Für einen Frosch machst du das gut - Birgit Fiala - E-Book

Für einen Frosch machst du das gut E-Book

Birgit Fiala

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Beschreibung

Eine fatale Diagnose wird ausgesprochen und reißt den Familienvater und Manager, mit ihm auch seine Lieben, aus Normalität und Alltag. Dem Schicksal Kontra bietend, nimmt er sich fest vor, im Anschluss an die Chemotherapie wieder zu arbeiten und behält mittels Telefonkonferenzen den Kontakt zu Kollegen und Geschäft. Die Familie kämpft, um den kranken Partner und Vater aus seiner Depression zu holen, damit auch die verbleibenden Monate noch Momente der Freude haben und wunderbare Erinnerungen werden können. Die letzten Wochen muss der Patient im Krankenhaus verbringen und den größtmöglichen Kontrollverlust erleben. Gemeinsam ist die Familie der Ambivalenz von Therapieplänen und palliativer Versorgung ausgesetzt. Situationsabhängig müssen immer wieder neu Entscheidungen getroffen werden. Patient und Angehörige werden bei dieser Diagnose in eine andere Dimension katapultiert. Dieses Tagebuch zeichnet den Strudel der Ereignisse auf.

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Seitenzahl: 313

Veröffentlichungsjahr: 2019

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für Vera, Sérafin und Elyane

Ganz großer Dank an Frau Prof. Dr. Hess, die nicht müde wurde, neue Therapieoptionen zu finden und meinem Mann als Vertrauensperson eng zur Seite stand. Ganz großer Dank auch an die Diplom-Psychologin Frau Birgit Maier, die mir mit ihren pointierten Fragen geholfen hat, einen Standpunkt zu finden und in der schweren Zeit wenigstens nicht den Verstand zu verlieren.

Das Bild auf dem Titel ist »Lucioles V«, 2017, von Guillaume Toumanian. Der Abdruck erfolgt mit der freundlichen Erlaubnis des Künstlers.

Inhalt

Teil 1 – SENKRECHT

Teil 2 – BERGGORILLAS IN UGANDA

Teil 3 – GENEIGT

Teil 4 – HORIZONTAL

Ende Januar 2018 erhielt mein Mann Ralf die Diagnose Speiseröhrenkrebs. Er war gerade 54 Jahre alt geworden. Da dieser Krebs-Typ gerne streut, ist die Lebenserwartung begrenzt, zumeist auf wenige Jahre. Liegen Metastasen vor, sinkt die Lebenserwartung auf lediglich etwa 6 bis 18 Monate. Auf eine große Operation mit Entfernung der Speiseröhre wird in diesem Fall verzichtet. Mitte Februar 2018 ergab eine Biopsie des Beckenknochens, dass es sich bei den im PET- CT aufleuchtenden und damit krebsverdächtigen Bereichen tatsächlich um Knochenmetastasen handelte.

In einem Tagebuch habe ich die Entwicklung festgehalten, wissend, wie wertvoll mir und den Kindern die Erinnerung an diese letzte Zeit mit meinem Mann und ihrem Papa sein würde. Die ersten Wochen musste ich rekonstruieren, danach habe ich täglich die Ereignisse und Wendungen festgehalten.

In Gedanken gab ich dem Tagebuch den Arbeitstitel: »Diagnose Krebs – der Tag, an dem ich meinen Mann verlor.«

Mein Mann hat schließlich, unwissentlich, den richtigen Titel gefunden.

Ich hoffe mit dem Buch jedem Leser einen Einblick in die neue Dimension vermitteln zu können, in die Patient sowie Angehörige stürzen, wenn eine derart schwere Erkrankung festgestellt wird.

Im November 2018, in größter Liebe zu meinem Mann Ralf Fiala.

Teil 1 – SENKRECHT

JANUAR 2018

19. Januar, Freitag

Ich sitze im Dunkeln im Büro, das wir im Mezzanin eingerichtet haben. Es ist Freitagabend und ich erwarte Ralf zurück, nachdem er die Woche über bei Bern gearbeitet hat. Er pendelt, kommt nur am Wochenende nach Hause.

Leise schleicht er die Treppe herauf. Stellt sich ins Dunkel. Zur Begrüßung gehe ich auf ihn zu. »Ich denke, du muss die Reise nach Borneo absagen. Ich habe Speiseröhrenkrebs«, sagt er und wir fallen uns in die Arme.

Mit dieser Aussage, irgendwann einmal, hatte ich innerlich schon gerechnet. Er hatte doch das Barrett-Syndrom in der Speiseröhre, refluxbedingt. So ein Bereich ist anfällig für die Entwicklung von Krebs, darum ging er auch regelmäßig zur Untersuchung. Aber heute! Er ist 54 Jahre alt und ich bin 49. Seine Mutter wurde nur 55 Jahre alt, sie starb an Magenkrebs. Sie ging aber auch nie zum Arzt. Ich hatte immer Angst um ihn. Aber er ist 54 und was hat er gerade gesagt? Er weint, ich fühle mich wie erschlagen.

Er erinnert, dass er zu Weihnachten Schluckbeschwerden in dem koreanischen Restaurant hatte. Nun, ich hatte dort gedacht, er hätte sich verschluckt. Nein, das Stück Fleisch sei irgendwie hängen geblieben.

Nach den Weihnachtsferien hatte er einen Hausarzttermin gemacht. Wurde sofort zum CT geschickt, wo man eine Verdickung an der Speiseröhre diagnostizierte und auch diverse Auffälligkeiten sah, Schatten auf der Niere, den Knochen. Läsionen heißt das. Er musste zum Gastroenterologen, der kam mit seinem Endoskop kaum durch, nahm eine Biopsie und schickte sie ein.

Und heute rief dieser Ralf an, erreichte ihn im Auto und teilte mit, es handele sich eindeutig um Krebszellen.

Gastroenterologie, Oesophagus-Gastro-Duodenoskopie, 16.01.2018: »Mässiggradig stenosierende 2 cm lange Raumforderung am oberen Barrett-Ende.«

20. Januar, Samstag

Ich rufe das Reisebüro an: »Guten Tag, ich muss die gebuchte Reise nach Borneo stornieren, mein Mann hat eine ganz fürchterliche Krebsdiagnose erhalten.«

Wie oft würde ich noch in den nächsten Monaten solche Sätze sagen müssen. Alptraumhafte, irreale Wortfügungen. Der Kopf formuliert sie, der Mund spricht sie aus und dabei zerreißt es das Herz, als packte ein muskelstrotzendes Monster das Organ und zöge mit einem kräftigen Ruck, sodann zwei blutige Hälften in den Händen haltend.

