Gefangene aus Liebe - Lara Greystone - E-Book

Gefangene aus Liebe E-Book

Lara Greystone

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Beschreibung

Im letzten Moment hat Lara es geschafft, John aus den Klauen seiner Feinde zu retten. Doch das hatte seinen Preis, denn nun lässt der attraktive Vampir sie nicht mehr gehen, weil er um ihre Sicherheit fürchtet. Er sieht zwar zum Anbeißen aus und ist auch noch reich, doch nun ist sie gefangen in seiner dunklen Welt ohne Sonnenlicht und kämpft nicht nur gegen ihre Klaustrophobie, sondern auch dagegen, ihr altes Leben und ihre Karriere aufzugeben. Aber spielt das noch eine Rolle, wo ihr Gehirntumor nicht einmal durch sein Vampirblut geheilt werden konnte und ihr großer, endgültiger Blackout kurz bevorsteht? Aber vielleicht erwischt Johns Erzfeind sie ja vorher, denn auf dessen Hitliste steht sie nun ganz oben… Teil zwei der Geschichte von John&Lara aus der Reihe "Unsterblich geliebt". Überarbeitete Auflage der Erstveröffentlichung von 2014

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Seitenzahl: 724

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Lara Greystone

Gefangene aus Liebe

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Kapitel 59

Kapitel 60

Kapitel 61

Kapitel 62

Kapitel 63

Kapitel 64

Kapitel 65

Kapitel 66

Kapitel 67

Kapitel 68

Kapitel 69

Kapitel 70

Kapitel 71

Epilog

Leseprobe aus „Sanft berührte Narben“

Über den Autor …

Über den Korrektor

Danksagung

Rechtliches

Impressum neobooks

Kapitel 1

Mit geschlossenen Augen spürte Lara die Vibrationen des Vans, in den man sie gelegt hatte. Sie war am Ende ihrer Kräfte, kaum in der Lage, die Lider zu öffnen, geschweige denn wegzulaufen.

Gefangen in einem Keller, mit nichts als der Aussicht auf Folter und Tod, hatte sie sich ihr Blut aussaugen lassen, bis sie ohnmächtig zusammengebrochen war – Genau von dem Vampir, auf dessen Schoß sie nun lag und der sich mit seinen rasiermesserscharfen Reißzähnen in diesem Augenblick zu ihr hinunterbeugte.

Den entsetzten Schrei des Mannes, in den er ebendiese Reißzähne zuletzt geschlagen hatte, und den Ausdruck in dessen Gesicht, als ihm bewusst wurde, dass das sein Ende bedeutete, würde sie wohl niemals vergessen.

Die mörderischen Fänge, dazu geschaffen, Beute selbst im Todeskampf erbarmungslos festzuhalten, stoppten auf halbem Weg zu ihrem Hals.

„Wir sind gleich da“, sagte er und blickte sie aus sorgenvollen Augen an, die in ihrer Bernsteinfarbe nahezu strahlten. Die Augen waren im Moment auch das Einzige, was nicht an eine Gestalt aus einem Horrorfilm erinnerte.

Obwohl er sein Gesicht notdürftig mit einem feuchten Lappen abgewischt hatte, waren seine ehemals charakterstarken, aber weichen Züge vom Schmerz verhärtet. Am kleinen Streifen Kinnbart und seinen goldbraunen Augenbrauen waren immer noch Blutspritzer. Die breite, männliche Brust war vom Sonnenlicht schwarz verkohlt und überall auf seinem muskulösen Körper frisches und verkrustetes Blut. Die goldbraunen Locken, die sich zwischen ihren Fingern so weich angefühlt hatten und ihm bis auf die Schultern reichten, waren schmutzig und blutverklebt. Ja, selbst seine sanfte, tiefe Stimme klang nun hart und rau.

Als wäre sein Aussehen nicht Beweis genug, lagen auch noch vier aus ihm herausgezogene, blutige Spieße am Boden des Vans. Sie waren Zeugen seiner erlittenen Folter in einem Krieg, den die Ritter der Nacht – so nannte man früher Wächter wie ihn – seit Jahrhunderten gegen die abtrünnigen Mörder ihrer Rasse führten.

Lara hatte ihn als Einzige finden können, doch auch sie wurde gefangen.

Jetzt wollte sie nur noch nach Hause, zurück zu ihrem Schriftstellerdasein auf dem idyllischen Mühlenanwesen inmitten von Feldern. Weit weg wollte sie, von den Vampiren und der Welt, in die sie hineingeraten war – und von der sie bis vor zwei Wochen noch nichts gewusst hatte.

Aber seitdem war viel passiert …

Die Augen zu verschließen, war eigentlich nicht ihr Naturell, doch Lara sehnte sich nach ihrem friedlichen Zuhause. Dort würde sie sich in ihre Arbeit stürzen und am besten für immer auslöschen, was sie erlebt hatte.

Erinnerungen auslöschen – Vampire waren zu so etwas in der Lage, das hatte sie am eigenen Leib erfahren müssen. Eines Morgens war sie in ihrem Bett aufgewacht, ohne zu wissen, dass sie nachts von einer Brücke in den Tod gesprungen war und John gegen alle Regeln verstoßen hatte, um sie mit seinem Blut zu retten. John – der Vampir, in dessen Schoß sie gerade lag.

Natürlich wäre sie im Wohnhaus der Müller wieder mutterseelenallein. Niemand würde ihr die Tür öffnen, sie in den Arm nehmen oder für sie Frühstück machen. Das einzige Wesen, das dort auf sie wartete, war Tarzan, der halbwilde Kater, der auch als Einziger ihrem Schlafzimmer ab und zu einen Besuch abstattete.

Sie spürte ein Holpern, dann neigte sich der Van nach vorn und sie hörte ein ratterndes Geräusch. Johns starke Arme hielten sie fest, andernfalls wäre sie in den Fußraum gerollt. Mehr schlafend als wach öffnete sie erneut ihre bleischweren Lider.

„Wo sind wir?“ Ihre Stimme klang genauso leise und kraftlos, wie sie sich fühlte.

„Du bist in Sicherheit, wir sind Zuhause.“

Nein. Irgendetwas stimmte hier ganz und gar nicht.

Mit einem Aufwand, als müsste sie einen Zentner Kartoffeln stemmen, hob sie den Kopf ein wenig und sah durch die UV-Licht-geschützte Scheibe das schwere Rolltor einer Tiefgarage.

Es öffnete sich, wie ein hungriges Monster sein Maul aufriss – und genau so würde es sie verschlingen.

Die Klaustrophobie, unter der sie seit dem verheerenden Tunnelbrand litt, bei dem sie beinahe erstickt und verbrannt wäre, legte die würgenden Hände um ihre Kehle.

„John“, wollte sie schreien, doch es kam nur ein heiseres Krächzen heraus. Zu erschöpft, um ihren Kopf noch länger oben zu halten, ließ sie ihn schwer auf seinen Schoß zurücksinken.

„Du musst mich nach Hause bringen, John, in meine Mühle. Quint weiß, wo ich wohne.“

„Ich will, dass Alva dich zuerst medizinisch durchcheckt und dann musst du dich erholen. Du brauchst jetzt viel Ruhe, Lara.“

Sie mochte ja am Ende ihrer Kräfte sein, doch sie ahnte, was er vorhatte. Auch ohne den Kopf zu heben, sah sie nun, wie der Van in den dunklen Bauch der Bestie fuhr.

Langsam, so als würde das imaginäre Monster es genießen, senkte sich Stück für Stück die schwere Wand aus Stahl.

Stück für Stück verschluckte das gierige Maul das Sonnenlicht.

Stück für Stück legten sich die würgenden Hände enger um ihren Hals.

Luft! Sie bekam nicht mehr genug Luft!

Panisch mobilisierte sie den winzigen Rest ihrer Energie, versuchte, die weiche Fleecedecke zurückzuschlagen, um aufzustehen und aus dem Bauch der Bestie zu fliehen.

Aber John steckte die Decke wieder fest, seine Arme hielten sie so sanft und doch so erbarmungslos zurück.

„Ich liebe dich, Lara.“

Trotz des Gefühls, jeden Moment zu ersticken, versuchte sie, sich wenigstens mit ihrer Stimme zu wehren.

„John, nein! Bring mich nach Hause.“

Doch diese Worte, die sie aus ihrer zugeschnürten Kehle presste, waren kaum mehr als ein heiseres, unverständliches Flüstern.

Als mit einem Unheil verkündenden, lauten Einrasten der letzte Spalt Licht verschwand, zuckte sie zusammen.

Nun war sie in der Dunkelheit gefangen.

Bilder des Tunnels tauchten auf, in dem der schwarze, giftige Qualm ihre Kehle verätzte und sie in die Bewusstlosigkeit zwang. Ersticken, sie würde qualvoll ersticken, wenn nichts geschah …

***

John steckte eine heruntergerutschte Ecke der Fleecedecke wieder fest, während Lara unverständlich murmelnd protestierte.

Er hatte versprochen, sie zu nichts zu zwingen, doch er würde auf keinen Fall zulassen, dass Lara sich erneut in Lebensgefahr begab, indem sie in ihre Mühle zurückkehrte. Ramón, dieser Teufel, der Lara vor seinen Augen beinahe hatte ertrinken lassen, und das zweimal, wusste nun, wo sie wohnte. Und dort wäre es ihm unmöglich, sie hinreichend zu schützen. Hier, im Hauptquartier der Wächter, gab es hohe Mauern, gekrönt mit Draht, der unter Starkstrom gesetzt werden konnte, dazu ein von ihm ausgeklügeltes Sicherheitssystem samt Infrarot-Überwachungskameras und Bewegungsmeldern. Außerdem kam er in seinem tiefsten Inneren nicht mehr gegen das Bedürfnis an, Lara in seiner Nähe zu halten.

