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In «Gaza – nur der Weg nach vorn» schildert Brian K. Barber die Lebensgeschichten dreier palästinensischer Männer – Hammam, Hussam und Khalil – und ihrer Familien im Gaza-Streifen über einen Zeitraum von fast 30 Jahren. Er zeigt, wie sie unter israelischer Besatzung, politischer Gewalt, Unsicherheit und Konflikten aufwachsen und welche inneren wie äußeren Kräfte ihnen helfen, Hoffnung, Würde und Menschlichkeit zu bewahren. Neben Rückblicken auf Kindheit, Familie, Schule und traditionelle Werte enthält das Buch eine Sammlung von WhatsApp-Nachrichten, die Barber ab dem 7. Oktober 2023 während eines Jahres mit den Vätern dieser Familien ausgetauscht hat. So entsteht ein unmittelbarer Blick auf ihre Erfahrungen während des Krieges, auf ihre Ängste, ihre Widerstandskraft, ihre Verpflichtungen gegenüber Gemeinschaft und Familie. Barber beleuchtet, wie Erziehung, Bildung, religiöser Glaube sowie moralische Normen inmitten von Gewalt und den kleinen und großen Belastungen, Sorgen und Widrigkeiten des täglichen Lebens dazu beitragen, Identität, Handlungsspielräume und Überlebenswillen zu formen.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Brian K. Barber
Gaza
Nur der Weg nach vorn
Drei Familiengeschichten
Aus dem Englischen von Sophie Haesen
Gamila Basel
Impressum
«No Way but Forward» © 2025 Brian K. Barber
Deutsche Übersetzung © 2025 Gamila, Basel
Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil dieses Buches darf ohne vorherige schriftliche Genehmigung des Herausgebers in irgendeiner Form oder mit irgendwelchen Mitteln, einschliesslich Fotokopien, Aufzeichnungen oder anderen elektronischen oder mechanischen Methoden, vervielfältigt, verbreitet oder übertragen werden, mit Ausnahme von kurzen Zitaten, die in kritischen Rezensionen enthalten sind, und bestimmten anderen nichtkommerziellen Verwendungen, die durch das Urheberrecht erlaubt sind. Genehmigungsanfragen richten Sie bitte an den Herausgeber, Brian K. Barber, unter [email protected]
ISBN: 9783819478017
Coverfoto © Brian K. Barber. Der Autor nahm das Foto 2017 im Osten von Khan Yunis, Gaza, auf. Der Baum zeigt, dass das Leben inmitten von ärmlichen Verhältnissen weitergeht. Der Schriftzug an der Aussenwand des Hauses zeugt von der Heirat eines Mannes namens Omar. Viele weitere Fotografien des Autors aus dem Gazastreifen, die während der in diesem Buch behandelten Jahrzehnte aufgenommen wurden, unter https://bkbarber.com/palestine-2/.
Satz & Umschlaggestaltung: Enso Aellig
No Way but Forward ist eine bemerkenswerte Leistung. Durch sein jahrzehntelanges Engagement in Gaza und nun vor allem durch die tiefgründige Schilderung des Lebens dieser drei Familien zeigt Brian Barber, wie wir es schaffen zu überleben; er zeigt unser Glück, unser Leid und unsere Träume. Insgesamt unterstreicht dieses Buch die Notwendigkeit von Gerechtigkeit, Würde und Frieden ... und es zeigt, dass die Menschheit es manchmal versäumt, all dies für alle einzufordern.s
-Yasser Abu Jamei, Generaldirektor des Gaza Community Mental Health Programme
Ein ergreifendes Werk der Empathie und des Engagements für die Wahrheit – tolstojanisch in der Spannweite, akribisch recherchiert. Es wird neben Sara Roys The Gaza Strip ein Klassiker über Gaza werden. Historisch gesehen ist es ein unschätzbares Dokument und ein würdiges Denkmal einer Ära im Gazastreifen, die seit dem 7. Oktober ausgelöscht wurde.
-Walid Khalidi, Senior Research Fellow (a.D.) des Center for Middle Eastern Studies, Harvard University; Autor von From Haven to Conquest, All That Remains, und Before Their Diaspora
Brian Barber hat getan, was meines Wissens noch niemand getan hat: Er hat drei Familien aus Gaza über drei Jahrzehnte hinweg begleitet und ihr Leben in allen Einzelheiten dokumentiert. Damit hat Professor Barber ein Werk von immenser Schönheit und Menschlichkeit geschaffen, eine unanfechtbare Widerlegung der Entmenschlichung und des Nichtsehens, dem die Palästinenser seit jeher ausgesetzt sind. Vielmehr zeigt er uns, dass wir die Palästinenser und die Palästinenser wir sind; ihre Träume und Hoffnungen sind die unseren, und unsere sind die ihren. Ein unschätzbarer und dringend benötigter Beitrag zur Literatur über die israelisch-palästinensische Krise. Absolut grundlegend. Ein Juwel.
-Sara Roy, Mitarbeiterin des Zentrums für Nahoststudien, Harvard University, Autorin von The Gaza Strip, Silencing Gaza, and Failing Peace
[Eine] fesselnde Erzählung [mit] Geschichten, die den westlichen Erzählungen über palästinensische Jugendliche trotzen… Ein eindringlicher Blick in das besetzte Gaza durch die Augen von drei gewöhnlichen jungen Männern.
-Kirkus Reviews
Barbers methodisches und wunderschönes Werk zeichnet das alltägliche Leben [der Palästinenser] auf, die kleinen Dinge, die den Weg eines Menschen auf der Erde ausmachen - in Gaza. Dies ist kein Vortrag oder ein Buch, das sich auf politische Themen konzentriert - es geht um die Menschlichkeit, wie sie sich weiterentwickelt, wie Menschen tatsächlich leben. Dies ist ein Lebenswerk: ein dringliches, wichtiges und wertvolles Lebenswerk, das von so vielen Menschen wie möglich gelesen werden muss. No Way but Forward ist die akkurateste Darstellung der Anstrengungen - aber auch der Freude, die palästinensische Familien in Gaza vor dem Hintergrund des ständigen Krieges finden konnten.
-Janine di Giovanni, Geschäftsführerin, The Reckoning Project; preisgekrönte Autorin und Journalistin
No Way but Forward ist schwer aus der Hand zu legen. Inmitten der Gewalt und Zerstörung von Besatzung und Krieg nimmt Brian Barber seine Leser mit in das Leben dreier Familien, die in Gaza leben. Die Politik prägt ihre Welt, aber Barber gelingt es, die täglichen Erfahrungen und Gefühle zu beleuchten, die über die Grenzen von Geografie und Kultur hinausgehen. Diese erschütternde Linse offenbart die einfache Wahrheit unserer gemeinsamen Menschlichkeit.
-Anne-Marie Slaughter, CEO, New America; Autorin von Renewal und Das Schachbrett und das Web
Als jemand, der in Gaza aufgewachsen ist, im Exil lebt und den Kriegstod von zwei Dutzend Familienmitgliedern zu beklagen hat, kann ich das Konzept von «nur der Weg nach vorne» sehr gut nachvollziehen. In seiner intimen Erzählung über drei Familien, die trotz der jahrzehntelangen Besatzung, der Belagerung und dem gegenwärtigen Völkermord durch Israel tapfer ausharren, hat Brian Barber die Essenz meiner Geschichte und die aller über zwei Millionen Bürger Gazas eingefangen.
-Ahmed Alnaouq, Schriftsteller, Journalist; Mitautor von We Are Not Numbers
Ein herzzerreissendes und kraftvolles Buch. Professor Brian Barber öffnet unsere Augen und Herzen für die düstere Realität des Lebens - und des Todes - der Bewohner von Gaza, indem er mit grossem Einfühlungsvermögen ihr Aufwachsen, ihre Bestrebungen, Erfolge, Misserfolge und Tragödien unter israelischer Unterdrückung beschreibt.
-Jeffery D. Sachs, Universitätsprofessor für nachhaltige Entwicklung an der Columbia University; Autor von The End of Poverty und A New Foreign Policy
Brian Barber verwebt intime persönliche und familiäre Erzählungen aus Gaza mit dem breiteren Kontext von kolonialer Unterdrückung, militärischer Besatzung, Belagerung, Tod und Zerstörung. In den Lebensgeschichten seiner drei Protagonisten lässt uns Barber an ihrer Entschlossenheit teilhaben, in Würde zu leben und ihre Hoffnungen auf ein Familienleben und vor allem auf Freiheit zu erfüllen. Vor dem Hintergrund des andauernden Völkermords in Gaza stehen diese bemerkenswerten Zeugnisse und der anschliessende herzzerreissende WhatsApp-Austausch mit dem Autor in deutlichem Kontrast zu dem Rassismus und der Entmenschlichung, die Israel und der Westen auf so infame Weise auf die palästinensische Bevölkerung anwenden. Ein schönes, tief bewegendes und wichtiges Buch.
-Avi Shlaim, emeritierter Professor für internationale Beziehungen, Universität Oxford; Autor von The Iron Will und Israel and Palestine
Barber gräbt sorgfältig eine Geschichte des Lebens, der Träume und Hoffnungen, der Liebe und der Menschlichkeit aus, während er drei Familien nachgeht, die sich im Gazastreifen unter dem repressivsten aller Regime ein Leben aufbauen. No Way but Forward nimmt uns in das intime Zuhause der Protagonisten mit und appelliert an uns, jeden Moment von Freude und Kummer, jeden Sieg und Verlust, jede Hoffnung und Enttäuschung zu teilen, so dass wir diese Familien am Ende kennen, als wären sie unsere eigenen. Wir werden eins mit ihnen, während Barber unsere Hände hält und uns auffordert, mitzuerleben, wie sich ihr Leben über Generationen hinweg entfaltet hat, erschüttert von kolonialer Gewalt und Hass, aber immer noch getragen von der unbezwingbaren Hoffnung auf Gerechtigkeit.
-Tareq Baconi, Schriftsteller; Autor von Hamas Contained
Brian Barber hat mehr Zeit vor Ort in Gaza verbracht als fast jeder andere Beobachter von aussen. Er schreibt mit grosser Klarheit und Einfühlungsvermögen über das Leben dort, das er anhand der Geschichten dreier Männer und ihrer Familien erzählt, die er über Jahrzehnte hinweg aufgezeichnet hat, Geschichten, die nach dem Gaza-Krieg, der auf den Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 folgte, noch mehr Resonanz angenommen haben. Wenn man verstehen will, wie das Leben ganz normaler Menschen in Gaza aussieht, ist dieses Buch eine Pflichtlektüre.
