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Lou, die Freundin, erinnert sich: von der ewigen Wiederkunft sprach er auf ihrem Marsch zum Monte Sacro im Frühjahr 1882 nur im Flüsterton. Nietzsche blieb so fasziniert vom Ring des Seins, dass er seine Leser erneut zu übermenschlichen Zeitreisen einladen will. Reiseziele sind: Wandern am Surlej-Felsen, das alte Pfarrhaus seines Vaters in Röcken, Gastvortrag als Ehrenvorsitzender der psychoanalyti-schen Vereinigung 1910 in Nürnberg, Adler-Krähe-Spiel mit den Surrealisten unter den Dächern von Paris, im Kinderland neue Weisen des Zusammenleben entdecken. Incipit Parodia! - ruft der Wahrlacher zu dieser abwechslungsreichen Lektüre alte und neue Leser herbei, um mit ihnen ein Wiedersehen im Übermenschlichen zu feiern.
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Seitenzahl: 224
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Der Theologe und Psychologe Gregor Winkler blickt auf sein dreißigjähriges Wirken als Psychoanalytiker in eigener Praxis in Augsburg mit der sich verdichtenden Erkenntnis, dass im Werk Friedrich Nietzsches alle renommierten Schulen der Psychotherapie ihre Wurzeln und Quellen haben – zu sehr galt der Erforschung all dessen, was den Menschen stärkt, seine ganze Leidenschaft.
Diese Zeitreise bringt Nietzsches denkwürdige Einsicht, dass die Philosophie bisher nur eine Auslegung des Leibes und ein Missverständnis des Leibes gewesen ist, zur letzten Konsequenz. Und er selbst, befreit von der Last seiner biographischen Ketten, erscheint darin mehr denn je als der Leibhaftige, mal in opulenter Ausschmückung, mal in frivol-burlesker Übertreibung, aber auf jeden Fall immer so süffisant zu lesen, dass das Durchschimmern des Übermenschen jeden Leser auf seine Weise zu ergreifen vermag und Nietzsches allmächtige Lebensbejahung sichtbar werden lässt.
Friedrich Nietzsche für Kurzentschlossene
Wie geht Leben? – Nietzsche will es wissen!
Wanderer am Surlej-Felsen
Ein Hymnus kehrt wieder
Ein Streit kehrt wieder
Ein Schmerz kehrt wieder
Ein Sehen kehrt wieder
Pfarrer in Röcken
Gespräche mit Schülern und Gemeinde
Gespräche mit Großvater Friedrich August
Gespräche mit Judas Iskariot
Gespräche mit Giordano Bruno
Gespräche mit den Geliebten
Himmelsstürmer unter sich
Ehrenvorsitz der Psychoanalytischen Vereinigung
Rendezvous in konvulsiver Schönheit
Friedrich Nietzsche in Kinderhänden
Hoher Lärmpegel im Kinderzimmer
Tarantella zum Abendbrot
Die Eröffnung der Menagerie – Lena erinnert sich
Sternen-Freunde auf dem Weg zum Ararat
Anmerkungen
Erst das Übermorgen gehört mir. Einige werden posthum geboren. Die Bedingungen unter denen man mich versteht: die Ehrfurcht vor sich, die Liebe zu sich, die unbedingte Freiheit gegen sich.
Friedrich Nietzsche, Vorwort Antichrist, 1888
„Er missfällt mir.“ – Warum? – „Ich bin ihm nicht gewach
sen.“ – Hat je ein Mensch so geantwortet?
JGB IV Nr. 185 S. 104 *)
Mit diesem aphoristischen Wort- und Gedankenwechsel, ein ›Zwischenspiel‹ aus dem vierten Hauptstück seines 1886 vorgelegten Jenseits von Gut und Böse – Vorspiel einer Philosophie der Zukunft, lässt Nietzsche in komprimierter Form seine ganze philosophische, mehr noch seine psychologische Ausleuchtung des menschlichen Selbstbildes aufblitzen.
Was ist der Mensch? – das sich mittels Moral, Ressentiment und Idealisierung verstellende Tier, dazu genötigt, im ständigen Konflikt mit seiner Vergangenheit, dem Nicht-vergessenKönnen, und mit seinen Mitmenschen, dem Nicht-mithalten-Können, ein künstliches Moment der Selbstbehauptung aufrecht zu erhalten.*
Nietzsche analysiert in seinem Werk diese zentrale Misere des Menschseins, und besonders des modernen Menschen. Aufgrund so verzweifelter wie auch sinnloser narzisstischer Selbstbehauptungszwänge beraubt er sich seiner instinktiven Lebenskraft.
