Gefangen im Buch - Mirko Hübner - E-Book

Gefangen im Buch E-Book

Mirko Hübner

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Beschreibung

Das Buch, das zur tödlichen Wirklichkeit wird! Benjamin, Autor eines Science-Fiction-Romans, stößt auf einen mysteriösen Fund, der sein Bewusstsein mit einer Figur aus seinem Buch verschmelzen lässt. Gefangen in der von ihm erschaffenen Welt kämpft er verzweifelt darum, den Lauf der Geschichte zu ändern. Er sieht sich einem grausamen Schicksal gegenüber, das er der Figur selbst zugeschrieben hat, während eine dunkle Macht droht, diese Welt — und möglicherweise auch seine eigene — zu übernehmen. Die Geschichte stellt ihn vor gnadenlose Situationen, in denen Gewalt, Verlust und tödliche Konsequenzen ihn auf allen Ebenen fordern — geistig wie körperlich. Kann Benjamin das drohende Unheil aufhalten und rechtzeitig in seinen Körper zurückkehren? Oder wird aus Fiktion tödliche Realität? Eigenständige Geschichte innerhalb der Zeitreise-Saga Bisher noch erschienen: Reversum - Band 1: Rückwärts durch die Zeit Reversum - Band 2: Wettlauf gegen die Zeit Reversum - Band 3: Verloren in der Zeit Reversum - Mein Zeitreise-Logbuch

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Epilog

Ausblick aus der Zukunft

Dankeschön

Gefangen im Buch

von Mirko Hübner

Mirko Hübner

Gefangen im Buch

Roman

Selbstverlag

Besuchen Sie mich im Internet: www.zeitreise-saga.de

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Copyright: © 2025 by Mirko Hübner (Selbstverlag)

Das Werk einschließlich aller Inhalte ist urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck oder Reproduktion (auch auszugsweise) in irgendeiner Form (Druck, Fotokopie oder anderes Verfahren) sowie die Einspeicherung, Verarbeitung, Vervielfältigung und Verbreitung mit Hilfe elektronischer Systeme jeglicher Art ist ohne ausdrückliche schriftliche Genehmigung des Autors untersagt. Alle Übersetzungsrechte vorbehalten.

1. Auflage, November 2025

Autor, Herausgeber, Layout:

Mirko Hübner

Gehrnstr. 50

71720 Oberstenfeld

Umschlaggestaltung: Mirko Hübner

Bildnachweis: Die im Buch verwendeten Abbildungen, einschließlich des Covers, wurden mit Unterstützung der KI Midjourney erstellt und anschließend manuell nachbearbeitet.

ISBN: 978-3-910357-16-7

Vorwort

Dieses Buch ist ein eigenständiges Abenteuer innerhalb der Zeitreise-Saga, die sich über mehrere Trilogien erstreckt. Die Geschichte ist in sich abgeschlossen und lässt sich problemlos ohne Vorwissen lesen.

Wer jedoch bereits mindestens den ersten Band der Reversum-Trilogie kennt, wird an einer bestimmten Stelle eine ganz besondere Überraschung erleben.

Die Reversum-Trilogie bildet den Auftakt der Zeitreise-Saga. Danach entstand dieses Buch, gefolgt von der Trilogie Irrweg durch die Zeit und schließlich der finalen Trilogie Arche Nova. Jede Geschichte steht für sich, doch sie alle sind auf vielfältige Weise miteinander verbunden.

Falls Du die Reversum-Trilogie noch nicht gelesen hast, hast Du zwei Möglichkeiten:

Du kannst direkt hier einsteigen und das Buch ohne Vorkenntnisse genießen – oder Du tauchst zunächst in die Reversum-Trilogie ein, um die volle Tragweite aller Zusammenhänge zu erfassen. Entscheidest Du Dich fürs Weiterlesen, verpasst Du zwar einen ganz bestimmten Aha-Moment, bekommst aber dennoch eine runde und schlüssige Geschichte.

Nur ein Hinweis: Der Epilog enthält Spoiler zu Ereignissen innerhalb der Reversum-Trilogie. An der entsprechenden Stelle findest Du eine Warnung, sodass Du dort pausieren kannst, falls Du die Trilogie noch nachholen möchtest.

Wichtig:

Die Welt, in der unser Held lebt – ebenso wie die, in die ihn seine Reise führt –, ähnelt unserer Realität, weicht aber in zentralen Punkten davon ab.

Diese Geschichte lädt Dich ein, über alternative Denkmodelle nachzudenken – über Leben, Gesundheit und die Beschaffenheit unserer Wirklichkeit.

Ob Du diese Ideen als reine Fiktion betrachtest oder darin einen Funken Wahrheit erkennst, bleibt ganz Dir überlassen.

Mein Wunsch ist es, Dich zum Staunen zu bringen –und vielleicht dazu, die Welt mit neuen Augen zu sehen.

So oder so: Viel Freude auf Deiner Reise – ob Du hier beginnst oder mit der Reversum-Trilogie.

Kapitel 1

Jakob atmete tief ein. Der intensive Duft von frischem Moos und Herbstlaub erfüllte seine Lungen, während goldenes Licht durch das Blätterdach flutete. Ein perfekter Morgen.

Zu perfekt.

Die Stille um ihn herum verdichtete sich – kaum merklich, aber spürbar. Für jeden, der darauf achtete. Doch Jakob tat es nicht. Warum auch?

Sein Instinkt hatte ihn noch nie im Stich gelassen. Und selbst wenn – er hatte seinen Verstand. Glasklar. Unbestechlich. Unfehlbar.

Wie im Rausch joggte er weiter, spürte das Adrenalin in seinen Adern. Kein einziger Vogel sang. Ein vages Unbehagen regte sich in seinem Bauch – vielleicht vom Training. Ein Nachbrennen der Muskeln, nichts weiter.

Er ignorierte das Gefühl.

Angst war etwas für andere.

Jakob könnte mühelos zwanzig Gründe nennen, warum ein Waldlauf nach einem intensiven Krafttraining die beste Wahl ist. Frische Luft, Bewegung, Natur – das wahre Lebenselixier. Als Biologiestudent wusste der Dreiundzwanzigjährige genau, welche positive Wirkung die Natur auf den Menschen hat. Die Mischung aus alten Bäumen, feuchter Erde und tanzenden Lichtstrahlen wirkte wie Balsam für Körper und Seele.

Doch heute fehlte etwas.

Der Wind raschelte nicht in den Blättern. Kein Murmeln eines Baches, kein Zirpen von Insekten. Nur diese eigenartige, drückende Stille.

Er schüttelte den Gedanken ab. Unsinn! Er hatte keinen Grund zur Sorge.

Jakob war gesund, hatte Freunde, keine Geldprobleme und stand kurz davor, sein Biologiestudium mit Auszeichnung abzuschließen. Vor allem aber lebte er diszipliniert. Noch nie in seinem Leben war er ernsthaft krank gewesen. Kein Wunder – sein Körper war eine gut geölte Maschine. Süßspeisen? Selten. Margarine? Gift. Weizenprodukte? Nur in absoluten Ausnahmefällen. Alkohol und Nikotin? Auf gar keinen Fall!

Es gab also keinen Grund, sich unwohl zu fühlen.

Jakob war stolz auf seinen muskulösen Körper – ein Kunstwerk aus Disziplin und Schweiß, um das ihn viele beneideten. Fünfmal pro Woche stählte er ihn in seinem privaten Fitnessraum bei sich zu Hause, perfekt ausgestattet für maximale Effizienz. Die Frauen liefen ihm scharenweise hinterher, bekamen jedoch alle einen Korb von ihm, weil sie seine Ansprüche nicht erfüllten. Er wollte nicht irgendeine. Sie musste seine Werte teilen – eine Frau, die verstand, dass Zucker Gift ist, dass jeder Muskel präzise geformt werden muss und dass echte Schönheit nur aus Selbstkontrolle entsteht.

Wäre Eitelkeit eine Wissenschaft, Jakob hätte sie studiert. Manchmal stand er eine halbe Stunde oder länger vor dem Spiegel, bewunderte seinen nahezu perfekten Körper und ergötzte sich am Spiel seiner zuckenden Muskeln.

Als angehender Biologe kannte Jakob nicht nur die Anatomie des Menschen, sondern auch die Natur in all ihren Facetten. Sie war nicht einfach eine Kulisse – sie war eine lebendige Apotheke. Ein Spaziergang zwischen Tannen und Fichten senkte den Blutdruck, stärkte die Immunabwehr und half gegen Heißhunger auf Schokolade. Der gedämpfte Waldboden schonte die Gelenke, und die Luft war frei von städtischem Feinstaub – ein Elixier für seine Bronchien. Kein Wunder also, dass der wöchentliche Waldlauf ein fester Bestandteil seiner Routine war.

Auch an diesem Sonntagmorgen fühlte er sich befreit, während seine Füße das trockene Laub aufwirbelten. Die ersten Schneeflocken tanzten wie winzige Ballerinen durch die Luft und glitzerten im Sonnenlicht wie Diamanten.

Für einen Moment stutzte er. Schnee? Jetzt schon? Er hob den Blick, doch am Himmel war keine Wolke zu sehen. Die Luft war klar, beinahe mild. Und trotzdem fielen sie – lautlos, vereinzelt, wie aus dem Nichts.

Ein Schauer lief ihm über den Rücken. Die Flocken schmolzen nicht, als sie seine Haut berührten. Stattdessen wirkten sie, als würden sie im Licht verglühen, noch bevor sie den Boden erreichten.