-Peter Bergen, Vizepräsident, New America; Autor von The Rise and Fall of Osama bin Laden
Brian Barber verbindet sein scharfes Forscherauge und sein einfühlsames Herz, um den Reichtum des täglichen Lebens der Palästinenser im Gazastreifen inmitten der chaotischen Lebensbedingungen einzufangen, die durch geopolitische Auseinandersetzungen verursacht werden, auf die sie kaum Einfluss haben. No Way but Forward zeugt von der Widerstandsfähigkeit des menschlichen Geistes. Die Welt muss dieses Buch sehen, je früher, desto besser. Es hat mich gepackt und nicht mehr losgelassen.
-Harold D. Grotevant, emeritierter Professor für Psychologie, Universität von Massachusetts Amherst
In diesem meisterhaften Buch vermittelt Brian Barber geschickt die Geschichte und die kulturellen Gepflogenheiten von Gaza, indem er uns in das Leben dreier Männer mitnimmt, die in Flüchtlingslagern aufwuchsen und die brutale Realität der Besatzung und der wiederholten militärischen Angriffe ertrugen, während sie beharrlich ihre Ausbildung fortsetzten und sich bemühten, die Hoffnung am Leben zu erhalten... Ihre Geschichten sind ein Zeugnis für die Menschlichkeit, die Güte, die Ausdauer und den Anstand eines Volkes, das im Laufe der Jahre von Israel und dem Westen so gründlich dämonisiert und dem alle Menschenrechte verweigert wurden. Barbers Buch ist sowohl ein unschätzbares Fenster nach Gaza vor dem 7. Oktober als auch eine Bestätigung der Würde einer Gesellschaft, deren Auslöschung diejenigen von uns, die das Glück haben, Gaza zu kennen, jetzt betrauern.
-Nancy Murray, Präsidentin, Gaza Mental Health Foundation
Die Palästinenser wurden durch die jüdisch-israelische Brille betrachtet und als «Terroristen», als die «weniger Zivilisierten», als die, die weniger internationale Sympathien und Verständnis verdienen, definiert. Brian K. Barber bietet in seinem neuen Buch «No Way but Forward» ein Gegenmittel gegen diese voreingenommene, unangemessene Denkweise. Barber schreibt mit einem sensiblen Verständnis für das Leben, die Politik und die Kultur von Gaza. Er beschreibt das Leben dieser drei Personen, zeichnet ein klares Bild ihrer tiefen Menschlichkeit und stellt die Phrasen unserer Zeit in Frage.
-Alice Rothchild, Ärztin, Aktivistin, Filmemacherin; Autorin von Condition Critical und Inspired and Outraged
Karte des Gazastreifens
Einführung
Die Entdeckung Gazas
Der Gaza-Streifen
Die erste Intifada
Die Erzählungen
Teil 1: Die Erzählungen
Hammam: Der soziale Mensch
Ein Mann werden (1980, fünf Jahre alt)
Das Lamm (1981, sechs Jahre alt)
Jerusalem (1982, sieben Jahre alt)
Der Reifen (1989, vierzehn Jahre alt)
Versagen (1993, achtzehn Jahre alt)
Ein neuer Tiefpunkt (1994-1998, neunzehn bis dreiundzwanzig Jahre alt)
Der erste Sieg des Lebens (2000, fünfundzwanzig Jahre alt)
Shada (2000, fünfundzwanzig Jahre alt)
Wer wird es sein? (2006, einunddreissig Jahre alt)
Beunruhigende Zeiten (2006, einunddreissig Jahre alt)
Mukhtar (2007, zweiunddreissig Jahre alt)
Wieder zurück in der Schule (2008, dreiunddreissig Jahre alt)
Einundfünfzig Tage (2012, siebenunddreissig Jahre alt)
Wintermäntel und Telefonanrufe (2015, vierzig Jahre alt)
Genug (2017, zweiundvierzig Jahre alt)
Die grösste Schande (2017, zweiundvierzig Jahre alt)
Familientreffen (2018, dreiundvierzig Jahre alt)
Sich vorwärts schleppen (2021, fünfundvierzig Jahre alt)
Khalil: Der Verfechter der Menschenrechte
Das Sandwich (1976, sechs Jahre alt)
Die Eruption (1987, siebzehn Jahre alt)
Der Ausweis (1988, achtzehn Jahre alt)
Schokolade (1990, zwanzig Jahre alt)
Die Akademie der Palästinenser (1990, zwanzig Jahre alt)
Kairo (1996, sechsundzwanzig Jahre alt)
Sahar (1996, sechsundzwanzig Jahre alt)
Traumjob (1998-2014, siebenundzwanzig bis vierundvierzig Jahre alt)
Tamam (2010, vierzig Jahre alt)
Die Demontage (2015, fünfundvierzig Jahre alt)
Exil (2015, fünfundvierzig Jahre alt)
Ein neues Leben (2016-2022, sechsundvierzig bis zweiundfünfzig Jahre alt)
Hussam: Der Erzieher
Das Poster an der Wand (1986, dreizehn Jahre alt)
Das Erklimmen der Mauer (1988, fünfzehn Jahre alt)
Flucht (Februar 1989, sechzehn Jahre alt)
Die Warnung (Mai 1989, sechzehn Jahre alt)
Inhaftierung (Oktober 1989, sechzehn Jahre alt)
Gefängnis (Dezember 1991, achtzehn Jahre alt)
Ein erfüllter Traum (1991-1994, achtzehn bis einundzwanzig Jahre alt)
Das darf nicht passieren! (1995, zweiundzwanzig Jahre alt)
Effizienz (1995, zweiundzwanzig Jahre alt)
Gute Nachrichten (1999, sechsundzwanzig Jahre alt)
Eine neue Welt (1999, sechsundzwanzig Jahre alt)
Utah (1999, sechsundzwanzig Jahre alt)
Ein Knalleffekt (2000, siebenundzwanzig Jahre alt)
Malaysia (2010, siebenunddreissig Jahre alt)
Krieg (2014, einundvierzig Jahre alt)
Es geht immer noch schlimmer (2017, vierundvierzig Jahre alt)
Und wieder (2018, fünfundvierzig Jahre alt)
Gaza für immer (2019, sechsundvierzig Jahre alt)
Teil 2: 7. Oktober 2023
Einführung
Hammam WhatsApp-Nachrichten: 7. Oktober 2023 – 7. Oktober 2024
Khalil WhatsApp-Nachrichten: 7. Oktober 2023 – 7. Oktober 2024
Hussam WhatsApp-Nachrichten: 7. Oktober 2023 – 7. Oktober 2024
Epilog
Epilog 2
Nachwort
Danksagung
Anhang 1: Bibliographie
Anhang 2: Veröffentlichungen zu Palästina von Brian K. Barber und seinen Forschungsteams
Selbst die dunkelste Nacht wird enden und die Sonne wird aufgehen.
-Victor Hugo, Les Misérables (1862)
Unsere Seelen sind gefüllt mit Schmerz, Kummer und Tränen, die wir nicht mehr vergiessen können... Jeder Tag bringt eine neue Geschichte, eine schlimmere Realität als die vorherige... doch solange wir Atem haben, dauert der Traum an. (5. Januar 2024)
In uns brennen Widerstandskraft und Entschlossenheit, in Würde zu leben. Und mit jedem Tag, der vergeht, wird die Hoffnung irgendwie aufrechterhalten, und der Wille, weiterzukommen, wächst trotz aller Schwierigkeiten. (5. April 2024)
-Khalils dreiundzwanzigjähriger Sohn, Mohammed Abu Shammala
Landkarte gezeichnet von Khaled Alostath, ins Deutsche übertragen von Gamila
FÜR Sharif Sharaf, Abu Ali Hillis, Eyad el Sarraj, Ahmed Abo Abed und Bruce Chadwick - alles liebe Freunde und Kollegen. Mögen sie in Frieden ruhen.
FÜR die Tausende Palästinenser, insbesondere in Gaza, mit denen ich persönlich zu tun hatte, für alle anderen Palästinenser und für alle unterdrückten Völker auf der ganzen Welt.
Nur der Weg nach vorn ist eine Reihe von Geschichten – von zutiefst menschlichen Berichten – von drei jungen Männern und ihren Familien. Alle drei wurden nach der israelischen Militärbesetzung des Gazastreifens geboren, die 1967 in Kraft trat, und sie haben ihr ganzes Leben unter dieser Kontrolle verbracht. Während der gesamten Besatzungszeit waren sie mit Gewalt, Demütigung und dem Verlust geliebter Menschen konfrontiert. Auch sind sie mit der zunehmenden Einschränkung ihrer Bewegungsfreiheit, ihrer Grundressourcen und ihrer wirtschaftlichen Möglichkeiten konfrontiert. Ausserdem wurden sie während eines historischen sechsjährigen Aufstands gegen die Besatzung (der ersten Intifada, siehe unten) erwachsen, an dem sich die Bevölkerung von Gaza, insbesondere junge Menschen, aktiv beteiligt hat.
Doch zusammen mit ihren Eltern, Frauen und Kindern bemühten sie sich beharrlich, sich ein ehrenwertes Leben zu schaffen, mit dem grösstmöglichen Mass an Glück, das die Umstände zulassen. Kurz gesagt wurde jeder dieser drei jungen Männer von der klassischsten aller palästinensischen Maximen angetrieben: Wenn man mit einem Hindernis oder einem Rückschlag konfrontiert ist, gibt es nichts anderes, als nach vorn zu gehen.
