Future Family - Dr. Ana Hoffmeister - E-Book

Future Family E-Book

Dr. Ana Hoffmeister

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Beschreibung

Familie ist ein Sehnsuchtsort. Wir alle wünschen uns diesen liebevollen Raum, der Halt und Geborgenheit schenkt. Ana Hoffmeister hat sich auf die Reise gemacht zu Familien, die ganz unterschiedliche und vielfältige Modelle leben, und dabei die Frage gestellt, wie Vereinbarkeit in Zukunft gelingen kann.  Fehlende Kita-Plätze, Bildungsmisere und ein marodes Pflegesystem: betroffen sind am Ende die Familien. Sie fangen auf, was das System immer weniger leisten kann. Und zahlen für die Vereinbarkeit oft einen hohen Preis. Überlastete Mütter und Väter verzichten auf Karrierepläne und kämpfen um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, um Zukunftschancen für ihre Kinder und eine unbeschwerte Zeit mit ihnen. Dabei fühlen sich Eltern immer mehr alleine gelassen – und das obwohl alle vor denselben Herausforderungen stehen. Ana Hoffmeister, zweifache Mutter, Unternehmensberaterin, Speakerin und Podcasterin, wirft in diesem Buch die Frage auf, wie Familie neu gedacht und gelebt werden kann – um die jetzigen und zukünftigen Anforderungen zu stemmen. Sie nimmt uns mit auf eine spannende Reise zu unterschiedlichsten Wohn- und Lebensmodellen – von getrennten, alleinerziehenden oder pflegenden Eltern, über doppelt Vollzeitarbeitende bis hin zu Familien in Mehrgenerationenhäusern – und bietet konkrete Lösungsvorschläge, wie wir Familie so gestalten können, dass sie das Leben unserer Kinder nachhaltig positiv prägt. Ein spannender Einblick in vielfältige Familienmodelle und ein neuer Beitrag zur Vereinbarkeitsdebatte.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 394

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Dr. Ana Hoffmeister

Future Family

Familien am Limit - neue Impulse für mehr Vereinbarkeit

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Familien übernehmen immer mehr das, was eigentlich der Sozialstaat leisten sollte. Ob Bildungsgerechtigkeit für Kinder, gleichberechtigte Elternschaft oder ein Altern in Würde: Schon jetzt entscheiden die finanziellen Möglichkeiten, die Herkunft und der familiäre Hintergrund über Lebenschancen. Die Folgen von Personalmangel und Bildungsnotstand werden von der Politik kleingeredet. Doch mit individuellen Pflegekonzepten, modernen Familienstrukturen und dem Wiedererwecken der Großfamilie zeigt Ana Hoffmeister Möglichkeiten auf, diesen Herausforderungen zu begegnen. Sie nimmt uns mit auf eine Reise zu unterschiedlichen Lebensmodellen und -entwürfen und macht konkrete und alltagstaugliche Lösungsvorschläge, wie wir in Zukunft zusammenleben könnten.

 

Weitere Informationen finden Sie unter: www.droemer-knaur.de

Inhaltsübersicht

Motto

Widmung

Vorwort

Familie zwischen Wandel und Wertzunahme

Future Family – eine Generation geht neue Wege

Kommt die Großfamilie zurück?

Wofür brauchen wir unsere Eltern, wenn wir selbst schon Eltern sind?

Meine deutschen Großeltern

Zurück zur Großfamilie

Können wir Familie nachbilden?

Die »Bonus-Mami«

Das Gefühl, nie fertig zu werden

Neuland betreten

Leben mit vier Generationen

Eine Aufgabe der Politik oder eine Frage der Kultur?

Warum wir alle Generationen brauchen

Ein gemeinsamer Kraftakt steht bevor

Was Familien tragen und leisten werden

Die Pflegelawine rollt auf uns zu

Wer kann die Lawine stoppen?

Pflege zwischen Berufung und Belastung

Unter dem Radar: Junge Pflegende – »Young Carers«

Was Unternehmen tun können

Vom Ende her gedacht

Was Familie, Leben und Beruf zusammenhält

Partnerschaft auf Augenhöhe

Rollenbilder und ein Leben mit pflegebedürftigen Kindern

Sich Hilfe organisieren

Familie als Lebensziel

Wir können alles ändern, nur eines nicht

Auf das Bauchgefühl hören: allein zusammen erziehend

Future Family – Lasst uns das System verändern, nicht die Familie!

Ist New Work die Lösung?

Die Suche nach dem »Best Fit«

Survival of the Fittest oder Survival of the Best Fit?

Familie und Beruf strikt getrennt

Familienplanung, Social Freezing und Kinderlosigkeit

Karriere ohne Knick und Kinder

Familie neu denken – auch ohne Kinder

Zwischen Wunsch und Wirklichkeit – Geht da vielleicht doch noch mehr?

Wir machen halbe-halbe

Auch auf die Väter wird es ankommen

Nachwort: Siehst du das auch? Ein Blick in die Zukunft

Dank

Wenn die Sehnsucht größer als die Angst ist, wird Mut geboren.

Ohne Sehnsucht machen wir uns nicht auf den Weg.

 

Rainer Maria Rilke

Für E., J. und die Eltern von morgen

Vorwort

Mein Vorname besteht nur aus drei Buchstaben. In der Sprache meines Vaters bedeutet Ana »Mutter«. Ich weiß nicht, was sich mein Vater dabei gedacht hatte, als er mir diesen Namen gab. Mir, seiner ersten Tochter, die er in einem Krankenhaus in Teheran das erste Mal in seinen Armen hielt. Das war im Juni 1985. Mitten im Ersten Golfkrieg. Teheran wurde jede Nacht bombardiert und war menschenleer. Die Sirenen heulten wie grelle Warnrufe. Vom Himmel fielen Bomben. In dieser dunklen Zeit erblickte ich mit einem lauten Schrei das Licht der Welt.

Vielleicht wollte mir mein Vater mit diesem Vornamen von Anfang an seine Sehnsucht ins Herz legen. Eine Sehnsucht nach einem besseren Morgen, nach einer neuen Generation, die den Lauf der Dinge verändern könnte. Viele seiner Hoffnungen waren damals schon enttäuscht worden: die Hoffnung auf politische Veränderungen, auf Meinungs- und Religionsfreiheit, auf eine gerechtere Welt, auf gesellschaftliche Teilhabe, auf Frieden. Er setzte alles auf eine Karte, seine Familie, und verband mit ihr die Hoffnung auf eine Zukunft, in der wir Heimat finden würden.

Vermutlich war es die Sehnsucht nach einem Leben, in dem Eltern ihren Kindern draußen unbekümmert beim Spielen zuschauen würden und wüssten: Sie werden es gut haben. Die Sehnsucht nach einer Gesellschaft, in der Freiheit für alle möglich wäre und die Zukunft schon im Heute gestaltet werden könnte. Die Sehnsucht nach einem Zuhause, in dem sich die ganze Familie geborgen und sicher fühlen und wo der Duft von Reis mit Butter und Safran, von Eintöpfen mit frischen Kräutern und aufgeschnittenen Zwiebeln die Räume erfüllen würde. Wo Großeltern, Tanten, Onkel, Mütter, Väter, Cousins, Cousinen, viele Kinder beisammen auf dem ausgebreiteten Sofre sitzen und gemeinsam essen würden. Wo sich die Teller immer wieder mit Köstlichkeiten füllen würden. Pistazien, Mandeln, Rosinen, Melonen, Orangen, dazu dampfender heißer Tee mit Würfelzucker. Wo sie sich Geschichten erzählen, Gedichte vortragen und leidenschaftlich über Politik und das Leben diskutieren würden. Bis tief in die Nacht. Ohne Angst vor dem nächsten Tag. Ein Stück heile Welt.

