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Ob es uns gefällt oder nicht: In jedem Leben schlummert das Risiko, von einer psychischen Krankheit betroffen zu werden. Was sind Auslöser, was typische Symptome, die uns hellhörig machen sollten? In diesem einfach verständlichen Kompendium erfahren Laien alles über Krankheitsbilder, Behandlungsmöglichkeiten und Hilfsangebote in der Schweiz. Die Leserinnen und Leser erkennen, wie sie ihrer psychischen Gesundheit bewusst Sorge tragen und im Krankheitsfall als Betroffene oder Angehörige gezielt reagieren und am richtigen Ort Unterstützung holen können. Wann ist eine Depression tatsächlich eine Depression? Wie begegnet man vereinnahmenden Ängsten? Wie erkennt man eine Schizophrenie, und was ist zu tun, wenn eine nahestehende Person von einer Essstörung betroffen ist? Was sind Zeichen für eine ernst zu nehmende Selbstgerfährdung? Solche Fragen beantwortet der aktuelle Beobachter-Ratgeber, und er vermittelt einen lebensnahen Überblick über die ganze Vielfalt an psychologischen und psychiatrischen Behandlungsangeboten, Informationsstellen und Selbsthilfegruppen in der Schweiz. Er erläutert Wirkungsweisen und Nebenwirkungen von Medikamenten und gibt Aufschluss über neuste Psychotherapiemethoden. Schliesslich klärt er auch über die Rechte von Patientinnen und Patienten bei Zwangsmassnahmen auf. Psychische Gesundheit ist ein wertvolles Gut. Dieses praktische Nachschlagewerk, das in Zusammenarbeit mit pro mente sana entstanden ist, gehört deshalb in jeden Haushalt.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 340
Veröffentlichungsjahr: 2023
Beobachter-Edition
4., aktualisierte Auflage, 2023
© 2013 Ringier Axel Springer Schweiz AG, Zürich
Alle Rechte vorbehalten
www.beobachter.ch
Herausgeber: Der Schweizerische Beobachter, Zürich,
zusammen mit der Schweizerischen Stiftung Pro Mente Sana
Lektorat: Christine Klingler Lüthi, Wädenswil
Reihenkonzept: buchundgrafik.ch
Umschlaggestaltung: Frau Federer GmbH
Satz: Bruno Bolliger, Gudo
Druck: Grafisches Centrum Cuno GmbH & Co. KG, Calbe
ISBN 978-3-03875-505-0
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Inhalt
Vorwort
1 Institutionen, Therapien, Medikamente
Allgemeine Informationen
Nehmen psychische Erkrankungen zu?
Berührungsängste und Stigmatisierung
Stigma: die wichtigsten Tipps
Ursachen psychischer Erkrankungen
Der Wechsel zum neuen Diagnosesystem ICD-11
Hilfe holen: Privatpraxen, Ambulatorien, Tageskliniken
Selbsthilfe und Hilfe von Fachpersonen
Psychiaterin oder Psychologe?
Ambulatorium oder Privatpraxis?
Tageskliniken
Angehörige, Kinder, Arbeitgeber
Aufenthalte in der Klinik
Weder Gefängnis noch Sanatorium: Kliniken heute
Kriseninterventionszentren (KIZ)
Akutstationen
Fürsorgerische Unterbringung, Zwangsmassnahmen
Spezialstationen
Psychologische, biologische, soziale Behandlungsmethoden
Psychotherapie
Kognitive Verhaltenstherapie
Systemische Psychotherapie
Psychodynamische Therapie
Weitere Psychotherapiemethoden
Psychopharmaka
Antidepressiva
Stimmungsstabilisatoren
Anxiolytika
Hypnotika
Antipsychotika
Stimulanzien
Medikamente: die wichtigsten Tipps
Generika, Auslandreisen
Lichttherapie, Schlafentzug, Elektrokrampftherapie
Sozial orientierte Therapien
Recovery
Recovery: die wichtigsten Tipps
Peers
2 Depressive Erkrankungen
Erscheinungsformen, Symptome
Depression aus der Sicht eines Betroffenen
… und aus der Sicht einer Angehörigen
Keine Frage des Willens
Eine Krankheit, viele Formen
Die Symptome
Weiterleben oder nicht?
Schleichender Beginn
Depressionen behandeln
Psychotherapie
Medikamente
Was kann ich selber tun?
Was kann ich als Angehöriger, Freundin oder Kollege tun?
Taschenapotheke Depression
Diagnostische Leitlinien nach ICD-10
Burn-out
Burn-out aus der Sicht eines Betroffenen
… und aus der Sicht einer Angehörigen
Stress als Ursache
Die Diagnose, die es noch nicht gibt
Ein Burn-out behandeln
Selbsthilfe – grossgeschrieben
Taschenapotheke Burn-out
3 Angsterkrankungen
Erscheinungsformen, Symptome
Soziale Phobie aus der Sicht eines Betroffenen
Panikstörung aus der Sicht eines Betroffenen
Generalisierte Angststörung aus der Sicht einer Betroffenen
Wie äussern sich soziale Ängste?
Attacke aus dem Nichts: die Panikstörung
Angst als ständiger Begleiter: die generalisierte Angststörung
Irrational, aber real: Phobien
Angsterkrankungen behandeln
Schwierige Diagnose
Psychotherapie
Medikamente
Was kann ich selber tun?
Den Ängsten zuvorkommen
Was hilft gegen Angstgedanken?
Mit Angstgefühlen zurechtkommen
Taschenapotheke Angsterkrankungen
Diagnostische Leitlinien nach ICD-10
4 Zwangserkrankungen
Erscheinungsformen, Symptome
Zwangsstörung aus der Sicht einer Betroffenen
… und aus der Sicht eines Angehörigen
Zwangsgedanken, Zwangshandlungen
Verwandte Erkrankungen (Zwangsspektrumserkrankungen)
Ursachen
Zwangsstörungen behandeln
Der erste Schritt
Psychotherapie
Medikamente
Wie können Angehörige helfen?
Zwangserkrankung und Arbeitsplatz
Taschenapotheke Zwangserkrankungen
Diagnostische Leitlinien nach ICD-10
5 Schizophrenie
Erscheinungsformen, Symptome
Schizophrenie aus der Sicht einer Betroffenen
… und aus der Sicht eines Angehörigen
Unmerklicher Beginn
Ursachen
Früherkennung
Hauptsymptome: Halluzinationen und Wahn
Veränderte Stimmung
Negativsymptome: Was bei einer Schizophrenie wegfällt
Unterformen der Schizophrenie
Günstige Prognose
Schizophrenie behandeln
Wenn Betroffene nicht wissen, dass sie krank sind
Vertrauen aufbauen
Medikamente
Psychotherapie
Open Dialogue – offener Dialog
Trialog
Weitere Verfahren
Selbsthilfe, Unterstützung für Angehörige
Taschenapotheke Schizophrenie
Diagnostische Leitlinien nach ICD-10
6 Bipolare Erkrankungen
Erscheinungsformen, Symptome
Hypomanische und manische Episode
Depressive Episode
Typ I und Typ II
Bipolare Erkrankungen behandeln
Coaching
Medikamente
Selbsthilfe
Unterstützung für Angehörige
Taschenapotheke bipolare Erkrankungen
Diagnostische Leitlinien nach ICD-10
7 Borderline-Persönlichkeitsstörung
Erscheinungsformen, Symptome
Borderline aus der Sicht einer Betroffenen
… und aus der Sicht eines Angehörigen
Innerer Tumult – oder anhaltende Leere
Das Krankheitsbild: Beispiele
Krankheitsverlauf
Schweregrade
Diagnosestellung
Ursachen
Die Borderlinestörung behandeln
Therapien, die helfen
Medikamente
Selbsthilfe
Die Situation der Angehörigen
Taschenapotheke Borderline-Persönlichkeitsstörung
Diagnostische Leitlinien nach ICD-10
8 Demenz
Erscheinungsformen, Symptome
Demenz aus der Sicht von Betroffenen und Angehörigen
Verschiedene Formen
Symptome
Ursachen
Diagnosestellung
Demenz behandeln
Was können Angehörige tun?