21. Januar, Sonntag

Wie sollen wir es den Kindern sagen? Abwarten, bis wir mehr wissen. Der Gastroenterologe will einen Termin im Inselspital in Bern ausmachen, man würde uns bald kontaktieren. Im Prinzip sieht die Therapie bei Speiseröhrenkrebs vor, sofern keine Metastasen vorliegen, zunächst mittels einer kombinierten Chemo- und Radiotherapie den Tumor zu verkleinern. Anschließend werden die Speiseröhre und ein Teil des Magens entfernt. Das ist eine große Operation, von der sich der Patient nur sehr langsam erholt. Es folgt eine engmaschige Überwachung, dieser Krebs-Typ neigt zum Streuen. Die 5-Jahres-Überlebensrate ist nicht sehr hoch. Allerdings sind auch die Patienten bei der Diagnosestellung im Schnitt Ende 60. Es gibt Grund genug zu hoffen, auf noch einige gute Jahre, vielleicht sogar zehn.

Ich gehe zu meinem Hausarzt und Nachbarn. Er empfiehlt, Dr. Knoblich in Lörrach aufzusuchen. Da sei man in den besten Händen.

22. Januar, Montag

Wir gehen zur Arbeit. Ich stürme ins Büro des Chefs und schluchze hemmungslos. Bitte ein paar Kolleginnen dazu. »Mein Mann hat eine fürchterliche Krebsdiagnose.« Das Schluchzen nimmt kein Ende. »Nun beruhigen Sie sich mal. Noch haben Sie ihn ja«, sagt der Chef. Es ist klar, ich geh wieder nach Hause. Schaue noch bei den Jungs vom Wareneingang vorbei. »Wir sind seit 30 Jahren zusammen«, bricht es aus mir heraus. Sie versuchen zu trösten: »Nun warte mal, in einem Jahr lachen wir darüber. Der nervt dich bestimmt noch weitere 30 Jahre.«

Dr. Knoblich gibt uns einen Termin für Donnerstag.

23. Januar, Dienstag

Bin arbeiten.

Ergebnisse vom CT am 17. Januar werden klar. Ralf erzählt mir beim Spaziergang abends von »Läsionen«, die an mehreren Stellen gefunden wurden. »Lass uns hoffen, dass das nichts bedeutet!«, sage ich.

Radiologie, CT Thorax und Abdomen, 17.01.2018:

»Im mittleren Drittel des thorakalen Oesophagus zeigt sich eine zirkumferenzielle etwas asymmetrische Wandverdickung.«

»Flaue sklerotische Veränderungen der 3. Rippen beidseits, betont rechts ohne Kortikalisunterbruch von unklarer Dignität. Zusätzlich sind kleine noduläre, sklerotische Läsionen in LWK 1-3 und in BWK 3-8 abgrenzbar. … Metastasen können nicht ausgeschlossen werden.«

25. Januar, Donnerstag

Am frühen Nachmittag verlasse ich die Arbeit. Bevor ich in den Zug steige, rufe ich Vera an, unsere 21-jährige Tochter, die in Aachen Medizin studiert. »Vera, wir müssen gegen 17 Uhr skypen. Ich muss jetzt mit Papa zum Arzt.« Ich heule. Vera denkt, es gäbe ein Problem mit seinem Hirn, da er einmal einen epileptischen Anfall hatte und seither ein Medikament einnehmen muss. Ich quetsche hervor: »Ich rufe an, wenn wir vom Onkologen zurück sind.«

Dr. Knoblich bittet uns freundlich in sein Büro. Er hat sich die Unterlagen angeschaut. »Bin ich in drei Monaten tot?«, will Ralf wissen. Wir sollten optimistisch sein, spricht er, in seinen Augen ginge es hier um eine kurative Therapie.

An dem Satz versuche ich mich festzuhalten. Eine »kurative Therapie«. Eine Therapie in der Absicht, zu heilen. Im Gegensatz zur palliativen Therapie.

Dr. Knoblich empfiehlt noch eine Endosonografie, um die Größe des Tumors genauer zu beurteilen und ein PET-CT. Hier wird radioaktive Glukose gespritzt, eine Zeit abgewartet und dann analysiert, welche Bereiche beim Scannen aufleuchten – nämlich die hoch stoffwechselaktiven Krebsherde.

Eine »kurative Therapie.«

Wir rufen vom Auto aus Vera an. Sie weiß sehr wohl, was die Diagnose letztendlich bedeutet. Sie würde am nächsten Tag zu uns kommen.

26. Januar, Freitag

Ich bin krankgeschrieben. Rien ne va plus, nichts geht mehr.

Am Abend skypen wir mit Sérafin, der in diesem Semester in Finnland studiert. Sérafin weint.

Vera kommt an. Elly ist abends unterwegs.

27. Januar, Samstag

Gemeinsam müssen wir Elly die traurige Nachricht bringen: »Papa hat Krebs«. Sie weint, sie schreit, sie kuschelt sich an ihren Papa. Sie hätte doch schon immer Angst gehabt. Schon als Kind. Und Oma Agnes wurde nur 55 Jahre alt. Und Papa ist erst 54!

Wir sagen, der Onkologe spricht von einer kurativen Therapie und daran wollen wir uns festhalten.

Wir informieren meine Eltern. Mein Vater erzählt von seinem Tischtenniskollegen, den hätte die Speiseröhren-OP sehr mitgenommen, aber jetzt, zwei Jahre danach, spiele er schon wieder ganz ordentlich und sei ein ernstzunehmender Gegner.

28. Januar, Sonntag

Meine Tante muss auch informiert werden. Bitte Filomena, die Freundin meiner Tante, zu ihr zu gehen. Als sie da ist, rufe ich sie an.

So ist es gut, nun hat sie gleich die Freundin zum Reden.

29. Januar, Montag

Ralf lässt sich auch krankschreiben. Bei den vielen Terminen und der Sorge ist keine Konzentration möglich.

Ralf geht zum PET-Scan ins Unispital Bern.