Vor allem jedoch zeigt das Buch auf, wie diese drei Personen und ihre Familien während des erbitterten, noch andauernden israelischen Bombardements zurechtkommen, das auf den schockierenden Hamas-Angriff auf Südisrael am 7. Oktober 2023 folgte. Hammam, Khalil und Hussam – die sich übrigens nie begegnet sind – sind gewöhnliche Menschen, die in einem aussergewöhnlichen Umfeld leben. Wenn wir ihre alltägliche Realität sehen, erkennen wir uns selbst wieder – unsere eigenen Interessen, Anstrengungen, Dilemmata, Freuden und Schmerzen. Diese alltägliche Realität umfasst die Angst vor Schulprüfungen und die Enttäuschung über Scheitern, die Befriedigung, eine Arbeitsstelle zu bekommen und befördert zu werden, die Angst und die Stigmatisierung von Unfruchtbarkeit, die Aufregung, die Geburt eines Kindes zu erleben, und den Schmerz, von der Krebserkrankung einer geliebten Mutter zu erfahren. Die Leserinnen und Leser werden sich in solch vertrauten menschlichen Dramen verlieren – nur um dann von der Erkenntnis geweckt zu werden, dass sich das alles ausgerechnet im winzigen, unterdrückten Gaza abspielt.
Gaza – Nur der Weg nach vorn ist keine Abhandlung über Geschichte, Politik oder Wirtschaft, wie die meisten der Dutzenden von wichtigen Bücher über Gaza. Eine Liste einiger dieser Bücher sind in Anhang 1 zu finden. Es ist auch kein Buch über den palästinensisch-israelischen Konflikt. Vielmehr handelt es sich um eine Reihe von Geschichten über das alltägliche Leben in einer düsteren und schwer missverstandenen Ecke der Welt – Geschichten über die aussergewöhnliche Entschlossenheit gewöhnlicher Menschen, die versuchen, ein gutes und würdiges Leben zu erschaffen. Diese Erzählungen sind fesselnd, lehrreich, inspirierend, tragisch und als Geschichten vom Überleben, Aushalten und Hoffen von universeller Bedeutung.
Gaza wird von Aussenstehenden deshalb so missverstanden und schlechtgemacht, weil relativ wenige von ihnen dort waren – und noch weniger sind lange genug geblieben, um etwas über die Kultur und die Werte seiner Bewohner zu erfahren. Gazas erste Tragödie besteht also darin, dass sich die meisten Menschen – egal ob Politiker, Diplomaten, Journalisten oder normale Bürger anderer Länder – trotz dieser Unkenntnis berechtigt fühlen, sich mit markigen Erklärungen dazu zu äussern, wer die Palästinenser sind, was sie verdienen oder nicht, und was sie wollen, erhoffen oder erreichen dürfen oder nicht.
«Bist du sicher, dass du dorthin gehen willst? Ist das nicht zu gefährlich?», hiess es immer wieder von Kollegen und Freunden, als ich als junger Assistenzprofessor im Frühjahr 1995 ankündigte, dass ich allein nach Gaza gehen wolle, um die soziologischen und psychologischen Forschungen fortzusetzen, die unsere akademischen Teams in den letzten zwei Jahren bei palästinensischen Familien in der Westbank und in Ostjerusalem durchgeführt hatten. Wenn man der Propaganda Glauben schenkte, war ihre Sorge berechtigt. Schon seit Jahren bezeichneten die israelischen Medien den Gazastreifen als «Drecksloch» voller «Hornissen»1.
Wir recherchierten und fanden heraus, dass über 80 Prozent der Artikel in fünf grossen US-Zeitungen, die «Gaza» im Titel hatten, den Namen mit Gewalt oder Terror verbanden. Selbst die vielen palästinensischen Kollegen und Freunde, die ich in den vergangenen zwei Jahren in der Westbank und in Ostjerusalem kennengelernt hatte, konnten diese negativen Darstellungen nicht ausräumen, da die meisten von ihnen seit mehreren Jahren nicht mehr in Gaza gewesen waren.
Aber ich war bereits gegen den Unsinn geimpft worden, den unerfahrene – sogenannte – Experten über Palästinenser als wütende und rachsüchtige Menschen verbreiteten. Stattdessen hatten meine Kollegen und ich die Tausenden von Palästinensern, zu denen wir in der Westbank und in Ostjerusalem forschten und mit denen wir zu tun hatten, als durchweg warmherzig und einnehmend erlebt. Die Fachliteratur zur psychischen Gesundheit war ebenso irrig. Statt einer jugendlichen Population, die in den vergangenen sechs Jahren durch den ständigen Kontakt mit Gewalt psychisch geschädigt war, dokumentierten wir eine Population mit gesundem Selbstwertgefühl, sozialem Zusammenhalt und der Hoffnung auf eine friedliche Zukunft.
An einem Frühlingsmorgen im Jahr 1995 verliess mein Taxi Jerusalem und fuhr neunzig Minuten südwestlich durch Israel zum Gazastreifen. Wir passierten grüne Ebenen und fuhren auf asphaltierten vierspurigen Strassen mit modernen Ampeln. Schliesslich bog der Fahrer von der Hauptstrasse ab und fuhr auf einem holprigen Feldweg nach Westen, bis wir bald zu einer Reihe rudimentärer Baracken kamen, vor denen ein asphaltierter Weg verlief, der durch eine horizontale weisse Schranke versperrt war. Der Fahrer setzte mich ab und wünschte mir eine gute Reise. Ich hielt es nicht für klug, mich unter den weissen Balken hindurchzubücken, und wartete. Schliesslich begann sich der Balken ruckartig, aber unheimlich leise zu heben.
Ich ging leicht beklommen voran. Wortlos näherte sich ein israelischer Soldat. Ich reichte ihm meinen Pass, und er bedeutete mir, auf einer alten Bank vor einer der Baracken zu warten. Nach einigen Minuten verliess er die Baracke, gab mir meinen Pass und kehrte ohne Worte in sein Büro zurück. Ich ging davon aus, dass ich weitergehen konnte, und tat das auch, genau wie es mir der Bildungsbeauftragte des Hilfswerks der Vereinten Nationen für Palästinaflüchtlinge im Nahen Osten (UNRWA) am Telefon gesagt hatte: immer weiter, bis man ein weisses Auto mit blauer UN-Beschriftung sieht. Der Weg, der von den Baracken wegführte, war staubig und steinig und blockierte immer wieder die kleinen Plastikräder meines Rollkoffers.
Das Frühlingswetter war angenehm, und ich machte eine kleine Pause und bemerkte, wie still es noch war. Links weit im Hintergrund konnte ich Bauern mit Eselskarren sehen, die ihre unregelmässigen Felder bearbeiteten. Rechts tauchte etwas auf, das wie eine verlassene Fabrik aussah. Ich ging vorwärts, bis ich den Schimmer des Autos sah, das etwa zweihundert Meter – «Niemandsland» – hinter dem israelischen Checkpoint wartete. Ahmed, der Assistent des Leiters des UN-Bildungssystems in Gaza, stand neben dem Fahrzeug und begrüsste mich herzlich. Während unserer zwanzigminütigen Fahrt nach Gaza-Stadt erzählte er stolz von seinen acht Kindern und wie gerne er für das UNRWA arbeitete.
Während der Fahrt wurde ich mit endlosen Paradoxonen konfrontiert. Am westlichen Horizont sah ich die hässliche, aus grauen Betonsteinen gebaute Ungeheuerlichkeit des Flüchtlingslagers Jabaliya, in dem neunzigtausend Menschen leben; am östlichen Horizont sah ich reizvolles grünes Ackerland. In der Ferne sah ich den scheusslichen Schmutzfleck roher Abwässer, die vom Flüchtlingslager al-Shati nördlich von Gaza-Stadt offen ins Meer flossen und das ansonsten strahlende Blau des Mittelmeers störten.
Eine bizarre Kombination aus modernen, aber maroden Diesel-LKWs und Limousinen schlängelte sich auf die zerrissenen Strassen zügig zwischen von Pferden gezogenen Holzfuhrwerken hindurch, die fieberhaft vorantrabten. Die Fuhrwerke transportierten Lasten, die von riesigen, überströmenden Stapeln gelber Kartoffeln über Armierungseisen von der doppelten Länge der Fuhrwerke bis hin zu ganzen Grossfamilien reichten. Die Kakophonie aus Verkehrslärm und Menschenmassen stand im Kontrast zu den stillen Weiten der Weiden und Obstgärten. Und von staubigen Schulhöfen strömten Tausende quirliger junger Schüler in ihren schlechtsitzenden Uniformen auf die bereits überfüllten Strassen. Viele von ihnen gingen Hand in Hand – Mädchen mit Mädchen, Jungen mit Jungen -, um nach Hause in Gaza-Stadt oder in ihre jeweiligen Flüchtlingslager zu gelangen und dort die Nachmittagsmahlzeit einzunehmen.
Am nächsten Tag führten mich UNRWA-Bildungsbeamte durch den gesamten Gazastreifen, den man in weniger als einer Stunde längs durchfahren und in zwanzig Minuten durchqueren kann. Die Kontraste blieben bestehen: Wir fuhren an dichten, weitläufigen Hainen von Orangenbäumen und Dattelpalmen vorbei, an Reihen von tristen Fabriken und an herrlichen, hellen Sandstränden, die vom weissen Schaum der kleinen Wellen des riesigen Mittelmeers gekitzelt wurden.
Wir besuchten zahlreiche Schulen, die meisten davon in den acht Flüchtlingslagern überall im Gazastreifen. Die Lager selbst offenbarten Paradoxes. Schmale, sandige Wege mit Rinnsalen aus rohem Abwasser, das in Sickerbecken tröpfelte, schlängelten sich zwischen identischen, unverputzten Bauten aus Betonsteinen, die mit 50-Gallonen-Wasserzisternen aus Blech oder schwarzem Plastik gekrönt sind und aus denen Bewehrungsstäbe nach oben ragen, wo sie auf neue Stockwerke für die Söhne warten, sobald diese geheiratet haben. Doch diese Strukturen waren auch mit glänzenden, modernen Satellitenschüsseln gespickt.