Das lag nicht zuletzt auch daran, dass sie ihm ihr Blut geschenkt und damit den letzten Schritt der einzigartigen Symbiose zwischen einem Vampir und einer Frau besiegelt hatte. Leider nicht durch eine bewusste Entscheidung aus Liebe, die anschließend im Rausch der Leidenschaft vollzogen wurde. So hätte er sich das zwischen ihnen gewünscht und so entsprach es auch seit Jahrhunderten der Tradition. Nein, sie hatte ihm ihr Blut nur zur Verfügung gestellt, weil es die einzige Alternative zu Folter und Tod als Ramóns Gefangene gewesen war.

Lara hatte seine Vampirnatur bereits zuvor gefürchtet, doch nun war die junge Pflanze ihrer wachsenden Liebe vermutlich niedergetrampelt worden, als sie seinen brutalen Kampf zu ihrer gemeinsamen Befreiung hautnah miterleben musste.

Nur durch die neue Kraft aus ihrem Blut war es ihm möglich gewesen, sich den Weg aus dem Kellerloch freizukämpfen, in dem man sie beide gefangen gehalten hatte.

Das Ergebnis war allerdings ein Blutbad aus toten Körpern, in dessen Mitte Lara halb ohnmächtig, aber unangetastet gelegen hatte. Und jeder, der sie in Zukunft antasten wollte, müsste zuerst an ihm vorbei – besser gesagt über seine Leiche.

Er brauchte nicht seine Fähigkeit als Taktiker bei den Wächtern, um sich auszurechnen, dass Lara jetzt, nach ihrer Befreiung, versuchen würde, vor ihm zu flüchten – was er unbedingt verhindern musste.

Ihr Herz, er hatte ihr Herz gewinnen wollen, doch nun fragte sich John, ob sie ihn nicht schon bald hassen würde, weil er sie in einen goldenen Käfig steckte.

Die unsichtbaren Gitterstäbe würden nur aus Sorge um sie bestehen und alles wäre ausgepolstert mit Liebe und allem, was man für Geld beschaffen konnte. Doch ein goldener Käfig würde dennoch ein Käfig bleiben und Lara war klug genug, um das eher früher als später zu durchschauen.

Das Schlagen ihres Herzens, das ihm mittlerweile so vertraut war, riss ihn aus seinen Gedanken. Ihr Puls ging auf einmal viel zu schnell und auch ihre Atmung war unnatürlich.

Er war heilfroh, dass sein übernatürlich rascher Heilungsprozess bereits eingesetzt hatte und seine wahnsinnigen Schmerzen auf ein erträgliches Maß gesunken waren. Erst jetzt hatte er wieder genug Konzentration, um seine Fähigkeiten als Vampir zu nutzen und ihr zu helfen.

Sanft strich er eine Haarsträhne aus ihrem Gesicht.

„Lara, du solltest schlafen, um dich zu erholen. Du hast uns beiden heute das Leben gerettet, das ist mehr als genug für einen Tag.“

Wie zu einem Gutenachtkuss legte er seine Lippen auf ihre Stirn und ließ sie durch seine Vampirkräfte damit in einen tiefen Schlaf fallen.

Kapitel 2

Keiner fehlte in der Tiefgarage, als John mit Lara in seinen Armen aus dem Van stieg. Jeder wollte wohl mit eigenen Augen sehen, dass er am Leben und zurück war. Sie blickten ihn an, als wäre er der Hölle entkommen. So sah er vermutlich auch aus.

Nicht zum ersten Mal spürte John, wie viel er allen bedeutete. Das hier war seine Familie, sein Zuhause, und er hoffte inständig, dass es auch Laras Zuhause werden würde.

Zuerst kam Agnus, sein fast zwei Meter großer Anführer, auf ihn zu und legte ihm die Hand auf seine Schulter.

„Gott sei Dank, du bist wieder bei uns.“

Das 120 Kilogramm schwere Muskelpaket wirkte mit seinen wilden, rotbraunen Locken wie ein Wikinger, was auch seinen Wurzeln entsprach. Seine Kleidung passte jedoch eher zum Anführer einer Spezialeinheit: schwarze Drillichhose, schwarzes T‑Shirt und Kampfstiefel.

Hinter Agnus standen die anderen Wächter: Vinz, der Waffenspezialist und italienische Spitzenkoch mit seiner Frau Arabella; Ambrosius, der Biochemiefuzzi; der ständig wettete; Quintus, mit seinen ungebändigten, feuerroten Locken, der einen regelrechten Hass gegenüber Frauen entwickelt hatte. Raven, der sich etwas abseitshielt, nickte ihm schlicht zu, was aber mehr sagte als tausend Worte. Mit der kleinen, quirligen Alice auf den Schultern wirkte er, trotz des abschreckenden Schlangentattoos im Gesicht, gar nicht wie ihr bester und gnadenloser Nahkämpfer. Seine Frau Rose stieg gerade mit ihrem Onkel Walter aus dem Van. Walter war der einzige Mensch unter den Männern und hatte deshalb trotz Tageslicht mit Rose das Haus stürmen können, in dem man Lara und ihn gefangen gehalten hatte. Zu diesem Zeitpunkt waren aber bereits alle Feinde von ihm ins Jenseits befördert worden.

Gut gelaunt wie immer klopfte ihm sein bester Freund Elia auf die Schulter. „Hey, Kumpel!“

Offiziell war Elia „nur“ der Schreiber und gleichzeitig noch der Kleinste unter ihnen. Doch hinter den freundlichen, grünen Augen und den dunkelblonden Wuschelhaaren verbarg sich ein wahres Computergenie, das für die Wächter unersetzlich geworden war.

„Ich wusste, dass Lara es schafft, dich zu finden!“

„Und das nur mit Niespulver und Zahnstocher“, kommentierte Vinz sarkastisch. Damit meinte er Laras Gaspistole und den scharfen Brieföffner, ihre einzigen Waffen auf der Suche nach John. Dass sie es damit lebend herausgeschafft hatten, konnte er auch jetzt kaum glauben. Gott war an diesem Tag wohl zu Wundern aufgelegt – oder hatte Humor.

John ignorierte die Krankenliege, die Alva, ihre Ärztin, gerade für Lara heranschob. Walter, der ihm erst vor ein paar Minuten vier Metallspieße mit Widerhaken aus dem Körper gezogen hatte, schüttelte deswegen den Kopf, doch das war ihm egal. Er wollte Lara selbst tragen, und zwar nicht auf die Krankenstation, sondern in sein eigenes Quartier, in seine Nähe. Nach dem, was mit ihr geschehen war, hätte er keine ruhige Minute mehr, wenn sie irgendwo anders wäre.

Bevor er sich einen Weg durch die anderen bahnte, drückte ihm Arabella noch mit Tränen in den Augen einen lauten Schmatzer auf die Wange. Und während er Lara durch die langen, unterirdischen Flure und dann nach oben zu seinem Quartier trug, gab er Agnus, der ihn begleitete, nebenher eine Zusammenfassung der Ereignisse.

„Gut gemacht, John. Du hast uns einen entscheidenden Vorteil verschafft, indem du Ramón und seine Leute mit deiner falschen Information zu unserem leer stehenden Beta-Hauptquartier gelockt hast. Während sich die Gesetzlosen auf die Stürmung des Gebäudes konzentrieren, werden wir sie überraschen. Seit du mich über Handy darüber in Kenntnis gesetzt hast, bin ich mit Vinz und Quint bei der Vorbereitung unseres Angriffs heute Abend.“

Das war der schwerste Bluff in Johns ganzem Leben gewesen, denn Ramón hatte begonnen, Lara langsam vor seinen Augen ertrinken zu lassen, um von ihm den Standort des Wächterhauptquartiers zu erfahren. Dieser Ramón war seines Zeichens Blutfürst und damit brutaler Anführer einer Horde mörderischer Vampire, der sogenannten Gesetzlosen. Der hätte nicht gezögert, das alte Klostergebäude, in dem sie hier alle samt der kleinen Alice lebten, dem Erdboden gleichzumachen.

Ramón hatte bereits Giftgas in einem italienischen Restaurant eingesetzt, nur um ihn gefangen zu nehmen. Den kleinen Jungen, der dort mit seinem ferngesteuerten Ferrari gespielt hatte, würde er so schnell nicht vergessen.

Durch die Vernichtung aller Wächter würde der Blutfürst sicherstellen, dass seine einträglichen Drogengeschäfte, der Menschenhandel und das mörderische Treiben der Seinen in Zukunft ungestraft blieben.

Aufgekratzt tigerte John nun schon eine gefühlte Ewigkeit in seiner Wohnung hin und her, denn Alva hatte ihn ins Wohnzimmer verbannt, wo auch ihr Mann Agnus wartete.

Die Ärztin kümmerte sich inzwischen mit Arabella um Lara. Wegen der großen Menge Blut, die John von ihr hatte nehmen müssen, wurde ihr von Alva zuerst der Blutdruck gemessen und ein Aufbaupräparat gespritzt. Um sie gründlich durchzuchecken, hatte die Ärztin ihn dann, in ihrer typisch vehementen Art, die ihresgleichen suchte, aus seinem eigenen Schlafzimmer geworfen. Aber Alva hatte ja noch nie Probleme damit gehabt, sogar den mächtigsten Vampiren unter ihnen die Stirn zu bieten. Agnus war da keine Ausnahme.