Unterstützung zu Hause
Alters- und Pflegeheim oder Demenzstation?
Medikamente
Taschenapotheke Demenz
Diagnostische Leitlinien nach ICD-10
9 Delir
Erscheinungsformen, Symptome
Delir aus der Sicht eines Angehörigen
Symptome
Ursachen
Ein Delir behandeln
Die Ursache beheben – oder Symptome lindern?
Betroffene begleiten
Tag und Nacht
Das Delir verarbeiten
Taschenapotheke Delir
Diagnostische Leitlinien nach ICD-10
10 Suchterkrankungen
Erscheinungsformen, Symptome
Sucht aus der Sicht eines Betroffenen
… und aus der Sicht einer Angehörigen
Das Krankheitsbild
Alkohol
Cannabis
Heroin und opiathaltige Schmerzmittel
Kokain
Weitere Partydrogen
Sucht und psychische Erkrankungen
Ursachen
Suchterkrankungen behandeln
Medikamente
Suchtberatung, Psychotherapie
Institutionen
Selbsthilfe
Hilfe für die Angehörigen
Taschenapotheke Sucht
Diagnostische Leitlinien nach ICD-10
11 Essstörungen
Erscheinungsformen, Symptome
Essstörungen aus der Sicht einer Betroffenen
… und noch ein Beispiel
Anorexie
Bulimie
Weitere Essstörungen
Krankheitsverlauf
Diagnose
Ursachen
Essstörungen behandeln
Hilfe bei der Anorexie
Hilfe für die Angehörigen
Selbsthilfe
Bulimie behandeln
Selbsthilfe, Hilfe für Angehörige
Andere Essstörungen behandeln
Taschenapotheke Essstörungen
Diagnostische Leitlinien nach ICD-10
12 Chronischer Schmerz
Erscheinungsformen, Symptome
Chronischer Schmerz aus der Sicht eines Betroffenen
… und aus der Sicht einer Angehörigen
Ursachen und Erklärungsmodelle
Chronische Schmerzen behandeln
Interdisziplinäre Abklärung
Interdisziplinäre Behandlung
Medikamente
Alltagsphysiotherapie
Krank – oder doch arbeitsfähig?
Taschenapotheke chronischer Schmerz
Diagnostische Leitlinien nach ICD-10
13 Trauma und Traumafolgestörungen
Erscheinungsformen, Symptome
Trauma aus der Sicht von Betroffenen
Was passiert bei einem Trauma?
Posttraumatische Belastungsstörung
Miterleben, wie andere traumatisiert werden
Traumata und Folgestörungen behandeln
Behandlungsphasen
Care Teams
Zurück in den Alltag
Medikamente
Prognose
Taschenapotheke Trauma
Diagnostische Leitlinien nach ICD-10
14 Autismus und Autismusspektrumströrungen
Erscheinungsformen, Symptome
Autismus aus der Sicht eines Betroffenen
… und aus der Sicht eines Angehörigen
Eine eigene Welt
Schwerer Autismus
Aspergersyndrom
Ursachen
Autismus behandeln
Soziale Regeln erlernen
Wissensinseln verbinden
Medikamente
Wichtiges Elterncoaching
Schwierige Regelschulstrukturen
Betroffene Jugendliche und junge Erwachsene
Gelten Autismus und Asperger als Geburtsgebrechen?
Taschenapotheke Autismus
Diagnostische Leitlinien nach ICD-10
15 ADHS
Erscheinungsformen, Symptome
ADHS aus der Sicht von Betroffenen und Angehörigen
… und noch ein Beispiel
ADHS im Erwachsenenalter – gibt es das?
Das Krankheitsbild
Diagnosestellung
Ursachen
ADHS behandeln
Elterncoaching
Medikamente
Erwachsene behandeln
Taschenapotheke ADHS
Diagnostische Leitlinien nach ICD-10
Anhang
Adressen und Links
Vorwort
Von meinen verschiedenen beruflichen Aufgaben war wohl das Schreiben dieses Ratgebers vor neun Jahren eine meiner schönsten. Nicht nur, weil ich das Buch auf langen Spaziergängen der Aare entlang, begleitet von meiner Hündin, mit einem Diktiergerät in der Hand verfasste, sondern weil der Ratgeber so geschätzt wurde.
Vieles hat sich verändert in den neun Jahren. Das Thema der psychischen Gesundheit hat heute eine viel grössere Bedeutung und auch Präsenz. Fragen rund um die Stärkung der eigenen psychischen Gesundheit beschäftigen heute viele. Im Bereich der Krankheit und Behandlung hat sich leider weniger verändert. Grosse Innovationsschritte blieben aus. Eine Depressionsbehandlung sieht im Jahr 2023 relativ ähnlich aus, wie sie im Jahr 1998 aussah. Ähnlich viele Menschen gesunden, und es dauert auch ähnlich lange, bis jemand gesundet. Dies zeigt wohl vor allem die Komplexität der Psyche und psychischer Krankheit auf.
Eine wichtige Stimme ist hier die Weltgesundheitsorganisation (WHO), die darauf hinweist, dass der primär medizinische Blick auf die psychische Krankheit zu eng gefasst ist und Prävention und Gesundheitsförderung als gesellschaftliche Aufgaben vordringlich behandelt werden müssten.
Es war schön, das Buch selbst wieder einmal zu lesen, denn es ist geprägt von vielen Menschen, die mir Wichtiges mit auf den Weg gegeben haben: Betroffene, Angehörige, Peers, Fachpersonen, meine Mitarbeitenden und die Menschen, die mich ausgebildet haben.
Bedanken möchte ich mich bei der Beobachter-Edition, die dem Thema bereits früh eine hohe Wichtigkeit gab, auch als noch überhaupt nicht klar war, dass ein Ratgeber zu psychischer Gesundheit auch ein kleiner Bestseller sein kann.
Dr. med. Thomas Ihde-Scholl
im Mai 2023
1 Institutionen, Therapien, Medikamente
Allgemeine Informationen
Erleben wir einen Boom psychischer Krankheiten? Wo verläuft die Grenze zwischen psychisch krank und gesund? Wo finden Menschen mit psychischen Schwierigkeiten Hilfe? Hier finden Sie allgemeine Informationen und eine Übersicht über Anlaufstellen.
Schwere psychische Erkrankungen sind zum Glück relativ selten. Man geht davon aus, dass in der westlichen Welt etwa jeder 16. in seinem Leben psychisch schwer erkrankt, also etwa sechs Prozent der Bevölkerung. Als schwere psychische Erkrankungen gelten die Schizophrenien, die manisch-depressiven Erkrankungen, die schwere depressive Störung und gewisse Persönlichkeitsstörungen wie die Borderline-Persönlichkeitsstörung. Viel häufiger als die schweren Formen sind aber zum Beispiel Angsterkrankungen oder auch leichte bis mittelgradige depressive Erkrankungen.
GUT ZU WISSEN Zählt man alle psychischen Erkrankungen – leichte und schwere – zusammen, kann man davon ausgehen, dass in der Schweiz je nach Studie zwischen 30 und 93 Prozent aller Menschen einmal im Lauf ihres Lebens psychisch erkranken. Das tönt beängstigend. Doch gilt es zu bedenken, dass fast 100 Prozent der Bevölkerung in ihrem Leben körperlich erkranken – und dies sehen wir als normal an.
