»Gedenke zu leben! Wage es, glücklich zu sein!" - Manfred Osten - E-Book

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Manfred Osten

4,9

Beschreibung

Goethes Strategien, sich sein Glück zu erarbeiten - gerade in verzweifelten Zeiten. »Jeder Trost ist niederträchtig / Und Verzweiflung nur ist Pflicht" heißt es in einem Versentwurf zum »Faust". Goethe selbst aber hat sich gegen Unglück und Verzweiflung zur Wehr gesetzt und im »Wilhelm Meister" dagegengehalten: »Gedenke zu leben! Wage es, glücklich zu sein!" Manfred Osten zeigt, wie Goethe sich zwischen diesen beiden extremen Polen bewegt hat, und wie er für sich Strategien und Wege fand, glücklich zu sein. Wer glücklich sein will, muss sich das erarbeiten, muss an sich arbeiten. Goethe nannte dies das »Übungsglück" der Mäßigung. Gleichzeitig beschreibt Osten, wie hellsichtig Goethe seine Zeit und die aufkommende Industrialisierung mit der sie begleitenden Beschleunigung allen Wirkens und Handelns als dem Glück entgegenstehend verstanden hat: »So wenig nun die Dampfwagen zu dämpfen sind, so wenig ist dies auch im Sittlichen möglich: die Lebhaftigkeit des Handels, das Durchrauschen des Papiergeldes, das Anschwellen der Schulden, um Schulden zu bezahlen, das alles sind die ungeheueren Elemente …" Geschrieben hat Goethe das 1825, aber es wird hier eine Brücke zu uns ins 21. Jahrhundert geschlagen, in dem sich scheinbar alles Glück und jedes Leben optimieren läßt.

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Seitenzahl: 146

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Manfred Osten

»Gedenke zu leben!Wage es, glücklich zu sein!«oderGoethe und das Glück

»Und fällt der Himmel ein,

   kommt doch eine Lerche davon.«

        (Goethe, Sprichwörtlich)

Für Ute

Inhalt

Einleitung

1. KapitelDas Glück der Aufmerksamkeit

2. KapitelDas amoralische Glück

3. KapitelDas Glück des Gesprächs

4. Kapitel»Vernünftige, glückliche Momente«

5. Kapitel»Gerüche winden sich durchs Glück«

6. KapitelDas Glück der »Folge«

7. KapitelDas Glück, »viel Leben zu haben«

8. KapitelDas Glück der »Idee des Reinen«

9. KapitelSich mäßigen, um glücklich zu sein?

10. Kapitel»Eigentum« als Glück?

11. Kapitel»Wie sich Verdienst und Glück verketten«

12. KapitelDas posthumane Glück

13. KapitelDas Glück des Zufalls

14. KapitelDer Stein des »guten Glücks«

15. KapitelDas Glück der Liebe?

16. KapitelResümee: Die Geburt des Glücks aus dem Geist der Verzweiflung

Literaturhinweise

Einleitung

Weimar, 9. Oktober 1828. Eckermann, Goethes Vertrauter, notiert: »Diesen Mittag bei Tisch war ich mit Goethe und Frau von Goethe (Goethes Schwiegertochter Ottilie, geb. von Pogwisch) allein.« Man spricht über Musik und Italien. Ein Stichwort, das Goethe überraschend verbindet mit einem Glücks-Geständnis. Dass er nur »in Rom empfunden habe, was eigentlich ein Mensch sei. Zu dieser Höhe, zu diesem Glück der Empfindung bin ich später nie wieder gekommen.«

Kann man zur Höhe einer Glücksempfindung nur in Rom gelangen? Und war dies nur möglich am Vorabend jener Revolution in Frankreich, die Goethe als das »schrecklichste aller Ereignisse« empfunden hat? Ein Ereignis, das für ihn außerdem zeitlich sinnfällig wurde mit der industriellen Revolution: 1790 war er ihr zum ersten Mal im preußischen Bergbau in Schlesien begegnet in Gestalt der »Feuermaschine von Tarnowitz«.