Dennoch genoss sie Johns Respekt so wie den aller anderen. Das lag sicher auch daran, dass die Ärztin sich nicht nur professionell, sondern stets kompromisslos um ihre Patienten kümmerte, ohne dabei Aufhebens um ihre eigene Person zu machen, und das schätzte er an ihr.

Weil er wollte, dass Lara von alldem nichts mitbekam, hatte er darauf bestanden, sie im Tiefschlaf zu lassen.

Erst als Alva genervt die Luft ausstieß, fiel ihm auf, dass er schon wieder im Türrahmen des Schlafzimmers stand.

„Du bist als Nächster dran auf der Krankenstation.“

„Unnötig.“

„Das sehe ich anders.“

Alva war fertig und räumte ihren Arztkoffer wieder ein.

Er musste es endlich wissen!

Was? Was hatte man Lara angetan?

„Wie geht es Lara? Ist sie auch wirklich in Ordnung?“

„Ich habe ihr mit Arabella die nassen Kleider ausgezogen, sie gründlich untersucht und anschließend in vorgewärmte Decken gepackt.“

„Ja – und?“

Jede weitere Sekunde der Ungewissheit war die reinste Hölle und er glaubte explodieren zu müssen, während Alva in aller Seelenruhe den Koffer zumachte und ihm entgegenkam.

„Angesichts der Umstände geht es Lara gut. Den Blutverlust wird sie mit genug Essen und Trinken ohne Probleme kompensieren. Dafür sorgt die Symbiose zwischen euch. Sie ist nur etwas unterkühlt und ihre Wangen sind ein wenig geschwollen. Ansonsten habe ich lediglich ein paar blaue Flecke entdeckt.“

Unwillkürlich drang ein wütendes Knurren aus seiner Kehle, ballten sich seine Hände zu Fäusten und sein Körper spannte sich wie ein Drahtseil.

„Wo?! Um Gottes willen, wo hat sie diese blauen Flecke?“

Lara hatte ihm gegenüber nur ein paar Ohrfeigen erwähnt – vielleicht mit Absicht. Es gab schlimme Dinge, die man nur Frauen antun konnte, und das hatte ihm keine Ruhe mehr gelassen. Er war drauf und dran, Alva über den Haufen zu rennen, um selbst nachzusehen. Doch die hob nur eine Augenbraue und blieb unmissverständlich im Türrahmen stehen.

„Agnus?“ Sie musste nicht laut werden und Agnus wusste wohl sofort Bescheid, denn einen Wimpernschlag später spürte John die mächtigen Hände des Anführers auf seinen Schultern. Nur das hielt ihn davon ab, wie ein wild gewordener Stier das Schlafzimmer zu stürmen.

„Die Hämatome sind nur auf ihrem Brustkorb, John.“

„Du hast meine Frau gehört, also beruhige dich wieder.“

„Beruhigen! Ich beruhige mich erst wieder, wenn Ramón endlich tot ist, weil ich ihm sein schlagendes Herz aus der Brust gerissen habe! Dieser Bastard hat Elisabeth getötet! Und beinahe auch Lara!“

Alva runzelte die Stirn. „Die Polizei sagte doch damals, Elisabeth sei mit dem Jaguar auf der eisigen Straße ins Schleudern geraten, im Fluss gelandet und dort ertrunken.“

„Das habe ich auch geglaubt, aber das sogenannte Unglück war eine Falle von Ramón. Und als Elisabeth flüchten wollte, ist sie im reißenden Fluss ertrunken.“

Agnus fluchte. Alva war sichtlich getroffen.

„Und ich bin an allem schuld“, ergänzte er.

Bei seinem letzten Kommentar legte Alva ihre Stirn erneut in Falten.

„Aber dafür wird Ramón bezahlen! Ich werde ihn mir heute Abend persönlich vornehmen.“

Bei Sonnenuntergang würden die Wächter aufbrechen, um am Beta-Standort gegen Ramón und seine Mörderbande zu kämpfen.

„Wann trefft ihr euch zur Einsatzbesprechung? Ich muss mich nur kurz umziehen.“

Er wollte direkt zum Wandschrank marschieren, doch Agnus’ Hände hielten ihn abermals zurück.

„Alva?“, fragte Agnus.

Agnus und Alva waren seit Jahrhunderten ein Paar und wie üblich verstanden die sich auch ohne viele Worte. Alva trat einen Schritt zurück und musterte ihn mit kritischem Blick. Kopfschüttelnd meinte sie schließlich: „Agnus, die haben John dermaßen zugerichtet, dass ich vor lauter getrocknetem Blut und verkohlter Haut noch nicht mal etwas sehen kann.“

„Ich werde auf keinen Fall die Hände in den Schoß legen, Agnus!“, protestierte er.

Sein Anführer trat neben ihn, schaute erst seine Frau und dann ihn an. Bei seinem Anblick schüttelte auch Agnus den Kopf.

„Hör zu, John, es wäre besser …“ Agnus brach ab und atmete tief durch, „Zum Donnerwetter! Ich kann dich verstehen. Dusch dich, iss was und hau dich kurz aufs Ohr. Wenn Alva dann nichts Gravierendes findet, bist du dabei.“

Als John in frischen Sachen wieder aus der Dusche kam, das Hemd noch offen, den Hosenknopf schließend, ging er zuallererst ins Schlafzimmer, um nach Lara zu sehen. Alle bis auf Arabella waren verschwunden. Das Exmodel hatte es sich in seinem englischen Clubsessel am Bett neben Lara bequem gemacht.

Da lag Lara nun, still und friedlich, wie bei ihrer ersten, unfreiwilligen Begegnung, nachts am Fluss. Ihr blasses, anmutiges Gesicht mit den kleinen Sommersprossen, die er so liebte, war umrandet von langen, wunderschönen Locken. Ihr seltener Farbton lag zwischen Kastanienbraun und Burgunderrot – wie bei seiner verstorbenen Elisabeth. Hätte man von beiden Frauen einen Scherenschnitt angefertigt, wäre er identisch gewesen. Leider lag genau darin das Problem, denn an dem Morgen, als Lara das entdeckte, glaubte sie, nur ein Ersatz für ihn zu sein, und war nach ihrer ersten, stürmischen Nacht Hals über Kopf vor ihm geflohen.

Er wünschte sich so sehr, Lara würde ihn mit ihren grünbraunen Augen wieder begehrend ansehen und mit ihren geschwungenen Lippen so leidenschaftlich küssen wie vor ein paar Tagen – in genau diesem Bett.

Doch seitdem war viel geschehen …

Die riesige rosafarbene Kaugummiblase, die geräuschvoll vor Arabellas Mund zerplatzte, riss ihn wieder ins Hier und Jetzt.

„Hey, Großer. Wie du siehst, hab ich das Anstarren und Händchenhalten inzwischen für dich übernommen.“

„Das ist lieb von dir. Danke, Ara.“

Ihre sonst so fröhliche Miene wirkte bedrückt, deshalb nahm er einen ihrer Zöpfe und pinselte damit ihre Wange.

„Na, diese Woche mal schwarz, mit lila Strähnen? Ohne mein gutes Vampirgedächtnis hätte ich längst vergessen, dass du naturblond bist.“

„Was Ramón mit dir angestellt hat, ist furchtbar.“

John ließ den Zopf fallen.

Für einen Moment herrschte Stille.

„Ich bin ein Vampir. Sieh mich an“, sagte er dann und schob demonstrativ sein Hemd vorn auseinander, blickte an sich hinunter, als müsste er sich selbst auch davon überzeugen. „Ich bin inzwischen fast wie neu, aber dieser Scheißkerl wird heute Nacht tot sein.“

Er lächelte die besorgte Ara dabei an, hörte jedoch die Bitterkeit in seiner Stimme.

Ja, sein Vampirorganismus hatte ganze Arbeit geleistet. Dort, wo die Folterspieße gesteckt hatten, waren nur noch blasse, rote Male und ein unangenehmes Ziehen übrig. Ansonsten war seine neu gewachsene Haut zwar noch empfindlich, aber makellos. Es hatte beim Duschen allerdings geschmerzt, sie mit der harten Bürste unter den verkohlten Hautschichten freizuschrubben. Aber andere Dinge schmerzten viel mehr.

„Du hast mir deine Gefährtin auf dem Silbertablett präsentiert“, hallten Ramóns Worte in seinem Inneren nach. Sein gequälter Blick glitt zum Bett.

Er war schuld – an allem, was Lara durchgemacht hatte.

„Manches hinterlässt Spuren, die man nicht sehen kann, John. Das hab ich diese Woche am eigenen Leib erfahren“, sagte Arabella ungewohnt leise.

Um nicht darüber reden zu müssen, flüchtete er in die Küche. Ara schien anderen immer bis ins Innerste zu sehen. Mit dem Naturell einer Pippi Langstrumpf vermuteten das die wenigsten bei ihr, aber er wusste es besser.

„Hey!“, rief Arabella ihm nach, „Wenn du was zum Futtern suchst, sieh im Ofen nach! Ich hab dir was warm gehalten. Vinz hatte doch für alle im Hauptquartier gekocht.“ Etwas leiser ergänzte sie: „Aber wir haben ja kaum einen Bissen herunterbekommen, während Ramón dich irgendwo gefangen hielt und wir nicht wussten, ob du überhaupt noch lebst.“

Und alle hatten nach ihm gesucht. Leider war Lara entgegen jeder Warnung schon bei Tageslicht aufgebrochen – allein. Durch die symbiotische Verbindung zu ihm hatte sie als Einzige die Möglichkeit gehabt, ihn, sozusagen aus dem Bauch heraus, zu finden. Doch dabei war sie Ramóns Leuten förmlich in die Arme gelaufen.