Nehmen psychische Erkrankungen zu?
Den Eindruck bekommt man gelegentlich aus den Medien, doch psychische Erkrankungen sind kein Phänomen unserer Zeit; es hat sie schon immer gegeben. In zahlreichen zum Teil 2000 Jahre alten Texten werden Menschen beschrieben, die unter einer Depression, einer manisch-depressiven Erkrankung oder auch einer Schizophrenie litten. Auch Demenzen wurden bereits vor relativ langer Zeit erwähnt.
Man geht davon aus, dass sich die Erkrankungsraten bei schweren psychischen Erkrankungen nicht gross verändert haben. Der Hauptgrund dafür, dass sie heute etwas häufiger sind, ist die gestiegene Lebenserwartung.
Zugenommen haben dagegen die Stresserkrankungen, Angsterkrankungen oder auch leichte bis mittelgradige depressive Erkrankungen. Hier ist allerdings unklar, ob diese früher einfach nicht erkannt und diagnostiziert wurden oder ob sie wirklich häufiger geworden sind. Oder ob die Zunahme auf einer Mischung aus beidem beruht. Nicht zuletzt haben sich auch die Definitionen einzelner Erkrankungen geändert; sie sind offener geworden, was in der Regel ebenfalls zu einer höheren Erkrankungsrate beiträgt.
HINWEIS Wir gehen gern davon aus, dass Stress ein reines Phänomen der Moderne und der Hauptgrund für die Zunahme psychischer Erkrankungen sei. Bei Naturvölkern zeigt sich aber, dass die Stressbelastung teilweise ebenso hoch ist wie bei uns. Und auch bei uns waren vor 500 Jahren Nahrungsmittelknappheit, Kindersterblichkeit, Gewalt und häufige Kriege an der Tagesordnung und mit einem hohen Stresspegel verbunden.
Sind psychische Erkrankungen ein Phänomen der westlichen Welt?
Nein. Die schwergradigen psychischen Erkrankungen finden sich bei allen Völkern auf unserem Planeten. So tritt die Schizophrenie in fast allen Kulturen gleich häufig auf. Und in gewissen zentralafrikanischen Ländern ist die Erkrankungsrate für schwere Depressionen sogar höher als in Westeuropa.
Der Umgang mit psychischen Krankheiten ist kulturabhängig. Es ist aber ein Mythos, dass Naturvölker Menschen mit einer Schizophrenie nicht stigmatisieren. Die Athabasken in Alaska etwa liessen Menschen mit einer psychischen Erkrankung einfach zurück, wenn sie in ein neues Jagdcamp zogen.
Wenn psychische Störungen so häufig geworden sind, wie unterscheidet man dann, was noch gesund und was bereits krank ist?
Depressiv fühle ich mich ab und zu, schüchtern bin ich schon immer gewesen, und mit meiner Konzentrationsfähigkeit steht es auch nicht zum Besten – habe ich jetzt eine depressive Störung, eine soziale Phobie oder ein ADHS?
Man ist heute der Ansicht, dass sich die meisten psychischen Erkrankungen auf einem Kontinuum zwischen gesund und krank befinden. Viele von uns kennen Stimmungsschwankungen, Stunden oder Tage, an denen wir uns als depressiv, lustlos und innerlich leer erleben. Das ist normal und für sich genommen noch kein Zeichen einer depressiven Erkrankung. Als leichte Depression wird dieser Zustand dann bezeichnet, wenn er für mindestens zwei Wochen anhält. Er behindert Menschen in ihrer Lebensqualität; sie sind aber immer noch fähig, zum Beispiel ihr Arbeitspensum zu erfüllen. Sind die Symptome stärker, spricht man von einer mittelgradigen Depression; hier wird Arbeiten bereits schwierig. Manche Menschen schliesslich werden so depressiv, dass sie nur noch in sich versunken sind und sogar vergessen, sich zu ernähren. Sie leiden an einer schweren Depression. An diesen Beispielen zeigt sich die Bandbreite von der noch als normal betrachteten Verstimmung bis zur schweren Depression.
HINWEIS In der Regel spricht man von einer Krankheit, wenn die normale Regenerationsfähigkeit unseres Körpers überfordert wird. Ein Beispiel: Im Winter haben wir alle Kontakt mit Viren, atmen Tausende davon ein – unser Immunsystem schützt uns. Ist es geschwächt, gibt es zu viele Viren oder sind sie sehr aggressiv, überfordert das unsere Abwehr, und wir entwickeln eine Erkältung oder auch eine Grippe. Ähnlich verhält es sich bei psychischen Erkrankungen: Wir besitzen eine psychische Widerstandskraft und können Stress, Krisen oder den Verlust einer nahestehenden Person im Allgemeinen mit der Zeit bewältigen. Diese Regenerationsfähigkeit und Widerstandskraft wird auch Resilienz genannt (siehe auch Seite 29). Zu einer psychischen Erkrankung kommt es, wenn die Balance zwischen Resilienz und Belastung kippt.
Zusätzlich bestimmen gesellschaftliche Konventionen, was als Krankheit bezeichnet wird. Besonders kontrovers ist dies zurzeit bei Kindern. In einzelnen Studien erfüllen zwei Drittel der Kinder die Kriterien für eine psychische Erkrankung. Auf den ersten Blick ist dies erschreckend. Nun ist es aber gar nicht so einfach, zu entscheiden, was besser ist: Soll die Hürde für die Diagnose eher tief sein – in der Hoffnung, dass man psychische Erkrankungen früh erfassen und behandeln kann? Oder soll die Hürde eher höher sein, damit Kinder, die sich von selbst regeneriert hätten, nicht diagnostiziert werden?
HINWEIS Tatsache ist: In der Regel wird die Förderung von Kindern nur finanziert, wenn eine Diagnose vorliegt. Dies führt zu Diagnose-, aber nicht eigentlich zu Erkrankungs«explosionen».
Gerade im Übergangsbereich zwischen «gesund, aber mit ein paar Auffälligkeiten» und «leicht krank» sind sich die Fachleute auch heute sehr unsicher. Dies führt bedauerlicherweise immer wieder dazu, dass gewisse Erkrankungen oder auch die Psychiatrie generell in Frage gestellt werden. Das Resultat ist Unverständnis denjenigen Betroffenen gegenüber, die schwer krank sind.
Was sind die vier Dimensionen bei psychischen Erkrankungen?
Hier geht es um ein Krankheitsmodell, das erklärt, warum uns psychische Erkrankungen wesentlich mehr beeinträchtigen als körperliche.
Mit der ersten Dimension sind die Anzeichen oder Symptome gemeint, die wir selbst bei uns bemerken und/oder die unserem Umfeld auffallen. Wir fühlen uns lustlos, verspüren plötzlich den Drang, die Herdplatte immer wieder zu kontrollieren, oder haben auf einmal Angst, dass der Nachbar uns beschattet. Wir merken: Etwas stimmt nicht mehr, ist anders.
In der zweiten Dimension werden diese Symptome in einen Kontext gesetzt: Eine Ärztin diagnostiziert eine Zwangsstörung, der Mutter wird erklärt, ihr Sohn sei psychotisch. So lässt sich das Ganze besser einordnen. Das kann entlastend wirken, es kann aber auch Angst machen.
Die dritte Dimension betrifft das Soziale, die sogenannte Krankenrolle. Wer schwer depressiv ist, wird vom Arzt krankgeschrieben. Von dem Betroffenen wird nicht mehr erwartet, dass er täglich arbeiten geht oder zu Hause für die Kinder kocht. Es erfolgt eine Entlastung.