Hat Goethe Glück nicht doch verstanden als eine Empfindung, die auch den Nachgeborenen bis in die Gegenwart offensteht? Allerdings als Glück im gleichzeitigen Bewusstsein des »Schrecklichsten«. Nämlich im Bewusstsein, dass beide Revolutionen der Moderne verstanden werden müssen als Prozess einer unaufhaltsamen Entgrenzung der Ungeduld und der Beschleunigung. Dass es also unmöglich sei, die »Dampfwagen zu dämpfen«. Und dass somit das Ziel der Aufklärung, das Glück der Autonomie des Menschen, durch den Prozess der Aufklärung, die permanente Beschleunigung, unter die Räder dieser »Dampfwagen« gerät. Mit dem Ergebnis der Selbstentfremdung des Menschen und einer Umwertung aller Werte. Die »Verzweiflung« über dieses Ergebnis hat Goethe in einem Brief vom 6. Juni 1825 seinem Freund, dem Komponisten Zelter in Berlin, offenbart mit den Worten: »Alles aber […] ist jetzt ultra, alles transzendiert unaufhaltsam, im Denken wie im Tun. Niemand kennt sich mehr, niemand begreift das Element worin er schwebt und wirkt.«

Goethe ist der erste, der das »ultra« illusionslos erkennt als das zivilisations-dynamische Zentralproblem der Moderne: die Entfesselung der Ungeduld im Namen jener extremistischen Vernunft, die Mephisto meint mit dem Hinweis auf den Menschen: er brauche sie allein, um »nur tierischer als jedes Tier zu sein.« Es ist für Goethe das Zentralproblem der Moderne, weil es für ihn verbunden ist mit dem anthropologischen Unglück der Überforderung. »Es ist immer sein [des Menschen] Unglück, wenn er veranlaßt wird, nach etwas zu streben, mit dem er sich durch eine regelmäßige Selbsttätigkeit nicht verbinden kann.« (Lehrjahre VI, Bekenntnisse einer schönen Seele)

Gleichwohl blieb Goethe offenbar bis zuletzt ein zum Glück entschlossener Reservist der Verzweiflung. Einer Verzweiflung, der er stoisch widerstanden hat mit einer abgründigen Einsicht. Er hat sie festgehalten im »Beiwerk«, den Paralipomena, zum Faust II: »Jeder Trost ist niederträchtig / Und Verzweiflung nur ist Pflicht.« (Faust II, Paralipomenon 83)

Gezeigt werden soll, dass Goethe dieser Verzweiflungs-Pflicht immer wieder ein »Gedenke zu leben« entgegengehalten hat (LehrjahreVIII, 5). Und Wilhelm Meister selbst wird aufgefordert: »Wagen Sie es glücklich zu sein« (LehrjahreVII, 9). Interessanterweise hat sich aus diesen beiden Stellen die – vorgeblich – Goethe’sche Maxime »Gedenke zu leben! Wage es, glücklich zu sein!« gebildet, die diesem Buch den Titel gibt. Nun findet sich dieser Sinnspruch zwar so auch in verschiedenen Zitatsammlungen, auf Tassen und Schmuckkarten – in genau diesem Wortlaut allerdings taucht er nirgends in Goethes Werken auf. Dennoch, oder auch gerade weil diese beiden Aufforderungen eine solche Eigendynamik entwickelt haben und homunkulusartig zu einem gemeinsamen Leben als Maxime Goethes gelangt sind, dienen sie dem vorliegenden Buch als titelgebende Quintessenz seines Denkens. Zeigt sie doch Goethes geheim-offenbare Strategie des »Überlebens«. Und zwar mit Hilfe einer bewussten Wahrung und Förderung physischer und geistiger Kräfte gegenüber allen Heimsuchungen der Miserabilität und der Verdüsterung. Etwa so, wie Goethe es als Beispiel zur Nachahmung im Sommer 1828 praktiziert, indem er das Glück eines Bildes mobilisiert: den »Regenbogen auf schwarzgrauem Grunde«. Und dies in Dornburg »bei dem schmerzlichsten Zustand des Innern« (Brief an Zelter vom 10.7.1828) nach dem Tod seines Großherzogs und Freundes Carl August.