Eins stand fest: Ohne ihn wäre Lara nie in die Klauen dieses skrupellosen Verbrechers geraten, ohne ihn nie zwischen die Fronten der Vampirwelt.

Er war schuld.

Mit einem riesigen Teller Essen kam John zurück ins Schlafzimmer.

„Ara, ich hab eine Bitte. Kannst du bei Lara bleiben, wenn ich nachher mit den anderen losziehe? Vielleicht wacht sie ja auf und …“

„Klar, mach ich doch gern für dich.“

Etwas in ihrer Stimme irritierte ihn, und als er neben Ara ans Bett trat, entdeckte er den Grund.

„Du weinst ja, Ara.“

Auf seinen Kommentar hin boxte sie ihn, augenscheinlich mit all ihrer Kraft, in die Schulter. Sein Teller wackelte noch nicht mal.

„Das ist deinetwegen, du blöder Hund! Ich hatte eine Scheißangst, dass du nie wiederkommst!“

Er hatte auch nicht mehr erwartet, diese Sache zu überleben. Um die Situation zu überspielen, zupfte er an einem ihrer Zöpfe. „Aber wie du siehst, bin ich zurück und beim nächsten Pokerspiel kannst du gern wieder erfolglos versuchen, mich über den Tisch zu ziehen.“

Ara boxte ihn noch mal, lächelte aber wieder.

„Ich werde Lara nachher in einen leichteren Schlaf versetzen. Falls sie Hunger bekommt oder …“

„Ja, ja, keine Sorge. Dann füttere ich sie und flöße ihr Alvas isotonische Drinks ein. Aber da ist noch was anderes, um das du dich kümmern musst, John.“

Er schob sich im Stehen eine Gabel Pasta nach der anderen in den Mund und brachte deshalb nur ein „Hm?“ heraus.

„Sieh dich mal hier um“, begann Arabella zögernd, „oder im Wohnzimmer oder in jedem anderen Raum.“

Sein flüchtiger Blick schweifte kurz umher.

„Wieso? Meinst du, ich muss mal wieder Staub wischen?“

Ara lächelte, aber es wirkte traurig.

„Nein. Was ich meine, ist: Der Platz, den eine neue Frau einnehmen sollte, ist noch belegt.“

Er ließ die volle Gabel sinken und schaute sich noch mal im Zimmer um, diesmal länger. Seine Schultern sackten nach unten und er atmete tief durch. Langsam beugte er sich zum Nachtkästchen und strich gedankenverloren über den kleinen Bilderrahmen mit Elisabeths Porträt.

„Du sollst sie ja nicht aus deinem Gedächtnis löschen, Großer, aber versuch doch mal, das alles mit Laras Augen zu sehen.“

Sie stand auf und legte eine Hand auf seinen Arm.

„Wir sind hier eine große Familie. Ich helfe dir ausräumen, wenn du so weit bist.“

Er atmete ein weiteres Mal tief durch, griff nach dem kleinen Bild und legte es behutsam in Arabellas Hand.

„Alles, bis auf dieses Bild. Würdest du das für mich tun?“

„Okay, aber ich bring die Sachen erst mal ins Lager. Dann kannst du später in Ruhe entscheiden, was du damit machst.“

Arabella stellte sich auf Zehenspitzen und verwuschelte – mal wieder – seine Haare.

„Und heute Nacht holst du ihn dir, Großer! Dann kann dieses Monster nie wieder eine Frau entführen.“

So wie Lara und Alice und Arabella selbst, ergänzte er in Gedanken.

Eine Träne rollte über Aras Wange. Offensichtlich hatte das Echo ihrer Vergangenheit sie erwischt. Er wollte sie wieder lächeln sehen und meinte mit einem Augenzwinkern: „Vinz kann schon mal ein Rezept für rohes Herz raussuchen. Oder magst du es lieber gut durchgebraten?“

„Igitt, Ramóns verdorbenes Fleisch würde ich nicht mal an einen Hund verfüttern.“

Ara war für ihn wie eine kleine Schwester in dieser Wächterfamilie und sie benahm sich ihm gegenüber, als sei er ihr großer Bruder – na ja, oder auch ihr Bobtail oder Basset. Er fragte sich, ob Lara bereit wäre, ihr Leben hinter sich zu lassen, um auch Teil dieser Familie zu werden. Doch nach ihrer Reaktion im Auto hegte er da starke Zweifel.

Kapitel 3

Johns Taktik ging auf.

Während Ramón seine Mörderbande vor dem leeren Beta-Hauptquartier sammelte, um es zu stürmen, folgte Agnus Johns Vorschlag und brachte die Wächter hinter den Gesetzlosen in Stellung. Damit die Täuschung nicht auffiel, ließ Elia funkgesteuert abwechselnd allerlei Lichter brennen und stellte sogar den Rasensprenger an.

Die Wächter waren zwar zahlenmäßig weit unterlegen, dafür hatten sie, wie von John erhofft, das Überraschungsmoment auf ihrer Seite. Ein weiterer Trumpf war Vinz, dieser exzellente Scharfschütze, der sich auf dem Dach des Beta-Stützpunktes positionierte und einen Treffer nach dem anderen landete.

Und obwohl Ramón seine Leute als lebende Schutzschilde benutzte, fand Vinz mit eiskalter Präzision immer wieder eine Lücke, um den Blutfürsten zu treffen. Kein Wunder, denn Vinzenz hatte noch eine Rechnung mit Ramón offen. Der hatte nämlich damals Ara mit ihrer neugeborenen Tochter Susi verkauft und auf einen anderen Kontinent verschleppen lassen.

Leider merkte John im Kampf recht schnell, dass sein Körper noch nicht zu hundert Prozent wiederhergestellt und er nicht wirklich fit war. Doch alle Wächter schienen in dieser Nacht ein wachsames Auge auf ihn zu haben und ihm den Rücken freizuhalten – dahinter steckte sicher Agnus.

John kämpfte sich in Richtung von Ramón vor, der sich feige hinter anderen verschanzte. Bald stellte der Fürst aber fest, dass die Lage kritisch wurde und ihm das auch nicht mehr half. Ab da versuchte Ramón, mit seinem Leibwächter als Deckung, zu flüchten. Doch Agnus war nicht umsonst Anführer, und außerdem wusste er genau, was John vorhatte. Er schnitt Ramón mit zwei anderen den Weg ab und trennte ihn von seinem Leibwächter Hassan. So war es John möglich, Mann gegen Mann mit Ramón zu kämpfen. Vinz hatte vorher mit genügend Gewehrkugeln dafür gesorgt, dass das Kräfteverhältnis zwischen ihnen ausgeglichen war.

Am Ende schleifte John den Blutfürsten zum Swimmingpool des Beta-Standortes. Ramón hatte Lara mit ironischen Bemerkungen auf den Lippen zweimal beinahe ertrinken lassen und John hatte gefesselt mit ansehen müssen, wie sie immer mehr Wasser schluckte und verzweifelt gegen das Ertrinken ankämpfte. Dieser Sadist Ramón sollte am eigenen Leib spüren, was er ihr angetan hatte.

John drückte den Blutfürsten unter Wasser, ließ ihn gegen das Ertrinken kämpfen wie jener Lara damals. Bevor Ramón das Bewusstsein verlor, zog er ihn wieder heraus.

Das Tribunal hatte Ramón für seine grausamen Verbrechen schon vor Jahrzehnten zum Tode verurteilt. Aber für John war es der eigene Schwur, den er heute einlöste: Für das, was der Fürst Elisabeth und Lara angetan hatte, schnitt er ihm mit dem Messer die Brust auf. Dann riss er Ramón das Herz aus dem Leib.

Bei Sonnenaufgang würde Ramóns Leiche zu Asche werden und der Wind würde sie zerstreuen, bis nichts mehr von ihm übrig blieb.

Spät in der Nacht kehrte John mit den Wächtern ins Hauptquartier zurück. Sein erster Weg führte ihn jedoch nicht ins Haus, sondern zum Teich des riesigen Grundstücks. Dort zog er sein Hemd aus, verbrannte es und wusch sich anschließend Ramóns Blut ab. Nicht die kleinste Spur dieses skrupellosen Mörders wollte er in seinem Quartier haben.

Doch Ramóns Stimme starb nicht mit ihm. Sie hallte immer noch in seinem Inneren: „Deine Lara kam ganz allein hierher … Schon wieder präsentierst du mir eine Gefährtin auf dem Silbertablett … Du bist so verantwortungslos, John … Was denkst du, wie lange dauert es, bis sie ertrunken ist?“

Lautlos, wie es seiner Raubtiernatur entsprach, trat John schließlich in sein Schlafzimmer. Er hatte ja schon viel in seinem langen Leben gesehen, aber das?

Nach all dem Kampf und Blut in dieser Nacht brachte ihn dieser Anblick zum Schmunzeln.

Ara war ein echtes Unikat.

Nicht nur, dass sie mit einer schusssicheren Weste und einer quer über die Brust gehängten Maschinenpistole im Clubsessel neben der schlafenden Lara saß und die Beine über die Lehne baumeln ließ. Nein, sie lackierte sich dabei auch noch die Fingernägel – violett und verteilte glitzernde Steinchen darauf. Um das Gesamtbild abzurunden, lagen auf dem Nachtkästchen, neben Nagellack­entferner und Wattebäuschen, wie selbstverständlich drei Ersatzmagazine für die MP5.

„Hallo, Arabella.“

Das Exmodel schreckte zusammen, griff blitzschnell nach der Maschinenpistole und zielte auf ihn. Er schaffte es gerade noch, ihre offene Nagellackflasche aufzufangen, bevor sie auf dem flauschigen Teppich landete.

