Fuckin' Fifty - Christina Pohl - E-Book
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Fuckin' Fifty E-Book

Christina Pohl

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Beschreibung

Wachsen statt welken: Ein schonungslos offener Erfahrungsbericht übers Älterwerden

Fuckin' fifty – damit hat nun wirklich keiner so plötzlich gerechnet. Eben war noch Abiprüfung, und auf einmal hat man Rücken. Aus heiterem Himmel zählt man zu einer Altersgruppe, die von Jüngeren gesiezt, belächelt und als konservativ abgetan wird. Dabei wollten wir doch selbst nie angepasst oder gar alt werden. Und jetzt? Nachlassendes Gehör, knirschende Gelenke und die befreiende Erkenntnis, dass Alleinsein schöner sein kann, als von einer Party zur nächsten zu ziehen: Respektlos ehrlich und mit viel Selbstironie schildert Christina Pohl ihren Weg zur inneren Faltenfreiheit und zeigt dabei, wie man mit dem Älterwerden Frieden schließen kann.

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Seitenzahl: 189

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Fuckin’ fifty – damit hat nun wirklich keiner so plötzlich gerechnet. Eben war noch Abiprüfung, und auf einmal hat man Rücken. Aus heiterem Himmel zählt man zu einer Altersgruppe, die von Jüngeren gesiezt, belächelt und als konservativ abgetan wird. Dabei wollten wir doch selbst nie angepasst oder gar alt werden.

Und jetzt? Nachlassendes Gehör, knirschende Gelenke und die Erkenntnis, dass Alleinsein schöner sein kann, als von einer Party zur nächsten zu ziehen: Respektlos ehrlich und mit viel Selbstironie schildert Christina Pohl ihren Weg zur inneren Faltenfreiheit und zeigt dabei, wie man mit dem Älterwerden Frieden schließen kann.

Christina Pohl, Jahrgang 1965, hat vor über 30 Jahren bei MTV als Journalistin begonnen. In der SPIEGEL-Gruppe ist sie seit 1991. Als Autorin, Podcasterin und Filmemacherin arbeitet sie gern multimedial. Gesellschaftlich relevante Themen liegen ihr besonders am Herzen. Für einen ihrer Filme hat sie den Hanns-Joachim-Friedrichs-Förderpreis gewonnen. In der Midlife-Kolumne Alter! schreibt die Autorin auf SPIEGEL.de regelmäßig über ihren eigenen Umgang mit dem Alter.

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CHRISTINA POHL

FUCKIN’

FIFTY

WIE MAN IN DIE JAHRE KOMMT, OHNE PEINLICH ZU WERDEN

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Copyright © 2021 by Penguin Verlag

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München,

und SPIEGEL-Verlag Rudolf-Augstein GmbH &Co. KG,

Hamburg, Ericusspitze 1, 20457 Hamburg

Covergestaltung: Favoritbuero, München

Covermotive: Shutterstock/© GoodStudio, © MaryCo

Satz und E-Book-Konvertierung: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 978-3-641-28229-5V001

www.penguin-verlag.de

Inhalt

Vorwort: Der Ofen ist aus

Was nun, Frau Pohl?

Lost in Alterssichtigkeit

Alter, färbt das ab?

Alle schreien

Gehweg-Nazi

White Russian auf dem Bierbike

Wo sind nur die coolen Leute hin?

Männer sind Schweine

Corona-Blues

Die Vermessung wesentlicher Sinnesorgane

Bumm, Bumm, Boomer

Sommerloch ohne Musik

Superwoman, Ken und ich auf dem Wakeboard

Die vorläufige Liste – eine Zwischenbilanz

Einsamkeit hat viele Namen

Die Spotify-Demenz

Joggin’ Joe – Hooya!

Innere Faltenfreiheit

Präsenile Bettflucht

Der Cocktailparty-Effekt

Der weiße Mann auf dem Meer

Forever Young – der 18. Geburtstag

Schub-i-du

Christina Pohls persönliche Medizin-Hotline

Hippie 2.0

Die Zukunft liegt in Teppichfransen und Stromautos

Die endgültige Liste

Was ich mal mache, wenn ich wirklich alt bin

Dank

Vorwort: Der Ofen ist aus

Meine Augen schließen sich wie von selbst. Ich habe es mir auf einem Stuhl im Wartezimmer meines Gynäkologen gemütlich gemacht. Nach einer durchzechten Nacht bin ich gerade noch pünktlich zum jährlichen Kontrolltermin erschienen.

Zumindest mein Körper ist zugegen, wenngleich nur seine ermattete Hülle. Der Geist hingegen schwingt noch selig das Tanzbein und bewegt sich erstaunlich agil zu wummernden Bässen. Hach, ich liebe die Musik, was für eine herrliche Nacht! Bumm, bumm, schwelg …

»Frau Pohl, es tut uns so leid!«, vernehme ich plötzlich die Stimme des Gynäkologen im Türrahmen, »unsere Anmeldung hat Sie einfach vergessen.« Ich muss wohl eingeschlummert sein. Es ist sonst niemand mehr im Wartezimmer.

Ich schlurfe dem Arzt hinterher, lasse die Untersuchung über mich ergehen und freue mich schon auf mein Sofa und Netflix, da schaut er mich wissend an und sagt: »Es ist so weit: Die Eierstöcke haben die Produktion befruchtungsfähiger Eier eingestellt. Das ist in der Regel bei allen Frauen mit fünfzig so. Danach kann man eigentlich die Uhr stellen.«

Eine Botschaft, die er schon öfter verkündet haben muss, denn er trägt sie flüssig vor, mit eingeübter Mediziner-Miene, Modell »Empathie«.

Regel, wieso Regel, wieso vorbei? Ich bin plötzlich hellwach, und der Kopf schmerzt. Wie bitte? Der Ofen ist aus?

Warum sagt einem vorher niemand, dass diese »Deadline 50« vorhersehbar ist? Warum bereitet einen niemand besser darauf vor, so dass fast jede Frau die Uhr danach stellen kann?

So, wie man Kinder aufklärt und ihnen die Sache mit dem Geschlechtsverkehr näherbringt. Es könnte sich vielleicht irgendjemand zuständig fühlen, Frauen, die auf die fünfzig zugehen, reinen Wein einzuschenken. So, wie die nette Tante die Nichte zur Seite nimmt und vorsichtig zu erklären versucht, wie ein Kondom funktioniert.

Ich könnte mir jemanden wie Gott vorstellen, nur in weiblicher Version, aber mit Bart. Eine unrasierte Göttin, die mir sagt: »Alles nicht so schlimm, wird schon!« und mich tröstet. Es pikst ein wenig, als sie mich in den Arm nimmt – in meiner Vorstellung.

Der Mann in Weiß erzählt inzwischen irgendwas von Scheidentrockenheit und dass ich jetzt DEFINITIV nicht mehr schwanger werde. Das will ich gar nicht hören! Ich bin doch ein Teenager in den besten Jahren, gestern Nacht jedenfalls noch.

Scheidentrockenheit, wie brutal, was für ein grausames Wort, es will mir nicht über die feuchten Lippen kommen, ich kann jetzt nicht darüber reden. Ich nicke nur, versuche irgendwie unbeteiligt zu wirken.

Der Arzt schaut mich noch wissender an.

Okay, vielleicht muss er es auch so brutal aussprechen, um zu mir durchzudringen. Ein Doktor erkennt bestimmt sofort die Symptome einer Rock-’n’-Roll-Nacht. Vielleicht riecht er es auch.

Jetzt guckt er mich an, mit leicht geneigtem Haupt, als würde ihm eine Version von Steven Tyler von Aerosmith auf dem Patientenstuhl gegenübersitzen, aber die von vor dem Facelifting.

Oh, Hilfe, es ist Mitleid! Dann grinst er ein wenig zu schief und sagt: »Wir sehen uns in einem Jahr wieder!«

In einem Jahr? Sehe ich dann aus wie Mick Jagger?

Panik macht sich in meinem über Nacht gealterten Körper breit. Ich habe plötzlich das Gefühl, eine wichtige Entwicklung verpasst zu haben: den Verfall meines Torsos samt Gebeinen und Schädel, der jetzt arrhythmisch brummt.

Den muss ich erfolgreich verdrängt haben in den letzten Jahren. Es ist aber auch verzwickt. Wie hätte ich denn von allein darauf kommen können? Wer hat an der Uhr gedreht?

Warum sagt einem niemand, dass mit fünfzig eine neue Zeitrechnung beginnt?

In der Regel wird wenig über den Verfall eines Körpers gesprochen. Das Altern ist auch wirklich im höchsten Maße unerfreulich, aber über andere beunruhigende Veränderungen im Leib wird doch auch öffentlich diskutiert. Bei YouTube gibt es jede Menge Aufklärungsvideos zur Pubertät, aber man sucht vergeblich nach einem Äquivalent zum Älterwerden.

»Aufklärung Alter«, googeln Sie das mal! Dann kommt eine ganze Seite zur Sexualerziehung bei Kindern. Dabei wäre das Thema Altern auch ein prima Volkshochschulkurs. Ich würde ihn »Das Alter – eine verdrängte Notlage« nennen.

Doch das Betagtwerden wird in der Regel totgeschwiegen. Also befand ich, es wäre doch ganz gut, darüber zu schreiben. Vielleicht bin ich nicht die Einzige in Not. Doch im nüchternen Zustand wurde mir klar, wie wenig ich über das Älterwerden weiß, wie lange ich es ignoriert habe. Im Ernst: Mir war nicht wirklich bewusst, dass ich älter werde.

Klar, so eine durchzechte Nacht tut mehr weh als früher. Es zwickt hier und da, aber ist mein Verfallsdatum wirklich so nahe? Echt jetzt?

Zur Beantwortung dieser vielen faltigen Fragen, die sich gefühlt so auch in mein Gesicht eingegraben haben, beschloss ich, eine Bestandsaufnahme zu machen. Welche Anzeichen gibt es zu beklagen, und wenn ja, wie viele? Ich fing an, die Antworten aufzuschreiben. Dann sprach eine Kollegin mich an, ob ich nicht Lust hätte, an einer Midlife-Kolumne mitzuwirken. Wir bilden seitdem eine Viererbande, zwei Frauen, zwei Männer, die sich abwechselnd über diese schwierige Lebensphase in der »Alter! – Die Midlife-Kolumne« auf SPIEGEL.de Gedanken machen. Denn wie sich herausstellte, war ich nicht die Einzige, die sich plötzlich einer äußerst unangenehmen Wahrheit stellen musste.

Selbst die sonst realitätsnahen Kollegen beim SPIEGEL verhalten sich seltsam, wenn es um das Thema Altern geht. Für eine investigative Geschichte taugt es wohl nicht. Ich weiß nicht, ob sich jemand trauen würde, das vorzuschlagen. Stattdessen: Pssst!

Der Erste, der mich auf meine neue Kolumne anspricht, nimmt mich in der Kantine zur Seite. Mit gedämpfter Stimme sagt er: »Das ist toll, was du da schreibst, so mutig!«

Er schaut mich an, als hätte ich öffentlich eine Crack-Sucht offenbart oder wäre einmal nackt durch Deutschland gelaufen. Sein Blick ähnelt dem des Gynäkologen, es ist auch ein wenig aufgesetzte Anteilnahme darin. Dabei ist er drei Jahre älter als ich!

Die meisten Menschen über fünfzig wären gern unter dreißig. Doch eigentlich sind wir Babyboomer schon rein zahlenmäßig sehr mächtig. Wir könnten unser Alter ruhig öffentlich vor uns hertragen. Stattdessen habe auch ich lange so getan, als gäbe es diese unangenehme Erscheinung bei mir nicht.

Vielleicht sind auch Sie, liebe Leserinnen und Leser, mit diesem Buch verschämt zur Kasse geschlichen, den Titel unlesbar nach unten gedreht, als hätte man einen Hardcoreporno unter dem Arm, schnell den Strichcode mit der ISBN der Tresenkraft untergeschoben, damit sie ja nicht auf die Idee kommt, zu gucken, um welchen Titel es sich handelt.

Aus eigener Erfahrung kann ich nur sagen: Sobald es raus ist, lebt es sich leichter.

Also schreibe ich über das Älterwerden, mit dem niemand so richtig etwas zu tun haben möchte.

Übrigens: Seitdem ich die fünfzig überschritten habe, werde ich bevorzugt behandelt beim Gynäkologen und komme immer sofort dran. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass ich jetzt das Komplettpaket Extra-Vorsorgeuntersuchungen, das ich aus lauter Angst vor dem frühzeitigen Ableben gebucht habe, selbst zahle.

Was nun, Frau Pohl?

Bei großen und heiklen politischen Lagen wird ein hoher Würdenträger im Amt vor die Fernsehkameras gezerrt und einvernommen. »Was nun, Frau oder Herr XY?«, so heißen die Sendungen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Dieses Format muss ich nun auch auf mich anwenden. »Frau Pohl, wie konnten Sie so lange Zeit die Realität von sich fernhalten?« Dieser Frage will ich mich jetzt stellen. Ich sitze ganz allein in meinem Studio, das mit einem ziemlich fiesen Verhörlicht ausgestattet ist.

Gestern noch habe ich Abi gemacht, heute habe ich Rücken. So fange ich an, meine unangenehme Lage zu beschreiben. So fühlt sich das Altern plötzlich an. Es kam buchstäblich über Nacht und schreit mich an. Ich fühle mich, als hätte ich den Reifeprozess nicht mitgemacht oder irgendwie verpeilt. Vielleicht habe ich aber auch einfach geschickt umschifft, was jetzt definitiv nicht mehr zu leugnen ist: Plötzlich bemerke ich, dass ich zu einer anderen Generation gehöre, als ich lange glaubte. Mein geburtenstarker Jahrgang 1965 gehört wie alle zwischen 1955 und 1969 zu den Babyboomern. Ein guter Jahrgang, wie ich finde, aber wieso bin ich auf einmal in eine Altersgruppe gelangt, die abschätzig belächelt oder im Internet übel beschimpft wird? Wir seien konservativ und halsstarrig, legten arrogantes Verhalten an den Tag, und hätten etwas »Belehrendes«. Ich bin nur froh, dass ich nicht »Karen« heiße (»This is someone talking shit about a younger generation«).

Beim Segeln gibt es den Unterschied zwischen dem »wahren« und dem »scheinbaren« Wind. Je nachdem, wo man sich aufhält, ist der Wind ein anderer. Der wahre Wind ist der, den man an Land spürt, an einem festen Ort. Begibt man sich auf See, mischt sich dieser wahre Wind mit dem Fahrtwind des Bootes und es ist plötzlich der »scheinbare Wind«. Das kann man auch an Land auf einem Fahrrad nachahmen.

Es funktioniert ziemlich gut. Ich habe das mal ausprobiert: Wenn man etwa genauso schnell, wie der Wind weht, in seine Richtung fährt, dann spürt man den Wind »scheinbar« kaum. Obwohl die Wipfel der Bäume sich in ihm wiegen. Er hebt sich quasi auf.

So oder so ähnlich bin ich wohl mit dem Wind Of Change gerast, dass mir gar nicht auffiel, wie neben mir die Zeit verstrich. Benjamin-Button-mäßig muss ich unterbewusst darauf gehofft haben, dass der Prozess sich vielleicht sogar umkehren lässt, entgegen aller Naturgesetze. Wenn man nur schneller ist als die Zeit.

Ich bin über Jahrzehnte mit kaputten Jeans in Konzerte gegangen. Neben mir wurden die Leute älter und fingen an, Funktionskleidung zu tragen. Verdrängt.

Ich wundere mich immer noch, wenn ich in der Öffentlichkeit gesiezt werde. Sehe ich so alt aus? Ja, aber auch das habe ich erfolgreich ignoriert.

Ich war neulich bei meiner Hausärztin. In totaler Verwunderung, dass ich krank war, sagte ich: »Ich war doch nie richtig krank.« Die Ärztin schaute mich mit der Mediziner-Miene Typ »Wie sage ich es ihr am besten?« an und diagnostizierte trocken: »Das muss nicht immer so bleiben.« Beiseitegeschoben. Bis eben.

Jetzt muss ich wohl mal kurz stehen bleiben und dem wahren Wind ins Auge schauen. Aua, das tut weh, er bläst mit Orkanstärke! Ich mache die Augen zu.

Vielleicht will ich das doch nicht?

Oder kann ich mich mit dem Altern anfreunden? Dazu müsste ich es zumindest mögen. Ich könnte es (im Folgenden »Alter« genannt) aber auch in die Wüste schicken. Ich kann die Augen schließen oder mich der neuen Realität stellen, Alter!

Mein innerer Schweinehund und ich haben ausgemacht, dass ich in Zukunft die Anwesenheit von »Alter«, zumindest zeitweise, aushalten werde, egal wie hässlich es ist. »Alter« ist ein Kerl, das weiß ich ganz sicher. Ich kann mich nicht erinnern, ihn eingeladen zu haben. Er ist mir zugelaufen wie ein räudiger Hund, der drollig guckt, aber ein wenig müffelt. Vielleicht sollte ich ihn mir mal genauer anschauen?

Szenen einer unausweichlichen Annäherung

1

»Alter« kommt jetzt jeden Tag vorbei, er ist ständig präsent. Der Hund kann plötzlich sprechen, als hätte er ein Elixier getrunken, das ihn menschlicher macht. Er säuselt sogar und macht mir Komplimente: »Du siehst heute wirklich hinreißend aus!«

Ach, gestern etwa nicht? Ich bin misstrauisch. Ist er wirklich so nett, was will der bloß von mir?

»Ich möchte dich gern zum Italiener entführen«, sagt er, lehnt sich lasziv am Türrahmen an und grinst, »der hat Tische draußen, das Wetter soll sich halten. Ich lade dich ein!«

Okay, essen gehen, das klingt ungefährlich. Dann schauen wir uns den Kerl mal genauer an.

Ich schnappe mir meine Jacke, in der in der Regel das Sturmgepäck verstaut ist: Geld, Handy und so weiter. Ich habe eine ähnliche Abneigung gegen Handtaschen wie Elke Heidenreich. Das Problem ist nur, dass meine Brille so groß ist, dass das dazugehörige Etui schwer aufträgt. Ob ich es deswegen vergesse, ich erinnere mich nicht, es geht alles so schnell. Jetzt stehen wir auf der Straße.

Der Typ sieht irgendwie gut aus, denke ich. »Alter« schaut schelmisch und fragt: »Na, wie geht’s uns heute?« »Und selbst?«, gebe ich schnippisch zurück und gehe betont schneller als er zum Restaurant. Er hat keine Mühe, mir zu folgen.

Der Kellner bringt die Karte. Mist, ich habe die Brille nicht dabei. Ohne die kann ich so gut wie nichts entziffern. Scheinheilig frage ich nach dem Tagesmenü. Das schreiben sie immer auf eine große Tafel. Der Kellner schleppt sie an unseren Tisch, drapiert sie auf einem Stuhl und liest mit einem schweren Giovanni-Trapattoni-Akzent vor, was heute gereicht wird. Fast alle Gerichte darauf sind teurer als auf der regulären Karte, aber ich bin ja eingeladen. »Hausgemachte Sepia-Ravioli mit Edelfischfüllung und Flusskrebssauce!«, verkünde ich meine Bestellung.

Das Essen ist köstlich, und niemand merkt, dass ich im Nahbereich ohne Brille nicht mehr gut gucken kann. Doch das kostet mich einiges heute. »Alter« hat nämlich sein Portemonnaie vergessen und zwinkert mir zu: »Sorry, du ahnst es, man wird vergesslich!«

Lost in Alterssichtigkeit

Ich fluche und bin sehr wütend. Gerade versuche ich, eine französische Tankselbstbedienungssäule zu betätigen. Sie verspricht mir mit sonorer weiblicher Roboterstimme, dass sie auch Englisch kann, aber im nächsten Schritt hat sie das schon vergessen.

Ich bin mutig – ohne Brille – an das Pump-Ungetüm herangetreten. Das Display scheint mir groß genug. Mit meinen rudimentären Französischkenntnissen wähle ich Zapfsäule 1, als ich sehe, dass mein Mitreisender den Wagen dreht. Der französische Schlauch scheint nicht lang genug, um über das deutsche Auto bis zum Einfüllstutzen zu reichen. Da nähert sich ein Landsmann der Roboterstimme in einem Peugeot und parkt direkt vor Zapfsäule 1.

Der Automat spuckt einen Bon aus, den ich triumphierend an mich reiße. Darauf muss ja stehen, dass ich die Hoheit über eben diese Zapfsäule erlangt habe. Ich drücke ihn meinem Mitreisenden in die Hand und fuchtele cholerisch wie Louis de Funès mit meinen Armen, fühle mich wie ein sehr kleiner Polizist beim Anweisen des Kreisverkehrs auf der Place Charles-de-Gaulle. Ich schaffe es, den Spritjagenden zu vergrämen. Mein Mitreisender erobert Zapfsäule 1 zurück. Doch sie will partout nicht einen Tropfen Sprit herausrücken. Er zeigt auf den Bon und liest vor, denn er kann die winzigen Lettern dechiffrieren: »Transaction annulée«.

Ich habe keine Ahnung, was der ältere Herr am Steuer des Peugeot denkt, als ich danach zum Automaten zurückkehre und die ganze Prozedur von vorn beginne. Es muss irgendetwas mit »boche« (traditionelles Schimpfwort für Deutsche aus deutsch-französischer Feindschaft) zu tun haben. Wir sind in der Gegend von Verdun.

Dabei wollte ich wirklich keinen Krieg um eine Zapfsäule anzetteln. Ich war vor allem wütend auf mich selbst, denn ich bin A-L-T-E-R-S-S-I-C-H-T-I-G. Meine Fähigkeit, im Nahbereich zu fokussieren, ist geschrumpft.

Die Augenlinsen altern. Wie Muskeln und Gebeine sind sie zu Beginn des Lebens noch sehr elastisch. Mit den Jahren werden sie dicker und härter. Das Gewebe verdichtet sich. Die Linsen sind dann nicht mehr agil genug und können in der näheren Umgebung nicht mehr scharf stellen. Der Prozess ist unumkehrbar. Keine Augengymnastik der Welt kann sie geschmeidiger machen.

Der Volksmund spricht von »ALTERSWEITSICHTIGKEIT«, ein Euphemismus, als hätte das auch etwas Positives, Vorausschauendes, vielleicht sogar Weises. Doch das Wort ist nicht nur falsch, es täuscht auch über die Tatsache hinweg, dass in Wahrheit mit dem Altern der Augen eine echte Behinderung im Alltag eintritt.

Es muss so mit Mitte vierzig gewesen sein, da verschwammen die Buchstaben vor meinen Augen, als hätte ich schlecht geschlafen. Lange habe ich geglaubt, man könne das irgendwie wegzwinkern. Vor allem habe ich aber versucht, das neue Leiden als Zeichen des Alterungsprozesses zu kaschieren.

Wenn Menschen mit noch elastischen Linsen (junge Leute) mir auf dem Smartphone etwas zeigen wollten, habe ich generös genickt und Zustimmung suggeriert, obwohl ich in Wahrheit keine Ahnung hatte, was genau ich da hätte sehen sollen.

Irgendwann ließ es sich nicht mehr verstecken und ich brauchte eine Brille auf meiner Pinocchio-Nase.

Das war immer der Horror für mich. Vor meinem geistigen Auge erschienen Bilder von uralten Lehrerinnen, die streng und schmallippig über ihre Lesebrille äugten. Ich sah mich schon mit Doppelkinn andere Menschen rüde zurechtweisen und belehren.

Doch ich hatte Glück mit einer Optikerin aus der Generation »Noch elastische Linse«. Sie verpasste mir eine Brille, die so gar nicht nach halbem Glas aussah. Eher nach spätem John Lennon. Damit konnte ich leben, vor allem aber plötzlich wieder sehen.

Die Welt ist leider nur für elastische Linsen ausgelegt. Rein optisch ist ab vierzig Schluss. Schilder, Speisekarten und Gebrauchsanweisungen werden zu verschwommenen Ansammlungen seltsamer Hieroglyphen. Teile des öffentlichen Lebens bleiben einem verschlossen, wenn die Brille nicht gerade am Mann oder der Frau getragen wird.

Ich bin nur froh, dass Apple auf dem iPhone eine Lupe installiert hat. Das hilft vor allem dann, wenn die Lesehilfe mal wieder unauffindbar ist.

Mit dem Alter, so scheint mir, kommt leider auch eine gewisse Vergesslichkeit hinzu. Ich kenne Leute, die haben sich gleich acht Lesebrillen im Drogeriemarkt gekauft und sie an neuralgischen Punkten deponiert.

Ich bin eher der Typ »Lost in Alterssichtigkeit«. Manchmal lasse ich die Brille sogar vorsätzlich zuhause und lerne die Speisekarte des Restaurants, in dem ich verabredet bin, vorab im Internet auswendig. Man muss sich nur zu helfen wissen.

Wenn also »elastische Linsen« mit dem Smartphone auf mich zukommen und ich zu erkennen gebe, dass ich nichts erkennen kann, halten sie aus Reflex das bildgebende Gerät näher an meine Augen heran. Dass das wenig hilfreich ist, können sie natürlich nicht wissen. Ich löse das über einen beherzten Schritt rückwärts. Eine Armlänge reicht leider nicht mehr aus.

Und es wird noch schlimmer. Die Alterssichtigkeit verschiebt sich bis zum Alter von 65 Jahren auf einen Abstand von zwei Metern. Drei Dioptrien braucht die Lesebrille dann.

Rosige Aussichten sehen anders aus. Egal: Ich setze mich beim Essengehen einfach dahin, wo schon am Nachbartisch eine Menü-Tafel steht. Der Abstand müsste reichen. Und ich übe den Alters-Weitsprung rückwärts. Zwei Meter müsste ich schaffen.

Szenen einer unausweichlichen Annäherung

2

Das Telefon klingelt. »Alter« ist dran. Boah, der fängt jetzt schon an zu nerven! Wir haben uns doch erst gestern gesehen. Ich will auch mal einen Tag allein sein, mal nicht an ihn denken.

»Ich glaube, wir können uns eine Weile nicht mehr treffen«, sagt er vorsichtig.

Puh, mir fällt ein Stein vom Herzen. »Warum denn nicht?«, frage ich gespielt im Frequenzbereich eines fünfjährigen Mädchens.

»Dieses neue Coronavirus. Wie du dir vielleicht denken kannst: Ich gehöre leider zur Risikogruppe. Die Seuche überträgt sich auch über die Atemwege. Vielleicht möchte ich mich dir irgendwann nähern, das geht dann aber nicht. Das wäre doch schade.«

Ich merke, dass mir das Blut in den Kopf schießt. Ich bin rot geworden. Damit hätte ich nun wirklich nicht gerechnet. Wie hat er das nur angestellt?

Ich kuschele mich in meine Decke auf meinem blauen Sofa und komme ins Grübeln.

Alter, färbt das ab?

Es gab eine Zeit, da saßen und aßen wir gemeinsam in Restaurants – undenkbar in diesen Tagen. Ich vermisse die Geselligkeit, denke an warme Tellergerichte, die mir serviert wurden, und katapultiere mich in die Vergangenheit: Weihnachten. Ich bin mit Freunden zum Festessen in einem Landhotel verabredet. Der Einfachheit halber habe ich mich dort einquartiert. Wir wollen schließlich auch anstoßen, so jung kommen wir nicht mehr zusammen!

Es ist das beste Haus am Platz, verfügt über vier Sterne, und die Küche verspricht eine »Sinfonie der Genüsse auf allerhöchstem Niveau«.

Es gibt auch einen Pool mit angegliederter »Wellness-Oase«. Darauf freue ich mich: entspannen, edel-köstlich speisen und abhängen – eine Landpartie, fernab der Großstadt, très chic!

Als wir nach dem Check-in zum Weihnachtsessen in einem kuscheligen Kaminzimmer platziert werden, bin ich noch arglos. Dort befinden sich eine Mutter mit ihrer Tochter und ein Paar mittleren Alters. Wir speisen vorzüglich, es gibt Geschenke und »gepflegte Getränke«, wie man so landläufig sagt. Ich frage mich immer, wie diese Pflege aussieht, ob jemand die Flaschen dann und wann abstaubt oder streichelt.

Egal – zum ersten Mal wundere ich mich, als ich die Örtlichkeiten aufsuchen muss. Ich gehe durch den Schankraum, der riesig ist. Und da sitzen sie: Sechzig bis siebzig Herrschaften aus der Generation »Früher war mehr Lametta«. Wir im Kaminzimmer können den Altersdurchschnitt nicht mehr rausreißen. Man hat uns also abgeschirmt, so viel kann ich in meinem angetüdelten Zustand noch kombinieren.

An der Rezeption steht eine Dame, so um die achtzig, im Bademantel. Sie ist völlig verwirrt und fragt immer wieder, wo es zu ihrem Zimmer gehe. Glücklicherweise nimmt sich die Rezeptionistin der verlorenen Seele an. Auf dem Weg zurück entdecke ich noch eine Bundeskegelbahn und ein Raucherzimmer, im Flur riecht es streng nach »abgehangener« Zigarre.

Doch ich denke mir nichts weiter, wir genießen noch einen Digestif und erzählen uns dazu den ein oder anderen Schwank aus unserer Jugend.

Mitten in der Nacht wache ich dann auf. Im Nebenzimmer hustet ein Mann. Es klingt nach einer schweren Lungenkrankheit: Asthma, COPD oder so. Weit über drei Stunden dauert das Röcheln.