In der Psychiatrie am wichtigsten ist die vierte Dimension. Um sie verständlich zu machen, zunächst ein Beispiel aus dem physischen Bereich: Die Diagnose Krebs wirkt sich auf das Leben der Betroffenen einschneidend aus. Die Lebensperspektive ist plötzlich eine völlig andere, die Selbstwahrnehmung verändert sich, das gesamte Leben wird von einem Moment auf den anderen von der Diagnose dominiert. Bei psychischen Erkrankungen oder Diagnosen passiert etwas Ähnliches; sie prägen unser ganzes Leben. Unser Selbstverständnis wird erschüttert, wir werden unsicher, trauen uns ganz normale tägliche Entscheidungen nicht mehr zu. Vom Umfeld werden wir anders wahrgenommen und behandelt. Wir haben das Gefühl, man habe uns einen Stempel mit den Worten «psychisch krank» auf die Stirn gedrückt. Mit anderen Worten: Wir werden stigmatisiert.
Berührungsängste und Stigmatisierung
Das Wort Stigma bedeutet Brand- oder Wundmal; jemanden zu stigmatisieren bedeutet, ihn «abzustempeln». Die Diagnose «psychisch krank» verändert unsere Sicht auf die betreffende Person, lässt ihr Wesen und ihr Verhalten in einem anderen Licht erscheinen. Wir wenden uns instinktiv von stigmatisierten Menschen ab und meiden sie. Psychische Krankheit macht Angst. Betroffene verhalten sich plötzlich so anders, sind nicht mehr «rational». Wir wissen nicht, wie auf sie zugehen, wie mit ihnen reden und worüber. Und vielleicht haben wir insgeheim ein kleines bisschen den Verdacht, dass sie an ihrem Los irgendwie selbst schuld sind.
Stigmatisierung zeigt sich schon im Kleinen: Hat jemand einen Skiunfall, ist das Spitalzimmer voll mit Familie und Freunden, sie bringen Blumen und Bücher und wünschen gute Besserung. Muss ich hingegen wegen einer Depression in eine psychiatrische Klinik, werde ich eher wenig Besuch haben. Freunde und Bekannte sind plötzlich alle «sooo beschäftigt – du kennst das ja»; es reicht nicht mal für einen Anruf oder eine SMS. Insbesondere die Arbeitskollegen sind verunsichert; sie fragen sich schnell einmal, ob ich wieder zu meiner Leistungsfähigkeit zurückfinden werde oder ob man meine Stelle neu besetzen muss.
Stigmatisierung zeigt sich auch im gesellschaftlichen und im politischen Leben. Wie viele Politikerinnen und Politiker kennen Sie, die sich öffentlich für die Anliegen psychisch Kranker einsetzen?
Selbststigmatisierung
Noch schwieriger als die Stigmatisierung durch Verwandte, Freunde oder die Chefin ist die Selbststigmatisierung. Was halten wir von uns selbst, wenn wir psychisch krank sind? Trauen wir uns zu, wieder leistungsfähig zu werden und den Anforderungen unserer Familie oder des Arbeitslebens zu genügen? Meiden wir unsere Freunde und Kolleginnen, weil wir uns «so» nicht zeigen können oder wollen? Geben wir uns selbst die Schuld, dass wir das Leben nicht mehr im Griff haben? Denken auch wir, dass wir gar nicht krank sind, sondern uns einfach am Riemen reissen sollten?
Auch Fachpersonen stigmatisieren
Stigma ist leider auch bei Behandlerinnen und Behandlern ein Thema; gerade schizophrenen Patienten und Patientinnen sowie solchen mit einer Borderline-Störung gegenüber. Sogenannte Profis stigmatisieren hier gemäss Zürcher Studien sogar überdurchschnittlich stark. Hier ein paar unrühmliche, aber typische Beispiele: Psychisch erkrankte Patienten, die wegen Magenschmerzen auf die Notfallstation gehen, werden schlechter abgeklärt. Viele in der Psychiatrie Tätige arbeiten zwar mit Menschen, die an einer Schizophrenie leiden, tun sich aber schwer mit der Vorstellung, eine Kollegin oder einen Freund zu haben, der an Schizophrenie erkrankt ist. Dies hat nichts mit Abgrenzung zu tun, sondern damit, dass sie vor allem das Kranke sehen und nicht die gesunden Anteile, die jeder Mensch auch in der Krankheit hat.
Was hat der Film «Einer flog übers Kuckucksnest» mit Stigma zu tun?
Kein Film hat das Bild der Psychiatrie so sehr beeinflusst wie dieser. Allerdings spiegelt der Film nur das, was die Allgemeinheit in den 60er-Jahren (zu Recht oder Unrecht) über die Psychiatrie dachte. Der Film ist zum Klassiker geworden, ohne dass heutigen Betrachterinnen bewusst ist, wie viel sich in der Psychiatrie seither verändert hat. Die Wahrnehmung der Psychiatrie ist bei der grossen Mehrheit weitgehend gleich geblieben.
Hinweis Es gibt eine erfolgreiche Bollywood-Version, die dem amerikanischen Original sehr ähnlich ist. Stigmata sind also international; es scheint zwischen Indien und den USA keine grossen Unterschiede zu geben.
Was zeigt dieser Film, welche Bilder und Stigmata zeigen andere Filme, die sich mit psychischen Erkrankungen befassen? Hauptaussage ist häufig, dass es psychische Krankheit gar nicht gibt. Betroffene passen einfach nicht in die Gesellschaft, sind entweder extrem kreativ oder sehr schüchtern. «Geheilt» werden sie durch Freunde oder indem sie sich verlieben. Die Psychiatrie hingegen wird in aller Regel negativ dargestellt. Therapien wie die Elektrokrampftherapie oder Medikamente werden zur Bestrafung oder Ruhigstellung eingesetzt. Man wird trotz der Psychiatrie gesund – und nicht dank ihr. Die Psychiater und Pflegenden sind unglücklich und haben eine auffällige Persönlichkeit. Psychiaterinnen verlieben sich prinzipiell in ihre Patienten und werden durch sie geheilt oder erlöst …
Ein Ansatz gegen Stigma: Sensibilisierung und Information
Es gibt in der Schweiz keine Prinzen, die darüber sprechen, wie sie sich psychiatrische Hilfe geholt haben, als sie mit der Trauer rund um den Verlust der Mutter nicht zurechtkamen. Die Bevölkerung hierzulande hat auch wenig Wissen rund um Frühwarnzeichen von psychischen Erkrankungen. Viele von uns sind Analphabeten im Bereich der psychischen Gesundheit. Diesbezüglich ist etwa die Kampagne «Wie geht’s dir?» wichtig, die im Auftrag der Gesundheitsförderung Schweiz von der Pro Mente Sana und allen Deutschschweizer Kantonen durchgeführt wird. In sogenannten ensa Kursen (www.ensa.swiss, siehe Anhang) lernen Laien, wie Erste Hilfe im Bereich der psychischen Gesundheit aussieht. Das Programm wurde vor über 20 Jahren in Australien entwickelt; mittlerweile haben weltweit bereits über 5 Millionen Menschen einen solchen Kurs absolviert. Der Effekt zeigt sich vor allem in reduzierten Stigmawerten, vertieftem Wissen und erhöhtem Zutrauen der Teilnehmenden, Erste Hilfe zu leisten.