„Bist du irre! Dich so anzuschleichen?! Ich hätte dich fast erschossen!“

„Tut mir leid. Aber gut reagiert!“

Stolz lächelte sie zurück.

„Danke. Vinz ist ein geduldiger Lehrer.“

„Kannst du mir verraten, warum du in meinem Quartier eine MP5 umhast?“

Arabella legte den Kopf schief und sah ihn schulmeisterlich an.

„In deinem Notfallplan …“

„Ach ja, stimmt. Alle sollten eine Waffe bei sich tragen, auch die Frauen. Aber musste es gleich …“

Sie unterbrach ihn mitten im Satz.

„Vinz sagt zwar, ich bin inzwischen eine prima Schützin, aber welche Chance hätte ich wohl mit einer normalen Pistole, wenn statt dir zwei von Ramónsblutgierigen Vampiren hier hereingeplatzt wären, hä?“

Welche Chance hätte wohl Lara?

„Mit der MP könnte ich sie erst mal aufhalten und dann in Ruhe zwei gut platzierte Kopfschüsse abgeben. Und die hier“, sie deutete auf ihre kugelsichere Weste. „Na ja, du kennst doch Vinz.“

„Du hast völlig recht, Ara. Das war eine gute Wahl.“

John blickte auf ihre Fingernägel.

„Tut mir leid, ich hab wohl deine frisch lackierten Nägel ruiniert.“

Flüchtig schaute das Exmodel auf ihre Hände.

„Ach, das ist doch völlig unwichtig, John. Ich musste mich nur irgendwie ablenken, weil ich mir die ganze Zeit Sorgen um euch gemacht habe.“

Eine Träne kullerte über ihre Wange.

„Sag mir bitte, was mit Vinz passiert ist. Er hat mir nur eine SMS geschickt, dass alles okay ist, aber ich habe gespürt, dass er verletzt wurde.“

So war das zwischen Gefährten in einer Symbiose. Man spürte nicht nur die Gefühle des Anderen, sondern auch seine Schmerzen wie ein gedämpftes Echo.

„Er will nur nicht, dass du Angst um ihn hast.“

Und Vinz hatte ziemlich blutig ausgesehen.

„Hab ich aber trotzdem! Also sag’s mir, bitte!“

Er wischte ihr mit dem Daumen die Träne aus dem Gesicht und zog spielerisch an einem ihrer Zöpfe.

„Hey, Vinz kämpft schon ein paar Jahrhunderte für die Wächter. Er ist hart im Nehmen und es verheilt doch alles wieder.“

In spielerischer Drohung richtete Ara den Lauf der MP5 auf ihn. „Spuck’s aus!“

„Ein Durchschuss im linken Bizeps, ein Streifschuss am rechten Unterarm und eine Kugel, die noch in seiner linken Schulter steckt. Die muss Alva gleich mit dem Skalpell herausschneiden.“

Wie von einer Sprungfeder katapultiert sprang Ara auf.

„Dann geh ich gleich zu ihm. Ich will bei ihm sein, wenn Alva die Kugel rausholt.“

„Na, jetzt gehst du wohl Händchenhalten, was?“, fragte er schmunzelnd.

„Klar! Ich lasse Vinz doch nicht allein, wenn an ihm rumgeschnippelt werden muss.“

Ruckartig drückte Ara ihn an sich.

„Ich bin so froh, dass ihr alle wieder heil zurück seid.“

Abrupt rückte sie wieder ein Stück von ihm ab.

„Du bist doch heil, oder?“

„Nichts Ernstes, die anderen haben heute für mich Babysitter gespielt.“

Sein Blick verharrte auf Lara, die tief in Decken eingemummelt friedlich schlief. Drei gebrochene Rippen, zwei Streifschüsse und ein paar tiefe Messerwunden – was spielte das schon für eine Rolle, wenn sie dafür in Sicherheit war?

„Wie geht es ihr, Arabella?“

„Lara hat die ganze Zeit ruhig und fest geschlafen. Sie musste nur zur Toilette, da hab ich ihr gleich einen von Alvas Aufbaudrinks eingeflößt. Zum Essen war sie gar nicht wach genug. Was ja kein Wunder ist, lieber John, weil du sie wie ein Bär in den Winterschlaf geschickt hast.“

„Ich wollte, dass sie sich im Schlaf von allem erholen kann, ohne durch Albträume wach zu werden.“

Albträume vom Ertrinken oder von Oskar, Ramóns Folterknecht, der sie beinahe in die Finger bekommen hätte. Aber vor allem hatte er Angst gehabt, dass Lara weggehen würde, bevor er zurück war – so wie schon einmal.

Mit halbem Ohr hörte er Ara sagen: „Ich habe dir den Kühlschrank und die Schränke mit Vorräten aufgefüllt, damit dir deine Lara nicht verhungert. Also dann Tschüssi!“

„Warte!“

Er konnte sie gerade noch am Oberarm festhalten. Mit dem Kinn wies er auf ihre MP5.

„Sicher lieber deine Maschinenpistole, bevor du über die Flure spurtest, ja? In nächster Zeit werden keine Feinde unser Hauptquartier stürmen.“

Das hoffte er zumindest, denn leider hatten sie nicht alle erwischt. Boris, Ramóns Stellvertreter, würde vielleicht schon bald dessen Platz einnehmen.

„Ups! Hab ich ganz vergessen. Dabei hat Vinz mir das tausendmal vorgebetet. Den Sicherungsflügel auf ‚S‘ wie sicher.“

Zum Beweis sicherte sie die MP vor seinen Augen.

„Braves Mädchen. Und vielen Dank – für alles.“

„Hab ich doch gern gemacht.“

Ein flüchtiges Winken, dann verschwand sie wie ein Wirbelwind. Er ging ihr nach und schloss die Wohnungstür, die sie sperrangelweit offen gelassen hatte. Dann zwang er sich zu einer heißen Dusche.

Gründlich sauber werden, alles abwaschen, alle Spuren beseitigen – das funktionierte nur an der Oberfläche.

Zurück im Schlafzimmer, ließ er sich auf die Bettkante sinken und atmete tief aus. Laras Kopf war im Kissen versunken, ihr Gesicht umspielt von ihren langen Locken. Ebenso wunderschön wie eigensinnig – nicht nur die Haare.

Sanft strich er zwei Locken aus ihrem Gesicht und streichelte mit dem Handrücken über ihre Wange, löste sie damit zugleich aus der Tiefschlafphase.

Ihre Nähe, sie zu berühren – wieder einmal wirkte das wie ein Zauber auf ihn. Friedliche Wärme breitete sich in seinem Inneren aus und schwemmte allen verbliebenen Zorn fort. Er spürte, wie die stählerne Anspannung, die er bisher gar nicht registriert hatte, sich auflöste. Seine Seele kam das erste Mal seit Tagen wieder zur Ruhe. Gleichzeitig fühlte er sich auf einen Schlag total ausgepowert. Nach drei Tagen fast ohne Schlaf wollte er jetzt nur noch die Augen zumachen und Lara sicher in seinen Armen wissen.

Der leise Summton seines Handys hielt ihn davon ab, wie ein Stein ins Bett zu fallen. Auf diese Antwort hatte er ungeduldig gewartet.

„Negativ“, lautete Elias SMS.

Sofort wählte er Elias Nummer und ging ins Wohnzimmer, um Lara nicht zu wecken.

„Ich hab dir doch Ramóns Laptop geliefert. Du hast gesagt, du kriegst das hin!“

„John, der Standort von Ramóns Hauptversteck war wider Erwarten nicht drauf. Zumindest habe ich durch den Laptop Zugriff auf seinen Hauptrechner bekommen und mit meinem selbst kreierten Napalm-Virus alle Daten gelöscht.“

„Was ist mit der schwarzen Liste? Und Laras Portemonnaie mit ihren Papieren?“

Ramón hatte nicht nur ein Kopfgeld auf die Wächter ausgesetzt, sondern sogar auf ihre Frauen Jagd gemacht.

„Walter hat Ramóns Kleidung und seinen Wagen durchsucht. Dabei fand er die Liste mit uns und unseren Frauen, auf die Ramón ein Kopfgeld ausgesetzt hat. Walter verbrannte das Ding noch an Ort und Stelle. Aber Laras Brieftasche mit all ihren Papieren, die Ramón ihr abgenommen hatte, konnte er nirgendwo finden.“

John fuhr sich frustriert durch seine Locken.

„Also haben wir keine Möglichkeit, den Rest der Bande zu erledigen. Und durch Laras Ausweis und Führerschein kennen die geflüchteten Verbrecher ihr Gesicht, ihren Namen und wissen, wo sie wohnt.“

„Tut mir leid, John.“

Als er ins Schlafzimmer zurückkehrte, lag Lara zusammen­gerollt auf der Seite und wirkte mit einem Mal noch viel verletzlicher.

Beinahe wäre sie ertrunken, beinahe in die Hände eines Folterers geraten.

Gott sei Dank war Lara hier bei ihm sicher.

Dennoch kam er nicht gegen das Bedürfnis an, sie darüber hinaus in die Sicherheit seiner Arme zu schließen.

Normalerweise schlief er nackt. Heute zog er sich eine schwarze Pyjamahose an und legte sich hinter Lara ins Löffelchen. Behutsam schob er einen Arm unter ihren Kopf und umschlang mit dem anderen ihren Bauch.

Hier und jetzt war sie sicher, und ihre warme, weiche Haut zu spüren, empfand er als pures Glück.

„John?“, murmelte Lara im Halbschlaf.

„Entschuldige, ich wollte dich nicht wecken. Schlaf einfach weiter.“

Lara schmiegte sich enger an ihn, legte ihre Hand auf seinen Arm und murmelte: „Morgen bringst du mich wieder nach Hause, ja?“

Nein.

John küsste zärtlich ihren Hals und flüsterte einlullend: „Schlaf dich erst mal aus, Lara.“

„Mhm.“

Mit ihrem beruhigenden Herzschlag in den Ohren fiel auch er kurz darauf völlig erschöpft in den Schlaf.

Kapitel 4

Mitten im Kampfgetümmel sah Hassan Ramón sterben.

Sofort keimte in ihm die Hoffnung auf, endlich mit seiner Mutter fliehen zu können. Der Blutfürst hielt sie nun schon seit Jahren als Geisel. Ein Druckmittel, um ihn zum absoluten Gehorsam als Leibwächter zu zwingen. Selbst der Versuch zu fliehen hätte ausgereicht, damit Ramón ihn beim langsamen und qualvollen Tod seiner Mutter Semira zusehen ließ. Und sie floh nicht, weil ihm sonst das Gleiche blühte. Schon beim kleinsten Aufmucken wurde nicht nur er, sondern auch seine Mutter grausam bestraft.

Er muckte nicht mehr auf, schon lange nicht mehr.

Seine Mutter Semira war einst eine Schönheit gewesen, sein orientalisches Aussehen und seine langen, rabenschwarzen Locken hatte er von ihr geerbt. Doch in den letzten Monaten wurde sie mehr und mehr zur leeren Hülle. Sogar sie, die ehemalige Sklavin aus Byzanz, verlor immer mehr ihren unbeugsamen Lebenswillen.

Ramón hatte in seinem Unterschlupf nur zwei Mann als Wache zurückgelassen. Es würde keinen idealeren Zeitpunkt geben, um seine Mutter zu befreien! Leider kämpften gerade zwei Wächter gleichzeitig gegen ihn und er hatte bereits ein paar üble Verletzungen, die ihn schwächten.

Mit der Kraft der Verzweiflung bäumte er sich auf, versetzte den Wächtern zwei kräftige Hiebe und flüchtete. Ein Schuss in die linke Schulter, knapp oberhalb seines Herzens, riss ihn von den Füßen. Er rappelte sich auf und rannte selbst nach zwei weiteren Treffern immer noch. Allerdings trugen ihn seine Beine nicht mehr lange. Schließlich ging er zu Boden, die Kleidung durchnässt von seinem eigenen Blut.

Mehr tot als lebendig, spürte er, wie eine grobe Hand ihn packte, über den rauen Asphalt schleifte und in einen Kofferraum warf. Als er wieder zu sich kam, lag er in einer der Zellen des ehemaligen Militärbunkers, den Ramón in sein Hauptquartier verwandelt hatte. Die dicke Stahlmanschette um seinen Hals, die man mit einer Kette an der Wand verankert hatte, und die titanverstärkten Handschellen machten ihm auf brutale Weise klar, dass die erhoffte Befreiung seiner Mutter unmöglich geworden war.

Während ihn die höllischen Schmerzen – von seinem ohne frisches Blut nicht heilen wollenden Körper – benommen machten, hörte er Boris vor der Zellentür telefonieren.

„Du weckst mich mitten am Tag, Boris? Wenn du dafür keinen triftigen Grund hast, werde ich meinem Bruder sagen, er soll dir ein Sonnenbad gönnen!“

Diese Stimme am anderen Ende des Telefons gehörte Raúl, dem mächtigen Blutfürsten eines anderen Gebiets.

„Verzeiht die Störung, aber es geht um Euren Bruder.“

„Hat er etwa schon wieder mein Geld in den Sand gesetzt? Dann werde ich ihm nämlich höchstpersönlich ein wenig Sonnenbräune verpassen. Und warum informiert mich Oskar nicht? Er sollte aufpassen, was mein Bruder mit meinem Geld anstellt! Hat dieser faule, sadistische Bastard bei euch etwa zu viel zu tun?“

„Bitte, Fürst, gestattet mir zu erklären.“

„Hör auf zu schleimen und rede!“

„Eurem Bruder gelang es, den Standort der Wächter in Erfahrung zu bringen. Er wollte ihr Hauptquartier stürmen und hatte fast alle Männer dabei.“

„Lass mich raten, die Sache ist in die Hose gegangen?“

„Ja, und Euer Bruder ist im Kampf gefallen.“

„Verdammt!“

Am anderen Ende erscholl ein Brüllen, das Krachen von splitterndem Holz war zu hören und dumpfe Aufschläge von schwerem Stein. Nach einer Weile donnerte Raúls Stimme wieder durch den Hörer: „Wie schlimm ist es? Und was ist mit meinen Investitionen?“

„Ich und zwei andere Männer haben überlebt. Unser Hauptquartier und das neue externe Drogenlabor mit dem Lager der Basiskomponenten, das Ihr finanziert habt, sind unentdeckt geblieben.“

„Wenigstens etwas.“

Raúl ließ sich die Details erzählen, wobei Boris einige Tatsachen zu seinen Gunsten veränderte. Dass der sich selbst auf Kosten anderer ins bessere Licht rückte, war nichts Neues für Hassan. Aber außer Boris und ihm gab es ja keine Zeugen des Kampfes mehr, denn die anderen beiden Männer waren als Wache zurückgeblieben.

„Du willst mir also erzählen, dass mein Bruder in eine Falle gelaufen ist und sein Leibwächter ihn feige im Stich gelassen hat? Dass dieser Ritter der weißen Lilie Oskar getötet und meinem Bruder das Herz herausgerissen hat? Und wo warst du die ganze Zeit?“

Gute Frage! Doch Boris hatte sich dafür natürlich eine feine Geschichte ausgedacht, die nichts mit der Wahrheit zu tun hatte.

„Verdammter Lügner!“, brüllte Hassan.

Dieser hinterhältige Hund hatte ihn also nur gerettet, um ihn Raúl als Sündenbock vorzuführen. Feige, wie Boris war, hatte der sich nämlich recht schnell unauffällig aus dem Kampf mit den Wächtern zurückgezogen und vermutlich in sicherer Entfernung den Ausgang abgewartet.

„Es wird Zeit, dass ich selbst nach dem Rechten sehe und mir diesen Ritter und seine Schlampe vornehme! Erwarte mich bei Sonnenuntergang, Boris!“, hörte Hassan den zornigen Blutfürsten noch schreien, bevor der auflegte.

Raúl würde maßlose Rache für den Tod seines Bruders nehmen und er, Hassan, würde der Erste sein, der sie zu spüren bekam. Wahrscheinlich spekulierte Boris darauf, dass Raúl ihm die Führung von Ramóns Gebiet übertragen würde, weil er die Lieferanten und Abnehmer des Drogengeschäftes kannte. Für einen Blutfürsten ergab sich sehr selten die Gelegenheit, ein so großes Gebiet ohne verlustreichen Kampf zu übernehmen. Raúl brauchte aber jemanden, der sich mit der Abwicklung des Geschäftes vor Ort auskannte, um weiter Gewinn zu machen, und das war nicht er, Hassan, sondern Boris. Er war nur das Bauernopfer in diesem Spiel. Boris hingegen bot sich die Möglichkeit, die mächtigste Figur unterhalb eines Blutfürsten zu werden. Um selbst Fürst zu werden, bräuchte dieser feige Lügner nämlich eine kleine Armee, die er nicht besaß – noch nicht.

***

Lara wachte in einem Gefühl völliger Geborgenheit und Wärme auf, das sie nie zuvor in ihrem Leben verspürt hatte. John lag auf dem Rücken, sie auf der Seite, mit ihrem Kopf auf seiner Schulter. Im Schlaf hatte sie sich wie selbstverständlich eng an seinen warmen, starken Körper gekuschelt. Sein muskulöser Arm war in einer gleichermaßen besitzergreifenden wie beschützenden Geste um sie geschlungen, so als wäre das ganz normal.

Sicher, sie waren gemeinsam durch die Hölle gegangen, dennoch war das gerade mal die zweite Nacht, die sie zusammen in seinem Bett verbrachten, und die erste, in der sie auch neben ihm aufwachte.

Sie nahm diesen wunderbaren Moment in sich auf und blieb ganz still liegen, als würde der Augenblick sonst verschwinden wie ein scheues Reh.

Am liebsten würde sie jeden Morgen so aufwachen oder einfach den Rest ihres Lebens hier bei ihm liegen bleiben.

Unter der Decke lag ihre Hand auf seiner Brust. Johns Haut fühlte sich warm und weich an, konnte aber die Stärke der Muskeln darunter nicht verbergen. Wie in einem blitzartigen Aufleuchten stand ihr kurz das Bild seines verbrannten, blutigen Oberkörpers vor Augen. Ihre Hand zuckte erschrocken zurück, aus Angst, ihm damit wehzutun.

„Du bist in Sicherheit, schlaf weiter“, murmelte John mit geschlossenen Augen und zog sie noch näher an sich.

Aber ihr Herz raste mit einem Mal. Sie musste einfach wissen, ob mit ihm alles in Ordnung war, musste das mit eigenen Augen sehen.

Sein gefolterter Körper war ein Anblick des Grauens gewesen, sich davon überhaupt jemals zu erholen, widersprach jeder Vernunft.

Natürlich war das Schlafzimmer durch die Stahljalousien völlig verdunkelt, doch John hatte eine gedimmte Nachttischlampe angelassen – vermutlich wegen ihrer Klaustrophobie. Leider würde die Lampe dagegen kaum helfen, aber für ihr jetziges Vorhaben spendete sie genug Licht.

Ganz vorsichtig, um ihn nach den enormen Strapazen der letzten Tage nur ja nicht zu wecken, schob sie die Decke bis zu seiner Hüfte hinunter.

Ihre Augen wanderten über seinen Körper.

John war wunderschön und makellos – überall.

Zitternd holte sie tief Luft und fuhr mit ungläubigem Staunen sacht über seine verführerische Haut, die zum Streicheln geradezu einlud.

Unendlich erleichtert, ja beinahe erlöst, legte sie ihren Kopf danach wieder auf seine breite Schulter. Sie waren beide in eine Katastrophe geraten und hatten gemeinsam überlebt – nicht wie damals im Tunnel, als ihr Freund zurückblieb und seine verkohlte Leiche nur noch anhand des Gebisses identifiziert werden konnte.

John und sie hatten überlebt, weil sie sich bedingungslos zusammengetan hatten. Na ja – fast bedingungslos.

Beim Gedanken an den erlebten Horror lief ihr eine Träne über die Wange.

Er war entsetzlich gefoltert worden und hatte tagelang nicht geschlafen. Daher widerstand sie schweren Herzens dem Drang, John vor lauter Glück an sich zu pressen, loszuheulen und anschließend jeden Zentimeter an ihm fühlend zu erkunden.

Vorsichtig schlüpfte sie unter Johns Arm hindurch, stand auf und zog seinen Morgenmantel über. Auf Zehenspitzen schlich sie ins Bad und schloss so leise wie möglich die Tür. Heilfroh atmete sie durch, denn dies war der einzige Raum, in dem ihre Klaustrophobie nicht die würgenden Klauen um sie legte. Die verglaste Außenwand schenkte ihr eine Aussicht auf das parkähnliche Gelände. Sie entdeckte Wildheart, Quints Pumadame, die sich genüsslich im Sonnenschein auf dem saftigen Gras wälzte.

Dann zog der große Spiegel über den beiden Waschbecken ihre Aufmerksamkeit auf sich. Mit lilafarbenem Lippenstift stand dort geschrieben:

Lust auf Frühstück?

Bei mir, sobald Du wach bist.

Ara.

Daneben prangten ein fetter Smiley und ein Pfeil nach unten.

Dort, unter dem Waschbecken, entdeckte sie die übergroßen, pinkfarbenen Bärentatzen-Hausschuhe aus Plüsch, die Ara ihr beim letzten Aufenthalt geschenkt hatte.

Ein amüsiertes Lächeln breitete sich auf ihren Lippen aus.

Daneben lag, fein säuberlich aufgestapelt, Kleidung von Alva, die in etwa dieselbe Größe besaß wie sie. Es waren die gleichen Kleidungsstücke, die ihr letztes Mal geliehen wurden und die ihr Quint hatte abnehmen müssen, als er ihre Erinnerungen gelöscht hatte. Die Sachen rochen frisch gewaschen und zuoberst lag ein neues Paar Socken, auf dem ein Zettel klebte:

Schön, dass Du wieder da bist und uns John zurückgebracht hast! Ich habe den Kühlschrank und die Vorräte aufgefüllt. Hoffentlich habe ich Zeug erwischt, das Dir schmeckt.

Bis später! Ara

P.S. Die Socken sind von Quint. Er hat es herausgefunden!

Ja, die Socken. Darin war das Blatt Papier versteckt gewesen, das sie heimlich verfasst hatte, bevor Quint sie alles über die Vampire vergessen ließ. Darauf hatte sie in aller Eile das Wichtigste aufgeschrieben und natürlich die Tatsache, dass es Vampire gab und John dazugehörte.

Mit diesen Hinweisen war es ihr letztendlich gelungen, sich auch wieder an den Rest zu erinnern. Dadurch hatte sie außerdem die Möglichkeit gehabt, John zu lokalisieren, dem sie erst kurz zuvor davongelaufen war. Quint hatte sie zwar durchsucht, aber die Notiz in ihren Socken nicht gefunden. Der Vampir mit der wilden, roten Lockenmähne hatte deswegen sicher Ärger bekommen und war bestimmt stinksauer auf sie.

Dem wollte sie lieber erst mal nicht begegnen. Bei Arabella war das anders, die hatte schon längst ihre Neugierde geweckt. Ara erinnere ihn an Pippi Langstrumpf, hatte John mal grinsend gesagt und sie war gespannt darauf, diese Frau endlich kennenzulernen. Zuerst würde sie sich jedoch eine wohltuende Dusche in Johns Luxusbadezimmer gönnen.

Sie genoss die angenehme Wärme der Bodenheizung, als ihre nackten Füße über den rötlich-cremefarbenen Marmor aus China traten. In die ebenerdige Glasdusche würde man auch locker zu zweit hineinpassen, was sie gerne mal ausprobieren würde. Oder gemeinsam mit John in den Whirlpool steigen, der im Boden eingelassenen war und für sechs Leute Platz bot. Vielleicht würde sie es sich auch irgendwann auf einem der Liegestühle unter den Palmen bequem machen, die als Ruhezone für den dahinter liegenden Saunabereich dienten.

Bevor sie aus Johns schwarzem Morgenmantel schlüpfte, roch sie an dem edlen Seidenstoff. Sein verlockender männlicher Geruch beschwor Bilder ihrer ersten stürmischen Nacht herauf und zauberte ein Lächeln auf ihre Lippen. Sie war drauf und dran, sofort wieder zu ihm ins Bett zu kriechen, obwohl ihr Magen mit einem lauten Knurren protestierte. Doch wie eine eiskalte Dusche traf sie die Erinnerung an das letzte Mal in Johns Wohnung und an den Grund, warum sie Hals über Kopf gegangen war. Wobei geregelte Flucht wohl der bessere Ausdruck wäre.

Der Rausch jener Nacht und die Sehnsüchte, die damit erneut aufgestiegen waren, zerplatzten wie Seifenblasen und Lara seufzte.

Das hier war die Wohnung einer anderen.

Auch wenn seine Ehefrau seit knapp zwei Jahren tot war, lebte sie an diesem Ort weiter: in den Schränken, an den Wänden, den eingestickten Initialen überall – und in Johns Herz.

Hier gab es keinen Platz für sie – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. Hier wäre sie nur eine Kopie, ein Puzzleteil, das nie richtig in den einzigen, freien Platz passen würde.

Ihr Inneres zog sich schmerzhaft zusammen. Wie zum Abschied vergrub sie noch einmal ihre Nase in der schwarzen Seide und trat dann schnell unter die Dusche. Das wohlig warme Wasser nahm sich ihrer Tränen an.

Auf einmal sehnte sie sich nach ihrem eigenen Zuhause, dem Wohnhaus der Müller. Sie hatte es renovieren lassen und dabei auch selbst viele Stunden liebevolle, aber auch schweißtreibende Handarbeit investiert. Die Zimmer, ihre Möbel, einfach alles dort spiegelte etwas von ihrer Persönlichkeit wider – ganz anders als hier, in Johns Wohnung. Und so edel und gemütlich es hier auch sein mochte, die Dunkelheit darin erinnerte sie fortwährend an ein Mausoleum.

Gott sei Dank war es ihr möglich, auch weiterhin die Sonne zu genießen, denn trotz gegenteiliger Mythen würde sie durch Johns Biss niemals zum Vampir werden. Und sein Blut, das er ihr vor ein paar Tagen in ihrem ohnmächtigen Zustand eingeflößt hatte, um ihr Leben zu retten, sorgte nur dafür, dass sich vorübergehend jede Zelle ihres Körpers regenerieren beziehungsweise neu wachsen konnte. Durch sein Blut würden ihr eine neue Niere ebenso wachsen wie ein Fingernagel. Nur eine Verletzung des Herzens war meist tödlich, genau wie bei Vampiren.

Kapitel 5

Nach dem Duschen hatte Lara sich wieder im Griff.

„Runter mit der rosaroten Brille. Sieh der Realität ins Auge“, murmelte sie während des Abtrocknens, „Jetzt werde ich erst mal diese Ara kennenlernen und dann ist John bestimmt wach und kann mich zur Mühle fahren.“

„Immerhin hab ich ihm seine Haut gerettet! Das ist er mir schuldig“, protestierte sie ohne Zeugen, als ihr leise Zweifel aufstiegen. „Er muss mich nach Hause lassen.“

Nach Hause – sie schluckte.

Nach allem, was sie zusammen erlebt hatten, kannte John noch nicht mal ihr Zuhause, ihr normales Leben. Aber vielleicht interessierte ihn das ja überhaupt nicht. Immerhin hatte er hier sein eigenes Leben, seine Freunde – und die Erinnerung an seine tote Frau.

Eine halbe Stunde später stand sie auf dem schier endlos langen Flur, der rechts und links um Ecken ins Nirgendwo abzweigte, und fühlte sich wie ein Idiot. Erst jetzt fiel ihr ein, dass sie gar nicht wusste, wo diese Arabella überhaupt wohnte.

Ein kleines Mädchen mit erdbeerblonden Zöpfen und einem Plüschpuma im Arm hüpfte in diesem Moment um die Ecke und stoppte direkt vor ihr. Mit einem strahlenden Lächeln schaute die Kleine zu ihr hoch.

„Du bist bestimmt die Buchschreiberin.“

Das Mädchen wartete ihre Antwort gar nicht ab.

„Ich bin Alice und das hier ist Wildhearts kleine Schwester. Gehst du auch zu Ara frühstücken?“

Kaum hatte Lara Ja gesagt, griff Alice nach ihrer Hand und zog sie hüpfend hinter sich her.

„Du hast dich verlaufen, oder? Das ist mir am Anfang auch passiert. Das wird schon noch.“

Da Lara eh keine Chance hatte zu Wort zu kommen, ließ sie sich einfach mitziehen.

„Mama ist schon längst da, aber ich wollte noch mit Papa kuscheln.“

Endlich holte das Mädchen mal Luft zwischen ihren Sätzen.

„Wer ist denn dein Papa?“

„Der allerbeste Kämpfer, den es hier gibt, und der allerallergrusligste! Er hat nämlich eine Schlange im Gesicht.“

Mit gespielt finsterer Miene versuchte Alice, mit ihrer kleinen Kinderhand eine Furcht einflößende Schlange zu imitieren. Lara musste kichern.

„Können Buchschreiberinnen nicht ein bisschen schneller laufen? Ich bin nämlich ganz doll hungrig!“

„Doch, das können sie, vor allem wenn sie selbst fast vor Hunger sterben.“

Lächelnd fegte Lara mit dem kleinen Wirbelwind über die Flure.

Doch als sie darüber nachdachte, dass sie tatsächlich in einem Vampirnest zum Frühstück eingeladen war, kam ihr plötzlich alles so unwirklich vor.

Ihre Schritte wurden langsamer und Alice riss sich los, um ein paar Meter weiter, ohne anzuklopfen, durch eine Tür zu stürmen.

Arabella musste äußerlich eine ganz normale Frau sein, wenn auch mit ewiger Jugend, denn Vampire waren ausschließlich männlich. Aber sie fragte sich, ob auch Männer am Tisch sitzen würden – und Blut aus Kaffeetassen tranken – gruselige Vorstellung.

Und lebten hier alle ständig im Dunkeln?

Dann war da noch dieser seltsame Traum von einer Krankenschwester mit lila Haaren und einer Maschinenpistole, die ihr zur Toilette half und zu trinken einflößte …

Als sie beinahe die offene Tür erreicht hatte, war sie schon wieder so weit umzukehren. Doch da trat die seltsame Krankenschwester, diesmal allerdings ohne Maschinenpistole, auf den Flur heraus.

„Hi, Lara!“

Wow, also doch kein Traum! Beinahe wäre ihr der Mund offen stehen geblieben. Noch ehe sie Hallo sagen konnte, nahm die schlanke Frau mit dem Körper eines Victoria’s-Secret-Models, sie überschwänglich in den Arm, als wäre sie ihre beste Freundin.

„Herzlich willkommen!“

„Du bist also Arabella?“

John hatte recht, denn mit ihrer Art und den beiden lila-schwarzen Zöpfen, musste auch sie flüchtig an Pippi Langstrumpf denken.

„Nenn mich einfach Ara und komm endlich rein. Du musst ja halb am Verhungern sein, so wie dein Magen knurrt.“

Ara führte sie zu einer großen gemütlichen Wohnküche. Gott sei Dank mit Fenstern, durch die die Sonne schien! Ihre Beklemmung wegen der fensterlosen Flure von vorhin löste sich auf. Trotzdem blieb sie angesichts der Szene erst mal wie angewurzelt im Türrahmen stehen.

„Latte, Cappuccino oder stinknormaler Kaffee?“

„Ähm – Kaffee.“

An diesem großen, schön gedeckten Tisch würden sie gleich zu fünft frühstücken. Alva und eine Frau, deren Gesichtszüge und schwarze, gelockte Haare eine südländische Herkunft verrieten, saßen bereits und unterhielten sich gut gelaunt.

So etwas hatte sie sich an ihrem stets leeren Küchentisch auch immer gewünscht!

Auf der hübschen Tischdecke mit Miniblümchen präsentierte sich eine Silberplatte mit edelstem Käse und feinster Wurst. Wie sich nachher herausstellte, hatte jede etwas zum Frühstück beigesteuert: VonAlva, die skandinavische Wurzeln hatte, kamen der Räucherlachs und die Krabben, von Rose der spanische Serrano-Schinken. Ara, die sich aus Gewohnheit oft noch wie ein Model ernährte, hatte die Vielfalt mit selbst zubereitetem Obstsalat und frisch gepresstem Orangensaft ergänzt.

Das absolute Highlight war allerdings die Tischmitte. Dort thronte ein großer, neongrüner Plüschfrosch mit der Aufschrift „Küss mich“, der sich als Aras Eierwärmer entpuppte. Um ihn herum schwammen in Wasserschälchen Kerzen in Seerosenform.

Das Bild, das sich ihr bot, war herzerwärmend und schmeckte doch wie bittere Medizin.

Sie erkannte, wie sehr ihr so etwas all die Jahre gefehlt hatte in ihrer wunderschönen, aber einsamen Mühle, inmitten von Feldern.

„Komm schon, setz dich endlich. Oder soll ich deinem knurrenden Magen eine Sonde verpassen?“, scherzte die Ärztin.

Arabella stellte ihr den Kaffee hin, setzte sich und meinte zu ihr: „Mann, siehst du geschockt aus. Hast du was anderes erwartet? Heute ist hier Mädelsrunde. Das Ciabatta und die kleinen Brötchen hat mein Schatz Vinz übrigens aus dem Mehl von deiner Mühle gebacken.“

Wortlos setzte sich Lara an den Tisch, der alles bot, was das Herz begehrte. Aber das Beste war, dass die anderen sie wie selbstverständlich in ihren Kreis aufnahmen. Es war so angenehm, wie in eine warme Badewanne zu steigen, wie gute Freunde zu treffen und nicht, wie „die Neue“ zu sein und am Rand zu stehen.

Sie lachten und scherzten auch mit ihr, als wären sie alte Freundinnen und säßen in einem Pariser Straßencafé, nicht in einem Vampir-Hauptquartier.

Nichts und niemand an diesem Tisch war 08/15 und das gefiel ihr umso mehr. Wie sich herausstellte, war ihre Gastgeberin in den 80er Jahren ein Topmodel gewesen.

Rose, zur Hälfte Spanierin, war eine im Nahkampf versierte Personenschützerin und hatte früher eine eigene Bodyguardagentur.

Alva hatte sie ja bereits kennengelernt. Sie war die Ärztin, die sich nach ihrem Sprung von der Brücke, durch den sie ohne John gestorben wäre, um sie gekümmert hatte. Ihr charakterstarkes Gesicht mit den typisch nordischen Wangenknochen und einem beinahe kantigen Kinn, wirkte durch die stufig geschnittenen, braunen Haare, die es umspielten, etwas weicher. Ganz nebenbei erfuhr sie, dass Alva seit dem 14. Jahrhundert und durch alle Zeitalter hindurch Heilerin und Ärztin gewesen war.

Als Schriftstellerin historischer Romane ging die Neugierde mit ihr durch und sie löcherte Alva mit tausend Fragen über das Leben in früheren Zeiten.

Die Ärztin musste sie mehrmals ans Essen erinnern, sonst hätte sie darüber sogar das Frühstücken vergessen.

Lara gefiel das herzliche und ehrliche Miteinander.

Während sie dort am Tisch saß, ging ihr viel durch den Kopf. Die Art, wie diese Frauen miteinander umgingen, ließ keinen Zweifel daran, dass sie nicht nur miteinander scherzten. Sie würden auch ihre Sorgen miteinander teilen und sich bedingungslos beistehen, wenn es hart auf hart kam. Und sie dachte wieder an die fünf leeren Stühle an ihrem Tisch zu Hause.

Wann hatte sie eigentlich das letzte Mal Besuch gehabt?

Als Alva, Rose und Alice sich schließlich verabschiedeten und ihr einen schönen Tag wünschten, hatte sie das Gefühl, in eine große Familie aufgenommen worden zu sein.

„Ich geh jetzt in die Halle, um zu trainieren, Lara“, meinte Rose beim Gehen. „Damit solltest du auch anfangen, falls du nicht bei Niespulver und Zahnstocher bleiben willst.“

Lara seufzte. „Das hat also schon die Runde gemacht?“

Ara grinste sie unverhohlen an. „Jep.“

„Nettes Angebot“, meinte sie wenig begeistert zu Rose, „aber ich werde Arabella erst mal beim Aufräumen helfen und dann muss ich auch los.“

Rose sagte nichts, hob jedoch erstaunt eine Augenbraue und warf Ara einen skeptischen Blick zu, bevor sich die Wohnungstür hinter ihr schloss.

Eine schlimme Ahnung beschlich sie, doch sie versuchte, das zu ignorieren, und machte sich nützlich, reichte Arabella, die am Kühlschrank stand, die Reste des Serrano-Schinkens und die Wurstplatte. Als Ara sie fragend ansah, wurde ihr mulmig und sie lenkte rasch ab: „Übrigens vielen Dank für deinen Einkauf. John wird sich bestimmt freuen.“

„Nur John? Und was meinst du mit: ‚Ich muss los?‘“

Nun wurde sie nervös und wich Aras Frage aus: „Endlich bekommt Johns Luxus-Kühlschrank mal eine Aufgabe. Die gähnende Leere hat sich in ein Schlaraffenland verwandelt und alles ist nur vom Feinsten. In welchem Geschäft warst du denn?“

„Tja, Glück gehabt! Ich konnte nur bei unserem hiesigen Feinkostgeschäft bestellen, denn das ist der einzige Laden, der Lebensmittel auch liefert. Vinz hätte mich sicher nicht allein zum Einkaufen aus dem Haus gelassen und als Vampir kann er tagsüber ja nicht raus.“

Lara erstarrte mitten in ihrer Bewegung und hätte beinahe den Stapel abgeräumter Rosenthal-Teller in ihrer Hand fallen gelassen.

„Dieser Vampir lässt dich tagsüber nicht raus? Er sperrt dich hier ein?“