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Unkraut vergeht nicht, sagt der Volksmund. Im Garten von Christian Feyerabend existieren gut 30 Arten von Unkräutern, Ungeziefer aller Gattungen und acht namhafte Schädlinge auf vier Beinen. Besucher, die in seinen Garten kommen, finden ihn »paradiesisch«. Doch das grüne Idyll existiert nur, weil Christian Feyerabend Krieg führt gegen diverse Spielverderber, die es bedrohen. In diesem Buch teilt der passionierte Hobbygärtner sein umfangreiches Wissen und liefert ein amüsantes wie informatives Kompendium der wichtigsten Unkräuter, Schädlinge, Ungeziefer und Pilzkrankheiten. Sie zu kennen ist essentiell für jeden Gartenfreund, denn im Garten wie im Krieg gilt: Nur wer gut mit seinem Feind vertraut ist, kann ihn besiegen.
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Veröffentlichungsjahr: 2018
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Die in diesem Buch enthaltenen Angaben und Empfehlungen sind vom Autor mit größter Sorgfalt zusammengestellt und geprüft worden. Sie folgen seinen Erfahrungen und Ansichten. Eine Garantie für die Richtigkeit der Angaben kann aber nicht gegeben werden. Autor und Verlag übernehmen keinerlei Haftung für Schäden und Unfälle.Alle Pflanzenschutzwirkstoffe, die hier angesprochen werden, sind amtlich zugelassen nach dem »Pflanzenschutzmittel-Verzeichnis, Teil 7, Haus- und Kleingartenbereich« vom Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit, 18. Auflage 2017. Aktualisierungen sind immer im Internet unter www.blv.bund.de einsehbar. Dort sind auch die Handelsnamen der Wirkstoffe aufgeführt. Die Zulassung von Pflanzenschutzmitteln ändert sich ständig und wird auf dieser Seite fortlaufend aktualisiert.
ISBN 978-3-492-99051-6© Piper Verlag GmbH, München 2018Covergestaltung: FAVORITBUERO, MünchenCovermotiv: Martina Frank, MünchenIllustrationen: Martina FrankDatenkonvertierung: psb, BerlinSämtliche Inhalte dieses E-Books sind urheberrechtlich geschützt. Der Käufer erwirbt lediglich eine Lizenz für den persönlichen Gebrauch auf eigenen Endgeräten. Urheberrechtsverstöße schaden den Autoren und ihren Werken. Die Weiterverbreitung, Vervielfältigung oder öffentliche Wiedergabe ist ausdrücklich untersagt und kann zivil- und/oder strafrechtliche Folgen haben.In diesem E-Book befinden sich Verlinkungen zu Webseiten Dritter. Wir weisen darauf hin, dass sich der Piper Verlag nicht die Inhalte Dritter zu eigen macht.
DIE KRIEGSERKLÄRUNG
I DAS BUCH DER UNKRÄUTER
Löwenzahn
Kriechender Hahnenfuß
Scharbockskraut
Kriechendes Fingerkraut
Exkurs: Herbizide – Unkrautvernichtungsmittel
Breitwegerich
Gänseblümchen
Exkurs: Ein jeglicher nach seiner Art – Die Samenausbreitung
Giersch
Gundermann
Greiskraut
Kleinblütiges Knopfkraut
Knoblauchsrauke
Persischer Ehrenpreis
Behaartes Schaumkraut
Rucola
Pionierpflanzen
Zaunwinde
Neupflanzen
Beetflüchtlinge
Das Kraut des Bösen
Kletten-Labkraut
Klee
Moos
Ungräser
Bärenklau
Vogelfutter
Kommt von selbst, müssen Sie nicht kaufen
II DAS BUCH DER SCHÄDLINGE UND IHRER FEINDE
Bauchfüßer
Erdkröte
Wildkaninchen
Mäuse
Wühlmäuse
Maulwurf
Marder und Iltis
Igel
Ratten
III DAS BUCH DES UNGEZIEFERS
Blattläuse
Fraßfeinde
Exkurs: Neem
Buchsbaumzünsler
Apfelwickler und Apfel-Gespinstmotte
Neutiere
»Igitt – wie eklig.«
IV DAS BUCH DER PILZKRANKHEITEN
Schadpilze