Hinter dem schnell mal ausgesprochenen Statement „Er missfallt mir.“ verbirgt der Mensch seine durch Falschmünzerei missratene Natur, sein Ressentiment.
Damit bezeichnet Nietzsche den schielenden Blick des unterlegen Schwachen auf den erfolgreich Starken, oder wie es uns eine biblische Geschichte erzählt: der den ersten Totschlag besiegelnde Blick des Kain auf seinen Bruder Abel. Neid und Eifersucht werden so zu mächtigen Motoren im Rückwärtsgang zu Dekadenz und Lebensfeindlichkeit.
Ihre Gefährlichkeit erhalten diese reaktiven Affekte jedoch erst durch ihre raffinierte Verkleidung mittels Moral und Idealisierung.
Moralische Antworten, warum ein Mensch mir missfällt, sind wohlfeil zu haben: er hat einen schlechten Charakter; er lügt einem ins Gesicht; er ist verschlagen; man weiß nie, woran man mit ihm ist; er hat keinen Anstand; ihm ist nichts heilig; als Egomane hat er nur seinen Vorteil im Blick...
Und mit dem idealisierenden Glanz der nachgereichten Erklärung krönt sich die eigene Lauterkeit: so etwas wäre bei mir undenkbar; meine Standfestigkeit in Gott, meine Prinzipientreue, würde dies nie zulassen; was ist dein schnöder Mammon-Sieg gegenüber meiner unermüdlichen Sorge um meine Familie; solche Gemeinheiten hätte ich von dir nie erwartet...
Erst Jenseits von Gut und Böse‹ findet der Mensch die Kraft und den Lebenswillen in aller Schlichtheit zurück, und damit die Freiheit zur naheliegenden Antwort:
„Ich bin ihm nicht gewachsen.“
Das Eingeständnis, jemandem nicht gewachsen zu sein, hält die Option offen für weiteres Wachsen und stärker werden. Darum geht es im Leben, darum geht es dem Philosophen der Zukunft. Das ist keine (wiederum Ideale einfordernde) Aufforderung zur Ehrlichkeit. Es reicht, eine Lüge nicht mehr nötig zu haben.
›Hat je ein Mensch so geantwortet?‹
Ja, seine Leser! – Diese zur Umsetzung seiner Gesundheitslehre des Lebens anzuleiten, ist Nietzsches Lebenswerk, Nietzsche als Erzieher, so seine Selbsttitulierung. *
Ist damit auch die narzisstische Misere des Menschen gelöst, seine Angst vor Minderwertigkeit und Herabsetzung?
Ja, wer immer das Leben in seiner Überfülle und in seinem Reichtum wahrnimmt, erkennt auch, wie sehr er auch als deren Teilhaber aufgerufen ist zum großzügigen Weiterschenken:
Dass gut schenken eine Kunst ist und die letzte listige Meister-Kunst der Güte. (Z 1888 S. 335)
Eine aus der Fülle, der Überfülle geborene Formel der höchsten Bejahung, ein Jasagen ohne Vorbehalt ist nicht nur die höchste Einsicht, es ist auch die tiefste, - der eignen Unerschöpflichkeit frohwerdend, die ewige Lust des Werdens selbst zu sein. (EH 1888 S. 311 und GD 1888 S.160)
Verschenkender Reichtum repräsentiert eine aus dem Austausch hervorquellende Fülle des Lebens. Im Vergleich dazu wäre, sich narzisstisch zu positionieren, verarmende Isolation. Überfülle, die aus der Wechselwirkung mit den Kräften der Natur hervorgeht, erschließt uns eine zukunftsweisende Ökologie in wechselseitiger Subjektivität von Leben und wir:
Was uns das Leben verspricht, das wollen wir – dem Leben halten! (Die Sonne sorgt dafür), dass der ärmste Fischer noch mit goldenem Ruder rudert! (EH 1888 S. 249f)
*) Verweist auf Siglen u.a. in den Anmerkungen im Anhang
Es ist meine Klugheit, Vieles und vielerorts
gewesen zu sein, um Eins werden zu können,
um zu Einem kommen zu können.
Ecce homo 1888 S. 321
Friedrich Nietzsche ist der erste Philosoph, der keiner mehr sein möchte in dem Sinne, dass er keine weitere Systematik der Welterklärung und Sinnerfassung vorlegt, sondern sich darauf konzentriert, situative Momente individueller Lebensmöglichkeiten zu beobachten und deren Dynamik zu erfassen. Als erster Philosoph stellt er den Menschen wieder auf dessen Beine, denn das situative Fundament des Erlebens ist kein geistiges, sondern ein leibliches: was interessiert mich mein weitschweifiges Denken, wenn ich mich unmittelbar berühren kann?