Der seltsame Anblick ging ihm nicht mehr aus dem Kopf, als der zunehmende Druck auf seiner Blase seinen Laufrausch unterbrach. Die ungewohnte Stille ließ ihn zögern. Kein Windhauch, kein Rascheln in den Büschen. Vielleicht lag es daran, dass er sich in einer unbekannten Gegend befand?

Jakob verließ den Weg, suchte sich einen Baum und ließ es laufen. Doch kaum hatte er sich wieder aufgerichtet, überkam ihn ein Frösteln. Es war, als würde eine unsichtbare Hand über seine Schulter streichen.

Er hielt den Atem an. Sah sich um. Lauschte.

Die Luft schien schwerer zu sein als zuvor. Geladen. Fast elektrisch.

Wurde er beobachtet?

Jakobs Blick schweifte umher und blieb an einer Ansammlung ungewöhnlich großer Steinpilze hängen. Er runzelte die Stirn. Waren die schon vorher da gewesen? Er war ein erfahrener Pilzsammler und solche Exemplare hatte er noch nie gesehen. Hatte ihn sein Instinkt hierhergeführt?Jakob griff in die Tasche, zog eine Tüte hervor und begann, die größten zu ernten. Währenddessen entdeckte er in einigen Metern Entfernung weitere Steinpilzgruppen – noch größer, noch makelloser. Wow! Solche Riesenpilze fand man sonst nur in Skandinavien, ganz sicher nicht hier, westlich des Neckars. Jakob konnte sein Glück kaum fassen. Der Wald schien unerschöpflich. Jeder Pilz übertraf den vorherigen.

Der Gedanke an ein Festmahl ließ ihn aufgeregt lächeln. Die Anspannung, die er zuvor gespürt hatte, ebbte ab. Ohne es zu bemerken, entfernte er sich immer weiter vom Weg. Der Duft von Erde und Moos wurde intensiver, die Bäume wirkten größer, ihre Farben leuchtender. Die Blätter raschelten in einem fast schon magischen Ton und die Sonnenstrahlen flirrten in warmen Tupfen auf dem Waldboden.

Dann spürte er es wieder.

Die Luft lag schwer und drückend auf seinen Schultern. Der Waldboden veränderte sich. Er wurde weicher und nachgiebiger, als würde Jakob auf feuchtem Torf laufen. Bei jedem Schritt schien der Boden leicht zu schwingen. Der Wind war verstummt. Kein Rascheln mehr. Kein Laut.

Und da wusste Jakob, dass er nicht mehr allein war. Etwas lauerte hier. Unsichtbar, unberechenbar, gefährlich.

Eine Beklemmung kroch seine Brust hoch, doch er schüttelte sie ab. Selbstbewusst sog er die frische Waldluft ein und setzte seinen Weg mutig fort. Der Boden wurde abschüssig. In der Ferne erkannte er eine Schneise – ein Waldweg? Je näher er kam, desto deutlicher wurde es: Vor ihm befand sich ein vergessener Pfad, überwuchert von Gestrüpp. In einigen Hundert Metern Entfernung lichtete sich der Wald.

Plötzlich strich eine eisige Brise über Jakobs Nacken. Die Geräusche um ihn herum klangen dumpf, als hätte er Watte in den Ohren. Kein Vogelzwitschern, kein Windhauch. Für einen Moment schien das Universum den Atem anzuhalten. Der Wald wirkte wie ausgestorben – selbst das Ungeziefer schien in ein anderes Universum umgezogen zu sein. War er noch im selben Wald wie zuvor? Oder hatte er unbemerkt eine Art magische Grenze überschritten?

Seine Neugier siegte über seine Bedenken. Also warf er alle Vorsicht über Bord und tastete sich weiter mutig mit den Füßen voran. Die Tüte voller Pilze fühlte sich inzwischen fast doppelt so schwer an wie zuvor, als ob die Pilze zurück auf den Waldboden wollten. Auch sein Körper wirkte träge, bleischwer.

Und dann geschah es. Ein leises Knirschen unter seinen Füßen, ein Zittern im Boden, dann ein dumpfes Poltern – der Untergrund brach ein.

Jakob stürzte. Der Beutel mit den Pilzen entglitt ihm, während er ins Nichts fiel. Bevor er reagieren konnte, krachte er mit der Schulter auf harten Boden. Ein stechender Schmerz zuckte durch seinen Körper, doch er biss die Zähne zusammen. Erde und Holzsplitter regneten auf ihn herab.

Benommen blinzelte er in die Dunkelheit. Über ihm klaffte ein badewannengroßes Loch, durch das Blätter herabsegelten. Er lag zwischen Trümmern, halb unter Erde und morschen Holzbalken begraben. Stöhnend schob er die Trümmer beiseite und rieb sich den Dreck aus dem Gesicht. Die Luft hier unten war kalt, abgestanden – und unnatürlich still.

Wo zur Hölle war er gelandet? Sein Blick wanderte über die mit Holz verkleideten Wände. War das etwa ein Bergwerksstollen? Oder ein Luftschutzbunker aus dem Zweiten Weltkrieg? Obwohl sich der Naturfreund in seiner Heimat bestens auskannte, war ihm kein Tunnelsystem in der Umgebung von Dupfenbach westlich des Neckars bekannt.

Mühsam richtete er sich auf und klopfte sich den Staub von der Kleidung. Ein prüfender Blick – abgesehen von einer Prellung an der Schulter schien alles in Ordnung. Die Bretter um ihn herum waren morsch, der Zahn der Zeit hatte sie brüchig gemacht. Kein Wunder, dass sie unter Jakobs Gewicht nachgegeben hatten. Seine Pilze lagen überall verstreut. Na, wenigstens würde er hier unten nicht so schnell verhungern.

Jakob legte den Kopf in den Nacken und seufzte. Das Loch war zu hoch zum Klettern, und es gab nichts, woran er sich hätte hochziehen können. Der Gang nach rechts war verschüttet – blockiert von Geröll und zerbrochenen Holzbalken. Durchgraben? Keine Chance. Immerhin nahm ihm das die Entscheidung ab. Blieb nur der Gang in die andere Richtung und die Hoffnung, dass er ihn irgendwann nach draußen führte.

Ein bläulicher Schimmer flackerte an den Tunnelwänden. Ein Ausgang? Jakob zögerte, dann setzte er sich vorsichtig in Bewegung. Die Luft war feucht und stickig, der Boden rutschig. Je weiter er ging, desto stärker wuchsen seine Zweifel. Das Licht war nicht natürlichen Ursprungs – es pulsierte, vibrierte fast, als stammte es von einer künstlichen, lumineszierenden Quelle. Das war also sicherlich kein Sonnenlicht.

Jakob schluckte. Normalerweise kannte er keine Angst. Doch die letzten Minuten hatten selbst ihn aus der Fassung gebracht. Erst die unheimliche Stille dort oben, dann die riesigen Pilze, der zugewachsene Waldweg, sein Sturz durch die Decke – und jetzt dieses fremdartige Leuchten.

Er hielt inne. Sollte er umkehren?

Ein kaltes Prickeln lief ihm über den Rücken. Sein Herz hämmerte, als würde ein Schmied in seiner Brust ein Hufeisen bearbeiten. Fühlte sich so etwa Angst an? Unsinn! Ein Römer fürchtet sich nicht. Jakob war nicht nur seinem Nachnamen nach ein Römer – er war es auch im Herzen. Und wenn seine Schwester Silke ihn jetzt sehen könnte, würde sie ihm garantiert einen neuen Spitznamen verpassen.

Er atmete tief durch. Weiter.

Der Tunnel beschrieb eine lang gezogene Kurve nach rechts. Mit jedem Schritt pulsierte das Licht stärker, als würde es ihn rufen. Schließlich erreichte er die Biegung – und erstarrte.

Etwa zehn Meter vor ihm war ein dunkler Eingang zu erkennen – vielleicht der Zugang zu einer Höhle. Durch die Öffnung konnte er einen Tisch erkennen. Darauf ruhte eine Kugel, die in beruhigendem Türkis leuchtete. Die linken Tischbeine waren klar zu sehen, dahinter stand ein Schrank. Das rechte Tischende verschwand im Schatten des Eingangs.

Doch Jakobs Blick blieb an etwas unterhalb der Tischplatte hängen. Waren das … Beine? Menschliche Beine? Jakob stockte der Atem.

Für einen Moment wetteiferte sein Wunsch zur Flucht mit seiner unbändigen Neugier. Doch letztere gewann. Er musste wissen, was hier vor sich ging. Die leuchtende Kugel zog ihn magisch an – ihr sanftes Pulsieren wirkte beruhigend, doch sein Puls raste weiter.

Als sich Jakob bis auf drei Meter an den Höhleneingang herangewagt hatte, erkannte er eine seltsame Apparatur, auf der die Kugel ruhte. Ihr türkises Leuchten erinnerte ihn an Mineralien, die unter UV-Licht fluoreszieren – doch hier gab es keine UV-Quelle. Keine Kabel, keine sichtbare Technik.

Vielleicht war es Biolumineszenz? Eine chemische Reaktion, wie man sie von Tiefseeorganismen oder Pilzen kennt. Möglich. Doch selbst dann müsste eine Energiequelle vorhanden sein – eine, die irgendwann aufgebraucht wäre. Und dennoch wirkte das Leuchten ... konstant. Fast lebendig.

Die Beine unter der Tischplatte bewegten sich nicht. Eine schreckliche Vorahnung überkam Jakob. Zögernd trat er ein.

Die Bestätigung seines Verdachts traf ihn wie ein Schlag ins Gesicht. Für einen Moment hatte er das Gefühl, als würde der Schmied in seiner Brust sein Herz zertrümmern. Eine eisige Welle schoss durch seinen Körper, ehe das Hämmern in seinem Inneren wieder einsetzte und in atemberaubender Geschwindigkeit weiterging.