Über einen Dolmetscher sprach ich in vielen kleinen Klassenzimmern, die mit fünfzig oder mehr Schülern gefüllt waren, die sich genauso gut benahmen wie ihre Pendants in den Dutzenden von Klassenzimmern in der Westbank und in Ostjerusalem, die ich dort besucht hatte. Als ich ein Klassenzimmer verliess, erhob sich ein junger Mann und bat mich respektvoll: «Bitte gehen Sie nach Hause und sagen Sie der Welt, dass wir nicht alle Terroristen sind.» In einer anderen Schule schrieb ein junges Mädchen einen Zettel auf Englisch und reichte ihn mir schüchtern, als ich ihr Klassenzimmer verliess:
Im Namen Gottes, sehr geehrter Herr,
Sie sind hier in Gaza willkommen. Ihr kleines Land. Ich und meine Freunde bedanken uns für Ihren Besuch in unserer Schule, und ich hoffe, dass Sie diesen Besuch geniessen werden. Wir freuen uns sehr, Sie hier bei uns Palästinensern zu sehen, die gerne Ausländer treffen und mit ihnen sprechen, um ihnen von unserem Land zu erzählen. Abschliessend wünsche ich Ihnen, dass Sie Ihre Zeit in Gaza geniessen und erwägen werden, diesen Besuch zu wiederholen.
Mit freundlichen Grüssen, Samira Abusalim
In einer anderen Schule nahm mich ein Verwalter beiseite und drückte im Wesentlichen die gleiche Dankbarkeit für den Besuch und die Hoffnung, dass ich wiederkommen würde, aus.
Kurz gesagt habe ich in Gaza kein Drecksloch bemerkt und keine Hornissenschwärme angetroffen. Ich fühlte mich rundum sicher und bin mit wenigen Ausnahmen seit jenem Besuch 1995 immer wieder dorthin zurückgekehrt, in der Regel zweimal im Jahr für mehrere Wochen oder Monate am Stück. Ich war im März 2020 in Gaza, als das Coronavirus mit voller Wucht zuschlug, und ich nahm einen der letzten Flüge von Tel Aviv zurück nach Hause. Nachdem die Pandemie abgeklungen war, konnte ich meine Einreisegenehmigung für Gaza bei den israelischen Verteidigungskräften (IDF) erneuern. Ich hatte die Einreise für den 15. Oktober 2023 geplant. Ab dem 7. Oktober wurde die Einreise unmöglich.
Historisch gesehen hat sich der Name Gaza auf zwei Dinge bezogen. Zum einen bezog er sich in den fast sechstausend Jahren seiner aufgezeichneten Geschichte hauptsächlich auf die antike Hafenstadt Gaza, eine der ältesten dokumentierten Städte der Welt. Gaza-Stadt war bereits 500 v. u. Z. das wichtigste Zentrum des Weihrauchhandels und auch das Handelszentrum für viele andere Waren. Im späten fünften und frühen sechsten Jahrhundert u. Z. war die Stadt für ihre Messen und Theater sowie für ihre Rhetorikschule berühmt, die damals die Grundlage aller höheren Bildung war.
Die Stadt Gaza war in römischer Zeit so wichtig, dass sie ihren eigenen Kalender hatte. Die Inschrift auf einer Münze, die zu Beginn des ersten Jahrtausends v. u. Z. in Gaza geprägt wurde, lautet: «Die Stadt der Gazäer ist heilig, und ein Asyl und autonom, treu, fromm, glänzend und gross.»2 Fünfhundert Jahre später schrieb Antoninus der Märtyrer: «Gaza ist eine prächtige und schöne Stadt; ihre Männer sind sehr ehrlich, in jeder Hinsicht liberal und freundlich zu den Pilgern.»3
Die Geschichte von Gaza-Stadt liest sich wie ein Wer ist Wer berühmter Persönlichkeiten: Ramses I., Ramses II., Ramses III., Samson, Saul, David, Salomo, Alexander der Grosse, Plutarch, Pompejus, Cäsar, Herodes, Jesus, Marcus Antonius, Kleopatra, Porphyrius, Omar ibn al Khattab und Haschim ibn Abd Manaf (Urgrossvater von Muhammad) und viele andere. Alexander verlor bei der Eroberung von Gaza zehntausend Mann. Napoleon wurde dort verwundet. General Edmund Allenby, der Befehlshaber der britischen ägyptischen Expeditionsstreitkräfte, brauchte drei Tage, um die Stadt am Ende des Ersten Weltkriegs einzunehmen.4
Der Name Gaza bezieht sich auch auf die Gebiete nördlich, östlich und südlich der Grenzen von Gaza-Stadt – Gebiete, die unter die veränderliche Herrschaft von Ägyptern, Kanaanitern, Philistern, Assyrern, Seleukiden, Griechen, Römern, Israeliten, Fatimiden, Babyloniern, Persern, Osmanen und anderen kamen.5
Der Gaza-Streifen6 ist ein rechteckiges Gebiet an der südöstlichen Biegung des Mittelmeers direkt über Ägypten. Das knapp 330 km2 grosse Gebiet (zwischen 5.5 und 13 km breit und 45 km lang) wurde am Ende des Krieges von 1948 zwischen jüdischen und arabischen Kräften, der zur Gründung des Staates Israel führte, demarkiert. Im Waffenstillstandsabkommen wurde Ägypten als Verwalter dieses neuen Gazastreifens bestimmt.7
Die Jahre nach der Gründung Israels waren voll tödlicher Gewalt zwischen palästinensischen Infiltratoren aus Jordanien und dem israelischen Militär. Bereits 1954 war Gaza in die gleiche Dynamik von Übergriffen und Vergeltungsmassnahmen verwickelt, aber noch mehr im Jahr 1956, als Israel mit Unterstützung Grossbritanniens und Frankreichs als Reaktion auf die Verstaatlichung des Suezkanals durch Ägypten einen Krieg begann. Vier Monate lang besetzte Israel die Sinai-Halbinsel einschliesslich Gaza und zog sich erst unter starkem Druck der USA zurück.8
Im arabisch-israelischen Krieg von 1967 (auch als Sechstagekrieg bekannt) erlangte das israelische Militär von Ägypten die Kontrolle über den Gazastreifen und die Sinai-Halbinsel. Ausserdem ergriff es von Jordanien die Kontrolle über die Westbank und Ostjerusalem sowie von Syrien über die Golanhöhen. In den Jahren 1978-79 schlossen Ägypten und Israel ein Friedensabkommen, das durch die Zusage der USA, jedem Land jährlich Milliarden von Dollar an Hilfe zukommen zu lassen, begünstigt wurde. Im Rahmen dieses Abkommens zog sich Israel von der Sinai-Halbinsel zurück. Ägypten hatte auf dem Rückzug des israelischen Militärs auch aus der Westbank und dem Gazastreifen bestanden, doch Israel weigerte sich, die palästinensischen Gebiete in das Abkommen aufzunehmen. So blieben die Westbank, der Gazastreifen und die Golanhöhen besetzte Gebiete – und sind es immer noch.9
Unmittelbar nach der israelischen Besetzung von Gaza im Jahr 1967 begannen hochrangige israelische Politiker – Premierminister, Verteidigungsminister und andere – über teilweise zugegebenermassen grausame Möglichkeiten zu diskutieren, Gaza von Palästinensern zu säubern oder ihre Anzahl drastisch zu reduzieren, wobei das Endziel einiger Pläne darin bestand, Gaza an Israel anzugliedern: zum Beispiel durch den Einsatz militärischer Gewalt, um Palästinenser in den Sinai oder nach Jordanien zu bringen; durch den Abriss ihrer Häuser oder die Vertreibung daraus; durch den Entzug von genug Wasser, um die Landwirtschaft in Gaza zu zerstören; und auch sonst durch die Gewährleistung eines niedrigen Lebensstandards in Gaza, um die Auswanderung zu fördern.10 Sara Roy hat Israels vorsätzliche und systematische «De-Entwicklung» der Wirtschaft in Gaza seit 1967, die sicherstellen sollte, dass Gaza nicht in der Lage ist, sich selbst zu versorgen, gründlich dokumentiert.11
Vor der israelischen Besetzung hatte Gaza – mit einer Bevölkerung von dreihunderttausend Arabern, von denen zwei Drittel Flüchtlinge waren – eine florierende Zitrus- und Agrarindustrie, die durch einen kommerziellen und touristischen Handel mit Ägypten ergänzt wurde, dessen Einwohner dorthin reisten, um die Strände und die Zollfreigeschäfte zu geniessen. Doch bereits 1970 verhängten die israelischen Streitkräfte strenge Ausgangssperren und hatten Hunderte von Häusern zerstört. Einige bezeichneten den Gazastreifen als «Schlachtfeld und Kloake, [die] Hauptstadt der Verzweiflung» 12(12).1971 begann Israel mit dem Bau jüdischer Siedlungen in Gaza.
Der Begriff Intifada («Aufstand» oder «Abschütteln») wurde zum ersten Mal verwendet, um den palästinensischen Aufstand von 1987-93 gegen die israelische Besatzung zu beschreiben, gegen eine rigide, militärisch beherrschte Kontrolle, die bereits seit mehr als fünfundzwanzig Jahren bestand, als ich nach Gaza kam. Da die drei jungen Männer, von denen ich erzähle, unter dieser Besatzung geboren wurden und während dieses historischen Aufstandes erwachsen wurden, ist es wichtig, einige Details der Ereignisse darzulegen.
Durch die Besetzung von 1967 wurden die politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Bereiche des palästinensischen Lebens mit Absicht kontrolliert. Diese Kontrolle umfasste Israels Unterdrückung palästinensischer gesetzlicher, ziviler und politischer Rechte sowie von Land- und Wasserrechten; Israels energische Behandlung von Palästinensern durch seine Politik der «Eisernen Faust», die mit Kollektivstrafen, willkürlichen Schikanen, Verhaftungen, Ausgangssperren, Folter und Hauszerstörungen auf Widerstand reagierte; Israels wirtschaftliche Ausbeutung der Palästinenser, einschliesslich der Kontrolle der Dienstleistungsinfrastruktur in der Westbank und in Gaza, der Konfiszierung palästinensischer Land- und Wasserressourcen, der Ausbeutung und Entwürdigung palästinensischer Arbeitskräfte, der Beherrschung der besetzten Gebiete als monopolistischer Absatzmarkt und der Einschränkung des Aussenhandels.13
Die Besatzung bedeutete die israelische Kontrolle über soziale und finanzielle Einrichtungen, einschliesslich Banken und Gewerkschaften, sowie die Unterdrückung von Kultur und Ideologie. Diese Unterdrückung umfasste die Genehmigung aller Veröffentlichungen, die Zensur der Medien, die Zerstörung arabischer historischer Stätten, die Streichung des Wortes Palästina aus allen Schulbüchern und Landkarten, das Verbot der Verwendung der vier Farben der palästinensischen Flagge (grün, weiss, rot und schwarz) in Veröffentlichungen oder Kunstwerken, die Änderung der Namen von Städten, Hügeln und Strassen von Arabisch in Hebräisch und das Verbot von Festen, Ausstellungen und öffentlichen Vorträgen.14
Die Unterdrückung palästinensischer Rechte schuf ein explosionsbereites Pulverfass – und genau das geschah am 9. Dezember 1987, dem Tag, nachdem ein israelischer Lastwagenfahrer in eine Reihe von Autos und Lieferwagen voller Männer aus Gaza gerast war, die von ihrer Tagesarbeit in Israel zurückkehrten. Die Beerdigungen von drei der vier Palästinenser, die bei dem Unfall ums Leben kamen, entwickelte sich schnell zu massiven Demonstrationen, die durch Gerüchte über einen vorsätzlichen Unfall angeheizt wurden. Die Proteste gingen auch am nächsten Tag weiter und führten zu direkten Konfrontationen mit israelischen Soldaten, die versuchten, die Ordnung wiederherzustellen, indem sie Tränengas und scharfe Munition in die Menschenmengen schossen. Diese militärische Reaktion verstärkte jedoch nur den palästinensischen Zorn. Die Proteste eskalierten bald und weiteten sich auf die Westbank und Ostjerusalem aus. Was dem israelischen Militär und der Regierung zunächst als wenig mehr als normale Unruhen erschien, entwickelte sich zu einem beispiellosen sechsjährigen Kampf mit fast täglichen Konflikten. Die Heftigkeit und Dauer des Ausbruchs überraschte alle: Palästinenser, Israelis und alle, die nicht an dem Konflikt beteiligt waren.
Diese erste Intifada zeichnet sich nach wie vor durch die massive Beteiligung junger Menschen aus, deren historisch einmalige Raten jede andere dokumentierte Rebellion der Welt in den Schatten stellen. Während der gesamten Bewegung beteiligten sich mehr als 80 Prozent der jungen Männer und 50 Prozent der jungen Frauen und Eltern an einer oder mehreren Aktivitäten: Demonstrationen, Steinwürfe auf die IDF, das Verbrennen von Reifen, um Wege zu verschleiern, das Verteilen von rohen Zwiebeln an Demonstranten, um das Brennen des Tränengases in den Augen zu lindern, das Ablenken von Soldaten und so weiter. Bei einer beträchtlichen Mehrheit der jungen männlichen Palästinenser und einer erheblichen Minderheit der jungen weiblichen Palästinenser wurden Haus- oder Schuldurchsuchungen durchgeführt oder sie wurden beschimpft, geschlagen oder getreten, mit Kugeln beschossen, gedemütigt oder gezwungen, die Demütigung anderer durch die IDF mit anzusehen. Fünfundzwanzig Prozent der jungen Männer wurden festgenommen oder inhaftiert.15
Als ich den Gazastreifen 1995 zum ersten Mal besuchte, bestand die Bevölkerung aus 1,4 Millionen Palästinensern. Die überwiegende Mehrheit von ihnen waren sunnitische muslimische Araber, und etwa 1 % waren arabische Christen, meist griechisch-orthodoxe. Etwa 30 % dieser Bevölkerung waren in Gaza gebürtig (Palästinenser, die schon vor 1948 dort gelebt hatten, sowie deren Nachkommen), die in Städten, Dörfern und Gemeinden wohnten. Etwa 70 % der Bevölkerung waren Flüchtlinge, die von den israelischen Streitkräften vertrieben worden waren oder aus ihrer Heimat im vorisraelischen Palästina geflohen waren, sowie deren Nachkommen. Etwa zwei Drittel dieser Bewohner Gazas lebten in acht Flüchtlingslagern, in denen zwischen zwölftausend und neunzigtausend Menschen untergebracht waren.16
Die neu gegründete UNRWA errichtete diese Lager nach dem Krieg von 1948. Ursprünglich handelte es sich um Zeltlager, aber als Israel den Flüchtlingen nicht erlaubte, in ihre Häuser zurückzukehren, wurden dauerhaftere Strukturen erbaut, zunächst aus ungebrannten Lehmziegeln und einige Jahre später (und bis heute) aus lokal hergestellten Betonsteinen.
1993 umfasste die Bevölkerung des Gazastreifens auch viertausend Juden, die seit 1971 in sechzehn (ursprünglich achtzehn) Siedlungen lebten, die mindestens 25 Prozent des Landes im Gazastreifen einnahmen.17 Diese Siedlungen waren umzäunt und wurden von Tausenden israelischer Soldaten bewacht. Die meisten Siedler arbeiteten tagsüber in Israel und benutzten für die Ein- und Ausreise aus Gaza ausschliesslich jüdische Strassen. Die IDF betrieben alle wichtigen Einrichtungen in Gaza. Um die militärischen Ressourcen auf die Westbank zu konzentrieren, zwang Israel 2005 diese jüdischen Siedler, Gaza zu verlassen, und verlegte seine Streitkräfte über den Grenzzaun zu Israel.18
Alle Szenen in diesem Buch wurden mir von den Personen selbst erzählt, und ich habe sie in erzählende Prosa umgesetzt. Obwohl ich keine Szene erfunden habe, habe ich mir manchmal die Freiheit genommen, den Kontext zu verschönern, um Elemente der Kultur und das Lebensgefühl in Gaza, wie ich es kenne, einzubeziehen. In einigen Fällen war ich mit Hammam, Khalil und Hussam zusammen, als sich die Szene tatsächlich abspielte. Ansonsten habe ich die Szenen ausgewählt, die sie als die wichtigsten Momente ihres Lebens bezeichnet haben. Da ich diese Männer erst in ihren frühen Zwanzigern kennenlernte, stammen die Erzählungen über ihr Leben davor aus ihren Erinnerungen an das, was geschah, was sie dachten und wie sie sich fühlten. Alle drei Männer haben ihre vollständigen Erzählungen gelesen und bestätigt, dass mein Text ihre Erfahrungen lebendig und authentisch wiedergibt.19
Ich beschloss erst dann, dieses Buch zu schreiben, als ich mit meinen empirischen Forschungen über palästinensische Jugendliche – insbesondere zum Verständnis von Jugendaktivismus und den Auswirkungen des anhaltenden Konflikts mit den israelischen Streitkräften auf sie – weit fortgeschritten war. Eine Methode unserer Forschung war die Durchführung intensiver Gruppen- und Einzelinterviews mit Hunderten von jungen Männern und Frauen.20 Daher habe ich diese drei Männer nicht im Voraus ausgewählt, um ihr Profil für das Buch zu erstellen. Ich wählte Hammam, Hussam und Khalil 2014 auf der Grundlage mehrerer Faktoren aus, darunter ihre Verfügbarkeit für häufige Interviews über die Jahrzehnte hinweg, ihre unterschiedlichen Persönlichkeiten und Ansätze zum Widerstand gegen die Besatzung sowie ihre guten Englischkenntnisse.
Ich führte alle Interviews auf Englisch, weil mein Arabisch für komplexe Gespräche nicht gut genug ist. Wenn ich nicht ganz verstand, was jemand meinte, bat ich ihn oder sie, den betreffenden Teil der Geschichte auf Arabisch zu wiederholen, und liess diese Abschnitte ins Englische übersetzen. In den wenigen Fällen, in denen ich Teil der Erzählungen bin, bezeichne ich mich als «ich» oder «mich», und meine Protagonisten nennen mich «Dr. Barber», «Dr. Brian» oder «Brian», je nachdem, wann die Interaktion stattfand und wie förmlich sich die Person verhielt.
Meine drei Protagonisten sind männlich. In dieser traditionellen muslimischen Kultur ist es – damals wie heute – nicht akzeptabel, dass ein Mann Zugang zu den privaten Gedanken und Erfahrungen einer Frau hat. Ich kann zum Beispiel nicht mit einer Frau durch die Gassen des Lagers spazieren und sie ihre Erinnerungen erzählen lassen, sie in einem Café oder privat in ihrer Wohnung für ein längeres Interview treffen oder ihre Perspektive so aufdringlich wie nötig sondieren, um persönliche Nuancen und Komplexität herauszuarbeiten.
Dennoch habe ich einen aussergewöhnlichen Zugang zu Frauen – Müttern, Ehefrauen und Töchtern – erhalten, den ich mir durch meine regelmässige Anwesenheit und das dadurch entstandene Vertrauen zwischen mir und den Familienmitgliedern aller drei Männer verdient habe. Als Ergebnis davon zogen sich die Frauen in den Häusern meiner Protagonisten (und in vielen anderen Häusern in Gaza) entgegen den Gepflogenheiten nicht in ihre privaten Räume zurück, wenn ich kam, sondern nahmen an unseren sozialen Begegnungen in den öffentlichen Räumen teil. Sie hiessen mich auch willkommen, in der Küche und in den Schlafzimmern mit den Kindern zu spielen, und zeigten dabei eine seltene Offenheit gegenüber einem fremden Mann. Obwohl sie sich unbehaglich fühlten, nahmen sie für dieses Buch an längeren Interviews mit mir teil, bei denen andere Familienmitglieder anwesend waren.
Mehr denn je entmenschlicht man die Menschen in Gaza zu Zahlen: zu Mengen von Verarmten, Verletzten und Toten. In dieser sterilen Darstellung geht die pulsierende Dynamik des Menschseins, des Lebendigen und Empfindsamen verloren. Hammam, Hussam und Khalil sind aufmerksame, komplexe Individuen, die unsere Aufmerksamkeit nicht nur wegen ihrer Verarbeitung traumatischer Erlebnisse verdienen, sondern auch wegen der Art und Weise, wie sie ihr Leben in den langen Übergangszeiten meistern: in den Stunden, Wochen, Monaten und Jahren zwischen den dramatischen Momenten, wenn die Aussenwelt aufwacht und vorübergehend Interesse und Mitgefühl zeigt.
Angesichts der andauernden Katastrophe in Gaza und Gazas wesentlichen Rolle im hartnäckigsten Konflikt der Welt ist es schwer vorstellbar, dass irgendjemand auf der Welt noch nicht von diesem kleinen Streifen Land gehört hat. In den Schlagzeilen wird Gaza fast immer als erbärmlicher und abscheulicher Ort und seine Bewohner als wütend und rachsüchtig dargestellt. Gaza ist nicht so, und die Bewohner sind es auch nicht.
In den ersten Jahren meiner Forschungstätigkeit in Gaza begleitete ich oft kleine Besuchergruppen in den Gazastreifen. Es waren Studenten, Berufstätige, Christen und Juden. Anfangs bereitete ich eine Liste von Punkten vor, damit diese Besucher bestimmte wesentliche Aspekte Gazas – den Ort und die Menschen – verstehen würden. Ich lernte jedoch schnell, dass ich über die wichtigsten Fakten hinaus nicht wirklich etwas zu sagen brauchte. Die beobachtbaren Realitäten – die Ungerechtigkeiten, die harten Lebensbedingungen, die Natur der Menschen und so weiter – sprachen für sich selbst. Nach nur einem halben Tag in Gaza hatte sich jede einzelne Person verändert. Häufige Antworten lauteten etwa: «Ich hatte keine Ahnung, wie die Dinge hier wirklich sind», «Meine ganze Einstellung zu diesem Konflikt hat sich geändert» und «Ich bin so dankbar, dass ich es mit eigenen Augen sehen konnte».
Im Laufe meines Lebens habe ich am meisten gelernt, bin gewachsen und habe mich am meisten verändert, wenn ich mich direkt mit einer Situation oder Kultur auseinandergesetzt habe. Mein wichtigstes Beispiel für diese persönliche und berufliche Veränderung ist meine Reaktion auf Gaza. In No Way but Forward versuche ich, Sie dorthin mitzunehmen – und ich hoffe, dass auch Sie, wie all die anderen, die ich persönlich nach Gaza mitgenommen habe, mit grösserem Wissen und tieferen Gefühlen über diesen Ort und seine Menschen daraus hervorgehen werden; über ihre Beharrlichkeit und ihren Einfallsreichtum; und über den unbezähmbaren Drang aller Palästinenser nach Würde, Menschenrechten, Selbstbestimmung, Souveränität, Gerechtigkeit und der Möglichkeit für ihre Kinder, eine Ausbildung zu erhalten und für ihre Familien, in Frieden zu leben.
Der kleine Hammam al-Faqawi straffte die Schultern und blickte geradeaus. Mit seinen fünf Jahren fühlte er sich in seinem Mariun, der Uniform, die kleine Jungen im Kindergarten tragen, richtig schick: ein rotes Gewand wie ein Kleid, das über einer Hose getragen wird, mit reinweissen Schuhen und Socken. Er freute sich über seine Kleidung, aber viel mehr noch über den Tag selbst. Wenn nur sein Vater da wäre, um die Aufregung zu teilen. Für Hammam war der erste Tag im Kindergarten – der 1. September 1980 – ein entscheidender Tag, wie für jedes palästinensische Kind. In einer Kultur, die Bildung als lebenswichtig ansieht, war dies «die erste Sprosse auf der Leiter des Lebens», wie man sagt. Hammams Mutter, Fatima, fünfundzwanzig Jahre alt, ging mit ihrem erstgeborenen Sohn zur Haustür.
Im Jahr 1948, als der Staat Israel gegründet wurde, wurden etwa 700 000 bis 750 000 Palästinenser aus ihrer Heimat vertrieben oder flohen, und mehr als 400 palästinensische Dörfer wurden in dem von den Palästinensern als Nakba (Katastrophe) bezeichneten Ereignis zerstört; etwa 250 000 der Flüchtlinge landeten im Gazastreifen.21 Ende 1949, als klar wurde, dass Israel die Flüchtlinge daran hindern würde, in ihre ursprüngliche Heimat zurückzukehren, gründeten die Vereinten Nationen das Hilfswerk der Vereinten Nationen für Palästinaflüchtlinge im Nahen Osten (UNRWA). Seitdem ist dieses Hilfswerk für die medizinische Versorgung, für Hilfsmassnahmen und für die schulische Betreuung (bis zum Ende der neunten Klasse) aller palästinensischen Flüchtlinge im Gazastreifen und in den anderen Exilregionen, vor allem in Jordanien, Libanon und Syrien, zuständig. Im Laufe der Jahre wurden aus den anfänglichen Zeltunterkünften zuerst Lehmziegel- und dann Betonsteinbauten.
Khan Yunis ist das zweitgrösste der acht Flüchtlingslager im Gaza-Streifen. Es ist mit der Stadt Khan Yunis, der zweitgrössten Stadt Gazas, verbunden. Das Lager erstreckt sich bis auf etwa drei Kilometer an das Mittelmeer heran. Anfang der 1990er Jahre beherbergte das Lager etwa 43 000 Einwohner. Khan Yunis und das Flüchtlingslager Rafah an der südlichen Grenze des Gazastreifens zu Ägypten bilden die so genannten Südlichen Lager. In vier kleineren Lagern, den so genannten Mittleren Lagern – Deir el-Bellah, al-Maghazi, al-Bureij und al- Nuseirat – lebten damals zwischen 12 000 und 35 000 Menschen. Die Mittleren Lager liegen zwischen Khan Yunis und dem nördlichen Teil des Gazastreifens, wo es zwei weitere Lager gibt: al-Shati, das an den nördlichsten Teil von Gaza-Stadt angrenzt, hatte etwa 52 000 Einwohner, und Jabalya, das noch weiter nördlich liegt und etwa 67 000 Einwohner zählt.22
Khan Yunis bedeutet «das Gasthaus von Yunis», und ist nach Prinz Yunis Dawadar benannt, der dort 1387 eine militärische Festung zum Schutz der Pilger auf dem Weg nach Jerusalem oder Mekka errichtete. Berichten zufolge nutzte Napoleon die Festung bei der Eroberung von Gaza im Jahr 1799. Diese acht Lager beherbergen etwa zwei Drittel der palästinensischen Flüchtlinge in Gaza, die sich im Jahr 1980 aus den ursprünglichen Flüchtlingen, die 1948 nach Gaza geflohen waren, und zwei Generationen ihrer Nachkommen zusammensetzten. Das andere Drittel der Flüchtlinge und ihre Nachkommen leben in den Dörfern, Städten und Gemeinden des Gazastreifens, zusammen mit den ursprünglichen Palästinensern aus Gaza, deren Vorfahren schon vor dem Zustrom der Flüchtlinge in diesen Bevölkerungszentren lebten. Anfang der 1990er Jahre belief sich die palästinensische Bevölkerung Gazas – Flüchtlinge und Nicht-Flüchtlinge – auf etwa eine Million Menschen, von denen die überwiegende Mehrheit sunnitische Muslime und etwa ein Prozent arabische, meist griechisch-orthodoxe Christen, waren.23
Wie so viele Aspekte des palästinensischen Lebens ist auch die Geografie Gazas paradox. Die Lager sind in der Tat sehr dicht bevölkert: Einige Demographen schätzen, dass Jabalya, wo die Intifada begann, der dichtestbesiedelte Ort der Welt ist. Doch als Hammam aufwuchs, waren etwa fünfzig Prozent des Gazastreifens unbesiedeltes Agrarland oder Sanddünen. Zu den landwirtschaftlichen Gebieten gehörten riesige Orangen-, Guaven-, Mango-, Oliven- und andere Bäume, Felder mit Erdbeeren, anderen Früchten und Blumen, die geschnitten und exportiert wurden, sowie alle möglichen anderen Produkte, insbesondere am östlichen Rand des Streifens an der Grenze zu Israel, wo der Boden am fruchtbarsten ist. Der Gazastreifen ist auch mit Bäumen übersät, von riesigen Dattelpalmen, die sich über den ganzen Streifen verteilen und sich oft im Wind wiegen, bis hin zu Hektaren duftender Eukalyptusbäumen im südlichen Gazastreifen.
In den 1990er Jahren war etwa 25 % des Gazastreifens von etwa fünftausend jüdischen israelischen Bürgern besiedelt, die in sechzehn isolierten und schwer bewachten Enklaven lebten.24 Die meisten dieser jüdischen Siedler pendelten täglich auf rein jüdischen Strassen zu ihren Arbeitsplätzen in Israel. Die Flüchtlinge im Lager Khan Yunis kamen hauptsächlich aus Jaffa, einer der ältesten Hafenstädte der Welt.25 Jaffa ist seit Jahrhunderten für seine Orangen berühmt.26 Die Stadt ist heute ein Vorort von Tel Aviv.
Hammams Vater, Fuad, wurde kurz vor dem palästinensischen Exil 1948 in Jaffa geboren. Als Hammam geboren wurde, hatten die Flüchtlinge in Gaza schon lange jede Hoffnung auf eine Rückkehr in ihre Heimat aufgegeben, obwohl viele die Schlüssel zu ihren Häusern als quälende Erinnerung aufbewahrten. Irgendwann in Hammams Kindheit nahmen seine Mutter und seine Grossmutter (Fuads Mutter) ihn mit, um das Haus der Familie in Jaffa zu besuchen. Seine Grossmutter wollte wenigstens das Haus sehen – und Hammam – das sie, ihr Mann und Fuad 1948 hatten verlassen müssen, als jüdische Soldaten die Stadt während des Krieges stürmten, der zur Gründung des Staates Israel führte. Die Schlösser waren natürlich ausgetauscht worden, und als die jetzigen jüdischen Bewohner des Hauses die Erklärung seiner Grossmutter hörten, dass dies einst das Haus ihrer Familie gewesen war und sie es einfach nur sehen wollten, waren sie höflich. Aber der Besuch war unangenehm.
Das Haus der al-Faqawis im Lager Khan Yunis war die allgegenwärtige moderne Version: lokal hergestellte Betonsteine, die von zu wenigen Stangen Armierungsstahl zusammengehalten wurden, die immer ein paar Meter über die Wellblechdächer hinausragten und die nächste Etage des Hauses erwarteten. Sobald Hammam heiratete, würde die Familie diese neue Etage für seine Wohnung bauen, und dann eine für jeden weiteren Sohn, sofern es die Finanzen zuliessen. In einem Flüchtlingslager kann man sich nur nach oben hin ausdehnen. Die al-Faqawis hatten mehr Geld als die meisten ihrer Nachbarn, weil Fuad, Hammams Vater, das Glück hatte, als Englischlehrer an einer UNRWA-Grundschule beschäftigt zu sein. So war in ihrem Haus, anders als in den Nachbarhäusern, der sandige Boden mit grossen Fliesen belegt, die Öffnungen in den Wänden waren mit Türen und Fenstern versehen, und sie hatten eine dicke Eisentür, die so schwer war, dass sie den Betonstein selbst zum Einsturz zu bringen drohte.
Fatima, Hammams Mutter, war schön – klein und schlank, mit einem strahlenden, olivfarbenen Teint und tiefschwarzem Haar, das sie unter ihr Kopftuch gesteckt hielt. Hammam erforschte ihr Gesicht, als sie ihm eine Lira, eine kleine israelische Münze, reichte, damit er sich in der Schule oder auf dem Heimweg einen Imbiss kaufen konnte. Da sie keine Anzeichen von Sorge zeigte, entspannte er sich. Er umklammerte die abgenutzte Münze in seiner kleinen Faust, als sie ihn küsste. Mit begeisterter Stimme schickte sie ihn auf seinen Weg: «Jetzt bist du ein Mann, mein Sohn! Jetzt beginnst du dein Leben!» Fatima und ihre Schwiegermutter hatten beschlossen, Hammam an diesem Tag nicht zur Schule zu begleiten, eine bewusste Lektion, die dem Jungen helfen sollte, Vertrauen in diesen ersten grossen Schritt in Richtung Männlichkeit zu gewinnen. Vielleicht war ihnen nicht klar, wie schmerzhaft es für Hammam sein würde, als einziger Junge allein in der Schule zu sein.
Arabische Gesellschaften sind stark patriarchalisch, vor allem in weniger entwickelten, religiös konservativen Regionen wie Gaza. So werden Männer und Söhne – insbesondere der älteste Sohn einer Familie wie Hammam – vor allem in der Öffentlichkeit gefeiert, während Frauen zu Hause und im Klassenzimmer herrschen. In der palästinensischen Kultur bedeutet ein «Mann» zu sein oder zu werden im Wesentlichen, ein «guter Mensch» zu sein oder zu werden. Für Palästinenser und Palästinenserinnen bedeutet «ein guter Mensch» zu sein, dass sie ihre Bildung maximieren, eine Familie erhalten und gründen und sich der Besatzung auf individuelle Weise widersetzen.
Fatima klang so glücklich, schien so zuversichtlich. Doch sein Vater war nicht da. Hammam versuchte, diese Abwesenheit aus seinem Kopf zu verdrängen und sich zu entspannen. Schliesslich war er mit dem Schulweg bestens vertraut. Wie alle seine Freunde kannte er den Weg von seinem Zuhause zu einem beliebigen Ort in dem weitläufigen Flüchtlingslager schon lange auswendig. Seine kleinen, oft nackten Füsse hatten sich bereits zu den Millionen von Schritten gesellt, die den Strandsand, der den Boden des Labyrinths aus engen Gassen bildete, in den fast zwanzig Jahren des Bestehens des Lagers komprimiert hatten.
Hammam fühlte sich mutig und stolz, als er ganz allein zum Schulgebäude ging. Er war begierig darauf, sein Leben zu beginnen, diesen ersten Schritt auf einer Reise zu tun, die eindeutig durch Bildungserfolge kalibriert und bestätigt werden würde: Kindergarten, Grundschule, weiterführende Schule und Universität. Palästinensische Ambitionen kennen nur wenige Unwägbarkeiten, und ein hohes Bildungsniveau zu erreichen, ist die wichtigste Ambition. Hammam verstand, dass Bildung der Weg zur Männlichkeit ist, und er war froh, sich endlich auf den Weg machen zu können.
Hammam kannte alle Nachbarn, die in den Häusern wohnten, an denen er auf dem Weg zur Schule vorbeikam. In der Tat beherbergten viele der Strukturen aus verkrusteten Lehmziegeln oder staubigen Betonsteinen seine Grossfamilie – seinen Clan.
Als die UNRWA die Flüchtlingslager errichtete, hatte sie keine Vorausplanung vorgenommen, und so führte Hammams Reise durch das unregelmässige Labyrinth von engen Gassen zwischen den hohen Mauern der Häuser. Er war an den Gestank der Abwässer gewöhnt, die aus den Häusern des Lagers in diese Gassen flossen und dann in Sickerteiche tröpfelten – und er übersprang von Zeit zu Zeit die Abwasserrinnsale, die die sandigen Wege durchzogen. Obwohl es sich hier um das dicht besiedelte Wohngebiet des Lagers handelte (das Gewerbegebiet lag am Rande), war der Fussgängerverkehr relativ spärlich. Nur wenige Menschen trieben sich hier herum, vor allem so früh am Morgen, abgesehen von einigen kleinen Kindern, die Teller mit frischem Hummus und knusprigen, in Olivenöl getränkten Falafel balancierten, deren berauschendes, würziges Aroma durch die weniger angenehmen Gerüche brach. Ob barfuss oder in heruntergekommenen Flip-Flops, kümmerten sich diese Kinder nicht darum, ihre Füsse schmutzig zu machen; sie konzentrierten sich nur darauf, das Essen ihrer Familie nicht zu verschütten.
Noch gestern war Hammam eines dieser kleinen Kinder gewesen, aber heute konzentrierte er sich auf seine Kindergartenkleidung und hielt gelegentlich an, um den Sand von seinen makellosen weissen Schuhen und Socken zu fegen. Als er um die letzte Kurve bog, bevor er die ungeteerte Strasse überquerte, die die Schule vom Lager trennte, kam er am «Süssigkeitenmann» vorbei. Derfreundliche ältere Mann trug ein traditionelles Gewand – eine dunkelgraue Gallabiyya und eine schwarz-weiss karierte Keffiyeh – undhielt sich mühsam auf einem rissigen Plastikstuhl vor seinem kleinen Lebensmittelladen im Gleichgewicht. Hammam hatte nie angehalten, um dort etwas zu kaufen, weil er nie Geld hatte. Aber heute umklammerte er die winzige Münze, die ihm seine Mutter gegeben hatte, und beschloss, den Mann auf seinem Heimweg von der Schule zu besuchen.
Jetzt war es jedoch wichtig, zur Schule zu kommen.
Als er ankam, war der Schulhof bereits voller Menschen. Einige Kinder weinten, als ihre Eltern gingen. Hammam sagte sich, dass er zu alt für Tränen sei, aber er konnte nicht umhin zu bemerken, dass die Väter aller anderen Kinder anwesend waren. Als er durch das Gedränge stolperte, fühlte er sich furchtbar allein. Alle schienen ihn anzustarren, und er stellte sich vor, wie sie fragten: «Was stimmt mit dem Jungen nicht?»
Als er sich durch die Menge drängte, hörte er, wie ein Vater mit einem Lehrer über seinen Sohn sprach: «Kümmern Sie sich gut um ihn, bitte. Helfen Sie ihm, sich zu entspannen. Seien Sie gut zu ihm. Wir hoffen sehr, dass er ein guter Mensch wird.» Hammam wollte unbedingt auch ein guter Mensch werden. Aber konnte er das, ohne seinen Vater? Er stand alleine da, und eine Welle der Traurigkeit begann an seiner Tapferkeit zu nagen. Er dachte an die ermutigenden Worte seiner Mutter an diesem Morgen. Sie stand hinter ihm, das wusste er. Und wenn sein Vater hier wäre, würde er es auch sein, davon war er überzeugt.
Die Verabschiedung der Familien endete. Die Kinder standen auf dem Schulhof und warteten auf die Einteilung der Klassenräume. Hammam fragte sich, wohin er wohl in diesem etwas merkwürdigen Gebäude hinmüsste, zu dem zwei Klassenzimmer am Fusse eines kleinen Hügels und ein drittes Klassenzimmer oben am Hang gehörten.
«Hammam Fuad al-Faqawi! Obere Klasse!» dröhnte die Stimme der Schulleiterin, Frau Fatiha. Hammam machte sich pflichtbewusst auf den Weg nach oben. Es dauerte jedoch nicht lange, bis seine Traurigkeit zurückkehrte. Er kannte kein einziges Kind in diesem Klassenzimmer. Und die Lehrerin ... naja... die mochte er überhaupt nicht. Sie schrie herum. Sie schlug sogar eines der Kinder!
Plötzlich konnte er sich nicht mehr zurückhalten und begann zu seiner Schande zu weinen. Mit dieser Lehrerin würde es nicht klappen! Dieses Klassenzimmer war nichts für ihn! Genetisch ausgestattet mit Fatimas Direktheit, rannte er aus dem Klassenzimmer und fand im Flur eine Lehrerin, die nett zu sein schien – zumindest schrie sie nicht – und erklärte: «Ich weigere mich, in diese Klasse zu gehen!»
«Warum, mein lieber Junge? Du hast dort eine gute Lehrerin», antwortete sie.
Hammam konnte sich nicht zurückhalten und fing wieder an zu weinen.
«Nein! Niemals, niemals!» rief er aus. «Ich hasse diese Klasse!»
Er erinnerte sich daran, in einem der unteren Klassenzimmer eine entfernte Verwandte gesehen zu haben – ein junges Mädchen, das er in der Vergangenheit besucht hatte. Er kannte sie kaum, aber dieser kleine Anflug von Vertrautheit reichte aus. Er wollte in dieses Klassenzimmer. Und er verlangte es. Die Lehrerin, die er später als Frau Mubina kennenlernen sollte, willigte ein.
Aber es war das, was Frau Fatiha, die Schulleiterin, leise zu Frau Mubina sagte, was für Hammam den Unterschied ausmachte: nicht nur an diesem Tag, sondern für den Rest des Jahres ... und darüber hinaus. «Der Vater dieses Jungen ist ein mutiger Mann. Er ist im Gefängnis. Deshalb ist Hammam allein gekommen. Bitte helfen Sie ihm.»
Fuad war von den israelischen Streitkräften unmittelbar nach Hammams Empfängnis inhaftiert worden. Unbegrenzte Inhaftierung, oft ohne konkrete Anklagen, oder Inhaftierung durch ein Militärgericht waren die Haupttaktik der israelischen Verteidigungskräfte (IDF), um palästinensischen Aktivismus gegen die Besatzung zu verhindern. Um das Ausmass dieser bevorzugten Präventionsmassnahmen zu verdeutlichen, wird die Zahl der seit der Besatzung inhaftierten Palästinenser auf 800 000 geschätzt.27Wenn Anklagen erhoben wurden, war die Liste endlos: zum Beispiel das Hissen einer palästinensischen Flagge, die Veröffentlichung von irgendetwas, das die vier Farben der palästinensischen Flagge kombinierte, Kritik an der Besatzung, jede Form von Widerstand gegen die Besatzungssoldaten. Fuad hatte sich gerade den Widerstand angeschlossen. Am Tag nach seinem Beitritt wurde er bei einer Razzia festgenommen und beschuldigt, die Entführung jüdischer Siedler geplant zu haben, um sie als Tauschmittel für die Freilassung palästinensischer Gefangener zu verwenden.
In seinem jungen Alter hatte Hammam noch kein politisches Bewusstsein. Alles, was er wusste, war, dass er seinen Vater in den ersten fünf Jahren seines Lebens nur bei den beschwerlichen monatlichen Besuchen mit Fatima sehen konnte. Fatima war gerade vor einer Woche Mutter geworden, als sie Fuad zum ersten Mal besuchte. Sie nahm mit dem kleinen Hammam den Bus, verliess Khan Yunis um sieben Uhr morgens und kam eine halbe Stunde später in Gaza-Stadt am dortigen grossen Gefängnis an, einem ehemaligen Armeestützpunkt, der von Stacheldraht umgeben war und später als Ansar-II-Gefängnis bekannt werden sollte. Sowohl sie als auch das Baby zitterten unkontrolliert in der Kälte, als sie am Gefängnistor warteten. Sie durften erst um sieben Uhr abends hineingehen. Zu diesem Zeitpunkt sahen sie, dass man zwanzig Häftlinge versammelt hatte, jeder hinter einem Fenster in einer dem Gang zugewandten Kabine. Die Fenster, die aus dickem, zerkratztem und verblichenem Plexiglas bestanden, waren klein, jeweils etwa zwanzig Quadratzentimeter gross.
Fatima kannte diese Prozedur nicht. Sie hatte gedacht, dass sie bei Fuad sitzen und reden könnten und dass Fuad Hammam halten könnte. Aber sie konnte nur ihre Handfläche gegen das Fenster drücken und sagen: «Wie geht es dir?» Sie hob Hammam hoch, so dass Fuad ihn durch das Fenster sehen konnte. Später erinnerte sich der damals erst vierundzwanzigjährige Fuad daran, wie fasziniert er vom Anblick seines Erstgeborenen war und die unbeschreiblichen Gefühle eines Elternteils erlebte, der seinem ersten Kind begegnete, das er mit erschaffen hatte. Er war jetzt Vater, ein grosser Schritt auf seinem Weg zur Männlichkeit. Er betrachtete jedes Merkmal von Hammams Gesicht mit Ehrfurcht, aber auch mit einem tiefen Schmerz, weil er seinen Sohn nicht in den Armen halten konnte. Fuads Kummer war stärker als seine Freude. Nach all der Reise und dem Warten durfte Fatima ihren Mann nur zwanzig Minuten lang besuchen. Angesichts der Mühen, die ein Besuch mit sich brachte, machte Fatima in den nächsten fünf Jahren die Reise nur einmal im Monat.
Nun, da er mit seinem neuen Klassenzimmer zufrieden war, begann Hammam, sich in seiner neuen Schulumgebung wohlzufühlen. Er fasste wieder neuen Mut. Er erkannte, dass er sich geirrt hatte, als er dachte, er sei allein. Hier gab es Lehrer, die sich um ihn kümmerten, die ihn respektierten ... und auch seinen Vater. Er war stolz darauf, wie er diesen ersten Schritt in die Männlichkeit bewältigt hatte. Der Morgen verging wie im Flug, und er war überrascht, als die alte Metallplatte, die als Schulglocke diente, dreimal angeschlagen wurde. Sein erster Schultag war vorbei.
Auf seinem Heimweg ging Hammam direkt zumSüssigkeitenmann. Er hatte immer davon geträumt, die köstliche Schokolade zu probieren, von der er gehört hatte, dass der Mann sie verkaufte. Hammam holte die Lira heraus und zeigte sie dem alten Mann. Die Münze reichte gerade für eine kleine Stange Milchschokolade, als hätte seine Mutter irgendwie gewusst, dass er genau das nach der Schule wollte. Und die Süssigkeit schmeckte besser als alles, was er je gegessen hatte. Der köstliche Geschmack erfüllte noch immer seinen Mund, als er um die letzte Ecke bog und sein Haus sah. Seine Grossmutter sass draussen vor dem Haus. «Willkommen zu Hause!», rief sie. «Du bist jetzt ein Mann!»
Hammam lächelte stolz. «Danke, Jidditi (Grossmutter).» Schnell öffnete er die Eingangstür, um seine Mutter zu finden. Da stand sie und fegte den Salon.28 Sie warf den behelfsmässigen Besen – einen brüchigen Dattelpalmenwedel – hin und breitete ihre Arme aus. Hammam sprang genauso begeistert in ihre Umarmung. «Erzähl mir von deinem Tag, mein Sohn. Was hast du gemacht?»
Während dieses ersten Schuljahres war Frau Fatiha Hammam weiterhin sehr zugewandt. Sie begrüsste ihn morgens immer mit einem breiten Lächeln und fragte: «Wie geht es dir heute, mein kleiner Hammam?» Sie wusch ihm Hände und Gesicht und gab ihm Essen aus dem Wagen. Er fragte sich, ob sie ihm diese besondere Aufmerksamkeit wegen der Notlage seines Vaters schenkte, war sich aber nicht sicher. Vielleicht war sie einfach nur nett; sie schien zu allen Kindern freundlich zu sein.
Hammam war so sehr ihr Liebling, dass es Hammam vorkam, als hätte Frau Fatiha den letzten Tag des Kindergartens um ihn herum gestaltet. An diesen Tag würde er sich sein ganzes Leben lang erinnern, denn alle warteten sehnsüchtig auf den Beginn der grossen Party. Sie hatten ihr erstes Jahr abgeschlossen! Frau Fatiha verkündete laut: «Hammam wird diese Feier eröffnen!» Sie hatte ihm beigebracht, die Zeremonie sorgfältig zu eröffnen, indem er die Surat al-Fatiha rezitierte – daserste Kapitel des Heiligen Korans. Wörtlich bedeutet der Titel des Kapitels «Die Eröffnung». Es handelt sich um sieben kurze Verse, die im Wesentlichen ein Gebet um Rechtleitung darstellen und bei jedem der fünf täglichen Gebete sowie bei der Eröffnung wichtiger Veranstaltungen in voller Länge rezitiert werden.
Hammams Mutter und Grossmutter sassen stolz in der ersten Reihe. Hammam war nervös – und er fragte sich, ob er es auch wäre, wenn sein Vater hier bei ihm wäre. Er schüttelte die Anspannung ab und begann die Rezitation problemlos. Dann geriet er plötzlich ins Stocken, aber Frau Fatiha rettete ihn, wie schon am ersten Tag. Sie hatte sich hinter das Rednerpult gestellt, wo er stand, und nur ein ausgefranstes Bettlaken diente als Vorhang zwischen ihnen. Sie konnte den vergessenen Teil des Gebetes flüstern, und er wiederholte ihn mit einem freudigen Lächeln.
Als er die Surat al-Fatiha fertig rezitiert hatte, sprang Hammam von der Bühne und lief in die Arme seiner Lieben. Der Vater eines anderen Kindes hielt ihnen eine Dose mit schwarzer Schuhcreme hin, die oft verwendet wird, um feierlich einen Bart oder Schnurrbart im Gesicht eines kleinen Jungen zu imitieren. Aber die Grossmutter winkte ab und verkündete: «Der Sohn eines tapferen Mannes ist ein Mann, ob er einen Schnurrbart hat oder nicht!»
Lob für No Way but Forward
Inhaltsverzeichnis
Karte des Gazastreifens
Einführung
Die Entdeckung Gazas
Der Gaza-Streifen
Die erste Intifada
Die Erzählungen
Teil 1: Die Erzählungen
Hammam: Der soziale Mensch
Ein Mann werden (1980, fünf Jahre alt)
Das Lamm (1981, sechs Jahre alt)
Jerusalem (1982, sieben Jahre alt)
Der Reifen (1989, vierzehn Jahre alt)
Versagen (1993, achtzehn Jahre alt)
Ein neuer Tiefpunkt (1994-1998, neunzehn bis dreiundzwanzig Jahre alt)
Der erste Sieg des Lebens (2000, fünfundzwanzig Jahre alt)
Shada (2000, fünfundzwanzig Jahre alt)
Wer wird es sein? (2006, einunddreissig Jahre alt)
Beunruhigende Zeiten (2006, einunddreissig Jahre alt)
Mukhtar (2007, zweiunddreissig Jahre alt)
Wieder zurück in der Schule (2008, dreiunddreissig Jahre alt)
Einundfünfzig Tage (2012, siebenunddreissig Jahre alt)
Wintermäntel und Telefonanrufe (2015, vierzig Jahre alt)
Genug (2017, zweiundvierzig Jahre alt)
Die grösste Schande (2017, zweiundvierzig Jahre alt)
Familientreffen (2018, dreiundvierzig Jahre alt)
Sich vorwärts schleppen (2021, fünfundvierzig Jahre alt)
Khalil: Der Verfechter der Menschenrechte
Das Sandwich (1976, sechs Jahre alt)
Die Eruption (1987, siebzehn Jahre alt)
Der Ausweis (1988, achtzehn Jahre alt)
Schokolade (1990, zwanzig Jahre alt)
Die Akademie der Palästinenser (1990, zwanzig Jahre alt)
Kairo (1996, sechsundzwanzig Jahre alt)
Sahar (1996, sechsundzwanzig Jahre alt)
Traumjob (1998-2014, siebenundzwanzig bis vierundvierzig Jahre alt)
Tamam (2010, vierzig Jahre alt)
Die Demontage (2015, fünfundvierzig Jahre alt)
Exil (2015, fünfundvierzig Jahre alt)
Ein neues Leben (2016-2022, sechsundvierzig bis zweiundfünfzig Jahre alt)
Hussam: Der Erzieher
Das Poster an der Wand (1986, dreizehn Jahre alt)
