Friesen-Mafia - Achim Tacke - E-Book

Friesen-Mafia E-Book

Achim Tacke

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Beschreibung

Sie ist schön, aber leider tot, die Frauenleiche am Dangaster Deich. Kommissar Tammo Poppinga ahnt Ungemach. Recht soll er behalten. Wenig später taucht seine Oldenburger Kollegin Swantje Bilger auf. Sie scheint ein Problem mit dem Landleben und mit Dangast im Besonderen zu haben. Weltgewand, gebildet, hübsch, aber anscheinend knochenhart, will sie die Ermittlungen führen. Das wird nichts, ist Tammos feste Überzeugung. Der Tod eines Futtermittelhändlers bringt die beiden bald auf die richtige Spur. Es geht um BST- einem nachgebautem Rinderhormon, das die Leistung bei Milchkühen steigert, aber in der EU verboten ist. Demzufolge für Kriminelle ein lukratives Geschäft. Tammos Ermittlungen haben eher einen friesisch-bodenständigen Charakter. Swantje setzt auf High-Tech – und beide auf ihre gegenseitige Antipathie. Dann gerät auch noch Tammo unter Mordverdacht. Widerwillig steht ihm Swantje zur Seite. Mit friesischer Bauernschläue und mit Hilfe der Kampfsau Xanthippe, weiß er seine Kollegen zu täuschen und in die Flucht zu schlagen. Heimlich ermittelt er weiter. Die BST Mafia, findet er heraus, arbeitet europaweit. Die Zentrale, alles deutet immer mehr darauf hin, sitzt in Friesland. Swantje und Tammo, ein Paar voller Gegensätze, läuft zur Hochform auf. Das soll Folgen haben!

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Seitenzahl: 271

Veröffentlichungsjahr: 2013

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1. Tag

Freitag, 3. Mai

Siewarausgesprochenschön,aberleidertot.TammoPoppinga,KommissarausVarel,mochteschöneMenschen,aberkeineschönenLeichen.ErhieltAbstandzuderToten.DerGerichtsmedizinerGunnarKlöverkamaufihnzu.

»Und?«, fragte der Kommissar.

»Tot!«

»Wie?«

»Vermutlich erdrosselt!«

»Womit?«

Ein Schulterzucken war die Antwort.

»Und sonst?«

»Vermutlich nicht!«

»Hinweise?«

»Keine!«

Die Frau wurde also erdrosselt, vermutlich nicht vergewaltigt und hatte nichts bei sich, was auf ihre Identität schließen ließ, schlussfolgerte Tammo aus dem Gespräch.

Ihr Körper bewegte sich mit den Wellen, die sich träge an den Deich ergossen. Die tiefschwarzen Haare glänzten feucht. Sie verdeckten teilweise das Gesicht. Tammo Poppinga schaute über den Jadebusen. Über Wilhelmshaven strahlte die Sonne. Diesseits des Jadebusens türmten sich noch die Wolken, als stünde eine unsichtbare Barriere ihnen im Weg. Der Kommissar ging einige Schritte auf die Frauenleiche zu. Ihre Schönheit schien fast makellos, fein und voller Grazie. Grazie mochte er auch. Wenn sie sich doch bloß nicht bewegen würde. Leichen sollten einfach nur starr daliegen, fand Tammo.

Er schaute den Deich entlang. Gunnar Klöver zog sich die Handschuhe aus.

»Spuren?«, fragte Tammo.

»Nix als Schafscheiße auf Gras!«

»Und am Wasser?«

»Sand und Wasser!«

Einer der Polizisten zog die Leiche vorsichtig auf den Deich. Endlich bewegte sie sich nicht mehr und war einfach nur noch Leiche. Jetzt erst trat Tammo etwas näher an sie heran. Behutsam, als sei sie zerbrechlich, schob der Polizist die Haare aus dem Gesicht. Slawin, tippte Tammo. Sie ist Slawin oder sonst wo aus Osteuropa. Die hohen Wangenknochen, die katzenhaften Augen, die schwarzen Haare. Ob sie Slawin war, war nur eine Vermutung. So stellte sich Tammo jedenfalls eine Slawin vor. Was für ihn entscheidender war: Sie war auf keinen Fall eine Friesin. Und damit wurde der Fall unangenehm. Leichen, meinte Tammo, sollten ein Zuhause haben – und das sollte möglichst da sein, wo sie auch gelebt hatten. Eine heimatlose Slawin machte Probleme. Er hatte nichts gegen Slawinnen am Jadebusen, aber sie sollten möglichst nicht tot sein – und schon gar nicht ermordet.

»Ob sie eine Slawin ist?«, fragte Tammo den Gerichtsmediziner.

»Naja, könnte sein.«

»Wegen der schwarzen Haare, meine ich.«

»Es gibt auch blonde Slawinnen.«

»Blonde?« Tammo überlegte.

»DieBoszena,diebeiOmaHedwigsaubermacht,istblond.«

»Die Ewa, die bei Krügers putzt, ist schwarzhaarig.«

»Gefärbt!«

»Gefärbt?«

»So ein Schwarz gibt es nicht in der Natur. Nur in der Chemie.«

Tammo deutete auf die Leiche.

»Die hier ist genauso schwarz.«

Gunnar Klöver ging zu der Leiche und sah sich den Haaransatz an. Tammo hielt noch immer Abstand.

