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Frühe Hilfen sind als wichtige Ergänzung der Kinder- und Jugendhilfe aus der aktuellen Hilfe-Landschaft nicht mehr wegzudenken. Andreas Eickhorst zeigt knapp, aktuell und übergreifend, welche systemischen Grundlagen und Methoden in den Frühen Hilfen eingesetzt werden können, und benennt anschlussfähige Arbeitsfelder. Auch Reibungspunkte kommen zur Sprache, handelt es sich bei den Situationen der Frühen Hilfe doch oftmals um eher ambivalente Beziehungen, da bestimmte Punkte – wie etwa das Präventionsdilemma oder auch die tatsächliche Freiwilligkeit der Teilnahme von Familien – noch ungeklärt sind. Es gibt bei den Frühen Hilfen ein riesiges Potenzial, das es auszuschöpfen gilt, bei gleichzeitig ungeklärten Problemen und Unschärfen.
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Seitenzahl: 86
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Leben.Lieben.Arbeiten
SYSTEMISCH BERATEN
Herausgegeben vonJochen Schweitzer undArist von Schlippe
Andreas Eickhorst
Frühe Hilfen
Früh im Leben und früh im Handeln
Mit 2 Abbildungen und einer Tabelle
Vandenhoeck & Ruprecht
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in derDeutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sindim Internet über http://dnb.de abrufbar.
© 2019, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG,
Theaterstraße 13, D-37073 Göttingen
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlichgeschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällenbedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlages.
Umschlagabbildung: knallgrün/photocase.de
Satz: SchwabScantechnik, GöttingenEPUB-Produktion: Lumina Datametics, Griesheim
Vandenhoeck & Ruprecht Verlage | www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com
ISSN 2625-6088ISBN 978-3-647-90147-3
Inhalt
Zu dieser Buchreihe
Vorwort von Arist von Schlippe
I Der Kontext
• 1 Erste Fallgeschichte: Sabine
2 Was sind Frühe Hilfen?
3 Entstehungsgeschichte der Frühen Hilfen
4 Kernthemen und -begriffe Früher Hilfen
4.1 Prävention
4.2 Belastungs- und Schutzfaktoren für Kindeswohlgefährdung
4.3 Komm- und Gehstrukturen
5 Forschung zu Frühen Hilfen
II Die systemische Beratung
6 Relevante Berufsgruppen in den Frühen Hilfen
7 Haltung in den Frühen Hilfen
8 Ein Frühe-Hilfen-Projekt mit integriertem Elternkurs: »Keiner fällt durchs Netz«
8.1 Das Projekt
8.2 Die Bestandteile von »Keiner fällt durchs Netz«
9 Herausforderungen bei der Umsetzung der Frühen Hilfen
9.1 Das Präventionsdilemma
9.2 Frühe Hilfen und Kinderschutz
9.3 Lücken in der Berücksichtigung bestimmter Zielgruppen
• 10 Zweite Fallgeschichte: Zarif und Rachida
III Am Ende
11 Ausblick
12 Literatur
13 Weiterführendes
14 Danksagung
15 Der Autor
Zu dieser Buchreihe
Die Reihe »Leben. Lieben. Arbeiten: systemisch beraten« befasst sich mit Herausforderungen menschlicher Existenz und deren Bewältigung. In ihr geht es um Themen, an denen Menschen wachsen oder zerbrechen, zueinanderfinden oder sich entzweien und bei denen Menschen sich gegenseitig unterstützen oder einander das Leben schwermachen können. Manche dieser Herausforderungen (Leben.) haben mit unserer biologischen Existenz, unserem gelebten Leben zu tun, mit Geburt und Tod, Krankheit und Gesundheit, Schicksal und Lebensführung. Andere (Lieben.) betreffen unsere intimen Beziehungen, deren Anfang und deren Ende, Liebe und Hass, Fürsorge und Vernachlässigung, Bindung und Freiheit. Wiederum andere Herausforderungen (Arbeiten.) behandeln planvolle Tätigkeiten, zumeist in Organisationen, wo es um Erwerbsarbeit und ehrenamtliche Arbeit geht, um Struktur und Chaos, um Aufstieg und Abstieg, um Freud und Leid menschlicher Zusammenarbeit in ihren vielen Facetten.
Die Bände dieser Reihe beleuchten anschaulich und kompakt derartige ausgewählte Kontexte, in denen systemische Praxis hilfreich ist. Sie richten sich an Personen, die in ihrer Beratungstätigkeit mit jeweils spezifischen Herausforderungen konfrontiert sind, können aber auch für Betroffene hilfreich sein. Sie bieten Mittel zum Verständnis von Kontexten und geben Werkzeuge zu deren Bearbeitung an die Hand. Sie sind knapp, klar und gut verständlich geschrieben, allgemeine Überlegungen werden mit konkreten Fallbeispielen veranschaulicht und mögliche Wege »vom Problem zu Lösungen« werden skizziert. Auf unter 100 Buchseiten, mit etwas Glück an einem langen Abend oder einem kurzen Wochenende zu lesen, bieten sie zu dem jeweiligen lebensweltlichen Thema einen schnellen Überblick.
Die Buchreihe schließt an unsere Lehrbücher der systemischen Therapie und Beratung an. Unsere Bücher zum systemischen Grundlagenwissen (1996/2012) und zum störungsspezifischen Wissen (2006) fanden und finden weiterhin einen großen Leserkreis. Die aktuelle Reihe erkundet nun das kontextspezifische Wissen der systemischen Beratung. Es passt zu der unendlichen Vielfalt möglicher Kontexte, in denen sich »Leben. Lieben. Arbeiten« vollzieht, dass hier praxisbezogene kritische Analysen gesellschaftlicher Rahmenbedingungen ebenso willkommen sind wie Anregungen für individuelle und für kollektive Lösungswege. Um klinisch relevante Störungen, um systemische Theoriekonzepte und um spezifische beraterische Techniken geht es in diesen Bänden (nur) insoweit, als sie zum Verständnis und zur Bearbeitung der jeweiligen Herausforderungen bedeutsam sind.
Wir laden Sie als Leserin und Leser ein, uns bei diesen Exkursionen zu begleiten.
Jochen Schweitzer und Arist von Schlippe
Vorwort
»Wie geht’s eigentlich der Familie?« Die Frage, die dieses geflügelte Wort beinhaltet, lässt sich ganz unterschiedlich beantworten. Wenn man sie so hört, als sei die eigene Familie angesprochen, wird man vielleicht sagen: »gut!« oder »geht so!« – was immer passend erscheint. Wenn man sie aber übergreifender versteht, also als Frage nach der Familie als Lebensform, dann lässt sich eine Fülle ganz unterschiedlicher Antworten denken. Nach wie vor wünschen sich die meisten Menschen hierzulande, in einer Familie zu leben und verbinden diesen Wunsch mit der Vorstellung von Glück und Geborgenheit. So gesehen kann man sagen, dass es der Familie gutgeht, erfreut sie sich doch konstanter Beliebtheit. Gleichzeitig ist es unstrittig, dass Familienleben im Alltag oft genau aus dem Gegenteil dessen besteht, was man sich erträumt hat. Genau besehen, geht es der Familie nämlich häufig alles andere als »gut«, vielmehr können Belastung und Überforderung so weit führen, dass die Familie daran zerbricht oder dass die Spannungen sich in Vernachlässigung oder gar Misshandlung entladen. Diese Antwort nach dem Zustand der Familie legt es nahe, Unterstützungsangebote zu erarbeiten und zwar möglichst im Vorfeld, ehe die Kindeswohlgefährdung so weit fortgeschritten ist, dass massiv eingegriffen werden muss.
»Frühe Hilfen«, um die es in diesem Buch geht, sind Unterstützungsformen, die Eltern bzw. jungen Familien angeboten werden, um ihnen bei den ersten Schritten in das neue, oft ungewohnte Zusammenleben zu helfen. Erstaunlich ist, dass es den Begriff selbst erst seit vergleichsweise kurzer Zeit gibt und dass sich erst seit etwa gut zehn Jahren bundesweit verbindliche Strukturen entwickelt haben, wie bedrängten Familien entsprechend beizustehen ist. Das mag viele Gründe haben. Auch in früheren Zeiten wird es der Familie nicht immer gutgegangen sein, auch in früheren Zeiten sind Eltern mit ihren kleinen Kindern nicht immer gut zurechtgekommen. Doch offenbar ist heute die gesellschaftliche Sensibilität für familiäre Notlagen gewachsen. Gleichzeitig gibt es in unserer Gegenwart immer weniger Toleranz für körperliche (und andere) Strafen als Erziehungsmittel: Heute wird schon ein »Klaps« nicht mehr akzeptiert, von einer »Tracht Prügel«, die angeblich, wie man früher meinte, noch keinem geschadet habe, ganz abgesehen. Entsprechend groß ist das Erschrecken über in der Presse zu lesende Auswüchse an Gewalttätigkeit und Vernachlässigung innerhalb von Familien. Und da inzwischen auch über die Bedeutung einer sensiblen Erziehung gerade in frühen Lebensphasen des Kindes ein breiter Fundus an Erkenntnissen vorliegt, ist klar: hier muss etwas passieren, hier muss helfend eingegriffen werden, und zwar bevor das Kind in den Brunnen gefallen ist.
Inzwischen, und das ist rundweg zu begrüßen, liegen wissenschaftlich fundierte, ausdifferenzierte Konzepte vor, wie Frühe Hilfen auf eine Weise angeboten werden, dass sie angenommen werden (z. B. indem die Familien im Rahmen einer »Gehstruktur« zu Hause besucht werden) und wie sie so durchgeführt werden, dass die Ratsuchenden davon optimal profitieren, nämlich ausgerichtet an deren Stärken und Ressourcen. Ein wesentlicher Teil der Frühe-Hilfen-Konzepte besteht in der Bereitstellung gut ausgebauter Strukturen. Die Helfenden sollen gerade nicht als Einzelkämpfer losgehen, sondern sie sollen auf professionelle Netzwerke zurückgreifen können.
Der vorliegende Band gibt einen breiten Überblick über die Aktivitäten der Frühen Hilfen der letzten Jahrzehnte, die der Autor verfolgen konnte und an deren Erarbeitung er selbst beteiligt war. Andreas Eickhorst umreißt das Spektrum der Hilfsmöglichkeiten, illustriert die Chancen der Intervention und skizziert knapp und prägnant die entstandenen Versorgungsstrukturen. Das Buch zeigt deutlich, dass die Antwort auf die eingangs gestellte Frage, wie es der Familie geht, heute lauten kann: es geht ihr vielleicht nicht immer gut, aber auf jeden Fall besser!
Ich wünsche diesem engagiert geschriebenen Text viele interessierte Leserinnen und Leser.
Arist von Schlippe
Der Kontext
1 Erste Fallgeschichte: Sabine1
Sabine, eine 30-jährige alleinerziehende Mutter, lebt von Sozialhilfe und arbeitet abends zeitweise nebenher als Kellnerin. Der Vater ihrer Kinder befindet sich derzeit für eine zweijährige Haftstrafe in einer Justizvollzugsanstalt. Ob zu ihm aktuell Kontakt besteht (z. B. durch Besuche in der Haft), ist unklar; Sabine thematisiert es von sich aus auch nicht. Sie hat einen dreijährigen Sohn (Tom) sowie eine kleine Tochter (Pia) im Alter von zwei Monaten. Diese kam als Frühgeburt und mit einem angeborenen Herzfehler zur Welt; außerdem besteht bei ihr der Verdacht auf eine Hörschädigung. Sabine ist dem Jugendamt bereits aus der Vergangenheit bekannt, da sie früher eine Mutter-Kind-Gruppe mit Tom besucht hat. Sabine hat diese Unterstützung für sich damals als sehr entlastend erlebt und hierdurch bereits Kontakt zu Institutionen der Jugendhilfe gehabt.
Eine Kontaktaufnahme zur Familienhebamme kommt nun über die Kinderärztin zustande, die für das Frühgeborene weiter zuständig ist. Sie erlebt Sabine in der medizinischen Betreuung des Frühgeborenen als wenig strukturiert und sehr unsicher. Nachdem die Ärztin daher den für Frühe Hilfen zuständigen Koordinator in Sabines Kommune kontaktiert hat, vermittelt dieser einen ersten Kontakt zwischen Sabine und einer Familienhebamme aus dem kommunalen Fachkräfte-Pool für Frühe Hilfen.
Sabine ist damit einverstanden und nimmt die angebotene Hilfe gerne an. So kommt die Familienhebamme zu weiteren, regelmäßigen Besuchen in Sabines Wohnung. Sie erfährt, dass Sabine den Rückhalt und das Gefühl des Aufgehobenseins durch die ehemalige Mutter-Kind-Gruppe stark vermisst und sich alleine und deutlich überfordert fühlt, was die medizinische Betreuung ihres Babys und die Anforderungen betrifft, die der Alltag als Alleinerziehende mit zwei Kindern mit sich bringt. Dies zeigt sich unter anderem auch daran, dass sie oftmals ihrer im Nachbarhaus lebenden 13-jährigen Nichte die alleinige Betreuung des Frühgeborenen überlässt, manchmal auch deren Mutter, die aber oft selber abends als Kellnerin arbeitet. Auch darin, die notwendigen Arzttermine wahrzunehmen, ist Sabine unzuverlässig und offenbar überlastet.
Die Position und der Auftrag der Familienhebamme sind am Anfang noch unklar. Vordergründig scheint es zunächst geboten, Sabine zu helfen, sich besser zu strukturieren und den Medikamentenplan des Neugeborenen einzuhalten. Die Familienhebamme sieht jedoch rasch, dass Sabine auch große Schwierigkeiten hat, sich sensitiv auf die Bedürfnisse und Kommunikationsangebote ihres Babys einzulassen. Besonders wird dies in Szenen deutlich, in denen Sabine Pia mit der Beatmungshilfe in ihrer noch unterentwickelten Atemfunktion unterstützen muss und hierbei teilweise sehr hilflos und grob vorgeht. Zu ihrer eigenen Sicherheit und Unterstützung hätte die Familienhebamme gerne mehr Kontakt und Austausch mit der behandelnden Kinderärztin, was sich jedoch zeitlich und organisatorisch schwierig gestaltet.
Überdies versucht die Familienhebamme, das sich entwickelnde gute Vertrauensverhältnis zu Sabine auch dahingehend zu nutzen, ihr gegenüber nun vorsichtig die Rolle des Vaters der Kinder zu thematisieren. Sie wirft die Frage auf, ob Kontaktwünsche und -möglichkeiten bestehen, auch für die Zeit nach seiner Haftentlassung: Inwiefern kann er unter den gegebenen Umständen möglichst nicht nur seiner väterlichen Rolle gerecht werden, sondern – im Sinne einer Ressource für das Familiensystem – auch zur Entlastung von Sabine beitragen? Außerdem nimmt sich die Familienhebamme vor, bei passender Gelegenheit auch zu thematisieren, ob es möglicherweise im sozialen Umfeld von Sabine weitere Vertrauens- und Unterstützungspersonen gibt.