Radiologie, Positronen-Emissions-Tomografie / Computertomografie, 29.01.2018

»Moderat stoffwechselaktiver Tumor im mittleren Ösophagusdrittel. Suspekte lokoregionäre Lymphknoten paraösophagial distal vom Primärtumor. Deutlich inhomogenes Verteilungsmuster des gesamten Skelettsystems mit lediglich vereinzelten sklerosierten Läsionen, DD diffuse Metastasierung, Zweittumor, zur weiterführenden Abklärung empfehlen wir eine Knochenmarksbiopsie.«

30. Januar, Dienstag

15.15 Uhr ist der Termin zur Endosonografie des oberen Verdauungstraktes. Wir sind gemeinsam im Inselspital Bern.

Anschließend drückt man uns den Bericht in die Hand:

Gastroenterologie, Obere EUS: »Stenosierendes Adenokarzinom des Ösophagus bei 30 – 32 cm. EUS: uT3N1.«

HILFE!!!

T3: Der Tumor ist groß. N1: Es gibt bereits einen Befall in mindestens einem Lymphknoten! Die Wahrscheinlichkeit, dass der Tumor gestreut hat und Metastasen vorliegen, steigt. Mir ist schwindelig und übel.

FEBRUAR 2018

2. Februar, Freitag

Wir haben in Ralfs Wohnung in der Schweiz übernachtet. Am frühen Morgen düse ich nach Bad Säckingen, habe einen Termin beim Gynäkologen. In der Praxis breche ich in Tränen aus. Bin kaum zu beruhigen. Mein Arzt sagt mir, bei Dr. Knoblich seien wir doch in guten Händen. Werde erst im Dezember wieder zu ihm gehen müssen. Frage mich, wie sich dann wohl unsere Situation darstellt.

Zurück zu Ralf.

Um 13.30 Uhr haben wir einen Termin bei Prof. Seiler.

Prof. Seiler ist Chirurg. Er würde Ralfs Fall leiten. Man geht von Speiseröhrenkrebs ohne Metastasen aus. Es gäbe zunächst eine kombinierte Chemo-/Radiotherapie des Ösophagus. Hier wäre mit einer Anschwellung bedingt durch die Radiotherapie zu rechnen, so dass provisorisch eine PEG-Magensonde gesetzt werden müsse. Im Anschluss an die Chemo käme die OP, bei der die Speiseröhre und ein Teil des Magens entfernt würden. Der Magenrest würde an den Rest der Speiseröhre angenäht. Man erlerne dann sehr langsam wieder das Essen.

Die ganze Therapie wird ein Jahr dauern. So lange sei er außer Gefecht gesetzt.

Sollten Metastasen festgestellt werden, sei die Prognose sehr ungünstig. In dem Fall würde keine Operation mehr durchgeführt.

Prof. Seiler berichtet, er sei bei der Endosonografie hinzugezogen worden. Der Tumor war so raumfordernd, dass man selbst mit einem kleinen Endoskop nicht passieren konnte. Er hätte noch keine Aussage zum PET-Scan vom Montag, aber er zeigt uns die Bilder. Ich sehe: Ralf leuchtet wie ein Weihnachtsbaum. Tatsächlich: Rippen, Wirbelsäule und Becken leuchten, bilden die Form einer Tanne. Und in der Mitte befindet sich eine große strahlende Kugel – der Speiseröhrentumor. Mich erschrecken die Bilder. Aber Prof. Seiler entgegnet: »Alte Knochen leuchten manchmal. Vielleicht muss man eine Knochenbiopsie machen, um Metastasen auszuschließen.«

Dienstags würde immer das Tumorboard tagen. Da würde sicher entschieden, dass nun die PEG-Sonde gelegt werden muss. Wir werden dann »ein Aufgebot«, einen Termin für den Eingriff, bekommen.

Wir schleichen aus dem Zimmer, dem Krankenhaus und nach Hause.

5. Februar, Montag

Das Legen der Magensonde ist für den 8. Februar terminiert. Wir müssen nun warten und aushalten. Das nagt an den Nerven. Im Körper tobt der Krebs. Da will man sofort mit einer Therapie loslegen.

Ralf fühlt sich oft so zugeschleimt, dass er gar nicht mehr schlucken kann. Er probiert es zwar, der Bissen jedoch bleibt hängen und er geht zur Toilette und würgt ihn hoch. Elly und ich müssen dann hilflos am Esstisch sitzen.

WhatsApp an die Freundin: »Ralf hat noch nicht ganz begriffen, dass essen schon jetzt ein Frage des Überlebens ist. Es geht nicht um Lust. Reinschütten muss er, auch ohne Hungergefühl.«

Hoffen, dass dann die Chemo-/Radiotherapie gleich am 12. Februar beginnt.

Schreibe meiner Freundin: »Sitzen da wie Karnickel vor der Schlange.«

6. Februar, Dienstag

Die Spitex, der ambulante Pflegedienst der Schweiz, hat einen Schwung »Astronautennahrung« geschickt. Hochkalorisch, proteinreich. Ralf findet, das Zeug schmeckt nicht.

Nachricht an die Freundin: »Wir sitzen hier und zittern vor Angst. Tagelanges Warten ist grausam.«

Ungewissheit. Ralf hat Angst. Angst, Angst, Angst. Angst zu sterben. Uns allein zu lassen. Und er hat sich immer über die Arbeit definiert. Wird er Frührentner?

Heute tagt das Tumorboard. Ob sie heute anrufen? Oder fangen sie an die Chemo zu organisieren und melden sich morgen? Oder sie sagen Donnerstag etwas, wenn Ralf für die PEG-Sonde ins Krankenhaus kommt?

Es gibt ein Problem mit der Krankenkasse. Stationäre Behandlungen müssen im Arbeitskanton stattfinden, also in Bern. Ambulante Behandlungen können auch woanders durchgeführt werden. Wir möchten, dass die Chemo in Basel erfolgt. Damit er von uns aus mit dem Zug eigenständig hinfahren kann. Wird das klappen? Ralf macht sich große Sorgen.

7. Februar, Mittwoch

Wir sind in seiner Wohnung in Leimiswil. Ralf hat etwas für mich vorbereitet: seine Vollmacht über den Tod hinaus. Und seine Patientenverfügung. Schließlich hat er morgen einen Eingriff und man weiß ja nie. Bin ich froh, dass er dieses Thema für sich bereits jetzt abgearbeitet hat.

Er schreibt:

Die Grenze der minimalen Lebensqualität ist für mich unterschritten, wenn:

Eine Paraplegie vorliegt, die dauerhaft bestehen bleibt.