So fasziniert von den unvorstellbar vielen Möglichkeiten des menschlichen Daseins, wollte er mit all seiner Schaffenskraft herausfinden, wie jeder Mensch zu seiner bestmöglichen Kraftentfaltung finden kann: Was stärkt und fördert, was hemmt und belastet mich?
Ich lehre das Nein zu allem, was schwach macht, was erschöpft.
Ich lehre das Ja zu allem, was stärkt, was Kraft aufspeichert. Ein langes Nachdenken über die Physiologie der Erschöpfung. (NF13 1888 S. 412)
Seine wichtigste Referenz und naheliegend für einen bereits mit 25 Jahren zur Professur in Altphilologie Berufenen war das Lebensgefühl der antiken Menschen Griechenlands. Nietzsche bewundert ihre hohe Kunst des Lebensgenusses, ihre Kreativität, ihre Choreographie des Schönen, des Wunderbaren, des Erhabenen und vor allem ihre Genialität in der Umwandlung menschlichen Leidens in Stärke und Resilienz.
Seine drei Jahre später im Alter von 28 Jahren niedergeschricbcne Einsicht in Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik (1872) wurde zur Geburtsstunde eines neuen Menschenverständnisses jenseits des gängigen christlichen Menschenbildes, niedergeschrieben in einer Sprache, deren poetischer Glanz das menschliche Antlitz in taufrischen Farben erstrahlen lässt. Da war keine Spur mehr von einer christlich geprägten Not des verzweifelten Subjekts, seinen Heilsweg aus Schuld und Verfehlung unter Anleitung einer göttlichen Gnade finden zu müssen, sondern da waren mediale Ereignisse, die den Menschen zu einem Ort des Begegnens, des Durchfließens und Transformiert-Werdens erscheinen ließ.
Damit verwarf Nietzsche ein Menschenbild, welches heute noch immer in unserem Selbstverständnis wütet in der Selbstverpflichtung, ein sittlich wahrhaftiges Subjekt zu sein, nur das Gute wollend und dies auch wirklich authentisch und echt.
Daraus wiederum abgeleitet alle uns übelbekannten Zwiegespräche darüber, was wer wann wieso nicht angemessen getan oder gesagt hat, und so in seinem moralischen Versagen erst sein wahres Gesicht offenbart, damit schlussendlich sein Gegenüber voller Entrüstung dieses enthüllte ICH ans Kreuz der Rechtschaffenheit nageln kann und erst dann wieder davon befreit, wenn dieses Ich in seiner Reue und Buße überzeugend authentisch rüberkommt. – Ein ewiger Motor für Selbstüberforderung und Heuchelei: dieser ›moralische Übermensch‹ immer genötigt, sein wahres Wesen, genannt Identität, zu verbergen oder zu offenbaren, aber auf keinen Fall frei, sich seines Lebens zu erfreuen.
Nietzsche hingegen belässt das Menschsein im diffusen Licht des nicht endgültig Klärbaren. Seiner Autobiografie Ecce homo gab er deswegen in seinen Notizen den Untertitel ›Aufzeichnungen eines Vielfache‹.* Und selbst die wunderbarste von ihm geschaffene Gestalt, Zarathustra, kann nur mit äußerster Müh ›zwischen Raubvögeln‹ sich selbst zu erkennen versuchen:
Jetzt – einsam mit dir, zwiesam im eignen Wissen, zwischen hundert Spiegeln vor dir selber falsch, zwischen hundert Erinnerungen ungewiss, an jeder Wunde müd, an jedem Froste kalt, in eignen Stricken gewürgt, Selbstkenner! Selbsthenker! (DD 1888 Zwischen Raubvögeln S.390)
Sich nicht an einer vermeintlichen Identität ›aufhängem, zumal deren Quelle allein im Zwang der unserer Sprache zugrundeliegenden Grammatik zu suchen ist, sondern offen für das eigene Lebendig-Werden, sich seiner seit Kindestagen täglich erlebten Identitäts-Distribution* anzuvertrauen, ist für Nietzsche die Grundlage der von ihm gesuchten Kraftsteigerung zu einem gelingenden Leben. Aus diesem Grund hat er mit der Schrift aus seinem letzten Schaffensjahr Der Antichrist – Fluch auf das Christentum seine Kritik am Christentum radikalisiert. Denn die jüdisch-christliche Tradition fixiert den Menschen auf seine Identität mit der messerscharfen Logik eines Staatsanwaltes: alles was jemand gesagt und getan hat, kann gegen ihn verwendet werden. ›Noch eine böse Tat, und du hast dein Seelenheil für immer verwirkt.‹, – wer kommt da nicht ins Zittern und Sich-Ängstigen? Und selbsternannte Staatsanwälte verstehen es, an allen möglichen Ecken und Winkeln unseres Alltags aufzumarschieren. ›Denn ohne sie bräche Chaos aus, und Gewalt zerstörte alles Miteinander‹, so lautet deren Lüge!
