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Gedanken sind wie Kinder, sie springen gern wild umher und inszenieren mit ihrer Körperlichkeit dynamisches Lebensglück. Wer könnte sie aufhalten? In diesem Buch sind deshalb für den geneigten Leser einige wertvolle Beobachtungen festgehalten.
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Seitenzahl: 75
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Gedanken sind wie Kinder, sie springen gern umher und inszenieren mit ihrer Körperlichkeit dynamisches Lebensglück. Wer könnte sie aufhalten? In diesem Buch sind deshalb einige wertvolle Beobachtungen festgehalten.
Der Psychologe und Psychotherapeut Gregor Winkler entdeckt: je älter man wird, je mehr Geschmack findet man am Leben. Warum? Ganz einfach: das Leben ist ein Übungs-Gewinn und darin eine Kunstform, deren Ausgestaltung sich über viele Jahre hinweg verfeinern und versüßen lässt. Aber ein alter Körper? Ach wo, unter körperlichen Einschränkungen leidet doch mehr die Jugend, die nach Übertreibungen heischt statt nach passender Formatierung und gelungener Präsenz in guter Launenhaftigkeit.
Winter 2024
Der Öffentlichkeit anheimgestellt – mein Körper
Das Böse – zurückgewiesene Kontingenz
Maschinenwinter
Jerusalem – Gaza Hin und Zurück
Ales und Asle – ein Liebespaar?
Hauseigene Wertschätzung – mein Commitment!
Lust vertreibt Leid
Frühjahr 2024
Ausdehnung – das ist Leben
Angst – die unerkannte Gefahr
Der zweite Beobachter erscheint
Gottes zehn Gebote und meine zehn Bedenken
Vertreibung aus dem Liebes-Paradies
Verbundenheit statt Loyalität
Triebökonomie vs. Gewissensökonomie
Kurzanleitung Psychotherapie
Hey Laura, it’s me
Wir sind Kompositionen
Lustvolles Träumen
Die Kunst des Begehrens
Sommer 2024
Worum geht es?
Um Prunk-Sprünge des zuvorkommenden Lebens
Ausgeführt von zueinander ehrerbietenden Menschen.
Jeder kann ihn sehen aus nur allen denkbaren Perspektiven und Interessen heraus, so ganz nebenbei oder auch taxierend.
Ich werde es zulassen – müssen. Jeder Körper ist ein Exponat. Selbst wenn ich mich, mein Leib, berühren möchte, geschieht es von Außen. Körper gibt es nicht als geschlossene Masse, sondern nur als Öffnung, und als Öffnung nimmt er jede Art von Begrüßung vorweg. Ein Blick wird begrüßt in der Erwiderung oder im Wegblicken, ein Happen wird begrüßt, indem er vom Mund aufgenommen oder abgewiesen wird. Seitlebens steht mein Körper unter Spannung, gespannt darauf, was als nächstes kommt. Ich lebe in einem Hauptbahnhof, mein Körper ist eine Durchgangsstation für alles, was sich bewegt und somit auch mich. Hier ist alles Seiende in einem Näher-Kommen, in einem Ankommen, in einem Bezug, einer Adresse, und deren Gesamtheit gleicht einem Gottesdienst
Wer dies nicht zuzulassen vermag, bekommt es mit seiner Beschämung zu tun. Diese ist schwer zu handhaben so als wollte man sich öffnend verschließen, bitte seht nicht hin, wie ich mich verschließe, und um genauer zu sein, ich mach es ja nicht, um etwas zu verbergen, im Gegenteil, um euch vor etwas Unangenehmen zu bewahren. Das ist wie gegenseitige Rücksichtnahme, eine klassische Form von Anstand. Leider nicht, denn der Anstand vermag das Unanständige tatsächlich weghalten. Die Beschämung aber verschlimmert nur alles, addiert sich zur Peinlichkeit einfach noch hinzu, wirkt Doppel peinlich. So muss die Beschämung zusätzlich auch noch um Verzeihung bitten, und dies auch noch wortlos mit einem hilflos verlorenen Lächeln, auf das nicht zurück gelächelt werden sollte, denn das würde die Beschämung