Ein Ansatz gegen Stigma: Peers
Reine Wissensvermittlung oder Psychoedukation scheint Stigmawerte aber nur begrenzt reduzieren zu können. Denn Vorurteile sind keine Kopf-, sondern eine Bauchsache. Der Kontakt mit Menschen, die selbst eine psychische Erkrankung durchlebt haben, beeinflusst Vorurteile offenbar nachhaltiger. Sucht jemand Hilfe in Bezug auf seine psychische Gesundheit, scheint der Kontakt zu Peers niederschwelliger zu sein. Im Kontakt mit Fachperson zensurieren wir uns selbst. Wir überlegen uns, was wohl die Fachpersonen von uns hält, da wir nun erschöpft und nicht mehr so leistungsfähig sind, unter Ängsten leiden oder vielleicht zu viel Alkohol konsumieren. Peers sind Menschen, die selbst erkrankt und wieder gesundet sind und in einer Ausbildung gelernt haben, diese Erfahrung auf eine gute Art anderen zur Verfügung zu stellen (mehr dazu auf Seite 95). Selbstzensurierung scheint im Kontakt mit Peers viel weniger eine Rolle zu spielen, die Tür steht weiter offen. Dies kann für Menschen, für die das Thema sehr schambesetzt ist, zentral sein.
Ein Ansatz gegen Stigma: Recovery
Recovery bedeutet Gesundung. Der Ausdruck stammt aus dem angloamerikanischen Raum und bezieht sich im engeren Sinn auf Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen. Als Modell lässt sich Recovery aber genauso gut auf leichtere Erkrankungen anwenden.
Menschen mit schweren chronischen psychischen Erkrankungen haben oft aufgegeben. Ihr ganzes Leben wird von der psychischen Erkrankung, dieser vierten Dimension (siehe Seite 21), beherrscht. Sie werden zwar durch das psychiatrische System (hoffentlich) versorgt, wohnen zum Beispiel in einem betreuten Wohnheim, arbeiten an einem geschützten Arbeitsplatz. Was ihnen aber fehlt, ist eine Aufgabe im Leben, die mit Wertschätzung verbunden ist. Eine Aufgabe, die sie mit ihren gesunden (oder auch kranken) Anteilen leisten können.
Recovery bedeutet, diese Anteile zu stärken und sich nicht nur auf die Symptome einzuengen, die manchmal einfach nicht beeinflussbar sind. Das Ziel: Die Krankheit mit ihren Defiziten akzeptieren und mit dieser Krankheit so gut wie möglich am Leben teilnehmen, im Leben stehen, eine Aufgabe übernehmen – und die vierte Dimension der Erkrankung sich wie ein Morgennebel auflösen lassen. Das zeigen im Grunde auch viele der eher negativ gefärbten Psychiatriefilme inklusive «Einer flog übers Kuckucksnest»: sich auf das Leben konzentrieren, trotz Krankheit; sich verlieben, wieder etwas wagen. (Mehr zum Thema Recovery auf Seite 92.)
Ein Ansatz gegen Stigma: Inklusion
In der heutigen Zeit wird fast alles bewertet, normiert und kategorisiert. Positiv formuliert kann dies als Professionalisierung gesehen werden. Aber es führt eben auch zu Marginalisierung. Eine inklusive Gesellschaft setzt sich dafür ein, dass der Begriff «normal» wieder breiter gesehen wird, dass Vielfalt eine Bereicherung ist.
Stigma: die wichtigsten Tipps
Ursachen psychischer Erkrankungen
Um die einzelnen Krankheitsbilder zu erklären, wurden schon unzählige Theorien aufgestellt – und grösstenteils auch wieder verworfen. Im Altertum suchte man die Ursache im Ungleichgewicht der Körpersäfte, im Mittelalter im Übersinnlichen oder Spirituellen, dann erachtete man frühe Kindheitserfahrungen als prägend, entdeckte die schizophrenogene Mutter, die durch ihren Kommunikationsstil angeblich eine Schizophrenie auslöst; schliesslich dachte man auch an den Stress des Grossstadtlebens.
Heute weiss man, dass psychische Erkrankungen nicht mit einfachen Modellen zu erklären sind. Meistens sind mehrere Faktoren beteiligt – biologische, psychologische, soziale und spirituelle.
GUT ZU WISSEN Heute sind einige Faktoren bekannt, die das Risiko erhöhen, später im Leben, insbesondere nach einer Belastung, psychisch zu erkranken. Aber es gilt, bescheiden zu sein: Es gibt mehr, was wir noch nicht wissen, als was wir wissen.
Welche Rolle spielen die Gene?
Genetische Faktoren tragen tatsächlich zum Risiko bei, psychisch zu erkranken. Der Einfluss wird aber meist überschätzt. Litt schon meine Mutter an einer Depression, ist mein Risiko, später depressiv zu werden, zwar erhöht – im Vergleich zur Restbevölkerung aber nur um ein paar Prozentpunkte. Das Gleiche gilt für die Schizophrenie.
In den letzten 20 Jahren wurde in diesem Gebiet enorm viel geforscht und publiziert, bahnbrechende Resultate blieben aber aus. Tatsache ist: Es gibt sehr wenige Krankheiten, die durch ein einziges Gen ausgelöst werden; das gilt sowohl für körperliche wie auch für psychische Erkrankungen. Diejenigen Gene, die man gefunden hat, waren jeweils nur für eine Untergruppe von Patienten relevant; meistens war es zudem nicht ein einzelnes Gen, sondern eine ganze Gruppe, und in der Regel müssen diese Gene auch noch aktiviert werden.
HINWEIS Dass man bis anhin wenig Relevantes gefunden hat, ist ein Vorteil, denn es zeigt, dass die Gene bei psychischen Erkrankungen zwar eine Rolle spielen, aber nur als ein Faktor unter vielen. Das ist insbesondere für Eltern entlastend, die psychisch erkrankt sind und sich um die gesundheitliche Zukunft ihrer Kinder sorgen.
Was sagt die Hirnforschung zu psychischen Krankheiten?
Auch hier wurde in den letzten 30 Jahren viel geforscht. Heute kann man zeigen, wie sich gewisse Hirnfunktionen verändern, wenn man psychisch erkrankt. Bei einer depressiven Person sind zum Beispiel die Mandelkerne überaktiv; deren Hauptfunktion ist das Warnen vor Gefahr. Tatsächlich sehen sich depressive Menschen umzingelt von drohenden Katastrophen. Bereits am Morgen beim Aufstehen sind sie überzeugt, dass der Tag nichts Gutes bringen wird.
Solche Erkenntnisse helfen, psychische Schwierigkeiten zu verstehen, tragen aber nur begrenzt dazu bei, deren Entstehung zu erklären. Auch einen Einfluss auf die Behandlungsmöglichkeiten haben sie bis anhin leider nicht.
Könnten Infektionen verantwortlich sein?
Man hat untersucht, ob Virusinfektionen während der Schwangerschaft ein Faktor sein könnten. Tatsächlich treten etwa Schizophrenien gehäuft bei Menschen auf, die im Herbst gezeugt wurden und in den ersten drei Schwangerschaftsmonaten Kontakt mit Erkältungsviren hatten. Aber: Die Mehrheit der Menschen mit einer Schizophrenie war keinen Viren ausgesetzt.
Stimmt es, was Freud dachte? Entscheidet sich alles in den ersten fünf Jahren des Lebens?
Frühkindliche Erfahrungen scheinen relevant zu sein. Missbrauch oder auch Vernachlässigung sind wichtige Risikofaktoren. Wer früh im Leben Traumatisches erlebt hat, dessen Hirn zeigt Spuren oder Narben; der erzeugte Stress schädigt gewisse Hirnareale. Aber: Viele Menschen haben in der Kindheit Schwieriges erlebt, sind heute aber trotzdem psychisch gesund.