Ich werde es nicht mehr erfahren können. Doch diese drei harmlosen Buchstaben, A-N-A, färbten schon sehr früh meine heutige Identität. Seit ich denken kann, gab es in mir die Sehnsucht nach diesem Ort. Zugehörigkeit und Heimat, die in Form einer Familie sichtbar wird. Ein Ort, an dem wir uns sicher fühlen, geliebt und angenommen werden – so wie wir sind. Ein Ort, für den wir leidenschaftlich kämpfen, weil es sich lohnt, ihn zu schützen. Ein Ort, an dem das Leben gefeiert wird. Ein Ort, an dem wir füreinander da sind – wenn auch nicht immer einer Meinung. Ein Ort, wo wir versöhnt miteinander leben, voneinander lernen können – über Generationen hinweg. Ein Ort mit großherzigen Menschen, auf die man immer zählen kann. Besonders, wenn es mehr als zwei Schultern braucht, um die Last des Lebens zu tragen. Ein Ort mit Kindern, in deren Augen wir die Hoffnung auf ein neues Morgen aufblitzen sehen. Und uns daran nicht sattsehen können.

In das Land, das mein Vater seine Heimat nannte, ist er nie zurückgekehrt. Auch ich habe seit 1985, dem Jahr meiner Geburt und unserer Flucht aus dem Iran, nie wieder diese alte Heimat betreten. Gewiss ist auf dieser Flucht viel verloren gegangen. Die Sehnsucht nach diesem Ort aber ist geblieben. Heute begegne ich dieser Sehnsucht überall dort, wo wir in Herzlichkeit, Unbeschwertheit, Vertrauen und Offenheit zusammenkommen. Wo wir Freude, lautem Lachen, gutem Essen und Geschichten Raum und Zeit geben. Dort, wo sich Kinder auf Anhieb wohlfühlen und ihre Eltern inständig bitten, noch etwas länger zu bleiben. Im Kreise einer Familie.

Familie ist für mich ein Ort, an dem nicht nur unsere Hoffnung auf ein besseres Morgen sichtbar wird, sondern an dem wir unser Morgen gemeinsam gestalten können. Hier kommen wir zum ersten Mal im Leben mit einer Gemeinschaft in Berührung. Hier erfahren wir im Idealfall bedingungslose Annahme, Zuspruch, Zugehörigkeit und Liebe. Hier lernen wir bestenfalls, wer wir sind, wie wir sind und dass wir sein können, wer und wie wir sind. Und vielleicht ist Familie gerade deshalb in ihrer Bestimmung so fragil, umkämpft und gefährdet wie kein anderer Ort. Ihren Wert zu begreifen und ihn zu stärken ist das, was unser Morgen lebenswert machen wird. Denn Familie ist auch der Ort, wo wir zum ersten Mal im Leben mit Ablehnung und Mangel konfrontiert werden. Wo wir Konflikte bis hin zu Traumata erleben, die von Generation zu Generation weitergegeben werden können. Familie ist der Ort, wo Hoffnungen enttäuscht werden können. Diese beiden Erfahrungswelten tragen wir ein Leben lang – mehr oder weniger bewusst – in jede zwischenmenschliche Beziehung hinein. In Freundschaften, Beziehungen, neue Gemeinschaften, Organisationen, Arbeitsverhältnisse und irgendwann in die Familie, die wir selbst gründen.

 

Diese Sehnsucht nach einem Stück heile Welt tragen wir alle in uns. Ich glaube, sie kommt besonders dann zum Ausdruck, wenn sich Menschen entscheiden, eine Familie zu gründen und sie damit einen Ort von Geborgenheit und gleichzeitig Freiheit, bedingungsloser Annahme und Liebe schaffen wollen. Generationen über Generationen haben diese Sehnsucht schon gespürt und weitergegeben – auch trotz Hungersnöten, Kriegen, Wirtschaftskrisen, Verfolgung, Flucht und anderen Katastrophen und Ungewissheiten. Und mit jedem Kind, das das Licht der Welt erblickt, verändert sich der Blick der Eltern auf das Leben. In diesem einen Moment, der sich unvergesslich scharf in das Gedächtnis einbrennt und uns ohne Worte bewusst macht, dass das Leben selbst ein großes Geschenk ist. Dieser Moment, der uns erleichtert aufatmen lässt und gleichzeitig unsere Augen mit Tränen füllt. Dieser Moment, in dem die Welt für einen Augenblick stillzustehen scheint und nichts, wirklich nichts wichtiger ist als dieses eine neue Leben. Hoffnung, die sichtbar geworden ist.

Die Vorstellungen, die meine Eltern in den 80er-Jahren inmitten von Krieg, Verfolgung und Flucht über das Morgen hatten, sind inzwischen zu meinem Heute geworden. »Unsere Kinder werden es einmal besser haben«, sagten sie sich und bezahlten für diesen Wunsch einen sehr hohen Preis. Aber die Sehnsucht nach einer besseren Zukunft für die Familie war es ihnen wert. Und es ist eingetreten: Heute haben wir es an vielen Stellen besser. Trotzdem lebt die Sehnsucht meiner Eltern in mir weiter, verantwortungsvoll mit Familie umzugehen und gleichzeitig mit Familie und durch Familie die Zukunft zu gestalten.

Inzwischen habe ich selbst Kinder. Sie nennen mich »Mama« – ein weiterer Name, auf den ich höre. Ich frage mich oft, ob und wie sich meine Wünsche an unser Morgen von den Hoffnungen meiner Eltern damals unterscheiden. Ich versuche mir vorzustellen, wie das, was meine Kinder eines Tages als ihr Heute erleben werden, wohl aussehen mag. Dabei frage ich mich nicht nur, wie ich am Ende meines Lebens über getroffene Entscheidungen zwischen Familie und Beruf denken werde, sondern auch, welche Entscheidungen meine Kinder in ihrem Leben treffen werden.

Familie zwischen Wandel und Wertzunahme

Familie ist noch immer der Ort, an dem die wichtigsten Fragen des Lebens beantwortet werden: nach der eigenen Herkunft, der Identität und der Zugehörigkeit. Familie war schon immer mehr als Mutter, Vater, Kind. Familie – das sind generationsübergreifende Beziehungen und die Zugehörigkeit zu einer Geschichte, die vor uns begonnen hat und uns überdauern wird. Eine Geschichte, die wir mit unserem eigenen Leben weiterschreiben. Familie ist der Ort, an dem wir sehen können, wie die Vergangenheit die Gegenwart prägt und wie wir aus der Gegenwart heraus die Zukunft gestalten können. In der Spannung dieser Themen bleibt Familie ein Sehnsuchtsort nach einem besseren Morgen.

Familie ist für 91 Prozent der Eltern von minderjährigen Kindern in Deutschland das Wichtigste im Leben – noch vor Freundschaft und Beruf.1 Auch in der jungen Generation genießt Familie einen hohen Stellenwert: Für 57 Prozent der 14- bis 29-Jährigen ist es die eigene Familie, die dem Leben Sinn gibt. Eigene Ziele, Freundschaften und Partnerschaften folgen in den Nennungen mit einigem Abstand. Auch bei der Abfrage nach Orientierungspunkten für ihre eigene Lebensgestaltung schneidet die Bedeutung der Familie mit dem Höchstwert ab (48 Prozent) – dicht gefolgt von Gesundheit (47 Prozent).2 Bei der Frage nach Vorbildern nennt sogar ein Drittel der befragten Jugendlichen die eigenen Eltern. Diese traditionellen und konventionellen Werte unterscheiden sich kaum noch von denen der älteren Generation und lassen auf gute Beziehungen zwischen Eltern und Kindern schließen, anstatt auf Generationenkonflikte.

Das zeigt zum einen, dass Familie für viele noch immer eine wichtige Orientierung für das eigene Leben bietet. Zum anderen, dass die Sehnsucht nach Familie, nach versöhnten und guten Beziehungen nach wie vor relevant ist und auch in Zukunft bleiben wird.

