Sagen und Legenden aus dem Bergischen Land - Tilman Röhrig - E-Book

Sagen und Legenden aus dem Bergischen Land E-Book

Tilman Röhrig

0,0
7,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.
Mehr erfahren.
Beschreibung

Sagen und Legenden aus dem Bergischen Land Tilman Röhrig hat sie aufgespürt, die sagenhaften Gestalten und tapferen Menschen des bergischen Landes. Da Feen und Teufel, Zwerge und Wiedergänger, dort Ritter, Mönche, Mägde und Handwerker. Nach intensivem Quellenstudium erzählt Röhrig mit all seiner literarischen Fertigkeit die spannendsten Sagen und Legenden nach und lässt den Leser staunen ob des Ideenreichtums, den diese schöne Region zeitigt. Welche unheimlichen, absurde oder märchenhafte Ereignisse spielten sich in früheren Zeiten im Bergischen ab – in Altenberg, Düsseldorf, Ratingen, Elberfeld oder Schlehbusch, auf Schloss Burg und im Neandertal, in Refrath, Remscheid, Solingen, Bensberg, Deutz, Leverkusen und in vielen anderen Orten? 17 Sagen und Legenden erwecken die vergessenen Schätze der bergischen Welt wieder zum Leben und entführen uns auf fantasievolle Weise in vergangene Jahrhunderte.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 212

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Sagen und Legenden aus dem Bergischen Land

Tilman Röhrig

Inhalt

Rosen für das Bergische Land

Dort im Verborgenen wächst die Knospe unserer neuen Heimat

Sagt ihm auch, dass die Bruderliebe ein starkes Band ist

Lass mich nicht allein zurück

Die Daumenklemmer von Ratingen

Weil ihr mich vertrieben habt, so soll euch dieser Name ewig anhaften!

Kunigunde von Nesselrath

Der Krieg ist kein Spiel. Ganz gleich, wo er geführt wird. Er bedeutet immer Verlust

Das Zwergjunkerlein von Kohlfurth

Ich lass mich nicht lumpen. Ich mach ihn zum schönsten Zwerg im Wuppertal

Das Gottesurteil von Burg

Zum Teufel mit euren Gesetzen! Sie sind schlecht!

Der Schneider von Wald und das teuflische Geschäft

Besser wird’s. Mir fällt schon was ein

Der Kipphäuser von Refrath

Glaubt mir doch! Er kann euch nichts mehr anhaben. Ein Wiedergänger ist ein Verdammter ohne Macht!

Die Erbschleicher von Elberfeld

Ihr werdet’s sehen. Wenn er mal tot ist, sind wir reich!

Der Teufelsbanner im Neandertal

Ich hatte den Satan gut gepackt, doch er wehrte sich mit Klauen und Zähnen

Die Junkersteuer zu Düsseldorf

Wovon sollen denn die ständig wachsenden Gehälter der Beamten bezahlt werden?

Die Schatzgräber von Schlehbusch

Ich bin nicht feig. Aber mit der Hölle kämpf ich nicht

Der Spielkäffer vom Bergischen Land

Fort mit allen Tieren, die keine Knochen haben

Nachwort

Literaturverzeichnis

Rosen für das Bergische Land

Dort im Verborgenen wächst die Knospe unserer neuen Heimat

»Der junge König und ich geben dir, Adolf, diese Unsere Gebiete rechts des Rheins zum Lehen.«

Kraft und Treue hatte er bewiesen. Unerschütterlich hatte er dem mächtigen Kölner Erzbischof Anno zur Seite gestanden, bis Pfalzgraf Heinrich der Wütende 1060 geschlagen und dem furchtbaren Plündern, Morden und Brennen ein Ende gesetzt worden war. Verbrieft und gesiegelt erhielt der tapfere Ritter den wohlverdienten Lohn. Es waren keine reichen Lehen, kaum gerodete, keine großen, noch nicht einmal zusammengehörende Königsgüter.

Die Getreuen des bärtigen Grafen ließen die Schultern hängen, wagten sogar, hinter vorgehaltener Hand zu murren.