Was ist Resilienz?
Auslöser einer psychischen Krise oder einer psychischen Erkrankung ist meist eine Belastungssituation. Besteht zwischen Vulnerabilität und Re-silienz, also zwischen Verletzlichkeit und Schutzfaktoren, ein Ungleichgewicht zugunsten der Verletzlichkeit, erhöht sich das Risiko, psychisch zu erkranken.
Ein Beispiel für einen biologischen Auslöser wäre die Wochenbettdepression; hier begünstigt die rasche Veränderung der Hormonspiegel eine Erkrankung. Die akuten Belastungen, die eine psychische Erkrankung auslösen, sind aber eher selten biologischer oder organischer Natur, sondern liegen meist im zwischenmenschlichen und sozialen Bereich. Typische Beispiele: eine Trennung, ein Konflikt am Arbeitsplatz oder Langzeitarbeitslosigkeit. Solche Situationen sind mit Stress verbunden; die Betroffenen erleben sich als passiv, mit wenig Kontrolle über das Geschehen, fühlen sich hilflos. Sie haben das Gefühl, sie müssten zwischen zwei schlechten Varianten wählen. So etwa die alleinerziehende junge Mutter, die berufstätig ist und bei der Arbeit ein schlechtes Gewissen hat, zu Hause aber auch. Sie hat ständig den Eindruck, den Ansprüchen aller Beteiligten nicht genügen zu können.
HINWEIS Typisch ist eine spiralförmige Entwicklung: Der Stresspegel erhöht sich auch durch die sich anbahnende Erkrankung. Wer sich wegen einer beginnenden Depression am Arbeitsplatz nicht mehr konzentrieren kann, macht mehr Fehler, wird unsicher, wird häufiger kritisiert. Das wiederum verstärkt die Depression. Ein Jugendlicher, der eine Psychose entwickelt, beginnt sich zurückzuziehen, kann sich nicht mehr auf die Schularbeiten konzentrieren. Seine Eltern sorgen sich um ihn, machen ihm aber auch Vorwürfe, weil er seine Hausaufgaben nicht erledigt. Der Jugendliche fühlt sich von den Eltern kritisiert, hält ihre Kritik fast nicht aus; das bedeutet Stress für ihn, was die Entwicklung der Psychose beschleunigt.
Hat Spiritualität einen Einfluss auf das Risiko, psychisch zu erkranken?
Hierzu gibt es nur wenige Untersuchungen. Spiritualität ist häufig Teil der Behandlung von psychischen Erkrankungen, zum Beispiel in den achtsamkeitsbasierten Therapien (mehr dazu Seite 65). Man weiss, dass ein tägliches zehnminütiges Gebet bei amerikanischen Patientinnen und Patienten einen antidepressiven Effekt hatte. Aus den USA ist auch bekannt, dass spirituelle Menschen dort ein niedrigeres Risiko haben, depressiv zu werden. In Holland dagegen haben strenggläubige Menschen ein erhöhtes Risiko, an einer Depression zu erkranken.
Es ist davon auszugehen, dass die Antwort auf diese Frage kulturell un-terschiedlich ausfällt; amerikanische Spiritualität unterscheidet sich recht deutlich von unserer hiesigen Spiritualität. Spiritualität kann ein Schutz sein und bei der Krankheitsakzeptanz helfen, kann aber auch die Selbststigmatisierung verstärken. Dies zeigt sich zum Beispiel bei Seelsorgern, die in der Depression ihren Glauben verlieren, ein typisches Symptom. Sie haben dann oft das Gefühl, sie hätten vollständig versagt.
Ist heute nicht die Arbeitswelt hauptverantwortlich für all die psychisch Kranken?
Die Beiträge in psychiatrischen Fachzeitschriften zeigen, dass heute vor allem im sogenannten biologischen Bereich geforscht wird. Die Medien vermitteln ein völlig anderes Bild: Psychische Krankheiten werden hier vermehrt mit Stress am Arbeitsplatz in Verbindung gebracht. Tatsächlich kann Stress am Arbeitsplatz ein Auslöser sein für psychische Schwierigkeiten, etwa der chronische Konflikt mit einem Vorgesetzten oder auch eine Mobbingsituation. Überlastung, aber auch Unterbelastung können sich ungünstig auswirken. Tatsache ist jedoch auch, dass Arbeit vor allem hilft, gesund zu bleiben, beziehungsweise vor psychischer Erkrankung schützt. Hohe Erkrankungsraten findet man bei Menschen, die ihren Arbeitsplatz verloren und keine Aufgabe und Tagesstruktur mehr haben.
Und die neuen Medien? Videospiele, Chats, Snapchat, Instagram und 70 E-Mails – das kann nicht gesund sein.
Die aktuelle Forschung zu dieser Frage hinkt leider der rasanten Entwicklung hinterher. Die neuen Medien erklären vor allem die erhöhte Erschöpfung, an der die meisten von uns leiden. Werden wir bei einer Routinetätigkeit wie dem Planen einer Sitzung dreimal kurz unterbrochen, steigt der mentale Energieverbrauch um das Zwei- bis Sechsfache. Und heute haben Unterbrechungen und das damit verbundene Hin- und Herwechseln der Aufmerksamkeit stark zugenommen.
Sich zu überlegen, wie man auf andere wirkt, ist zudem eine der Hirnaktivitäten mit dem höchsten Energieverbrauch, und genau sie wird im Umgang mit sozialen Medien übermässig benutzt. Gleichzeitig hat die Zeit abgenommen, in der unser Fokussierungssystem im Hirn nicht aktiviert ist, also der Stand-by-Modus unser Gehirns aktiviert wäre. In diesem Stand-by-Modus können wir aber am schnellsten unseren mentalen Energietank wieder füllen. Deshalb lohnt es sich, wenn fünf Minuten auf den Bus gewartet werden muss, einfach einmal nichts zu tun.
Und der Elektrosmog?
Es gibt Menschen, die sehr sensibel auf beispielsweise ein WLAN reagieren. Studien, die eine klare Korrelation zeigen, gibt es jedoch nicht. Heute wird häufig von Hochsensibilität gesprochen. Hochsensible Menschen scheinen einen anderen Filter zu haben, sind rascher durch Geräusche gestört, nehmen Gerüche intensiver wahr oder spüren eben elektrische oder magnetische Felder. Hochsensibilität gilt nicht als Diagnose im engeren Sinn, findet sich aber gehäuft bei Menschen im Autismusspektrum, bei Menschen mit einem ADHS oder auch bei Menschen, die im Leben früh negative Erfahrungen gemacht haben. Es gibt aber auch Menschen, die einfach so einen feiner eingestellten Filter haben und mehr wahrnehmen.
Und die Ernährung?
Ein Mangel an gewissen Vitaminen oder auch Omega-3-Fettsäuren können psychische Belastungen begünstigen. Eine klare Verbindung zwischen einer Fehlernährung und psychischen Erkrankungen konnte bis anhin allerdings nicht hergestellt werden. Geforscht wird aktuell intensiv im Bereich des Darmbioms (früher: Darmflora): Auf eine menschliche Zelle kommen 999 Bakterien; sie sind ein recht unerforschter, aber wesentlicher Bestandteil von uns. Es gibt Anhaltspunkte, dass das Darmbiom bei psychischen Erkrankungen verändert ist.
Warum sind so viele Immigranten psychisch krank?
Migration ist mit einer stark erhöhten Gefährdung für psychische Krankheiten verbunden. Dies trifft nicht nur auf den kosovarischen Maurer in der Schweiz zu, es gilt auch für die Schweizer Forscherin, die in die USA ausgewandert ist. Man darf annehmen, dass es bis vor kurzem sogar für den Walliser galt, der in die Stadt Zürich zog.