Doch auch aus anderen Gründen wird Familie ihren hohen Wert behalten und in der kommenden Zeit wahrscheinlich sogar noch steigern. Die Zunahme und Überlappung verschiedener aktueller Krisen sind ausschlaggebend dafür. Ob Krieg, Wirtschafts- und Klimakrise, demografische Entwicklung oder Fachkräftemangel in der Pflege, in den Kinderbetreuungseinrichtungen oder in Schulen – wir sind mitten in einer gewaltigen Multikrise mit wachsenden Herausforderungen auf politischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Ebene. Parallel dazu hat das Vertrauen in die staatliche Handlungsfähigkeit einen Tiefpunkt erreicht. 69 Prozent der Bevölkerung trauen der Politik nicht zu, die aktuellen Krisen, Aufgaben und Probleme zu bewältigen.3 Schon jetzt fehlen in Deutschland 378000 Kitaplätze4, über 12000 Lehrer5 und 153583 Fachkräfte allein in der Altenpflege6. Aktuell kann das bestehende System diese Lücken nicht auffangen oder zukunftsfähige Lösungen anbieten.

Wenn sich das nicht ändert, werden Familien in Zukunft zusätzliche Belastungen tragen müssen – ob bei plötzlicher Kitaschließung oder Unterrichtsausfall an Schulen, bei fehlenden Pflegeplätzen oder Pflegefachkräften. So wird die Frage lauter, wie sich dann das ohnehin herausfordernde Leben zwischen Familie und Beruf mit zusätzlichen Belastungen gestalten wird.

Die Pandemie hat bereits gezeigt, dass uns in Notlagen Lösungen auf Systemebene fehlen. Familien mussten überall dort einspringen, wo Unterstützungssysteme wegfielen. Sie haben über lange Zeit enorme zusätzliche Belastungen getragen und sind dabei an die Grenzen ihrer Kräfte gekommen. Diese Ausnahmezeit in Bezug auf die Belastung der Familien ist kaum aufgearbeitet worden.

Ja, es stimmt: Mit Familie kommen wir besser durch Krisen als ohne.7 Doch in Krisenzeiten und auch danach nimmt die Erschöpfung der Eltern häufig zu. Die Anzahl der Kuranträge ist in den letzten Jahren enorm gestiegen, viele Eltern sind jetzt, nach der Pandemie, einem Burn-out deutlich näher gekommen als noch währenddessen.8 Das zeigt, dass wir nicht nur die Bewältigung von Krisen betrachten dürfen, sondern auch die Zeit(en) danach. Neben zunehmenden familiären und beruflichen Herausforderungen nehmen psychische Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen sowie Erschöpfungssymptome bei Eltern zu.9 Familien sind am Limit. Deshalb drängt sich die Frage auf: Werden Familien in Zukunft überhaupt stark genug sein, um weitere Belastungen tragen zu können?

Aus meiner Sicht stehen die Zeichen dafür aktuell auf Rot. Familien sind nicht nur Leistungsträger, sondern auch Belastungsträger. Sollten Familien neben Beruf und Familie in Zukunft Kita- und Schulschließungen oder die Pflege privat auffangen müssen, manövriert das insbesondere Mütter noch weiter in das berufliche Aus und in vielen Fällen die Familien in finanzielle Notlagen. Der Bogen ist überspannt.

Erschwerend kommt hinzu, dass Familie zwar einerseits seit vielen Jahren einen konstant hohen Wert in der Gesellschaft genießt, aber gleichzeitig 75 Prozent der Bevölkerung meinen, dass für sie Deutschland kein kinderfreundliches Land sei.10 In Frankreich hingegen empfinden das nur 18 Prozent der Bevölkerung.11 Die Geburtenrate ist bei uns auf einem Tiefstand und Familie unterliegt einem erkennbaren Wandel. Neue Familienformen und Lebensgemeinschaften bilden sich – die klassische Familie wird seltener und das Leben innerhalb von Großfamilien ist so gut wie aufgelöst.

In gesellschaftspolitischen Debatten wird Familie fast immer in Bezug auf die Verfügbarkeit der Arbeitskraft von Eltern thematisiert. Familie steht als Thema nicht für sich, sondern wird gegen die Interessen der Wirtschaft abgewogen. In der Öffentlichkeit wird Familie selten als bereichernder und lebenswichtiger Faktor für die Zukunft der Gesellschaft betrachtet. Dafür aber als eine Herausforderung, die mithilfe von verschiedenen Ansätzen und Modellen gelöst werden muss. Finanziell, gesellschaftlich oder rechtlich, zum Beispiel in den Bestrebungen der Politik nach einer Aktivierung der Fachkräftereserve bis hin zur umfassenden Familienrechtsreform. Aber wie wollen wir in Zukunft wirtschaftlich wachsen, wenn die Bevölkerung schrumpft? Wie wollen wir die vor uns liegenden Krisen bewältigen, wenn der Zusammenhalt in Familien abnimmt?

Zwischen Wandel und Wertzunahme verlieren wir den Blick dafür, dass Familie einer der wichtigsten und gleichzeitig am meisten unterschätzten Gesellschaftsbereiche unserer Zeit ist. Familie hat Transformationskraft für die ganze Gesellschaft. Familie macht Gesellschaft stark. Familie ist Rückgrat und Zukunft. Hier werden als Erstes Werte gebildet, weitergegeben und gelebt.

Fällt die Familie weiter auseinander, wird es auch unsere Gesellschaft tun. Mehr denn je werden wir deshalb eine eindeutige Antwort auf die Frage benötigen: Was ist uns Familie heute noch wert? Die Antwort wird nicht nur darüber entscheiden, ob innovative Lösungsansätze und Modelle im Spannungsfeld zwischen Leben und Beruf wirksam sein können. Die Antwort wird vor allem darüber entscheiden, wie unsere gemeinsame Zukunft aussehen wird.

Future Family – eine Generation geht neue Wege

Transformation beginnt immer von innen nach außen. Was im Kleinen nicht funktioniert, kann auch im Großen nicht funktionieren. Mit anderen Worten: Was in der Familie nicht funktioniert, kann auch in der Gesellschaft nicht funktionieren. Fehlt es in Familien an Beziehungen und Nähe zwischen Jung und Alt, wird generationsübergreifende Zusammenarbeit auch im Arbeitskontext oder in unserer Gesellschaft eine Seltenheit bleiben. Die Familie legt die Kultur unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens fest. Nicht nur in der Gegenwart, sondern auch in der Zukunft: Wie wir heute Familie leben, wirkt sich nicht nur unmittelbar auf unsere eigenen Kinder aus, sondern prägt schon jetzt die übernächste Generation und ihre Entscheidungen zwischen Familie und Beruf. So orientieren sich werdende Eltern bei der Frage der Vereinbarkeit von Familie und Beruf vor allem an ihren eigenen Müttern.12 Mütter vor allen anderen prägen also zukünftige Eltern – von Generation zu Generation. Gleichzeitig wird es nötig sein und hilfreich, gerade in Krisenzeiten den eigenen familiären Horizont zu erweitern und andere Lebensentwürfe kennenzulernen.

 

Vor dem Hintergrund der zunehmenden Spannung zwischen Wandel und Wertzunahme von Familie stellen sich viele Fragen: Wie werden wir Familie und Beruf in Zukunft leben und erleben? Was wird verloren gehen, was wird bleiben und was wird neu entstehen? Und vor allem: Welches Bild von Familie, Leben und Arbeit geben wir mit unseren heutigen Entscheidungen an unsere Kinder weiter – an die Eltern von morgen?

Ausgehend von diesen Fragen ist die Idee zu diesem Buch entstanden. Auf der Suche nach Antworten habe ich in den vergangenen Jahren das Gespräch mit Müttern, Vätern und Großeltern gesucht – aus unterschiedlichen Generationen und Lebensphasen, mit unterschiedlichen Werten, Orientierungen und Lebensentwürfen. Doch ich habe nicht nur mit Eltern gesprochen, sondern auch mit Singles und Paaren, die sich bewusst gegen Kinder entschieden haben oder ungewollt kinderlos geblieben sind. Mir war von Anfang an klar, dass meine Fragen ein Stich ins Wespennest sein könnten. Ich habe sie trotzdem gestellt – und es nicht bereut. Meine Gesprächspartner habe ich nach Beweggründen hinter ihren Entscheidungen gefragt, nach ungeschönten Einblicken in den Alltag zwischen Familie und Beruf, nach dem verborgenen Preis für die Entscheidungen und nach dem, was sie der nächsten Elterngeneration mit auf den Weg geben würden.