An der rechten Seite des Tisches saß tatsächlich jemand auf einem Stuhl – oder besser gesagt: das, was von ihm übrig geblieben war. Die Kleidung hing lose an dem reglosen Körper, formlos, als hätte sie längst den Kampf gegen die Zeit verloren. Der Schädel lag schräg auf der Schulter, und dunkle, leere Augenhöhlen schienen Jakob anzustarren, als wollten sie ihm eine Botschaft übermitteln.

Er schauderte. Einen Moment lang stand er wie angewurzelt da, bis der Schock langsam nachließ. Ihm wurde klar, dass ihm ein Toter eigentlich nichts mehr anhaben konnte. Wahrscheinlich war der Tunneleingang einst verschüttet worden, und der Mann hatte keinen Ausweg gefunden.

Doch etwas stimmte nicht. Jakob betrachtete den Toten genauer und erkannte ein Seil, das um seinen Oberkörper gebunden war. War dieser Mann etwa an den Stuhl gefesselt worden?

Jakob ließ seinen Blick durch die Höhle schweifen. Etwa acht Meter breit, fünf Meter tief, roh aus dem Fels geschlagen – vermutlich ein alter Luftschutzbunker aus Kriegszeiten. Gegenüber dem Eingang stand ein offener, leerer Metallschrank. Irgendjemand hatte den Mann hierhergeschafft und gefesselt. Aber warum?

Ein plötzlicher Schreck durchfuhr Jakob, als er einen Blick nach links warf. Diese Schreckhaftigkeit war er von sich gar nicht gewohnt, doch angesichts einer weiteren Leiche am Boden war das nicht verwunderlich. Vorsichtig trat er näher und untersuchte sie. Es gab keine erkennbaren Anzeichen von Gewalteinwirkung, wie Stich- oder Schusswunden, und auch keinen Gegenstand, mit dem sich die beiden gegenseitig den Schädel hätten einschlagen können. Nur den Tisch mit der Apparatur, den Stuhl und einen mittelgroßen Metallschrank an der hinteren Wand. Immerhin erklärte die zweite Leiche, wie der Mann auf dem Stuhl gefesselt worden sein konnte. Doch warum, blieb ein Rätsel.

Jakobs Blick wanderte zurück zur Maschine auf dem Tisch. Sie übte eine unerklärliche Faszination auf ihn aus. Er trat näher und betrachtete das seltsame Gerät genauer. Die schwach leuchtende Kugel pulsierte unregelmäßig und ihr Licht hatte eine beinahe hypnotische Wirkung – wie eine Wahrsagerkugel. Er konnte seinen Blick kaum abwenden. Was hatte es mit dieser Maschine auf sich? War sie der Grund für all das hier? Handelte es sich vielleicht um einen Lügendetektor, den man im Krieg benutzt hatte, um Gefangene zu verhören?

Erst als er sich bewusst zwang, wegzusehen, ließ die Wirkung der Kugel nach. Der Gedanke, dass der Mann auf dem Stuhl durch die Maschine in einen tranceähnlichen Zustand versetzt worden sein könnte, beunruhigte ihn zutiefst. Jakob wollte keinesfalls das Risiko eingehen, hier unten zu verhungern, weil er sich einer unbekannten Technik auslieferte.

Während er nochmals kurz über alles nachdachte, verflogen seine Bedenken allmählich. Wenn die Kugel tatsächlich hypnotisierend wirkte, hätte sie auch den Befragenden beeinflussen müssen. Doch es gab keinerlei Anzeichen für eine Schutzvorrichtung – keine Brille, keine Abschirmung gegen das Licht.

Also, was genau war hier geschehen?

Wie von einem unsichtbaren Sog angezogen, näherte sich Jakob der Apparatur. Neugier kämpfte gegen Vorsicht, als er langsam um den Tisch herumging und das seltsame Gerät aus verschiedenen Winkeln betrachtete. Die Kugel in der Mitte leuchtete sanft, als würde sie atmen. Sie war etwa so groß wie ein Babykopf und ruhte auf einem hölzernen Sockel, dessen Form merkwürdig an eine Schulter erinnerte – Jakob konnte sich nur schwer des Eindrucks erwehren, eine Büste ohne Hals vor sich zu haben.

Er beugte sich vor und fuhr mit den Fingern über das Holz. Die Kugel lag in einer flachen Kuhle, beinahe so, als hätte jemand sie dort abgelegt, um sie jederzeit wieder herausnehmen zu können. Direkt vor dem sitzenden Skelett, am Fuß der Apparatur, befand sich ein stiftartiger Kippschalter, der schräg nach unten zeigte – offensichtlich ausgeschaltet. Und doch emittierte die Kugel noch immer ein sanftes Licht, als würde sie von einer unsichtbaren Kraft gespeist. Wie in aller Welt funktionierte dieses Ding? Hatte es eine Batterie? Gab es einen kleinen Motor, der mit Benzin lief? Oder etwas völlig anderes?

Ein unbehagliches Kribbeln lief Jakob über den Rücken. War die Maschine vielleicht für den Einsturz des Tunneleingangs verantwortlich? Oder für diese riesigen Steinpilze im Wald?

Trotz aller Zweifel ließ ihn die Faszination nicht los. Seine Gedanken rasten. Die Maschine war ein Rätsel – gefährlich, aber auch voller Möglichkeiten.

Erneut ließ er seinen Blick durch die Höhle schweifen. Der Metallschrank an der hinteren Wand wirkte stabil. Vielleicht konnte er ihn nutzen, um sich aus dem Tunnel zu befreien. Wenn er ihn bis zur Einsturzstelle schleppte und den Tisch daraufstellte, könnte er den Ausgang erreichen. Auch der Stuhl war vielleicht nützlich.

Aber was sollte er mit der Maschine tun? Sie mitnehmen und seinen Freunden zeigen? Oder besser gleich die Polizei verständigen? Die zweite Option schien vernünftiger. Und doch … tief in ihm keimte eine andere Idee.

Wiederholt umrundete Jakob den Tisch, als könnte ein anderer Blickwinkel ihm endlich die Antwort liefern. Aber seine Aufmerksamkeit wurde erneut auf die Toten gelenkt. Zögernd durchsuchte er ihre Taschen, doch sie waren leer – keine Notizen, keine Hinweise auf ihre Identität oder darauf, was hier geschehen war.

Frustriert ließ er den Blick wieder auf das Gerät sinken. Erst jetzt fiel ihm eine feine Gravur auf, knapp oberhalb des Schalters. Die eingeritzten Buchstaben waren unter einer Staubschicht verborgen. Mit dem Ärmel wischte er über die Oberfläche – und ein Schriftzug in alter Frakturschrift kam zum Vorschein.

Erweitere deinen Verstand!

Jakob starrte auf die Worte. Die krakelige Gravur schien ihn direkt anzusprechen. Als Jugendlicher hatte er sich oft mit alten Texten beschäftigt, hatte ganze Bücher in dieser altdeutschen Schriftart gelesen. Deshalb konnte er die Inschrift problemlos entziffern.

Doch was mochte das nur bedeuten? Jakob konnte nicht leugnen, dass die Aufforderung verlockend klang. Konnte es sein, dass dieses Gerät ihm zu größerem Wissen verhelfen konnte? Würde er klüger werden, wenn er es aktivierte? Könnte er innerhalb von Minuten Wissen aufsaugen wie ein Schwamm? Die Inhalte ganzer Lexika verinnerlichen? Vielleicht sogar Gedanken lesen? Oder war es am Ende doch nur ein Lügendetektor, wie er zunächst vermutet hatte?

Erweitere deinen Verstand!

Die Worte brannten sich regelrecht in seinen Geist. Was auch immer die Wahrheit war – er würde sie nur herausfinden, wenn er die Maschine einschaltete. Die Versuchung war überwältigend. Seine Finger kribbelten. Noch nie hatte er einen derart starken Drang verspürt, etwas zu tun. Dabei ging es hier lediglich um das simple Umlegen eines Schalters. Es fühlte sich an, als hätte diese Maschine Macht von ihm ergriffen. Als stünde er unter ihrer vollständigen Kontrolle.

Ohne weiter nachzudenken, ließ er sich von dem Impuls leiten. Wie ferngesteuert bewegte sich seine Hand, sein Finger legte sich unter den Kippschalter – und drückte ihn nach oben.

Sofort erstrahlte die Kugel in einem intensiven Türkis, das den gesamten Raum in ein unnatürliches Licht tauchte. Nach der langen Dunkelheit blendete Jakob das plötzliche Licht so stark, dass er die Augen reflexartig zusammenkniff. Doch selbst durch die schmalen Schlitze seiner Lider drang das hypnotisierende Glühen. Das Pulsieren war verschwunden – stattdessen wirbelte das Licht nun rastlos in der Kugel umher, als hätte jemand leuchtenden Rauch in sie geblasen, der in chaotischen Strudeln aufstieg.

War das eine Täuschung oder begann sich die Kugel tatsächlich zu drehen? Auf den zerklüfteten Felswänden entstand ein bizarres Spiel aus Licht und Schatten, als würde das Licht Leben einhauchen in etwas, das niemals atmen sollte. Mal schienen die glühenden Schwaden ins Zentrum der Kugel gezogen zu werden, mal wurden sie von dort hinausgeschleudert – in einen ewigen, unsteten Rhythmus. Und dann geschah etwas noch Unheimlicheres: Die Kugel schien zu wachsen. Nicht wirklich, nicht physisch – aber ihr Einfluss, ihre Präsenz, ihre Anziehungskraft nahm zu. Die Luft selbst schien zu flirren, als würde die Realität um sie herum in Schwingung geraten. Das Glas der Kugel verflüssigte sich vor Jakobs Augen, schmolz und wogte wie eine träge, durchscheinende Masse. Ein sanftes, aber eindringliches Rauschen erfüllte den Raum, vibrierte in seinen Knochen, umschlang seine Gedanken.

Jakobs Brust hob und senkte sich schwer. Er konnte den Blick nicht abwenden. Er wollte es auch nicht. Ein unbändiges Verlangen loderte in ihm auf. Das Verlangen, die Hand auszustrecken, die zähflüssig erscheinende Peripherie zu durchdringen, einzutauchen in das pulsierende Licht, eins zu werden mit der Kugel. Seine Finger hoben sich bereits, streckten sich nach dem verlockenden, flüssig erscheinenden Leuchten aus.

Und dann …

Ein Beben durchzuckte seine Gedanken. Nicht seine eigenen Gedanken. Etwas – oder jemand – versuchte, mit ihm zu sprechen. Keine Stimme, kein Wort, nur eine Schwingung, ein Wispern in seinem Kopf, so fremdartig und doch so vertraut.

»Nein! Nein! Nein!«

Ein wilder Schrei entfuhr ihm, nicht nur in seinem Geist, sondern laut, zerrissen, aus seinem eigenen Mund. Mit einer Kraftanstrengung, die ihm unmöglich erschien, riss Jakob sich los, fuhr herum und schlug den Schalter wieder nach unten. Die Kugel erlosch.

Er keuchte. Seine Arme zitterten, als er sich auf der Tischplatte abstützte, um nicht zusammenzubrechen. Jeder Muskel schrie auf, als hätte er gerade sein Maximalgewicht mehrmals gestemmt. Sein Herz hämmerte gegen seine Rippen, als wollte es ausbrechen.

»Was zur Hölle …?«, flüsterte er atemlos, während sein Verstand langsam aus dem Strudel zurückkehrte.

Jakob atmete tief durch, versuchte seinen Puls zu beruhigen. Doch das Gefühl, als hätte gerade jemand seinen Kopf mit einem Nebel aus purem Wahnsinn geflutet, blieb. Es fühlte sich an wie ein Drogentrip – so stellte er sich das zumindest vor. Und dann dieser irrationale Impuls: Er musste das Gerät seiner Schwester Silke, deren Mann Peter Schellenberger und zwei Freunden zeigen. Jetzt sofort! Als wäre er gerade Mitglied eines verrückten Kults geworden, der neue Jünger rekrutieren musste.

Ein schwaches Lächeln huschte über sein Gesicht. Es war verrückt. Noch vor einer halben Stunde hätte er seine Bizepse darauf verwettet, dass niemand ihn hypnotisieren konnte. Niemand. Und jetzt? Jetzt hätte es fast geklappt. Aber nicht mit ihm! Er war zu willensstark. Seine Freunde hingegen? Die wären geliefert gewesen.

Langsam lichtete sich der Nebel in seinem Kopf, aber etwas lauerte noch immer in ihm: das nagende Verlangen, zu wissen, was passiert wäre, wenn er die Kugel berührt hätte. Neugier und Faszination hatten ein neues Level erreicht, es fühlte sich an wie ein Boxkampf zwischen Vernunft und Wahnsinn. Doch da war noch etwas.

Jakob hielt inne. Die telepathischen Schwingungen … sie waren noch da. Eine Stimme – tief, verführerisch, fast vertraut.

Jakob, nimm die Maschine mit nach Hause!

Sein Magen zog sich zusammen. War das … in seinem Kopf gewesen? Oder hatte tatsächlich jemand gesprochen? Verunsichert sah er sich um.

Jakobs Blick fiel auf das Skelett auf dem Stuhl. Die leeren Augenhöhlen schienen ihn anzustarren. Ihn zu durchbohren. Und für einen Moment … war es, als würde es zu ihm sprechen:

Zeig ihnen die Maschine. Silke, Peter, den Weigerts. Lass sie damit spielen – sie müssen ja nicht wissen, was du hier gefunden hast. Und falls doch etwas schiefgeht – du kannst die Maschine jederzeit ausschalten. Denn nur du, Jakob, bist stark genug, dem Licht zu widerstehen.

Ein kalter Schauer jagte ihm über den Rücken.

»Nein.«

Jakob riss die Hand hoch und verpasste sich selbst eine schallende Ohrfeige.

»Nein, das bist nicht du!«, fauchte er. »Du würdest niemals andere Menschen in Gefahr bringen.«

Doch als würde ihm jemand zuhören, führten seine Gedanken das Gespräch weiter.

»Aber wie die Stimme schon sagte … Nur ich bin stark genug, dem Licht zu widerstehen. Und genau deshalb darf ich es nicht selbst ausprobieren. Sollte etwas schiefgehen, wäre niemand da, der eingreifen könnte. Ich muss es jemand anderen tun lassen – damit ich im Notfall eingreifen kann.«

Nochmals gab er sich eine Ohrfeige, diesmal sogar noch fester. Ein verzweifelter Versuch, das fremde Echo aus seinem Kopf zu vertreiben. Hatte die Maschine ihn etwa manipuliert? Nein. Unmöglich. Oder?

Er atmete schwer. Sein Verstand gehörte noch immer ihm. Er hatte die Kontrolle. Natürlich hatte er die Kontrolle. Und doch … das Verlangen in ihm war überwältigend. Größer als sein Gewissen.

Hatte er sich bisher selbst nicht richtig gekannt?

In diesem Moment musste Jakob wieder an seine Schwester Silke denken – vielleicht, weil sie immer die Vernünftigere von beiden gewesen war. Während er schon als Kind blind seiner Neugier gefolgt war, wusste sie stets, wann man besser die Finger von etwas lässt.

Sie waren sich so nah wie Zwillinge, und doch unterschiedlicher, als Geschwister nur sein konnten. Jakob war sehr eitel und selbstverliebt, während Silke sich mehr um andere sorgte als um sich selbst – vermutlich der Grund, warum sie Chirurgin geworden war. Jakob konnte verbissen und grimmig sein, Silke hingegen war fast immer freundlich und trug ein sympathisches Lächeln. Jakob war ein Gesundheitsfanatiker, Silke nahm ihre Ernährung lockerer und bezeichnete sich selbst als echte Naschkatze. Jakob war durchtrainiert, Silke eher wohlgenährt. Vielleicht waren es gerade diese Unterschiede, die sie so eng miteinander verbanden. In ihrer Kindheit waren sie praktisch unzertrennlich gewesen.

Die enge Bindung war sogar noch stärker geworden, als ihre Eltern vor drei Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen waren. Obwohl Silkes Verhältnis zu ihren Eltern nicht sonderlich gut gewesen war und sie sich mehr Liebe von ihnen gewünscht hatte, lebte sie immer noch im Elternhaus. Besonders ihr Vater hatte sie in den medizinischen Beruf gedrängt, in der Hoffnung, sie würde die Praxis übernehmen. Doch Silkes Pläne hatten anders ausgesehen: Sie hatte sich als Schönheitschirurgin selbstständig gemacht und die Praxis entsprechend umgestaltet. Im Gegensatz dazu hatte Jakob auf das Haus und die Praxis komplett verzichtet, um sich seine eigene Zukunft aufzubauen.

Jakob und Silke vertrauten einander fast alles an. Er hatte ihr sogar erzählt, dass er sich regelmäßig intim rasierte. Warum also sollte er ihr seine rätselhafte Entdeckung verheimlichen? Doch er wollte sie nicht in Gefahr bringen. Ihr Mann Peter hingegen war ihm relativ egal. Doch auch wenn er ihn nur bedingt leiden konnte, bestand kein Zweifel daran, dass Silke ihn sehr liebte. Deshalb wusste Jakob: Würde Peter etwas zustoßen, könnte Silke ihm niemals verzeihen.

Jakobs Freunde Thomas und Beate Weigert waren dagegen wahre Nervensägen. Das Paar hatte er vor gut drei Jahren bei einem Karatelehrgang kennengelernt. Kampfsport war definitiv nichts für Jakob, weshalb er nach nur fünf Lektionen aufgehört hatte. Doch die Weigerts – nur zwei Jahre älter als er und mittlerweile Karateprofis – waren so anhänglich wie Schambehaarung. Sie waren überaus aufdringlich und nahmen es mit der Wahrheit nicht immer so genau. Zudem nervten sie zunehmend mit ihren extremen alternativ-ökologischen Ansichten. Jakob hatte die Freundschaft längst beenden wollen, aber er hatte bisher den richtigen Moment verpasst. Sie waren also die perfekten Versuchskaninchen für die magische Kugel.

Die gespenstische Stimme hallte noch immer in Jakobs Ohren: »Zeig ihnen die Maschine! Lass sie die Maschine ausprobieren!«

Jakob atmete scharf ein, der kalte Gedanke schnitt durch seinen Verstand. Die Entscheidung war gefallen. Er würde die Maschine in die Pilztüte stecken, sie mit nach Hause nehmen und dort seine Schwester sowie die Weigerts anrufen. Es gab kein Zurück mehr.

Kapitel 2

Jedes Mal, wenn ich das erste Kapitel meines Romans lese, habe ich das Gefühl, selbst Jakob zu sein – verirrt im Wald, gestürzt in einen finsteren Stollen und plötzlich einem magischen Gerät gegenüberstehend. Dabei ist die Geschichte fast ausschließlich meinem eigenen Verstand entsprungen.

Natürlich, das Ziel eines jeden Autors ist es, den Leser so tief in die Geschichte zu ziehen, dass er das Gefühl hat, sie selbst zu erleben. Doch wenn ich ehrlich bin, schätze ich meine schriftstellerischen Fähigkeiten eher bescheiden ein. Ich wurde definitiv nicht mit einem Talent gesegnet, das auch nur annähernd an das eines Goethes oder Schillers heranreicht. Meine wahre Stärke liegt in der Welt der Naturwissenschaften – das zeigte sich schon früh. Mit vierzehn Jahren machte ich mein Abitur, begann kurz darauf ein Physikstudium und stehe heute, mit einundzwanzig, kurz vor dem Abschluss meiner Promotion. Die Wissenschaft ist und bleibt meine große Leidenschaft.

Dennoch geistern Geschichten durch meinen Kopf, die so verrückt sind, dass sie einfach für die Ewigkeit auf Papier gebannt gehören. Seit meiner Kindheit trage ich diese Ideen mit mir herum, viele davon entstanden in meinen Träumen. Ich habe eine ziemlich genaue Vorstellung davon, wie die Geschichte enden soll, aber der genaue Weg dorthin fehlt mir noch. Eines steht jedoch fest: Einige der Protagonisten müssen sterben, um das Leben anderer zu retten.

Im echten Leben bevorzuge ich natürlich ein Happy End, auch wenn die Realität oft anders aussieht. In meinem Roman versuche ich, emotionale Tiefe zu erzeugen. Die Charaktere müssen lebendig wirken, damit ihre Höhen und Tiefen spürbar werden. Vielleicht gelingt mir das stilistisch nicht immer perfekt, aber zumindest inhaltlich sollte die Geschichte punkten. Besonders das Finale spielt eine entscheidende Rolle – die zuvor aufgebaute Spannung muss sich in einem Feuerwerk der Emotionen entladen. Unerwartete Wendungen halten die Handlung unvorhersehbar, und wahres Heldentum zeigt sich, wenn jemand bereit ist, sein eigenes Leben für das eines anderen zu opfern. Ein Abschluss, bei dem alles glattgeht, wäre vorhersehbar und damit langweilig.

Auch die Frage nach dem passenden Autorennamen beschäftigt mich. Mein echter Name, Benjamin Blume, klingt nicht gerade reißerisch – zumindest nicht für ein erwachsenes Publikum, meiner Zielgruppe. Außerdem hat mir die Ähnlichkeit zu einer gewissen Zeichentrickfigur schon in der Schulzeit einige unangenehme Erlebnisse eingebracht. Wie oft musste ich mir Sätze wie »Zeig mal deinen blauen Rüssel!« anhören. Vielleicht ist es an der Zeit, ein Pseudonym zu wählen, das besser zu meinem Schreibstil und meinem Werk passt.

Ob meine Zieheltern, die mir diesen Namen bei der Adoption gaben, den gleichnamigen blauen Elefanten zu der Zeit schlicht nicht kannten oder ob sie sich bewusst für diese Bürde entschieden haben, lässt sich heute leider nicht mehr herausfinden – sie sind verstorben. Wie dem auch sei, auf einem Buchtitel wird dieser Name niemals stehen. Seit meiner Vorschulzeit heiße ich für alle nur noch Benny – die Kurzform, die meine Zieheltern für mich wählten. Und sollte ich eines Tages heiraten, werde ich ohne Zögern den Nachnamen meiner Frau annehmen. Ganz egal, wie er lautet. Falls ich jedoch weiterhin Single bleibe – was angesichts meines unerschütterlichen Talents, Frauen charmant aus dem Weg zu gehen, durchaus wahrscheinlich ist –, werde ich mir wohl oder übel einen passenden Künstlernamen zulegen müssen.

Allein das sollte Grund genug sein, endlich mein Buch fertigzustellen und es so schnell wie möglich auf den Markt zu bringen. Doch das Finale fehlt mir noch und große Ideen wachsen bekanntlich nicht am Schreibtisch. Am kreativsten bin ich draußen unter freiem Himmel – inmitten von raschelnden Blättern, dem Zirpen der Grillen und dem leichten Duft von Frühling. Die Hessigheimer Felsengärten sind dafür der perfekte Ort. Bäuchlings auf einer Decke liegend, den Laptop vor mir, genieße ich das satte Blau des wolkenlosen Himmels, die milde Wärme der Sonne und die sanfte Brise, die mir durch die Haare fährt. Vor mir erstreckt sich die dramatische Silhouette der Felsschlucht, dahinter der Neckar, der sich wie eine endlose schimmernde Schlange durch die Landschaft windet. Ein Panorama, das förmlich nach großen Gedanken schreit.

Nachdem ich ein recht langes Kapitel beendet hatte und mit dem Ergebnis zufrieden gewesen war, widmete ich mich erneut dem ersten Kapitel – meinem persönlichen Ankerpunkt der Geschichte. Denn dieses Kapitel inspiriert mich genauso wie die dezenten Naturgeräusche um mich herum, die wie Musik in meinen Ohren klingen.

Jedes Mal, wenn ich diese Zeilen lese, staune ich darüber, wie lebendig meine Fantasie ist. Es fühlt sich an, als hätte ich das alles selbst erlebt – als würde ich nicht einfach eine Geschichte erfinden, sondern eine wahre Begebenheit aus meinem eigenen Leben schildern. Und doch habe ich nichts davon erlebt und es gibt auch kaum Gemeinsamkeiten zwischen Jakob und mir.

Er ist muskulös, umwerfend gut aussehend und so von sich eingenommen, dass er vermutlich glaubt, selbst die Ameisen, die gerade über meine Decke krabbeln, würden sich ehrfürchtig vor ihm verneigen.

Im Gegensatz zu Jakob bin ich keine Sportskanone. Aber immerhin trainiere ich seit gut acht Jahren zweimal pro Woche Ju-Jutsu und habe mehrere Kurse in Selbstverteidigung absolviert. Obwohl man meinen könnte, dass der Kampfsport das Selbstbewusstsein stärkt, bin ich bei Weitem nicht so selbstsicher wie Jakob, der fast alles mühelos meistert. Außerdem sehe ich nicht annähernd so gut aus wie er.

Meine körperliche Erscheinung würde ich eher als durchschnittlich beschreiben – mit einem leichten Ansatz eines Schwimmrings am Bauch und einer Stirnglatze, die für mein Alter schon recht ausgeprägt ist. Doch was mir an physischer Ausstrahlungskraft fehlt, mache ich mit Humor wett, davon bin ich fest überzeugt. Ich bin zumindest witziger als dieser eingebildete Jakob.

Was den intellektuellen Bereich betrifft, liegen wir wohl auf demselben Niveau. Seine Stärke liegt in der Biologie, während ich mich der Physik verschrieben habe – zwei Disziplinen, die auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben, aber uns dennoch gleichermaßen faszinieren.

Während ich in Gedanken zu einer Schlüsselszene meines Buches zurückkehre, dringen Frauenstimmen aus der Ferne an mein Ohr. Als jemand, der dem weiblichen Geschlecht keineswegs abgeneigt ist, kann ich nicht anders, als neugierig aufzuschauen. In einigen Hundert Metern Entfernung versucht eine Gruppe von fünf jungen Frauen, einen imposanten Felsen zu erklimmen. Eine von ihnen hat den rund fünfzig Meter hohen Steingiganten bereits zur Hälfte bezwungen, während die anderen vier unten warten und ihren Blick auf die mutige Kletterin richten. Ihre langen, schwarzen Haare wehen im Wind, und aus der Ferne betrachtet scheint sie einen atemberaubenden Körper zu haben – fast so, als wäre sie direkt einer meiner Traumgeschichten entsprungen.

Zum Abschirmen des grellen Sonnenlichts halte ich meine Hand wie einen Schirm über die Augen und kneife sie zusammen. Plötzlich beschleunigt sich mein Herzschlag. Von hinten sieht die Kletterin aus wie meine Traumfrau. Vor zwei Wochen habe ich sie zum ersten Mal in der Universitätsmensa in Stuttgart gesehen. Wir haben kein einziges Wort gewechselt und ich weiß weder ihren Namen noch, woher sie kommt. Und trotzdem hat sie sich in mein Herz geschlichen, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. Wahrscheinlich halten mich alle für verrückt, wenn ich das erzähle. Aber ihre tiefbraunen Augen, die wie glühende Kastanien funkeln, ihre makellose Haut, ihre Stimme, die wie Musik in meinen Ohren klingt, und dieses ehrliche, fast schelmische Lächeln – all das hat mich sofort verzaubert. Seitdem kann ich kaum noch an etwas anderes denken als an sie. Fast täglich sehe ich sie in der Mensa. Einmal, ganz heimlich, habe ich ein Gespräch mit ihren Kommilitoninnen belauscht. So viel konnte ich verstehen: Sie studiert Informatik. Das ist alles, was ich über sie weiß. Doch anhand ihres Aussehens vermute ich, dass sie aus einem orientalischen Land stammt.

Mit meinem eher durchschnittlichen Aussehen werde ich bei einer so umwerfenden Schönheit wohl kaum punkten können. Vielleicht könnte ich sie stattdessen mit meinem Intellekt, Charme oder Humor beeindrucken. Ja, Humor – das könnte der Schlüssel sein. Doch dazu müsste ich mich erst einmal überwinden, sie anzusprechen. Sie hatte mich jedenfalls bemerkt, aber vielleicht war es auch nur ein höflicher Blick, als sie mich vor zwei Tagen anlächelte. Ich hätte sie sofort ansprechen sollen, aber sie war von vier anderen Studentinnen umringt und ich hatte einfach nicht den Mut. Was, wenn sie mir eine Abfuhr erteilt hätte? Das wäre verdammt peinlich geworden. Bei einer solchen Frau, neben der selbst die Sterne verblassen, hätte mich das nicht einmal gewundert. Im Gegensatz zu Jakob fehlt mir eben das nötige Selbstbewusstsein. Wenn ich daran nichts ändere, werde ich wohl für immer in der komfortablen, aber einsamen Zone des Singledaseins festsitzen.

Ist die Kletterin wirklich die orientalische Schönheit, die ich so anhimmle? Um das herauszufinden, muss ich wohl ein Stück näher heran. Ohne meinen Blick von ihr zu nehmen, stehe ich auf und laufe zügig bis zum Rand des steinigen Abgrunds. Noch immer zu weit entfernt, aber irgendwie könnte ich fast schwören, dass sie es ist. Ich scanne die Umgebung und erkenne, dass ich dem Pfad hinter mir ein Stück folgen muss, um einen besseren Blick auf die kletternde Gruppe zu bekommen.

Ohne lange zu zögern, packe ich meine Sachen und renne los. An einer geeigneten Stelle komme ich dem Abgrund so nahe wie möglich. Verdammt, ein Felsvorsprung blockiert die Sicht auf die jungen Frauen! Nur ihre Stimmen und das Zwitschern der Vögel sind zu hören. Wenn ich meine Traumfrau noch einmal sehen will, muss ich wohl um den Felsvorsprung herumklettern. Nicht ganz ungefährlich, aber mit meinen festen Schuhen und meiner Klettererfahrung sollte es machbar sein. Und was tut man nicht alles, wenn es um die Liebe geht!

Völlig unbekümmert, angetrieben vom Herzschlag der Liebe, lege ich meinen Laptop, die Decke und den Rucksack mit der Verpflegung beiseite – hier wird mir schon niemand etwas wegnehmen.

Entschlossen, aber mit Vorsicht, trete ich an den Rand des Felstableaus und schaue vorsichtig hinunter. Etwa anderthalb Meter tiefer entdecke ich einen schmalen Sims, der nur etwa drei Fuß breit ist, sich aber mindestens fünf Meter nach rechts erstreckt. Zum Glück ist der Fels in die Richtung, in die ich mich vorarbeiten will, recht stufig und augenscheinlich gut begehbar.

Langsam, ganz vorsichtig, rutsche ich rückwärts von der Plattform hinab, dankbar, dass Höhenangst mir fremd ist. Vom Rand der kleinen Trittfläche führt ein nahezu senkrechter Abstieg von etwa sechs Metern zum nächsten, noch schmaleren Sims. Der Gedanke, abzurutschen und zu fallen, jagt mir einen kalten Schauer über den Rücken.

Ich reiße meinen Blick vom Abgrund los und hangle mich langsam und bedacht an der Steinwand entlang, wobei der glatte Fels kaum Halt bietet. Meine Knie zittern. Immer wieder denke ich: »Nur nicht abrutschen!«, und prüfe jeden Tritt, bevor ich mein Gewicht auf das vorausgehende Bein verlagere. Die Trittfläche scheint stabil – zumindest für den Moment.

Ich erreiche das Ende des Simses und muss nun einen halben Meter nach oben klettern. Glücklicherweise bietet der Fels genug Halt für Hände und Füße. Weiter gehts in Richtung des Felsvorsprungs. Nur noch zwei Meter, dann werde ich endlich um das Hindernis blicken können. Oben auf dem Vorsprung wächst ein dichter grüner Busch. Direkt darunter zieht sich ein schmaler Sims um die Biegung, an dem ich sicheren Halt finden werde. Das Blätterwerk bietet zudem genug Sichtschutz, sodass die Frauen mich nicht als Stalker entlarven können.

Für einen Moment verliere ich jedoch die Konzentration und rutsche mit dem linken Fuß ab. Oh mein Gott, mein Herz setzt aus! Gerade noch rechtzeitig kann ich mich wieder fassen und mit einer Hand den Felsen greifen. Steine stürzen in die Tiefe. Ich presse mich fest an die Felswand, meine Hände zittern. Tief atme ich ein und aus, um meine Nerven zu beruhigen.

Was mache ich hier nur? Ich setze ernsthaft mein Leben aufs Spiel, nur um heimlich ein paar Frauen beobachten zu können? Wie blöd kann man eigentlich sein?! So etwas Dummes habe ich mein ganzes Leben noch nicht gemacht. Ich hätte nie geglaubt, dass mal eine Frau in der Lage sein würde, mir dermaßen den Kopf zu verdrehen. Doch nun bin ich schon so weit gekommen, dass es keinen Sinn mehr hat umzukehren. Rückwärts zu klettern, wäre gefährlicher, als einfach vor dem Gebüsch zwei Meter nach oben zu steigen.

Von dem grünen Geflecht am Vorsprung scheint plötzlich ein seltsames Flimmern auszugehen. Ich bleibe wie angewurzelt stehen. Es wirkt, als würde ein unsichtbares Licht unter dem Gewächs glühen, sich mühsam zwischen den Blättern hindurchkämpfen, um an die Oberfläche zu gelangen. Ist das wirklich so oder bilde ich mir das nur ein? Ein mulmiges Gefühl macht sich in mir breit.

Von der Neugier beflügelt, kraxle ich schnell weiter. Nach gut einer halben Minute erreiche ich endlich das Dickicht. Mit zitternden Händen schiebe ich die Zweige zur Seite, und was ich dahinter sehe, lässt mich für einen Moment vergessen, dass ich mich noch immer an der Felswand festhalte. Ein Schock durchzuckt mich. Erneut setzt mein Herz aus. Plötzlich spüre ich, wie mein Körpergewicht sich verzehnfacht, als wollte der Abgrund mich mit eisernen Klauen zu sich ziehen. Ich schaffe es gerade noch rechtzeitig, mich an einer kräftigen Wurzel festzuklammern, meine Finger um die Rinde krampfhaft geschlossen.

Vorsichtig ziehe ich mich zurück, den Kopf noch immer voll von dem, was ich gesehen habe. Mein Herz rast. Um meinen lauten Puls zu beruhigen, muss ich mehrmals tief atmen. Wieder einmal bin ich dem Tod nur um Haaresbreite entkommen.

Ich kann meinen Augen kaum trauen. Das Ding, das hinter dem Blätterwerk verborgen war, sieht der Maschine, die Jakob in dem Stollen meiner Geschichte gefunden hat, erschreckend ähnlich. Bin ich wirklich wach? Ein flimmernder Zweifel schleicht sich in meinen Kopf, doch der intensiver werdende, fast süßlich-herbe Geruch der Pflanze weckt mich aus meiner Trance.

Es ist alles real – ebenso wie die Stimmen der Frauen, die plötzlich wieder in der Ferne zu hören sind. Ich hatte sie vor Schreck schon vergessen. Eine zarte Brise streift über meinen nackten Arm und hinterlässt eine Gänsehaut, die sich bis in meine Zehen zieht. Nein, ich bin ganz sicher, dass ich nicht träume. Das hier ist keine Illusion.

Das Objekt, das auf dem kleinen Felsvorsprung ruht und von den dichten Ästen darüber fast wie ein geheimer Schatz verborgen wurde, ist in einen Mantel aus Staub und Dreck gehüllt. Doch selbst durch die Schicht aus Verunreinigungen ist der runde Holzfuß mit der darauf ruhenden Kugel eindeutig erkennbar. Und da ist es wieder: dieses schwache, fast gespenstische Leuchten, das von der Kugel ausgeht. Doch etwas ist anders. Das Gerät aus meinem Roman besitzt lediglich einen Kippschalter zum Ein- und Ausschalten. Die Apparatur unter dem Busch hingegen weist am Fuß rundum ein ganzes Dutzend weiterer Kippschalter auf, zu denen jeweils ein nicht leuchtendes Lämpchen gehört.

Wie in aller Welt ist dieses Gerät nur hierhergekommen? Und vor allem: Warum in Teufels Namen existiert es überhaupt? Niemand weiß von der Geschichte in meinem Kopf. Unwahrscheinlich, dass jemand meinen Laptop gehackt hat. In diesem Leben bin ich Physiker, ja – aber in einem anderen könnte ich genauso gut ein Hacker sein. Demnach ist auch mein Laptop entsprechend gesichert. Wenn also niemand meine Geschichte kennt, wie zum Teufel kann jemand ein nahezu identisches Gerät gebaut haben? Zufall? Davon halte ich nichts.

Gut, immerhin unterscheidet sich die Anzahl der Kippschalter mit den Lämpchen an beiden Geräten, der Rest allerdings scheint identisch zu sein. Insbesondere das schwache Leuchten der Kugel gibt mir zu denken. Ich kenne keine Technologie, die ein Leuchten ohne erkennbare Energiequelle ermöglicht. Eine starke Batterie könnte das vielleicht leisten, aber nicht über Jahre hinweg. Und es scheint, dass das Ding schon seit Jahrzehnten hier liegt. Genauso wie das Gerät, das Jakob in der Höhle gefunden hat.

Ich werde es auf keinen Fall sofort einschalten. Allein der Gedanke daran, was die Maschine in meinem Roman auslöst, hält mich davon ab. Selbst wenn es äußerst unwahrscheinlich ist, dass diesem Gerät ähnliche Kräfte innewohnen, werde ich keinen der Schalter betätigen, geschweige denn die Kugel berühren. Sollte ich es mit nach Hause nehmen? Es einfach hierlassen? Oder es in den Abgrund werfen, in der Hoffnung, dass es dabei kaputtgeht und ich so von dem Fluch aus meinem Roman verschont bleibe?

Meine Gedanken kreisen wie Aasgeier um ein verendendes Gnu, und mein Verlangen, dem Geheimnis der Maschine auf die Spur zu kommen, ist genauso groß wie der Hunger eines solchen Geiers. Sollte ich es wirklich mit nach Hause nehmen? Die Ähnlichkeit mit der Maschine aus meinem Buch ist verblüffend. Doch die Tatsache, dass es so viele Schalter hat, könnte bedeuten, dass der Rest vielleicht doch nur Zufall ist. Eine Kugel auf einem Holzfuß ist auch nicht so ungewöhnlich, dass niemand auf die Idee gekommen sein könnte, etwas Ähnliches zu bauen. Die Hellseherkugel eines Rummelplatzpropheten oder die Requisite eines Schauspielers oder Scharlatans sehen kaum anders aus. Ebenso gut könnte es sich um ein Kinderspielzeug handeln.

Ich kann also ziemlich sicher davon ausgehen, dass der Spruch, der Jakob in meinem Roman suggeriert hat, die Kugel könne den Verstand erweitern, hier fehlt. Voller Überzeugung, dass auf dem Holz nichts dergleichen zu finden sein wird, wische ich mit der Hand darüber, um es vom Dreck zu befreien. Ich stutze. Ein Schriftzug in alten deutschen Buchstaben kommt zum Vorschein: Erweitere deinen Verstand!

Kapitel 3

Zu fünft saßen sie um den großen, runden Holztisch in Jakobs schlicht eingerichteter Wohnung am Rande der Kleinstadt Dupfenbach. Der angehende Biologe hatte sich einen Platz gewählt, von dem aus er jederzeit einen Blick durch das breite Fenster werfen konnte – nur für den Fall, dass jemand von draußen hereinschaute. Die Wahrscheinlichkeit war zwar gering, immerhin befand er sich in der obersten Etage eines vierstöckigen Hauses. Doch Jakob spielte nicht mit dem Zufall – er ging lieber auf Nummer sicher. Leider war die Jalousie vor Kurzem kaputtgegangen, sodass er sie nicht schließen konnte.

Rechts von ihm saß seine Schwester Silke, die ihr Glas Wasser mit beiden Händen umschlossen hielt. Gelassen wie immer, mit diesem freundlichen Lächeln, das sie nie abzulegen schien. Doch ihr Blick verriet Neugier – was verbarg sich wohl unter der Decke auf dem Tisch? Links von Jakob nippte Peter Schellenberger, Silkes Ehemann, lustlos an seiner Bierflasche. Sein Desinteresse war kaum zu übersehen.

Gegenüber vom Gastgeber rutschten Thomas und Beate Weigert unruhig auf ihren Holzstühlen hin und her. Kein Getränk, keine Ablenkung – nur angespannte Gesichter und zuckende Finger. Die beiden schienen unter Hochspannung zu stehen, und bildeten damit einen krassen Gegensatz zur tiefenentspannten Silke und dem gelangweilt dreinschauenden Peter.

Das violette Licht der untergehenden Sonne tauchte das Wohnzimmer in ein unheimliches Glühen, das die Möbel aus Buchenholz wie fremdartige Skulpturen wirken ließ. Die große, dunkle Standuhr, die Jakob von seiner Oma geerbt hatte und die schon mindestens ein halbes Jahrhundert auf dem Buckel hatte, tickte mit unaufhaltsamer Penetranz – ein monotoner Klang, der beinahe greifbar war und eine fast schon erdrückende Spannung im Raum erzeugte.

»Na komm schon«, drängte Thomas, der angehende Schwarzgurt im Karate, bereits zum dritten Mal, »spann uns nicht noch länger auf die Folter. Was hast du denn nun unter der Decke versteckt?«

Seine Freundin Beate schnaubte und wirkte ebenso ungeduldig. Mit ihrer ungewöhnlich hohen, fast schon schneidenden Stimme fügte sie fast vorwurfsvoll hinzu: »Eigentlich hätte ich heute ja beim Frauentreff sein sollen.«

Auch Peter, der sich durch seine bauerntölpelhafte Art auszeichnete, meldete sich zu Wort. »Wehe, dein Fundstück haut mich nicht vom Hocker! Ich wollte mir eigentlich im Radio das Spiel zwischen Bayern München und den Stuttgarter Luschen anhören. Aber klar, wir wissen ja alle, wer da wohl wieder eins auf die Mütze bekommt.«

»Das hier ist weit besser als Fußball, glaub mir«, versicherte Jakob mit einem breiten Grinsen und der gewohnten Großspurigkeit.

»Wenn mir das Ding grenzenlos Bier produziert, hab ich nichts dagegen einzuwenden«, witzelte der gelernte Elektriker weiter.

»Ich zieh die Decke gleich selbst ab«, drohte Thomas mit finsterer Miene, »wenn du das nicht machst.«

Jakob hob beschwichtigend die Hand. »Ganz ruhig. Ihr müsst lernen, euch in Geduld zu üben.«

Er genoss es, das Präsentieren von Neuigkeiten hinauszuzögern, vor allem, wenn er damit die Weigerts zur Weißglut bringen konnte. Daher ließ er sie noch eine Weile zappeln.

»Zu keinem ein Wort darüber, verstanden?«, betonte Jakob zum inzwischen fünften Mal, seine Stimme nun schärfer als zuvor.

»Ja doch!«, knurrte Thomas ungehalten zurück. Das hochrote Gesicht des Rotschopfs schien jeden Moment in Flammen aufzugehen. »Willst du’s jetzt noch schriftlich haben oder was?«

Jakob winkte lässig ab. »Nö, passt schon.« Er legte seine Hand an die Decke und verharrte. Das Ticken der Uhr schien mit jeder Sekunde lauter zu werden, besonders für die Weigerts, deren Nervosität mit jedem Moment zu wachsen schien.

Endlich riss Jakob die Decke mit einem schnellen Ruck fort und enthüllte damit das mysteriöse Objekt. Ein beinahe unheimliches Schweigen legte sich über den Raum. Sogar die Uhr schien für einen Moment verstummt zu sein. Alle starrten gebannt auf das Gerät, das schwache Leuchten der Kugel auf dem Holzfuß schien wie ein Magnet ihre Blicke zu fesseln. Die Sekunden zogen sich quälend in die Länge, bis Silke als Erste den Bann brach.

»Was … was ist das?«, fragte sie, ihre Worte so leise, dass sie fast vom Raum verschluckt wurden.

»Das weiß ich noch nicht genau«, antwortete Jakob mit nachdenklicher Miene. »Ich hab das Ding wie gesagt mitten im Wald gefunden. Es funktioniert offenbar ganz ohne Stromanschluss. Keine Ahnung, was genau die Energiequelle ist. Aber hier ist etwas in Frakturschrift ins Holz geritzt. Erweitere deinen Verstand!« Jakob schnaubte leise. »Den alten Buchstaben nach zu urteilen, muss das Ding schon einige Jahrzehnte alt sein, vielleicht aus dem Zweiten Weltkrieg oder noch älter. Soviel ich weiß, gab es damals schon Lügendetektoren. Könnte also gut sein, dass es so etwas in der Art ist.«

»Da ist ein Schalter«, bemerkte Silke sachlich und deutete auf das Gerät. »Heißt das, dass du es vorher noch nicht eingeschaltet hast?«

»Doch, das habe ich schon. Aber das Einzige, was passiert ist, war, dass die Kugel hell geleuchtet hat.« Jakob fuhr sich nachdenklich durch die Haare. »Um die wahre Funktion dieses Geräts herauszufinden, muss man die Kugel wahrscheinlich mit der Hand berühren.«

»Hast du etwa Berührungsängste?«, versuchte Peter erneut, witzig zu sein, doch sein Grinsen erhielt keine Gegenliebe.

»Also ich werde mich garantiert nicht als Versuchskaninchen hergeben!«, erklärte Beate scharf und schüttelte entschieden den Kopf.

»Ich auch nicht«, pflichtete ihr Thomas bei, der ohnehin meist ihrer Meinung war. Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück, zog eine Augenbraue hoch und verschränkte demonstrativ die Arme. »Ich bin zwar kein Feigling, aber auch nicht lebensmüde. Wenn du mich fragst, sollten wir das Ding den Behörden übergeben.«

Jakob unterdrückte ein Seufzen. Er hätte sich denken können, dass die Weigerts sich querstellen würden. Doch aufgeben kam nicht infrage. Noch hatte er nicht alle Register gezogen. Was ihn jedoch mehr beschäftigte, war die Frage, ob es überhaupt klug gewesen war, sie einzuweihen. Ihr Schwur, über das Ganze zu schweigen, bedeutete nicht viel – dafür waren sie einfach zu geschwätzig. Ihnen war nicht zu trauen.

»Seid ihr echt kein bisschen neugierig?«, fragte Jakob und verzog das Gesicht, als hätte er in eine Zitrone gebissen. »Wenn diese Maschine den Verstand erweitern soll – was kann daran schlimm sein? Stellt euch vor, man könnte damit klüger werden, Wissen im Handumdrehen aufnehmen, die Welt auf eine völlig neue Weise begreifen. Vielleicht lassen sich Sprachen in Sekunden erlernen oder komplexe Zusammenhänge intuitiv erfassen! Klingt das nicht verdammt verlockend?«

Thomas musterte ihn mit zusammengekniffenen Augen. »Wenn das Ding wirklich so harmlos ist, warum hast du es dann nicht längst selbst ausprobiert?«

Beate lehnte sich mit einem spöttischen Grinsen zurück. »Seit wann bist du so ein Angsthase? Sonst spielst du doch immer den furchtlosen Draufgänger.«

Diese Spitze versetzte Jakob einen Stich und kratzte an seinem Ego. Sein erster Impuls war, ihnen scharf zu entgegnen, dass er die Maschine dann eben selbst testen würde. Doch bevor die Worte seinen Mund verließen, überkam ihn erneut dieses seltsame Gefühl der Präsenz in seinem Inneren. Eine Stimme – wahrscheinlich sein eigener Verstand, der sich gerade einschaltete – flüsterte ihm zu: »Lass dich nicht provozieren. Einer der anderen muss die Maschine testen. Setz dich nicht dem Risiko aus. Überzeuge die anderen!«

»Sorry«, murmelte er nachdenklich, doch seine Stimme klang schärfer, als er beabsichtigt hatte. »Ich wollte euch nur fair behandeln und euch das Gerät zeigen, bevor ich es in Gang setze. Ich vertraue euch, deshalb habe ich euch in das Geheimnis eingeweiht.« Er log selten, aber in diesem Moment hatte er kein schlechtes Gewissen.

»Außerdem brauche ich jemanden für den unwahrscheinlichen Fall, dass doch etwas schiefgeht, wenn ich meine Hand auf die Kugel lege. Im Notfall könntet ihr das Gerät schnell ausschalten.«

Thomas grinste schief, seine Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. »Du hattest schon bessere Ausreden.«

Jakob zuckte gleichgültig mit der Schulter, als ob ihn der spöttische Kommentar nicht wirklich traf. »Kein Problem«, antwortete er gelassen. »Dann erweitere ich eben alleine meinen Verstand. Ich will niemanden zu seinem Glück zwingen.« Er hoffte, dass gerade diese demonstrative Gelassenheit die Weigerts ins Wanken bringen würde – doch vergeblich.

Thomas musterte ihn kühl. »Vergiss es. Wir bringen uns definitiv nicht in Gefahr.«

»Also was mich betrifft«, meldete sich plötzlich Silke zu Wort, die bis eben nur still zugehört hatte, »mein Forscherdrang ist geweckt. Wissenschaft und Medizin erfordern manchmal Mut. Und ich bin bereit, die Maschine zu testen.«

Jakobs Puls beschleunigte sich. Damit hatte er nicht gerechnet. Ein Teil von ihm wollte sie sofort warnen, ihr alles erzählen, von den Leichen im Stollen, von der unheimlichen Anziehungskraft, die von der Kugel ausging. Doch wenn er das tat, würden die anderen endgültig abspringen.

Wieder schlich sich diese Stimme in seinen Kopf, verführerisch, drängend: »Lass sie es tun. Du kannst jederzeit eingreifen, falls etwas schiefgeht.«

Er ballte die Hände zu Fäusten. Er liebte seine Schwester. Wenn ihr etwas passierte, würde er es sich nie verzeihen. Und doch … die Neugier nagte an ihm, unaufhaltsam, wie ein dunkler Sog, dem er sich nicht entziehen konnte.

Bevor Jakob etwas entgegnen konnte, fuhr Silkes Ehemann Peter dazwischen: »Das kommt überhaupt nicht infrage! Du spielst hier sicher nicht das Versuchskaninchen.«

Silke stemmte die Hände in die Hüften und funkelte ihn an. »Ach, komm schon! Was soll denn groß passieren? Ich bin alt genug, das selbst zu entscheiden. Oder hast du etwa nicht auch den Wunsch, mehr zu wissen als andere?«

Peter zögerte. »Sofern das mit Erweitere deinen Verstand! überhaupt gemeint ist ... Also ich weiß nicht ... Das Ganze fühlt sich einfach nicht richtig an.«

Silke schnaubte und zog eine Braue hoch. »Und was soll es sonst bedeuten? Dass mir das Gehirn schrumpft? Bitte! Ich bin Medizinerin, ich weiß, was ich tue. Wissenschaft und Medizin gehen immer mit Risiken einher. Und außerdem … ich kenne genug Kollegen, die täglich Entscheidungen über Leben und Tod treffen müssen. Wer, wenn nicht wir, sollte bereit sein, für den Fortschritt ein gewisses Risiko einzugehen?«

»Ja, aber wenn in deinem Job etwas schiefgeht, bist nicht du es,die den Preis dafür zahlt – sondern deine Patienten.«

»Vertrau mir, Schatz.« Sie lächelte selbstbewusst. »So schlimm kann es nicht sein. Ich habe ein gutes Gefühl dabei. Und allein die Vorstellung, intelligenter zu werden, ist das Risiko wert.«

Jakob bewunderte Silkes unerschütterliches Selbstbewusstsein. Wenn sie sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte, ließ sie keine Einwände mehr an sich heran. Und weil Peter das genauso wusste wie Jakob, verzichtete er auf weitere Versuche, sie umzustimmen – auch wenn seine Augen unverkennbar Besorgnis verrieten.

Auch Jakob konnte seine Enttäuschung nicht ganz verbergen. »Na schön«, meinte er schließlich. »Egal, wer es ausprobiert – wir sind genug Leute, um im Notfall einzugreifen.«

Peter rieb sich nachdenklich das Kinn. »Mein Vorschlag wäre, dass Silke und ich die Kugel gleichzeitig berühren. Geteiltes Leid ist halbes Leid.« Sein Lächeln wirkte alles andere als überzeugend.

Skepsis breitete sich auf Beates Gesicht aus. »Ich würde die Kugel nicht direkt mit der Hand anfassen – zumindest nicht sofort. Warum probiert ihr es nicht erst mal mit einem Gegenstand?«

»Oder mit ’ner Ratte«, schlug Thomas vor.

»Sprichst du etwa von dir selbst?«, erwiderte Peter halb feixend, halb ernst.

»Ha-ha«, erwiderte Thomas, und Silke entgegnete trocken: »Tierquäler!«

»Wartet mal!« Jakob sprang auf und rannte in die Küche. Kurz darauf kehrte er mit zwei Hähnchenschenkeln zurück. Er drückte sie Silke und Peter in die Hand. »Probierts mal damit.«

Dann griff er nach der Sonnenbrille auf dem Schrank, setzte sie auf und lehnte sich wieder entspannt zurück – äußerlich ruhig, doch innerlich vor Neugier platzend. Bevor die Weigerts einen Kommentar abgeben konnten, erklärte er nüchtern: »Das Licht ist verdammt hell. Falls was schiefgeht, sehe ich mit der Brille schneller, wo der Ausschalter ist.«

Natürlich wusste er, dass die Brille ihm helfen würde, die hypnotisierende Wirkung des Lichtes abzumildern. Doch das konnte er den anderen selbstverständlich nicht sagen. Hinter den dunklen Gläsern fühlte er sich sicher – ein kleiner, aber wirksamer Schutzschild, der es ihm ermöglichte, seine verräterische Mimik zu verbergen. Sein schlechtes Gewissen, das Geheimnis um die beiden Leichen weiterhin für sich zu behalten, nagte an ihm, aber er konnte einfach nicht anders.

Die Blicke der Weigerts flogen misstrauisch hin und her. Immer wieder fragte sich Jakob, ob er sie nicht doch noch überreden könnte, mit Silke und Peter zu tauschen. Doch ihm fiel kein Argument mehr ein, das ausreichend Gewicht hatte.

Peter wirkte sichtlich verunsichert. Es war fast ein Wunder, dass er sich überhaupt darauf eingelassen hatte. Seine dunklen Augen fixierten Silke, doch hinter seinem finsteren Blick lag Nervosität. Silke hingegen blieb gewohnt ruhig. Mit einem aufmunternden Lächeln flüsterte sie: »Es wird alles gut werden.« Ihre bernsteinfarbenen Augen strahlten eine Wärme aus, die Peter für einen Moment beruhigte – auch wenn er es sich kaum eingestehen wollte.

Silkes rundliches Gesicht wirkte wie ein Ruhepol im Chaos – warm, offen, voller Zuversicht. Ihr Optimismus war nicht aufgesetzt, sondern tief verankert, fast schon instinktiv. Genau das machte sie zu einer außergewöhnlichen Chirurgin. Jakob musterte seine Schwester erneut. Sie hatte in den letzten Monaten ein paar Kilo zugelegt, während ihr Mann nach wie vor eine so schmale Statur hatte, dass er fast zerbrechlich wirkte. Und doch verriet der leichte Bauchansatz unter seinem Shirt, dass auch an ihm die letzten Monate nicht spurlos vorübergegangen waren.

»Seid ihr bereit?«, fragte Jakob, seine Stimme plötzlich schärfer.

»Na los, mach schon«, brummte Peter, der sichtlich die letzten Reste seines Mutes zusammennahm. »Bevor ich es mir noch anders überlege.«

Silke nickte gelassen. »Wir schaffen das.«

Alle Augen waren nun auf das Gerät gerichtet. Die Spannung war greifbar, wie ein unsichtbares Drahtseil, das den Raum durchzog. Ohne zu zögern, betätigte Jakob den Schalter. Im selben Moment, als das Licht aus der Kugel den Raum erhellte, zuckten die beiden mit Keulen bewaffneten Eheleute schreckhaft zusammen und wichen mit ihren Oberkörpern zurück, während sie noch immer auf ihren Stühlen saßen.

Genauso wie in der Höhle begann das Licht in der Kugel zu wirbeln, als ob es ein Eigenleben entwickelt hätte. Alle starrten wie hypnotisiert. Das sanfte Summen und das schillernde Lichtspiel fesselten selbst Jakob, obwohl er seine Sonnenbrille trug. Das Glas der Kugel schmolz förmlich dahin, wie Honig im Ofen, und der innere Wirbel des Lichts wirkte wie ein schwarzes Loch, das alles in sich aufzusaugen schien. Die Wände des Wohnzimmers schienen sich, wie von unsichtbarer Hand gelenkt, langsam, aber unaufhaltsam der Kugel zu nähern. Selbst das violette Licht der untergehenden Sonne drängte ins Wohnzimmer und bündelte sich auf den magischen Knotenpunkt der Faszination.