Schon am 5. April 1824 hatte Goethe gegenüber Friedrich von Müller diese Strategie eines der Verzweiflung abgerungenen Glücks skizziert: »Wer nicht verzweifeln könne, müsse nicht leben; nur christlich sich ergeben, sei ihm [Goethe] das Verhaßteste.« Selten hat jemand so schonungslos die Verzweiflung zur Bedingung des (Weiter-)Lebens gemacht. Wobei mit Verzweiflung nichts anderes gemeint ist als Mut zu einer Illusionslosigkeit, vor der jeder Optimismus als Mangel an Information erscheinen muss. Selbst während seiner Italien-Reise (von September 1786 bis Juni 1788) hatte Goethe auf dem Gipfel des Glücks die Verzweiflung im Auge: »An unmöglichen Dingen soll man selten verzweifeln, an schweren nie.« (Italienische Reise II, Paralipomena)

Verbindet uns dies mit Goethe als unzeitgemäßem Zeitgenossen auch im 21. Jahrhundert? Gibt es bei ihm Hinweise, die auch heute noch verstanden werden können als Ermutigung zum (Weiter-)Leben durch Freisetzung von Glücksenergien gegenüber den Verzweiflungsanlässen der Gegenwart? Kant hat statuiert, in prekären Situationen gebe es eine Pflicht zur Zuversicht. Für Goethe gibt es die vorrangige Pflicht zu leben – als Voraussetzung für das Wagnis, glücklich zu sein. Vor dem Hintergrund dieser vorrangigen Pflicht hat Peter Sloterdijk Goethe gegenüber dessen Kritiker Ortega y Gasset in Schutz genommen mit dem Argument: »Was Ortega nicht recht erfasst, ist Goethes intimes Dramen-Schema: da er als tot geborenes Etwas zur Welt gekommen war, erstickt und ›schwarz‹, konnte es für ihn Leben nur in der Form wiederhergestellten Lebens geben, eines Lebens, das sich immer wieder gegen die eigene schützende Erstarrung behaupten musste […]. Seine [Goethes] sämtlichen Werke sind selbstgeburtliche Aufführungen über einer Urszene initialer Vernichtungen.« (Peter Sloterdijk, Zeilen und Tage)

Goethes Aufforderung »Wage es, glücklich zu sein!« ist daher neu zu lesen. Nämlich als Goethes Glücks-Wagnis im Kontext eines »intimen Dramen-Schemas«, mit dem Titel: »Gedenke zu leben.« Ein Titel von hoher Aktualität: Ortega hat in seinem Essay von 1932 (Um einen Goethe von Innen bittend) rückblickend auf die Goethezeit behauptet: »Der Mensch war ein Tier mit Klassikern.« Wenn heute der Mensch ein »Tier« ohne Klassiker ist, so gilt doch unverändert, dass er bis auf weiteres das Leben offenbar immer noch als das höchste Gut empfindet. Und dies in der Regel verbunden mit dem Wunsch, »glücklich zu sein«, um es zu erhalten und zu genießen.

Weshalb denn Goethe immer noch ein »Klassiker« ist. Denn Klassiker sind, wie es Martin Walser formuliert hat, diejenigen, die »beleben«. Was umso dringlicher erscheint, als schon Nietzsche (in der Genealogie der Moral) auf die gegenläufigen Tendenzen aufmerksam macht: »Seit Kopernikus scheint der Mensch auf eine schiefe Ebene geraten – er rollt immer schneller nunmehr vom Mittelpunkt weg – wohin? Ins Nichts?« Weshalb denn Nietzsche betont, dass vor diesem Hintergrund Goethe »in der Geschichte der Deutschen« als »ein Zwischenfall ohne Folgen« betrachtet werden darf (Menschliches, Allzumenschliches II, 1886), der die belebende Ausnahme statuiert (Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben, 1886):

Über Goethe hat uns neuerdings jemand belehren wollen, dass er mit seinen 82 Jahren sich ausgelebt habe: und doch würde ich gern ein paar Jahre des ›ausgelebten‹ Goethe gegen ganze Wagen voll frischer hochmoderner Lebensläufte einhandeln, um noch einen Anteil an solchen Gesprächen zu haben, wie sie Goethe mit Eckermann führte, um auf diese Weise vor allen zeitgemäßen Belehrungen durch die Legionäre des Augenblicks bewahrt zu bleiben.

