irgend eine Gesellschaft der Wissenschafften, einen kritischen Auszug daraus, in einigen Bänden in Großoctav herausgebe, oder wenn auch hiezu alle Hofnung verlohren wäre, so ist kein anderer Rath, als daß die wenigen gründlichen Gelehrten, welche die diplomatischen Beweise zu untersuchen pflegen, dem Verfasser eben so gut auf sein Wort glauben müssen, als die vielen leichtsinnigen Leser, die die Urkunden doch nicht ansehen, wenn sie gleich den Geschichtbüchern des breitern beygefügt sind.

Da wir übrigens eine wahre Geschichte zu erzählen haben, so muß man in derselben weder den hohen Flug der Einbildungskraft suchen, den ein Gedicht haben müßte, noch den künstlich verwickelten Plan, den die Kunstrichter, von Theorie und Einsicht erfüllt, den Romanen vorschreiben. Alle Begebenheiten sind in unserer Erzählung so unvorbereitet, so unwunderbar, als sie in der weiten Welt zu geschehen pflegen. Die Personen welche auftreten sind weder an Stande erhaben, noch durch Gesinnungen ausgezeichnet, noch durch ausserordentliche Glücksfälle von gewöhnlichen Menschen unterschieden. Sie sind ganz gemeine schlechte und gerechte Leute, sie strotzen nicht so wie die Romanenhelden von hoher Imagination, schöner Tugend und feiner Lebensart, und die ihnen zustoßenden Begegnisse sind so, wie sie in dem ordentlichen Laufe der Welt täglich vorgehen. Solle bey allem diesem unsere Erzählung etwas langweilig werden, so trösten wir uns damit, daß mehrere gründliche deutsche Geschichtschreiber, die die unwidersprechlichsten Thatsachen in der besten Ordnung erzählen, das nämliche Schicksal gehabt haben.

Hingegen könte der Leser vielleicht, durch die in dieser Geschichte bekannt gemachten Meinungen, in etwas schadlos gehalten werden. Denn da fast jeder Mensch seine eigenen Meinungen für sich hat: so wäre es möglich, daß unter den hier vorgetragenen Meinungen etwas neues und wenigstens in so fern interessantes vorhanden wäre. Der Titel verspricht zwar nur die Meinungen des Magisters Sebaldus, aber man könnte deshalb doch in diesem Werke vielleicht auch die Meinungen einiger andern Leute, ja wohl selbst einige Meinungen des Verfassers finden; obgleich, mehrerer Sicherheit halben, nicht gänzlich darauf zu rechnen seyn dürfte, daß alle Meinungen die er erzählt, auch die seinigen wären.

Man beliebe nicht sich zu wundern, wenn es sich etwan ergeben sollte, daß, alles wohl berechnet, in diesem Werke mehr Meinungen, als Geschichte und Handlungen vorkämen. Der ehrliche Sebaldus kannte die grosse Welt nicht, die die Engländer high-life nennen. Speculation war die Welt in der er lebte, und jede Meinung war ihm so wichtig, als kaum manchem andern eine Handlung. Daher ist dieses Werk auch gar nicht für die große Welt, sondern – deutsch heraus zu reden – nur für Gelehrten von Profession geschrieben. Wir hoffen nicht von der halbunangekleideten Schöne am Nachttische gelesen zu werden, die indem sie den Grazien opfert, auf Tant mieux pour elle einen schrägen Blick wirft; nicht von dem piruettirenden Petitmaiter, beym Aufstehen oder Frisiren, auch nicht wenn er en Chenille mit ungepuderten Haaren und hochaufgebundenem Cadogan von Toilette zu Toilette schwärmt; nicht von dem Hofmanne, der den Wink des Fürsten und des Ministers zu studieren versteht und alle Galatage an den Fingern herbeten kann; nicht von dem Spieler; nicht von der Buhlschwester; nicht von –

Ist aber irgendwo ein hagerer Magister, der das ganze unermessliche Gebäude der Wissenschaften aus einem Kapitel seines ontologischen Compendiums übersieht; ein feister Superintendent, der alle Falten der Dogmatik aufhebt, worinn eine Ketzerey verborgen seyn könnte; ein weiser Schulmann, der über Handel Manufacturen und Luxus, Programmen geschrieben hat; ein Student mit der Kennermine, der auf Universitäten die Kunst aus dem Grunde studiert; ein belesener Dorfpastor, der die Statistik verbessern will, und über die politische Regierungskunst gelehrte Rathschläge geben kann; – so mögen sie hinzutreten und sich an dem Mahle weiden, welches hier ihrem Geiste aufgetischt wird.

Dies ist wenigstens die Gattung Leser die wir uns gewiß versprechen, ob wir aber auch Leser anderer Art erhalten werden, ist eben so ungewiß, als das Schicksal überhaupt, welches dieses Werk und dessen Verfasser zu erwarten haben. Freilich ist zu vermuthen, daß durch viele Erzählungen, Spaltungen in der Kirche erregt werden möchten, und daß man in verschiedenen Meinungen, Abweichungen von den allgemeinen symbolischen Büchern, und von den besondern formulis committendi einzelner Kirchen entdecken könnte. Man wird vielleicht daraus schliessen, daß der Verfasser das Staatsrecht nicht verstehe, und daß er im Kirchenrechte gefährliche Neuerungen einzuführen zur Absicht habe. Man wird sich vielleicht ins Ohr raunen, daß er verschiedene Gelehrsamkeit nicht für Gelehrsamkeit, verschiedene Gelehrten nicht für gelehrt, und verschiedene berühmte Leute nicht für berühmt halte u. s. w.

Man könnte ihn sonach etwa zum Scheiterhaufen verdammen, in den Bann thun, in eine Vestung schicken, oder auch ein Buch wider ihn schreiben, ein Pasquill wider ihn machen, oder ihm in einer Recension beweisen, daß er kein gutes Herz habe, sondern ein hämischer und boshafter Mensch sey.

Doch vielleicht könnte auch von allem diesem nichts geschehen. Vielleicht lieset niemand dieses Buch, niemand findet etwas besonders darin, und es erregt vielleicht bloß die vorübergehende Aufmerksamkeit eines Gewürzkrämers, der schon bey sich überdenkt, welche dauerhafte Caffedüten aus dem haltbaren Papiere könnten gemacht werden.

Es dürften sich auch wohl einige wenige Leser finden, die sich an dem Leben des Sebaldus, bloß weil er ein ehrlicher aufrichtiger Mann ist, eine Viertelstunde ergötzen, oder von seinen Meinungen Gelegenheit nehmen möchten, über gewisse Materien weiter nachzudenken; da dies aber offenbar bey weitern die kleinere Anzahl seyn kann, so werden sie eben nicht in Anschlag kommen.

Erstes Buch

Inhaltsverzeichnis

Erster Abschnitt.

Inhaltsverzeichnis

Der Pastor Sebaldus und die schöne Wilhelmine, brachten die ersten Monate nach ihrer Verheirathung, welche sonst andern neuverehlichten Paaren die Zeit einer girrenden Zärtlichkeit zu seyn pflegen, vielmehr in einer Art von Kälte und Verlegenheit zu. Sebaldus bemerkte einen Abstand zwischen seiner landmännischen Treuherzigkeit, und den feinen Hofmanieren seiner vornehmen jungen Frau. Er konnte sich noch nicht recht darum schicken, mit ihr als mit seines gleichen umzugehen. Wilhelmine, auf ihrer Seite, konnte den wohlgeputzten Hof, den sie verlassen hatte, nicht so geschwind vergessen. Das Andenken der Pracht der von der Fürstinn abgelegten Kleider, in der sie sich oft der gaffenden Menge der Zofen und Kammerdiener gezeigt hatte, verleidete ihr ihren ländlichen aber neugemachten Anzug. Es war ihr sogar verdrüßlich, daß sie ferner nicht Aufwartung machen, und sich vor höheren Personen tief verneigen sollte. Das Glück unabhängig zu seyn, schien ihr Erniedrigung. Die ungekünstelte Schönheit der Natur, die sie auf dem Lande vor sich hatte, konnte sie noch nicht wegen des Flitterstaats der Kunst, den sie nun nicht mehr erblickte, schadlos halten. Sie erinnerte sich mit Sehnsucht der glänzenden Scenen von Bällen, Concerten und Schlittenfahrten, die sie oft – angesehen hatte, noch mehr des gnädigen Kopfneigens der Fürstinn, durch das sie zuweilen unter der Menge gaffenden Hofgesindes war hervorgezogen worden. Sie that bey jeder Gelegenheit kleine Reisen in die Stadt, und unterließ nicht, ihre Aufwartung bey Hofe zu machen. Sie merkte aber gar bald, daß man sich am Hofe um die nicht bekümmert, die man nicht braucht, und daß ihre Stelle von andern eingenommen war. Dies kostete ihr zwar manche Thräne, war aber doch die erste Ursach, daß ihr ihr itziger Zustand erträglicher vorkam, und daß sie anfieng, die guten Gesinnungen ihres Sebaldus anzusehen, welche zu bemerken, sie bisher durch sein unmodisches Kleid und durch seine ungepuderte Peruke war verhindert worden. Sie erwiederte seine Liebkosungen mit freundlichen Blicken, er kam ihr mit Freundschaftsbezeugungen zuvor. Aus diesem Wechsel von Gefälligkeiten, entstanden bey beiden Empfindungen einer Glückseligkeit, die sie vorher noch gar nicht gefühlt hatten.