Friedrich Nietzsche jedoch träumt von einem Leben Jenseits von Gut und Böse – Vorspiel einer Philosophie der Zukunft (geschrieben 1886), und sieht es grundgelegt in den Erzählungen des antiken Griechenlands.
Denn mit seinen Altertums-Studien erfand, oder aus antiker Sicht, wiederentdeckte er mit 28 Jahren die virtuelle Realität des Menschen als ewiger Werdens-Prozess. Dessen Urkraft umschrieben die Griechen mit der Gestalt des Dionysos, seine Erkennbarkeit mit der Gestalt Apolls. Und Nietzsche prägt dafür dieses Sprachbild:
Aus dem Lächeln dieses Dionysos sind die olympischen Götter, aus seinen Tränen die Menschen entstanden. (GT 1872 S.72)
Wie geht Leben?
Eine erste Antwort könnte jetzt lauten: lerne Tränen in Lächeln umzuwandeln, indem du beides wie eine musikalisch gestimmte Dissonanz in ein von dir zu schaffendes Kunstwerk einwebst. - Oder nochmals aus Nietzsches Schrift zitiert:
Die Grundkenntnis von der Einheit alles Vorhandenen, die Betrachtung der Individuation als der Urgrund des Übels, die Kunst als die freudige Hoffnung, dass der Bann der Individuation zu zerbrechen sei, als die Ahnung einer wiederhergestellten Einheit. (GT S.73)
Das will heißen: Sich als Individuum zu begreifen, macht Sinn im Moment der apollinischen Erkenntnissuche, aber im Erleben des dionysischen Erkenntnisgewinns und der Kraftsteigerung löse ich mich von meiner Individualität, werde Teil einer größeren Einheit, Medium einer mich durchströmenden Musik:
Insofern aber das Subjekt Künstler ist, ist es bereits von seinem individuellen Willen erlöst und gleichsam Medium geworden, durch das hindurch das eine wahrhaft seiende Subjekt seine Erlösung im Scheine feiert. ... Denn nur als ästhetisches Phänomen ist das Dasein und die Welt ewig gerechtfertigt (GT 1872 S. 47)
Wie also geht Leben?
Eine zweite Antwort variiert die erste: Indem du deine Individualität dazu nutzt, aus deinem Leben ein Kunstwerk zu machen.
Nur ein Kunstwerk? - nicht ein wahrhaft wirkliches, moralisch gerechtfertigtes, eben Gott gefälliges, für die Ewigkeit taugliches Leben? Ja genau, das ist Nietzsches subversive Kraft, einer jahrtausendalten Falschmünzerei entgegenzuwirken, die das einzig vorhandene Leben zu verleumden lehrt zugunsten eines, welches nur mittels Einbildung und durch doktrinäres Eintrichtern Realitätsgehalt bekommt.
Woraus besteht Leben? Im 16 Jahre später geschriebenen Vorwort bringt es Nietzsche auf diesen Punkt:
Denn alles Leben ruht auf Schein, Kunst, Täuschung, Optik, Notwendigkeit des Perspektivischen und des Irrtums. ... Vor der Moral muss das Leben beständig und unvermeidlich Unrecht bekommen, weil Leben etwas essentiell Unmoralisches ist. (GT Vorwort 1886 S. 18f)
Die von ihm erarbeitete ›Gegenwertung des Lebens‹ nennt er in diesem Vorwort eine artistische, dionysische, darauf ausgerichtet - und hier klingt wieder einmal mehr die leichte, halkyonische Grundstimmung seiner ganz persönlichen Lebensfreude an:
sich seine Mitschwärmer zu suchen und sie auf neue Schleichwege und Tanzplätze zu locken (Ebda S. 14)
Wie geht Leben?
Was fragst du? Lerne tanzen! Tanzen ist beides: Choreografie der Lebensfreude und Mittel, unvermeidlichen Schmerz und persönliches Leiden wie in der Musik als expressionssteigernde Dissonanz einzusetzen. Damit ist Leid nicht überwunden, aber entkernt von einer mich selbst quälenden, monströsreligiösen Sinnsuche, und der einzelne so der Verzweiflung enthoben, die an seinem Schmerz und Leid Schuldigen ausfindig zu machen.
Man muss weder Tänzer noch Künstler im eigentlichen Sinn des Wortes sein, um sein Leben als Kunstwerk zu betrachten. Entscheidend ist, eigene Gestaltungsräume auszuloten und seine Persönlichkeit als Entfaltung variantenreicher Selbstdichtungen ins Spiel zu bringen – zur Erheiterung aller.