Und dies verbunden mit der glücklichen Empfindung, dass ihm (Nietzsche) Goethe erschien »wie ein Grieche, der hier und da eine Geliebte besucht, mit den Zweifeln, ob es nicht eine Göttin sei.« (Menschliches, Allzumenschliches II, 1879)

Wobei Goethe sicherlich nicht die Göttin des Fortunatus im Auge hatte. Denn der glückliche Titelheld dieses 1509 in Augsburg erschienenen Volksbuchs, dem bereits alles nach dem Wohlfahrtsprinzip des »sofort« und »gratis« bewilligt wird, ist zwar inzwischen zum Leitbild eines »leichten Lebens« mit bedingungslosem Grundeinkommen geworden. Doch Goethe verstand unter »leicht« etwas anderes: Mephisto deutet es an im Saal des Thrones (Faust II, 1. Akt ): »Zwar ist es leicht, doch ist das leichte schwer; / Es liegt schon da, doch um es zu erlangen / Das ist die Kunst, wer weiß es anzufangen?« Denn zumindest nachhaltig »erlangen« lässt sich das Glück offenbar nur mithilfe jenes »Fitnessprogramms«, das Goethe im Buch des Parsen (im West-östlichen Divan) andeutet: »Schwerer Dienste tägliche Bewahrung, / Sonst bedarf es keiner Offenbarung.« Gemeint sind damit vor allem die »schweren Dienste« eines Übungsglücks der Selbstverbesserung durch Mäßigung.

Glück ist also lernbar! Es erweist sich jedoch als ein nicht leicht zu hebender Schatz. Allerdings mit der überraschenden Aussicht auf die Möglichkeit einer Verschränkung von Glück und Mäßigung. Goethe verspricht dieses Glück im Wilhelm Meister: »Der verständige Mann braucht sich nur zu mäßigen, so ist er auch glücklich« (WanderjahreII, 4). Es ist ein Versprechen, das, bei Licht besehen, zugleich verbunden ist mit einer Notwendigkeit. Es ist die Einsicht, dass der Mensch notwendig unglücklich werden muss, wenn er es unterlässt, sich zu mäßigen. Das heißt, wenn er es unterlässt, die »Organe zu belehren« gegenüber allen extremistischen Neigungen. Denn es liegt – so Goethe – »ein Fluch der Natur« auf allen Übertreibungen (LehrjahreVIII, 9). Damit macht Goethe darauf aufmerksam, dass der Mensch eigentlich zur Mäßigung »gezwungen« ist, wenn er das Leben erhalten und steigern will. Die freiwillige Bejahung dieser Notwendigkeit aber verspricht Glück. Goethe selbst begründet dieses Glück mit dem Hinweis auf die entscheidende Differenz zwischen Tier und Mensch: »Die Tiere werden durch ihre Organe belehrt […], die Menschen […] haben jedoch den Vorzug ihre Organe […] zu belehren« (Brief an Wilhelm von Humboldt vom 17.3.1832). Gemeint sind damit vor allem jene extremistischen Tendenzen der »Organe«, die schon Spinoza als »Affekte« bezeichnet hat. Und die es zu belehren gilt, um der Selbstzerstörung zu entgehen. Denn ohne Belehrung der »Organe« läuft der Mensch Gefahr, dass Mephistos Wort im Prolog im Himmel (Faust I ) sich erfüllt: »Er nennt’s Vernunft und braucht’s allein, / Nur tierischer als jedes Tier zu sein.« Da aber der Mensch nun einmal den »Vorzug« hat, die »Organe« zu belehren, hat er für Goethe auch die Möglichkeit, sich zu mäßigen, um nicht nur nicht unglücklich zu werden, sondern sogar, um »glücklich zu sein«.

Ein durch Belehren und Übung gewonnenes Glück der Mäßigung also, das verstanden werden kann als Leistungsglück im Gegensatz zum leistungslosen Lottoglück in der Nachfolge des Fortunatus-Volksbuchs. Und nicht zufällig empfiehlt dieses Leistungsglück der Astrolog in der Kaiserlichen Pfalz (Faust II, 1. Akt, Weitläufiger Saal) . Er empfiehlt es einer Gesellschaft beginnender Maßlosigkeit mit der unverändert bedenkenswerten Option: »Wer Freude will besänftige sein Blut.«

Die Umrisse dieser und anderer Empfehlungen im Sinne unzeitgemäßer Übungen und Wagnisse, glücklich zu sein, sollen in diesem Buch skizziert werden. Und zwar als Glücksverheißungen eines »Regenbogens« des Glücks vor dem »schwarzgrauen Grund« der Verzweiflung. Gemeint ist damit auch das in Vergessenheit geratene Bewusstsein, dass Glücksmomente wiederholbar sind. Und zwar im Sinne der Wiederholbarkeit eines Übungen abgerungenen Glücks. Eine Wiederholbarkeit, zu der Goethe einlädt, obgleich Sigmund Freud behaupten wird: »Die Absicht, daß der Mensch glücklich sei, ist im Plan der Schöpfung nicht enthalten.« (Das Unbehagen in der Kultur)

Goethes Zuversicht steht freilich im Gegensatz zum notorisch unglücklichen Zeitgeist-Bewusstsein der Unwiederholbarkeit eines einmal erfahrenen Glücks. Eine Blindheit gegenüber dem Glück, die der Moderne von der »Sorge« (Faust II, 5. Akt, Mitternacht) als Fluch prophezeit wird: »Die Menschen sind im ganzen Leben blind,« mit der abgründigen, an Faust gerichteten Ergänzung (indem sie ihn anhaucht und erblinden lässt): »Nun Fauste! werde dus am Ende.« Am Ende von Fortschritt und Wachstum droht also im Schatten der Intelligenz die Blindheit der Glücksvergessenheit als sekundäre Torheit des Menschen, der sein Leiden nicht bemerkt, sondern ein Leben lang in stiller Verzweiflung lebt.

Es ist der französische Philosoph Gaston Bachelard, der im Abstand von mehr als einem Jahrhundert nach Goethe noch einmal die Wiederholbarkeit glücklicher Momente postuliert. Das heißt, er wagt es, jene Empfindung beim Namen zu nennen, die auch Goethe mobilisiert hat gegen den »schwarzgrauen Grund« der Verzweiflung: »In seinem Kerne ist alles Dasein Wohlsein.« (Die Poetik des Raumes, 1957)

Wobei für Goethe vor dem »schwarzgrauen Grund« der Verzweiflung sich jeder Trost als »niederträchtig« erweist. Gemeint sind damit vor allem die mit Blick auf die seit der Französischen und der industriellen Revolution irreversibel in Gang gesetzten Prozesse von »ultra«-Tendenzen der Ungeduld. Und dies im Dienste von Utopien des Fortschritts, die Goethe als Dystopien erkennt: »Ja, schelte nur und fluche fort, / Es wird sich Beßres nie ergeben; / Denn Trost ist ein absurdes Wort; / Wer nicht verzweifeln kann, / der muß nicht leben« (Sprichwörtlich). Eine »schwarzgraue« Empfehlung, die Goethe verschränkt hat mit seiner eigenen Entfaltung einer Krisenphänomenologie des 21. Jahrhunderts avant la lettre. Diese kann zugleich verstanden werden als Antizipation des Bewusstseins einer Jugend, die zum ersten Mal ahnt, dass von der Zukunft keine Gewinne, sondern nur noch Verluste zu erwarten sind.

Es ist der Beginn der Einsicht in jene fatale Ambivalenz des Fortschritts, die Franz Kafka in der Parabel Der Aufbruch andeutet. Dort fragt der Diener: »Wohin reitet der Herr?« Der Herr antwortet: »Ich weiß es nicht, nur weg von hier, nur weg von hier. Immerfort weg von hier, nur so kann ich mein Ziel erreichen.« Kafka hat bei seinem Besuch in Weimar nachts die Steine des Goethehauses gestreichelt. Ahnte er, dass Goethes Verzweiflung sich nicht in Tröstungen gerettet hat? Dass er den Blick jenes neuen Engels der Geschichte ausgehalten hat, der weiß, dass in der Zukunft die Enttäuschung wartet? Eine Enttäuschung, die trotzdem statuiert: »Wage es, glücklich zu sein«?

Beim Versuch, im 185. Jahr nach Goethes Tod den heutigen Leser auf dieses Goethe’sche Glücks-Wagnis aufmerksam zu machen, habe ich mich leiten lassen von seiner Maxime »›Was willst du, dass von deiner Gesinnung / Man dir nach ins Ewige sende?‹ / Er gehörte zu keiner Innung, / Blieb Liebhaber bis ans Ende« (Zahme Xenien I). Eine Liebhaber-Maxime, die den Vorteil hat, den Satz Goethes ernst nehmen zu dürfen: »Wer mich nicht liebt, der darf mich nicht beurteilen.«

Geholfen hat auch die Einsicht Nietzsches, dass der »Deutsche« sich versteht »auf die Schleichwege zum Chaos« (Jenseitsvon Gut und Böse). Vor diesem Hintergrund galt es, Goethes »Schleichwege« in die umgekehrte Richtung zu zeigen. Und dies angesichts »schwarzgrauer« Gründe und Abgründe, derer Konturen inzwischen sichtbarer geworden sind.

Der eilige Leser sei allerdings gewarnt. Es sind – wie angedeutet – »Schleichwege«, die nicht in Richtung eines leistungslosen Glücks führen. Es gilt vielmehr, das offene Geheimnis zu erkennen, wie sich » Verdienst und Glück verketten«. Im Sinne der dreifachen aphoristischen Empfehlung Goethes: »Ergründe, ergrabe, ergreife das Glück, / Entflohen, Entflogen, kommt’s nimmer zurück.« Das heißt: auch das Glück kennt seine »Lehrjahre«. Und genau dort, in den Lehrjahren, findet sich denn auch der entsprechende Lehr-Plan, den es zu beherzigen gilt: »Jeder hat sein eigen Glück unter den Händen, wie der Künstler eine rohe Materie, die er zu einer Gestalt umbilden will. Aber es ist mit dieser Kunst wie mit allen; nur die Fähigkeit dazu wird uns angeboren, sie will gelernt und sorgfältig ausgeübt sein.« (Lehrjahre I, 17)

1. Kapitel Das Glück der Aufmerksamkeit

In Wilhelm Meisters Lehrjahre findet sich der Hinweis, dass das Glück »die Göttin der lebendigen Menschen« sei (I, 10). Um ihre Gunst zu gewinnen und zu empfinden, müsse man leben und Menschen sehen, »die sich recht lebendig bemühen und recht sinnlich genießen«. Beim (in der Einleitung erwähnten) Fortunatus des Augsburger Volksbuchs kann allerdings von einem recht lebendigen Bemühen nicht die Rede sein. Begegnet er uns doch dort als ein Jüngling aus Zypern, der sich elend verlaufen hat, auf einer Waldlichtung in Thüringen. Und eben dort erscheint ihm die Jungfrau des Glücks!

Goethe, der in Thüringen seine zweite Heimat gefunden hatte, hielt allerdings nichts vom leichtsinnigen Glauben, es genüge, sich zur rechten Stunde im richtigen Wald zu verirren, um dort die Schätze des Glücks zu heben. Die Jungfrau, der Fortunatus begegnet, hatte hiervon sechs im Angebot. Sie waren ihr durch eine »Einfließung des Himmels« verliehen: Weisheit, Stärke, Gesundheit, Schönheit, langes Leben und Reichtum. Fortunatus entscheidet sich für den Reichtum. Eine Entscheidung, deren Folgen Goethe 1825 festhält im Zeichen zusätzlicher Angebote der neuen »Glücksjungfrau«: der industriellen Revolution. Ihre drei neuen Angebote hat Goethe am 6. Juni 1825 in einem Brief an Zelter beim Namen genannt: »Reichtum und Schnelligkeit« sowie »alle mögliche Fazilitäten der Kommunikation«. Es sind Angebote, denen, wie er Zelter schreibt, die gesamte »gebildete Welt« verfallen sei, um »in der Mittelmäßigkeit zu verharren«. Eine »Mittelmäßigkeit«, deren weitere Entwicklung dann Grillparzer skizziert hat. Grillparzer, dem Goethe erschienen war »halb wie ein Vater« und »halb wie ein König«. Im Gedicht DieKronenwächter hat er diesen weiteren Gang der »Mittelmäßigkeit« beschrieben. Sie gehe »von der Humanität über die Nationalität zur Bestialität«.

Auch das Profil des Fortunatus-Jünglings dieser neuen Welt der »Mittelmäßigkeit« kennt Goethe bereits (November 1825 in einem zurückgehaltenen Briefkonzept an seinen Großneffen, den Juristen Nicolovius in Berlin):