Von dieser Zeit an, vergaß die schöne Wilhelmine völlig den Hof, und ward ganz eine Landwirthin. Vorher hatte sie nur zu gehorchen gewust, nun begann sie zu regieren. Es kostete ihr einige kleine Liebkosungen, so fieng Sebaldus, der bisher als ein halber Wilder gelebt hatte, an, sich fleissiger den Bart zu putzen, und nicht so viel Federn auf seinem schwarzen Rocke zu leiden. Durch gleiche Freundlichkeit, erstreckte sie bald ihre Herrschaft auf ihre Nachbarinnen, die sie bisher durch ein gnädiges Hoflächeln weggescheuchet hatte. Nun erwarb sie bald derselben Vertraulichkeit, ertheilte den Wohlhabenden guten Rath, den Armen Allmosen, und ward in kurzer Zeit im Kirchspiele eben so beliebt, als ihr Mann schon vorher gewesen war.

Diese Liebe hatte sich Sebaldus durch die Sorgfalt, die er für seine Gemeine trug, erworben. Er war in den Häusern seiner Bauern als ein Vater und als ein Rathgeber willkommen. Nie ließ er es dem Bekümmerten an Trost, nie dem Hungrigen an Labsal fehlen. Er war von allen häuslichen Vorfällen unterrichtet, nicht, weil er in das Hausregiment der Layen einen Einfluß zu haben suchte, sondern weil er von ihnen bey allen ihren Verlegenheiten um Rath, bey allen ihren Zwistigkeiten um Vermittelung ersucht ward. Er war gewohnt, in seinen Predigten nicht auf die Laster zu schelten, aber wenn ein Laster in der Gemeine verübt wurde, pflegte er, ohne desselben zu gedenken, die entgegengesetzte Tugend einzuschärfen. Daher richtete er seine Predigten auch mehr nach den Bedürfnissen seiner Gemeinde als nach der Folge der Evangelien ein. Er hat wohl eher über das Evangelium vom Zinsgroschen: von den Vortheilen eines mässigen und nüchternen Lebens gepredigt, bloß weil sich kurz vorher ein paar Bauren in der Schenke betrunken hatten. Als er einst vergeblich versucht hatte, zween Bauern, die in offenbarer Feindseligkeit lebten, zu vergleichen, und von dem einen hart mit Worten war angelassen worden, predigte er am Tage St. Stephani des Märtyrers: von der ersten Pflicht wahrer Christen, ihren Nächsten zu lieben, und gedachte der empfangenen Scheltworte nicht, ob ihm gleich die Worte des Evangelium: Jerusalem, die du tödtest die Propheten und steinigest, die zu dir gesandt sind, die schönste Gelegenheit dazu gegeben hätten.

Zu beklagen war es freilich, daß dieser sonst gutherzige Mann, und der beym Antritte seines Amtes auf die symbolischen Bücher geschworen hatte, in seinem Herzen nichts weniger als orthodox war. Ueber das athanasische Glaubensbekenntniß hat er zwar sich niemals erklärt, nur weil er anstatt des Liedes: Wir gläuben all an einen Gott etc. welches sonst alle Sonntage in seiner Kirche war gesungen worden, oft ein geistliches Lied von Gellerten singen ließ, war er bey einigen vielleicht allzubrünstigorthodoxen Landpredigern in der Nähe, nicht in allzugutem Geruche. Ueber die Lehre von der Genugthuung aber äußerte er bey Gelegenheit viele Zweifel. Er verschwendete (ohne Exegese, von der er wenig hielt) viel philosophische Spitzfündigkeit, um dieser Lehre eine bessere Form zu geben; denn er war ein eifriger Anhänger der Crusiusschen Philosophie, welche unter allen andern Philosophien am geschicktesten scheinet, die Theologie philosophischer, und die Philosophie theologischer zu machen. Am meisten aber ging er in der Lehre vom tausendjährigen Reiche und von der Ewigkeit der Höllenstrafen von der Dogmatik ab. Er glaubte das erstere steif und fest, und von der letztern hatte er sich nie überzeugen können. Er glaubte, daß in dem himmlischen Jerusalem alle Gottlosen fromm werden würden. Diese tröstliche Hofnung hatte er aus einem fleissigen Studium der prophetischen Bücher der Schrift, besonders der Apocalypse geschöpft, welches Studium er schon seit langen Jahren mit unablässigem Eifer getrieben hatte. Er war auf eine sehr sonderbare Weise darauf gekommen, diese Bücher vorzüglich zu studieren. Er hatte sich schon in seinen jüngern Jahren, durch sorgfältiges Nachdenken überzeugt, daß der Willen Gottes, der unsre itzige und zukünftige Glückseligkeit bestimmt, wenn auch Gott für gut befunden habe ihn besonders zu offenbaren, dennoch auch nothwendig durch Vernunft müsse eingesehen werden können, und mit der Vernunft übereinstimmen müsse. Die einzige Offenbarung, die uns etwas ganz unbekanntes entdecken könnte, worauf die blosse Vernunft nie gefallen seyn würde, glaubte er, sey die prophetische Offenbarung von zukünftigen Dingen. Nachdem er also bey sich über den Werth aller dogmatischen und moralischen Wahrheiten einig war, indem er keine dogmatische Wahrheiten für nöthig und nützlich hielt, als die auf das Verhalten der Menschen einen Einfluß haben, und sich mehr angelegen seyn ließ, alle moralische Gesetze Gottes auszuüben, als sie zu zergliedern oder zu umschreiben; so hatte er sich ganz dem Studium der prophetischen Schriften gewidmet. Jeder Mensch hat sein Steckenpferd, und Sebaldus hatte die Apocalypse dazu erwählet, welches er auch, seine ganze Lebenszeit durch, vom Montage bis zum Freytage fleißig ritt. Nur der Sonnabend, wenn er sich zu seiner Predigt vorbereitete, und der Sonntag, wenn er sie hielt, war moralischen Betrachtungen gewidmet. Denn so sehr er auch die Prophezeyungen der Untersuchung eines scharfsinnigen Kopfes würdig hielt, so wenig glaubte er, würden seine Bauern davon verstehen oder nützen können, und es war sein unwiderruflicher Willen, seinen Bauern nichts zu predigen, als was ihnen sowohl verständlich, als nützlich wäre.

Er hatte mit vielen seiner wohlehrwürdigen Amtsbrüder, denen er sonst in so vielen Stücken unähnlich war, dennoch eine besondere Aehnlichkeit. Man solte kaum glauben, daß viele Landprediger, die den Sontag mit lauter Stimme das Gesetz predigen, und die Ungläubigen und Ketzer, mit starken Ausrufungen und Citationen aus dem Grundtexte, so fein zusammenzutreiben wissen, eben die Männer wären, die man die ganze Woche über, als dickstämmige Pächter, wilde Pferdebändiger, drolligte Trinkgesellschafter, und vorsichtige Wucherer gesehen hat. Eben also, wenn man, des Sontags den einfältigen, allen Bauern verständlichen Vortrag des Pastor Sebaldus hörte, so hätte man sich kaum vorstellen sollen, daß dis der grundgelehrte Mann sey, der alle Commentarien über die prophetischen Bücher durchstudirt hatte, der alle alte und neue Prophezeyungen nebst ihren Erfüllungen und Nichterfüllungen auf ein Haar wuste, der Vorbilder und Gegenbilder, wie Schachtel und Deckel zusammenpassen konnte, dem keine Meinung der Mystiker und Gnostiker entgangen war, der Buchstabenziffern und Jahrwochen, prophetische Zeitzirkel und abgekürzte Abendmorgen, bildliche Geschichte und weissagende Träume, nebst der ganzen Kabbala und dem Buche Raja Mehemna gänzlich inne hatte, und aus diesem reichen Stoffe mit Hülfe der Crusiusschen Philosophie, die feiner als die feinste Nadel zugespitzt, die einfachsten Begriffe zertheilen, und sogar die beiden Seiten einer Monade von einander spalten kan, eines der scharfsinnigsten Gewebe von Prophezeyungen aus der Apokalypse gezogen hatte, dem, Crusius unumstößliche Hypomnemata der prophetischen Theologie, Bengels unwidersprechliche Auflösung der apocalyptischen Weissagungen, Don Isaak Abarbanels Majeneh Jeschuah und Michaelis unwiderlegliche Erklärung der siebenzig Wochen, zwar vielleicht an Richtigkeit und Wahrheit, aber gewiß nicht an Neuheit, Scharfsinn und sinnreicher Aufklärung der dunkelsten Bilder zu vergleichen sind.

So wie die meisten großen Begebenheiten, aus sehr geringfügigen Ursachen zu entspringen pflegen, so ging es auch derjenigen Hypothese über die Apokalypse, auf die sich Sebaldus am meisten zu gute that. Wilhelmine war, als sie vom Hofe kam, sehr französisch gesinnet, sie sprach und laß gern französisch, sie ließ sich sogar merken, daß sie nichts eifriger wünschte, als einmahl in ihrem Leben Paris zu sehen, und warf es ihrem Mann mehr als einmahl vor, daß er gar nichts von französischer Artigkeit an sich hätte. Nun fügte es sich unglücklicher Weise, daß der ehrliche Sebaldus schon vorher an allem, was französisch war, einen überaus großen Misfallen hegte. Es war ihm von Jugend auf in der Schule ein herzlicher deutscher Haß gegen die Krone Frankreich eingeprägt worden, man hatte ihm oft wiederhohlt, daß sie nebst dem leidigen Türken der Erb- und Erzfeind von Deutschland sey, daß sie den Kaiser und Reich so oft bekrieget, und ganze Provinzen von dem deutschen Reiche abgezwackt habe. Da nun Frankreich ausser dem vielen und öftern Unheil, das es auf deutschem Boden angerichtet hatte, sich auch gar in des Sebaldus Hausangelegenheiten mengte, (denn er ließ sichs nicht ausreden, daß bloß die Liebe zur Französischen Sprache Ursach sey, daß ihn Wilhelmine nicht so herzlich liebte, als ers wünschte), so verdoppelte sich sein Haß gegen alles was französisch war. Weil er nun sonst kein Mittel sahe, seinen Unwillen auszuladen, so wandte er sich mit Ernst zu seiner allgemeinen Zuflucht, der Apocalypse, und forschte nach, ob denn in diesem Magazine von Weissagungen, nicht eine Weissagung wider die Franzosen enthalten seyn sollte.

Es hat einer von den zweihundert schwäbischen Theologen, die die Offenbarung Johannes erkläret haben, es als einen sichtbaren Beweis der wirklichen göttlichen Inspiration dieses Buchs angegeben, daß man alles darin finde, was man mit aufrichtigem Herzen darin suche. Dis erfuhr auch Sebaldus. Denn da er die Apocalypse mit einem Seitenblicke auf Frankreich las, so glaubte er gewisse bisher geheime Bilder in der unstreitigsten Klarheit zu sehen, und er überzeugte sich gänzlich, daß ein großer Theil der Offenbarung Johannes, nichts als ein Compendium der französischen Geschichte wäre, das vor dem Hainault und Mezeray nur den einzigen Vortheil habe, daß es etwas über tausend Jahre eher geschrieben worden, als die Begebenheiten sich zugetragen hätten. Er war fest versichert, daß die große Babylon im XVIIten Capitel, weder die Stadt Rom noch die Freymäurerey, sondern die Stadt Paris andeute. Die Bedeutung der beiden Thiere im XIIIten und XVIIten Kapitel, konte er aus dem P. Daniel erläutern, den er deshalb ausdrücklich, nach der nürnbergischen Uebersetzung, durchgelesen hatte. Die Entdeckung aber, worauf er sich am meisten einbildete, war, daß die Zahl des ersten Thieres 666 oder χξς, die Jesuiten bedeute, deren Verjagung aus Frankreich, er wirklich einige Jahre eher wuste, als der Herzog von Choiseul daran gedacht hatte. Nebenher war er auch versichert, daß das Büchlein im Xten Capitel, daß im Munde süß war wie Honig, und hernach im Bauche grimmete, offenbar auf viele schlüpfrige sittenverderbende französische Duodezbände gedeutet werden müsse, die wir Deutschen mit so vieler Begierde lesen. Alle diese und mehrere neue Entdeckungen über die Apocalypse, samlete er in einem großen Werke, an dem er unabläßig arbeitete.

Freilich hatten, diese gelehrte Bemühungen, nicht ganz den Beifall der schönen Wilhelmine. Sie warf sich zwar, nachdem sie den Hof gänzlich verlassen, in die Litteratur, so wie sich die vom Hofe verwiesenen französischen Damen in die Devotion werfen; aber diese Litteratur war von der, die Sebaldus trieb, himmelweit unterschieden. Wilhelmine war eine süsse Verehrerin der schönen Wissenschaften, wovon Sebaldus ganz und gar nichts verstand. Sie hatte alle gute deutsche und französische Dichter fleißig gelesen, und führte in der Conversation nicht selten Stellen daraus an. Im Urtheile über den Werth der Romanen, war sie das Orakel der ganzen Gegend. Sie war aber auch in der ganzen Gegend die einzige, die alle unsre besten neuern Dichter, ganz frisch von der Presse, und die Bremischen Beiträge, die Sammlung vermischter Schriften, und die Briefe die neueste Litteratur betreffend, stückweise kommen ließ. Von ihr erhielten sie die wenigen gnädigen Fräulein, die Landprediger und die Conrectoren in den benachbarten kleinen Städten, die noch in der dortigen Gegend unsere schönen Geister des Lesens würdigten.

In der Philosophie waren Sebaldus und seine Wilhelmine noch weit mehr von einander unterschieden. So sehr er ein eifriger Crusianer war, eben so sehr war sie aus allen Kräften der Wolfischen Philosophie ergeben. Sie hatte Wolfs sämtliche deutsche Schriften gelesen, besonders aber wuste sie desselben kleine Logik auswendig. Wenn eine von ihren Freundinnen sich den Geschmack bilden wollte, so pries sie derselben das zehnte Kapitel wie man von Schriften urtheilen soll, nebst dem eilften an, wie man Bücher recht mit Nutzen lesen soll. Der Crusiusschen Philosophie war sie von Herzen gramm, welches auch kein Wunder war, weil sie sich niemals hatte überwinden können, eine einzige von den Schriften des Hochwürdigen Mannes zu lesen. Sebaldus gab sich oft alle mögliche Mühe, sie dahin zu bringen, daß sie nur wenigstens Wüstemanns Compendium der Crusiusschen Philosophie durchlesen solte, welches er für eine nahrhafte Milch für unmündige Philosophen hielt. Umsonst! Sie legte es, nachdem sie sechs Seiten durchgelesen hatte, mit Verachtung aus der Hand, und war und blieb eine Wolfianerin.

Es ist leicht zu begreifen, wie die Philosophie der schönen Wilhelmine zuweilen eine kleine Unordnung im Hauswesen habe verursachen können, und wie möglich es gewesen, daß ein neuangekommenes Stück der Litteraturbriefe der zureichende Grund seyn können, daß der Reißbrey anbrennen muste. Solche kleine häusliche Widerwärtigkeiten störten aber keinesweges die beiderseitige Zufriedenheit. Da Sebaldus gemeiniglich zu eben der Zeit über ein Gesicht aus der Apocalypse geschwitzt hatte, so schmeckte er entweder den Fehler der Speise nicht, oder nahm ihn ganz gutherzig auf sich, weil er glaubte, er habe auf sich allzulange warten laßen. So gebiert das Bewustseyn eigener Schwachheiten Toleranz, und Toleranz gebiert Liebe.

Im Anfange freilich verursachten, die sich gerade entgegen gesetzten gelehrten Meinungen beider Eheleute, unter ihnen manchen heftigen Zwist, so bald aber nur die beiderseitige Zuneigung stärker geworden war, so konten die verschiedenen Meinungen nicht mehr den Wachsthum ihrer Liebe hindern. Auf die Philosophie, über die sie sich so oft ohne Erfolg gestritten hatten, liessen sie sich ferner gar nicht ein. Hingegen ließ sich Sebaldus zuweilen gefallen, von Wilhelminen ein Stück aus einem neuen deutschen Schriftsteller vorlesen zu hören, (denn wider die französischen Schriften hatte er sich allzudeutlich erkläret, als daß sie sich derselben zu erwähnen getrauet hätte,) Wilhelmine war auch zuweilen so gefällig, von ihrem Manne ein Stück seiner neuen Erklärung der Apocalypse mit Parallelstellen aus P. Daniels Geschichte bestärkt, sich vorlesen zu lassen. Sie rief wohl zuweilen aus: »sinnreich! wirklich sehr sinnreich!« Mit diesem Beifalle war er vergnügt wie ein König. Er ließ ihn auch nicht unbelohnt. Er setzte sich ans Clavier, und spielte ungebeten einige der Oden mit Melodien, von denen er wuste, daß sie seiner Frau am angenehmsten waren. Wilhelmine sang mit frohem Herzen dazu, und gewöhnlich war ein solcher Auftritt eine reiche Quelle guter Laune für diesen und einige folgende Tage.

Gegen das Ende der erstern neun Monate ihres Ehestandes, ward er mit einem Sohne gesegnet, dessen sich der Hofmarschall aus alter Bekanntschaft besonders annahm. Er ließ ihn oft zu sich in die Stadt holen, beschenkte ihn, und konnte lachen, daß ihm der Bauch schütterte, wenn der Junge, der von seiner ersten Jugend an versprach, einst ein durchtriebener Kopf zu werden, einen Umstehenden in die Waden zwickte, oder sonst jemand einen kleinen Schabernack anthat. Als der Knabe sechs Jahr alt war, so nahm er ihn ganz zu sich, so, daß er seitdem seine Aeltern nur selten zu sehen bekam. Im vierzehnten Jahre war der Knabe so weit gekommen, daß er die muthwilligen Neckereyen, die der Hofmarschall so oft in seiner ersten Kindheit an ihm bewundert hatte, auch an seinem Wohlthäter selbst auszuüben anfing. Dieser machte sich also nicht so viel daraus, einen Knaben ferner um sich zu haben, dessen Witze er zwar Beifall gab, wenn er andere hohnneckte, aber nicht, wenn er sich auch an ihn, den Hofmarschall selbst, wagte. Er besann sich, daß er einen guten Freund hatte, der Curator über eine etwa 25 Meilen entlegene Fürstenschule war, in derselben verschafte er dem jungen Nothanker eine Freystelle. Als der Knabe in derselben sechs Jahre verharrt hatte, und es nun Zeit schien, ihn auf Universitäten zu bringen, verschafte er demselben durch gleiche Protection zwey Stipendien auf einer berühmten Universität. Weil nun zwey Stipendien einträglicher waren, als eins, so konnte der junge Nothanker auch seine Studien mit viel glücklicherm Erfolge fortsetzen, als sonst ein armer einfacher Stipendiat hätte thun können. Er studierte also nicht allein in den Collegien, sondern auch in den Caffehäusern, bey den Jungemädgen, in den Dorfschenken, und überhaupt cavaliermässig in der großen Welt. Er machte auch Verse und Satiren, wodurch er denn bald ein Mitglied der deutschen Gesellschaft des Ortes ward. Von der Philosophie machte er Profession, und setzte sich schon in seinen Studentenjahren vor, in derselben einst große Veränderungen vorzunehmen, in der philosophischen Kritik aber war er so stark, daß er den Longin und Home, immer beym dritten Worte citirte. Diese Nachrichten erfreueten Wilhelminen ungemein, welche ihn als ihren würdigen Erben ansahe, obgleich Sebaldus ein wenig darüber den Kopf schüttelte, und die Hofnung, die er sich seit zehen Jahren gemacht hatte, ihn zum Adjunkt seiner Pfarre zu bekommen, beinahe aufzugeben anfing.

Etwa sechs Jahre nach der Geburt des Sohnes, eben als die Zuneigung zwischen Sebaldus und Wilhelminen zur wärmsten Zärtlichkeit gestiegen war, wurden sie mit einer Tochter erfreut, die den Namen Mariane bekam. Sie war von ihrer ersten Jugend an, der Gegenstand der väterlichen und mütterlichen Zärtlichkeit. Besonders wendete Wilhelmine ihre ganze Sorgfalt auf die Erziehung ihrer Tochter. Sie unterwies sie in allen weiblichen Arbeiten und in der französischen Sprache, ihr Vater war ihr Lehrer in der Geschichte und Erdbeschreibung, und beide vergaßen nichts um den Geist und das Herz dieser geliebten Tochter zu bilden. Als Mariane sechszehn Jahre alt war, hatte sie die besten deutschen und französischen Schriftsteller gelesen. Wenn ihre häuslichen Geschäfte geendigt waren, so war ihr Amt, wechselsweise ihrer Mutter vorzulesen, oder auf dem Claviere zu spielen, worauf ihr Vater ihr erster Lehrmeister gewesen war, und ihr eigner Fleiß sie zu mehrerer Vollkommenheit gebracht hatte. Eine sanfte Seele, ein mitleidiges Herz, krönte ihre übrige gute Eigenschaften, und gab ihnen in den Augen ihrer Eltern noch einen viel größern Werth.

Als diese älteste Tochter schon erwachsen war, wurde das Haus mit noch einer kleinen Tochter vermehret, die auch die besten Hofnungen von sich gab, da sowohl Wilhelmine als die junge Mariane wetteiferten, der kleinen Charlotte die beste Erziehung zu geben.

Zweyter Abschnitt.

Inhaltsverzeichnis

Die häusliche Zufriedenheit hatte auf solche Art in dieser Familie viele Jahre ununterbrochen fortgedauret. Sebaldus verrichtete seine Amtsgeschäfte in der Kirche mit frohem Gemüthe eben so wie Wilhelmine in der Küche und in der Milchkammer. Die willige Unterstützung ihrer nothleidenden und bekümmerten Nachbaren war ihnen beiden ein gemeinschaftliches Geschäft. Wenn diese Geschäfte vorbey waren, so kehrten sie mit Vergnügen zu ihrer eigenen Gesellschaft, und zur Gesellschaft ihrer herzlichgeliebten Kinder zurück. Ein vergnügtes Herz war die Würze jeder ländlichen Mahlzeit, und verschönerte ihre ruhigen Abendspaziergänge. Das Einförmige in ihrer Lebensart und in ihrem Vergnügen gewann mehrere Veränderung, so wie ihre Kinder an Alter zunahmen. Eine richtige Anmerkung, oder ein witziger Einfall, den Mariane hören ließ, ein neues musikalisches Stück das sie zum ersten mahl spielte, war der elterlichen Zärtlichkeit ein Fest, woran ihr Vergnügen Tage lang Nahrung hatte. Der Tag, da Charlottchen zuerst das süsse Wort Mutter lallte, der, da sie zuerst auf ihren kleinen Füssen drittehalb Schritte von dem Schooße der Mutter zum Vater allein forttaumelte, der, da sie ihm das erste von ihr genähte Säumchen vorzeigen konnte, oder der, da sie, durch ihre zärtliche Schwester gelehrt, beide Eltern durch Hersagung der Gellertschen Fabel vom Zeisig überraschte, waren in dieser kleinen Familie Galatage, deren Anmuth, wider die Art der höfischen, auch noch nachdem sie vorbey waren genossen ward.

So vollkommen das Glück dieser Familie war, so drohete es doch ein kleiner Vorfall zu unterbrechen. Es erschien in den letzten Jahren des vergangenen Krieges eine Schrift: Vom Tode für das Vaterland, betittelt. Diese kleine Schrift würde in das ruhige Fürstenthum, so leicht nicht eingedrungen seyn, welches von neuen Schriften, sonderlich von solchen, die sich mit dem Tande der weltlichen Weisheit, und mit dem Spielwerke der schönen Wissenschaften beschäftigten, gar nicht beunruhigt wurde. Man hatte darin gewöhnlicherweise ausser dem fürstl. privilegirten Gesangbuche, welches jährlich in grobem und feinem Drucke aufgelegt ward, und einigen auswärtigen Calendern, als dem hinkenden Staatsboten, dem Nürnbergischen Land- und Haus-Calender, Lachneaulici allgemeinen Haus- und Wirthschaftsregeln u. s. w. nichts, als des Herrn von Bogazky tägliches Hausbuch, den kleinen Görgel in Lebensgröße, Schabalie wandelnde Seele, Försters expediten Prediger in sechs Quartbänden, die Grundrisse von Predigten der Hamburgischen Herren Pastoren, nebst der Insel Felsenburg, dem im Irrgarten der Liebe taumelnden Cavalier, Eulenspiegel dem jüngern, und einigen Romanen des Dreßdner Thürmers, z. B. das Leben Peter Roberts, das wunderbare Schicksal Antoni, das Leben des Maler Michaels, und dergleichen Sachen mehr.

Wilhelmine aber, die auf alle neue Bücher neugierig war, die in die schönen Wissenschaften, in die Sittenlehre, Geschichte u. s. w. einschlugen, hatte, wie wir schon erwähnt haben, für sich selbst eine kleine auserlesene Bibliothek solcher Bücher, dergleichen in dem ganzen Fürstenthume nicht anzutreffen war. Sie hatte dem Buchhändler in der fürstlichen Residenzstadt, ihrem Gevatter, den Auftrag gegeben, ihr alles was von solcher Art Büchern wichtiges erschien, in eben dem Pakete zuzusenden, worum Sebaldus alle neue Schriften, die über die Apocalypse herauskamen, empfing. So nährte der ehrliche Hieronymus den Geist beider Eheleute, den einen mit Witz, und den andern mit Prophezeiungen.

Dieser Buchhändler hatte in seiner Jugend einige Schulstudien gehabt, und hatte dadurch vor verschiedenen seiner Handlungsgenossen den kleinen Vorzug erlanget, die Titel der Bücher, die er verkaufte, ganz zu verstehen. Er hatte in verschiedenen ansehnlichen Buchhandlungen in Holland, Frankreich und Italien, als Handlungsdiener gestanden. Er hatte dabei nicht allein sein eigenes Gewerbe in einem weit größern Umfange eingesehen, sondern er hatte auch Städte und Sitten der Menschen kennen lernen, und daher kam es, daß er zuweilen, vielleicht ohne es selbst zu wissen, ein vernünftigeres Urtheil von verschiedenen Sachen fällete, als sein Nachbar der Superintendent, oder sein anderer Nachbar der Rath in dem fürstlichen Expeditionscollegium, die beide, ausser ihren auf einer benachbarten Universität verbrachten Universitätsjahren, niemals ihre Vaterstadt verlaßen hatten.

Hieronymus pflegte aber die Einsichten die er besaß, eben nicht unabläßig geltend zu machen, daher hatten sie ihm auch nicht Feinde zugezogen. Er war in der kleinen Residenzstadt, in der er sich gesetzt hatte, in Ansehen, ohne von jemand beneidet zu werden, denn er war gegen jedermann dienstfertig, und hatte eine natürliche Abneigung jemand ins Gesicht zu widersprechen, oder erlangte Vortheile von irgend einer Art zur Schau zu tragen. Bey diesen Grundsätzen und einer so glücklichen Temperamentstugend war er in seinem Städtchen wohlhabend geworden, ohne daß es bey seinen Nebenbürgern eben sonderliches Aufsehen verursacht hätte.

Gleichwol hatte er durch seinen Fleiß, ganz unvermerkt, in dem Ländchen wo er sich befand, zween ganz neue Handlungszweige eröfnet, an die vorher noch niemand daselbst gedacht hatte. Es hatte das kleine Fürstenthum einen fruchtbaren Boden, und nicht wenig Viehzucht, es brachte alles hervor was die Einwohner nähren konte. Sie nährten sich auch, und zehrten richtig dasjenige auf, was ihnen zuwuchs. Weil sie aber ausser ihrem mäßig bestellten Ackerbaue, gar keine einzige Art von Kunstfleiß hatten, so war freilich unter ihnen wenig Geld. Es reichte kaum zu, die Röcke und die Strümpfe zu bezahlen, die die Handwerker eines benachbarten Herzogthums, aus der Wolle die in diesem kleinen Fürstenthum sehr wohlfeil verkauft ward, webten, und alsdenn in dasselbe wieder einführten. Es war also kein Wunder, daß bisher noch kein Buchhändler in diesem Ländchen hatte Bücher verkaufen können. Hieronymus, war der erste, der sich unterstand Bücher darin einzuführen. Er sahe aber auch nicht so genau darauf, ob er eben baar Geld erhielt. Er verkaufte mehrmals Z. B das Juristische Oraculum in sechzehn Foliobänden für einen fetten Ochsen, Leopolds Landwirthschaftsbuch für sechs Scheffel Roggen, und Riegers Herzpostill, oder Cardilucii Kunst-Arzney-Natur- und Nahrungspostill für ein paar Schock Eyer, ja er gab noch wohl Mürdelii süsse Geisteserquickungen, oder Meletaons Tugendschul in den Kauf.

Hierdurch machte er sich besonders bey den Predigern in Städten Flecken und Dörfern sehr beliebt, die gern etwas von ihren Zehenden oder von ihrem Naturaldeputat daran wagten, um sich Krausens evangelischen und epistolischen Predigerschatz, Kleiners Hirtenstimme, Schlichthabers fünffache Dispositionen aller Evangelien, oder Weihenmayrs epistolische Spruch- und Kernpostill anzuschaffen, und sich dadurch die schwere Last des Predigtamts, die sie so sehr drückte, zu erleichtern. Die Bürger folgten bald dem Exempel ihrer Seelenhirten, und schaften sich von einem Theile des Ertrags ihrer Erndte, und ihrer Kälber- und Hammelzucht einige erbauliche und nützliche Bücher an, z. B. Hollatzens Gnadenordnung und Pilgerstraße, Staricii Heldenschatz, die reine Wasserquelle, den vom Engel Raphael begleiteten Wandersmann, Goezens Betrachtungen über die Dinge die nach dem jüngsten Gerichte vorgehen werden, Hocuspocus oder die neuvermehrten Taschenspielerkünste, die neueröfnete Kunstpforte, Schnurrs Kunst- und Wunderbuch, der getreuen Bellamira wohlbelohnte Liebesproben, Heußens biblische Seelenweide, Widders Krankenpostill u. d. gl. Die fürstlichen Räthe und Secretarien aber kauften Bolzens Amts- und Gerichts-Actuarium, dessen Anweisung zum Ambthierungswerke, Salanders alias Sieckels allezeitfertigen Notarium, Heumanns rechtlichen Catechismum, besonders aber des deutlichen Schwesers oder Philoparchi wohlunterrichteten Beamten etc.

Hieronymus erhielt also, als ein Laye, einen Vortheil der sonst nur der Geistlichkeit eigen war, nemlich er speisete den Geist seiner Mitbürger, und eignete sich dafür ihre Glücksgüter zu. Er ließ die eingetauschten Ochsen Hämmel und Schweine in seine Ställe treiben, und das eingetauschte Getraide auf seine Böden schütten, und verkaufte alles auf den Märkten des obengedachten Herzogthums für baares Geld, weil daselbst die blühenden Manufacturen, und die dadurch verursachte Bevölkerung einen etwas höhern Preiß der Nahrungsmittel verursacht hatten. Man kennete ihn daselbst nicht unter dem Namen des Buchhändlers Hieronymus, aber der Namen des Korn- oder Viehhändlers Hieronymus, war bey den Müllern, Bäckern und Schlächtern daselbst, um desto bekannter.

Seine Nachbarn hatten selbst Aecker und Wiesen, aber zufrieden sich selbst zu nähren, baueten sie nicht mehr, als sie brauchten, noch weniger dachten sie daran, den Ueberfluß ihren Nachbarn weiter, als etwa bis in die nächste kleine Landstadt, zuzuführen. Es währete Jahre lang, bis durch die beladenen Wagen und durch die Heerden Vieh, die sie so oft aus Hieronymus Hause, wegfahren und wegtreiben sahen, ihre Neugier rege gemacht ward.

Sie versuchten bald eben diesen Weg, und da ihnen ihr Unternehmen gelang, fingen sie an ihre Viehzucht zu vermehren, und ihre Aecker fleissiger zu bauen. Sie nahmen dadurch selbst an gutem Wohlstande zu, und das ganze Ländchen kam in wenig Jahren in so gutes Aufnehmen, daß die Staatsklugen zu erörtern anfingen, warum das Land sich so schnell verbessert habe.

Eigentlich war freilich der Fleiß des Hieronymus und das Beyspiel, das er seinen Mitbürgern gegeben hatte, die Ursach davon. Es ist aber allen denen, die politische und Finanzvorfälle untersuchen, schon längst zur Regel geworden, nicht die kleinen Umstände anzuführen, welche gemeiniglich die wahren Ursachen der Begebenheiten zu seyn pflegen, sondern große Umstände, welche gemeiniglich nicht die wahren Ursachen sind. Daher ward in einer in das fürstliche Intelligenzblatt eingerückten Abhandlung, die schnelle Zunahme des Wohlstandes des Landes, der landesväterlichen Vorsorge des Fürsten zugeschrieben, (der auf seinem Lustschlosse, seine Zeit zwischen der Jagd und seiner Mätresse theilte) und nach derselben den klugen Anstalten seines ersten Geheimenraths, (der in der fürstlichen Residenzstadt im Cabinet unermüdet arbeitete, alle Stellen im Lande mit seinen Verwandten und Creaturen zu besetzen.) Der Superintendent D. Stauzius hingegen, ein scharfer Gesetzprediger, nahm diese Abhandlung in der Einweihungspredigt der neugebauten St. Bartels Kapelle ziemlich durch, und versicherte, der zugenommene Wohlstand des Landes sey ein sichtbarer Segen des Höchsten, wegen der frommen Aufführung der Einwohner.

Man muß nemlich wissen, daß in der fürstlichen Residenzstadt ein paar Jahre vorher, fünf Strassen nebst einer kleinen verfallenen Kapelle abgebrannt waren. Die Einwohner trugen, auf die nachdrückliche Ermahnung des Superintendenten, zum Bau der Kapelle, welche viel vergrößert und verschönert aufgebauet werden sollte, so reichlich bey, daß sie freilich kein Geld übrig behielten, zu einer Hauscollecte etwas beizutragen, die der Bürgermeister veranlasset hatte, um von deren Ertrage einige gemeine Feuerspritzen anzuschaffen, weil bloß aus Mangel derselben, das Feuer soweit um sich gegriffen hatte. Noch weniger kehrten sie sich an die leichtsinnigen Reden des Bürgermeisters, der öffentlich sagte, daß man vor allen Dingen den abgebrannten Einwohnern beispringen müsse, und daß es überhaupt unnöthig sey die Kapelle wieder zu bauen, da andere Kirchen genug in der Stadt wären, noch weniger sie zu vergrößern, so lange die Häuser der Einwohner zu deren Gebrauch die Kapelle dienen sollte, noch in der Asche lägen. Diese musten sich freilich, da sie nirgend unterkommen konten, und gar keine Hofnung sahen, sich wieder aufzuhelfen, in wenig Wochen zu Colonisten nach Rußland anwerben lassen. Sie bekamen also die für Sie neuerbaute Kapelle nicht zu sehen. Hingegen hatten sie doch den Trost, daß sie an dem Ufer der Wolga die gedruckte Einweihungspredigt des D. Stauzius nebst den beygefügten Carminibus des Stadtministerii und aller Primaner des fürstlichen Lycei mit vieler Erbauung verlesen hörten.

Sebaldus erhielt diese gedruckte Einweihungspredigt in eben dem Pakete, worin Wilhelmine die Schrift vom Tode fürs Vaterland erhielt. Sie machte ihm aber nicht sonderliches Vergnügen. D. Stauzius hatte in derselben mehr als einmal, denen die Kirchen und Kapellen verachten, und den Bau oder Verschönerung derselben hindern, mit der ewigen Verdammniß gedrohet. Sebaldus aber konnte diese Lehre niemals behauptet sehen, ohne in eine Art von Bekümmerniß zu gerathen, die dem Mißvergnügen nahe war. Der Tod fürs Vaterland hingegen hatte auf Wilhelminen eine ganz entgegengesetzte Wirkung. Er setzte ihren ohnedis zum romantischen geneigten Geist in ein neues Feuer. Sie fühlte Entzückung über die Gedanken, daß auch der Unterthan einer Monarchie nicht eine blosse Maschine sey, sondern seinen eigenthümlichen Werth als Mensch habe, daß die Liebe fürs Vaterland einer Nation eine große und neue Denkungsart gebe, daß sie eine Nation als ein Muster für andere darstelle. Von diesen Ideen erhitzt, sann sie nach, wie sie in dem allgemeinen Kriege der damahls Deutschland verheerte, ein Beyspiel ihrer Liebe fürs Vaterland geben könne. Mitten unter diesen Gedanken fiel ihr gleich auf der ersten Seite folgende Stelle aufs Herz: »Sollte wohl ein Diener der Religion sich entweihen, sollte er wohl dadurch sein Amt vernachlässigen, wenn er, nachdem er tausendmal gesagt hat: Thut Busse; auch einmal rieffe: Sterbet freudig fürs Vaterland?« Sie beschloß, daß niemand ihrem Manne das Verdienst rauben sollte, dieser Aufforderung zuerst ein Genüge gethan, noch ihr das Verdienst, ihn dazu aufgemuntert zu haben. Von diesem Vorsatze voll, trat sie, welches sie sonst selten zu thun pflegte, in Sebaldus Studierstube. Sie las ihm aus der Schrift, die ihr so sehr gefiel, die stärksten Stellen vor. Sie beschloß mit der eben angeführten an die Prediger gerichteten Stelle, und setzte alle Gründe, die sie sammlen konnte zusammen, um ihn zu bewegen, daß er den nächsten Sonntag seiner Gemeine predigen sollte: Sterbet freudig für das Vaterland.

Sie fand bey Ihrem Manne einen stärkern Widerstand, als sie sich vorgestellet hatte. Sebaldus, dessen Geist, ohne Prophezeiung nicht so leicht in Enthusiasmus gerieth, und der durch D. Stauzius Einweihungspredigt noch weniger erwärmt worden war, hatte ihrer feurigen Deklamation hundert kalte Gründe entgegen zu setzen, auf die sie sich nicht gefaßt gemacht hatte. Er sagte ihr unter andern, daß ein Geistlicher, wenn er glaubte, oft genug gerufen zu haben: Thut Busse, noch eine Menge Wahrheiten zu predigen habe, die ihn alle noch nützlicher dünkten, als der Tod für das Vaterland. »Und, setzte er hinzu, wo ist in unserm unter Krieg und Verheerung seufzenden Deutschlande, jezt wohl das Vaterland zu finden? Deutsche fechten gegen Deutsche. Das Contingent unsers Fürsten ist bey dem einen Heere, und in unserm Ländchen wirbt man für das andere. Zu welchem sollen wir uns schlagen? Wen sollen wir angreifen? Wen sollen wir vertheidigen? Für wen sollen wir sterben?«

Wilhelmine, die einmal beschlossen hatte, daß vom Tode fürs Vaterland gepredigt werden sollte, sahe wohl ein, daß allgemeine Gründe ihren Mann nicht bewegen würden, sie nahm also zu solchen ihre Zuflucht, die ihn näher angiengen. Sie versetzte: »Wird denn nicht in diesem Kriege wider die Franzosen gestritten? Ich glaube immer, die Deutschen sind ächte Deutsche, die auf Türken und Franzosen losgehen. Sie haben mir, mein Lieber! oft von Weissagungen vom nahen Untergange Frankreichs vorgesagt; sollte in der Apocalypse keine Weissagung seyn, die den itzigen Krieg angehet? Schlagen Sie doch nach. Wer weiß, ob in diesem Kriege nicht Deutsche das stolze Frankreich erobern sollen? Wie? Wenn es ihnen nun vorbehalten wäre, durch Ihre Predigt zu diesem großen Werke den ersten Anlaß zu geben? Welcher Ruhm für Sie, wenn auch auf Sie und auf Ihre Predigt mitgeweissagt wäre! Können Sie der Kraft so vieler Gründe wohl widerstehen? Ich dächte, Sie müsten dadurch determinirt werden!«

Der arme Sebaldus war nun bey allen seinen Schwächen angegriffen, denn Wilhelmine pflegte sehr selten die Apocalypse anzuführen, noch weniger pflegte sie der Franzosen mit einem wiedrigen Seitenblicke zu gedenken, und über den zureichenden und determinirenden Grund, waren ihre Gedanken ihres Mannes Gedanken so schnurstracks zuwider, daß weder Sebaldus das Wort zureichend, noch Wilhelmine das Wort determinirend jemals in den Mund zu nehmen pflegte. Es geschahe also hier, was immer zu geschehen pflegt, daß die gefällige Freundlichkeit eines Frauenzimmers die besten Gründe einer Mannsperson unkräftig machte.

Sebaldus wählte einen schicklichen Text für den nächsten Sonntag aus der Apocalypse, und da dieses das erste mahl war, daß er über einen Text aus diesem von ihm so geliebten Buche predigte, so hielt er seine Predigt, vom Tode fürs Vaterland, in einem enthusiastischen Feuer, das seine Gemeine sonst an ihm nicht gewohnt war. Als er aus der Kirche nach Hause gieng, bemerkte er sogleich die Frucht seines Eifers. Er sahe auf dem Kirchhofe einen ziemlichen Auflauf, und hörte jemand sehr laut reden. Als er näher hinzu kam, hörte er, daß ein im Dorfe liegender Unterofficier, der mit in der Kirche gewesen, zu seiner Predigt einen epanorthotischen Usum hinzu that, und nicht ohne Frucht, denn zehn junge, rasche Bauerkerl, nahmen auf der Stelle Dienste.

Dem Sebaldus klopfte hiebey ein wenig das Herz, aber Wilhelmine jubilirte über den glücklichen Erfolg ihres Vorschlags. Sie wendete auf dem Wege aus der Kirche nach Hause alles an, um ihrem Mann eben so freudige Gesinnungen mitzutheilen. Es würde ihr vielleicht gelungen seyn, wenn nicht zween Briefe, die sie bey ihrer Ankunft zu Hause fanden, ihre Freude etwas niedergeschlagen hätten. Der eine war von einem Professor der Universität wo ihr ältester Sohn studierte. Er meldete ihnen ohne Umschweife, daß ihr Sohn, mit Hinterlaßung vieler Schulden davon gelaufen sey, und daß niemand wisse, wohin. Beide Aeltern fuhren bei dieser unvermutheten Nachricht zusammen, und zitterten vor dem zweyten Brief. Als sie auf der Aufschrift ihres Sohnes Hand erblickten, so riß ihn Wilhelmine aus Sebaldus Händen, und laß ihn. Der Sohn meldete darum, ohne von seinen Schulden etwas zu erwehnen, »daß er es für einen guten Bürger für schimpflich halte, stille zu sitzen wenn das Vaterland in Noth sey; daß die Römer und Griechen in ihrer Jugend Kriegsdienste gethan hätten, daß er diesem glorreichen Exempel folgen wolte, und daher auch zur Armee gegangen sey. Er meldete zu gleicher Zeit seinen Eltern, daß er vor der Hand einen fremden Namen angenommen habe, und so lange führen wolle, bis er seinem wahren Nahmen Ehre bringen könnte.« Sebaldus ward bei dieser Nachricht ganz blaß, und Wilhelmine fiel mit einem lauten Geschrey rücklings aufs Canape. Sie besann sich aber bald, daß itzt die beste Gelegenheit sey, spartanische Gesinnungen zu zeigen, ermannete sich, stand auf, und sagte mit thränenden Augen: »Ich habe ihn dazu gebohren!« Sie suchte auf alle Weise ihre heldenmüthige Gesinnungen bey sich wieder hervor zu ziehen. Bald stellte sie sich die großen Thaten vor, die ihr Sohn verrichten würde; bald bedauerte sie nur, daß er seinen Nahmen verändert hatte, weil sie auf diese Art von ihr unbemerkt geschehen könnten. Bald hofte sie wieder, daß er, wenn er etwas großes verrichtet hätte, gewiß seinen Namen kund thun werde. Inzwischen konnten alle diese heroische Gesinnungen, mit denen sie sich tröstete, und die dem Sebaldus gar keinen Trost gaben, weder ihre mütterliche Zärtlichkeit noch des Sebaldus weise Betrachtungen unterdrücken, die sich beständig dazwischen mischten. Nachdem sie damit den Nachmittag zugebracht hatten, legten sie sich beiderseits in einer solchen Gemüthsverfassung schlafen, daß, wenn sie vier und zwanzig Stunden vorher darin gewesen wären, Sebaldus schwerlich würde gepredigt haben: Sterbet freudig für das Vaterland, noch Wilhelmine ihn dazu würde haben ermuntern wollen.

Dritter Abschnitt.

Inhaltsverzeichnis

Indessen erscholl die Nachricht von Sebaldus Predigt und von ihren Folgen, bald bis in die fürstliche Residenzstadt. Sebaldus hatte im Consistorium zwey sehr mächtige Feinde. Der eine war der Präsident, der als ein Ehrenmitglied verschiedener deutschen und lateinischen Gesellschaften viele sehr fliessende deutsche Reime, und viele sehr deutliche lateinische Chronodistichen verfertigte. Alle am fürstlichen Hofe vorfallende Galatage, alle Landplagen, als Heuschrecken, Hagel, feindliche Einfälle, alle Promotionen der ihm untergebenen Conrectoren, und Landprediger, besang seine Muse ungesäumt. Wilhelmine war eine viel zu feine Kennerin der schönen Wissenschaften, als daß sie sich dem falschen Geschmacke, der in ihrem Vaterländchen beschützt ward, nicht hätte widersetzen sollen. Sie sprach bey jeder Gelegenheit von den deutschen Versen des Präsidenten überaus verächtlich, und seine lateinische Chronodistichen, wenn sie sie auch nicht verstand, so wuste sie sie doch aus dem Zuschauer mit einer Reihe Soldaten zu vergleichen, in welcher einige Riesen zwischen einer Anzahl Zwerge ständen. Nun ist es bekannt, daß alle Dichter sehr empfindlich, und die schlechten Dichter gemeiniglich die empfindlichsten sind. Es ist also leicht zu erachten, daß es der Präsident für einen unerhörten Eingriff in die Landesverfassung und gute Subordination hielt, daß eine Landpfarrerfrau sich über die Verse eines Mannes wie er, öffentlich aufhalten dürfte, und daß er keine Gelegenheit wird verabsäumet haben, ihrem Manne empfinden zu laßen, daß er sein Oberer war. Der zweyte Feind des Sebaldus, war der Generalsuperintendent D. Stauzius. Dis war eben der Pfarrer, der Sebaldus mit Wilhelminen getrauet hatte, der wilde Mann, der so gern von dem Obersten Menzel und von dem lustigen Treffen zu Roßbach sprach. Er hatte kurz nach Sebaldus Heirath die Ausgeberin des Präsidenten geheirathet, die Sebaldus verschmähst hatte, und war dadurch Generalsuperintendent worden. So wie er am Stande zunahm, wuchs auch sein Eifer für die Orthodoxie. Er lies sich zum Doctor der Theologie machen, damit er einen doppelten Beruf habe, sich der Orthodoxie alles Fleisses anzunehmen. Er erhielt im Lande eine solche Einförmigkeit in der Lehre, wie ein Hauptmann bey einer wohleingerichteten Compagnie Soldaten, bey der jeder Rock so lang als der andere, jeder Zopf so dick als der andere, jede Stiefelette so lang aufgeknöpft ist als die andere, und die sich nie nach ihrem eigenen Willen, sondern blos nach dem Wink ihrer Obern beweget. So bald ein Prediger nur den geringsten Geruch von Ketzerey an sich spüren ließ, ward er abgeschaft. Dadurch ward das Ländgen wirklich so rein gehalten, daß Sebaldus der einzige war, der auf der schwarzen Liste stand. Schon als D. Stauzius noch Dorfpfarrer war, hatte er sich mit Sebaldus oft über die Ewigkeit der Höllenstrafen gestritten, die er mit großem Eifer behauptete, und von der Sebaldus, wie wir dem Leser schon haben merken lassen, Begriffe hatte, die zwar ganz menschenfreundlich, aber gar nicht orthodox waren. Seitdem D. Stauzius Superintendent worden war, hatte er die Lehre von der Ewigkeit der Höllenstrafen noch nothwendiger gefunden. Er merkte beim Antritt seines Amts bald, daß er bey den Kammerjunkern und den fürstlichen Räthen, mit dem florentinischen Wetterglase, aus welchem er vormahls seinen Bauern Wind und Wetter vorhersagte,S. Wilhelmine S. 105. nicht viel ausrichten konnte. Er legte sich also, um sie in kirchlicher Zucht zu halten, auf ein recht derbes Gesetzpredigen. Er mahlte ihnen den höllischen Schwefelpfuhl recht schrecklich, und die Martern der Verdammten recht gräßlich vor, wobei er denn mit einem holen klagenden Tone das Wort ewig! ewig! ewig! sehr oft erschallen ließ. So streng und unerbittlich er aber auf der Kanzel gegen die Sünder war, so gefällig und nachgebend war er gegen seine Frau, die er aus so vornehmen Händen empfangen hatte. Sie regierte ihn ganz. Unglücklicherweise aber für Sebaldus war sie auf denselben und seine Frau auch sehr übel zu sprechen. Sie konnte es ihm noch nicht vergeben, daß er ihre Hand und mit ihr das einträgliche Amt ausgeschlagen hatte, bloß um eine jüngere und schönere Person zu heirathen. Wenn also D. Stauzius gegen Sebaldus nur ein verdriesliches Wort sagte, so setzte sie noch zwey oder drey hinzu, und brachte sowohl ihren itzigen Mann, als ihren gewesenen Herrn wider ihn auf. Welch Wunder also, daß Sebaldus sehr oft, auch bei den geringfügigsten Vorfällen nachdrückliche Verweise aus dem Consistorium bekam.

Die gegenwärtige Sache hingegen war zu wichtig, als daß sie mit einem bloßen schriftlichen Verweise konnte abgemacht werden. Sebaldus ward also in Person nach der fürstlichen Residenz, vor dem Consistorium zu erscheinen, gefordert. Als er erschien, sahe ihn der Präsident von oben bis unten an, seufzte, machte die Augen zu, hob das Angesicht gen Himmel, und hielt ihm in einem feinen etwas heisern und langgezogenen Ton seinen Unfug vor, daß er von etwas anders, als von Busse und Zerknirschung des Herzens gepredigt hätte, welches den symbolischen Büchern schnurstracks zuwider sey. Kaum hatte er ausgeredet, als der Superintendent aufstand. Er schrie mehr, als er sprach, zitterte vor Eifer, ward feuerroth im Gesichte, runzelte seine starke halbgraue und halbrothe Augenbraunen, konnte noch nicht sprechen, und schüttete als er anfieng, in einem holen bellenden Ton, so schnell daß ein Wort das andere jagte, ein gestottertes Anathema über das andere auf den armen Sebaldus aus. Er hielt ihm vor, daß die zehn angeworbenen Bauerkerl, vermuthlich hätten in den Stand der Gnade kommen können, daß sie aber nun in dem Lande wohin sie gebracht würden, Atheisten werden, und also ewig verdammt werden müsten. Auch Er, Sebaldus, hätte die ewige Verdammniß dadurch verdient, daß er an dem ewigen Wehe von zehn Seelen schuld wäre, u. s. w.

Sebaldus antwortete bescheiden mit wenig Worten, und ließ am Ende seiner Rede einfließen, »daß Gott gnädiger wäre, als erbitterte Menschen, daß er uns nach der reinen Absicht unsers Herzens, nicht aber nach einem nicht vorhergesehenen Erfolge unserer Handlungen, richten werde.« Stauzius fuhr ihn mit unbeschreiblicher Wuth an: »Ob er die Ewigkeit der Höllenstrafen glaube?« Sebaldus antwortete ganz gelassen: »Er glaube nicht, daß es Menschen gezieme, der Güte Gottes Maaß und Ziel zu setzen.« »Sie sehen, meine Herren, redete der äusserst aufgebrachte Superintendent die anwesenden an, daß dieser gottlose Mann in den Grundlehren des Glaubens irrig ist, und schändliche grundstürzende Irrthümer behauptet, ich trage also darauf an, daß er unverzüglich seines Amtes entsetzt werde, damit er die Seelen der ihm anvertrauten Heerde nicht ferner in Gefahr bringe.« Der Präsident antwortete hierauf mit sanftmüthiger Mine: »Es ist zwar wahr, daß Ehrn Nothanker sich eine schwere Verschuldung hat zur Last kommen lassen, doch erfordert die christliche Liebe, daß man in einer so wichtigen Sache, als die Absetzung vom Amte ist, sich nicht übereilen müsse. Daher ist meine Meynung, daß dem Fiscal aufgetragen werde, eine in gehöriger Form abgefaßte Klage zu überreichen, welche dem Beklagten mit dem Bedeuten, sie in zween Tagen zu beantworten, sub poena praeclusi und daß alsdenn in contumaciam wider ihn erkannt werde, zu communiciren sey, desgleichen daß derselbe auf nächste Session in vierzehn Tagen beschieden werde, um die alsdenn abzufassende Sentenz anzuhören.« Dieser Meinung fielen alle bey, und Sebaldus verfügte sich mit schwerem Herzen nach Hause.

Die Klage des Fiscals lief in wenig Tagen ein, und weil darin noch mehr auf die Ewigkeit der Höllenstrafen, als auf die gehaltene Predigt Rücksicht genommen war, so glaubten Sebaldus und Wilhelmine, darin die Feder des D. Stauzius zu erkennen. Sebaldus beantwortete sie in den gesetzten zween Tagen ausführlich, und Wilhelmine fügte noch einige Anmerkungen hinzu, die ihrer Meinung nach die Unschuld ihres Mannes so treffend bewiesen, daß sich auch nicht das geringste nur mit einigem Scheine, dawider sagen liesse. Die Verantwortung ward übergeben, und Sebaldus schwebte indessen zwischen Furcht und Hofnung. An dem angesetzten Tage begab er sich nach der Residenz. Er muste in dem Vorzimmer der Sessionsstube eine halbe Stunde warten, unterdessen daß über sein Schicksal gerathschlagt ward. Darauf ward er hineinbeschieden, um die Sentenz anzuhören, welche, nach dem gewöhnlichen Eingange, folgendermaßen lautete: »daß Beklagter wegen irriger Lehre und Abweichung von den so theuer beschwornen symbolischen Büchern, wobey er aller liebreichen Ermahnungen ohnerachtet verharret, seines Predigt- und Lehramts zu entsetzen, und er bedeutet werde, sich alles fernern Lehrens, Predigens und sonstiger Actuum ministerialium gänzlich zu enthalten, so lieb als ihm die Vermeidung fürstl. Ungnade, und zweyjähriger Zuchthausstrafe sey. V. R. W.« Es fand keine Appellation statt. Es ward dem guten Sebaldus von dem Consistorialbothen unverzüglich Kragen und Mantel abgenommen, zugleich ward er ernstlich bedeutet, die Pfarrwohnung zu räumen, indem die Pfarre bereits vergeben sey, und darauf ward er mit einer väterlichen Ermahnung in Frieden entlassen. Das Consistorium aber blieb noch versammlet, um den Präsidenten, ein lateinisches Chronodistichon, auf diesen merkwürdigen zur Festhaltung der reinen orthodoxen Lehre abzweckenden Actum, verlesen zu hören, das er in den vierzehn Tagen seit der letzten Seßion zu Stande gebracht hatte.

Sebaldus war, als er auf die Straße kam, von dem, was vorgegangen war, so betäubt, daß er alle Besonnenheit verlobt. Seine Füsse trugen ihn mechanischer Weise gerade nach Hause. Wilhelmine hatte sich, aus zureichenden Gründen, von dem Ausgange des Processes die beste Hofnung gemacht. Sie hatte daher, in der von ihr selbst gepflanzten Laube, neben dem Pfarrhause, eine ländliche Abendmahlzeit zugerichtet. Als sie damit fertig war, gieng sie ihrem Manne, mit ihren beiden Töchtern, entgegen. Er kam endlich. Als er noch einige Schritte von ihr war, sahe sie schon in seinen wilden starr auf sie gerichteten Augen, einen Theil des über sie schwebenden Unfalls. Er kam näher, und sagte ihr in wenig Worten, wie groß ihr Unglück sey. Wilhelmine ward blaß, die Knie zitterten ihr, sie fiel in ihrer Tochter Arme, und die kleine Charlotte warf sich auf ihre Mutter und weinete. Wilhelmine ward erst nach geraumer Zeit ihrer Sinne wieder mächtig, und in großer Schwachheit nach Hause gebracht. Alle die Vergnügungen, die sich diese kleine Familie, bey dem Abendmahl in der Laube, nach der Zurückkunft ihres Vaters versprochen hatte, waren dahin. Wilhelmine war von dem heftigen Schrecken so sehr beweget worden, daß sie in wenig Stunden in einem starken Fieber lag. Mariane, ob sie gleich ihr Herzeleid verbarg, konte doch, indem sie ihrer Mutter Handreichung leistete, ihre naßen Augen nicht verbergen. Die kleine Charlotte winselte unaufhörlich, weil sie ihre Mutter leiden sahe. Sebaldus aber, über sein Unglück kaum so sehr niedergeschlagen, als über die Härte rachgieriger Menschen bestürzt, saß staunend, in der stillen Schwermuth die äusserlich kalt scheint, aber innerlich mit desto größerer Heftigkeit auf die Lebensgeister wütet.

Vierter Abschnitt.

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