Auch hier zeigt sich, dass es vor allem der mit der Entwurzelung und der erforderten Integration verbundene Stress ist, der das Risiko erhöht. Stress scheint der häufigste und wichtigste Auslöser im Dominosystem zu sein, das zu einer psychischen Krankheit führt.
Der Wechsel zum neuen Diagnosesystem ICD-11
Bisher gab es zwei Diagnosesysteme: das angloamerikanische System (DSM-51) und das Klassifikationssystem der WHO (ICD-102). Sie sind sich sehr ähnlich, auch wenn es einzelne Störungsbilder nur in einem der beiden Systeme gibt.
Am 1.1.2022 wurde das ICD-11 der WHO veröffentlicht, allerdings liegt noch keine offizielle deutsche Übersetzung vor. Da sämtliche Abrechnungs- und Kodiersysteme im Gesundheitswesen an das ICD gebunden sind, wird der vollständige Wechsel vom ICD-10 zum ICD-11 wohl Jahre in Anspruch nehmen. Viele Neuerungen wurden aus dem amerikanischen Diagnosesystem DSM übernommen. Die beiden Systeme wechseln sich mit den Ausgaben jeweils ab, wobei Innovationen anscheinend primär im amerikanischen System eingeführt werden und wenn sie sich bewähren, werden sie anschliessend von der WHO für das ICD übernommen.
Was sind die wichtigsten Neuerungen?
•Die klare Trennung zwischen Krankheiten im Kindes- und Jugendalter und Krankheiten im Erwachsenenalter wurde aufgelöst und damit gewürdigt, dass ein ADHS nicht einfach mit 18 Jahren verschwindet oder eine Borderline-Störung erst mit 20 Jahren beginnt.
•Neu offiziell als Krankheiten anerkannt werden die komplexe posttraumatische Belastungsstörung, die körperdysmorphobe Störung, die verlängerte Trauerreaktion, das Hoarding-Syndrom (Messie-Syndrom) oder die Binge-Eating-Störung. Entgegen den Erwartungen wurde hingegen das Burn-out-Syndrom nicht in den Katalog aufgenommen.
•Schlafstörungen und die Störung der sexuellen Identität sind nicht mehr im Kapitel der psychischen Krankheiten zu finden, sie wurden ausgelagert.
•Persönlichkeitsstörungen werden neu nach Schweregrad und Beeinträchtigungsgrad eingeteilt. Ähnlich wie es eine schwergradige Autismusspektrumstörung gibt, gibt es nun auch eine schwergradige Persönlichkeitsstörung. Einzig die Borderline-Persönlichkeitsstörung blieb als spezifische Persönlichkeitsstörung erhalten.
•Somatoforme Störungen oder auch chronische Schmerzstörungen gelten neu als Bodily distress disorders. Die deutsche Übersetzung soll höchstwahrscheinlich «somatische Belastungsstörung» heissen. Gemeint ist hier eine Erkrankung, in der Sorgen um und Fokussierung auf körperliche Beschwerden sehr viel Raum einnehmen. Dabei wird weniger gewichtet, ob diese Beschwerden medizinisch erklärbar sind oder nicht.
•Auch bei anderen Störungen werden neu weniger einzelne Kriterien gezählt, sondern allgemeiner der Schweregrad beurteilt. Bisher wurden bei der depressiven Episode Symptome gezählt und die exakte Zahl ergab, ob es sich um eine mittelgradige oder schwere depressive Episode handelt.
Hilfe holen: Privatpraxen, Ambulatorien, Tageskliniken
Am leichtesten fällt den meisten Menschen der Gang zum Hausarzt; er kennt seine Patientinnen und Patienten und kann sie an die geeignete Stelle weiterverweisen. Eine wertvolle Orientierungshilfe im Bereich der Psychiatrie, die über so viele Angebote verfügt, dass es manchmal gar nicht so einfach ist, das richtige zu finden.
Was tun, wenn Sie sich Sorgen um Ihre psychische Gesundheit machen? Einen ersten Schritt haben Sie oder Ihre Angehörigen ja bereits getan: Sie haben sich einen Ratgeber gesucht. Heute gibt es viele gute Bücher, und auch im Netz findet sich eine Fülle an Informationen. Die Schwierigkeit ist, dass wir Mühe haben, diese zu sortieren. Wenn wir Veränderungen an uns bemerken, macht dies Angst – und Angst macht das Bewerten von Information noch kniffliger.
HINWEIS Hatten Sie schon mal ein Ekzem? Im Internet haben Sie dann vielleicht gelesen, dass es gefährliche Krankheiten gibt, bei denen die Menschen genau Ihr Ekzem haben und zusätzlich noch ein diffuses Kribbeln. Natürlich verspüren Sie in eben diesem Moment ein Kribbeln an der linken Hand. Auch Medizinstudenten sind überzeugt, dass sie jede Krankheit haben, über die sie etwas lernen. Selbstdiagnostik ist also sehr anspruchsvoll!
Selbsthilfe und Hilfe von Fachpersonen
Hilfreich kann ein persönliches Gespräch sein, der Austausch mit einer Person, die Erfahrung hat im betreffenden Bereich. Vielleicht kennen Sie jemanden, der schon mal eine Panikattacke hatte, oder jemanden, der auch schon unter Depressionen gelitten hat.
Ebenfalls nie falsch: die Selbstheilungs- und Regenerationskräfte des Körpers aktivieren. Krankheiten entstehen ja häufig, wenn wir mehr Energie verbrauchen, als wir aufbauen können. Tägliche Bewegung an der frischen Luft, ausreichend Schlaf, eine gute Ernährung und Entspannung sind hilfreich, wenn umsetzbar.
Auch eine erste Stressanalyse macht Sinn: Wo verliere ich meine Energie? Wo fühle ich mich hilflos? Wie kann ich meinen inneren Stress reduzieren?
Häufig bedeutet eine Klärung der Situation aber, dass Sie sich Hilfe von aussen holen: bei der Hausärztin oder einer anderen Person, der Sie vertrauen und die ein gewisses Mass an Fachwissen im psychologischen Bereich mitbringt, zum Beispiel ein Seelsorger.
Wie führe ich das Gespräch mit meiner Hausärztin?
Viele von uns scheuen sich, dem Hausarzt von psychischen Problemen zu berichten. Wir nehmen den Umweg über «normale» Symptome wie Schlafschwierigkeiten, Appetitveränderungen oder körperliche Schmerzen. Ärzte nennen dies Präsentiersymptome. Heute kennen sich die Hausärzte aber auch im psychosozialen Bereich aus und können damit umgehen, wenn Sie berichten, dass Sie sich seit mehreren Wochen niedergeschlagen fühlen. Sie können in aller Regel auch zuverlässig einschätzen, ob es sich um ein leichtes oder eher schwerwiegendes Problem handelt und ob eine Überweisung an einen Psychiater oder eine Psychologin Sinn macht.
Hausärzte sind wichtige Lotsen im «Dschungel» Psychiatrie; sie kennen oft ein paar Psychiaterinnen und Psychologen, mit denen sie häufig zusammenarbeiten und für deren Behandlungsqualität sie auch ein Stück weit bürgen können. Die Wartezeiten bei den Spezialisten sind ebenfalls kürzer, wenn Sie durch den Hausarzt überwiesen werden; bei gewissen Psychiatern ist das sogar der einzige Weg, wie man in die Praxis aufgenommen wird.
TIPP Nehmen Sie den Partner oder eine andere vertraute Person zum Termin beim Hausarzt mit. Dies hilft, schambesetzte Themen anzusprechen, und verhindert, dass Sie es beim Gespräch über die Schlafprobleme bewenden lassen und frustriert mit einem Schlafmedikament nach Hause gehen.
Psychiaterin oder Psychologe?
Psychiater haben ein Studium in Humanmedizin absolviert und anschliessend eine sechsjährige Facharztausbildung zum Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie durchlaufen. Sie haben Erfahrung im ganzen Spek-trum der Psychiatrie, haben auf Akutstationen, Psychotherapiestationen und im ambulanten Bereich gearbeitet. Als Ärzte können sie Medikamente verordnen und auch ein Arbeitsunfähigkeitszeugnis ausstellen.
Während in anderen Ländern Psychiaterinnen und Psychiater vor allem für die Medikation zuständig sind, haben in der Schweiz die meisten von ihnen auch eine Ausbildung in Psychotherapie und arbeiten oft auch gerne psychotherapeutisch. Die Kosten der Behandlung sind durch die Krankenkasse gedeckt.
HINWEIS Psychiater sind eine aussterbende Spezies. Während früher 15 Prozent der Medizinstudenten diese Spezialisierung wählten, ist die Rate mittlerweile auf ein Prozent geschrumpft. Dennoch haben wir immer noch doppelt so viele Psychiater wie etwa England.
Psychologinnen und Psychologen haben ein Studium in Psychologie an einer Universität oder Fachhochschule absolviert. Anschliessend haben sie eine Psychotherapieausbildung gemacht. Um einen Fachtitel zu erhalten, müssen sie eine gewisse Anzahl Patienten behandelt haben und vier Jahre Praxiserfahrung vorweisen können. Mindestens ein Jahr lang müssen sie in einer sozialpsychiatrischen Einrichtung gearbeitet haben.
GUT ZU WISSEN Psychologinnen und Psychologen dürfen in der Schweiz keine Medikamente verordnen, und Arbeitsunfähigkeitszeugnisse oder auch IV-Berichte müssen immer von einem Arzt gegengezeichnet sein.
Bis anhin haben sich die Psychologinnen und Psychologen primär auf Psychotherapie spezialisiert, in Zukunft werden sie aber einen Grossteil der psychiatrischen Versorgung übernehmen beziehungsweise übernehmen müssen. Deshalb werden Psychologinnen heute viel breiter ausgebildet, haben etwa häufig Kurse über Psychopharmaka besucht.
GUT ZU WISSEN Seit 2022 gilt das sogenannte Anordnungsmodell. Der Zugang zu Psychologinnen mit einem eidgenössischen Fachtitel für Psychotherapie wird analog zu dem zu den Physiotherapeuten geregelt werden; alles, was es braucht, ist eine ärztliche Verordnung. Dies ist ein wichtiger Schritt, um den Zugang zu einer Behandlung niederschwelliger zu gestalten. Hausärzte, Gynäkologinnen und Psychiater können 15 Sitzungen bei einer psychologischen Psychotherapeutin anordnen und einmalig um 15 Sitzungen verlängern. Braucht es mehr Sitzungen, ist ein ausführlicher Bericht der Psychotherapeutin und einer Psychiaterin nötig. Andere Fachärzte können Kriseninterventionen von maximal 10 Sitzungen anordnen.
Wie läuft der erste Termin bei einem Psychiater oder einer Psychologin ab?
Das Erstgespräch dauert in der Regel zwischen einer und anderthalb Stunden. In den ersten Minuten wird der Therapeut darauf achten, dass Sie sich bei ihm wohl fühlen, wird ein bisschen Smalltalk machen. Dann fragt er Sie, warum Sie Hilfe suchen. Zu Beginn wird er Sie ziemlich frei erzählen lassen, dann aber das Gespräch vermehrt mit Fragen lenken. Manche Fachpersonen werden Sie bereits in der ersten Stunde kurz über Ihre Lebensgeschichte befragen, andere warten damit bis zu einem späteren Termin.
Es gibt Behandler, die eine Beurteilung der Situation in der ersten Stunde machen, es gibt aber auch solche, die sich hierfür etwa drei Sitzungen Zeit lassen. Nach diesen ein bis drei Sitzungen sollten Sie eine Rückmeldung erhalten, wie Ihre Schwierigkeiten einzuordnen sind; dies mit oder ohne Nennung einer Diagnose. Sie sollten erfahren, wie ernst Ihre Pro-bleme sind und welche Faktoren eventuell relevant waren, dass es dazu gekommen ist.
Der Therapeut, die Therapeutin sollte Ihnen auch erklären, wie mögliche Behandlungen aussehen könnten. Wünschenswert ist, dass Ihnen mehrere Alternativen, mehrere Lösungsansätze aufgezeigt werden und dass diese Ihren Bedürfnissen angepasst sind. Der Behandelnde sollte zum Beispiel wissen, ob für Sie Psychopharmaka infrage kommen oder nur pflanzliche Heilmittel. Er sollte auch bedacht haben, ob eine körperliche Erkrankung Ihre Schwierigkeiten erklären könnte und ob eine zusätzliche Untersuchung beim Hausarzt oder eine Blutentnahme nötig ist. Meist fühlen sich Betroffene nach diesen ersten paar Sitzungen bereits entlastet und haben Hoffnung auf Besserung.
Wie merke ich, ob der Behandler zu mir passt und ob er kompetent ist?
Eine Therapie bei einer Psychologin ist nicht dasselbe wie eine Konsultation bei einer Hautärztin. In der psychiatrischen Behandlung sind Faktoren wie Vertrauen, vor allem aber die Beziehung sehr viel wichtiger. Sie sollten sich mit Ihrer Behandlerin sicher und wohl fühlen, wertgeschätzt und akzeptiert. Die Behandlerin sollte Ihnen aufmerksam zuhören, Ihnen verbales oder nonverbales Feedback geben. Es sollte eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe sein.
HINWEIS Ist die Behandlerin sehr anders als Sie oder erinnert sie Sie stark an eine eher negativ besetzte Person aus der Vergangenheit, kann es ein paar Stunden dauern, bis eine gute Beziehung entstanden ist.
Schlechte Voraussetzungen sind gegeben, wenn Sie das Gefühl haben, dass der Behandler Ihnen nicht richtig zuhört und vieles vergisst, was Sie ihm erzählt haben. Schwierig kann auch ein Behandler sein, der Ihnen nur eine Art von Behandlung vorschlägt, die Ihnen nicht entspricht oder nicht einleuchtet. Der Behandler sollte sich zumindest ein Stück weit Ihren Bedürfnissen und Wertvorstellungen anpassen können. Wenn Sie mit Antipsychotika schlechte Erfahrungen gemacht haben und eine solche Medikation nur als allerletzte Variante akzeptieren, werden Sie Mühe haben mit einem Behandler, der nur über Medikamente spricht. Der Behandler sollte ein Interesse haben an Ihren Vorstellungen von Gesundung und daran, was für Sie infrage kommt und was nicht. Er hat Ihnen gegenüber eine beratende Funktion; die Entscheidung liegt bei Ihnen.
HINWEIS Es braucht manchmal mehr als einen Anlauf, bis man jemanden gefunden hat, bei dem man sich rundum gut aufgehoben fühlt. Ihr Behandler, Ihre Behandlerin nimmt es Ihnen nicht übel, wenn Sie wechseln. Vielleicht können Sie sogar mit ihm oder ihr besprechen, was aus Ihrer Sicht nicht passt. Was nicht gut ankommt: zum vereinbarten Termin einfach nicht erscheinen. Melden Sie sich immer ab.
Welche anderen Fachpersonen sind eventuell an einer Behandlung beteiligt?
•Psychiatrische Spitex:
