Funke der Freiheit - Tilman Röhrig - E-Book

Funke der Freiheit E-Book

Tilman Röhrig

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Beschreibung

Aufregung in den Straßen Mannheims! Der Dichter August von Kotzebue ist ermordet worden. Der Täter steht schnell fest – es ist der Student Carl Sand. Unklar bleibt jedoch sein Motiv: Hat er aus eigenem Antrieb gehandelt? Oder steckt dahinter eine Verschwörung? Nur Sand weiß die Wahrheit. Behutsam verhört man den Burschenschaftler, der nach einem Selbstmordversuch mit dem Tode ringt. Auch Friederike, die Tochter des obersten Gefängnisaufsehers, bangt um das Leben Sands, seit sie ihn kurz nach dem Attentat das erste Mal erblickte.

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PIPER DIGITAL

die eBook-Labels von Piper

Unsere vier Digitallabels bieten Lesestoff für jede Lesestimmung!

Für Leserinnen und Leser, die wissen, was sie wollen.

Mehr unter www.piper.de/piper-digital

ISBN 978-3-492-98019-7

© für diese Ausgabe: Fahrenheitbooks, ein Imprint der Piper Verlag GmbH, München 2013 © Piper Verlag GmbH, München 2010 Covergestaltung: FAVORITBUERO, München Covermotiv: © Dja65, mala_ja / alle Shutterstock.com Datenkonvertierung: CPI – Clausen & Bosse, Leck

Vollständige E-Book-Ausgabe der im Piper Verlag erschienenen Buchausgabe

1. Auflage 2010

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Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.

DANKSAGUNG

Mein besonderer Dank für ihre Hilfe und ihren fachlichen Rat gilt Herrn Prof.Dr. Dieter Jetter und Herrn Dr. Axel Karenberg vom Institut der Geschichte der Medizin, Universität zu Köln; Frau Dr. Anneliese Senger, Universität zu Köln; Herrn Dr. Thomas Degen, Köln; Herrn Prof.Dr. Peter Conrady, Universität Dortmund, und Frau Mariele Conrady, Greven; Frau Brigitte Müller-Beyreiß, Pulheim; Frau Elke Sinn, Köln; Frau Dr. Grit Arnscheidt und Frau Liselotte Homering vom Reiss-Museum der Stadt Mannheim sowie Frau Elisabeth Jäger vom Stadtarchiv Wunsiedel.

PROLOG

Vom Westen her drängten Wolken über den Rhein. Nur selten fand die Sonne noch einen Spalt; ihr flüchtiges Licht streifte die Giebel und Türme der Stadt. Der Himmel war die Bühne, der Tag das Stück.

Wie von Gängen und Reihen, schnurgerade, zwischen Toren, Wällen und dem fürstlichen Schloß, wurde Mannheim durch namenlose Straßen straff geordnet und gekreuzt. Dicht an dicht lebten die Bürger in eckigen Maschen. Q6, R5, A2, für jedes Quadrat Buchstabe und Zahl. Die Stadt, das Parkett.

Am späten Nachmittag, wenige Minuten nach 5Uhr, schloß sich der graue Vorhang. Kein Applaus. In Mannheim war es still. Es war der 23. März 1819, ein kühler Tag. Es roch nicht nach Frühling in der Stadt.

Längst hatte die Stubenmagd des Lustspieldichters August von Kotzebue alle Fenster im ersten Stock des vornehmen Stadthauses wieder fest verriegelt. Das Eckgebäude im Quadrat A2, nur einen Steinwurf schräg über die Kreuzung vom Theater entfernt, war frisch getüncht. Seine herrschaftliche Fassade blickte stumm und abweisend zu B2 hin, zu den schmalgesichtigen Häusern der anderen Straßenseite. Aus der Schusterwerkstatt, dem Eingang direkt gegenüber, drang eintöniges Hämmern. Hin und wieder eilten Menschen vorbei, ihr Tritt klackte auf dem Kopfsteinpflaster.

Ein Schrei. Dann schrille Schreie, langgezogen; im Eckhaus wuchs Lärm, Frauen schrien, wieder und wieder.

Langsam, beinah zögernd, wurde das Eichenportal geöffnet. Im Eingang schwankte ein junger Mann, suchte Halt und lehnte erschöpft die linke Schulter an den Türholm. Tonlos bewegte er die Lippen, als übte er Worte, dann klar und laut: »Wer kann mir etwas tun?« Entschlossenheit erwachte in den grauen Augen. Mit Mühe richtete er den Oberkörper hoch und stieß sich weiter. Schritt für Schritt torkelte er ins Freie. Wie ein Fechter streckte er den rechten Arm, seine Faust umklammerte einen Dolch. Die Spitze der langen Klinge war blutgefärbt.

Hinter ihm erschienen zwei Mägde in der Haustür. »Helft. So helft doch.« Fassungslos jammerten sie und wagten sich nicht hinaus. Mit einem Mal schrien sie: »Zu Hilfe!« Ihre Verzweiflung gellte in den späten Nachmittag und öffnete die Türen der Nachbarhäuser.

Fast hatte der junge Mann die Mitte der Straße erreicht.

»Zu Hilfe!«

Er stockte und hob den Kopf. Sein dunkles Haar fiel in Locken bis über den weiten Kragen. Er wandte sich um. Der schwarze Rock klaffte vor seiner Brust auseinander. Aus der Wunde über dem Herzen quoll Blut und tränkte die rot-goldne Weste.

»Zu Hilfe!«

Vorwurfsvoll starrte er die Frauen an. »Wer kann mir etwas tun?« Schweiß perlte auf der hohen Stirn, dem starken Nasenrücken und floß in Straßen über die breiten Wangen, schweißverklebt war der spärliche Lippenbart.

Von gegenüber, von nebenan, von weiter her, vom Lärm aufgeschreckt kamen Leute gelaufen. Doch der Anblick des Dolches hielt sie zurück. In sicherer Entfernung drängten die Neugierigen sich zu einem Halbkreis. Stumm beobachteten sie den Fremden.

»Zu Hilfe!« schluchzten die Mägde im Eingang. Der Hausdiener schob sie zur Seite. Geduckt näherte er sich dem jungen Mann. Sofort bedrohte ihn die Spitze der langen Klinge.

»Der Kerl hat unsern Herrn erstochen!« Laut forderte der Diener von den Umstehenden: »Helft mir!« Doch keiner half.

Mit der Linken tastete der Fremde nach der Innentasche seines Rocks, nestelte ein Papier heraus, flattrig entfalteten die zitternden Finger das Blatt. Ein großer Foliobogen, engbeschrieben. Die Augen wurden lebhaft. Er zeigte das Plakat dem Volk. »Gottlob, es ist vollbracht.« Triumph lag in seiner Stimme. »Ich kämpfe für mein deutsches Vaterland. Wer kann mir dafür etwas tun? Es lebe mein deutsches Vaterland!« Das Kinn gereckt, blickte er den Diener an. »Da, nimm das.«

Vorsichtig schnappte der Mann nach dem Schreiben und wich zurück. »Verrückt. Der ist verrückt!« stammelte er. »Ein Irrer«, warnte er die Leute, »laßt ihn nicht weg! Polizei!« und rannte über die Kreuzung davon. »Ich hol’ die Wache.«

Im ersten Stock wurden Fenster aufgestoßen. »Tot. Er ist tot.« Zerwühlte Frisuren, gleiches Entsetzen in den Gesichtern, drei Damen beugten sich heraus. »Mord!« Sie zeigten auf den Fremden. »Mörder!« »Faßt ihn!« »Haltet ihn!«

Der junge Mann warf den Kopf zurück. Unter der heftigen Bewegung wankte er. Frisches Blut pulste aus der Wunde. Er fand das Gleichgewicht wieder. »Ja, ich habe es getan«, rief er zu den Damen hinauf. Wie ein Feldzeichen hielt er die Waffe. »So müssen alle Verräter sterben!«

Er rang nach Atem. Nach einer Weile erfaßte sein Blick die Umstehenden, die Augen brannten sich in das gaffende Publikum. »Hoch lebe mein deutsches Vaterland!« Er wuchs zum Herold der eigenen Botschaft, dehnte jedes Wort: »Ein Hoch für alle im deutschen Volk, die den Zustand der reinen Menschlichkeit zu fördern streben.«

Er ließ dem Satz die gebührende Andacht. Dann trat er mit dem linken Fuß vor und sank in feierlicher Geste auf das rechte Knie nieder. »Ich danke dir, Gott, für diesen Sieg.«

Atemlos stand das Volk.