Bei mir irreversible Taub-Blindheit vorliegt.

Ich auf dauerhafte und professionelle Pflege angewiesen bin.

8. Februar, Donnerstag

Ralf bekommt ein Zimmer im Inselspital. Ein älterer Herr teilt mit uns das Zimmer. Auch er bekommt heute eine PEG-Sonde gelegt. Noch am Vormittag wird Ralf zum Eingriff weggebracht. Der Kollege ist ebenso unterwegs. Ich sitze allein im leeren Krankenhauszimmer.

Zwei junge Ärztinnen erscheinen, möchten mit meinem Mann sprechen. Sie sei die diensthabende Ärztin, sagt eine. Es geht um die anstehende Knochenbiopsie zur Verifizierung der Metastasen. Man würde sie grad einplanen, für heute oder auch morgen. Wie bitte? Zur Verifizierung? Steht es fest, dass es sich um Metastasen handelt? Aber ja doch, bei dem vorliegenden Befund, es täte ihnen sehr leid.

Sitze allein im Zimmer und heule. Rufe meine Eltern an. Meine Tochter Vera. Rufe Ralfs Bruder an, schreie ins Telefon: »Du hast nun bald drei Krebsopfer in der Familie! Lass dich untersuchen. Lass dir in alle Löcher gucken! Du nicht auch noch!« Melde mich bei meiner Firma. Kann erstmal weiterhin nicht kommen. Rufe die Helsana-Krankenversicherung an. Wie schnell kann Ralf Grenzgänger werden? Er muss doch bei mir sein! Ein ruhiger Mann sagt, das ginge schnell. In der Schweiz abmelden, in Deutschland anmelden, den Grenzgängerbescheid beim Arbeitgeber einholen und sofort könne die Helsana ihn aufnehmen. Dann sei eine Behandlung in Deutschland oder der Schweiz möglich. Bin etwas beruhigt, habe wenigstens einen Plan.

Inzwischen ist der Mitpatient im Zimmer. Er bekommt alle Telefonate mit. Muss meinen Schmerz ertragen. Wie sich zeigt, hat er auch die Diagnose Speiseröhrenkrebs, allerdings ohne Metastasen. Er bekommt heute die PEG-Sonde und am Montag beginnt seine Chemo-/Radiotherapie. Er ist 70 Jahre alt und hat schon viel erlebt. Er hält mich aus.

Ralf wird ins Zimmer gebracht. Das Legen der Sonde war problemlos. Wir bekommen die Sonde erklärt. Eine Pflegekraft bringt ein Modell mit. Es ist ein neuer Typ. An dem im Magen liegenden Ende sitzt ein Ballon, der von außen mit Salzlösung befüllt wurde, so dass der Schlauch nicht mehr herausrutschen kann.

Ich muss Ralf auf die Knochenbiopsie ansprechen. Wir liegen uns heulend in den Armen. Er ruft seinen Bruder an, schluchzt.

Die Assistentin von Prof. Seiler schaut vorbei. Sie macht die Begleitung von Tumorpatienten, ist unsere Ansprechpartnerin am Inselspital und fragt, warum wir so viele Tränen vergießen. Na wegen der Metastasen. Ach, die seien doch noch nicht belegt. Wir sollten cool bleiben. Wir versuchen uns an den Worten festzuhalten. Werden diese Dame allerdings nie wieder sehen.

Ich muss allein in Ralfs Wohnung nach Leimiswil fahren. Fühle mich leer. Telefoniere lange mit meiner Freundin.

9. Februar, Freitag

Am nächsten Tag zurück ins Krankenhaus. Ralf bekommt die Biopsie. Es gibt erst ein CT, um die exakte Stelle für das Anbohren der Knochen festzustellen. Dann werden Bohrkerne genommen. Ralf sagt danach, das fühlt sich an wie eine Wurzelbehandlung ohne Narkose. Braucht man nicht.

Ralf muss noch eine Nacht im Krankenhaus bleiben.

10. Februar, Samstag

Ralf kann nur noch Flüssignahrung zu sich nehmen.

Wir dürfen nach Hause.

Austrittsbericht Inselspital, 10.02.2018:

»Einlage einer PEG-Sonde. Full-care Biopsie Os ilium rechts. Histo: xxx [= das Ergebnis steht noch aus]«

Die Zeit des Wartens geht also weiter. Am Dienstag soll das Tumorboard tagen. Am Mittwoch sollte uns Prof. Seiler das Resultat mitteilen.

Wir haben am 16.2. einen Termin für die Kontrolle der Magensonde.

12. Februar, Montag

Die Tumorschwester schickt ein Email. Die Biopsieresultate lägen leider noch nicht vor.

Ralf sitzt an seinem Firmencomputer und beteiligt sich an Telefonkonferenzen. Habe den Eindruck, so fühlt er sich am wohlsten. Er will unbedingt arbeiten.

Ich sortiere am Computer Fotos, mache das Fotobuch unserer Reise nach Ecuador im Jahr 2015 und lese Ellys Französischbuch, damit ich ihr da ein bisschen helfen kann.

13. Februar, Dienstag

Ralf sieht seine Hausärztin in Burgdorf. Ihre Meinung: Sie könne nicht an Knochenmetastasen glauben. Wenn überhaupt müsse ein Zweittumor vorliegen. Aber auch das sei nicht wahrscheinlich. Sie gibt ihm zur Aufmunterung ein Rezept für die Physiotherapie mit, könne er sich ja in Basel organisieren.

Habe Magenkrämpfe.

15. Februar, Donnerstag

Wir bekommen einen Gesprächstermin bei einer Assistenzärztin von Prof. Seiler für Freitag, im Anschluss an die Kontrolle der Sonde.

Ich sehe es als gutes Zeichen, dass wir nicht persönlich mit Prof. Seiler sprechen.

16. Februar, Freitag

9.15 Uhr. Kontrolle der PEG-Sonde. Alles in Ordnung. Ich bekomme erklärt, wie die Pflege jetzt aussehen muss. Der Schlauch muss täglich bewegt werden, ein bisschen herausziehen und wieder reinschieben. Kein Problem.

Gleich danach haben wir den Gesprächstermin. Ich zittere. Die Assistenzärztin holt uns ab, führt uns ins Besprechungszimmer. Sie sagt, sie würde nun Prof. Seiler herbeitelefonieren. Wie bitte? Mir wird übel, alles verschwimmt.

Prof. Seiler kommt. Begrüßt uns. Liegt fast auf seinem Schreibtisch. Nun, die Auswertung der Biopsie hätte sich hingezogen. Leider sei dem Labor ein Fehler unterlaufen, Material sei zerstört worden. Aber dann konnte doch immunchemisch festgestellt werden, dass es sich bei den Veränderungen im Beckenknochen eindeutig um Metastasen handelt, die sich vom Speiseröhrentumor entwickelt haben.

Ralf treten die Augen aus den Höhlen. Ich weine, weine, weine.

Ja, es täte ihm leid. Er sei ja Chirurg, könne mit der Situation schlecht umgehen.

Ob er eine Frage stellen dürfe. Sei Ralf ein Kämpfer? Ich antworte: »Wofür soll er denn kämpfen? Er kann ja nicht mehr gesund werden!« Denn ich kenne doch die Statistik: Die Lebenserwartung liegt bei 6 bis 18 Monaten. In einer Studie ist von max. 24 Monaten die Rede. Im Durchschnitt sind die Patienten 69 Jahre alt. Ralf ist deutlich jünger. Vielleicht schafft er zwei Jahre?

Dr. Seiler sagt, er müsse sich nun von uns verabschieden. Es käme nun keine Operation mehr infrage. Er müsse uns an die Onkologie weiterreichen. Da gäbe es einen Kollegen, der sei bereit mit uns zu sprechen. Auf Wiedersehen.

Die Assistenzärztin sagt, wir würden vom Transportservice abgeholt werden. Ob sie uns allein lassen könne. Und geht. Rufe meinen Vater an: »Ich kann nur sagen, es sind Metastasen.« »Nein«, sagt mein Vater. Ich lege auf.

Werden in die Onkologie gebracht. Müssen im Wartezimmer Platz nehmen. Kuschel mich an Ralf. Schluchze. Um uns herum lauter Krebspatienten. Der Albtraum geht weiter.

Ein junger Arzt opfert für uns seine Mittagspause. Spricht von verschiedenen Optionen der Chemotherapie. Ralf sagt, er fühle sich doch gesund. Der junge Arzt lacht ihn an: »Ja, Sie denken, Sie sind groß und stark und voller Kraft. In Wahrheit aber sind Sie schwer krank. Daran muss man sich wohl erstmal gewöhnen.« Ralf spricht die von Dr. Knoblich aufgezeigte FLOT-Chemotherapie an. Die kennt der Arzt nicht genau. Wäre sie erfolgreich, würde man sie in Bern auch anwenden. Offensichtlich sei die Beweislage dafür zu dünn.

Ralfs Dossier soll nun nach Basel weitergeleitet werden, ans Unispital. Dort würde man seinen Fall übernehmen und die ambulante Chemo durchführen können. Er käme dann gut per Bahn ins Krankenhaus.

Wir verlassen das Inselspital.

Erreichen Vera telefonisch. Sie weiß um die Prognose und schluchzt ins Telefon.

Halten auf Ralfs Wunsch bei IKEA. Ralf bestellt die Hackbällchen. Eine kleine Portion. Verstehen die nicht, er bekommt die große. Das Essen bleibt ihm im Hals stecken. Er verschwindet in Richtung Toilette. Ich muss meinen Teller aufessen. Nie wieder werde ich zusammen mit Ralf genussvoll essen können. Und ganz oft werden Elly und ich traurig am Esstisch sitzen, in unseren Tellern herumstochern und Ralf beobachten, der sich nicht einmal eine Kostprobe auftut, sondern mit den Worten »Ich will nichts essen.« neben uns sitzt, schweigend.

Anruf von IKEA aus bei meinem Arbeitgeber. Nun stünde das volle Ausmaß der Erkrankung fest. Es sei mehr als furchtbar. Aber ich käme dann am Montag wieder zur Arbeit. Mein Mann müsse nun auf den Beginn der palliativen Chemo warten. »Wollte nur bemerken: Es geht mir aber nicht gut.«

Schreibe allen Freunden eine WhatsApp. Inhalt: »Worst case!«

Pathologie, Full-core Biopsie Os ilium rechts, 15.02.2018:

»Physikalisch stark alterierter Biopsiezylinder mit Infiltraten eines nicht-kleinzelligen Karzinoms, gut vereinbar mit Manifestation eines vordiagnostizierten Adenokarzinoms des Oesophagus sowie begleitender dichter Fibrose der Markräume sowie Marködem und Knochenumbauzeichen.

Immunhistochemisch lässt sich die vermutete Karzinominfiltration bestätigen.

In Zusammenschau mit den immunhistochemischen Befunden besteht kein Zweifel an der o.g. Malignitätsdiagnose.«

17. Februar, Samstag

Schreibe der Freundin: »Der Kopf ist leer. Das Herz hört nicht auf zu weinen.«

Warten, warten, nur warten.

Am 21. Februar trifft das Dossier aus Bern in Basel ein. Aber Ralf bekommt erst für Mittwoch, den 28. Februar, einen Termin mit Frau Prof. Hess und auch das ist erstmal nur ein Gesprächstermin.

Ralf versinkt in eine Depression. Er ist nicht mehr der alte. Er ist tieftraurig. Denkt nur an die Arbeit. Wann kann er da wieder hin? Frühestens nach dem Ende der Chemo. Es tut weh zu sehen, wie wenig er isst. Ich bringe ihm Säfte aus dem Reformhaus. Rote Beete und Multivitamin. Wie sonst auch hat er überhaupt keine Lust, aus Vernunftgründen seinem Körper etwas Gutes zu tun. Er nimmt jede Tablette, die ein Arzt verschreibt. Aber viel Obst essen, viel Gemüse, einfach weil es dem Körper gut tut, das war noch nie sein Ding. Und was soll Rote-Beete-Saft in seiner Situation schon bewirken? Nun, den Krebs wird auch der Saft nicht heilen, aber vielleicht ginge es ihm mit Saft doch besser als ohne. Ich sage: »Wenn du kämpfen willst, dann kümmere dich endlich um deine Ernährung!« Aber da ist nichts zu machen.

Um der Krankheit etwas entgegenzusetzen, nimmt sich Ralf fest vor, noch einige Jahre zu haben. Er würde nun bald die Chemo beginnen, dann würde es ihm gut gehen, er ginge wieder arbeiten und irgendwann würde der große Mist beginnen.

