Fügung oder Liebe - Rita Schweich - E-Book

Fügung oder Liebe E-Book

Rita Schweich

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Beschreibung

Pia und Bernhard lernen sich in Florenz kennen. Er ist Professor an der Universität und unterrichtet Kunstgeschichte, sie ist im zweiten Semester und tut alles, um von ihm gesehen zu werden. Ihr starker Wille und ihre Intelligenz kommen ihr dabei sehr zugute. Schon bald werden sie ein Paar und verbringen eine spannende Zeit in Italien. Auch als Pia nach einem Jahr unbeabsichtigt schwanger wird, schaffen die beiden es, gemeinsam mit ihrer Tochter Ina sich ein glückliches Leben aufzubauen. Erst als Pia im Laufe der Zeit für sich neue Wege geht, die sie tief in ihrer Seele bewegen, hinterfragt sie ihre Ehe. Ausgelöst durch ein Psychologiestudium beschäftigt sie sich immer mehr mit den mentalen Kräften und dem universellen Sein. So wird ihr Leben mehr und mehr zu einem Erkenntnisweg der geistigen Gesetze. Ina, ihre gemeinsame Tochter, scheint über viele Jahre hinweg für beide das entscheidende Bindeglied zu sein, wegen dem man zusammenbleibt. Immerhin bekommt sie sehr viel innere Stärke mit, und schafft es in jungen Jahren, den vertrauten Bahnen den Rücken zu kehren und beabsichtigt, ein Önologiestudium zu beginnen. Ursprünglich wandelte sie auf den Pfaden ihres Vaters, begann wie er ein Studium in Kunstgeschichte mit dem Schwerpunkt Historik, allerdings in Bologna. Inas wichtigster Beweggrund, diesen Schritt zu gehen, ist ihre Sehnsucht nach Familienbande, die sie während ihrer Kindheit nie kennengelernt hat.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Impressum

Texte:             © 2022 Copyright by Rita Schweich

Umschlag:      © 2022 Copyright by Rita Schweich

Verantwortlich

für den Inhalt:      Rita Schweich

Mühlenweg 8

36381 Schlüchtern

[email protected]

 

Vertrieb:      epubli – ein Service der Neopubli GmbH, Berlin

 

 

 

 

 

Rita Schweich

 

 

Fügung oder Liebe

 

oder beides

 

 

Roman

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Versonnen schaut Ina aus dem Zug, sieht die wunderbare Landschaft des Hochgebirges, ohne wirklich von ihr Notiz zu nehmen. In ihren Gedanken wiederholen sich Szenen von Stunden zuvor, als sie sich mit Jonas heftig gestritten hat. Sie kann es nicht fassen, dass sie ihn mit Isabelle erwischte, zufälligerweise, da sie an diesem Tag früher als verabredet an seiner Wohnungstür klingelte. Enttäuschung und Bitterkeit kommen mehrfach hoch, ganz zu schweigen, dass all ihre Erwartungen und Vorstellungen, die ihr so viel Mut und Hoffnung gaben, zerbrochen sind.

 

Bei Jonas war sie sich sicher, dass es diesmal anders laufen würde. Schon bei ihrer ersten Begegnung hatte sie das Gefühl, mit ihm auf einer Wellenlänge zu sein. Bei diesem Gedanken kommen ihr sofort die Tränen. Hatte sie sich wirklich so geirrt? Endlich vertraute sie einmal ihren Gefühlen. Das macht sie erst recht richtig wütend. Doch trotz aller Wut tauchen Bilder in ihrem Inneren auf, die sie schmerzlich an ihre erste Begegnung mit Jonas erinnern. Jedes einzelne Detail er-scheint vor ihren Augen, und genau das bringt sie fast zum Wahnsinn. Wie bei einem gerissenen Film läuft die gleiche Szene ihrer ersten Begegnung in der Bibliothek der Universität in Bologna, der ältesten Universität in Europa.

 

Es ist Inas erster Tag und sie sucht nach der Einführung bei ihrem zukünftigen Professor für Kunstgeschichte den Weg zur berühmten Bibliothek. Nachdem sie sich die Hauptbibliothek mit den alten Büchern angesehen hat, begibt sie sich in den Trakt, in dem die Studierenden lernen können. Hier sieht alles sehr gepflegt aus. Sie findet endlich den Saal für Kunstgeschichte und lässt sich in einem freien Sessel nieder, der etwas abseits steht und ihr erlaubt, in Ruhe alles auf sich wirken zu lassen. Die einzigartige, besondere Atmosphäre dieser alten, Ehrfurcht erregenden Bibliothek beeindruckt sie ungemein. Auf besondere Weise hat sie das Gefühl, den Geist einiger namhaften Größen zu spüren, die lange vor ihrer Zeit bereits hier gesessen haben, um zu lernen. Für einen kurzen Moment erscheint das Bild ihres Vaters, der ihr von klein auf vermittelt hat, Literatur sei der größte Schatz für das Bewusstsein des Menschen. Genau in diesem Augenblick kann sie ihn verstehen und es drängt sie danach, ihm das später am Telefon zu sagen. Zu Hause glaubte sie manches Mal, er übertreibe, doch nun eröffnet sich ihr eine neue Welt.

 

Gefangen in ihrem inneren Dialog empfindet sie das plötzliche Einfinden einer anderen Person in ihrer Nähe geradezu lästig und störend. Zunächst versucht sie die ankommenden Schritte zu ignorieren und hofft darauf, dass ihre Gedankenkraft ihr Übriges tut, doch leider funktioniert es nicht. Genau das Gegenteil ist der Fall, der Fremde rückt sich seinen Stuhl in ihrer unmittelbaren Umgebung zurecht, obwohl genügend andere Plätze zur Verfügung stehen, und das ärgert sie. Ausgerechnet heute, an ihrem ersten Tag in dieser neuen Welt, möchte sie ungestört sein. Natürlich kann dieser junge Mann nicht ahnen, wie sie sich hier mit ihrem Vater innerlich verbunden fühlt, doch das ändert nichts daran, dass seine Anwesenheit sie massiv stört. Den Blick auf ihr Buch gerichtet, ist sie mit ihrer Aufmerksamkeit längst nicht mehr bei dem vor ihr liegenden Text. Um ihre Gefühle halbwegs regulieren zu können, schließt sie ihre Augen und beginnt bewusst zu atmen. Das hat ihre Mutter ihr vor einigen Jahren beigebracht und meistens hilft es. Jetzt bleibt allerdings die erhoffte Wirkung aus. Ihr innerer Groll verstärkt sich noch, der sie dazu veranlasst, demjenigen, der sich in ihre Nähe wagte, böse Blicke zu senden. Sie stellt fest, dass es sich um einen bildschönen jungen Mann mit feinen Gesichtszügen und einer hohen Stirn handelt. Ihr Ärger lässt augenblicklich nach und ihre negativen Gefühle verschwinden so rasch, wie sie gekommen sind. Der Gedanke, er könne ihre bis eben vorherrschende negative Aura bemerkt haben, macht sie nervös. Doch scheinbar völlig unbeeinflusst von ihrer Anwesenheit, scheint er in sein Buch vertieft zu sein. Sie hingegen kann keinen klaren Gedanken mehr fassen. Auf eine ganz bestimmte Weise hat dieser junge Mann sie aus dem Konzept gebracht und dazu veranlasst, diese wunderschöne Bibliothek frühzeitig zu verlassen. Dabei ärgert sie am meisten, dass sie sich so schnell von ihrem Vorhaben abbringen ließ.

 

Da noch alles in diesem riesigen Gebäude, die vielen Gänge und Türen, die ihr alle gleich erscheinen, neu für sie ist, findet sie nicht auf direktem Wege zum Ausgang. Leise vor sich hin schimpfend, findet sie nach einigem Suchen das Hinweisschild „Ausgang“ und folgt ihm. Endlich draußen angekommen, atmet sie erleichtert die frische Luft ein und geht zu einem kleinen Café in unmittelbarer Nähe. Am liebsten würde sie einen Espresso mit einem Grappa trinken, so wie ihr Vater das an und wann liebt. Doch sie entscheidet sich dagegen, um ihrem Vorsatz treu zu bleiben, heute noch einiges zu lernen. Daher bestellt sie sich einen Cappuccino und ein Croissant. In dem Moment, während sich ihr innerer Groll allmählich aufzulösen beginnt, sieht sie von ihrem Fensterplatz aus genau den jungen Mann, der sie vorhin so verärgerte, auf das Café zukommen. Ihr letzter Bissen bleibt ihr regelrecht im Hals stecken.

 

Dem nicht genug sucht er sich breit grinsend den Tisch ihr gegenüber aus. Und ebendiese Dreistigkeit ist es, die sie trotz alledem magisch anzieht. Sie kann nicht anders, als wiederholt zu ihm hinzuschauen, bemüht darum, ihn wenigstens nicht ständig anzustarren. So ein arroganter Pinsel, suggeriert sie sich, um damit ihr Interesse an ihm loszuwerden, allerdings vergebens. Obwohl sie ein Buch aus ihrer Tasche zieht, gelingt es ihr nicht wirklich, sich auf den Text einzulassen. Es diente tatsächlich nur als Alibi und diese Tatsache verärgert sie noch mehr. Jeder heimliche Blick zu ihm herüber vermittelt ihr den Eindruck, er sei im Gegensatz zu ihr völlig vertieft in seine Literatur. Darum beneidet sie ihn und hadert mit sich, da sie sich sonst hervorragend auf den Inhalt eines Buches konzentrieren kann. Im Gegensatz zu ihr scheint er keinerlei Notiz von ihr zu nehmen. Daher entscheidet sie sich spontan, den Rest ihres Cappuccino stehen-zulassen. Sie packt ihre Sachen zusammen, zieht sich ihre Jacke und ihren Schal an und eilt zur Theke. Am liebsten würde sie einen Blick zu ihm werfen, beherrscht sich jedoch, zahlt eilig und eilt nach draußen. Vermutlich hat dieser Typ mich nicht einmal wahrgenommen, sagt ihr der Verstand, ihr Gefühl hingegen suggeriert etwas völlig anderes. Es bedurfte noch eine ganze Weile, bis sie völlig bei sich selbst war und sich auf ihre nächste Vorlesung konzentrieren konnte.

 

Das Thema lautet, wie sich die Kunst im Laufe der Zeit wandelt, parallel zur veränderten Gesellschaft und Religion. Es weckt von Anfang an Inas Interesse und sie ist froh, darüber einige Gespräche zu Hause mitbekommen zu haben. Ihr Vater studierte Kunsthistorik und hat in ihr ein mäßiges Interesse für diesen Beruf geweckt. Ob es jemals zu einer Leidenschaft für sie wird, so wie bei ihm, kann sie noch nicht sagen, obwohl sie es gerade sehr bedauert, bisher zu wenig wirkliches Interesse an seinem umfangreichen Wissen zu besitzen. Wie sich Zeitgeist und Kunst gegenseitig beeinflussen, wird ihr hier gerade vor Augen geführt. Sie gerät ins Hadern und bereut, sich vorher nicht intensiv mit dem Inhalt dieses Studiums auseinandergesetzt zu haben. Immerhin gesteht sie sich ein, dass sie sich für Kunstgeschichte entschied, weil sie davon ausging, für dieses Fach gut genug zu sein. Ihre schulischen Leistungen waren ab der Oberstufe eher durchschnittlich und allein dadurch hatte sie nicht die große Auswahl. Doch vordergründig spürt sie gelegentlich mal mehr oder weniger intensiv, dass all das noch nicht ihre Berufung zu sein scheint.

 

 

Vielleicht hängt das mit der Lebensgeschichte ihrer Mutter zusammen, die ebenfalls nach ihrer Geburt umgeschwenkt ist. Nach ihren Erzählungen war sie anfangs sehr begeistert von dem kunsthistorischem Wissen, lernte darüber ihren Vater kennen, doch später erwärmte ein völlig anderes Thema ihr Herz, nämlich das Erkennen der Zusammenhänge der völlig unterschiedlichen Verhaltensweisen der Menschen sowie die Psychologie mit analytischem Hintergrund. Wenn ihre Mutter über dieses Thema etwas verlauten ließ, fand Ina das äußerst spannend, doch richtig begeistern konnte sie sich nicht, da es dabei für sie ausschließlich um die Bewältigung von Problemen geht. Darauf hatte sie erst recht keine Lust.

 

Immerhin gelingt es ihr gerade, ihre volle Aufmerksamkeit auf das zu lenken, was ihr Professor vorträgt, und das, obwohl es ein trockenes Thema ist. Es handelt sich um die Kunst im Mittelalter. Er beleuchtet anschaulich, zu welchem Zweck die Kunst benutzt wurde und macht deutlich, dass sie dazu diente, etwas Bestimmtes auszudrücken. Ina erlebt sich plötzlich als hellwach und nimmt ihren Notizblock aus ihrer Tasche, als jemand in der Reihe hinter ihr einen Platz einnimmt. Das verärgert sie, da es sie völlig aus ihrer Konzentration gebracht hat. Zudem kommt ihr sofort in den Sinn, dass ihr Vater oft erzählte, wie unhöflich es sei, eine Vorlesung zu stören. Sie empfindet folglich völlig richtig, tröstet sie sich und kämpft mit sich, ob sie nicht doch ihrem ersten Impuls folgen soll, einen bösen Blick nach hinten zu richten. Doch etwas hält sie davon ab. Ihrem Professor gelingt es binnen weniger Minuten, sie erneut in seinen Bann zu ziehen, sodass sie diesen Vorfall bald vergessen hat. Vollends in den Zeitgeist des Mittelalters eingetaucht, vergeht für sie die Zeit wie im Flug.

 

Als ihr Professor sich verabschiedet, kann sie kaum glauben, dass die Vorlesung zu Ende ist. Er hat mich wirklich begeistert, freut sie sich und will baldmöglichst ihrem Vater davon berichten. Gleich, außerhalb des Gebäudes, wird sie ihn anrufen.

 

Auf dem Weg nach draußen, kurz vor der uferlos scheinenden Wendeltreppe, die direkt nach unten führt, glaubt sie, ihren Augen nicht zu trauen. Der freche Kerl, über den sie sich in der Bibliothek so aufgeregt hat, geht nur einige Stufen vor ihr und will offenbar zum Ausgang. Warum nehme ich überhaupt Notiz von ihm, hadert sie, und während sie diesen Gedanken kaum zu Ende denkt, erwägt sie die Möglichkeit, dass er es ja gewesen sein könnte, der sich eben in die längst begonnene Vorlesung schlich. Er wird doch wohl nicht wie ich Kunstgeschichte studieren. Ina verlangsamt ihren Schritt, will auf keinen Fall, dass er sie entdeckt. Ein Spruch ihrer Mutter über eine sich erfüllenden Prophezeiung kommt ihr in den Sinn, noch nicht ahnend, dass genau das wenige Sekunden später eintritt.

 

Urplötzlich, auf dem unteren Podest, dreht er sich um und schaut ihr direkt in die Augen. Es verschlägt ihr den Atem. Sie kann seinem Blick nicht entweichen und sich auch nicht abwenden. Ein magischer Moment ohne Worte, einfach nur so. Weitere Sekunden vergehen, bis es ihr gelingt, ihren Weg so neutral wie möglich fortzusetzen. Draußen, auf dem riesigen freien Platz, atmet sie erst einige Male besonders tief ein und aus in der Hoffnung, sofort einen klaren Kopf zu bekommen. Doch es will ihr nicht gelingen. Etwas Magisches scheint von diesem Mann auszugehen, tröstet sie sich, und zudem gibt es keine Zufälle. Mit dem festen Vorsatz, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, begibt sie sich zu Fuß auf den Heimweg. Zudem mag sie es besonders gern unter den vielen Arkaden Bolognas zu laufen, die ihr mit ihrem einzigartigen Flair eine völlig andere Atmosphäre vermitteln als Stuttgart, ihre Heimatstadt. Zudem mag sie es, ihr Italienisch durch das ständige Hören der Unterhaltungen der Einheimischen zu verbessern. Das viele Gestikulieren macht für sie die Sprache so lebendig, dass sie sich von Tag zu Tag immer mehr zutraut. Je öfter sie selbst in Interaktion tritt, etwas einkauft und es nur mit Italienisch sprechen versucht, umso souveräner wird sie. Zudem fasziniert sie die italienische Mode, primär die Schuhmode, für die sie eine Schwäche zeigt. So zieht jetzt ein großes Schuhgeschäft die Aufmerksamkeit auf sich. Sie bleibt fasziniert stehen und lässt die große Vielfalt der Modelle auf sich wirken. Ein Schuh ist schöner als der andere; erstklassige Handarbeit, dennoch mehr oder weniger erschwinglich.

 

 

 

Kurz ehe sie sich in das Innere des Geschäftsraumes bewegen möchte, horcht sie plötzlich auf. In ihrer unmittelbaren Nähe spricht jemand deutsch. Unauffällig dreht sie sich nach hinten, aber sie sieht nur einen Mann, der wohl telefoniert. Sofort springen ihr seine Schuhe ins Auge, zweifarbige Männerschuhe. Diese Schuhe kenne ich, fällt ihr ein, und in dem Moment, wo ihr das bewusst wird, richtet sie ihren Blick weiter nach oben. Tatsächlich, es ist unverkennbar der junge Kommilitone, vor dem sie die Flucht ergriffen hat. Für Sekunden bleibt sie wie angewurzelt stehen, nur scheinbar mit den Schuhen beschäftigt, im Inneren wieder komplett aufgewühlt. Kurz entschlossen begibt sie sich in das Schuhgeschäft und steuert ausgerechnet auf hochhackige Pumps zu, die sie niemals hier in dieser Stadt mit dem alten Kopfsteinpflaster tragen kann. Die freundliche Verkäuferin hat ihr bereits alle Farben gezeigt, in denen diese chiquen Pumps zu haben sind und wartet auf Inas Entscheidung. Sie wählt Beige aus, mit dem Gedanken im Hinterkopf, diese Schuhe dann oft tragen zu können. Doch im Spiegel betrachtend, hält sie es für bieder. Abwägend, welche andere Farbe für sie infrage kommen könnte, verharrt sie vor dem Spiegel und sieht sich mit dem leidigen Problem konfrontiert, sich nur schwer entscheiden zu können. Sie dreht sich in diesen neuen Schuhen um ihre eigene Achse und erblickt dabei das breite Grinsen des Mannes direkt hinter sich. Sofort erkennt sie ihn, Monsieur »Aufdringlich« mit dem süßesten Lächeln. „Ich würde Pink nehmen“, meint er frech zu ihr herüber, womit er wirklich recht hat. Beide brechen in ein fröhliches Gelächter aus und begutachten wenige Minuten später Inas Füße, die nun in den pink-farbigen Pumps stecken, in denen sie umwerfend aussieht. Während Ina überlegt, zu welcher Kleidung sie diese Schuhe überhaupt tragen kann, empfiehlt ihre neue Bekanntschaft, dazu passe praktisch alles, weiß, champagner, kaki, blau und türkis. Ina ist perplex. So etwas von einem jungen Mann zu hören, verblüfft sie. Nicht nur das. Innerlich ist sie völlig verwirrt. Soll sie sich über ihn aufregen oder ihn mit seiner Art mögen, fragt sie sich. Da sie es in diesem Moment und unter den gegebenen Umständen ohnehin nicht entscheiden kann, lächelt sie ihn an. „Sie haben recht“, geht sie auf ihn ein, „und zudem einen guten Geschmack“. Er freut sich so sehr über Inas Reaktion, dass er nicht anders kann, als einfach nur dazustehen, ihren Blick zu suchen und zu strahlen. Das verwirrt Ina, sodass sie sich ohne ein weiteres Wort abwendet und zur Kasse geht. Die Schuhe bezahlt sie bar, nimmt den Schuhkarton entgegen und dreht sie sich um, aber er ist verschwunden und genau diese Tatsache versetzt ihr einen kleinen Stich. Gedankenverloren macht sie sich auf den Nachhauseweg, wobei sie sich nicht ernsthaft vorstellen kann, sich gleich an den Schreibtisch zu setzen. Einmal mehr wägt sie ab, ob sie nicht noch einen typischen italienischen Cappuccino genießen soll, bis ihr plötzlich jemand zuwinkt. Meine Güte, schlägt ihr Herz wie wild, kann er meine Gedanken lesen. Intuitiv winkt sie zurück und folgt seinem Zeichen, zu ihm zu kommen.

 

So kommt es, dass sie beide sich zum dritten Mal innerhalb zweier Tage begegnen und hier in der Sonne gegenübersitzen. Bei einem gemeinsamen Cappuccino erfährt Ina, dass er Jonas heißt, Architektur studiert und hier in Bologna die unterschiedlichen Epochen der Baukunst und Kunstgeschichte kennenlernen will. Dass es hauptsächlich private Gründe sind, die ihn nach Italien geführt haben, soll Ina erst viel später erfahren. Im Augenblick fühlt sie sich in seiner Nähe einfach nur wohl. Sie ist sehr froh, diesmal nicht ihren Vorurteilen gefolgt zu sein und wünscht sich, ihn näher kennenzulernen. So, als könne er ihre Gedanken lesen, sucht er ihren Blick und hält den Blickkontakt länger als üblich. Sie erleben beide, wie sich für einen winzigen Moment ihre Seelen berühren. Dass Ina sich dann plötzlich unter dem Vorwand verabschiedet, sie habe noch eine Vorlesung, nimmt er ihr nicht ab. Er weiß ihr Verhalten nicht einzuordnen und ist enttäuscht, nachdem doch der Tag bisher so gut angefangen hat. Wie so oft fragt er sich, ob seine Erwartung zu hoch war oder er grundsätzlich ein Problem damit hat, Dinge falsch zu deuten. Schließlich ist seine Situation zu Hause nicht gerade förderlich, um gelingende Kommunikation zu üben. Sollte ihn das sein ganzes Leben lang begleiten? Frustriert und innerlich leer, lenkt er seine Schritte in Richtung seines Appartements.

 

Ina erreicht mittlerweile die Uni und hechtet völlig außer Atem die Treppe nach oben zur Bibliothek. Sie erreicht den Trakt mit der für sie wichtigen Literatur und hält Ausschau nach dem gemütlichen Sitzplatz, an dem sie sich gestern bereits wohlgefühlt hat. Endlich kann sie in Ruhe nachdenken, was sich in den vergangenen Stunden alles ereignet hat. Sie macht sich bewusst, dass es ihr Problem ist, spontan Nähe zuzulassen. Ihre ganzen bisherigen Erfahrungen waren immer schwierig und manchmal schmerzvoll.

 

Hat sie sich für jemanden geöffnet, wollte er es nicht wirklich, oder aber sie konnte sich nicht darauf einlassen. Daher schützt sie sich lieber am Anfang und vertraut darauf, dass sich die Dinge mit der Zeit in die richtige Richtung entwickeln. Was ihr im Augenblick allerdings zu schaffen macht, ist die Tatsache, dass sie diesen Jonas nicht mehr aus ihrem Kopf bekommt. Mindestens zweimal hintereinander hat sie die Schuhe ausgepackt und betrachtet, zu denen er ihr geraten hat. Sosehr sie sich dazu aufraffen will, ihre vorgegebene Literaturliste abzuarbeiten, es gelingt ihr nicht, vielmehr verfällt sie in Tagträume. Letztlich packt sie ihre Utensilien zusammen und verlässt die Universität.

 

Während sie gedankenverloren exakt den gleichen Weg nimmt wie wenige Stunden zuvor, bemerkt sie nicht, dass jemand sie vom Fenster des kleinen Cafés aus beobachtet.

 

Jonas, der seit geraumer Zeit am gleichen Platz sitzt, konzentriert darauf, Ina in jedem Falle zu sehen, wenn sie vorbeikommt, rennt im entscheidenden Moment los und kommt direkt auf sie zu. „Ina, sorry, ich musste dich sehen. Mir ist einfach nicht klar, warum du dich heute Morgen mir gegenüber so eigenartig verhalten hast“.

 

Jonas‘ Ehrlichkeit überrascht Ina und gleichzeitig berührt es sie. Manch anderer junger Mann hätte sie nach ihrem Verhalten niemals mehr nur mit einem einzigen Lächeln bedacht. Sie fühlt sich in seiner Schuld und bittet ihn, sie ein Stück zu begleiten.

 

„Jonas, es tut mir leid wegen heute Morgen. Ich verstehe, dass du es als eine Abfuhr deuten musst. Aber um ehrlich zu sein, ist es meine Angst vor Zurückweisung. Das ist mir während der Schulzeit öfter passiert, allerdings meist nur mit Mädchen. Meine Mutter ist Psychologin und hat mich darin bestärkt, zu mir zu stehen. Das hat im Laufe der Zeit tiefe Spuren hinterlassen“.

 

Jonas kämpft mit sich, ihr zu sagen, dass er sich ähnliches schon gedacht habe. „Ich kann das nicht“, denkt er, obwohl ihre Art ihn verletzt hat. So äußert er lediglich. „Ich habe auch Angst vor Zurückweisung, genau wie du“. Immerhin gelingt es ihnen bis zur nächsten Bushaltestelle ein ganz passables Gespräch zu führen. Obgleich er damit gegen seine aufkeimenden Gefühle ankämpft, verabschiedet er sich, ohne ein weiteres Date zu vereinbaren, mit „ciao“.

 

Zu Hause fährt Jonas seinen Rechner hoch und recherchiert, wann die nächste Lehrveranstaltung zum Thema Kunst und Zeitgeschehen stattfindet. Als er feststellt, dass das gleich morgen der Fall sein wird, freut er sich sehr. Da er mehr oder weniger aus eigenen Interessen heraus dieses Semester unter anderem in Kunstgeschichte belegt hat, kann er es gut vertreten, sich morgen vom Wissen des Professors für zeitgenössische Geschichte inspirieren lassen. Zudem möchte er für sich Klarheit in seinen Gefühlen. Sein Abend verläuft wie so oft recht unspektakulär, mit Lesen und Google-Informationen zu seinem Hauptfach, die mittlerweile fast alle im Netz zu finden sind.

 

Jonas hatte sich vorgenommen, erst kurz vor Beginn der Vorlesung den Hörsaal zu betreten. Er will vermeiden, Ina in eine zwiespältige Situation zu bringen. Daher bleibt er weit hinten sitzen. Davon abgesehen, dass er sie von hier aus genau beobachten kann, gefällt ihm der Gedanke, jederzeit den Raum ohne großes Aufsehen verlassen zu können.

 

Da sie noch nicht ein einziges Mal nach hinten geschaut hat, spielt er bereits mit dem Gedanken, nach draußen zu gehen. Wie der Zufall es will, surrt in seiner unmittelbaren Nähe das Handy einer Kommilitonin, was zur Folge hat, dass fast alle Köpfe der Teilnehmer der unteren Reihen mehr oder weniger gleichzeitig nach hinten fliegen. Da nicht einzuordnen ist, wessen Handy wider jeglicher Vorschrift nicht ausgeschaltet war, treffen dummerweise auch Jonas etliche böse Blicke.

 

Ina schaut ebenfalls streng. Er spürt, wie ihm die Röte ins Gesicht steigt und das macht ihn verlegen. Aus einem inneren Impuls heraus gestikuliert er mit seinen Händen, dass er es nicht war, in der Hoffnung, dass man ihm glaubt. In dieser verfahrenen Situation überlegt er, flüchtend den Hörsaal zu verlassen. Es outet sich jedoch eine junge Frau als Übeltäterin, indem sie ihr Handy nach oben hält und „Sorry“ sagt. Daraufhin drehen sich alle Köpfe wieder nach vorn, nur Inas Kopf nicht. Sie schenkt ihm zuerst ein zauberhaftes Lächeln, bevor sie sich ihrem Professor zuwendet. Jonas’ Herz beginnt höherzuschlagen. Er hatte sich nicht geirrt, seine Wahrnehmung war richtig und das freut ihn ungemein. Er kann es kaum erwarten, dass die Vorlesung endlich endet. Dann, nach einer viertel Stunde, kommt das befreiende Klatschen.

 

Nun hat er zwei Möglichkeiten, entweder im Hörsaal oder am Ausgang auf sie warten. Während er noch über die richtige Entscheidung nachdenkt, behält er Ina jede Sekunde im Auge. Wozu sie sich wohl entscheidet, fragt er sich, und das macht ihn für einen winzigen Moment unsicher. Glaube an dich, suggeriert er sich, deine Wahrnehmung ist richtig. Doch seine Nervosität steigt von Sekunde zu Sekunde. Nicht nur sein hoher Pulsschlag setzt ihm zu, sondern noch viel mehr seine schweißnassen Hände. Gott sei Dank gelingt es ihm, sich an seinen Therapeuten zu erinnern, der ihm den Wirkmechanismus einer Affirmation beibrachte. „Eine Affirmation ist eine geistige Realität, die im Äußeren nur noch nicht in Erscheinung getreten ist“. Darauf konzentriert er sich und bündelt seine Energie ausschließlich auf Inas Erscheinen. Er hat seine Augen immer noch geschlossen, während er herannahende Schritte vernimmt. Sie ist es, sie ist es, suggeriert er sich ein letztes Mal, dann öffnet er seine Augen. Erst ein klein wenig, sodass er nur ihre Silhouette sieht, doch als sie näher kommt, reißt er seine Augen weit auf und lächelt sie an. Ina, nah vor ihm stehend, verursacht ihm so heftiges Herzpochen, dass er befürchtet, sie könne es bemerken. „Hallo“, begrüßt er sie, worauf sie seinen Gruß erwidert und sich bei ihm einhakt, als sei es das normalste der Welt. „Ich bin froh, dass du es nicht warst“, geht sie auf die peinliche Situation mit dem Handyklingeln ein, „es hätte mich sehr gewundert“. Jonas ist perplex und glücklich. Er konzentriert sich auf die Stufen der Treppe und will nur raus aus der Menschenmenge. Am Ausgang strömen die anderen Studenten in alle möglichen Richtungen, sie jedoch bleiben stehen und schauen sich in die Augen. Nur für einen kurzen Augenblick, der Jonas Puls erneut hochschnellen lässt.

 

Inas Frage, ob er Lust auf einen Cappuccino habe, antwortet er mit einem eindeutigen „Ja“. Auch wenn er sich das nicht anmerken lässt, kann er es nicht fassen, dass sein größter Wunsch in Erfüllung gegangen ist. Ich werde meinem Therapeuten berichten, dass es mir endlich gelungen ist, durch Affirmation mein angestrebtes Ziel zu erreichen, nimmt er sich vor.

 

Ina hat zwischenzeitlich einen freien Tisch entdeckt und winkt ihm zu. Sie bringt offenbar die Dinge gerne auf den Punkt. Am Tisch sitzend meint sie keck, dass sie beide das gestern noch nicht für möglich gehalten hätten, und grinst ihn an. Ihre Art, die Dinge direkt anzusprechen, ist für Jonas neu und es bringt ihn aus der Ruhe. Ina scheint es zu bemerken und zeigt sich von einer anderen Seite, die sie normalerweise lange unter Verschluss hält. Es ist ihre Art, sich vor Verletzungen zu schützen. Doch heute, bei Jonas, bereitet es ihr keinerlei Probleme, sich so zu zeigen, wie sie ist. Das ist für sie ein gutes Zeichen. Sie bestellen einen zweiten Kaffee und haben jegliches Zeitgefühl verloren. Beide sind umgeben von einer Aura des Glücks und es ist der Anfang ihrer Liebesbeziehung.

 

Aus irgendeinem Grund muss Ina abermals an diese erste Begegnung denken. Und jedes Mal löst die Erinnerung in ihr einen so tiefgehenden Schmerz aus, dass sie weinen muss. Anfangs ist es ihr hier im Zug sehr unangenehm, doch nach einer Weile gerät sie in eine innere Stimmung, die ihr Abstand zur Realität verschafft. Sie fühlt sich in einem Trance ähnlichen Zustand, in dem ihr Schmerz endlich nachlässt.

 

Ina weiß nicht, dass der Körper sich über diesen Mechanismus selbst hilft und die bewusste Wahrnehmung automatisch nach hinten tritt. Bewertungen einer zweiten Person, auch wenn es die beste Freundin ist, können in diesem Zustand nicht wahrgenommen oder gar verarbeitet werden. Sie prallen einfach ab, um der Seele Zeit zu geben, auf ihre Art ein Trauma zu durchleben. Der Verstand ist ausgeschaltet.

 

Dankbar, nun endlich innerlich zur Ruhe gekommen zu sein, lehnt Ina sich zurück, bringt sich in eine bequeme Haltung und zieht sich ihre Jacke lose über Brust und Schultern. So hat sie eine gute Position, um aus dem Fenster zu schauen. Doch auf die wunderschöne Landschaft kann sie sich nicht einlassen und schon gar nicht daran erfreuen. Es rauscht lediglich alles an ihr vorbei und lässt sie schmerzlich ihre innere Leere spüren. Dieser Zustand ist für sie noch viel schlimmer zu ertragen als den Schmerz in ihrer Brust, der sie bis eben einigermaßen wach gehalten hat. Sie fühlt sich hundeelend, friert und will nur eins, nach Hause. Da sie ein weiteres Mal kurz wegdriftet, empfindet Ina die Zugfahrt zermürbend und schrecklich lang. Wann bin ich endlich Zuhause, murmelt sie wiederholt vor sich hin und verfällt mehr und mehr in Selbstmitleid und Traurigkeit.

 

Dann plötzlich ein Hoffnungsschimmer durch das Anhalten des Zuges, mit dem sie nicht gerechnet hat. Doch der Blick nach draußen verrät ihr, dass sie erst Innsbruck erreicht hat. Einerseits beruhigt sie das, denn es bedeutet, ihrer Mutter noch nicht beichten zu müssen, was passiert ist, andererseits sehnt sie sich nach ihrem kuscheligen Bett und Nestwärme.

 

Während Ina sich gerade in ihre Strickjacke einkuscheln will, entdeckt sie in der Ablage einen Flyer über die Verbindung ihres ICE. Augenblicklich erhebt sie sich und streckt ihren Arm nach einem der Exemplare aus, setzt sich und fängt sofort an, darin zu blättern. Hastig beginnt sie in dem Faltblatt herauszufinden, welche Stationen noch vor ihr liegen und wann ihr Zug endlich in München ankommt. Wenn sie pünktlich München erreicht, kann sie wenige Minuten später nach Stuttgart weiter fahren. Nun hat sie einen Anhaltspunkt, dass noch fast 2 Stunden vor ihr liegen. Da sie erst in München umsteigen muss, schließt sie ihre Augen und versucht ein wenig zu schlafen, doch das Gedanken-karussell in ihrem Kopf hindert sie daran.

 

Traurigkeit, Wut und Ohnmacht haben erneut die Oberhand über ihre Gefühle, bis sie in einen Trance ähnlichen Zustand kommt. Erst sieht sie nur innere Leere. Doch dann tauchen vor ihrem inneren Auge plötzlich Bilder auf. Sie erlebt sich als kleines Mädchen in ihrem Autositz, neben sich ihre Mutter als junge Frau. Sie liest ihr eine Geschichte vor, um ihr die Langeweile auf dieser weiten Strecke zu vertreiben. Ja, sie sind des Öfteren die Strecke von Italien nach Deutschland gefahren, dämmert es ihr. Ich kenne diese Landschaft hier perfekt. Dann zeichnen sich Menschen ab, ihr vertraute Menschen und sie kann jedes Detail deutlich sehen. Sie sieht ihre Großeltern auf ihrem Weingut, mitten in der Weinlese. Sie kann es nicht wirklich deuten, empfindet aber in diesem Moment tiefe Traurigkeit, sie so lange Zeit nicht gesehen zu haben. Ebenso taucht plötzlich ihre Freundin Finja auf, die mit großen Augen nach ihr Ausschau hält und sich tierisch freut, sie zu sehen. Dann reißt dieser Film wieder ab, genauso schnell, wie er gekommen war.

 

Ina richtet sich auf, kneift sich leicht in ihren Oberarm, um sicher zu sein, persönlich anwesend zu sein. Ob dies Halluzinationen sind, fragt sie sich ängstlich, es ist doch komisch, dass mir ausgerechnet jetzt diese Erinnerungen hochkommen. Doch bevor sie weiter darüber nachdenken kann, verfällt sie erneut in diesen Trance ähnlichen Zustand, den sie nicht näher definieren kann. Es erscheinen frühere Bilder, vorüberziehende Städte und Landschaften, genau wie heute. Als kleines Mädchen, sie mag vielleicht 4 oder 5 Jahre alt gewesen sein, regten diese vielen Eindrücke ihre Fantasie an, versetzten sie mit den vielen Burgen in eine Zeit, in der noch Könige, Prinzen und Prinzessinnen die Hauptfiguren darstellten. Heute bekommen diese Figuren für sie eine neue Bedeutung. Damals schlüpfte sie selbst in diese vorgegebenen Rollen und sie erkennt die ungeheure Wirkung dieser Symbolik. Mit einem Mal versteht sie, dass Märchen tatsächlich für Erwachsene geschrieben wurden, einen ganz bestimmten Reifegrad beschreiben, der entweder bereits vollzogen ist oder erst noch ansteht. Wie oft spielte sie Prinzessin, schlüpfte in entsprechende Kleidung, besaß sogar ein Diadem. Die Vorstellung daran, früher in ihren Rollen vollends aufgegangen zu sein, berührt sie sehr. Wie glücklich ich war, während ich auf den Prinzen wartete, meinem Helden rundum vertraute und Geld und Reichtum keinerlei Hindernisse darstellten. Was würde sie darum geben, faktisch ihrem Prinzen entgegenzufiebern, der nichts anderes im Sinn hat, als sie glücklich zu machen. Enttäuschung und Bitterkeit steigen in ihr auf, gekoppelt an den Gedanken, dass sie alles hingeschmissen hat. Wo war die gute Fee, die ihr sagte, was sie zu tun habe, damit alles möglichst schnell harmonisch werde.

 

Gleich nach der Ausfahrt des Zuges aus dem Innsbrucker Bahnhof, verspürt Ina den Drang, Zuhause anzurufen. Doch bevor sie die grüne Taste ihres Handys drückt, kommt ihr der Gedanke, wie es wäre, wenn ihre Eltern vielleicht verreist sind. Schließlich haben sie keinerlei Ahnung, dass sie zu ihnen unterwegs ist. Und natürlich hat sie ihren eigenen Schlüssel nicht dabei. Er liegt in einer Schublade in ihrem Nachttisch. Voller Panik fängt sie an zu weinen. Erst nachdem sie sich beruhigt hat, kommt ihr die Idee, dass früher immer ein Ersatzschlüssel an einem bestimmten Platz deponiert war. Sie weiß genau, wo das sein könnte. Ein kleiner Hoffnungsschimmer. Ihr tieferes Bedürfnis ist es, zu Hause aufgefangen zu werden, zu spüren, geliebt zu werden, so wie sie ist. Diese Sehnsucht treibt sie an, endlich die grüne Taste zu drücken, um ihre Mutter zu erreichen. Sie wird sicher Verständnis haben, dass sie unter den gegebenen Umständen nach Hause kommen will, auch wenn es mitten im Semester ist. Zu mehr reichen ihre Überlegungen nicht mehr. Als ihre Mutter sie freudig mit „hallo mein Schatz“, begrüßt, bekommt Ina keinen Ton heraus. Ihre Kehle ist regelrecht zugeschnürt. Verständlich, dass ihre Mutter in Sorge gerät und unbedingt wissen will, ob alles in Ordnung sei. So zwingt Ina sich dazu, ihr zu antworten.

 

„Nein, Mama, nichts ist gut. Ich fahre gerade mit dem Zug aus Innsbruck heraus und bin in wenigen Stunden zu Hause“. Das Schweigen ihrer Mutter verrät ihr, dass sie schockiert ist und sich große Sorgen macht.

 

„Gut“, meint sie dann, „ich werde dich vom Bahnhof abholen und meine Termine absagen. Gute Fahrt“.

 

Die Tatsache, dass ihre Mutter es einfach hingenommen und keine weiteren Fragen gestellt hat, verschafft Ina etwas Erleichterung. Mama ist Psychologin, sie weiß, dass man wichtige Dinge nicht in der Umgebung anderer Leuten bespricht. Privates bespricht man in einem intimen Rahmen, pflegt sie stets zu sagen, und diese Erinnerung löst in ihr für einen klitzekleinen Moment Freude aus. Vielleicht angeregt durch das Telefonat vor wenigen Minuten hat sie das Gefühl, ihre Mutter spreche direkt aus der Nähe zu ihr und ermahnt sie, andere Menschen nicht vorschnell zu verurteilen. Seitdem verfolgt Ina der Gedanke, versagt zu haben. Genau das, was ihre Mutter ihr rät, hat sie nicht befolgt. Ganz im Gegenteil hat sie Jonas und ihrer Freundin Isabelle unterstellt, sie hintergangen zu haben. Bei diesem Gedanken läuft es ihr eiskalt den Rücken herunter. Haben die beiden ein falsches Spiel gespielt oder projiziert sie eigene Anteile in die beiden? Ist Jonas dazu fähig, fragt sie sich wiederholt, was bedeuten würde, dass er ihr Vertrauen schamlos ausgenutzt hat. Abermals hat sie sein Bild vor sich, seine gütigen Augen, seinen Tiefsinn, seine Liebe. Nein, so kann sie sich nicht geirrt haben. Tief in ihrem Herzen fühlt sie, dass sie ihm und Isabelle eine Chance geben will. In Bologna sind die beiden die wichtigsten Menschen in ihrem Leben und haben sie bisher noch nie enttäuscht. Ina wird bewusst, was sie mit ihrer Eifersucht alles zerstören kann. Dies bringt sie aus ihrem seelischen Gleichgewicht. Sie benötigt mehr denn je die Unterstützung ihrer Mutter, die immer einen klugen Rat für sie bereithält. Doch bis dahin liegt leider noch eine lange Fahrt vor ihr.

 

Obwohl Pia sich am Telefon nichts anmerken ließ, macht sie sich große Sorgen um ihre Tochter. Zu gerne wüsste sie den Anlass, warum Ina Knall auf Fall nach Hause kommt. Sie ist hin- und hergerissen, ob sie so kurzfristig die noch anstehenden Termine verlegen soll. Damit sprengt sie ihren Zeitrahmen in der Praxis, denn Ihr persönlich passt es in ihrem Ablauf heute überhaupt nicht, die Praxis frühzeitig zu verlassen. Zum Ende einer Therapiebehandlung erscheint Pia in der Rezeption. Ihre Assistentin Anne, mit der sie mittlerweile befreundet ist, sieht ihr sofort an, dass sie ein Problem hat. Sie ist nicht nur absolut zuverlässig, sondern auch sehr spontan.

 

Und so hat sie nach Kenntnisnahme der Angelegenheit eine zündende Idee. „Ich hole Ina ab. Schreibe ihr eine SMS. Gib mir deinen Haustürschlüssel und dann fahre ich deine Tochter nach Hause“. Den überraschten Blick ihrer Chefin bemerkend, schlägt Anne ihr kameradschaftlich auf die Schulter. „Ich habe ebenfalls ein Mädel in dem Alter. Wahrscheinlich treibt sie Liebeskummer um oder eine ungewollte Schwangerschaft“. Diese wohl gut gemeinte Bemerkung versetzt Pia noch mehr in Angst und Schrecken. Doch in Anbetracht ihres vollen Terminkalenders bleibt sie bei ihrer Entscheidung und nimmt Annes Angebot an. Rasch geht sie zu ihrer Handtasche und übergibt ihrer Angestellten den Haustürschlüssel.

 

„Danke“!

 

Um sich ihres schlechten Gewissen zu befreien, sagt sich Pia, dass ihre Tochter erwachsen sei und sicherlich auf sie warten könne. Doch wirklich glücklich ist sie mit ihrer Entscheidung nicht.

 

Da ihre nächste Patientin auf sie wartet, vergisst sie bald ihre eigenen Sorgen und widmet ihre volle Aufmerksamkeit dieser Frau, die seit mehreren Wochen regelmäßig ihre Hilfe in Anspruch nimmt. Sie ist seit einiger Zeit erwerbslos und leidet sehr unter dem Gefühl, jetzt nicht mehr dazuzugehören. Pia fragt genauer nach, ob sie eine ähnliche Situation schon einmal erlebt habe und das bestätigt sich. Auch vor Jahren quälte die Patientin sich mit der Empfindung, ihr geschehe großes Unrecht und sie verstehe nicht, warum ausgerechnet ihr das wieder passiert. Den Gedanken, dass ihre Ängste und Befürchtungen dafür verantwortlich sind und die Dinge dann genauso eintreten, akzeptiert sie nicht wirklich. Leider gelingt es Pia nicht, ihr ihre Ressourcen bewusst zu machen und daran zu glauben. Daher endet die therapeutische Sitzung ohne sichtbaren Erfolg. Pia bedauert das zutiefst und benötigt einen Moment, bevor sie sich ihrem nächsten Patienten zuwendet.

 

In Gedanken schweift sie ab zu Ina, ihrem Zuhause und dem vernachlässigten Haushalt. Ihr fällt ein, dass sie kaum etwas zum Essen eingekauft hat. Mist, wie hätte ich damit rechnen können, ärgert sie sich. Daher fragt sie Anne, ob sie ein paar Einkäufe übernehmen kann, wenn sie Ina vom Bahnhof abholt. „Selbstverständlich“, antwortet Anne spontan und erhält ein dickes Lob.

 

„Du bist ein Schatz“.