Er schloß die Augen. Sein Gesicht, umrahmt von schwarzen Locken, glänzte im Schweiß. Er betete stumm. Schließlich preßte er die Lippen, setzte sorgfältig die Spitze des Dolches unter der ersten Wunde an, faßte den Griff mit beiden Fäusten und zog die Klinge gerade in seine Brust, bis die Hände erschlafften. Der Körper sank und kippte langsam zur rechten Seite. Ausgestreckt, auf dem Rücken lag der Fremde vor seinem Publikum.

Der Schreck lähmte die Zuschauer. Nur in der ersten Reihe des Parketts hob eine junge Frau die Hände zum Kopf; ihre Finger krallten sich ins blonde, zum Kranz gesteckte Haar. »Bitte«, flehte sie. »So helft ihm doch.« Sie zerrte den Zopf herunter, angstvoll preßte sie das geflochtene Ende an die Brust. »Helft. Er stirbt.«

Ihr Bitten erreichte den Schustergesellen auf dem Platz neben ihr. Die Erstarrung fiel ab. Mit großen Schritten eilte er zu dem Verwundeten, packte den Griff der Waffe und riß ihm die Klinge aus der Brust. Blut quoll. Entsetzt ließ der Schustergeselle den Dolch fallen. Blut schoß aus der Wunde.

Der Bann war gebrochen. »Er hat sich selbst erstochen!« Frauen, Männer und Kinder schoben sich näher. »Woher kommt der Kerl?« »Sieht aus wie ein Student!« Rufe von überall her.

Eine harte Stimme übertönte den Lärm. »Ich bin Hebamme! Macht Platz.« Mit starken Armen schaffte sich die Frau eine Gasse und kniete sich zu dem Fremden. Sie faßte die Stirn, ihre Daumen schoben die Augendeckel kurz nach oben. »Er lebt.« Geübt riß sie die Wollweste um die Wunden auf und drückte die Hand auf die blutenden Einstiche. Sie blickte zum Eingang des vornehmen Stadthauses. »Bringt Essig!« befahl sie den Mägden.

»Er lebt«, flüsterte die junge Frau vor sich hin. Sie lächelte den Schustergesellen an. »Er lebt.« Der hochgewachsene Bursche sah ihre Augen. »Wenn er’s nur tut«, murmelte er und wischte verlegen die Hände an seiner Lederschürze.

Eine Schüssel voll Essig. Ein Tuch. Umsichtig wusch die Hebamme die Wunden. Bald quoll das Blut nicht mehr so heftig. Sie tränkte das Tuch erneut im Essig und rieb kräftig das bleiche, stille Gesicht. Mit einem Mal seufzte der Fremde, bewegte den Kopf hin und her, seufzte wieder.

Schritte, Stiefeltritte die Straße entlang. Voraus eilten zwei Ärzte; ohne das Winken der Hebamme zu beachten, betraten sie das Eckgebäude. Geführt von dem Diener, näherten sich Polizei und Wachsoldaten in Begleitung des Stadtphysikus.

»Aus dem Weg!« Eine Gruppe Uniformierter postierte sich am Eingang, die zweite stürzte ins Haus des Herrn von Kotzebue. Und gemessenen Schrittes, im langen, enggeschnittenen Gehrock, folgte der vom Rat der Stadt berufene Amtsarzt den Soldaten.

Schon wenige Augenblicke später verließ ein Offizier der Wache wieder das Gebäude. Breitbeinig baute er sich vor dem Verletzten auf. »Wer ist das?«

»Egal!« schimpfte die Hebamme. »Der Junge muß ins Spital. Sonst hält er nicht mehr lange durch.« Schon bellte der Befehl: »Bringt die Trage!« Unter Anweisung der Hebamme wurde der Fremde darauf gebettet und mit einem Tuch bedeckt. Neue Befehle. Eskortiert von zwei Wachen, trugen sie ihn davon; Kinder rannten hinterher.

Angespannt wandte sich der Offizier an die Leute. »Kennt einer diesen Kerl?« Nur Achselzucken. »Wer weiß etwas?« Der Diener zog hastig die zerknüllte Schrift aus der Tasche und glättete den Foliobogen. »Da, das hat er mir gegeben. Wahnsinnig ist er.«

Kurz prüfte der Offizier das Plakat, dann stutzte er, las laut die Überschrift: »Todesstoß an August von Kotzebue!« Mit dem Handrücken wischte er über den Text. »So was. Ein Bekenntnis.« Er schüttelte den Kopf und pfiff ungläubig durch die Zähne. »So was. Und geschrieben hat er’s schon vorher.«

Oben im ersten Stock waren die Schreie verebbt. Ersticktes Schluchzen und Wehklagen folgten dem hageren Stadtphysikus, als er mit versteinerter Miene das Totenhaus verließ.

Der Offizier zögerte nicht. Der Ermordete war ein berühmter Gast der Stadt Mannheim, er war der in ganz Europa gefeierte Lustspieldichter, und er war russischer Staatsrat, ein Freund des Zaren. Der Ermordete war der Freiherr August von Kotzebue.

Ein Meuchelmörder hatte ihn heute erstochen. Fragen, Aussagen für das Protokoll – mit aller Gründlichkeit begann der Offizier das Verhör. Seine Wachen sperrten die Straße nach beiden Seiten. Nachbarn und Neugierige mußten bleiben; kein Zeuge sollte sich unbemerkt entfernen können.

»Vielleicht hast du den Fremden gerettet«, sagte die junge Frau leise zum Schustergesellen. »Dafür dank’ ich dir.«

Sie standen im Publikum eng beieinander. Behutsam faßte der Bursche ihren Arm. »Du kennst ihn doch?«

Sie löste sich. »Vorhin hab’ ich ihn zum ersten Mal gesehen.«

»Sebastian heiße ich«, flüsterte er und zeigte zur Schusterwerkstatt hinüber; fester fuhr er fort: »Beim Meister wohn’ ich.«

»Ich wohn’ im Zuchthaus.« Sie lachten beide. Die junge Frau erklärte: »Ich bin die Friederike Kloster. Mein Vater ist Oberzuchtmeister. Deshalb wohnen wir im Zuchthaus.«

ERSTER AKT

Die Festnahme

Den Wänden entlang und in der Mitte zu einer langen Reihe waren die hölzernen Kastenbetten geordnet. Über jedem Kranken spannte sich zwischen den hohen Pfosten ein eigener Tuchhimmel, an den Seiten fielen dichte Vorhänge und dämpften das Stöhnen, Wimmern, den schweren Atem. Geruch nach Kot und Urin, Fieberschweiß, nach schwärenden Wunden; die säuerlich schale Ausdünstung kranker Menschen lastete im Saal des Allgemeinen Hospitals.

Das erste Bett der mittleren Reihe war rundum geöffnet. Helle Öllampen flackerten an den Pfosten.

»Was ist mit ihm?« Drei Schritt entfernt stand der Stadt- physikus, hager, die Hände im Rücken, die Daumen über den Schößen des Gehrocks verhakt. Kühl blickte er auf das wachsbleiche Gesicht, die blauen Lippen, auf den über und über mit Blut besudelten jungen Mann.

Zunächst waren ihm die feuchtklebrigen Taschen entleert worden. Angewidert, mit spitzen Fingern hatten die Wachsoldaten den verschmierten, spärlichen Inhalt entgegengenommen und auf einem Hocker gestapelt.

Zwei Wundärzte untersuchten den Verletzten. »Wenig Atem.« »Kein Puls.« Nüchterne, unbeteiligte Auskünfte. »Die Hände kalt.« Sie streiften die Schnürstiefel ab. »Beine und Füße kalt.«

»Entkleiden. Legt die Brust frei«, bestimmte der Amtsarzt.

Mit Scheren zerschnitten sie den altdeutschen Rock und trennten die schwarzen Beinkleider auf. Wie bei der Schafschur schabten sie blutige Wollstücke der Weste und triefende Hemdlappen von dem reglosen Körper. Würgend kehrten die Wachen den Rücken.

Poltern, Lärm an der Tür. Ungehalten wandte der Stadtphysikus den Kopf. Gefolgt von zwei Urkundenbeamten stürmte der Untersuchungsrichter durch den Krankensaal.

»Noch nicht!« wies ihn der Doktor zurück.

»Er muß reden.« Der beleibte Jurist wischte mit dem Schnupftuch die verschwitzte Stirn. »Im Rat ist man aufgebracht. Der Stadtdirektor verlangt sofortige Aufklärung.« Er rang nach Luft. »Alle Schauspieler des Nationaltheaters sind fassungslos und können nicht spielen. ›Dienstpflicht‹ von Iffland fällt heute aus. Die Nachricht von dem Mord geht um wie ein Lauffeuer.« Fest zerknüllte er das Tuch und streckte die Faust zum Fenster. »Unten im Hof sammeln sich Neugierige. Von Minute zu Minute werden es mehr.« Er zeigte zur Saaltür. »Da draußen wartet bereits ein Redakteur der Mannheimer Tageblätter. Was soll ich ihm sagen?«

»Noch nichts, Herr Oberhofgerichtsrat.« Ein Anflug von Spott schwang in der Stimme des Stadtphysikus, er verschränkte die Arme vor der Brust.

Kurz hielt der Richter inne, dann blies er den Atem aus und nickte. »Gut, sehr gut. Besser gar nichts. Das ist es. Von uns gibt es keine weiteren Informationen. Ich verordne zunächst absolutes Stillschweigen.« Warnend hob er das Taschentuch. »Nur keine Fehler«, raunte er dem Doktor zu. »Diese Mordsache schlägt Wellen bis hoch hinauf. Der kleinste Fehler kann für uns zum Skandal werden. Ich betone: Für jeden von uns.« Furcht und Ärger stritten in dem breiten Gesicht; beinahe gekränkt starrte er auf den Verletzten. »Verfluchter Kerl. Ausgerechnet den Kotzebue mußte er umbringen.«

Inzwischen hatten die Ärzte den Oberkörper des Fremden sorgfältig abgewaschen und die Einstiche mit scharfem Branntwein behandelt. »Zwei querlaufende Schnittwunden, die in die linke Brusthöhle eingedrungen sind.«

»Erster Einstich zwischen der dritten und vierten Rippe.«

Abwechselnd ergänzten sie den Wundbericht.

»Zweiter Einstich zwischen der fünften und sechsten Rippe.«

»Beide Einstiche nicht unmittelbar tödlich.«

»Der schon getrocknete Blutschaum weist auf eine leichte Verletzung der Lunge hin.«

Geschickt drückten sie flauschige Bällchen aus geschabtem Leinen in die Wunden und wickelten den Brustverband.

»Wenn er lebt, muß er …«

»Nicht, bevor er versorgt ist!« Scharf schnitt der Stadtphysikus dem Untersuchungsrichter das Wort ab.

»Wenn Ihr mich behindert …!« drohte der Justizrat. Doch der Amtsarzt gab keine Antwort. Seufzend schritt der beleibte Mann vor dem Kastenbett hin und her, stopfte das große Schnupftuch in die Tasche, nahm es heraus, zerknüllte es und steckte es wieder zurück.

Gewärmter Wein wurde gebracht. Die Ärzte stützten den Oberkörper des Patienten, hielten den Kopf und flößten ihm behutsam von der Flüssigkeit ein. Er schluckte.

»Gut, sehr gut. Er lebt.«

Allein der Blick des Doktors genügte, den Untersuchungsrichter zurückzuhalten. Mühsam beherrscht wandte er sich an die Wachen. »Was trug er bei sich?« Stumm deuteten sie zum Hocker.

Kompaß, Karten, Kleinigkeiten. Der Justizrat zerteilte vorsichtig den blutgetränkten Stapel. Ein Stoffband fiel ihm auf. »Seide.« Farbstreifen stellte er fest: »Grün. In der Mitte entweder blau oder schwarz. Dann weiß.« Er zeigte es einem der Soldaten. »War das in seiner Rocktasche?«

»Um den Hals hatte er’s gebunden. Auf der Haut.«

Unschlüssig betrachtete der beleibte Mann seinen Fund. Mit einem Mal stutzte er und straffte den Stoff. Von Hand waren die farbigen Streifen mit einer Inschrift versehen worden. Sosehr er sich bemühte, im schwachen Licht vermochte er nur einzelne Buchstaben zu entziffern. Sorgsam legte er das Seidenband zur Seite. »Später.«

Zuunterst im Stapel lagen einige aus der Bibel herausgerissene Blätter, der Paß und ein dünnes Buch. Mit dem Finger rieb der Richter über den blutbeschmierten Titel. »Leier und Schwert.« Halb schloß er die schweren Augendeckel und skandierte leise: »›Und wenn ihr die schwarzen Gesellen fragt: / Das ist Lützows wilde verwegene Jagd.‹« Nur zäh liefen die verklebten Blätter vom Daumen. »Theodor Körner.« Er schüttelte den Kopf. »Dieser Dichterheld der Freiheitskriege. Wie viele junge Männer sind damals mit seinen Liedern auf den Lippen begeistert in den Tod gegangen.«

Nachdenklich schob er die volle Unterlippe vor. »Poesie. Mein Mörder liest also Gedichte«, brummte er und legte das Bändchen zurück.

Mit dem Paß winkte er seine Beamten näher. »Wir beginnen. Schreibt: Dienstagabend. 23. März 1819.« Geschäftig zog er die Uhr an der Kette aus der Westentasche, und mit einem hellen Ton sprang der Deckel auf. »Fünfzehn Minuten nach sechs.« Er ließ eine Liste anfertigen.

Vorsichtig hatten die Ärzte den jungen Mann zurückgelegt. Nach einer Weile zuckten seine Finger, die Zehen bewegten sich. Allmählich kehrte etwas Farbe in das blasse Gesicht zurück.

»Die Atmung wird kräftiger.«

Für den Gerichtsrat war es das Signal. Entschlossen trat er neben den Amtsarzt und wog den Paß in der Hand. »Unglaublich. Ein Student der Theologie. 23 Jahre alt. Studiert in Jena. Geboren im Fichtelgebirge. Aus Wunsiedel. Seine Name ist Carl Ludwig Sand. Ein Theologe! Unglaublich.«

Der Stadtphysikus hob die Brauen. »Von Jena? Von so weit kommt er her, nur um einen Lustspieldichter zu erstechen?«

»Er war russischer Staatsrat, vergessen Sie das nicht.«

Die Männer blickten sich an.