Paradiesfrüchte
Das Buchsbaumsterben
V DAS BUCH DER PLAGEGEISTER
Herbst- oder Erntemilben
Der Gärtner ist nicht immer der Mörder: Zecken
Wespenalarm
Stechmücken
Ameisen
Bienenhotel und Hummelburg
DIE SCHÖNSTEN GÄRTEN SIND IM KOPF
BLUMEN AN …
HILFREICHE BÜCHER UND INTERNETSEITEN
»Im Krieg stirbt die Wahrheit zuerst«, heißt es. Gilt das nicht auch im Garten? Da schwärmen Gärtner und Gärtnerinnen mit leuchtenden Augen von ihrem kleinen Paradies, da sind wunderbare Fotostrecken in Landlust-Hochglanzheften zu sehen, da gibt es Regalmeter mit Büchern über den »naturnahen« Garten. Aber der Garten ist nicht nur ein Paradies, der Garten ist auch Krieg. Ich weiß, wovon ich spreche, mit meinem 300-Quadratmeter-Kleingarten. Wie jeder Gärtner bekomme ich einen schmerzenden Rücken und Hexenschuss, zerkratze mir die Arme an Dornen und habe Blasen an den Händen. Mein Salat ist zerfressen, meine Rosen welken, meine Bäumchen wollen nicht grünen und ich werde übel gestochen. Auch das gehört zur Wahrheit im Garten.
Unkraut vergeht nicht, sagt der Volksmund. In unserem Garten gibt es gut 30 Arten von Unkräutern, Ungeziefer aller Gattungen und acht namhafte Schädlinge auf vier Beinen. Obendrein eine Armee schleimender Gastropoden, auch »Bauchfüßer« genannt. Sie ahnen vielleicht oder wissen bereits, wen ich meine: Nacktschnecken. Aber Besucher, die in unseren Garten kommen, sagen: »Das ist ja ein Paradies.« Ja, weil ich auch Krieg führe. Denn auf unseren Garten werden Kassamraketen und Streubomben abgeschossen, Luftlandetruppen gehen auf dem Rasen und in den Beeten nieder, Infanteristen kriechen über die Beete und schlagen Wurzeln, Besatzungstruppen setzen sich dauerhaft fest. Untergrundkämpfer wühlen Tunnelsysteme. Womöglich nennen Sie die feindlichen Invasoren politisch korrekt »Wildkräuter«, Blattläuse, Buchsbaumzünsler und die Große Schermaus »Wildgeziefer«? Ich nenne sie allesamt Feinde. Denn frei nach dem Militärstrategen Clausewitz ist der Krieg gegen Unkräuter, Ungeziefer und Schädlinge für mich die Fortsetzung der Gartengestaltung mit anderen Mitteln. Wenn Gartensatzungen »naturnahe« Gärten vorschreiben, dann sind solche Gärten von der Natur so weit entfernt wie der Mond von der Erde. Wer Natur will, muss den Amazonas weit hinauffahren oder findet sie in den Savannen Afrikas oder im Weltnaturerbe der Galapagosinseln im Pazifischen Ozean.
Alles will der Gärtner, nur nicht, dass die Natur in seinen Garten eindringt. Der Bauerngarten ist Ökonomie, der Barockgarten Geometrie, der englische Landschaftsgarten Wissenschaft. Und der Kleingarten? Das kommt ganz auf Sie an. Unserer hat englische Cottage-Gärten zum Vorbild. Er hat acht Zimmer, jedes ist auf eigene Art bepflanzt. Und damit dies so ist und so bleibt, muss ich Krieg führen. Gegen die Natur.
Es ist ein asymmetrischer Krieg, ein ungleicher, irregulärer. Er wird uns nicht von einem Staatspräsidenten erklärt, nicht einmal von irgendeinem War Lord. Er findet einfach so statt, auf Guerillaart oder nach Art der Terroristen. Denn ob Giersch oder Japanischer Knöterich, sie alle wollen nur eines: die totale Herrschaft – mit allen Mitteln. Und deshalb gilt: »Krieg dem Kriege« unter Einsatz von scharfer und stumpfer Gewalt, in gebückter Haltung mit der Nase über der Erde oder von oben mit Flammenwerfern und Chemiewaffen.