In vielen Gesprächen sind Tränen geflossen – aus Verletzung, Verzweiflung, Enttäuschung, aber auch Dankbarkeit. Jedes Gespräch brachte unverarbeitete Themen auf und löste im Nachgang immer etwas aus: Bei manchen waren es eine tiefere Reflexion und Auseinandersetzung mit dem eigenen Lebensweg. Bei anderen kam es zu Aussprachen und Debatten in der Paarbeziehung aufgrund unterschiedlicher Wahrnehmung der Lebensabschnitte. Bei fast allen war die Sorge groß, durch das Gesagte missverstanden zu werden. Allen war klar, dass Äußerungen nicht nur einen selbst, sondern jeden in der Familie betreffen.

Jedes Gespräch öffnete für mich ein weiteres Fenster und warf ein neues Licht auf die Themen, die sich hinter dem Schlagwort »Vereinbarkeit von Familie und Beruf« verbergen. Einige dieser Gespräche haben ihren Weg in dieses Buch gefunden. Sie geben private Einblicke und zeigen die Spannungen auf, die sich zwischen eigenen Zielen und Partnerschaft, zwischen Eltern-, Pflegezeit und beruflichem Wiedereinstig, zwischen Finanzen, Vorsorge und eigener Gesundheit, zwischen Kindern, Großeltern und Angehörigen entladen. Sie zeigen aber auch individuelle Lösungswege von Eltern und Paaren auf. Neue Wege, die diese gefunden haben und gegangen sind. Erfahrungswerte aus erster Hand einer neuen Elterngeneration, die Familie und Arbeit so lebt, wie es für ihre individuellen Rahmenbedingungen und Voraussetzungen passt und möglich ist.

Diese vielfältigen persönlichen Einblicke sind in diesem Buch eingebettet in die übergeordnete Frage, wie wir in Zukunft Familie, Arbeit und Leben gestalten werden. Wie wir zusammenleben können, wer zu unserem Familienleben dazugehört, wie sich der Stellenwert von Familie in unserer Gesellschaft verändern kann und was es dazu braucht.

Kommt die Großfamilie zurück?

Māmān-bozorg, warum kommst du uns nicht besuchen? Lässt Khomeini dich nicht zu uns nach Deutschland kommen?« Ich hielt den Telefonhörer unseres olivgrünen Scheibentelefons aufgeregt mit meinen beiden kleinen Händen fest umklammert. Meine Oma am anderen Ende der Leitung im Iran verstummte augenblicklich. Meine Eltern, die während des Gesprächs neben mir standen, nahmen mir aufgeregt den Hörer aus den Händen und wechselten schnell das Gesprächsthema.

Ich muss drei gewesen sein. Zu klein, um zu verstehen, was da gerade passiert war. Ich hatte mir nichts bei dieser Frage gedacht. Denn zu Hause sprachen meine Eltern oft über Khomeini und die Mullahs. Und dass wir deshalb nicht mehr im Iran lebten. Vermutlich hatten mir meine Eltern auch damit versucht zu erklären, warum meine Māmān-bozorg uns nicht so einfach in Deutschland besuchen konnte. Was ich nicht wusste: Telefongespräche wurden im Iran abgehört. Man konnte nicht gefahrlos über alles offen sprechen, wenn man mit Verwandten im Iran telefonierte. Man musste immer vorsichtig sein.

Ferngespräche in den Iran waren außerdem immer eine stressige Angelegenheit. Es war unglaublich teuer, man kam nicht sofort durch. Das Ferngespräch begann grundsätzlich mit der Frage: »Hallo, hallo? Können Sie mich hören?« Ein Ferngespräch war immer mit viel Lautstärke verbunden, weil die Übertragung oft schlecht war. Es war eigentlich kein Gespräch, sondern ein lautes Rufen von unserer in die andere Welt. Auch ohne Lautsprechertaste konnte die ganze Familie das Gespräch verfolgen – so laut war die Stimme aus dem Hörer. Und trotz dieser angespannten Rahmenbedingungen ließen es sich beide Gesprächspartner nicht nehmen, Höflichkeiten auszutauschen, sich ausführlich zu erkundigen, wie es jedem Einzelnen in der Familie und Verwandtschaft ging. Persische Höflichkeit.

Khomeini ließ meine Oma gehen. Sie kam 1990 nach Deutschland und blieb bis zu ihrem Tod 2018 bei uns. Mit der Ankunft meiner Oma in unserem Familienleben veränderten sich zwar nicht die schwereren Bedingungen, unter denen meine Eltern versuchten, in Deutschland Fuß zu fassen. Doch meine Oma half, die Arbeitslast bei uns zu Hause zu mildern. Während meine Eltern die Familie mit verschiedenen geringfügigen Jobs über Wasser hielten, sich um ihre Kinder kümmerten und versuchten, in einem neuen Land Fuß zu fassen, waren mit meiner Oma plötzlich zwei weitere helfende Hände da. Und sie wurden gebraucht – besonders als mein Vater für längere Zeit aufgrund von Krankheit ausfiel und meine Mutter die Sorge- und Erwerbsarbeit allein stemmen musste. Durch die Unterstützung meiner Oma zu Hause konnten meine Eltern ihren Sprachkurs machen, arbeiten und noch mal studieren. Denn ihre Diplome wurden in Deutschland nicht anerkannt. Also ein kompletter Reset mit Anfang dreißig.

Wir waren damals also drei Generationen unter einem Dach. Entsprechend war das Zusammenleben: laut, lebendig, schön und anstrengend zugleich.

Meine Oma unterstützte dort, wo im Familienalltag Hilfe gebraucht wurde. Sie holte uns oft vom Kindergarten und später von der Schule ab. Von meinen deutschen Freunden kannte ich damals niemanden, bei dem die Oma vergleichbar in den Familienalltag integriert war.

Meine Oma kochte gern für uns. Sie nahm sich Zeit dafür. Die Vorbereitungen begannen manchmal am Abend vorher. Essen war wichtig und wurde bereits beim Einkaufen von Lebensmitteln zelebriert. Sie war außerdem eine begnadete Schneiderin. Neben ihrer Nähmaschine lag eine große Keksdose mit der Aufschrift »Danish Butter Cookies«, in der sich zu meiner großen Enttäuschung leider keine Kekse befanden, dafür aber Fäden und Garn in jeder denkbaren Farbe. Sie besaß riesige Tüten mit Stoffresten, eine weitere mit unterschiedlicher Wolle und unzählige Stricknadeln. Abends, wenn der Tag sich neigte, nähte und strickte sie: Pullover, Pullunder, Stirnbänder, Schals und Mützen, Röcke, Hosen und Kleider. Alles für die Enkelkinder. Ich höre noch heute in meiner Erinnerung das rhythmische Geräusch ihrer Nähmaschine, begleitet von leiser klassischer Musik aus ihrem alten, leicht verstaubten Radio. In ihrer Nähe stand immer ein kleines dampfendes Teeglas, in dem zarte Teeblätter schwammen. Sie trank ihren Tee mit zerkleinertem Würfelzucker. Es war ein Ritual, dem ich gern zuschaute.

Mit ihrer Ankunft in Deutschland und in unserem Familienleben legte meine Oma ihr eigenes Leben wie ein Kleidungsstück ab – es blieb im Iran. In Deutschland lebte sie für ihre Familie. Ihre Welt waren wir. Ihr ehemaliges Leben in der Teheraner Großstadt war auf einen winzigen Radius in Deutschland geschrumpft. Bei meiner Oma war ich immer willkommen, sie gab mir nie das Gefühl zu stören. Sie war für mich wie ein Zuhause.

Ich kann kaum lange über ihr Leben nachdenken, ohne mir die Frage zu stellen: Wie viel Schmerz kann ein Mensch in einem einzigen Leben aushalten? Als meine Oma Mitte zwanzig war, wurde sie von ihrem Mann verlassen. Er ließ sie mit den Kindern allein und sich von ihr scheiden – das war in den 60er-Jahren im Iran. Sie hatte zwei Kinder, war berufstätig und machte natürlich auch den Haushalt. Sie litt enorm unter dieser Last. Nach der Trennung fragte sie ihren Ex-Mann nicht ein einziges Mal um Unterstützung, wenn es ihr an etwas fehlte. Sie war eine stolze Frau. Sie hielt die Schwere aus und wurde schwer krank. Ihre sieben Geschwister und die Großfamilie unterstützten sie und sprangen ein. Meine Mutter war damals fünf Jahre alt, ihr Bruder sechs Monate. Rückblickend sagt sie, hätte die Großfamilie die Abwesenheit ihres Vaters auffangen können.

Als die Kinder meiner Großmutter erwachsen waren, wurde es im Iran zunehmend unruhig. Meine Mutter war damals berufstätig und politisch aktiv – wie so viele andere Intellektuelle zu dieser Zeit. Nach der Revolution 1979 und der Gründung der Islamischen Republik veränderte sich der Alltag enorm. Oppositionelle wurden festgenommen, viele wurden hingerichtet. Wenig später brach der Erste Golfkrieg aus. Alle jungen Männer wurden eingezogen, auch der Sohn meiner Großmutter. Und er fiel im Krieg. Was meiner Oma von ihm blieb, war sein Soldatengeschirr. Eine Blechdose. Wir haben sie immer noch.

Ich habe meinen Onkel leider nie kennenlernen können. Solange ich denken kann, hing sein Foto an einer Wand in unserem Wohnzimmer. Ein weiteres Foto von ihm im Zimmer meiner Oma. Dieses breite Lächeln, sein lebensfrohes Gesicht, diese wachen und hoffnungsvollen Augen. Ich kann dieses Gesicht auch heute noch genau vor mir sehen. Ein schmerzhafter Verlust.

Einige Zeit später lernte ihre Tochter im Iran einen jungen Mann kennen, der bereits ein Kind hatte. Sie beschlossen zu heirateten. Und bereits ein Jahr später sollte sich die Familie vergrößern: Meine Mutter war schwanger. Mitten im Krieg. Als sich der Geburtstermin näherte, wurde Teheran jede Nacht bombardiert. Viele Menschen verließen abends die Großstadt, aus Angst vor den Bomben. Nachts saßen die Familien beisammen – wie Hoffnungsorte mitten in der Dunkelheit. Tagsüber kehrten sie vom Land zurück. Doch meine Oma verließ Teheran nicht, sie wollte meine Mutter nicht allein lassen. Denn meine Eltern hatten sich entschieden, in Teheran zu bleiben, damit sie zeitnah ins Krankenhaus fahren konnten. Meine Oma blieb also an der Seite ihrer Familie. Als ich dann mitten im Krieg und im Keller eines Teheraner Krankenhauses nach einem Stromausfall zur Welt kam, hielt sie mich wenig später schon in ihren Armen.

Die Situation im Iran hatte sich währenddessen weiter verschärft. Für Oppositionelle wie meine Eltern wurde es zunehmend gefährlich. Eine große Hinrichtungswelle war im Gange. So entschieden sich meine Eltern, den Iran zu verlassen. Es sollte nur für eine kurze Zeit sein. Alle gingen davon aus, dass sich das Regime nicht lange halten und der Albtraum bald vorbei sein würde. Sie wussten damals nicht, dass sie sich gewaltig täuschten.

Für meine Oma bedeutete diese Entscheidung: Trennung. Angst. Ungewissheit. Ich kann nur erahnen, mit welchen Sorgen sie eingeschlafen und mit welchen Fragen sie aufgewacht sein muss. Würde ihrer Tochter die Flucht gelingen? Würden sie sich wiedersehen? Würde sie am Leben ihrer Enkeltochter teilhaben können? Ich staune, wie sie das Leben bewältigte, trotz aller Unwägbarkeiten: geschieden, alleinerziehend, getrennt von ihren Kindern und ihrer Enkelin. Ihre Großfamilie im Iran gab ihr erneut Halt.

Vier Jahre später stieg meine Oma in Teheran ins Flugzeug. Zwei schwere Koffer in den Händen und ein noch schwereres Herz in ihrer Brust. Denn sie ließ mit diesem Schritt gleichzeitig ihre geliebte Großfamilie im Iran zurück. Es sollte ein Abschied für immer sein. Sie war auf dem Weg in eine neue Welt. Ihre verbleibende Lebenszeit verbrachte sie bei uns in Deutschland. Aber ich glaube, einen Teil ihres Herzens ließ sie im Iran zurück – bei ihren vielen Geschwistern, die sie zum Teil nie wieder sah.

In Deutschland lebten wir nun als Patchwork-Familie in einem Mehrgenerationenhaushalt im achten Stock eines zehnstöckigen Hochhauses. Es waren beengte und einfache Wohnverhältnisse in einem Stadtteil, den man heute vermutlich als »Brennpunkt« bezeichnen würde. Die Familie war in der Zwischenzeit weiter gewachsen. Wir waren jetzt drei Kinder und drei Erwachsene. Meine Eltern drehten jede Mark zweimal um. Wir trugen gebrauchte Kleidung, die wir vom Deutschen Roten Kreuz bekamen. Essen gehen, in den Urlaub fahren, ein eigenes Auto – all das hatten und konnten wir nicht. Aber wir hatten uns und ein warmes Zuhause.

Für meine Eltern war die Konstellation als Mehrgenerationenhaushalt am ehesten ein Glück und eine grundlegende Hilfe, um die Herausforderungen des Familienlebens in einem neuen Land bewältigen zu können. Auch wir Kinder übernahmen von klein auf Verantwortung. Es war ein Geben und Nehmen. Keiner konnte für sich selbst leben. Alle waren gefragt, jeder trug zum Familienleben bei – mal als Gebender, mal als Nehmender. Wir haben das nie hinterfragt. Wir kannten es nicht anders. Wenn meine Oma zum Arzt musste und meine Eltern nicht dabei sein konnten, sprang ich oder eines meiner Geschwister ein, um zu übersetzen. Denn meine Oma sprach kaum Deutsch. Später übernahmen wir auch Telefonate, übersetzten amtliche Briefe, füllten Formulare aus. Wir übersetzten nicht nur sprachlich, sondern zwischen Generationen und Kulturen. Das hat nicht nur meinen Horizont erweitert, sondern mir den Blick geöffnet für das Zusammenspiel der Generationen. Sehr früh habe ich etwas lernen dürfen. Nämlich dass Familie etwas zutiefst Menschliches offenbart: Wir brauchen einander. Jede Generation ist wertvoll. Geben und Nehmen muss nicht Gewinnen oder Verlieren bedeuten.

Über die Jahre hielt meine Oma unsere Familiengeschichte lebendig. Erzählungen aus ihrer Kindheit – eine Familie mit acht Kindern, das Leben ihrer Eltern, ihre Großfamilie – und Erzählungen über meine Mutter, als sie noch klein war. Eine andere Welt. Meine Oma schenkte uns den Blick für unsere kulturellen Wurzeln und Werte. Sie brachte Rituale aus einer anderen Generation ins Hier und Jetzt. Sie stiftete ein Stück meiner heutigen Identität. Ihre Anwesenheit und Fürsorge waren wie ein Schutzraum für mich, wann immer wir als Familie durch schwere Zeiten gingen – und davon gab es viele. Vielleicht, so denke ich heute, hat sie mir mit ihrer Präsenz und Stärke geholfen, resilient zu werden.

Nach acht Jahren bei uns zog sie dann in ihre eigene kleine Einzimmerwohnung ganz in unserer Nähe. Ihr kleines Reich, in dem sie uns regelmäßig willkommen hieß. Als Teenager verbrachten wir jeden Freitagabend bei ihr. Sobald wir unten an der Haustür klingelten, lief sie aufgeregt zur Tür, drückte den Türöffner lange und fest. Bei weit geöffneter Wohnungstür erwartete sie uns mit ausgebreiteten Armen. Doch nicht nur ihre Freude begegnete uns an ihrer Türschwelle, sondern auch dieser unverwechselbare Duft aus ihrer Küche. Der Dampf aus ihren Töpfen, der diesen Duft bis in den Flur verteilte. Perfekter Reis, goldbraune Reiskruste, makelloser Reiskuchen. Reichhaltige Eintöpfe, zartes Fleisch, eingekochtes Gemüse, viele frische Kräuter. Ein Fest für den Gaumen. Sie hatte für eine Großfamilie gekocht, obwohl wir manchmal nur zu zweit oder zu dritt waren. Und egal wie viel wir dann aßen, sie war immer der Auffassung, dass wir zu wenig gegessen hätten. Anschließend gab es einen Schwarztee, Datteln und Obst. Unsere Eltern kamen am späteren Abend dazu, tranken noch ein Glas Tee mit meiner Oma und brachten uns dann nach Hause. Freitagabend bei Oma – das war ein festes Ritual für uns geworden und für sie. Ähnlich wie die großen Familientreffen im Iran, an denen sie traditionell jeden Freitagabend teilnahm.

Je älter meine Oma wurde, desto mehr veränderte sie sich von einer Gebenden in eine Nehmende. Arztbesuche und längere Krankenhausaufenthalte nahmen zu. Ich lebte schon lange nicht mehr im selben Ort, sondern viele Kilometer weit weg. So war jeder Besuch und jeder Abschied ein besonderer Moment. Denn es hätte der letzte sein können. Ihre Lebenskräfte schwanden immer mehr. Sie war blass geworden, ihr Gesicht war eingefallen und schmal geworden. Sie bekam Schmerzmittel, da die Ärzte sonst nicht mehr viel für sie tun konnten. Auf dem Krankenhausbett verschwand ihr Körper unter der Decke, so sehr hatte sie abgenommen. Doch sie war noch immer wunderschön. Ihr inzwischen weißes Haar war noch immer kräftig und gesund, ihr Blick wach und scharf. Selbst in diesem Zustand konnte man ihr die Freude ansehen, die sie an uns hatte. Diese Freude an ihrer Familie war selbst in ihren letzten Lebenstagen ungetrübt.

Inzwischen hatte ich ein Kind bekommen und war also auch Mutter geworden. Für mich war es ein großes Geschenk, dass meine Oma die ersten eineinhalb Jahre meiner Tochter miterleben konnte. Meine Großmutter war nicht nur eine große Hilfe, als wir klein waren oder zur Schule gingen. Ihre Hilfe kam mir auch zugute, als ich erwachsen war und später selbst Mutter wurde. Sie stand mir mit Rat zur Seite, erzählte mir Geschichten aus meiner Kindheit und wie ich als Baby und Kleinkind war. Oft konnte ich ihren Rat in Bezug auf mein Baby wesentlich besser annehmen als den Rat meiner Mutter. Vielleicht weil zwischen uns noch eine Generation lag.

Bei einem Besuch, der für uns im Nachhinein der Abschied gewesen war, wollte sie vor allem die Jüngste sehen: ihre Urenkelin. Meine Tochter lief fröhlich durch die Flure und das Krankenzimmer. Voller Energie und Lebensfreude. Ich fing sie ein und setzte mich mit ihr im Arm zu meiner Oma. Auch meine Mutter war bei diesem Besuch dabei, machte Fotos fürs Erinnern.

Es gibt Momente im Leben, da ist es weniger wichtig, was man sagt, sondern dass man da ist und sich begegnet. So weiß ich heute nicht mehr, was wir uns an diesem Nachmittag erzählten. Dafür hat sich dieser Moment tief in mein Herz gebrannt: Wir alle saßen und standen um ihr Bett herum. Die ganze Breite und Fülle einer lebenden Familie in vier Generationen. Meine Tochter noch ganz am Anfang des Lebens und voller Neugier darauf. Meine Mutter und ich zwischen den Generationen. Und meine Oma am Ende ihres Lebens – kraftlos, aber weise. Alle Facetten des Lebens in einem Raum. Ein Moment. Kostbar und zerbrechlich.

Als meine Oma wenige Wochen nach dieser Begegnung starb, war ich gerade mit meiner Familie an der Ostsee. Meine Mutter erzählte mir am Telefon, was passiert war. Meine Oma war am Abend eingeschlafen und nicht mehr aufgewacht. Ich wäre gern bei ihr gewesen, als sich ihr Lebenskreis an diesem Abend schloss.

Das Leben meiner Oma war ein Leben im Dienst der Familie. So ein Leben hinterlässt Spuren. So ein Leben prägt nachkommende Generationen. Heute weiß ich: Alles, was wir geworden sind, haben wir auch ihrem Einsatz und ihrer Hingabe zu verdanken. Ein Leben für uns in Deutschland ohne sie? Kaum vorstellbar – weder für meine Eltern noch für mich. Den Einfluss der Großeltern habe ich mir früher nur wenig bewusst gemacht.

Wofür brauchen wir unsere Eltern, wenn wir selbst schon Eltern sind?

Ob Enkelkinder und Familien von der Beziehung zu den Großeltern profitieren, wird erst seit den 50er-Jahren erforscht. Mit dem Ergebnis: Wer Großeltern hat, kann neben den Eltern auf weitere stabile Bezugspersonen zurückgreifen und verfügt insgesamt über ein größeres Familiennetzwerk. Diese Faktoren können Kinder stärken und eine wichtige Eigenschaft fördern: Resilienz. Diese psychische Widerstandskraft entfaltet sich besonders dann, wenn Kinder mit schwierigen Lebensumständen konfrontiert sind und gleichzeitig auf Unterstützung durch nahestehende Menschen zurückgreifen können.13 Großeltern vermitteln darüber hinaus ein starkes Gemeinschafts- und Kontinuitätsgefühl über Generationen hinweg. Eine wichtige Eigenschaft, um das Gefühl von Zugehörigkeit zu fördern – gerade in Zeiten des Wandels. Diesen gemeinsamen Erfahrungsschatz aus Erlebnissen und Ritualen kann keine gesellschaftliche Institution ersetzen.14

Großeltern erweitern nicht nur das soziale Netzwerk junger Familien, sondern wirken auch auf den beruflichen Wiedereinstieg von Frauen nach der Elternzeit ein.15 Die Eltern werden außerdem durch die Nähe zu den eigenen Eltern maßgeblich entlastet: Engagieren sich die Großeltern, steigt die Zufriedenheit der Mütter in Bezug auf ihre verfügbare Zeit um 14 Prozent. Und das wirkt sich wiederum auf die Zufriedenheit der Kinder innerhalb der Familien aus.16

Ein Manko birgt die Nähe zu den Großeltern jedoch: Tatsächlich kann sich die Abhängigkeit von der großelterlichen Unterstützung auch negativ auf das Berufsleben auswirken. Insofern, als dass Familien, die stark auf die Unterstützung von Großeltern setzen, eher nicht für einen besseren Job umziehen.17 Einleuchtend.

Inzwischen besuchen neun von zehn Jungen und Mädchen in Deutschland eine Kindertageseinrichtung. Trotz Ausweitung der Krippen, Kitas und Ganztagsschulen spielen Großeltern in ganz Deutschland noch immer eine wichtige Rolle bei der Kinderbetreuung. Die repräsentative Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung und des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung greift auf Datensätze der Jahre 1997 bis 2020 zurück und besagt, dass ein Drittel der Krippenkinder und ein Fünftel der Grundschulkinder regelmäßig von ihren Großeltern betreut werden. Bemessen in Zeit verbringen Großeltern im Schnitt acht Stunden pro Woche mit ihren Enkelkindern – besonders am Nachmittag, bei Kita-Schließzeiten oder Erkrankung der Kinder. Dabei springen in der Regel zu 60 Prozent Großmütter und zu 40 Prozent Großväter ein.18

Der Einsatz von Großeltern in der Kinderbetreuung ist somit über die vergangenen Jahrzehnte konstant geblieben. Das lässt darauf schließen, dass die bestehenden staatlichen Unterstützungsformen nicht ausreichen, um die beruflichen Anforderungen an Eltern zu erfüllen. Die Betreuungslücke aufzufangen ist für viele Familien herausfordernder Alltag. Sicher, es gibt Unterstützungsmöglichkeiten: Babysitter, Notfallbetreuung, Au-pairs etc. Aber das können sich nur die wenigsten Familien leisten. Oft kommen dann eben die Großeltern ins Spiel.

In diesem sozialen Unterstützungsnetzwerk nehmen Großmütter mütterlicherseits eine besondere Rolle ein. Brooke Scelza, Anthropologin an der University of California, erforscht diese Thematik im internationalen Kontext. Sie kommt zum Ergebnis, dass Großmütter mütterlicherseits weltweit gleichermaßen stark in die Enkelbetreuung involviert sind. Bei Großvätern hingegen ist dies nicht der Fall – in einigen Regionen sind sie mehr und in anderen weniger involviert.19 Sind Großmütter mütterlicherseits bereits in der Schwangerschaft involviert, wirkt sich das sogar positiv auf die Überlebensrate von Säuglingen aus. So zeigt eine Studie einen Zusammenhang zwischen dem Support der Großmutter und dem Beginn der Geburt. Mütter mit einer engen Bindung zu ihren Müttern sind demnach offenbar chemisch besser vor Frühgeburten geschützt.20 Weitere Studien zeigen einen Zusammenhang zwischen involvierten Großmüttern und dem Schwangerschaftsverlauf ihrer Töchter auf. Die Abwesenheit einer Großmutter mütterlicherseits wird hierbei als ein toxischer Schwangerschaftsstressor belegt. Mütter mit sehr schlechter Beziehung zu ihren Müttern zeigten die schlechtesten Schwangerschaftsergebnisse in allen untersuchten Gruppen.21

Auch Großeltern profitieren von dem regelmäßigen Kontakt zu ihren Enkelkindern: weniger Einsamkeit, weniger Depressionen.22 Als wichtigste Ursache für Langlebigkeit und glückliches Altern wird vor allem genannt, dass die Generationen eng zusammenleben.23

Gemeinschaft zu erleben, der direkte Kontakt zu anderen, die kleinen alltäglichen zwischenmenschlichen Interaktionen – das hilft dabei, dass wir uns wohlfühlen. Und das ist wichtig für das Urvertrauen in die Gesellschaft.24

 

Derzeit haben in Deutschland fast die Hälfte der Menschen im Alter von 46 bis 90 Jahren Enkelkinder. Das sind umgerechnet rund 20 Millionen Großeltern.25 Diese Generation unterliegt einem fortwährenden Wandel: Großeltern sind heute bei der Geburt ihres ersten Enkelkinds im Schnitt knapp drei Jahre älter als noch vor 13 Jahren. Gleichzeitig ist auch die Lebenserwartung gestiegen – sie liegt heute bei 78 Jahren (Männer) bzw. 83 Jahren (Frauen) und ist damit mehr als doppelt so hoch wie vor etwa 150 Jahren.26 Der Lebensabend ist jedoch nicht nur länger, sondern wird aktiver gestaltet als noch vor 60 Jahren. Auch das Berufsleben wird ausgedehnt. Dieser Wandel wirkt sich auf die nachkommenden Generationen aus: Durch den Geburtenrückgang nehmen horizontale Beziehungen zu Geschwistern, Cousins und Cousinen ab, während die vertikalen Beziehungen an Bedeutung gewinnen.27 Es ist global zu beobachten, dass sich Familien verkleinern: In den vergangenen 60 Jahren hat sich die durchschnittliche Anzahl der Kinder innerhalb einer Familie halbiert – von fünf auf 2,4. Das bedeutet wiederum, dass das Verhältnis von lebenden Großeltern zu Enkelkindern kontinuierlich wächst: Während es 1960 weltweit noch 0,5 Milliarden Großeltern gab, hat sich ihre Anzahl inzwischen verdreifacht und liegt bei 1,5 Milliarden. Nach aktuellen Hochrechnungen werden wir 2050 vermutlich 2,1 Milliarden Großeltern haben. Somit würden Großeltern 22 Prozent der Menschheit ausmachen.28 Daraus könnte man schließen, dass Enkelkindern in Zukunft sozusagen mehr Großeltern zur Verfügung stünden und möglicherweise auch Eltern stärker auf die Unterstützung der eigenen Eltern zurückgreifen könnten. Doch in Zukunft werden vermutlich immer mehr Großeltern bis ins Rentenalter erwerbstätig sein. Und diese Entwicklung wird nicht ohne Auswirkung auf die Verfügbarkeit der großelterlichen Betreuung von Kleinkindern bleiben. Bereits heute ist es längst keine Selbstverständlichkeit mehr, dass die Großeltern einspringen, um ihre Enkel zu betreuen. Manchmal ist das von Elternseite auch gar nicht gewollt und manchmal haben Großeltern ihre ganz eigenen Vorstellungen von der Gestaltung und auch der Häufigkeit ihres Kontakts zu ihren Enkeln. Viele Großeltern genießen beispielsweise einerseits ihre enge Bindung zu Kindern und Enkelkindern, legen jedoch andererseits großen Wert auf ein selbstbestimmtes Leben, in dem auch Zeit für Beschäftigungen außerhalb der Familie bleibt.29 Andere würden gern ihre Kinder unterstützen und sich um ihre Enkel kümmern, doch es wird ihnen schnell zu viel oder sie fühlen sich in einem Zwiespalt zwischen Unterstützung und Einmischung in elterliche Entscheidungen. Sie ziehen sich zurück, haben unregelmäßig Kontakt und bedauern gleichzeitig, dass sie ihre Enkel nicht öfter sehen.30 Fest steht: Auch berufstätige Großeltern werden sich zukünftig mit der Geburt ihrer Enkel intensiver mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf auseinandersetzen.

Dass es ohne Großeltern deutlich schwerer ist, erleben all die Familien, die entweder keine Großeltern haben oder aus verschiedenen Gründen nur wenig Kontakt zu ihnen haben. Der fehlende Kontakt zu Großeltern trifft übrigens besonders auf Familien mit Migrationshintergrund zu, bei denen die erweiterte Familie im Heimatland lebt. So wie es bei meiner Familie in den ersten vier Jahren in Deutschland der Fall war. Bis zu meinem vierten Lebensjahr hatte ich keine Erinnerung und Bindung an meine leiblichen Großeltern. Denn sie lebten Tausende Kilometer weit weg.

Meine deutschen Großeltern

Die ersten Menschen, die ich »Oma« und »Opa« nannte, waren nicht mit mir verwandt. Es waren zwei ältere, herzliche Menschen, die in einem winzigen Dorf am Rande des Schwarzwalds lebten. Sie hatten damals ihr Zuhause geöffnet und sich bereit erklärt, eine geflüchtete Familie aufzunehmen. Ihre eigenen Kinder waren schon erwachsen und ausgezogen und sie freuten sich, dass auf diese Weise wieder Leben in ihre Bude kam. Und wie das Leben kam …

Meine Eltern hatten damals sehr schwere Tage in einem Flüchtlingsheim hinter sich. Während sie am Anfang dafür gekämpft hatten, dass unsere Familie, aufgeteilt in zwei unterschiedliche Heime, wieder zusammengeführt wurde, fühlten sie sich dann sehr unsicher in der zugewiesenen Unterkunft. Wegen vereinzelter Gewaltvorfälle im Flüchtlingsheim verbreiteten sich unter den Geflüchteten große Angst und Unsicherheit.

Nach einer kurzen Episode im Flüchtlingsheim atmeten meine Eltern darum auf. Sie betraten die Türschwelle in ihr neues Zuhause: bei Oma und Opa. So zogen wir mit zwei Koffern aus der Millionenstadt Teheran in ein winziges Kaff in der Nähe des Schwarzwalds. Dort lebten wir uns in der Dachgeschosswohnung unserer deutschen Großeltern ein und teilten uns das Badezimmer mit ihnen. Drei Generationen, zwei Sprachen und Kulturen unter einem Dach. Das war sicherlich nicht immer einfach und reibungsfrei. Aber wir fingen an, Brücken zueinander zu bauen.

Oma und Opa hatten einen Hof mit drei Hunden – tatsächlich gehören diese Hunde zu meinen frühesten Kindheitserinnerungen. Fuchs und Hase sagten sich an diesem Ort wirklich Gute Nacht. Hier fuhr täglich zweimal ein Bus in die nächstgelegene Stadt. Und als einzige Menschen mit dunklen Haaren und dunklen Augen sorgten wir bei den Nachbarn sicher für Aufmerksamkeit. Doch sie alle nahmen uns sehr herzlich in ihrem Dorf auf. Und Oma und Opa schlossen uns sowieso schnell in ihre Herzen, unterstützten uns ganz praktisch und waren für uns ein Stück heile Welt in dieser neuen, noch so fremden Welt.

Wenn ich heute meine Mutter über diese Zeit befrage, sagt sie, dass es die bestmögliche Unterstützung gewesen sei, die sie sich in diesem Zustand weit weg von ihrer Heimat, ihrer eigenen Mutter und Familie hätte vorstellen können. Ich glaube, etwas Besseres hätte uns in der Situation nicht passieren können. Schade, denke ich heute, dass ich diese Zeit nicht bewusster mitbekommen habe. Zu gern hätte ich bewusst erlebt, wie wir als Familie hier Schritt für Schritt im deutschen Leben, in unserer neuen Heimat ankamen.

Wir lebten ungefähr anderthalb Jahre bei Oma und Opa, bis es für uns als Familie weitergehen sollte. Inzwischen waren wir gewachsen – wir waren drei Kinder. Wir zogen in unsere erste eigene Einzimmerwohnung in einem Brennpunktstadtteil. Doch wir hielten weiterhin telefonisch Kontakt zu unseren deutschen Großeltern.

 

Heute lebe ich in Berlin – über 600 Kilometer weit weg von meiner erweiterten Familie. Kinder in einer Großstadt (oder auch auf dem Land) großzuziehen, ohne auf großelterliche Unterstützung zurückgreifen zu können, ist kein Kinderspiel. So wie mir und uns geht es unzähligen anderen Familien. Trotz Kitabetreuung und Ganztagsschulen warten große Herausforderungen auf die Familien. Funktionieren die Unterstützungssysteme nicht oder nur eingeschränkt, fällt alles auf die Kernfamilie zurück. Viele Eltern tragen diese enorme Mehrfachbelastung über eine sehr lange Zeit. Nicht alles lässt sich im Vorfeld planen und organisieren. Und selbst wenn, gehen die Pläne bei Notfällen und Krankheiten selten auf. In jungen Familien gehört das fast zum Alltag dazu.

Am ehesten kann meine Mutter unsere Mehrfachbelastung nachempfinden. Manchmal sagt sie: »Das ist wirklich hart. Wir hatten ja anfangs Oma und Opa und dann war später Māmān-bozorg an meiner Seite.«

Wie wichtig der großelterliche Support und der generationsübergreifende Zusammenhalt für das Wohlergehen der Familien tatsächlich ist, das können wir in Krisenzeiten in besonderem Maß erleben. Die Pandemie war dafür ein eindrucksvolles Beispiel: Noch nie habe ich in Berlin so viele Großeltern mit ihren Enkeln auf den Spielplätzen beobachten können. Als während der Lockdowns die Kitas und Schulen geschlossen und wenig später nur sehr eingeschränkt geöffnet waren, sind mit den ersten Lockerungen Großeltern in die Bresche gesprungen. Sie haben die Betreuung der Kinder übernommen, damit die Eltern ihre beruflichen Anforderungen erfüllen konnten. Teilweise waren sie für viele Wochen zu ihren Kindern gezogen, um die Enkelbetreuung zu übernehmen. Andere Familien wiederum entschieden sich, in dieser Zeit vorübergehend zu den Großeltern in die alte Heimat der Eltern zu ziehen, um so Remote-Arbeit und Kinderbetreuung besser unter einen Hut zu bekommen.

Eines kann ich besonders aus den Erfahrungen der vergangenen drei Jahre sagen: Familie scheint noch immer die Instanz zu sein, bei der man im Notfall nicht nur am ehesten bedingungslose Hilfe erfragen, sondern auch erwarten kann.31 Eigentlich schön. Und eigentlich unverzichtbar.

Es braucht nicht nur ein Dorf, um ein Kind großzuziehen. Es braucht auch ein Dorf, um gute Eltern zu sein. Viele Familien versuchen sich dieses Dorf nachzubilden. Es besteht aus Nachbarn, dem Kindergarten, der Schule, aus Babysittern, Freunden und Bekannten. Doch inzwischen wählen auch immer mehr Eltern den Weg zurück zur Herkunftsfamilie – sie ziehen zurück zu ihren Eltern und der weiteren Verwandtschaft. So war es auch bei Elina Penner.

Zurück zur Großfamilie

Elinas Leben beginnt in Kamenka in der ehemaligen Sowjetunion – heute Oblast Orenburg in Südrussland. Hier wächst sie in einer russlanddeutschen, mennonitischen Großfamilie auf. Ihre Muttersprache ist Plautdietsch. Als sie vier Jahre alt ist, siedelt ihre Familie nach Nordrhein-Westfalen über. Ein Leben zwischen zwei Kulturen beginnt. Heute ist Elina Autorin und Unternehmerin – sie leitet das Onlinemagazin »Hauptstadtmutti« und hat gerade ihr zweites Buch mit dem Titel »Migrantenmutti« geschrieben.

Ich bin mit Elina für einen Videocall verabredet. Sie liegt zugedeckt im Bett mit Laptop auf dem Bauch. Ihre Haare hat sie mit einem goldenen Scrunchie zu einem Dutt gebunden. Es ist nicht unser erstes Gespräch. Vor einem Jahr habe ich sie für meinen Podcast interviewt.32 Deshalb weiß ich, dass die nächste Stunde mit ihr unterhaltsam wird. Denn Elinas Humor bleibt in Erinnerung – sarkastisch, emotional und klug. Oft hat sie mir durch ihre Art schon aus dem Herzen gesprochen. Sie kleidet Phänomene, für die ich noch keinen Namen habe, schonungslos in laute Worte. Und sie hat die wohltuende Gabe, verzerrte Ansichten der Eltern-Kind-Blase auf Social Media geradezuziehen und zurechtzurücken. Ihr kultureller Hintergrund und ihr Humor kommen ihr dabei zugute.

Während unseres Gesprächs dämmert es draußen. Das Abendlicht fällt weich durch das Fenster auf Elinas Gesicht. Ein langer Tag geht für sie in ihrer Wahlheimat zu Ende. Hier, auf dem Land in Ostwestfalen, lebt sie mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in einem Haus mit Garten. Es ist Sommer. Statt Großstadtlärm, hört man die Vögel zwitschern. Das Leben im Dorf ist ruhiger und langsamer als in Berlin. Zwischen uns liegen mehrere Hundert Kilometer. Um genau zu sein, 330. Es ist die Strecke, die sie bei ihrem Umzug vor ein paar Jahren zurückgelegt hat – von Berlin zurück zur Großfamilie aufs Land.