Erst die Künstler ... haben uns die Kunst gelehrt, wie man sich selber als Held, aus der Feme und gleichsam vereinfacht und verklärt ansehen könne, - die Kunst, sich vor sich selber in Szene zu setzen. (FW 1882 S. 434)
Wie also geht Leben, womit beginnen? - Mit Humor und Sprachwitz! Denn erst, wenn ich nicht mehr an meiner Identität kleben muss, bin ich frei, den Unwägbarkeiten des Lebens mit der Kunst des Gauklers, des Verführers, des Possenreißers zu parieren.
Nietzsche hat es vorgemacht, indem er in seinem weiteren Wirken alles systematisches Denken und Texten aufgab zugunsten des Wortspiels, der Aphorismen. Er ist der Schelm unter den Philosophen, der uns wie ein kecker Kerl ›auf Schleichwegen zu neuen Tanzplätzen locken‹ möchte, wie im obigen Zitat angeklungen. Und auch die Mädels dort hat er mit feinem Gespür im Blick und skizziert in seinen Notizen, wie galant sie sich zu Kunstwerken stilisieren:
Diese jungen Geschöpfe, die dort tanzen, sind ersichtlich jenseits aller Realität: sie tanzen nur mit lauter handgreiflichen Idealen. ... Zuletzt inspiriert sie auch noch ihr Putz; ihr Putz ist ihr dritter kleiner Rausch: sie glauben an ihren Schneider, wie sie an Gott glauben, - und wer widerriete ihnen diesen Glauben?
Dieser Glaube macht selig! Und die Selbstbewunderung ist gesund! – Selbstbewunderung schützt vor Erkältung. Hat sich je ein hübsches Weib erkältet, das sich gut bekleidet wusste? Nie und nimmermehr! Ich setze selbst den Fall, dass sie kaum bekleidet war... (NF13 Mai 1888 S. 527)
Wenn Leben grundsätzlich verstanden ein poetischer Auftrag ist, dann ist folglich Pflichterfüllung nur ein randständiges Abklären des unbedingt Notwendigen und zum Leben-Können Erforderlichen: ›Ist für alle genügend zum Abendessen da?‹ Aber alsdann möge die dabei geführte Unterhaltung eher diese Wende nehmen:
Mich interessiert nichts mehr als wenn einer einen Umweg über ferne Völker und Sterne macht, um schließlich so etwas von sich zu erzählen. (NF9 1880 S. 185)
Und wäre dann das ganze kulturell-technische Fortschritts-Schaffen ebenfalls hinfällig? Keineswegs, Nietzsche ist Lebens-Schaffer, nicht Natur-Romantiker. So präzisiert er in dem bereits erwähnten Vorwort, an welche Aufgabe sein Erstlingswerk sich
zum ersten Male herangewagt hat, – die Wissenschaft unter der Optik des Künstlers zu sehen, die Kunst aber unter der des Lebens. (GT Vorwort 1886 S. 14)
Wir Alltagsmenschen können hier für Wissenschaft‹ probeweise ›Beruf/Arbeit‹ einsetzen. Aber Vorsicht!
Wie geht Leben?
Nicht so viel Arbeiten!
Hier eine Kostprobe, wie hellsichtig Nietzsche in unser modernes Leben blickte:
Gibt es noch ein Vergnügen an Gesellschaft und an Künsten, so ist es ein Vergnügen, wie es müde-gearbeitete Sklaven sich zurecht machen. Oh über diese Genügsamkeit der „Freude“ bei unseren Gebildeten und Ungebildeten! Oh über diese zunehmende Verdächtigung aller Freude! Die Arbeit bekommt immer mehr alles gute Gewissen auf ihre Seite: der Hang zur Freude nennt sich bereits „Bedürfnis der Erholung“ und fängt an, sich vor sich selber zu schämen. „Man ist es seiner Gesundheit schuldig“ – so redet man. (FW 1882 S. 557)
und dann in aller Entschiedenheit festhält:
Alle Menschen zerfallen, wie zu allen Zeiten so auch jetzt noch, in Sklaven und Freie; denn wer von seinem Tage nicht zwei Drittel für sich hat, ist ein Sklave, er sei übrigens wer er wolle: Staatsmann, Kaufmann, Beamter, Gelehrter. (MA 1878 S. 231)
Hatte Nietzsche etwa leicht reden, weil er ein gewisses Vermögen zugeschustert bekam? Keineswegs! Nur: Bescheidenheit bis hin zur Armut verwehrte ihm nicht, sich als frohgesinnten Menschen zu empfinden. Denn es ist das Ressentiment, das neidvolle Schielen auf das beeindruckende Gelingen der anderen, das schwächt und dekadent macht. Und wer versucht, dies durch Ideale oder gar durch Moral zu kompensieren, hat sich umso mehr ins Abseits, auf die Schattenseite des Lebens gestellt.