Ich bin Bellizist, der Krieg um des Krieges willen führt. Ich führe einen gerechten Krieg, aus purer Notwehr. Denn was soll ich machen, wenn die Zaunwinde die schönen Blütenstände meiner Hosta »Tom Schmid« wie eine Python erdrosselt, wenn Giersch nichts mehr hochkommen lässt? Oder haben Sie schon mal versucht, ein Beet mit den köstlichen Erdbeeren der Sorte »Mieze Schindler« oder »Mara des Bois« vom Kriechenden Fingerkraut zu säubern, von diesem Camouflagekraut, dessen Blätter denen der Erdbeere so ähnlich sehen? Okay, der Kriechende Hahnenfuß hat fünf Blätter anstatt drei wie die Erdbeere. Dafür aber eine 45 Zentimeter lange Pfahlwurzel, die Sie garantiert nicht bemerken. Dagegen helfen manchmal nur zugelassene Herbizide. Den Kollateralschaden an den zivilen Erdbeerpflanzen muss man dabei allerdings in Kauf nehmen.
»Aber man kann doch …?«, werden Sie jetzt vielleicht sagen. Ich glaube den Tipps in den Garten-Hochglanzheften nicht. Da können Sie kolumnen- und seitenweise lesen, wie man zum Beispiel das üble Unkraut Giersch für den Salat zupft, es als Gemüse dünstet oder zum Heilmittel gegen Gicht verarbeitet. Für mich ist das alles Propaganda. Denn Garten ist Krieg; Gärtnern heißt Krieg führen. Es ist ein gerechter Krieg zur Verteidigung unseres Gartenparadieses oder wie es in dem immer noch aktuellen Standardwerk des preußischen Militärstrategen Clausewitz (†1831) »Vom Kriege« heißt: »Der Zweck des Krieges ist das Niederwerfen des Gegners.«
Da gilt es aber auch ganz klar zu unterscheiden zwischen Freund und Feind, denn im Garten wird vieles für einen Feind gehalten, was es im Gartencenter für gutes Geld zu kaufen gibt. Und gehören bestimmte grüne Migranten (Neophyten) unter den Pflanzen nicht mittlerweile auch zu unserer Gartenkultur? Bleiberecht hat bei mir zum Beispiel der Persische Ehrenpreis mit seinen kleinen entzückenden Lippenblüten, den unsere Gartennachbarn sofort rausreißen. Auch der Gundermann, dieses magische Kraut der Germanen, bekommt von mir eine Greencard. Übrigens ein schöner kostenloser Bodendecker und eine Bienen- und Hummelweide. Es gibt, habe ich von den Botanikern gelernt, sogar eine Soziologie der Pflanzen, die beschreibt »Was-wächst-wo-wie-gut-zusammen«. Bestimmte Kräuter bezeichnet man gar als hemerophil, sie sind Kulturfolger, die dem Menschen folgen. Zu ihnen gehört die Vogelmiere. Ich dulde sogar die Parallelgesellschaft der Knoblauchsrauke. Und das Nest der Sächsischen Wespe. Es ist schließlich nur ein Garten! Und kann man sich nicht auch Feinde zu Freunden machen im Kampf gegen noch schlimmere? Man kann.
Wie dem auch sei, Gärtnerinnen und Gärtner sollten sich immer an die Maxime des chinesischen Generals und Militärstrategen Sunzi (†496 v. Chr.) halten, die da lautet: »Der vollendete Kriegsherr hütet das Gesetz der Moral und achtet streng auf Methode und Disziplin; so liegt es in seiner Macht, den Erfolg zu bestimmen.« Vor diesem Hintergrund kann botanisches und chemisches Wissen nur nützen, denn wie sagt Sunzi: »Der General – sprich der Gärtner –, der auf meinen Rat hört und nach ihm handelt, wird siegen.« In diesem Sinne: Garten ist Krieg. Hiermit sei er erklärt.
»Unkraut ist eine Frage des Standorts.« Da kann ich nicht widersprechen. Dem Gärtner können Giersch, Springkraut, Japanischer Staudenknöterich oder Kriechender Hahnenfuß außerhalb von Hecke und Zaun seines Gartenparadieses egal sein. Es sei denn, er denkt an Land- und Forstwirte, an Gartenbaubetriebe und an städtische Grünflächen. Viele Kräuter sind nicht standorttreu, sie lieben auch Gärten, das ist ihre Natur. »Ziel des Krieges«, sagt Sunzi, »ist die Niederwerfung des Feindes, um sein Land vor Invasoren zu schützen.« Auf dem Schlachtfeld mag die Strategie aufgehen, im Garten nicht. Denn der Feind kommt immer wieder. Alte Gärtnerweisheit: »Unkräuter, die Samen werfen, hat man für sieben Jahre.« Daher sollte man sich an den Rat Sunzis halten: »Vergiss nie: Wenn deine Waffen stumpf werden, wenn dein Kampfesmut gedämpft wird, deine Kraft erschöpft ist, dann …« Dann werden Unkräuter Ihren Garten vernichten. Dies gilt es zu verhindern.
Als Kind habe ich Löwenzahn nicht nur als Pusteblume kennengelernt, sondern auch als Futter für meine Kaninchen. Jahrzehnte später, als ich Besitzer eines eigenen Gartens wurde, erfreute ich mich an den schönen dottergelben Blüten auf der Wiese. Bis mir mein Gartennachbar einen bösen Blick über den Zaun zuwarf: »Machen Sie das Zeugs schleunigst weg.«
Zu Unrecht werde der Löwenzahn mit Füßen getreten, lese ich in einem einschlägigen Kräuterkochbuch. Er sei ein wertvolles Nahrungsmittel, enthalte mehr Provitamin A als Karotten, zudem Vitamin B und C und 30 Mal mehr Eisen als Spinat. Dies hat sich auch bei trendigen Städtern herumgesprochen: Die jungen zarten Blätter des Kaninchenfutters liegen heute schön abgepackt im Kühlfach des Supermarkts bei den Salaten. Tatsächlich gibt es nichts an dem Korbblütler, das man nicht verwenden könnte. Die Wurzel kann man wie die der Petersilie roh essen oder wie Gemüse dünsten. Im Zweiten Weltkrieg wurde sogar Ersatzkaffee daraus geröstet. Die zarten Blätter sind schmackhafter Salat. Die Blüten kann man in Butter rösten oder Sirup aus ihnen machen. Als Gartenbesitzer müssen Sie den Löwenzahn nicht kaufen, Sie können ihn im Garten völlig kostenlos ernten. Das ganze Jahr über, selbst im Winter, und das mehrjährig. Der Dichter und Journalist Peter Huchel reimte über die Pusteblume:
»Leise segelt das Löwenzahnlichtüber dein weißes Wiesengesicht,segelt wie eine Wimper blassin das zottig wogende Gras.«
Ich habe da allerdings ganz andere Assoziationen. Bei Pusteblumen denke ich an Hunderte von Fallschirmjägern, die vom Himmel segeln, an den Boxweltmeister Max Schmeling und das »Unternehmen Merkur«, bei dem er gemeinsam mit zehntausend deutschen Fallschirmjägern der Wehrmacht am 20. Mai 1941 über der Mittelmeerinsel Kreta absprang. Die Alliierten mussten auf der Insel unter hohen Verlusten vor ihnen kapitulieren.
Kapitulation gibt es für mich im Garten nicht. Auch wenn der Löwenzahn nach meinen Erfahrungen einer der unangenehmsten Feinde des Gärtners ist, eines der hartnäckigsten Unkräuter überhaupt. Weil seine Fallschirmjäger in Massen landen, oft von weit her kommen und den Garten großflächig besetzen. Weil Löwenzahn trittfest ist und sich als Pionier in den Beeten breitmacht. Weil er sich gemeinerweise zwischen Weg- und Terrassensteinen festsetzt. Seine fleischigen Pfahlwurzeln bohren sich bis zu einem Meter tief in den Boden, um immer wieder aus dem Untergrund hervorzustoßen, zu grünen, zu blühen und neue Luftlandetruppen auszuschicken.
Und so bekämpfe ich den Löwenzahn rücksichtslos und mit allen Mitteln. Mit dem 30 Zentimeter langen Bajonett des Unkrautstechers gehe ich ihm an die Wurzel. Nur die Blätter abzuschneiden bringt nichts (Pfahlwurzel!). Auf den Wegen und in den Ritzen zwischen den Steinen spritze ich ihn gezielt mit chemischen Kampfmitteln zu, die auch in die Wurzel dringen. Alles, um ja nicht erst die dottergelben Blüten entstehen zu lassen, die sich bei Sonne öffnen. Denn kaum hat man sich umgedreht, schon sind die Samen ausgereift und flugbereit. (Wer den Gartennachbarn allerdings den Krieg erklären will, wartet wie Generalmajor Meindl auf Kreta auf Winde, die den Löwenzahnsamen im Nachbarsgarten landen lässt.)
Andererseits möchte ich auf die zartbitteren Blätter für den Wildkräutersalat nicht verzichten. Eben deshalb darf bei mir auch Taraxacum officinale – unter strengster Beobachtung – hier und dort wachsen. Wie gesagt, Unkraut ist eine Frage des Standorts.
Vor den Truppen kommen die Pioniere. Wo immer eine Brücke über den Fluss gebaut, eine Schneise durch den Wald geschlagen oder ein Basecamp aufgeschlagen wird, heißt es im Krieg: Pioniere voran. Zu einer solchen Special task force gehört auch der Ranunculus repens. Ranunkeln – das sind doch diese Pflanzen mit den schönen Blüten, die man gern für Hochzeitssträuße verwendet? Ja, aber Ranunculus repens ist der sehr gemeine Kriechende Hahnenfuß.
Wo sein Samen hinfällt, sprießt er raschwüchsig, flächendeckend und mehrjährig. Die wintergrüne Pflanze mit den kleinen goldgelben Blüten sieht eigentlich ganz schön aus. Im Barockgarten von Eichstätt gehörte Ranunculus repens zum Bestand. Damals beschäftigte der Fürstbischof aber auch ein Heer von Gärtnern, die sich mit den bis zu einem halben Meter tiefen Wurzeln beschäftigen konnten, wenn das Kraut hinkroch, wo es nicht hinsollte. Seine Ausläufer vom Typ Erdbeere kriechen in alle Richtungen zugleich und schlagen alle 20 Zentimeter Wurzeln. Das macht das Ausgraben so mühsam und arbeitsintensiv. Haben Sie einmal ein solches Basecamp ausgehoben, können Sie sicher sein, dass Sie einen seiner versteckten und gut getarnten Vorposten unter einer anderen Pflanze übersehen haben. Und schon geht es wieder von vorn los, schnell hat der Hahnenfuß ein neues Stück Land erobert. Da können Sie mit dem Ausgraben kaum nachkommen. Denn blüht er erst einmal, braucht er nicht mal die Unterstützung von Drohnen, den fliegenden Bestäuberverbänden aller Arten. Regen tut’s auch: Er füllt die schüsselartigen Blüten und schwemmt die Pollen auf die Nabe, sodass sich Nüsschen mit Samen bilden. Der Hahnenfuß ist ein Wind- und Tierstreuer, seine Samen verbreitet der Wind oder Ameisen tragen sie fort.
Egal ob über Samen oder Ausläufer, in nur einem Monat hat sich wieder eine kriechende Ranunkel tief in der Erde verwurzelt. Deshalb: Gärtner bück dich – Krieg dem Kriechenden Hahnenfuß! Es sei denn, Sie sind Fürstbischof.
Wir alle freuen uns, wenn das erste Grün aus dem winterlichen Boden sprießt. Dazu gehört das Scharbockskraut, auch Skorbutkraut genannt. Es sieht so schön aus mit seinen kleinen, gelb lackierten Blüten. Im Juni zieht es sich dann wie die Schneeglöckchen und der Bärlauch in den Boden zurück. Denn es ist ein Geophypt, wie die Zwiebeln hat es Überdauerungsknollen voller Stärke in der Erde.
»Als Salatbeigabe gehört es zu meinen allerliebsten Wildkräutern«, lese ich in einem Kochbuch. »Das Aroma aus Karottensalat und Scharbockskraut macht regelrecht ›süchtig‹. Und ich kann, während ich diese Zeilen schreibe, kaum erwarten, bis wieder Scharbockskraut-Saison ist.« So geht es auch mir. Jedes Jahr rüste ich mich schon Ende Januar mit allen Waffen meines Kriegsarsenals für den Feldzug gegen Ranunculus ficaria – und kenne leider das Ergebnis. So schön das Scharbockskraut in Laubmischwäldern und Parks ist, in meinem Garten ist es eine Pest. Eine grüne Krautschicht überdeckt die Beete, setzt sich in den Stauden fest und wuchert entlang der Buchseinfassungen. Im Mai beginnt es zu welken. Es hat sich dann nicht nur versamt, in den Achseln der Blätter haben sich auch getreidekorngroße Brutknöllchen (Bulbillen) gebildet. Ameisen tragen sie überallhin und auch der Gärtner selbst verbreitet sie unweigerlich. Im nächsten Frühjahr, kaum dass der Schnee weg und der Boden aufgetaut ist, sind dann die nächsten Stellen im Garten und ganze Beete scharbockskrautgrün, auch im Rasen.
Und jetzt kommen Sie wieder, die Blätter enthielten doch das lebenswichtige Vitamin C in hoher Dosis. Stimmt. Wenn Sie als Seefahrer auf einem Windjammer um Kap Hoorn segeln und von Skorbut und Zahnausfall infolge Vitaminmangels bedroht sind, dann brauchen Sie das Skorbutkraut. Ich aber bin Gärtner, ich will die grüne Pest in unserem Garten nicht.
Um das Kraut zu stoppen, habe ich früher im Winter fünf Zentimeter groben Mulch auf die Beete geschüttet. Vergeblich. Im Frühjahr darauf schoben sich die Keimblätter durch, die hohlen Stängel krochen über den Boden, und das Scharbockskraut richtete sich zu stolzen 20 Zentimetern auf. Erst ab 30 bis 40 Zentimeter Erdschicht, so habe ich im Kompost getestet, geilen sich die Triebe zu Tode. Also habe ich im zweiten Jahr den Jäter nachgeschliffen und alle zwei Wochen gejätet, das hässliche Krautzeug zusammengerecht und ordnungsgemäß entsorgt. Aber auch das nützte nichts. Denn unterirdisch entwickelt das Scharbockskraut feigwarzenähnliche Wurzelknollen, bis zu zwei Zentimeter lange Stärkebomben, die es immer wieder austreiben lassen, und über Erdsprosse (Rhizome) treibt es in alle Richtungen. Kurzum, die Krautschicht ist unausrottbar. Also habe ich mich notgedrungen erst einmal an den sternförmigen, sattgelb glänzenden Blüten erfreut. Sind die überhaupt echt? Sie sehen aus wie mit Lack bepinselte Plastikblumen, aber sie enthalten sogar Honig. Öffnungszeiten des Honigladens von 9 bis 17 Uhr. Nach dem Öffnen und Schließen der Blüten können Sie die Uhr stellen, unabhängig davon, ob die Sonne scheint oder nicht. Aber erzählen Sie mir jetzt bloß nichts von Bienenweide. Das Scharbockskraut gehört in meinem Garten zu den »Fleurs du Mal«, den »Blumen des Bösen«.
Eine friedliche Koexistenz ist ausgeschlossen. Kapitulieren? Niemals. Eskalation war angesagt! Nachdem ich drei Jahre vergeblich mit konventionellen Mitteln gekämpft hatte, ging ich schließlich zum chirurgischen Einsatz von Chemiewaffen über: Glyphosat mit dem Handelsnamen Roundup (siehe Exkurs Herbizide). Das Herbizid (lat. Krauttöter), das über die Blätter bis in die Wurzel zieht und die Pflanze sterben lässt, war eine Allzweckwaffe im Kampf gegen Unkräuter. Früher war es für Haus- und Kleingärten zugelassen, dann geriet es durch den extensiven und bedenkenlosen Einsatz in der Landwirtschaft in Verruf. Mittlerweile gilt es als »Gift für Mensch und Umwelt«. Naturschutzverbände, Greenpeace und viele andere Organisationen fordern seit Längerem, dass es generell verboten wird. Die zuständige Kommission der Europäischen Union hat die Zulassung bis 2022 verlängert. Ich versuche es jetzt mit verzweifeltem, aber wohl nutzlosem Jäten, Jäten, Jäten. Oder ich grabe hier und da die Knöllchen aus dem Boden. Aber ich werde Ranunculus ficaria wohlnie unter meine Kontrolle bringen.
Übrigens, ihr Wildkräutersalatfreunde, das sollte ich vielleicht noch erwähnen: Wenn euch vom Scharbockskraut-Salat übel wird, wenn ihr erbrecht und Durchfall bekommt, dann hat sich in den Blättern bereits giftiges Alkaloid gesammelt. Im April, vor der Blüte, solltet ihr daher euren Vitamin-C-Bedarf besser im Obst- und Gemüseladen decken. Manche haben rund um die Uhr geöffnet.
Auch wenn Sie nicht wissen, was Camouflage ist, Hosen, T-Shirts und Jacken mit diesen Flecktarnmustern kennen Sie aus jeder Fußgängerzone. Je nach Kriegsgebiet gibt es sie in Wald-, Wüsten- oder Schneeoptik. Selbst in die Haute Couture hat es die Camouflage geschafft.
Das Kriegsgebiet von Potentilla reptans ist unser Garten, dort hat sich das Kriechende Fingerkraut ins Erdbeerbeet mit so köstlichen Aromabomben wie der »Mara des Bois« und der »Profumata di Tortona« gerobbt. Da es jedoch ein Camouflagekraut mit perfekter Tarnung ist, habe ich es zwei Jahre lang nicht bemerkt. Einerseits freute es mich, dass das Erdbeerbeet mit seinen Ausläufern immer größer wurde, andererseits ärgerte ich mich, dass die Pflanzen keine Erdbeeren trugen. Bis ich einmal die Finger an den Blättern zählte: Erdbeeren haben drei Finger, das Fingerkraut aber fünf. Also lautete das Kommando: Gärtner auf die Knie, dem Feind nachgekrochen und im Nahkampf das Kriechende Fingerkraut Pflanze für Pflanze ausgerupft, dann den bis zu einen Meter langen Ausläufern nach bis zum nächsten Fingerkraut. Aber schön Freund und Feind unterscheiden, denn Erdbeeren und Fingerkraut sind sich, wie gesagt, täuschend ähnlich. Nach einer Stunde hatte ich von sechs Quadratmetern einen gesäubert. Hat ja auch was für sich, man sieht den Erfolg umgehend, und er wird Früchte tragen.
Nach zwei Tagen Arbeit in guter Luft war das Walderdbeerbeet unter dem Pflaumenbaum schön clean. Aber bei der nächsten Suche nach den kleinen roten Köstlichkeiten war das Kriechende Fingerkrautwieder da. Denn blüht Potentilla erst einmal, trägt jede Blüte bis zu 240 Samen beziehungsweise Nüsschen. Ameisen lieben sie und tragen sie weg. In den einschlägigen Handbüchern heißt es, das Kriegsgebiet von Potentilla reptans seien Ruderalfluren, also Brachland, gerne auch Bahnschotter. Die Verwendung von pflegeleichtem Schotter ist ja im Garten in Mode gekommen. Was manche für Zen-Buddhismus halten, empfinde ich als öde, um nicht zu sagen als Verbrechen. Und wenn sich darauf das mehrjährige Fingerkraut breitmachen würde, wäre das für mich eine optisch wünschenswerte Okkupation.
Bei mir im Garten liegt zwar nichts brach. Ein Kriegsgebiet ist er aber trotzdem, denn das Fingerkraut beherrscht nicht nur die oberirdische Camouflage, es bohrt sich auch im Untergrund mit Pfahlwurzeln fest. Diese reichen zwei Handspannen in die Tiefe und sind selbst mit dem 30 Zentimeter langen Wurzelstecher schwer herauszubekommen. In der Not greife ich auch schon mal zu amtlich zugelassenen Herbiziden. Woche für Woche fliegt nun mein Auge drohnenmäßig Kontrolle durch den Garten und zählt die Finger an den Blättern, um das Kriechende Fingerkraut auszustechen, das sich überall breitmacht.
Garten ist nun einmal Liebe und Krieg zugleich. Und in der Liebe wie im Krieg, sagt das Sprichwort, sind alle Mittel erlaubt. Fast alle.
Ende der Leseprobe