»Wenn Ihr jetzt gestattet?« Ohne abzuwarten, trat der beleibte Mann zum Bett. Mit einem Knie auf dem Rand der Strohmatratze beugte er sich über den Verwundeten. »Carl Ludwig Sand. Hören Sie mich?«

Keine Regung.

»Sand!« rief der Richter verhalten. »Carl Sand«, immer wieder, lauter, eindringlich.

Die Augäpfel unter den geschlossenen Lidern bewegten sich, leicht bebten die Nasenflügel.

»Carl!«

Ein Duft. Weiß steht der Apfelbaum in Blüte. Das Fenster zum Garten schwingt auf. Liebevoll breitet die Mutter ihre Arme aus. Die glatte Haut schimmert weiß.

»Carl?«

Im Gras hebt ein schmächtiger Junge den lockigen Kopf. Er ist nackt. Auf seinen Oberschenkeln hat er mit Löwenzahnköpfen einen gelben Berg bis hoch zum Nabel gehäuft. »Ich bin Carl.«

»Hörst du mich?«

Er öffnet nicht die Lippen. »Ich bin Carl.«

»Wo bist du, mein Junge?« Die Mutter ruft. Sorgsam zerteilt er den Blütenberg und wischt die Hälften rasch ins Gras. Er lacht. »Hier bin ich.«

»Sagen Sie Ihren Namen!« Der harte Befehl zerstört den offenen Garten. Voll Scham preßt er beide Hände zwischen die Schenkel.

»Carl«, stammelt er tonlos.

»Carl, mein Sohn.« Jetzt ist es wieder die geliebte Stimme.

»Ich komme, Mutter.«

Der Patient schlug mit den Armen und versuchte, sich aufzurichten. An den Schultern drückte ihn der Gerichtsrat ins Kissen zurück.

Carl öffnete die Lider. Das breite Gesicht war ihm fremd.

»Verstehen Sie mich?«

Langsam bewegte Carl die Lippen, formte ein Wort, doch die Stimme versagte.

»Hören Sie mich? Wenn ja, dann nicken Sie mit dem Kopf.«

Das Atmen schmerzte, erschöpft schloß Carl die Augen. Was war die Frage?

Dann ließ er los und sank tiefer.

Er fand seinen Helden vorn an der Spitze der Lützowschen Schar. »Leutnant Theodor Körner. Du unerschrockener Kämpfer«, beseelt nähert sich Carl dem Trupp im schwarzen Waffenrock, die Aufschläge rot, die Knöpfe gelb, wie Gold, »Körner, du Sänger für die Freiheit. Ich folge dir.«

Hochaufgerichtet sitzt der kühne Oberreiter im Sattel, das Haar vom Wind zerzaust, den Zügel mit der Linken kurz gepackt. Sein Schimmel schnaubt und tänzelt. Dort drüben, ins nahe Gehölz hat sich der Feind geflüchtet. Der Säbel fliegt aus der Scheide.

Ich höre dein helles Lied. Frisch auf mein Volk! Die Flammenzeichen rauchen. / Hell aus dem Norden bricht der Freiheit Licht.

»Ja, Körner, ich folge dir.«

»Sie müssen mir antworten!« Die laute Stimme riß Carl zurück. Heftig wurden seine Wangen geschlagen. »Hören Sie?«

Carl war wach. Klar blickte er in die vorgewölbten dunklen Augen über ihm.

»Sand. Verstehen Sie mich?«

Er versuchte zu nicken, vermochte es nicht, schwach hob er die rechte Hand.

»Können Sie sprechen?«

Mit Mühe gelang das Kopfschütteln.

»Gut. Gut.« Beruhigend tätschelte der Mann seinen Arm. Seine Stimme wurde sanft wie zu einem verschreckten Kind. »Ich bin der Untersuchungsrichter. Nur ein paar Fragen. Wollen Sie antworten?«

Carl schloß die Augen und öffnete sie wieder.

»Sehr gut. Ein Zeichen für Ja und eins für Nein. So geht es auch.« Umständlich erhob er sich und zog die Weste über dem Bauch zurecht. Kurz schnippte er den Gerichtsschreibern und wartete, bis jeder unter den Öllampen rechts und links des Kopfendes genügend Licht für die umgehängten Schreibbretter gefunden hatte. Sie strichen das Papier und leckten die Bleistifte.

»Ist Ihr Name Carl Ludwig Sand?«

»Student in Jena?«

»Ist die Fakultät evangelische Theologie?«

Teilnahmslos bestätigte Carl alle Angaben, die in seinem Paß standen. Wenn der Verletzte ermüdete, wartete der Richter geduldig, ließ aber nicht zu, daß er einschlief.

»Sind Sie allein nach Mannheim gekommen?«

Mannheim!

Unruhe brach auf, pulste in seiner Brust.

Eine Kutsche! Das Stadttor!

Schnell, schmerzhaft schlug das Herz die Bilder.

Die Gaststube im ›Weinberg‹! Das vornehme Eckhaus! Der Diener!

»Antworten Sie.«

Carl tastete mit den Fingern über seine zitternden Lippen. Erst nach einer Weile schloß und öffnete er die Augen.

»Gut, sehr gut.« Ein warnender Blick zu den Schreibern. Sie nickten. Wieder beugte sich der Untersuchungsrichter über den Verwundeten. »Haben Sie heute im Nachmittag den Lustspieldichter und Staatsrat August von Kotzebue ermordet?«

Das Zimmer! Der Dolch im Rockärmel!

Du sollst den Stahl in Feindes Herzen tauchen! Mit aller Kraft hob Carl den Kopf, seine Augen stierten den Feind an: Ja. Ja. Tausendmal Ja!, und er nickte heftig. Keuchend fiel er ins Kissen. Verkünde es allen! Er streckte die Finger und zeigte, daß er schreiben wollte.

»Er ist geständig«, ein Lächeln glitt über das Gesicht des Richters. Rasch forderte er von einem der Beamten das Schreibzeug. Mit dem Speichel feuchtete er den Bleistift, steckte ihn dem Verwundeten zwischen die Finger, hielt selbst das Brett, und sorgsam führte er die kraftlose Hand, bis die Stiftspitze das Papier berührte. »Sagen Sie alles.«

Verkünde die Wahrheit! Und Carl schrieb mit geschlossenen Lidern, seine Lippen buchstabierten die Worte. Wenn der Stift ihm entglitt, leckte der fürsorgliche Lehrer die Spitze erneut und setzte die Hand des Schülers wieder unter die Zeile. Endlich hatte Carl geendet, zum Zeichen öffnete er die Augen.

»Sehr gut.« Im Schein der Öllampe studierte der Untersuchungsrichter die gekritzelten Zeilen. »›Kotzebue ist der Verführer unserer Jugend. Der Schänder unserer Volksgeschichte und …‹«, er schob die Unterlippe vor, »›der russische Spion unseres Vaterlandes.‹« Verblüfft rieb er den Nacken und blickte auf den jungen Mann hinunter. »Sand. Glauben Sie das, wirklich?«

Endlich kommt’s an den Tag. Alle hat dieser Hundsfott zu blenden versucht. Carl gelang ein Kopfnicken.