Von Deutz aus wies Adolf zu den nahen WäIdern und Anhöhen hinüber. »Verzagt nicht, Männer! Dort im Verborgenen wächst die Knospe unserer neuen Heimat. Sie wird aufblühen, mächtig und unübersehbar. Das schwöre ich, bei meiner Ehre.«

Verblüfft hielten die Gefolgsleute den Atem an, noch nie hatten sie solch lange und blumige Rede aus dem Mund ihres Herrn vernommen. Für ihn gab es kein Hü und Hott, kein Vielleicht und Beinah, vor allem kein unnützes Geschwätz um eine Sache, wie man es in Köln an jeder Straßenecke hören konnte. Er war ein Mann der Tat, aufrecht, streng, und die Ritterehre bedeutete ihm mehr als sein Leben.

Ohne Widerspruch folgten die Mannen dem Grafen in die Wildnis. Entlang des Ufers der Dhünn schlugen sie sich den Weg durch das Dickicht. Adolf hob den Blick und entdeckte eine schroffe Felshöhe. Kühn ragte sie über dem Tal. Hoch im Blau des Himmels zog der Adler seine Kreise. Nur ein steiler, steiniger Weg führte hinauf zum Bergsporn. Der Graf ballte die Faust. »Das ist mein Platz.« Er war leicht zu verteidigen und hoch genug, um das Gebiet weit zu übersehen. »Dort oben soll meine Burg stehen.«

Wie es seiner Art entsprach, gab er der kleinen Feste schlicht den Namen Burg Berg und nannte sich selbst von nun an Adolf, Graf von Berg.

Auch nach dem Tod Annos blieb er ein zuverlässiger Verbündeter des Kölner Erzstuhls und diente in beharrlicher Treue seinem König Heinrich.

War alles wohlgeordnet?

Erst spät kam Adolf der Gedanke, dass ein Graf für Nachkommen zu sorgen hätte. Sein Bart war längst grau geworden, als er im letzten Jahrzehnt des 11. Jahrhunderts die junge Adelheid, eine Großnichte der Königin, zur Frau nahm. Stolz erfüllte Adolf, denn mit seiner Braut gelangte er zu ausgedehntem Landbesitz im Wupperbogen. Welch ein Heiratsgut. Welch eine Hochzeit!

Adelheid war schön, und ihr Lächeln gewann die Herzen der Berger. Bald kündeten Fanfaren die Geburt eines Sohnes. Stark wie ein Eber sollte der Knabe werden und wurde Eberhard getauft. Zufrieden nickte der Graf.

Im Herbst brachte ein Bote den Befehl des Königs. »Sobald das Frühjahr anbricht, zieht ein Heer nach Böhmen. Wir, Heinrich, erwarten, dass Unser Freund, Graf Adolf, mit seinen Kämpfern Uns in diesem Krieg zur Seite steht.«

Keine Fragen, kein Wenn und Aber, der Herr von Berg rüstete während der kalten Monate und bestimmte für die Zeit der Abwesenheit einen seiner Gefolgsleute zum Vogt über Burg und Besitz.

Endlich lockerte der Winter die frostige Faust. Als der Schnee schmolz, das Eis brach und unten im Tal das Wasser der Dhünn über die Ufer trat, schnaubten die Pferde am Tor. Das Schwert gegürtet, auf Schild und Lanzenspitze blinkte die Morgensonne, der kleine Trupp war bereit zum Aufbruch.

Oben im Saal beugte sich Graf Adolf zum letzten Mal über die Wiege, dann drückte er kurz den Arm seiner jungen Frau und ging zur Tür. Sein Schritt dröhnte auf den Holzbohlen.

Adelheid legte die rechte Hand über den Leib und rief ihm nach: »Warte. Ich muss dir sagen …«

Ohne sich umzuwenden, schüttelte der Graf den Kopf. »Nicht jetzt. Später, wenn ich aus dem Krieg zurückkomme.«

»Wann wird das sein?« fragte sie angstvoll.

»Später.« Die Tür fiel ins Schloss.

Vom Fenster aus blickte die Alleingelassene dem Trupp nach, wie er den steilen Weg hinuntertrabte, vornweg, an der Spitze glänzte der Helm des Grafen. Mit beiden Händen schützte sie den Leib, und Tränen rannen ihr über die Wangen.