Ja, Ralf. 6 bis 18 Monate lautet die Prognose.

28. Februar, Mittwoch

Ralf hat ENDLICH ein Gespräch mit Frau Prof. Hess. Er ist zufrieden, diese Frau als nun zuständige Onkologin zu haben. Es wird vereinbart, ihm am 8. März einen Port zu legen. Am selben Tag wird die Chemo starten. Ralf hat das FLOT-Schema erwähnt. Frau Prof. Hess hält das für durchaus eine Idee, möchte aber noch alle Optionen genau prüfen.

Ralf ist mehr als froh, dass nun endlich die Therapie starten wird. Dennoch hat man ihm im Gespräch auch gesagt: Es ist eine Frage von Monaten bis wenigen Jahren.

Ich schreibe der Freundin: »Ich versuch es ins Positive zu drehen: Wäre er bei einem Unfall verunglückt, hätten wir gar keine Zeit mehr. So wissen wir von der Begrenztheit und müssen das aushalten, aber uns sind noch Tage und Wochen gegeben. Aber ich hab gut reden: Ich überlebe es ja immerhin, auch wenn ich dann nur noch halb existiere.«

MÄRZ 2018

1. März, Donnerstag

Ralf sieht die Hausärztin. Er bekommt nun Targin, ein Opiat.

3. März, Samstag

Bin wieder seit 5 Uhr wach und mache mir Sorgen um Ralf. Er will die stärkste Chemo. Hat sich gestern im Gästezimmer einen Computerplatz eingerichtet, den er nutzen könnte, wäre ich mal erkältet. Schließlich würde nun bald sein Immunsystem den Bach runter gehen.

Er isst fast nichts, saugt nur dann und wann an den Proteindrinks. Verstehe das nicht. Er setzt alle Hoffnung in die Chemo, unternimmt aber nichts, um sich und seinen Körper auch nur ein kleines bisschen zu stärken. Er weigert sich auch, die Magensonde zur Ernährung einzusetzen. Er hätte einfach keinen Hunger und der Gewichtsverlust sei minimal.

Ich muss und werde jede Entscheidung von Ralf akzeptieren. Aber nicht leichten Herzens. Es tut schrecklich weh, ihn in seiner Depression zu sehen, gebeutelt von der Krankheit, appetitlos, mit schmerzendem Rücken, allgemeiner Unzufriedenheit, zermürbt vom Warten.

Ein Kollege sagte mir, als sein Vater erkrankte, fühlten sich alle wie im Wirbelsturm. Als er starb, blieb der Vater im ruhigen Auge des Hurrikans zurück, er und seine Mutter seien herausgeschleudert worden und verletzt außerhalb liegen geblieben.

Ich fühle mich wie in einem Abwärtsstrudel gefangen und es gibt nur eine Richtung: unweigerlich nach unten.

Sérafin studiert in diesem Semester in Finnland. Ich muss unbedingt mit ihm besprechen, wann er mal herkommen kann. Keiner weiß, wie schnell es bergab geht.

5. März, Montag

Ralf erhält um 12 Uhr einen Anruf aus Basel, er möge doch um 14.30 Uhr den Gefäßchirurgen sehen, wegen des Ports.

Alles gut. Dem Eingriff am Donnerstag steht nichts im Weg.

7. März, Mittwoch

Vera reist an. Du Süße!

8. März, Donnerstag

Früh am Morgen fahren wir zu dritt nach Basel. Bekommen um 6. 15 Uhr ein ambulantes Bett. Als Ralf rausgeschoben wird, heule ich wie ein Schlosshund. Zum Glück ist Vera dabei.

Gerade als Vera und ich uns auf den Weg zum Termin mit Frau Prof. Hess machen, kommt Ralf zurück aus dem OP. Es geht ihm gut. Er wird nachkommen.

Frau Prof. Hess empfängt uns. Sie macht einen großartigen Eindruck. Sie lacht viel. Strahlt Ruhe aus. Jeder Satz unterstreicht ihre Kompetenz. Sie erklärt das FLOT-Schema und mögliche Nebenwirkungen. Ich weine dennoch, Vera hält mich fest. Sage ihr, ich hätte von 6 bis 18 Monaten Lebenserwartung gelesen. Leider könne Sie da nichts Gegenteiliges sagen.

Die Psychoonkologin schaut herein. Bietet ihre Hilfe an. Oh je, denke ich, das will ich doch gar nicht. Gleichzeitig vermute ich, dass mich meine Lage doch so extrem belastet und auch in Zukunft mir so viel zumuten wird, dass externe Hilfe angebracht sein kann. Und ich MUSS jetzt aufrecht bleiben. Für Ralf, für die Kinder. Keine Alternative. Deshalb sage ich zu. Schon am nächsten Tag habe ich den ersten Termin bei ihr.

Gegen Mittag. Der Port sitzt. Die erste Infusion nach dem FLOT-Schema läuft ein.

Gehe mit Vera in die Apotheke. Wir müssen einen Schwung Präparate für Ralf besorgen. Allein drei Mittel gegen Übelkeit. Falls das erste nicht wirkt, soll das zweite genommen werden, eventuell auch das dritte. Gespuckt wird nicht, so die Devise. Breche in der Apotheke in Tränen aus. Ist das alles wahr, was ich hier mache? Es ist schlicht unfassbar.

Zurück zu Ralf. Er empfiehlt uns, beim Inder Mittag zu essen. Es schmeckt recht gut. Aber ich verdünne mir jedes Gericht mit Tränen. Vera ist hilflos. Da muss sie jetzt durch. Die Krankheit hat für alle Konsequenzen.

Infusion Nummer 2 läuft ein. Nummer drei gibt es am Ende mit nach Hause und diffundiert binnen 24 Stunden ein.

9. März, Freitag

Am Vormittag sehe ich die Psychoonkologin das erste Mal.

Sobald ich im Krankenhaus ankomme, laufen die Tränen. Was mache ich hier? Ist das notwendig? Ja, Ralf hat Krebs.

Sie holt mich ab. Es ist noch eine junge Frau im Behandlungszimmer, eine Studentin, die lernen möchte. Darf sie, kein Problem für mich. Im Anschluss benötigt die junge Frau eine Nachbetreuung.

Ich habe Angst, dass ich im Gespräch Blödsinn machen muss, einen Woll-Ball zugeworfen bekomme, ein positives Adjektiv nennen und das dann tanzen muss. Oder so ähnlich. Nichts dergleichen ist der Fall. Es handelt sich um ein Gespräch, ein bisschen wie unter guten Freundinnen. Ich erzähle von unserer gemeinsamen, 30 Jahre währenden, sehr glücklichen Zeit. Dabei verbrauche ich Unmengen Taschentücher. Die Psychologin streicht die positiven Aspekte hervor. 30 überaus zufriedene Jahre Partnerschaft und Familie seien beileibe nicht jedem vergönnt. Dafür müsse man dankbar sein. Dank der vielen Umzüge hätte ich schon so viel Veränderung erlebt. Wer, wenn nicht ich, könnte das Kommende meistern. Die Erinnerung könne mir niemand nehmen. Ich schluchze: »Aber ich werde nie wieder meinen Geburtstag feiern können. Wir haben doch hintereinander Geburtstag und immer zusammen gefeiert. Ein halber Geburtstag ist kein Geburtstag.«

Für Mitte April bekomme ich den nächsten Termin.

Am Nachmittag gehe ich mit Ralf zusammen ins Krankenhaus. Die dritte Infusion wird vom Port genommen. Ich schaue mir die Handgriffe ab und »entstöpsel« ihn von nun ab selbst.

Plane über Ostern mit Ralf nach Finnland zu fahren. Sérafin hat Bilder einer Hundeschlittenfahrt geschickt. Das möchte ich so gern mit Ralf auch machen! Will noch ein paar Tage warten und sehen, wie Ralf die Chemo verträgt und dann buchen.

Heute geht es Ralf ganz gut. Ist nur etwas geschafft. Er ging zu Fuß zum Supermarkt, 4 km. Keine Übelkeit. Fatigue, die große Müdigkeit, wäre ohnehin erst nach einigen Sitzungen zu erwarten. Wie schnell die Menge an roten und weißen Blutkörperchen abfällt, wird sich zeigen. Hoffe sehr, dass Ralf nun wieder mehr Mut schöpft. Waren in den letzten Wochen doch sehr in der Phase »Warten aufs Ende«. Davon müssen wir wegkommen.

11. März, Sonntag

Die Freundin fragt: »Wie geht es Ralf?«

»Lieb, dass du fragst. Dachte schon: Heute meldet sich aber keiner, na, ja, die brauchen alle einmal eine Pause.

Denke, Ralf verträgt die Chemo ganz gut. Aber er ist extrem ruhig und sehr langsam in seinen Bewegungen. Hab ihm klar gesagt: »Du bist depressiv, deshalb isst du zu wenig, du musst ab sofort auch über die Magensonde ernährt werden.« Da hat er sich zum Frühstück doch glatt ein Croissant hingelegt, aber es ging zuerst nicht mit dem Schlucken. Als der Vormittag rum war, hatte er es doch verputzt. Wow! Und nachmittags noch eine dünne Suppe, ist ja fast ein Menü.«

Es ist beängstigend, wie schnell ein Mensch abnimmt, vor allem Muskelmasse verliert. Seine vormals durchaus kräftigen Beine und Arme sind dünn geworden.

Außerdem buche ich heute den Flug nach Finnland. Es geht über Ostern zu Sérafin nach Kajaani. Auf zum Hundeschlitten fahren. Mit viel Glück kann man auch die Nordlichter sehen. Ralf ist wenig enthusiastisch. Er will sich ganz der Therapie hingeben, um schnellstmöglich wieder arbeiten zu können. Ich versuche zu motivieren, komme aber nicht gegen seine Depression an. Muss versuchen, daran nicht zu zerbrechen.

12. März, Montag

16.16 Uhr. Schreibe Ralf: »Komme in 20 Minuten. Noch Lust auf einen Spaziergang?« »Eher nicht. Bin gerade erst aus Lörrach wiedergekommen.«

14. März, Mittwoch

Ralf wollte heute joggen, musste aber feststellen, dass ihn ein einfacher Spaziergang außer Atem bringt. Habe mich von der Arbeit nach Hause gehetzt, um mit ihm eine kleine Runde in der Sonne zu drehen. Er hat keine Lust. Ich zerbrösel langsam.

15. März, Donnerstag

Kontrolltermin nach der ersten Chemo. Ist soweit alles in Ordnung.

20. März, Dienstag

Mich macht Ralfs Depression fertig. Gestern hat er wenigstens mal was gesagt. Er hofft, bald wieder arbeiten zu gehen. Ein gemurmelter Halbsatz hieß vermutlich: Wenn die Chemo das nicht ermöglichen kann, ist sie sinnlos.

Während ich bewusst denke: »Schön, dass du da bist, schön, dass wir zusammen sind!«, ist Ralf in sich versunken und kann sich nicht an uns erfreuen. Das macht es verdammt schwer.

22. März, Donnerstag

Chemo Nummer 2. Ich bin ab mittags da. Finde es gut mitzuerleben, was Ralf durchmacht. Mag ihn nicht allein lassen.

Ralf will, dass ich weiter voll arbeite. Wenn ich frage, ob ich irgendwie weniger arbeiten sollte oder sogar gar nicht, guckt er mich fragend an und spricht: »Warum?«

Ja, warum. Warum, Ralf.

23. März, Freitag

Ralf fährt mit angehängter Chemo-Lösung, die 24 Stunden eindiffundiert, in die Schweiz. Er hat sich einen Werkstatttermin gemacht!

Ich stöpsel ihn abends von der Langzeitdiffusion ab. Geht erstaunlich gut.

24. März, Samstag

Ralf ist einkaufen mit Elly. Die Sonne scheint. Hoffe, Ralf hat nachher Lust zu kochen und Lust auf einen Spaziergang. Elly fliegt morgen nach Nizza, um zwei Wochen in eine Sprachschule zu gehen. Vera kommt uns am Montag besuchen. Am Freitag geht es dann hoffentlich zu Sérafin nach Finnland.

Während Ralf gestern etwas zugänglicher war, ist die Stimmungslage heute wieder bei mürrisch.

Auch nach der zweiten Chemo geht es ihm ganz gut. Hab allerdings rausgefunden, dass er doch öfter Paspertin nimmt, die Antiübelkeitstropfen. Hab ihm gesagt, er könne mir so etwas durchaus mitteilen.

25. März, Sonntag

Elly ist ab heute in den Sprachferien in Antibes, Frankreich.

Ralf hat gestern einen Energiedrink gefrühstückt und abends eine Miniportion Lachsnudeln gegessen. Plus ein alkoholfreies Bier. Ich resümiere: 300 + 300 + 150 macht absolut keine 2500 kcal Tagesbedarf. Darf ich bitte vor Verzweiflung schreien?

30. März, Karfreitag

Fliege mit Ralf über Helsinki nach Kajaani. Ankunft in der verschneiten Landschaft. Besonders schön: Es liegt zwar hoher Schnee, aber es gibt keine Berge. Schnee in der Ebene. So finde ich ihn wunderbar.

Ralf ist etwas mufflig, weil der Mietwagen nur auf mich läuft. Muss er durch. Ich bin die Fahrerin.

Sérafin kommt zu uns ins Hotel. Wir gehen in den Ort zum Abendessen. Ralf bestellt einen Burger mit Pommes und isst nur wenig. Genuss beim Essen geht anders. Ich genieße dennoch das Rentierfleisch und versuche, dabei intensiv Sérafin und seinen neuen Bart anzugucken.

31. März, Samstag

Wir fahren mit dem Auto in der Gegend herum, genießen die Ruhe, die leeren Straßen, die Nadelwälder, die Schneelandschaft. Spazieren auf einem zugefrorenen See herum, bestaunen Spuren im Schnee – es muss ein Schneehase sein! – und erhaschen wenig später an anderer Stelle tatsächlich einen Blick auf so ein dickes, flauschiges Kuschelkaninchen.

Essen abends im besten Lokal der Stadt. Ralf stochert in seinem Gericht. Auf dem Rückweg ins Hotel frage ich, warum er so lustlos im Lokal sitzt. Technisch ist das Schlucken ja wieder möglich, die Chemo muss den Tumor in der Speiseröhre gut zurückgedrängt haben. »Warmes Essen stinkt«, stößt er aus, angewidert. Es hört sich an wie eine jedem bekannte Tatsache. Ich staune und entgegne: »Schön, dass du mir mal erklärst, was mit dir los ist.« Mehr Gespräch ist nicht möglich.

Wie bekommt man einen schwer kranken Menschen, dem die Zeit davon läuft, aus seiner Depression heraus?

APRIL 2018

1. April, Ostersonntag

Frage an Vera: »Und wo treibst du so rum?«

»Ich treibe auf der Ardèche rum. Haben heute in erster Linie Technik geübt. Also ins Kehrwasser kommen und auf rollendem Wasser bleiben. Morgen die erste längere Fahrt.« Vera übt sich im Kajakfahren.

Wir haben eine Verabredung für eine Tour mit dem Schneemobil. Fahren nach Vuokatti. Wir werden vom Veranstalter mit warmer Ausrüstung versorgt, jeder bekommt ein Schneemobil, kurze Einweisung und schon fahren wir in einer kleinen Gruppe zuerst über den zugefrorenen See und dann durch den Winterwald. Irgendwo in der Einsamkeit ist eine gemütliche Hütte, wo wir einkehren und mit Kaffee und Gebäck versorgt werden. Es ist traumhaft. Macht Spaß. Voll cool. So viel Sonne hatten wir auch schon monatelang nicht mehr. Zum Glück haben wir unsere Sonnenbrillen dabei.

Ralf taut ein wenig auf. Er hat seinen Fotoapparat dabei und macht in den Pausen Aufnahmen. Aha, da ist er also in seinem Element. Ich muss ihm Möglichkeiten zum Fotografieren bieten, damit ich ihn aus der Reserve locke!

2. April, Ostermontag

Gehe morgens im örtlichen Hallenbad schwimmen. Das brauche ich einmal pro Woche, das zieh ich durch, egal wo ich bin. Das gibt mir Kraft, entspannt mich ein wenig.

Zusammen mit Sérafin fahren wir heute ein längeres Stück durch die Gegend und lassen die weiße Winterlandschaft auf uns wirken.

Schlage Ralf vor, zu Pfingsten eine Reise nach Korsika zu buchen. Da wollte er doch schon immer gerne hin. Und jetzt haben wir gesehen, dass fliegen unproblematisch ist. Ralf gibt keine Antwort.

Abends rutscht Ralf auf dem eisglatten Weg vorm Hotel aus, knallt dabei mit dem Kopf aufs Eis. Wir stolpern ins Hotelzimmer. Da stellen wir fest, dass der ganze Hinterkopf voller Blut ist. Nur nicht in Panik ausbrechen. Sieht aus wie eine kleine Platzwunde. Ich darf kein Handtuch verwenden, nur Papiertaschentücher. Bringe Ralf umgehend ins Krankenhaus, kenne den Weg, hab ihn mir gleich als erstes eingeprägt. Dort wird die Wunde versorgt, ist nichts Schlimmes. Aber als Krebspatient bekommt er vorsorglich ein Antibiotikum.

3. April, Dienstag

Es geht wieder nach Vuokatti. Diesmal haben wir eine Tour mit Hundeschlitten gebucht. Es schneit ununterbrochen.

Wir finden den Startpunkt. Es riecht nach Hund. Die Huskys bellen in ihren Zwingern. Wir gehen in die warme Hütte und werden freundlich begrüßt. Es ist ein Australier, auf den wir treffen. Aber er hat sich in eine Finnin verliebt und kennt sich nun mit Huskys aus. Wieder werden wir warm verpackt. Diesmal sind wir die einzigen Gäste. Ich hatte gedacht, wir würden womöglich im Schlitten sitzen, aber nein, jeder von uns bekommt seinen eigenen Schlitten, gezogen von fünf Hunden und fährt höchst selbst. Wunderbar! Was für eine Chance!

Die Loipe musste vorher mit dem Schneemobil ein bisschen vorbereitet werden, der Schnee fällt noch immer. An einigen Stellen sei der Schnee doch recht tief, heißt es, mal sehen, ob die Hunde da durchkommen.

Prinzipiell wollen die Tiere rennen. Wer also auf dem Schlitten steht und anhalten will, muss dafür sorgen, dass er mit Kraft auf der Bremse steht und den Tieren so klar macht: Jetzt bleiben wir hier.

Wird der Schnee zu tief und die Tiere versinken oder geht es etwas bergan und es wird den Tieren zu anstrengend, muss man sich mit einem Fuß auf den Schlitten stellen und dann mit dem anderen wie bei einem Roller treten um seinen Hunden zu helfen.