»Die Farbe ist echt. Wirkt nur unecht, weil die Haare nass sind«, behauptete Gunnar. Der Fall wurde immer undurchsichtiger. Tammo stopfte seine Hände noch tiefer in seine Hosentaschen. Die Male an ihrem Hals deuteten auf ein Ge­waltverbrechen hin. Er wird wahrscheinlich mit Kollegen ­sprechen müssen. Mit Kollegen vom Präsidium in Oldenburg oder sogar mit denen vom BKA, die er gar nicht kannte. Tammo sprach nicht gerne mit Menschen – schon gar nicht am Telefon – die er nicht kannte. Varel und umzu war überschaubar, er kannte so ziemlich jeden und wollte, außer dienstlich, von niemandem etwas. Mit der Leiche sah die Geschichte plötzlich völlig anders aus.

»Brauchst du mich noch?«

»Für meinen Job brauch ich dich nie!«

»Ich meine …«

»Geh ruhig.«

Tammo mochte den Gerichtsmediziner. Gunnar Klöver, 50 Jahre oder älter, graue Haare und in der Freizeit Imker. Weil er nach seinem Studium unbedingt in Varel bleiben wollte und die Friesen keinen ausgeprägten Hang zu Gewalttaten hatten, entschloss er sich zu einem Aufbaustudium, das ihm ermöglichte, nicht nur an Toten seine Künste auszuüben. Über Bienen und Honig redete er mehr als über seine Leichen oder Kranken. Beides war aber in der Summe nicht viel. Tammo ging noch einige Schritte auf die Leiche zu. Irgendwann stand er dann vor der Toten. Schöne Menschen sollten nicht sterben. Was hier geschehen war, war nicht nur ein Mord, es war Barbarei.

Bei nüchterner Betrachtung war das aber noch keine heiße Spur. Er sah sich automatisch um, obwohl er sicher war, dass die Frau nicht hier ermordet wurde. Das Wasser hatte sie hergetrieben. Tammo kannte das Wasser im Jadebusen. Als Kind hatte er am Deich gespielt, als Jugendlicher seinen Segelschein gemacht und seither betrachtete er diesen Teil der Nordsee als sein zweites Zuhause. Wie war das Wetter in den letzten Tagen? Ausgesprochen normal. Die Tide kam und ging. Nichts Außergewöhnliches. Wieder starrte er auf das Wasser. Ist sie auf einem Schiff ermordet worden? Sie trug ein rotes Wickelkleid – sonst nichts. Keine Uhr, keinen Schmuck, keine Schuhe, keinen BH und keinen Slip. Eine schöne Slawin in rot und tot.

WärederFalleinKinofilmodereinFernsehkrimi,dachteer,hätteerjetztwahrscheinlicheinenHundanseinerSeite.DerHundwürdeFieteheißenundeswäreseineAufgabe,FieteseineGedankenzuerzählen,damitdieZuschauerwüssten,wasergeradedenkt.SoeinHundistnichtschlecht.Gedankensindflüchtig.EsistgutGedankenzuerzählen,weilmandanneinebessereErinnerunghat.WennderHunddieOhrenspitzt,dasNackenhaarsträubtoderdenKopfzurSeitelegt,dannerinnertmansichandenGedanken.TammohatteaberkeinenFiete,undeswäreimMomentauchnichtratsam,sichumeinennichtvorhandenenHundzukümmernanstattumdieschöneTote.SobliebenkonsequenterweiseseineGedankeninabsehbarerZeitflüchtig.

Es war Freitag und damit sein freies Wochenende passé. Die Kripo aus Oldenburg würde bald eintreffen, ihn mitleidig ansehen und ihn mit Fragen überhäufen, die er nicht beantworten konnte. »Macht nichts«, würden sie sagen und ihn für einen Dorftrottel halten, der Kaffee kochen durfte.

SlawischeToteamJadebusenwareneinfachScheiße,beschlosserundstiegindenDienstwagen,fuhrdenDeichhinunterRichtungDangast.EswarAnfangMaiunddieTouristenströmtenindasSeebad.KurzhinterdemOrtsausgangbogerlinkszumVarelerHafenab.EinUmweg,aberZeitzumNachdenkenundAusweichstrecke,dieihmdieOldenburgerKripowenigstensfüreinekurzeWeilevomLeibhielt.DieSlawin,daswarklar,kamnichtausDangast,VareloderdernäherenUmgebung.Siewäreihmaufgefallen.DieTotealsTouristinschlosserauchaus.NochniehatteereinenslawischenTouristenamJadebusengesehen.BliebdieDangasterundVarelerUnterwelt.Ermusstelächeln.DaswarüberschaubareHausmannskost–unmöglich.

Vom Vareler Hafen fuhr er Richtung Innenstadt. Auf der Straße hatte er vor sechzehn Jahren seine Eltern verloren. Ein LKW hatte sie überfahren, als sie die Straßenseite wechseln wollten. Sein Vater war Verkehrspolizist gewesen. Tammo wurde zum Unfallort gerufen und sah erst da, dass es seine Eltern waren. Vier Wochen blieb er anschließend zu Hause. Der Schock saß tief. Erst ein Jahr später war er in der Lage, das Haus seiner Eltern in Dangast zu beziehen. Nur wenige Dinge, die ihn an seine Eltern erinnerten, behielt er. Der Rest wurde wegrenoviert. Er teilte das Haus. Die eine Hälfte bewohnte er selber, die andere vermietete er als Ferienwohnung. Alles wurde wesentlich teurer, als er es geplant hatte. Entsprechend billig fiel die Möblierung der Wohnungen aus.

Das Revier lag in der Nähe des Bahnhofs. Den Oldenburger Wagen sah er schon, als er um die Ecke bog. Sie waren also bereits da. Der Kleinkrieg konnte beginnen. Er wollte Dynamik vortäuschen und nahm immer gleich zwei Stufen, als er die Treppe zur Wache hinauflief. Und dann stand sie da – groß, blond, blauäugig in einem hellbraunen Trenchcoat. Ihre langen Haare hatte sie zu einem Knoten aufgebunden. Sie sagte nichts, sah ihn an, wie er verdattert in der Tür stand. Seit wann stellt die Polizei Damen ein? Ohne Schwierigkeiten hätte sie auch auf einen Laufsteg in Mailand gepasst oder zum Presseball in Berlin. Tammo war weder bei einer Modenschau in Mailand noch auf dem Presseball in Berlin gewesen, aber so stellte er sich die Welt der Schönen und Reichen vor.

ErhattesichheuteMorgenkeinegroßeMühemitderAuswahlseinerKlamottengegeben.Machteerdasje?Geduscht,T-Shirt,Jeans,seinegeliebtenuraltenLederboots,fertig.SeineHaare,nichtblond,nichtbraun,irgendwodazwischen,wolltennichtimmer,wieerwollte.Eigentlichwarihmdasegal,nurdieLängewarentscheidend,immerschönbisindenNacken.BloßkeineBeckham-Spitzhaarfrisur!Bloßnicht!UndkeinGel!Bloßnicht!MannwarFrieseundnichtBarmannderMünchenerSchickeria!

Ein solcher Aufprall der Gegensätze war eine von Hinterlist geplante Unverschämtheit. Tammo ging innerlich in die Knie. Sie war auf ihren Absätzen auch noch größer als er.

»Ich heiße Swantje, Swantje Bilger, Hauptkommissarin aus Oldenburg!«

Sie kam mit einem Lächeln und ausgestreckter Hand auf ihn zu. Er richtete sich auf. Jetzt bloß eine tiefe Stimmlage finden. Er räusperte sich. Der Kloß im Hals schwoll an.

»Jo«, rutschte über seine Zunge. Mehr gewürgt als gesprochen.

»Sie heißen Jo?«

»Nö,wieso?«DerKloßsaßtiefimRachenundschwollweiter.

»Sie haben gerade Jo gesagt.«

»Jo? Nö!« Jetzt juckte auch noch die Kopfhaut.

»Doch! Sie haben Jo gesagt!«

Tammo keuchte, als hätte er gerade eine Zigarre inhaliert.

»Tammo, Tammo Poppinga«, piepste es. Er gab ihr die Hand. Dabei dachte er »das wird nichts«. Hauptkommissarin hatte sie gesagt! Tammo hob innerlich den Zeigefinger. Hauptkommissarin. Die war mindestens – MINDESTENS – 5 Jahre jünger als er. Endlich gab es in Dangast mal einen richtigen Fall und was geschah? Man setzte ihm eine Hauptkommissarin vor die Nase.

Swantje saß beim Frisör, als sie der Anruf erreichte. Zum Glück waren die Haare bereits gewaschen. Zeit zum Föhnen blieb nicht. Sie ließ sich die Haare zu einem Pferdeschwanz zusammenbinden. Ein Fall in Dangast. Ein vermutlicher Mord. Das passte so gar nicht nach Dangast – schon gar nicht in den Ort, wo sie die schönsten Kindertage verbracht hatte. Seither mied sie den Nordseebadeort. Bloß keine Erinnerungen zerstören. Dangast, das war ein Schatz, den sie mit sich trug, der in ihrer Seele vergraben war und den sie fürchtete zu heben, um Enttäuschung zu vermeiden. Dangast war aber auch eine entsetzliche Erinnerung. Es war nur ein Moment, aber er hatte ihre Kinderseele tief verletzt. Jetzt lag eine Tote am Deich. Die Zentrale hatte ihr gesagt, dass bereits ein Kommissar Poppinga vor Ort sei. Treffpunkt wäre die Wache in Varel. Komisch, an Varel hatte sie überhaupt keine Erinnerung. Für ein Kind ist Varel wahrscheinlich verdammt weit weg von Dangast.

Als sie sieben Jahre alt war, zogen ihre Eltern nach Frankfurt. Zwei Jahre später ließen sie sich scheiden. Sie blieb bei ihrer Mutter. Den Vater sah sie ab dann noch vier mal. Nicht weil er nicht wollte, sondern weil er als Bänker nach Singapur ging und ihr von da an nur noch doofe Postkarten mit knappen Texten schickte. Auf dem Gymnasium verschwieg sie die Scheidung ihrer Eltern bei den Freundinnen, gab aber mit ihrem Vater mehr als fantasievoll an. Die gelogene Geschichte flog auf. Ihr Vater, der Held in der Ferne, war jetzt nur noch der Papa, der sich aus dem Staub gemacht hatte. Swantje litt. Ihre kleine, phantasievoll gestaltete Welt brach zusammen. Sie stand plötzlich ganz schön belämmert da. Kichernde Freundinnen, die sich laufend Unverschämtheiten einfallen ließen, machten sie zur Einzelgängerin. Denen werd ich’s schon beweisen! Zeitlich passte das ganz gut. Die Pubertät kam und mit ihr die Jungs. Sie war groß, schlank, sportlich, alles andere als dumm und voller Rachegefühle. Den blöden Ziegen werde ich es schon zeigen, beschloss sie. Wann immer ein Junge auftauchte, der den anderen gefiel, schnappte sie sich ihn. Am besten öffentlich, damit die anderen es auch sahen – ihren Triumph sahen! Was sie nicht kalkulierte, ihr Ruf ging ziemlich vor die Hunde. In dieser Zeit wechselte ihre Mutter den Mann und den Wohnort. Bad Soden Allendorf. Davon hatte sie noch nie gehört. Im Geografieunterricht und in Geschichte war Bad Soden Allendorf durchs Raster der schulischen Bildung gekippt – einfach nicht auffindbar. Swantje träumte von einem Neuanfang, kramte den Atlas hervor, fand Bad Soden Allendorf und ernüchterte. Schon am ersten Tag beschloss sie diese Zwischenstation – und als solche begriff sie sie – aus ihrer Biografie zu streichen. Daran hielt sie sich auch. Dorf, Kleinstadt, alles was mehr als 40 Prozent Grün aufwies, sollte für sie nicht mehr in Frage kommen. Frankfurt, Hamburg, Berlin – oder noch besser – New York und Paris. Das waren Ziele.

»Wo ist die Leiche?« Sie hätte in der gleichen Stimmlage auch fragen können: »Wo ist der Dienstwagen?«

»Sind Sie alleine?«, fragte Tammo unsicher und ärgerte sich über ihre Sicherheit. Schweißperlen hatten sich explosionsartig auf seiner Stirn gebildet.

»Brauchen wir mehr?« Sie zog ihre rechte Augenbraue etwas nach oben.

Hexe, sie ist eine Hexe und eine unverschämte dazu, schoss es Tammo durch den Kopf.

»Die Leiche war vorhin noch am Deich.«

»Was bedeutet vorhin?« Jetzt wippte die Augenbraue etwas. Ob sie das vor dem Spiegel geübt hatte? Was sagt eine wippende Augenbraue über die Psyche eines Menschen aus? Tammo versuchte sich zu konzentrieren.

»Naja, eben vorhin. Vor einer halben Stunde, schätze ich«, sagte er und »blöde Gans« dachte er. Sie zog ihre Nappalederhandschuhe etwas hoch, als wolle sie zu einer Operation schreiten oder ihm einen Kinnhaken verpassen.

Das Telefon klingelte. Gunnar Klöver teilte kurz mit, dass die Leiche da sei.

»WowirddieLeicheobduziert?«,wollteSwantjeBilgerwissen.

»Im Keller!«

Sie stiegen die Stufen hinunter, gingen durch den schmalen Gang und bogen rechts in den gelb gekachelten Raum ein.

»Ist hier schon Störtebeker obduziert worden?« Swantje Bilger sah sich dabei in dem Raum um, der tatsächlich ein Überbleibsel vergangener Zeiten war. Tammo hielt den Mund. Gunnar Klöver, um das antiquierte Bild noch zu bestätigen, stand mit einer großen Lupe bei der Leiche und sah sich die Würgemale am Hals an. Swantje Bilger verdrehte die Augen.

»Segeltau!«, sagte Gunnar Klöver kurz.

»Und das können Sie so einfach behaupten?« Die Kommissarin trug die Nase etwas zu hoch für friesische Verhältnisse, und zu allem Überfluss stemmte sie auch noch ihre Fäuste in die Taille.

»Ich behaupte das nicht – ich weiß es!«

»Sowas sollten wir doch eher den Spezialisten in Oldenburg überlassen.«

»Auch gut!« Gunnar Klöver packte die Lupe beiseite.

»Was machen Sie da?«

»Nix.«

»Wie nix?«

»Ich überlasse das den Spezialisten in Oldenburg. Meine Bienen warten.« Und damit verließ er den Raum. Tammo kicherte.

»Werden wir jetzt albern?«, zischte Swantje ihn an.

»Nö, nö. Ist ja alles geklärt!«

Sie griff in die Tasche ihres Kamelhaarmantels und zog ihr Handy hervor.

»Hauptkommissarin Bilger. Ich habe hier eine Leiche in, äh in …«

»Varel!«

»In Varel. Ich brauche dringend eine Obduktion. – Pause- Wie, Sie sind voll? – Pause – Was interessiert mich, wer Urlaub hat. Ich habe eine Leiche! – Was heißt hier zwischenlagern? – Pause – Sind Sie noch zu retten?« Wutschnaubend unterbrach sie die Verbindung. Ein Stück ihrer Sicherheit war futsch.

»Haben Sie eine Möglichkeit, die Leiche für zwei Tage einzulagern?«

»Sie meinen eine Kühlung?«

Sie nickte nur.

»Ne, haben wir nicht!«

»Aber Sie müssen doch irgendwie die Leichen aufbewahren!«

»Welche Leichen?«

»Gibt es in diesem Nest keine Toten?«

»Doch.TanteElsbethzumBeispiel.OderauchHaukeHansen.«

Sie wurde immer nervöser. »Und? Wo haben Sie die Toten bis zur Obduktion aufbewahrt?«

»Wieso denn Obduktion? Tante Elsbeth ist mit 101 Jahren ganz natürlich gestorben und Hauke Hansen ist von seinem Bullen getreten worden. Die haben wir gleich beerdigt.«

Bedrohlich kam Swantje auf Tammo zu. Sie war kurz vor einem Schreikrampf.

»Sie nehmen mich nicht ernst. Das merk ich mir. Diese Leiche muss gekühlt werden – und zwar für zwei Tage!«

Tammo ließ sich etwas Zeit. Er spürte förmlich, wie er innerlich wuchs.

»Vielleicht bei Schlachter Kühn. Der hat ein Gefrierhaus.«

»Sind Sie von allen guten Geistern verlassen?«

»Dann nicht!« Gut gelaufen, dachte Tammo und verließ den Raum. Er hörte noch, wie sie rief: »Sie bleiben jetzt hier!« Blieb er aber nicht. Tammo ging schnell, ohne jedoch zu laufen. Mit ihren High Heels konnte sie sein Tempo nicht halten. Erst bei seinem Dienstwagen erreichte sie ihn. Sie schien etwas entspannter, dafür aber atemlos.

»Entschuldigen Sie! Ich … ich bin wohl etwas … naja, manchmal gehen die Pferde mit mir … ich meine, wir müssen doch die Leiche …« Sie hatte das Zauberwort WIR gebraucht und es erschien Tammo glaubhaft.

»Lassen Sie Gunnar Klöver weitermachen. Er ist etwas eigen, aber gut.«

»Mir scheint, ihr seid hier alle etwas eigen. Und was ist mit der Kühlung der Leiche.«

»Kümmert sich Gunnar drum.«

Sie nickte, wenn auch widerwillig.

»Und jetzt?«, fragte Tammo.

»Ich brauche eine Unterkunft.«

»Da gibt es so eine Reethauspension in Dangast. Ist gemütlich.«

An ihrem Gesichtsausdruck sah Tammo, dass sie höchste Zweifel an seinem Tipp hatte. Sie sagte aber nichts.

»Ich fahre zu Gunnar. Sie können sich ja um ihre Unterkunft kümmern.«

SwantjesetztesichinihrenWagen.Bevorsieihnstartete,bliebsieeineWeilestarrsitzen.Waswardasdenn?HattedieserTammodieAufnahmeprüfunganderPolizeischuleimGummi­stiefelweitwurfgeschafft?UnddieserGerichtsmediziner!DerhätteaucheineHauptrollein»TanzderVampire«übernehmenkönnen.TranssilvanienamNordseestrand.Siemussteaufpassen.HierbrautesicheineFront,einländlicherTsunamizusammen,dersieleicht–unddieErmittlungenauch–überrollenkönnte.SiestartetedenWagen.Ihrwarnichtwohl.NichtnurwegendergeballtenKraftderLandeier,sondernauchwegenDangast.SieüberquertedieHafenstraße,folgtedenAnweisungendesNavis.WannwürdendieerstenBilderzurückkehren?WannholtsiedieErinnerungein?BeiderPapierfabrikbogsierechtsab.Rallenbüschen.VordemGasthofzurLindestandeinelebensgroßeGiraffeausEisen.KunststattFassbier!Odervielleichtbeides?UnddannwardieersteErinnerungda.DieTankstelleinDangastermoor.Dauerlutscher!,fielihrein.HiergabesimmereinenDauerlutscher,densiemitGenussindielinkeWangeschob.Weiden,Kühe,Pferde.DamalsgabeskaumPferde.DieKühe,wennsieindieStällegeholtwurden,kacktenimmeraufdieStraße.Dasfandsieekelig.WennKühekacken,fandSwantje,guckensieextremdoof.Wennsieüber’sLandfuhr,achtetesiedarauf,alssuchesiedenGegenbeweis–eineakademischeKuh,sozusagen.Akademischfandsiegut.Akademischwaretwas,waserklärbar,eindeutigunddamitsicherwar.HierbetratsieeinRefugium,dasnichtlogischundeindeutigwar–eswareinStückihrerKindheit,derenPrägungsieimmerloswerdenwollte.Da,gleichdavorne,gingeslinksab.Siefuhrgeradeaus.OrtseingangvonDangast.AusderaltenSchuleisteinNationalparkhausgeworden.LinksderDorfkrugunddanndasReethaus.EinenMomentüberlegtesiezubremsen,aufdenParkplatzzufahren.ErstdasMeer.Dorthattesieschwimmengelernt.SiestiegausdemAuto.Allessahandersaus.Dasberuhigtesieirgendwie.EinSchwimmbadhattensieandenDeichgebaut.DerStrandwareingezäunt.EineBretterbudemitalbernenPalmensollteKaribikvorgaukeln.Sowaskanntesieauchvonwoanders.BlödeIdeenschienenderzeitKonjunkturzuhaben.ÄhnlichverhieltessichmitdenVerkaufsständen.Pommes,Nippes,Postkarten–wieüberall,wosichTouristenherumtreiben.Zugegeben,alsKindfandsiedasschön.SiefuhrzumReethaus.

»Haben Sie ein Zimmer frei?« Swantje sah sich unsicher um, während sie Helene fragte.

»Für wie lange?«

»Bis der Mord … erst einmal für … sagen wir für vier Tage.«

Da sprang nicht gerade Sympathie hin und her. Helene, die große, blonde Wirtin des Reethauses, schleuderte ein Handtuch in ihrer rechten Hand. Eine Macke von ihr.

»Mit Frühstück?«

Swantje nickte. „Der Kommissar aus Varel hat Ihr Haus empfohlen.

»Tammo?«

»Richtig, Tammo heißt er wohl.«

»Normalerweise vermiete ich nur Doppelzimmer.«

»Und was kostet bei Ihnen ein Doppelzimmer?«

»Mit Frühstück 62 Euro.«

»Kann ich mal ein Zimmer sehen?« Swantje wurde ungeduldig. So ein Zimmer hatte sie im Reethaus, weil von Tammo empfohlen, nicht vermutet. Das ganze Haus war geschmackvoll eingerichtet, mit viel Liebe zum Detail. Helene lächelte Swantje an. Sie lächelte zurück.

Tammo fühlte sich in seinem Wagen frei – von einer unendlichen Last befreit. Er schaltete das Nordwestradio ein, hörte »Fiera dell’Est« von Branduardi und fuhr nach Langendamm. Jetzt hatte die Sonne auch den westlichen Teil des Jadebusens erreicht. Es wurde warm. Gunnar Klöver war bei seinen Bienen. Tammo hielt Abstand. Er rief. Der Gerichtsmediziner kam.

»Ihr Kleid ist von Gucci.«

»Ist sie …?«

»Nein, sie ist eindeutig nicht vergewaltigt worden.« Gunnar Klöver nahm die Netzkappe ab.

»Gibt es sonst noch Spuren?«

»Vielleicht. Ich muss noch mal ran. Eine DNA-Probe ist auf jeden Fall schon unterwegs nach Oldenburg.«

»Ich denke, die sind voll.«

»Mein Schwager Jan ist da Gerichtsmediziner. Kurzer Dienstweg.« Sie gingen auf das Haus zu. Gunnar Klöver zögerte einen Moment.

»Sie hat geschossen.«

»Was?«

»Sie hat geschossen. Sie hat Schmauchspuren an der rechten Hand.«

»Sie hatte eine Waffe und ist trotzdem erwürgt worden?«

»Wann Sie geschossen hat, kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Auf jeden Fall hat sie sich danach nicht mehr die Hände gewaschen.«

Sie erreichten Gunnars Haus. Den Resthof hatte er sich vor einigen Jahren gekauft, weil er meinte, dass er in seiner Seele mehr Bauer als Mediziner sei. Zuerst kaufte er sich einige Schafe – Moorschnucken. Später kamen dann die Bienen hinzu. An dem Haus hatte er nur wenig verändert. Wo einst die Einfahrt zur Tenne war, zierte jetzt ein großes Bogenfenster den Eingang.

»Hast du sie fotografiert?«, wollte Tammo wissen. Gunnar verschwand kurz im Haus. Ohne ein Wort reichte er Tammo vier Bilder. Genauso wortlos steckte sie Tammo ein. Im Auto überlegte er kurz, was er als Nächstes unternehmen wolle. Er entschied sich nach Dangast zu fahren, kam aber nur gut 500 Meter weiter. Er entdeckte Schorsch vor dem Vereinshaus des Spielmannzugs »Vorwärts«. Schorsch strich gerade einige Fenster und genoss dabei die Sonne. Schorsch war handwerklich begabt, pensionierter Lehrer und seither ein gefragter Schwarzarbeiter. Schwarzarbeit fiel nicht in Tammos Zuständigkeit und deshalb war es ihm egal. Tammo kannte Schorsch seit seiner Kindheit. Als er neun Jahre alt war, baute ihm Schorsch auf seinen Wunsch hin eine Hundehütte, obwohl er gar keinen Hund hatte. Weil Tammo aber gerne selber Hund spielte, schien ihm eine eigene Hütte angebracht. Die Hütte wurde so schön, dass Tammos Eltern nicht umhin kamen, ihm einen Hund zu schenken. Den Hund nannte er Fiete. Damals lernte Tammo, dass nicht unbedingt ein gerader Weg zum schnellen Ziel führt.

»Kennst du die Frau?« Tammo hielt Schorsch eines der Fotos hin. Schorsch legte den Pinsel beiseite und sah das Foto genauer an.

»Kenne ich nicht.«

Nun hätte Tammo weiter fragen können, ließ es aber sein, um Schorsch Zeit zu geben, seine Gedanken zu sammeln.

»Vor zwei oder drei Tagen hab ich sie in einem Auto gesehen. Toller Wagen.« Schorsch konzentrierte sich weiter.

»War in Moorhausen. Sie kam von Oles Hof.«

»Was war das für ein Wagen?«

»Porsche. Geländewagen mit Hamburger Nummer. Schwarz.«

»Wo ist sie hingefahren?«

»Richtung Varel.«

»Sonst noch was?« Tammo steckte das Foto wieder in seine Jackentasche.

»Vor ein paar Monaten hab ich sie schon mal gesehen. Da fuhr sie auf den Hof von Hinnerk Paulsen. Dann noch mal abends. Hinter den Kasernen in Varel.«

Tammo nickte. Schorsch nahm wieder seinen Pinsel.

»Damals mit einem Jaguar, auch mit Hamburger Nummer.«

Also Mietwagen, dachte Tammo und stieg in sein Auto. Kaum war er wieder auf der Straße, sah er Swantje, die ihm entgegen kam. Er überlegte kurz, ob er einfach weggucken sollte, aber da hatten sie schon Blickkontakt. Sie stieg auf die Bremse, er auch.

»DerTippmitderPensionwargut.Sollenwirgemeinsamweiterfahren?«

Was sonst, dachte er und nickte. Sie parkte ihren Wagen und stieg zum ihm ein. Swantje hatte sich umgezogen. Eine enganliegende Jeans, eine hellblaue karierte Bluse (irgendwie sah die teuer aus) und bequeme Turnschuhe, wie man sie in den siebziger Jahren trug. Und sie duftete! Die Beifahrertür war noch nicht geschlossen, da sprudelte es auch schon aus ihr heraus.

»Wir müssen den Fall systematisieren. Ich habe da ein Programm in meinem Laptop entwickelt. Ein ähnliches gibt es auch in Amerika, also USA.«

Soso, dachte Tammo, meine Kollegin klaut Computerprogramme. Von wegen ähnlich! Swantje sprudelte weiter: »Die sind damit unheimlich erfolgreich. Hervorragend, sag ich Ihnen. Alle Informationen, die wir bekommen, werden nach streng logischen Kriterien ständig miteinander abgeglichen und in einen Kontext gesetzt. Besser als jeder Profiler! Wo fahren wir eigentlich hin?«

»ZuOle!«Tammoseufzte.Jetztmussteererzählen,woerdochgarkeineLusthatteetwaszuerzählen.InmöglichstkurzenSätzenberichteteer,waserinderletztenStundeherausgefundenhatte.ZumGlückstelltesiekeineZwischenfragen,dieihnausdemRhythmusgebrachthätten.KurzbevorsiedenHofvonOleFrankeerreichten,warTammomitseinemBerichtfertig.EinebreiteBirkenalleeführtzudemHof.IneinemRhododendronparklagdasherrschaftlicheWohnhausmitReetgedeckt.ImhinterenTeilderHofanlagestandenzweimoderneBoxenlaufställefürjeweilsmindestens150Kühe.OlewaraufdemHof.ErtrugeinengrünenOverall,hatteeinkantigesGesicht,dasineinehoheStirnmitfolgenderGlatzeüberging.Gut50Jahremochteeraltsein.EinerseinerSchlepperhattedenGeistaufgegeben.

»Moin!« Tammo und Swantje gingen auf den schlechtgelaunten Ole zu.

»An den Scheißdingern kannste nichts mehr selber machen«, war Oles Antwort.

Tammo zog eines der Fotos aus seiner Jacke und hielt es Ole hin.

»Kennst du die Frau?«

Ole schaute nur kurz auf das Bild.

»Nie gesehen!«

»Sie soll auf deinem Hof gewesen sein.«

»Es kommen laufend Touristen auf meinen Hof. Städter, die Milch kaufen wollen. Die spinnen doch.«

»Ist doch schön, wenn die Leute gleich die frische Milch vom Bauern kaufen wollen«, meinte Swantje. Ole sah sie an, als wäre der Schwachsinn gerade über sie hergefallen.

»Wer ist die denn?«, fragte er.

»Eine Kollegin aus Oldenburg!«

»Merkt man!«

Tammo hielt Ole das Foto direkt unter die Nase.

»Sie war hübsch!«

»Stimmt!«

»Und du hast sie nicht bemerkt?«

»Nö!«

»Sie war mit einem Porsche hier«, beharrte Tammo.

»Dafür kann ich doch nichts!«

»Und deine Frau?«

»Die fährt keinen Porsche!«

»Lass den Blödsinn. Ich will wissen, ob deine Frau die Frau vielleicht gesehen hat.«

»Welchen Schlüpfer hat deine Kollegin an?«

Tammo starrte Ole an und verstand nicht. Ole grinste breit.

»Wie soll ich dir eine Frage beantworten, die nur meine Frau beantworten kann? Machst du deine Ermittlungen immer so schlampig?«

Ole widmete sich wieder seinem Schlepper. Tammo spürte, wie das Blut in seinen Kopf stieg. Zum Glück sagte Swantje nichts. Sie gingen zum Haus und klingelten. Oles Frau war groß und ungewöhnlich stark bemuskelt. In ihrem Gesicht hing eine übergroße Nase, die zwei enganliegende Augen bewachten. Die Mimik schien seit Jahren eingefroren. Tammo wusste, dass sie einst niedersächsische Diskusmeisterin war. Als ihr Trainer sie mit Anabolika zu dopen versuchte, stieg sie aus. Der Trainer zog, weil ihm nichts nachzuweisen war, nach Süddeutschland und sie zu Ole. Tammo hielt ihr eines der Fotos hin.

»Haben Sie die Frau schon einmal gesehen?« Ihr Gesicht verdunkelte sich. Automatisch sah sie in Richtung ihres Mannes.

»Sollte ich?«

»Jemand hat diese Frau gesehen, als sie mit ihrem Porsche den Hof verließ.«

»Bei mir war sie nicht!«

»Ich will ja auch nur wissen, ob Sie die Frau schon mal gesehen haben.«

»Hab ich nicht!«, und damit fiel die Tür zu.

Tammo und Swantje stiegen in den Wagen.

»Der hält mich für ‘ne blöde Kuh!« Swantje war wütend. Tammo zog es vor, nichts zu sagen.

»Warum sollen die Leute auf dem Land nicht vom Bauern Milch kaufen?« Swantje musste ihrem Ärger Luft machen. »Frischer geht es doch gar nicht. Wenn ich auf dem Land leben würde, nur theoretisch gedacht, würde ich alles frisch bei den Bauern kaufen. Sonst braucht man doch gar nicht auf dem Land zu leben. Ich meine, wenn man sich das so richtig überlegt, dann macht es doch erst richtig Sinn.«

Tammo konnte das so nicht stehen lassen. Außerdem befürchtete er, dass er für Stunden das Gerede ertragen müsse.

»Was wollen Sie denn auf dem Land frisch kaufen?« Er hielt seine Stimme bewusst bedeckt. Swantje sah ihn mit großen Augen an.

»Alles! Milch, Fleisch, Gemüse und Obst.«

»Wo wollen Sie denn hier Gemüse und Obst herbekommen?«

»Aus den Bauerngärten natürlich.«

»Wo gibt’s denn hier noch Bauerngärten?«

»Es gibt keine Bauerngärten?«

»Ich kenne keinen!«

»Es gibt keine Bauerngärten mehr?«

»Mir fällt keiner ein.«

»Die Bauern haben doch viel Land. Dann müssen die doch auch einen Garten haben.«

»Warum?«

»Die kaufen ihr Gemüse im Supermarkt?« Swantjes Gesicht war voller Zweifel.

»Klar! Wie alle anderen auch.«

»Aber Milch! Es gibt überall Kühe und damit auch Milch. Frisch vom Bauernhof!« Als hätte sie gerade einen Werbeslogan entwickelt, unterstrich sie den letzten Satz mit einer weiten Geste.

»Ist verboten!«

»Milch kaufen ist verboten?«

»Jo!«

»Sie wollen mich verarschen?«

»Nö!«

»Aber ich kann doch überall Milch kaufen!«

»Im Supermarkt ja, auf dem Hof nicht!«

»Was soll denn der Quatsch?«

»Kein Quatsch – Hygiene. Muss erst homogenisiert und sterilisiert werden.«

»Ist ja ekelig!« Swantje schwieg und dachte nach. Tammo atmete durch. Er hatte Moorhausen verlassen und war auf dem Weg zu Hinnerk Paulsen, der zweite Name, den Schorsch erwähnt hatte. Sein Handy klingelte.

»Moin!« Dann schwieg er und hörte zu. Es war Kollege Onno aus der Zentrale.

»HöhensiebliegttotaufeinerSandbankbeimAngasterLeuchtturm!«

»Der Höhensieb?«, fragte Tammo.

»Genau! Futtermittel Höhensieb. Zwei Fischer haben ihn gefunden. Die warten auf euch.«

Der Wagen wurde langsamer, bis er schließlich stand. Tammo beendete das Gespräch ohne Gruß.

»Wieder ein Toter. Wird allmählich inflationär.« Er drehte den Wagen und fuhr Richtung Dangast.

»Wissen Sie schon, wer der Tote ist?« Swantjes Wut war verflogen.

Tammo nickte. »Harald Höhensieb. Futtermittelhändler und Arschloch.«

Zehn Minuten später waren sie im Dangaster Hafen und auf dem Boot der Wasserschutzpolizei.

»Sollten wir nicht auf die SpuSi warten?«, fragte Swantje eher vorsichtig.

»Die Leiche liegt auf einer Sandbank, die bei Flut unter Wasser steht. Der Tote ist angeschwemmt worden. Da gibt es keine Spuren.« Tammo machte eine Pause. »Es sei denn, eine Möwe hat ihm …« Nein, das war gemein, was er sagen wollte und er schwieg. Swantje wollte auch nichts Genaueres wissen. Der Motor wirbelte das Wasser auf und sie verließen den Hafen. Das Boot hielt sich in Richtung Arngaster Leuchtturm. Links lag Wilhelmshaven, aber dafür interessierte sich im Moment niemand. Von Ferne sahen sie schon die Leiche und die beiden Fischer, die sie gefunden hatten. Tammo verließ als Erster das Schiff.

»Wann habt ihr ihn gefunden?«

»Vor einer halben Stunde. Können wir jetzt fahren? Die Ebbe kommt.« Tammo ließ sie ziehen. Swantje hatte sich die Leiche in der Zwischenzeit genauer angesehen. Tammo ging auf sie zu.

»Genau ins Herz. Ich vermute, dass er das Opfer ist, das die schöne Tote hinterlassen hat.«

Swantje zog sich die Handschuhe aus. »Hatte er Feinde?«

»Wenn Gläubiger Feinde sind, hatte er jede Menge.«

»Er hat Geld verliehen?«

»Auch, soweit ich weiß. Aber die meisten standen wegen der Futtermittel bei ihm in der Kreide. Die Milchpreise sind seit fast einem Jahr im Keller. Da gibt es oft Engpässe.«

Gunnar Klöver tauchte mit seinem Boot auf. Mehr als ein »Moin« sagte er nicht. Er sah sich die Leiche nur kurz, aber intensiv an. Dann gab er den Polizisten Zeichen, dass sie die Leiche aufs Schiff bringen sollten.

»Wie sieht es bei Kühn aus?«, fragte er Tammo.

»Frei!«

»Gut, dann dahin. Die andere auch.«

Gunnar Klöver bestieg sein Boot und fuhr ab.

»Sie wollen die Leichen tatsächlich zum Schlachter bringen?« Swantje war empört.

»Der Laden ist seit gut vier Jahren zu. Das Kühlhaus funktioniert noch.«

»Aber die Hygiene!!!«

»Ist wie bei der Milch. Man muss nur dafür sorgen, dass die Keime wegbleiben.«

Als sie wieder im Dangaster Hafen waren, ging die Sonne unter. Wie die Pilger zog es die Touristen zum Strand. Die meisten suchten Platz am alten Kurhaus oder auf der Terrasse der Klause. Die Ebbe hatte den Jadebusen in eine faszinierende Mondlandschaft verwandelt. Die untergehende Sonne glitzerte in den Prielen und im feuchten Sand. Reichlich Platz zum Träumen. Tammos Sinn stand allerdings woanders – zumal er Swantje an seiner Seite hatte, die ihn immer noch für einen Dorftrottel hielt. Zum Glück hielt sie die Klappe. Außerdem hatten sie eine schlechte, eine Todesnachricht zu überbringen. Tammo und Swantje fuhren nach Varel. Das Haus der Höhensiebs lag in einem Neubauviertel. Villen im mediterranen Stil standen hinter Rhododendren und Betonputten. Welcher Schwachkopf ist nur auf die absurde Idee gekommen, in Friesland Villen im mediterranen Stil zu bauen, dachte Tammo.

»Sieht doch irgendwie völlig beknackt aus, dieser mediterrane Stil«, sagte Tammo. »Ich finde, sieht richtig schick aus«, sagte Swantje. Tammo verdrehte nur die Augen.

»Ich finde, diese Häuser haben etwas Großzügiges, sie sind hell und nicht so düster wie die Backsteinbauten.« Swantje sah sich neugierig dabei um. »Man kann durchaus von anderen Kulturen lernen.«

Sie fanden das Haus der Höhensiebs. Tammo räusperte sich mehrere Male, während sie den gepflasterten Weg zur Haustür entlang gingen. Swantje drückte die Klingel. Es dauerte eine Weile, bis das Flurlicht anging. Frau Höhensieb öffnete. Tammo hatte sie noch nie gesehen und war erstaunt. Sie war so anders als Harald Höhensieb. Schlank, fast grazil. Brünette Haare, kurzgeschnitten und helle Augen. Sie war mindestens zehn Jahre jünger als Höhensieb. Im Gegensatz zu dem Haus, in dem sie wohnte, war sie ausgesprochen geschmackvoll gekleidet.