Achselzuckend übergab der Gerichtsrat das Blatt seinen Schreibern. »Zu Protokoll«, bestimmte er und wandte sich an den Stadtphysikus. »Mein Mörder gesteht die Tat.« Und betonte leise: »Für mich wird’s kein Skandal.« Er zog das Schnupftuch und wischte die Stirn. »Vielleicht kann ich schon bald die Untersuchung abschließen. Allerdings müßten Sie ihn gut versorgen.«

»An uns wird es nicht scheitern.« Verärgert löste der Amtsarzt die Daumen hinter seinem Rücken und wies zum Kastenbett. »Wenn der Mörder diese Nacht und die nächsten Tage übersteht, wird er seine Hinrichtung erleben. Die Kunst der Medizin …«

Abwehrend hob der Richter den Finger. »Langsam, langsam. Erst das Verhör, dann der Prozeß und dann …«

Er unterbrach sich. Alle Anspannung war gewichen. Er stopfte das Tuch in die Rocktasche und kehrte zum Bett zurück. »Gehören Sie einem Orden oder einer geschlossenen Verbindung an?«

Kopfschütteln.

»Wo haben Sie die Bekanntschaft des Staatsrates Kotzebue gemacht?«

Wie soll ich denn antworten? Carl rollte die Augen. Das Herz pochte heftig in den Wunden. Gequält stöhnte er auf.

»Ruhig.« Die Stirn gefurcht, beugte sich der Richter über ihn. »Nur ruhig.«

»Für jetzt ist es genug«, unterbrach der Amtsarzt barsch die Befragung. »Wenn Sie den Patienten nicht schonen, werden Sie Ihre Arbeit niemals zu Ende bringen können.«

»Sie haben recht.« Ohne Widerspruch fügte sich der Untersuchungsrichter. Er gab seinen Männern den Befehl zum Aufbruch. »Wir setzen das Verhör morgen fort. Bleistift und genügend Papier bleiben hier.«

Die Soldaten erhielten strengste Order. »Laßt ihn schreiben, wenn er’s verlangt. Sorgt für ihn, helft ihm, doch ich verlange, daß er vollständig abgeschirmt wird. Außer euch und den Ärzten darf sich niemand dem Bett nähern. Niemand!«

Bevor der Oberhofgerichtsrat den Saal verließ, wandte er sich noch einmal an den Stadtphysikus. »Ich gestehe: In der ersten Aufregung war ich zu ungehalten. Wir sollten zusammenarbeiten, nicht gegeneinander.« Seine Stimme klang ernst, versöhnlich bot er die Hand. In dem hageren Gesicht löste sich der Ärger, ohne Spott lächelte der Doktor. »Auch ich achte Ihre große Fähigkeit.«

Zum Abschied schüttelten sie sich die Hände.

Gedämpftes Wimmern und Hüsteln schwang als stetige Grundmelodie der Nacht im Saal des Hospitals. Um das erste Kastenbett der mittleren Reihe waren die Vorhänge bis auf eine Längsseite geschlossen worden. Nur an den beiden vorderen Stützen des Tuchhimmels brannten noch Öllampen und leuchteten den engen Bettraum wie eine Bühne aus. Gleich vor der Matratzenrampe saßen sich die Wächter auf Hockern gegenüber, den Halskragen der Uniform geöffnet, Säbel und Gehänge über den Knien. Nachtwache. In regelmäßigen Abständen kehrte einer der Wundärzte bei seinem Rundgang zum Bett des Gefangenen zurück, prüfte den Verband und kühlte die Stirn des Verletzten.

Schnell und flach atmete Carl gegen die schmerzenden Wogen an. Wenn er sie heranrollen fühlte, flüchtete sein Blick zu den flackernden Lichtern. Die Flammenzeichen rauchen. Verzweifelt suchte er Betäubung.

Doch heftiger trieb der Schmerz die Angst. Nicht unterliegen, flehte er unter Tränen.

Die neue Welle spülte ihn vor das Haus des Verräters. Carl kniete. Die Saat ist reif; ihr Schnitter, zaudert nicht. / Das höchste Heil, das letzte, liegt im Schwerte! So begrüßte er bebend die Klinge des Dolches. Drück dir den Speer ins treue Herz hinein. Weinen schüttelte ihn. Haltlos schlug er die Arme.

Sofort wurden seine Schultern festgehalten. Durch den Tränenschleier erkannte er die Gesichter der Wächter. Er nickte ihnen zu, und sie lösten den Griff. »Besser, ich hol’ den Arzt.« Damit verließ einer der Soldaten das Bett. Sein Kamerad grinste Carl an. »Gleich geht’s besser.«

Musik. Ich will Musik. Mühsam winkelte Carl den linken Arm und ahmte mit dem rechten langsam das Streichen des Geigenbogens nach. Als der Wächter begriff, lachte er trocken. »Fiedeln? Nein, Junge, das kann ich nicht.«

Der Wundarzt schob ihn zur Seite und trat ans Bett. »Sand, Sie müssen sich still halten«, mahnte er ärgerlich. »Keine heftigen Bewegungen. Sonst muß ich Sie anbinden.«

Fesseln für mich? Verwundert schüttelte Carl den Kopf. Ich habe mich für das Vaterland geopfert, meine Herren, wie es die großen Helden vor mir getan haben. Der Freiheit eine Gasse! So klingt unsere Losung. Durch Zeichen verlangte er nach dem Schreibzeug.

Kaum hatte der Wundarzt die Worte entziffert, seufzte er: »Ich muß in der Bibliothek nachsehen.« Kopfschüttelnd verließ er den Krankensaal. Wenig später kehrte er mit einem Buch zurück. »›Teutsche Geschichte‹ von Kohlrausch. Ist es das?« Carl hob die Hand und lächelte.

»Wer von euch kann lesen?« fragte der Arzt die Soldaten. Beide nickten verblüfft. Unter der Öllampe suchte er nach dem Kapitel und reichte den Wächtern das aufgeschlagene Buch. »Hier. Das möchte der Gefangene hören. Lest ihm vor, vielleicht vergißt er dabei seine Schmerzen. Ihr könnt euch ja abwechseln.«

Sie hockten sich auf die Schemel und warfen eine Münze. Der Soldat am Fußende mußte beginnen. »›Die Schlacht von Sempach, 1386‹«, langsam mühte er jedes Wort. »›Der Herzog Leopold von Oesterreich, an Heldenmut und Stolz …‹«

Carl schloß die Augen. Satz für Satz wurde sein Bett zum Schlachtfeld. Ohne Harnisch stritt er auf der Seite der Schweizer Eidgenossen gegen die Übermacht.

Wenn seine Vorleser ermüdeten, spornte Carl sie mit einer Handbewegung an.

»›Der Kampf wurde schwer und heiß; viele Schweizer waren schon gefallen …‹«

Endlich. Carl legte den Kopf im Kissen zur Seite und öffnete die Lider. Über den Bettrand blickte er wach und gespannt den Soldaten an, saugte jedes Wort in sich auf.

»›Diesen Augenblick banger Unschlüssigkeit entschied ein Mann, vom Lande Unterwalden, Arnold von Winkelried, Ritter. Er sprach zu seinen Kriegsgesellen: »Ich will euch eine Gasse machen«, sprang plötzlich aus den Reihen, rief mit lauter Stimme: »Sorget für mein Weib und meine Kinder. Treue, liebe Eidgenossen, gedenket meines Geschlechts!«, war an dem Feind, umschlang mit seinen Armen einige Spieße, begrub dieselben in seiner Brust, und wie er denn ein sehr großer und starker Mann war, drückte er im Fall sie mit seinem Leichnam hin.‹« Dem Vorleser stockte die Stimme, er schluckte. »Das ist wirklich Mut«, murmelte er.

»Weiter«, bat ihn sein Kamerad ergriffen.

Carl hatte beide Fäuste geballt. Ja, meine Herren, ich zeige euch die Liebe zum Vaterland.

Als die Schweizer über den Leichnam des Tapferen hinwegsprangen, die Bresche nutzten und geballt in die Flanken der Österreicher brachen, den Tod austeilten, da rollten den Wächtern helle Tränen über die Wangen.

Sie feiern mit mir meinen Sieg, triumphierte Carl. Wasch die Erde, dein deutsches Land, mit deinem Blute rein. Hört ihr’s? An mir selbst habe ich heute das Lied erfüllt.

Im Quadrat F1, im Rathaus an der südwestlichen Ecke des Speisemarktes, brannte im Sitzungssaal noch Licht.

Stadtdirektor Philipp Anton von Jagemann hörte gemeinsam mit dem Untersuchungsrichter den Obduktionsbefund des Ermordeten.

Noch einmal faßte der Chirurg Doktor Beyerle seine Ausführungen zusammen: »Kotzebue hat also drei Wunden erhalten. Einen Stich ins Gesicht, der so heftig war, daß der Dolch im knöchernen Teil des Oberkiefers fest steckenblieb und beim Herausreißen weitere Schnittwunden verursachte. Zwei Stöße in die Brust, davon führte nur einer den Tod herbei. Dieser Stoß wurde mit großer Gewalt geführt. Die Klinge durchdrang Rock, Weste, zwei Hemden und eine wollne Unterjacke, durchschnitt die Rippe, drang tief in die Brusthöhle ein und traf das Herz.«

Der Stadtdirektor stützte beide Hände schwer auf die Tischplatte. »So stirbt ein großer Mann. Was für eine Zeit. Welche Schande für unser Mannheim.«

»Noch am Abend wurde der Leichnam im Theater aufgebahrt«, ergänzte Doktor Beyerle.

Kurz ließ sich der Stadtdirektor vom Untersuchungsrichter über das erste Verhör berichten.

»Was ist mit diesem schriftlichen Bekenntnis, das der Mörder bei sich führte?« Er zeigte auf das engbeschriebene Plakat.

Erschöpft rieb der beleibte Mann die Augen. »Morgen werde ich es studieren.«

»Noch heute nacht, wenn es beliebt«, forderte Herr von Jagemann und duldete keinen Widerspruch.

Im Quadrat Q6, im Zuchthausblock den Häusern von P7 gegenüber, in der beengten Speicherwohnung des Oberzuchtmeisters hoch unter dem Dach der Kirche, war es still.

Vater und Mutter schliefen längst.

Nur mit dem Hemd bekleidet stand Friederike am Fenster der schmalen Schlafkammer und blickte zum unruhigen nächtlichen Himmel. Ihre Gedanken malten das blasse lockenumrandete Gesicht in die schweren Wolken, sie ließ das Bild weiterziehen und malte es neu. Die einen erzählen, daß er tot ist, die andern, daß er noch lebt. Beschützend legte sie die Hände über ihre Brüste. »Wüßt’ ich’s doch.«

Im Quadrat B2, in der Schusterwerkstatt dem vornehmen Eckhaus gegenüber, hatten oben im Dachgeschoß die Gesellen ihre Zimmer.

Sebastian lag mit weiten Augen auf seiner Matratze. Stück für Stück ließ er das weiche Leder des Knieriemens durch die Hände wandern. »Vielleicht kommt sie einfach vorbei?« »Vielleicht kommt sie morgen schon?« »Vielleicht …?« Sobald seine Finger die Erhebung der zusammengenähten Enden berührten, flüsterte er ihren Namen. »Schuhe werd’ ich für sie machen, schöne, mit Muster im Leder.« »Warten werd’ ich.« »Wenn sie nicht herkommt, dann wart’ ich eben beim Zuchthaus.« Seine Finger hielten an. »Friederike.«

Beim ersten Tageslicht des 24. März wurden die Fenster des Krankensaals aufgestoßen. Kühle Luft strömte herein und entlastete den schweren Geruch der Nacht. Unter Geschwätz und Lachen trugen die Wärterinnen das Bettgeschirr zur weitgeöffneten Flügeltür. Sie scherzten mit dem Knecht, während er die irdenen Töpfe und Pfannen in ein Holzfaß entleerte und hernach die Gefäße mit Schaber und Wasser reinigte. Der Alltag im Hospital hatte begonnen.

Draußen vor der Saaltür blickte der Stadtphysikus den Herren entgegen, die mit großen Schritten durch den langen Flur eilten. Übernächtigte Gesichter. Voran der Untersuchungsrichter, gefolgt vom Stadtdirektor in Begleitung des evangelischen Hofpredigers und des Doktor Beyerle, erst in gebührendem Abstand die beiden Gerichtsschreiber. Als der Stadtphysikus den Kollegen erkannte, hob er die Brauen.

Knapp begrüßte er die Männer, seine Hände im Rücken, die Daumen über den Schößen des Gehrocks verhakt.

Der Untersuchungsrichter konnte die Anspannung kaum verbergen. »Lebt der Gefangene?«

»Der Patient hat die Nacht überstanden.« Nach einer Pause fügte er mit Genugtuung hinzu: »Dank unserer Pflege hat er die Stimme wiedererlangt.«

»Er spricht?« Überrascht starrte der beleibte Richter zum Krankensaal. »Gut. Sehr gut.«

»Ich fürchte nur«, zweifelte der Stadtphysikus und blickte in die Runde, vermied aber, den Kollegen anzusehen, »zu viele Personen am Krankenbett werden den Patienten gefährden. Ein Wundfieber wäre …«

Mit einer Handbewegung schnitt ihm der Stadtdirektor das Wort ab. »Das ist auch nicht geplant.« Bis an höherer Stelle endgültig entschieden, leite er selbst den Fortgang der Untersuchung. Die Befragung werde allein und ausschließlich durch den umsichtigen Oberhofgerichtsrat fortgesetzt. Selbstverständlich müsse jede Überforderung des Gefangenen vermieden werden. »Dennoch bleibt der Ruf unserer Stadt das oberste Gebot. Zum jetzigen Zeitpunkt kann niemand das Ausmaß der Tat ermessen. Bis wir selbst Klarheit haben, gilt absolute Geheimhaltung. Nur wenige Eingeweihte. Am Krankenbett dieselben Ärzte, dieselben Wächter im Wechsel bei Tag und Nacht.« Herr von Jagemann nickte seinen Begleitern zu. »Sie gehören hiermit zum engsten Kreis, meine Herren. Denken Sie daran: Der Druck der öffentlichen Meinung belastet jede Arbeit und kann gefährlich werden, gefährlich wie eine Hydra.« An den Stadtphysikus gerichtet, fuhr er fort. »Wir drei möchten heute nur einen ersten Blick auf diesen Carl Ludwig Sand werfen. Unser ehrenwerter Hofprediger soll in Zukunft für das Seelenheil des Verbrechers sorgen, soweit es möglich ist. Und Doktor Beyerle, ihn kennen wir alle als angesehenen Mediziner unserer Stadt, er …«

»Zweifelt Ihr an meinen Fähigkeiten?« schnappte der hagere Mann, mühsam beherrscht.

»Nein, natürlich nicht. Aber Ihr Kollege hat sich auf mein Bitten und vor allem auf Drängen der hochgeschätzten Familie Bassermann bereit erklärt, hin und wieder nach dem jungen Mörder zu sehen. Sein erfahrener Rat kann nur von Nutzen sein.« Die Stimme wurde hart: »Sand muß leben, bis wir die Tat aufgeklärt haben.«

Der Stadtphysikus fügte sich, doch im Rücken über den Rockschößen öffnete und schloß er die Fäuste.

»Wir sind uns also einig.« Ohne Zögern wandte sich Philipp von Jagemann zur Flügeltür. Gelassen streckte ihm der Knecht eine Bettpfanne hin. Vor dem gedunsen aufquellenden Gestank wich der Stadtdirektor angeekelt zurück.

»Herr, wir sind noch nicht fertig«, brummte der Mann. »Erst muß es da drinnen sauber sein, Herr.«

In kurzen Schritten gingen die Männer an der langen Reihe der Flurfenster auf und ab. Nur die Gerichtsschreiber harrten gleichmütig vor der Saaltür aus.

»Zum Selbstbekenntnis, zu diesem Schreiben des Mörders.« Mit dem Zeigefinger zerrte und lockerte Herr von Jagemann den engen hohen Hemdkragen.

»Nach dem ersten Lesen bin ich unsicher geworden«, bekannte der Oberhofgerichtsrat. Als er den überraschten Blick seiner Begleiter sah, griff er in die Rocktasche, entfaltete umständlich ein frisches Schnupftuch und steckte es so in die andere Tasche zurück. »Aus den Zeilen spricht kein heimtückischer Meuchelmörder. Viele Abschnitte, allein gelesen, zeigen Moral und Sittlichkeit, vor allem aber eine tiefe, ja fast pathetische Liebe zum Vaterland. Doch zusammengenommen wirkt das Schreiben …« Der beleibte Mann brach ab und blies die Unterlippe. »Gut, erst das Verhör wird mich weiterbringen. Jetzt kann ich nur sagen, daß eher ein verirrter Geist und keine blindwütige Bestie … ja, ein verirrter Geist steht hinter diesen Zeilen.«

Der Stadtdirektor war abrupt stehengeblieben. »Jedes Verständnis kompliziert die Untersuchung. Es scheint mir falsch und gefährlich. Ich wünsche mir rasche Klarheit.«

Ohne den Vorwurf zu beachten, nickte der Untersuchungsrichter. »Punkt für Punkt werde ich ihn verhören.« Er ließ sich von einem der Schreiber den Foliobogen reichen, überflog die Zeilen, bis er den Abschnitt gefunden hatte. »Nur hier gibt er klare Auskunft. Nachdem Carl Ludwig Sand den Verfall der Tugend beklagt und seinen Haß auf die Feigheit und Trägheit der Gesinnung in unserm deutschen Volk aufgezeigt hat, schreibt er weiter: ›Ein Zeichen muß ich euch deshalb geben, muß mich erklären gegen diese Schlaffheit; weiß nichts Edleres zu tun, als den Erzknecht und das Schutzbild dieser faulen Zeit – Dich Verderber und Verräter meines Volkes – August von Kotzebue – niederzustoßen.‹«

»Diesen Haß begreife ich nicht.« Doktor Beyerle blickte den Hofprediger an. »Mag Kotzebues politische Haltung umstritten gewesen sein. Wir haben oft mit ihm zusammengesessen. Er war so voller Witz und Lebensfreude. Ich gebe zu, ein Mensch mit Eitelkeiten, ein Künstler eben.«

»Und doch ein so liebenswerter Vater, und welch ein Ehemann«, unterstrich der Pfarrer. »Dieser Sand hat vierzehn Kinder vaterlos gemacht! Eine furchtbare Tat.«

Die Wärterinnen verließen den Krankensaal, verschwitzt und erschöpft. Nach ihnen, das Kotfaß an Riemen geschultert, in beiden Händen Kübel mit bräunlicher Brühe, schlurfte der Knecht an den Herrschaften vorbei. »Sauber ist es jetzt.« Schwankend zog er den Gestank mit sich fort.

»Folgen Sie mir.« Der Stadtphysikus wies zur Flügeltür.

Auch jetzt waren die Bettvorhänge nur zu einer Seite geöffnet. Das dämmrige Tageslicht genügte nicht; die Öllampen brannten rechts und links an den Pfosten.

Mit einem Fingerschnippen befahl der Stadtdirektor den Wachen zurückzutreten.

Schweigend standen die Männer im Halbrund und betrachteten den jungen Mann. Er hatte die Augen geschlossen, das Gesicht bleich, die schwarzen Locken lagen ausgebreitet auf dem Kissen.

Früh im Morgennebel war Carl zum Schneeberg hinaufgestiegen. Als sich der Dunst hebt, erstrahlt die Sonne über dem Fichtelgebirge. Tief unten im weiten Tal glänzen die taunassen Dächer, der Kirchturm von Wunsiedel. »Mein Wonnsiedel!« Carl wirbelt den Stock hoch in die Luft. Eine fremde Wolke! Sie fällt rasch, dann schwärzt sie das Bild. Sosehr sich Carl bemüht, er kann es nicht zurückholen.

Enttäuscht öffnete er die Lider. Sofort erwachte der Schmerz in seiner Brust, wurde heftiger mit jedem Atemzug. Als er das breite Gesicht, die vorgewölbten Augen des Untersuchungsrichters erkannte, war er wieder im Saal des Hospitals.

»Verzeiht, daß ich Ihnen …«, nur gehauchte Worte, »… daß ich Mühe mache.« Für jedes Wort benötigte er neuen Atem.

Verblüfft schüttelte der Stadtdirektor den Kopf. »Mühe?« Er blickte den Oberhofgerichtsrat an, blickte in die Gesichter der beiden Ärzte und des Pfarrers und starrte auf den Verwundeten. »Sie haben einen sinnlosen Mord begangen.«

»Nicht sinnlos«, ermahnte Carl langsam, hustete und lächelte. Es ist kein Krieg, von dem die Kronen wissen. / Es ist ein Kreuzzug. »›’s ist ein heiliger Krieg‹«, zitierte er leise und rang nach Luft. »Kotzebue war das Übel. Ich habe das Vaterland aus seiner Not befreit.«

Ehe der Stadtdirektor aufbrausen konnte, trat Doktor Beyerle vor und strich die Hand über die Stirn des Kranken, kurz prüfte er den Sitz des Verbandes. »Bringt noch ein Kissen.« Ohne den Kollegen anzublicken, ermahnte er: »Diese Brustverletzung verlangt eine erhöhte Lage des Oberkörpers.« Mit ruhiger Stimme versprach er Carl, von nun an täglich nach ihm zu sehen.

Auch der Hofprediger trat ans Bett. »Wir haben Seiten aus dem Evangelium des Johannes in Ihrem Gepäck gefunden. Ich werde demnächst ein Neues Testament bringen. Vielleicht können wir gemeinsam darin lesen.«

»Danke.« Carl berührte die Hand des Arztes. Wie freundlich die Herren sind.

Philipp von Jagemann nahm den Gerichtsrat und den Stadtphysikus beiseite. »Ich warne! Dieser Mörder will sich auf die Politik hinausreden. Uns dürfen keine Fehler im Verfahren unterlaufen.« Er streckte den Zeigefinger zum Bett. »Vor jedem Verhör muß die geistige Zurechnungsfähigkeit des Verbrechers festgestellt werden.«

Er gab das Zeichen zum Aufbruch. Nur die Wachen, der Oberhofgerichtsrat und seine Urkundenbeamten blieben zurück.

Erleichtert ließ sich der beleibte Richter auf einem der Hocker nieder, öffnete die unteren Knöpfe der Weste und winkte die Schreiber auf ihre Plätze unter den Öllampen. »Sand, ich freue mich, daß Sie sprechen können.« Er schmunzelte. »Ihre Schrift konnte ich gestern kaum entziffern.«

Nur ein Lächeln. Das Ausatmen fiel ihm schwer, Carl hustete.

»Ich werde meine Fragen so stellen, daß Sie möglichst wenig sprechen müssen.«

Gott hat mich geführt, er gab mir Kraft für die Tat. Verkünden muß ich sie und nicht nur mit »Ja« oder »Nein« belegen. »Ich will«, sein Atem rasselte, ging flach und schnell, »ich will diktieren. Jedes Wort.«

Nachdenklich rieb der Gerichtsrat die Unterlippe zwischen Zeigefinger und Daumen, kurz blickte er seine Beamten an und nickte langsam. »Gut. Sehr gut.«

Er befeuchtete die Unterlippe. »Beginnen wir mit meiner letzten Frage, die gestern unbeantwortet blieb. Wo haben Sie die Bekanntschaft des Staatsrates gemacht?«

»In seinem Haus. Gestern. Vorher niemals.«

»Niemals? Aber Junge, warum …«, sofort unterbrach sich der Richter und nahm die Stimme zurück. »Welche persönlichen Gründe haben Sie zum Mord getrieben?«

»Ich empfinde gar keine persönliche Abneigung gegen Kotzebue, gegen den Menschen.« Carl sammelte Kraft. »Er hat der Willkür und Machtgier unserer Fürsten das Wort geredet und das höchste Ideal mit Füßen getreten. Doch die deutschen Völker gehören zusammen!« Carl keuchte Speichel und Blut, hellroter Schaum rann ihm aus dem Mundwinkel. Er ballte die Fäuste. Durch, Brüder! Durch!

Heftig loderten die Wunden über seinem Herzen. Nicht, nicht schwach werden! »Kotzebue, das war der schändliche Erzfeind. Dieser Verräter hat das Streben der tapferen deutschen Jugend nach einem starken Vaterland verspottet. Ich wünsche nichts mehr als ein Reich und eine Kirche.« Die Lider wurden so schwer. Nicht, noch nicht genug! Carl kämpfte gegen die Schwäche, wild gab er Zeichen mit der Hand.

Der Untersuchungsrichter beugte das Gesicht dicht über die fahlen Lippen. Carl versuchte weiter zu formulieren, doch er vermochte die Gedanken nicht mehr festzuhalten. »Verstehen Sie. Meiner Tat liegt durchaus … keine andere Absicht zugrunde«, erst nach einer Weile gelang es ihm, den Satz zu beenden, »als ich in meiner Schrift … öffentlich gestehe.«

Der Gefangene schlief. Stunden hatte das Diktat gedauert. Noch Stunden harrte der beleibte Richter am Bett aus. Vergeblich.

Ehe am nächsten Morgen das Verhör fortgesetzt werden durfte, untersuchte der Stadtphysikus gemeinsam mit Doktor Beyerle den Gefangenen.

»Die Wundränder eitern stark. Leichtes Fieber hat eingesetzt«, erklärten sie dem Oberhofgerichtsrat, der voller Unruhe auf dem Flur wartete.

»Strengen Sie den Patienten nicht sosehr an«, bat Doktor Beyerle. »Wenn ich es nur könnte.« Der Richter straffte die Weste über dem Bauch. »Doch die Zeit drängt. Heute steht ein erster Bericht in den Mannheimer Tageblättern. Gerüchte über den Hergang, vage Aussagen über den Täter und seine Verwundung. Nun gut, bisher gibt es nur diese eine Reaktion unserer kleinen Zeitung.« Er blies die Unterlippe. »Doch die Kuriere sind längst unterwegs. Zu allen Höfen der Bundesstaaten! Bald weiß es Wien und dann Europa. Sand ist Student und kommt aus Jena, vergeßt das nicht. Aus dem kleinen Sachsen-Weimar! Gerade dort gärt, seit dem berüchtigten Wartburgfest, die Empörung, sogar offene Opposition, und wie man hört, gefährlicher als an den anderen Universitäten. Diese Allgemeine Burschenschaft!« Mit der flachen Hand wischte er den Schweiß von der Stirn. »Es war ein politischer Mord, das ahne ich. Und verübt ausgerechnet in unserm friedlichen Mannheim! Ganz sicher wird bald von höchster Stelle Auskunft und Rechenschaft verlangt. Und ich stehe immer noch am Anfang. Und wenn er nun stirbt?«

Doktor Beyerle legte dem beleibten Mann die Hand auf den Arm. »Der junge Mann will leben. Aus jedem seiner Worte spüre ich es heraus. Doch sein Körper benötigt Zeit, haben Sie Geduld.«

Die Daumen im Rücken verhakt, räusperte sich der Stadtphysikus. »Ich habe entschieden. Noch ist der Gefangene bei klarem Verstand. Dem Verhör steht nichts im Wege.«

Achselzuckend wandte sich Doktor Beyerle ab.

»Gab es eine Verschwörung gegen Kotzebues Leben?«

»Wer wußte von dem Mordplan?«

»Waren Sie nur das Werkzeug?«

Ich bin kein Handlanger! Mutter, du kannst stolz sein. Ich allen voraus, ich bin zuerst in den Kampf gegangen!

Brennend pulsten die Wunden. Mühsam öffnete Carl die rissigen Lippen. »Niemand hat von dem Plan gewußt. Ich habe das Geheimnis völlig für mich, allein in meiner Brust getragen.«

Am Morgen des 27. März zögerte der Stadtphysikus, bevor er dem Untersuchungsrichter den Zutritt in den Krankensaal erlaubte. Ernst führte er ihn zum ersten Bett in der mittleren Reihe. »Wir mußten den Mörder fesseln, damit er sich nicht selbst gefährdet.«

Beide Handgelenke steckten in Lederschlaufen, die Riemen waren an den Pfosten des Kopfendes befestigt. Mit rotfleckigem Gesicht, aus geweiteten Augen starrte der Gefangene den Gerichtsrat an und erkannte ihn nicht.

»Wundfieber. Über Nacht befiel ihn die schwere Hitze. Wir bemühen uns.« Der Stadtphysikus verhakte die Daumen im Rücken. »Sie müssen das Verhör unterbrechen.«

»Gut, selbstverständlich. Aber es wird nicht schaden …«, er unterbrach sich. »Lassen Sie mich eine Weile bei ihm bleiben.«

Leicht erstaunt gab der hagere Mann seine Zustimmung.

Der Untersuchungsrichter saß am Bettrand, sah voller Mitleid, wie der Kopf hin und her schlug, der Körper in den Hitzewellen geschüttelt wurde. Unbeobachtet wischte er mit seinem Schnupftuch dem jungen Mann Speichel und Blutschaum vom Kinn. Das Gesicht durchlitt Tag und Nacht, die Stirn gekraust, geglättet, ruhelos rollten die Augäpfel. Mit einem Mal stand der Blick, wurde ängstlich. Aus dem fiebertrockenen Mund leises Wimmern, dann flehend: »Mutter!«

Carl war aufgewacht. »Mutter! Wo bist du?« Die kleinen Händchen sind an den Stäben des Kinderbetts festgebunden. Es ist dunkel. »Mutter!« ruft er lauter.

Im Türspalt erscheint Licht. Rasch betritt Wilhelmine Sand das Krankenzimmer und stellt die Lampe neben das Bettchen. »Mein Liebling.«

»Es tut so weh.«

»Ich weiß, mein Junge.« Bevor sie die Fesseln löst, ermahnt sie. »Aber du mußt tapfer sein.«

»Wie ein deutscher Kerl!« Carl nickt. Der Siebenjährige weiß, daß er sich nicht kratzen darf.