Huldigt also Nietzsche dem mitleidlosen Recht des Stärkeren? Ja und Nein. Denn mit all seinem Erkenntnisdrang will er für sich die Grenze des gerade noch Konsensfähigen neu ermessen. Wer möchte folgendem Statement nicht rundum zustimmen? :
Das Leben hat mich nicht enttäuscht. Von Jahr zu Jahr (hier im Jahr 1882) finde ich es vielmehr wahrer, begehrenswerter und geheimnisvoller, - von jenem Tag an, wo jener Gedanke über mich kam, dass das Leben ein Experiment des Erkennenden sein dürfe, und nicht eine Pflicht, nicht ein Verhängnis, nicht eine Betrügerei! – Und die Erkenntnis selber: mag sie für andere etwas anderes sein, zum Beispiel ein Ruhebett, oder der Weg zu einem Ruhebett, oder eine Unterhaltung, oder ein Müßiggang, - für mich ist sie eine Welt der Gefahren und Siege, in der auch die heroischen Gefühle ihre Tanz- und Tummelplätze haben. ›Das Leben ein Mittel der Erkenntnis‹ - mit diesem Grundsatz im Herzen kann man nicht nur tapfer, sondern sogar fröhlich leben und fröhlich lachen! Und wer verstünde überhaupt gut zu lachen und zu leben, der sich nicht vorerst auf Krieg und Sieg gut verstünde? (FW 1882 S. 552)
Gut lebt nur der, wer sich auch auf Krieg gut verstünde? – Es wird klar, dass Nietzsche nicht den Mitläufer sucht, sondern den Mitfragenden. Aufgepasst! Noch ein Zitat aus dem gleichen Werk Die Fröhliche Wissenschaft:
Was heißt Leben? – Leben – das heißt: fortwährend etwas von sich abstoßen, das sterben will; Leben – das heißt grausam und unerbittlich gegen alles sein, was schwach und alt an uns, und nicht nur an uns, wird. Leben – das heißt also – ohne Pietät gegen Sterbende, Elende und Greise sein? Immerfort Mörder sein? – Und doch hat der alte Moses gesagt: ›Du sollst nicht töten!‹ (FW 1882 S. 400)
Ein Zitat, in dem Nietzsche viele Gedankenstriche verwen– det. Keiner sollte diese überlesen! Denn wer ist Friedrich Nietzsche? Auf jeden Fall lädt er seine Leser unentwegt ein, sich dieser Frage zu stellen, um dann herauszufinden, wer man selber ist. Mag ein Bild aus seinem Werk Also sprach Zarathustra ein passendes Leitmotiv dafür sein, wer Nietzsche für seine Leser sein will:
Ich bin ein Geländer am Strome: fasse mich, wer mich fassen kann! Eure Krücke aber bin ich nicht. – (ZA 1883 S. 47)
Und was wissen wir über sein Leben?
Friedrich Nietzsche kam 1844 in einem evangelischen Pfarrhaus auf die Welt. Seine längsten Weggefährtinnen waren seine Mutter Franziska und seine Schwester Elisabeth, genannt Lama. Mit vierzehn Jahren schrieb er seine erste Biografie an seinen Freund Wilhelm Pinder. Hier eine Stelle über seinen Eintritt ins Internat Schulpforta:
Unbekannten Gefahren ging ich entgegen; der Abschied hat mich bang gemacht und ich zitterte in Gedanken an meine Zukunft. Dazu bedrängte mich das bevorstehende Examen, das ich mir mit schrecklichen Bildern ausgemalt hatte, der Gedanke, von nun an niemals mich meinen eigenen Gedanken übergeben zu können, sondern immer von Schulgenossen fortgezogen zu werden von meinen Lieblingsbeschäftigungen, ungemein.
(KGB 1 Februar 1859 S. 50)
Wir lesen von einem Schüler, den nicht die Angst vor schlechten Noten umtreibt, sondern die Sorge, seinen eigenen Gedanken nicht mehr genügend nachgehen zu können. Fünf Jahre später konfrontiert Fritz, so seine Unterschrift, seinen Freund Wilhelm nochmals mit dieser Freiheitsliebe:
Ihr habt mir so angenehme und der alten Liebe so volle Briefe geschrieben, das muss ich hoch, sehr hoch schätzen. Denn die leichten Schaumwellen eines freien Lebens löschen leicht die alten Bilder von der Tafel der Seele ab. Verzeiht mir, wenn ich einen solchen Gedanken ausgesprochen habe. Aber gedacht habe ich ihn. (KGB 12. Juni 1864 S. 282)
Der junge Fritz nur ein introvertierter, weltabgewandter Denker? Wenn schon, dann ein Kriegsmann der Erkenntnis, der auch zu reiten versteht, so in seiner Ausbildung zum Gefreiten:
Zuletzt ritt ich das feurigste und unruhigste Tier der Batterie.