auf die Spitze treiben, und es bliebe nur noch die Flucht, und der Wunsch, niemals mehr unter genau diese Augen treten zu müssen. Dem Zufall aber, seiner Kontingenz, Einhalt gebieten zu wollen, bedenke es wohl! – wäre der Beginn von Böse-Sein, die Absolutsetzung von etwas Notwendigem. Was für eine bittere Konsequenz wegen eines kleinen Scham-Affekts. Schon allein darum halte ich das Sich-Zeigen-Können meines Körpers untrennbar verbunden mit meinem eigenen Gut-Sein-Wollen. Meine Präsenz ist, dass sich mein Körper präsentiert. Während einer Pilates-Stunde sind tausend Blicke auf ihn gerichtet, unzählige Gesichter bilden sich auf ihm ab und werden Teil meines Inneren, ohne dass ich mir das im Einzelnen bewusst machen kann. Ich nehme es hin und heiße all die Gesichter willkommen, die meine Sinne durcheilen wie die Pflugschar den Acker. Einmaliges wird flüchtig, Wiederkehrendes vertraut. Die Stunde beschließt Sigrid, indem sie etwas rezitiert laut und deutlich, zweimal hintereinander. Und so habe ich es mir gemerkt:
Bei einer Geburt lächeln alle, und nur das Kind weint. Lebe so, dass bei deinem Sterben alle weinen, du aber lächelst.
Die Aufschließung der Vernunft ist der Effekt oder auch der Rest des dekonstruierten Christentums, der von sich selbst zurückgezogenen Religion, die die Taue ihrer Observanzen und Gläubigkeiten gelöst hat. Die Vernunft hat sich des Willens entledigt zu begründen. Das Unerklärliche und das nicht zu Rechtfertigende bestimmen das Zusammenleben, insofern besteht das Böse immer auf die eine oder andere Weise in einer Zurückweisung der Kontingenz. Das Böse will eine Notwendigkeit einführen.
Jean-Luc Nancy, Die Anbetung 2010
Vorsicht, der Text ist eine Bombe. Seine Sprengkraft reicht bis in die Alltagskommunikation hinein. Er birgt in sich die Absage an alle Ideologien und Fundamentalismen. Er entkleidet das Individuum all seiner Begründungen und Rechtfertigungen. Nackt steht der Mensch da, so ganz zufällig auf der Welt mit nur einer Option, Kommunikation als ein Sich-in-Berührung-Bringen, ein Sich-aufeinander-Beziehen und so miteinander verbunden sein.
Denn die Aufschließung der Vernunft verheißt ihre Befreiung von falschen und damit lebensfeindlichen Begründungszwängen. Diese allerdings haben schon die biblische Schöpfungsgeschichte verargt:
Wo bist du? Ich habe dich im Garten kommen hören; da bekam ich Angst, weil ich nackt bin, und habe mich versteckt. Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du von dem Baum gegessen, von dem zu essen ich dir verboten habe? Die Frau, die du mir beigesellt hast, hat mir vom Baum gegeben, und so habe ich gegessen. (Genesis 3,9-11)
Dies ist in der Bibel das erste Gespräch; es ist ein von Gott, der gegen den kühlen Westwind einherschreitet, erzwungenes; es ist ein böses, inquisitorisches Gespräch, das den Menschen in die nackte Beschämung treibt, und zurecht spricht Adam von der in ihm aufsteigenden Angst. Aber weder seine Angst, noch seine ehrlich-offene Auskunft können Gott bewegen. Er bleibt fixiert auf die zuvor von ihm ausgehegte Kausalität: Davon dürft ihr nicht essen. Es ist die gleiche absolut gesetzte Willkür, die im darauffolgenden Kapitel Kain zur Zornesröte treibt, weil Gott Abels Opfergabe annimmt, seine aber verschmäht. Gott treibt ein übles Spiel, er weist die Kontingenz, das freie Spiel des Zufalls, zurück, observiert den Menschen und zwingt ihm eine Gläubigkeit auf, die nichts mit der lebensnotwendigen Unterscheidung zu tun hat, was auf Erden gut für mich, was schädlich?
Gottes infame Kommunikations-Spiel hat leider bis zum heutigen Tag Schule gemacht, treibt sein Unwesen in vielen untereinander geführten Gesprächen, erst recht, wenn ein hierarchisches Gefälle besteht, so wie zu Kindern, deren Unschuld ja gerade darin besteht, dass sie sich wie Adam und Eva noch ganz entspannt von der Kontingenz des Lebens ver-leiten lassen. Für ein Kind gibt es zu jeder Zeit tausende von spontanen Einfällen, sich die Zeit zu vertreiben und so das Leben zu schaukeln:
Warum ist die Banane krumm und nicht der Tisch? oder wird der krumm, indem ich mich auf meinem Stuhl völlig verbiege? was für Worte kullern da einfach aus meinem Mund? und warum will die keiner hören außer mein kleiner Bruder? der jetzt zu Sputzen anfängt und mit seinem Gesabber sich die kleinen Finger einreibt so wie Mama am Abend es mit ihrer Handcreme macht, machen darf! Da lässt der Schalk im Nacken mich laut aufschreien, ‹SCHON WIEDER!› denn das ruft sie - die Erwachsenen - auf den Plan. Die Notwendigkeit zu erzieherischen Intervention schreit zum Himmel, oder zumindest zur Wohnzimmerdecke:
A: Schrei doch nicht so laut!
B: Was machst du mit deinem kleinen Bruder? Haben wir nicht darüber gesprochen, dass Hänseleien tabu sind? Du kannst ihn einfach nicht in Ruhe lassen, das ist unerträglich.
C zum Kleinen: Du hast dir ja deine Finger ganz voll gekleckert; ih! geh schnell deine Hände waschen!
A: Hör, was deine Mama zu dir sagt, los, los!
B: Der hat sich doch nur von seiner großen Schwester verleiten lassen. Es sind doch immer die Älteren, die zum Unfug anstiften.
D: Das sagt der Richtige, gerade du, der den eigenen Kindern nie Grenzen setzt, stattdessen losbrüllst, wenn sowieso alles zu spät ist.
A: Könnt ihr diese Diskussion nicht zuhause austragen.
D: Wir haben im Gegensatz zu euch nichts zu verbergen.
B: Wie lächerlich klingt das jetzt.
A: Schau doch, jetzt ist es der Kleine, der mit Sticheln anfängt. Arme Emilia, dich nimmt niemand in Schutz.
Die Kinder schleichen sich davon, woanders ist es lustiger: das Unerklärliche und das nicht zu Rechtfertigende bestimmen das Zusammenleben.
Auch Adam und Eva haben sich damals davongeschlichen; Zeiten später kam es dann zu dieser Begegnung:
Adam: Manchmal fühle ich mich grundlos schlecht; und ich kann dann gar nicht anders, als Eva böse anzuschauen, an ihr herumzumeckern, wegen irgendetwas, völlig Unnötigem.
Therapeut: Das klingt, als würde irgendein Schuldgefühl auf Ihnen lasten, welches Sie abzuschütteln versuchen.
Adam: Ja, irgendetwas treibt mich um, macht mich wehrlos als stünde ich nackt da, und alle anderen zeigen auf mich, als hätte ich was Schlimmes an mir.
Therapeut: Wie war das in Ihrer Kindheit?
Adam: Da gab es Verbote ohne Ende. Du hast es schon an der Art gemerkt, wie Vater ins Zimmer hereinmarschiert kam, dass es jetzt gleich Unheil hagelt.
Therapeut: Und wie haben Sie darauf reagiert?