Im Sommer schenkte Adelheid zwei kräftigen Knaben das Leben, und bald schon verwandelte sich der Rittersaal in eine große Kinderstube. Liebevoll umhegte sie mit Hilfe der Amme ihre Söhne. Zwischen beiden Wiegen lag Eberhard still auf einer Decke, nur manchmal versuchte er, nach dem kleinen Holzball zu greifen, den die Mutter vor ihm hin- und herrollte. »Du bist nicht so stark wie deine Brüder.« Zärtlich hob sie das Kind auf. »Um so mehr liebe ich dich.«

Monate. Ein Jahr ging ins Land. Noch immer war Adolf nicht zurückgekehrt. Erst verstohlen, dann offen verfolgte sein Stellvertreter mit unzüchtigen Blicken die schlanke Gräfin, stellte ihr nach, und schließlich bedrängte er sie. »Ich bin jung.« Und: »Sicher ist dein Mann längst gefallen.« Und: »Zier dich nicht!«

Entrüstet stieß ihn Adelheid zurück. Der Vogt gab nicht auf. In hellem Zorn drohte sie ihm, bei der Rückkunft des Herrn alles von seiner Schamlosigkeit zu offenbaren. Fluchend stürmte der Abgewiesene hinaus.

Am nächsten Morgen war der Burgvogt verschwunden. Er sei nach Böhmen aufgebrochen, berichteten die Stallknechte.

Kaum war ein Monat vergangen, da kündeten Hornrufe unten im Tal der Dhünn die Rückkehr des Grafen an.

Mit schwerem Schritt betrat Adolf den Saal. Seine Gemahlin lachte ihm entgegen. Grob stieß er sie zur Seite und starrte auf die drei Kinder hinunter. Unbekümmert spielten sie miteinander. »Mein Eberhard. Und zwei Bastarde«, knurrte der Graf.

Adelheid schüttelte den Kopf. »Es sind deine Söhne, alle drei. Vor deiner Abreise wollte ich …«

»Du konntest nicht warten.« Damit fasste die Hand nach dem Schwert. »Mein treuer Burgvogt hatte recht.« Schon riss er die Klinge aus der Scheide.

»Er lügt. Bei der Heiligen Mutter Gottes, er lügt.«

»Du hast meine Ehre besudelt.« Er stach ihr den Stahl tief ins Herz.

Adelheid sank zu Boden. Verzweifelt warf sich die Amme über ihre leblose Herrin.

»Schafft mir diese Bastarde aus den Augen.« Mit aschfahlem Gesicht bestimmte Adolf, dass man sofort beide Kinder unten an der Dhünn, irgendwo im Dickicht des Waldes aussetzen sollte. So sehr die Amme um das Leben der Hilflosen flehte, kein Wenn und Aber, der grausame Befehl war ausgesprochen, und ein Knecht entriss ihr die verstoßenen Kinder.

Seine Ritterehre war wiederhergestellt. Doch jedes Lachen erstarb auf Burg Berg. Mit leerem Blick saß Graf Adolf da. Sein Herz wurde ihm zur steinernen Last. Alle Kämpfe, das mühsam Erreichte, sein Lebenswerk, alles das schien mit einem Mal so wertlos geworden zu sein.

Nach Tagen hielt es den Knecht nicht länger. Er hatte die schutzlosen Kinder ausgesetzt. Wenn ihm die Amme begegnete, wich er zur Seite. Ihr stiller Blick klagte nicht an, ihre gefasste Ruhe ertrug er nicht. Schuld, Zweifel und Reue wühlten ihn auf, gaben ihm schließlich den Mut, sich über den Befehl seines Herrn hinwegzusetzen und trieben ihn aus der Burg.

Entschlossen eilte er den steinigen Weg vom Berg hinunter zur Dhünn. Er warf sich ins Dickicht, drängte weiter zur Stelle, an der er die Knaben ihrem sicheren Tod überlassen hatte. Schon näherte er sich dem kleinen Wiesenplatz. Eine warme, behütende Stimme! Hastig schob er Zweige und BIätter zur Seite. Der Knecht erstarrte.

Vor ihm, auf der vom Sonnenlicht durchfluteten Lichtung, war eine Hecke wilder Rosen gewuchert. Im dornigen Geviert der blühenden Pracht beugte sich eine weißgekleidete Frau über die Kinder. Zärtlich hob sie einen der Jungen auf, streckte ihn hoch über ihren Kopf, bis er hell jubelte vor Glück. Lachend küsste sie das Kind, setzte es ab und ließ den Bruder hoch in der Luft schweben.

»Ein Wunder«, stammelte der Knecht, wandte sich um und stürmte zurück. »Ein Wunder!« Er riss die Saaltür auf und stürzte vor seinem Herrn nieder. »Ein Wunder ist geschehen!«

Atemlos berichtete er von der Dornenhecke, die schützend um die Kinder gewachsen war, vom Meer der Rosen, immer wieder von der Frau im weißen Gewand. »Herr, die Knaben leben. Die Heilige Jungfrau selbst beschützt sie.«

Die Starre fiel Adolf von den Schultern, das Herz des alten Mannes wurde weit und leicht. »Bring meine Söhne zurück.«

Sofort befahl er den Burgvogt zu sich. Die Fragen waren kurz und hart.

Kläglich zerbrach das Lügengebilde, und zitternd flehte der Vogt um Gnade.

Adolf furchte die Stirn. Zum ersten Mal überlegte er länger als gewöhnlich, auch ihn traf Schuld am Tod seiner Frau, schließlich entschied er: »Kein Blut für Blut. Aus meinen Augen. Hinweg mit dir aus meinem Bergischen Land!« Ohne Pferd und Waffen ließ er den Schändlichen davonjagen.

Von der Amme wurden die geretteten Söhne festlich gekleidet. Adolf und Bruno. Der kaum ältere Bruder Eberhard durfte ihnen Rosenblätter ins Taufwasser streuen. Graf Adolf hielt eine der weißen Blüten hoch. »Die wilde Rose soll von heut an das Wappenzeichen der Herren von Berg sein.« Er blickte hinunter ins Tal der Dhünn. »Dort, wo die Dornenhecke steht, werde ich zum Dank und zur Ehre der Muttergottes eine Kapelle errichten.«

Nach der Taufe seiner Söhne wurde die Feier auf Burg Berg zu einem rauschenden Gelage.

Bruno war ausersehen, der Kirche zu dienen, zwischen Adolf und Eberhard sollte einmal die Herrschaft über seinen Besitz geteilt werden, für den einen die Grafschaft Berg, für den anderen die Gebiete der Mark.

Mit Sorgfalt ließ der Graf die jungen Männer ausbilden, und als er im hohen Alter auf dem Sterbebett lag, standen drei stattliche Söhne vor dem Vater. Bruno genoss den Schutz und die Gunst des Kölner Erzbischofs. Die beiden älteren Brüder wollten das Land nicht teilen, sie waren entschlossen, Grafenwürde und Last des Amtes in Frieden und gemeinsam zu tragen.

Stolz blickte der Sterbende auf sein Lebenswerk zurück, das nur getrübt war durch den so frühen und furchtbaren Tod seiner Frau. »Unser Land ist wie ein wilder dorniger Rosenstock«, murmelte er und hob die Hand. »Pflegt ihn. Sorgt, dass die bergische Rose weiterblüht.« Damit starb der erste Graf von Berg.

Sagt ihm auch, dass die Bruderliebe ein starkes Band ist

Der junge Adolf sprühte vor Kraft, seine Begeisterung riss alle Freunde mit, seine Kühnheit wurde von den Feinden gefürchtet. Eberhard ersetzte körperliche Schwäche durch Besonnenheit und Weitsicht. In tiefer Zuneigung vereinten die Brüder ihre Gegensätze zu einem machtvollen Zweiklang, und mit jedem Jahr wuchs das Ansehen der Grafen von Berg.

Lange schon war der kleine Stammsitz für beide Herren zu eng. Nicht weit entfernt fand Adolf über dem Wupperufer eine steile Berghöhe. Mit Einverständnis des Bruders ließ er dort oben seine großzügige Burg errichten, die Anlage dehnte sich bis zum Rand der jäh abfallenden Felswände.

Wie ihr Vater waren die Grafen sparsam in der Namensgebung, und so nannten sie ihre Feste an der Dhünn die Alteburg und den Sitz über der Wupper die Neueburg. Oft bei Sonnenaufgang stieg jeder der Brüder auf seine höchste Zinne und setzte das Jagdhorn an. Hell schwang sich der Morgengruß über Wipfel und Höhen von Burg zu Burg. So konnte ein guter Tag für das Bergische Land beginnen.

Dann, im Jahre 1127, bat der Jugendfreund Walram von Limburg die Grafen von Berg und Mark um Beistand. Auf friedlichem Weg war seine Erbstreitigkeit mit dem Brabanter Herzog nicht beizulegen. Treue und Zuverlässigkeit gehörten zur Tugend der Berger, also rüsteten sie, vereinten sich mit den Truppen des Limburgers jenseits der Maas und gingen in der Gegend des Klosters Morimund ins Treffen.

Pferdeleiber prallten gegeneinander. Blut, Schild gegen Schild, zerfetzte Kettenhemden, Schreie, Krieger wäIzten sich im Todeskampf, Hufe zerstampften die Sterbenden. Da blitzte eine Streitaxt, der Hieb traf Eberhard, durchschlug den Helm, von der Stirn bis tief ins Gesicht klaffte eine Wunde, und reglos stürzte der Ritter vom Pferd. Toben, Hauen und Stechen gingen über ihn hinweg. Bis zum Abend dauerte das Schlachten. In der Dämmerung schwieg das Kampfgetöse, der Brabanter war besiegt, und die Erde dampfte vom Blut der mehr als 800 Gefallenen.

Triumph! Doch kein Jubel bei den Bergern und Märkischen. »Wo ist mein Bruder?« fragte Graf Adolf, schrie: »Eberhard!«, befahl: »Sucht meinen Bruder!«

Sie schwärmten aus, stiegen über die Kadaver der Pferde, wälzten die zerhauenen Krieger auf den Rücken. Doch im Tod glich einer dem anderen. Und immer wieder: »Eberhard!« Allein vom Schlachtfeld kam keine Antwort. Nicht wie ein Sieger, barhäuptig verließ Graf Adolf die Stätte des Elends und gab den Befehl, in die Heimat zurückzureiten.

Fahles Mondlicht lag über dem Feld. Eberhard erwachte aus der Bewusstlosigkeit. Auf ihm lastete das Gewicht zweier Toter. Mit letzter Kraft befreite er sich von den reglosen Leibern. Er roch das vergossene Blut, und Ekel würgte ihn. »Dieses sinnlose Morden …« Der Graf rang nach Atem und leistete den Schwur: »Nie mehr werde ich das Schwert ergreifen.«

Nach Stunden erst gelang es ihm aufzustehen. Taumelnd irrte er durch die Nacht. Am Ufer eines Bachs stürzte er, und besinnungslos blieb der Schwerverletzte liegen.

Als er die Augen aufschlug, blickte er in das Gesicht eines Mönches. »Du wirst gesund.« Der fromme Mann Iächelte.« Wir Zisterzienser roden nicht nur und bestellen das Land, wir verstehen uns auch darauf, Wunden zu heilen, ganz gleich, wie tief sie sind.« Er tränkte ein Tuch mit Kräutersäften und legte es dem Kranken auf die Stirn. »Wer bist du? Sag mir deinen Namen.«

»Eberhard«, flüsterte der Graf von Berg und Mark, seinen Titel verschwieg er, dachte noch, wie weich das Lager ist und sank in sich zurück.

Zu Hause im Bergischen fand Adolf keine Ruhe. Niemand hatte Eberhard auf dem Schlachtfeld gefunden! Der Bruder gab den geliebten Bruder nicht verloren.

»Es war Gottes Wille«, versuchte seine Gemahlin zu trösten, »finde dich damit ab.«

Allein die Hoffnung blieb in Adolf wach. Unbeirrt ließ er nach Eberhard suchen und versprach hohe Belohnungen.

Drei Jahre waren zäh vergangen, als zwei bergische Ritter jenseits der Maas vom Weg abkamen, lange ritten sie querfeldein, suchten, doch sie fanden nicht zur Straße zurück. Am Waldrand trafen sie im niedrigen Gehölz auf einen Hirten, der die Säue hütete. Er war groß und schlank, eine zerschlissene, ausgebleichte Kutte hing ihm von den Schultern, die noch beinah weiße Kapuze hatte er tief in die Stirn gezogen. »Zu wem gehörst du, Bruder?«

Stumm wies der Hirte mit dem Stock über die Wiesen zum entfernten Klosterhof hinüber.

»Wie heißt das Kloster?«

»Morimund«, antwortete der Mönch, ohne den Kopf zu heben. Die Ritter sprangen vom Pferd. »Wird man uns dort ein Nachtlager geben?«

Nur ein Schulterzucken.

Einer der Herren bückte sich vor und sah dem Schweigsamen ins Gesicht. Sofort zuckte er zurück, winkte den Gefährten näher, auch der bückte sich und erschrak. »Wer bist du?« Dann wussten es beide. Sie beugten das Knie. »Graf Eberhard«, flüsterten sie ehrfürchtig.

Der hochgewachsene Mann blickte still auf die Knienden hinunter.

Sie berichteten von der Trauer, von der Verzweiflung, die Adolf von Berg seit der verhängnisvollen Schlacht ergriffen hatte.

Lange schwieg Eberhard. Endlich schob er die Kapuze aus der Stirn und zeigte die tiefe, blutrote Narbe. »Das alte Leben habe ich abgestreift. Auf meiner Pilgerfahrt nach Rom und zum Grab des heiligen Jakobus habe ich Demut gelernt und bin hierher zurückgekehrt. Niemand im Kloster kennt meine Herkunft. Im Verzicht ist mein Leben reich geworden.« Ein Lächeln glitt über das entstellte Gesicht. »Grüßt meinen Bruder, doch sagt ihm, dass ihr nicht den totgeglaubten Graf Eberhard von Berg und Mark gefunden habt. Grüßt ihn vom Sauhirt Eberhard, dem geringsten der frommen Männer des Klosters Morimund.« Seine Augen wurden nass. »Sagt ihm auch, dass die Bruderliebe ein festes Band ist.«

Die Nachricht vertrieb alle Wolken über dem Berger Land. Lachen begleitete den wilden Ritt des Grafen Adolf und seiner Männer bis zum Kloster Morimund. Stürmisch umarmte er den Bruder. »Nichts soll uns je wieder trennen. Komm mit in die Heimat, lass uns leben in unserm herrlichen Land!«

Ernst und voll Ruhe wehrte Eberhard ab. »Begreife doch. Jeder weltlichen Macht habe ich entsagt. Ich bin ein Zisterzienser geworden. Nie werde ich mein Gelübde brechen.«

Adolf überlegte nicht lange. »Ja, Bruder! So soll es bleiben. Ja, du sollst auch weiter in einem Kloster leben.« Er lachte und ballte die Faust. »Doch nur einen Hornruf von mir entfernt. Wir schenken dem Orden der Zisterzienser unsern Stammsitz. Oben über der Dhünn, auf der Alteburg, soll dein Kloster sein.«

Jetzt Iächelte Eberhard.

Und im Jahre 1133 kehrte er in Begleitung von zwölf Ordensbrüdern ins Bergische zurück. Eine Glocke läutete, während sein dritter Bruder, Erzbischof Bruno II. von Köln, das kleine Stift auf dem Felsen über der Dhünn weihte.

Schlicht war der Name: Kloster Altenberg. Bergisch sparsam nahm man später der Feste über der Wupper das Neue und nannte sie nur noch Burg.

»Benedictus montem, Bernardus vallem amabat!«

Ja, den Zisterziensern geziemte es nicht, hoch oben auf einem Berg zu wohnen. Schuldbewusst erinnerten sich die Brüder an diese Ordensvorschrift. Ohnehin arbeiteten sie lieber im Tal, rodeten und ackerten. Jeden Morgen von der Höhe hinabzusteigen, war den meisten der frommen Männer schon lange zu beschwerlich. Außerdem wuchs die Zahl der Mitbrüder von Jahr zu Jahr, und das holzgezimmerte Burghaus bot ihnen längst nicht mehr genug Raum.

»Wir ziehen ins Tal«, beschloss Abt Berno im Jahre 1145, und Bruder Eberhard pflichtete ihm bei. Am Baugeld solle es nicht fehlen, versprach Graf Adolf von Berg.

Doch wohin? Die Mönche setzten sich zusammen und berieten. Der eine schlug vor: »Weiter oberhalb im Tal.« Der andere: »Weiter unterhalb.« »Oder vielleicht weiter nach hinten im Tal.« »Oder besser doch ganz dicht hier vorn.«

Abt Berno war ein demütiger Mann. »Gott soll entscheiden!«

Was lag näher, als dem Tier, auf welchem der Herr in Jerusalem eingeritten war, die Wahl zu überlassen. So schmückten sie den Esel mit dem Rosenwappen des Klosters und banden ihm die Kiste mit allem Baugeld auf den Rücken. Sie schickten ihn allein den steilen Weg hinunter.

In ehrfürchtigem Abstand folgten die Frommen. Jeder trug die schönste weiße Kutte, knöchelfrei geschürzt vom schwarzen Gürtel. Es war ein heißer Tag. Das kluge Tier trottete bis zur Dhünn, noch ein Stück das Ufer aufwärts, dort, wo der Kaibach sich glucksend in den Fluss schlängelte, grünte im Schatten der Bäume eine saftige Wiese. Ein paradiesischer Fleck! Genüsslich legte sich der Esel ins Gras.

»An diesem Platz setzen wir den Grundstein!« frohlockten die Mönche.« Gott hat es so gefügt!«

Eberhard Iächelte. Ganz in der Nähe war damals die Wildrosenhecke als Schutz für seine Brüder gewachsen, dort stand die kleine Kapelle, die sein Vater zum Dank hatte errichten lassen.

Zisterzienser sind tüchtige Arbeiter, und rasch wuchsen die Mauern des Klosters Altenberg im Tal der Dhünn. Gestrüpp und Bäume wurden gefällt, dankbar sangen die Mönche, als die erste Ernte sicher in Scheuer und Vorratskammer eingebracht war.

Lass mich nicht allein zurück

Auf der Burg saß Graf Adolf am Lager seiner Gemahlin, hielt die Hand der Kranken, bis der Tod sie sanft hinwegführte. Müde stand der Herr von Berg und Mark am Fenster und blickte die Felswand hinunter ins Tal der Wupper. Bunt war das Laub, schon trieb der Wind erste BIätter vor sich her. Adolf fühlte den Herbst nahen. Er wollte nicht allein und in Einsamkeit hier oben warten, bis der Winter sein Leben erstarrte.

Bald legte er den Grafenmantel ab, übergab Macht und Pflicht dem Sohn und betrat als Mönch das Kloster Altenberg.

Die Brüder waren wieder vereint, und gemeinsam durften die weißhaarigen Männer noch stille, friedvolle Jahre verbringen, bis sich Eberhard im Mai 1152 auf das Sterbebett legte.

»Lass mich nicht allein zurück«, bat Adolf.

Lächelnd berührte der erschöpfte Bruder die Lippen des Bruders. »Gott ist gnädig. Er wird dir ein Zeichen geben. Du musst nicht lange warten.« Voll Ruhe legte Eberhard die Hände auf der Brust zusammen. »Bete für mich.« Damit schloss er die Augen.

Jeden Morgen ließ sich der alte Graf im Mönchschor auf seinem Stuhl nieder und verbrachte eine Stunde in Andacht und Gedenken an den geliebten Bruder.

Auch am 9. Oktober betrat er den stillen Raum. Als er seinen angestammten Platz erreicht hatte, stockte der gebrechliche Mann. Aus dem hölzernen Sitz des Stuhls spross eine weiße Rose. Die Blüte war nicht voll aufgebrochen, und Tau perlte an ihrem Kelch. »Ich danke dir.«

In seiner Zelle ordnete Adolf die wenige Habe, verabschiedete sich von den Mitbrüdern und folgte Eberhard am dritten Tag.

So blieb es im Kloster Altenberg. Wenn ein Mönch abberufen wurde, fand er drei Tage vor seinem Tod solch taunasse weiße Rose, die über Nacht aus dem Holz seines Chorstuhls gewachsen war.

Das Kloster erblühte. Viele fromme Männer zog es von nah und weit ins Tal der Dhünn, um dem Orden der Zisterzienser beizutreten. Auch der kräftige, lebensfrohe Bruder Gandolf klopfte an die Pforte. Er packte tüchtig zu und scheute vor keiner Arbeit draußen auf dem Feld zurück. Nur die tägliche Einkehr, die Stille im Chorraum, diese Pflicht fiel ihm schwer.

Eines Morgens wuchs die weiße Rose aus seinem Betstuhl.

»Jetzt noch nicht«, stammelte der junge Mönch. »Mein Leben beginnt doch erst. Und draußen ist der Acker nicht einmal gepflügt.« Er riss die Rose aus dem Holz und legte sie hastig auf den Stuhl seines Nachbarn.

Da öffnete sich der Kelch. Aus dem Herzen der Blüte quoll ein Blutstropfen, wurde größer und färbte die Rose in ein dunkles Rot.

Ohne Klage nahm der Mitbruder das Wunderzeichen an und starb am Morgen des dritten Tages.

Gandolf pflügte den Acker. Gegen Mittag fanden ihn die Brüder. Leblos lag er in der aufgebrochenen Scholle.

Und nie mehr kündete im Kloster Altenberg die taunasse weiße Rose vom nahen Tod eines Bruders.

Die Daumenklemmer von Ratingen

Weil ihr mich vertrieben habt, so soll euch dieser Name ewig anhaften!

Lasst ab von euren falschen Göttern!« Die Ohren der Ratinger waren rot geworden. Mit jedem neuen Satz dieses Suitbert glühten sie mehr, und die Empörung wuchs in den breiten, eckigen Köpfen.

Vom Marktplatz aus wies der hagere Prediger über die Hütten in Richtung des heiligen Hains, dort wo die sieben großen Opfersteine lagen. »Schlachtet nicht länger weiße Fohlen für Wodan. Lasst ab vom Götzendienst.« Der schmächtige Suitbert mit der mächtigen Stimme lachte in die erstarrten Gesichter der Männer und Frauen. »Zieht eure schönen Pferde auf und reitet sie.« Er hob die Hände. »Hört auf das wahre Wort. Es gibt nur ihn, den einzigen, den einen allmächtigen Gott. Er will nicht besänftigt werden mit Opfertieren. Durch seinen Sohn Jesus Christus hat er die Welt erlöst.«

Ansgar, der Dorfälteste, öffnete den Mund und stieß ein gefährliches Grollen aus. Dieser hergelaufene Alte in seiner Wollkutte wagt es, unsere großen Götter zuleugnen.

Lästerer und Unruhestifter hatten in Ratingen nichts zu suchen. Kurz tippte der breitschultrige Mann seiner schwangeren Frau auf die Schulter. »Adelgard. Stell dich hinter mich«, knurrte er.

Es war ein Signal. Der Schmied, der Fellgerber, der Jäger, auch der Zimmermann und die anderen, alle Männer des Dorfes brachten vorsorglich ihre Frauen hinter dem Rücken in Sicherheit.

Wie Adelgard erwarteten die meisten von ihnen ein Kind. Und dieses Glück war teuer von den Göttern erkauft worden. Wodan, Freya, Donar hatten die vielen Opfer angenommen, ja, sie waren endlich zufrieden und gut gestimmt. Ratingen durfte sich in diesem Jahr auf einen reichen Kindersegen freuen.

Der DorfäIteste schnaubte. Und jetzt kommt dieser magere Kerl von seiner Rheininsel daher und sagt, dass es gar keine Götter gibt, nur einen einzigen Gott! Auch wenn er mit seinem Geschwätz in den umliegenden Siedlungen Erfolg hatte. Gleichgültig. Die Leute in Bilk, Himmelgeist und ganz besonders die in dem Dorf an der Düssel, das waren einfäItige Jäger und Bauern. Wenn einer geschickt und schön redete, dem glaubten diese Tolpatsche schnell.

Doch was bedeuten schon Worte? Ansgar atmete tief und wölbte die starke Brust. Nein, ohne Beweis glaubt ein echter Ratinger gar nichts. Außerdem, was kann das schon für ein Gott sein, der keine Opfer will, den man noch nicht einmal fürchten muss?

Der Älteste ballte die Fäuste. Den Zorn der Götter werden wir nicht herabbeschwören und im letzten Moment noch unsern wohlverdienten Kinderreichtum in Gefahr bringen.

Suitbert bemerkte nichts vom drohenden Wutausbruch, viel zu sehr war er von seiner Aufgabe durchdrungen. »Bekehrt euch! Kommt und lasst euch taufen. Kommt und empfangt die Gnade des Heiligen Geistes.«

Alle breiten, eckigen Köpfe wandten sich ihrem Oberhaupt zu. Ansgar nickte, grollte, dann brüllte er auf. Zugleich umfassten feste Fäuste die Knüppel, und geschlossen setzten sich die Ratinger in Bewegung. »Verschwinde.«

Furchtlos blickte Suitbert den grimmigen Mienen entgegen. »Gott ist groß. Ich bin sein Diener. Er beschützt mich.«