Eines Tages misslingt mir in der Reitstunde ein schnell ausgeführter Sprung aufs Pferd; ich traf mit der Brust hart auf den Vorderknauf und spürte in der linken Seite einen zuckenden Riss. (KGB3, 22.06.1868, S. 292)
Tassenweise musste der Eiter aus der langwierigen Wunde des 23-jährigen Fritz entfernt werden. Was immer er in seinen Briefen darüber schreibt, wir lesen nichts von Selbstvorwürfen.
Und doch ist es der Anfang vom Ende seiner Gesundheit. Als chronisch Kranker führt er fortan ein beschwerliches Leben: ein zerstörter Magen-Darm-Trakt, dauernde Kopfschmerzen und ein nahe der Blindheit wütendes Augenleiden. Die kurze Professur mündet alsbald in ein Leben als Frührentner mit einer Pension, die ihm hilft, über die Runden zu kommen und ein freies Leben zu führen, meist allein in den Schweizer Bergen. Seine Heiratsanträge an eine russische Frau von Welt, Lou André-Salome, wirken bestürzend hilflos, sein vorübergehender Hass auf sie, später auch auf seine Schwester, die er in seiner letzten Schrift Ecce Homo als Canaille beschimpft, menschlich oder zumindest allzumenschlich. Niemand sollte ihn daran messen. Denn dafür hat er seine Texte geschrieben. Tag für Tag hat er sich seine Seele aus dem Leib geschrieben. Er wollte ein für alle Mal für sich und all seine Leser-Freunden erkunden:
Wie geht Leben? – Leben geht,
indem ich die Geschichte der Menschheit als eigene Geschichte zu fühlen weiß, indem ich empfinde
den Gram des Kranken, der an die Gesundheit denkt
der Greis, der an den Jugendtraum denkt
der Liebende, der der Geliebten beraubt wird
der Märtyrer, dem sein Ideal zugrunde geht
der Held am Abend der Schlacht, welche nichts entschieden hat und doch ihm Wunden und den Verlust des Freundes brachte,
dies alles auf seine Seele nehmen, Ältestes, Neuestes, Verluste, Hoffnungen, Eroberungen, Siege der Menschheit: dies alles endlich in einer Seele haben und in Ein Gefühl zusammendrängen: – dies müsste doch ein Glück ergeben, das bisher der Mensch noch nicht kannte, – eines Gottes Glück voller Macht und Liebe, voller Tränen und voll Lachens, ein Glück, welches wie die Sonne am Abend, fortwährend aus seinem unerschöpflichen Reichtum wegschenkt und ins Meer schüttet und, wie sie, sich erst dann am reichsten fühlt, wenn auch der ärmste Fischer noch mit goldenem Ruder rudert! Dieses göttliche Gefühl hieße dann – Menschlichkeit! (FW 1882 S. 565)
Eine andere Textstelle nennt diese Bereitschaft, das ganze Leben der Menschheit in sich aufnehmen zu wollen ›Raumerwcitcrung der Seele‹. Dafür bräuchte es eine Gesellschaft, die bereit ist, »die Physiologie zur Herrin über alle anderen Fragen zu machen«*
Physiologie als Herrin‹, - mit diesem Grundsatz hätte Nietzsche, der Zeitreisende, es durchaus verdient, in allen Fitness-Clubs, in allen Berghütten ein Porträt von sich vorzufinden. Doch schauen wir nochmal zurück, wie er selbst kurz vor dem Ende seiner aktiven Zeit sein Leben gutzuheißen verstand. In einem kleinen Zwischenblatt seines biografisch gefärbten Werkes Ecce Homo hält er für sich und auch für uns fest:
An diesem vollkommenen Tag, wo alles reift und nicht nur die Traube braun wird, fiel mir eben ein Sonnenblick auf mein Leben: ich sah rückwärts, ich sah hinaus, ich sah nie so viel und so gute Dinge auf einmal. Nicht umsonst begrub ich heute mein vierundvierzigstes Jahr, ich durfte es begraben, - was in ihm Leben war, ist gerettet, ist unsterblich. Die Umwertung aller Werte, die Dionysos-Dithyramben und, die Erholung, die Götzen-Dämmerung – alles Geschenke dieses Jahres, sogar seines letzten Vierteljahrs! Wie sollte ich nicht meinem ganzen Leben dankbar sein? Und so erzähle ich mir mein Leben. (EH 1888 S. 264)
Wie geht Leben? – indem du dich mit deiner Erzählweise in Dankbarkeit über viele gut-erlebte Dinge unsterblich werden lässt.
Wer auf solche Weise unsterblich ist, der kann sich auf Zeitreise begeben, denn wo immer er sich befindet, seine Wiederkehr wird kommen, wann immer dionysische Magie von ihm Besitz ergreift:
Das Genie des Herzens, von dessen Berührung jeder reicher fortgeht, nicht begnadet und überrascht, nicht wie von fremdem Gute beglückt und bedrückt, sondern reicher an sich selber, sich neuer als zuvor, aufgebrochen, von einem Tau-winde angeweht und ausgehorcht, unsicherer vielleicht, zärtlicher zerbrechlicher, zerbrochener, aber voller Hoffnungen, die noch keinen Namen haben, voll neuen Willens und Strömens, voll neuen Unwillens und Zurückströmens. (JGB 1885 S. 237)
Diesem Genie des Herzens zu begegnen, in welcher Gestalt auch immer, dazu beginnt jetzt diese Zeitreise. Also aufgepasst: Incipit tragoedia – die Tragödie beginnt. Nein, Halt!
»Man sei auf der Hut!«, schreibt Nietzsche in seiner zweiten Vorrede zur Fröhlichen Wissenschaft, »irgend etwas ausbündig Schlimmes und Boshaftes kündigt sich an: Incipit parodia, es ist kein Zweifel..« –*
Jetzt haben wir den Basler Professor aber richtig verstanden: die Parodie beginnt, – es darf gelacht werden und Lachen zu wollen ein Muß! Denn alles ist, so wie es ist, immer ein klein, klein wenig anders geworden auf dieser weiten Reise. Und selbst der Übermensch hat seine Parade-Rolle erst in der Parodie gefunden, indem er, wie Fritz Nietzsche es uns zu erzählen weiß, zum Wahrlacher wurde. –
Wer möchte da nicht mitlachen und weiterlesen?
Niemand kann dir die Brücke bauen, auf der gerade du über
den Fluss des Lebens schreiten musst. Denn es gibt in der
Welt einen einzigen Weg, auf welchem niemand gehen kann
außer dir. Wohin er führt? Frage nicht, gehe ihn.
Schopenhauer als Erzieher 1874 S. 340
Was für ein Idyll, klare Luft, milde Herbstfarben und eine verträumte Tonlage von Stille ringsum. Die beiden legten sich so gut es ging ans Ufergras, hinter ihnen im Felsen eingelassen die weiße Friedrich Nietzsche Gedenktafel, in ihrem Nachsinnen noch das dort Eingemeißelte:
›Weh spricht: Vergeh! Doch alle Lust will Ewigkeit!‹.
Ja, warum nicht allen Gram hinter sich lassen, zum Wiederkäuen gibt es bessere Kost. Mira zwinkerte Arid zu:
»Das im Nietzsche Haus ausgelegte Buch Die Kunst der Gesundheit nach Nietzsche von einer Mirella Carbone herausgebracht, das wäre doch ein passendes Geburtstagsgeschenk für Papa, meinst du nicht auch?«
»Spinnst du jetzt«, murrte Arid herüber, »der Alte springt uns ins Gesicht, wenn wir mit einem Gesundheitsratgeber daherkommen.«
»Nicht, wenn er von Nietzsche kommt.«, konterte Mira.
Arid machte eine launige Schulterbewegung, schließlich waren Geschenke eh nicht seine Sache, und so schlug er vor:
»Jetzt lass uns erst noch zu dem Surlej-Felsen gehen. Vielleicht find ich dort ein Déjà-vu mit meinem verlorenen Liebesglück.«
Mira huschte ein Lächeln übers Gesicht.
Sie brachen auf, ließen den Silser See hinter sich, kamen nochmals durch Sils-Maria und sahen vor sich den Silvaplana See. ›Am rechten Ufer bleiben, einfach weiterlaufen, da würden sie schon am Felsen vorbeikommen‹, sprach ein entgegenkommender Wanderer. Die Spannung stieg, bis die Enttäuschung kam. Beinahe wären sie an dem etwas spitz aufgestellten Felsbrocken vorbeigelaufen, als ihnen dann doch noch die Tafel in den Blick kam.
»Komm, mach ein Foto von mir«, forderte Mira ihren Begleiter auf, spreizte die Arme weit aus und zitierte aus Ecce Homo:
