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Ganz allein wandert Jessica auf der Flucht vor einer Plündererbande mit knurrendem Magen durch eine menschenleere Stadt. Wegen eines Krieges um Ressourcen wurden fast alle Menschen mit einem Virus ausgerottet und EMP-Angriffe haben jegliche Elektronik in Schrott verwandelt. Chancenlos steht sie in einem ausgeräumten Lebensmittelladen einem Fremden gegenüber, der sie in die Ecke drängt. Mit seinen langen, kastanienbraunen Locken und seinem durchtrainierten Body ist Marc durchaus attraktiv und bekundet Interesse an ihr. Doch sie weiß nicht, ob er Freund oder Feind ist. Kurz darauf wird sie von den brutalen Plünderern umzingelt. War Marc nur ihre Vorhut und hat mit ihr gespielt? Oder ist er ihre einzige Chance zu überleben?
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Seitenzahl: 182
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Lara Greystone
Zeit zum Überleben - Hoffnung
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
„Sanft berührte Narben“
Bisher erschienen von Lara Greystone
Cover & Korrektorat
Danksagung
Über den Autor
Rechtliches
Impressum neobooks
Mein Magen knurrt.
Ich bin immer eine gesetzestreue Bürgerin gewesen, aber ich werde aus diesem Geschäft hinausgehen und nicht bezahlen, was auch immer ich mitnehme.
Die Zeiten haben sich geändert – leider. Nichts ist mehr wie früher.
Dieser Laden wurde sowieso schon fast völlig geplündert und es gibt auch keinen Strom und seit Langem keine Kassierer oder Polizisten mehr.
Die Städte und Straßen sind ausgestorben – im wahrsten Sinne des Wortes –, denn es leben hier kaum noch Menschen. Außerdem hat jegliche Art von Elektronik ihren Geist aufgegeben und damit existiert auch keine Kommunikation mehr.
Das liegt an dem Krieg, wobei es kein Krieg im herkömmlichen Sinne war. Eigentlich ging es nur um Rohstoffe. Der stetig wachsenden und riesigen Exportnation im Osten waren die Rohstoffe ausgegangen. Die anderen Länder wollten keine mehr verkaufen, denn es wurde für alle knapp. Aber zum Exportieren braucht man eben Rohstoffe, von Öl mal ganz abgesehen.
Nein, es fielen keine Bomben.
Es gab auch keine Kriegserklärung.
Es gab nur plötzlich den Ausbruch einer neuen Welle der Vogelgrippe, und zwar einer sehr aggressiven Sorte. So fing alles an.
Still und heimlich hatte die Nation im Osten zuvor ihre Bürger geimpft. Heute kalkuliert man, dass 60 Prozent der Bevölkerung dieser Grippe zum Opfer gefallen wären, hätte es nicht den von einem Pharmakonzern – mit ebenso viel finanzieller Gier wie Hast – entwickelten Impfstoff gegeben.
In Windeseile wurde die gesamte Bevölkerung geimpft, was dem Konzern astronomische Einnahmen bescherte. Aber erst starben Tausende wegen der unerwarteten Nebenwirkungen und zudem sind sich die Experten heute einig, dass dieser nicht ausreichend getestete Impfstoff dafür sorgte, dass das ursprüngliche Virus in eine noch aggressivere Form mutierte. Unterm Strich starben in manchen Regionen mehr als 99,0 Prozent der Bevölkerung innerhalb kürzester Zeit. Wie viele es genau sind, wenn von einer Stadt mit 100.000 Einwohnern nur zwei oder drei Menschen überleben, habe ich nie ausgerechnet.
Nun brauchen wir alle nicht mehr so viele Rohstoffe.
Im Zuge der ursprünglichen Strategie gab es Versuche der Armee aus dem Osten, Teile von Mitteleuropa und Afrika zu überrennen. Dazu setzten sie im Vorfeld flächendeckende sogenannte EMP-Wellen ein. Das sorgte dafür, dass alle elektronischen Geräte von einer Sekunde auf die andere dauerhaft funktionsunfähig waren.
»Ohne einen Tropfen Blut vergossen zu haben, erleben wir den verheerendsten Krieg aller Zeiten«, betitelte es die letzte Ausgabe einer Zeitung, die nur noch auf einem gefalteten A3-Blatt erschien.
Unser Land ist am Boden.
Ein öffentliches Leben gibt es nicht mehr, alles ist geschlossen, die Straßen sind menschenleer. Unser komplettes System: Kommunikation, Versorgung mit Gütern und Dienstleistungen hat sozusagen einen tödlichen Herzinfarkt erlitten.
Unsere Bündnispartner schafften es zwar, die Invasionspläne des Ostens zunichtezumachen, doch aufgrund des extrem aggressiven Virus wurden alle Landesgrenzen geschlossen. Ein paar Inseln wie Australien, Neuseeland und Island blieben auf diese Weise weitgehend verschont. In den anderen Staaten regiert die Angst und überall summiert man jeden Tag die Toten und gibt neue Hochrechnungen heraus.
Aber das interessiert mich im Augenblick nicht, denn ich habe Hunger und wühle deshalb zwischen umgeworfenen Regalen und aufgerissenen Lebensmittelpackungen.
Mein Fahrzeug ist ein Fahrrad mit viel zu großem Anhänger, besser gesagt, mit einem kurzen Autoanhänger. Läuft ohne Benzin und Elektronik, kostet nur unheimlich viel Kraft.
Da, wo ich zuletzt geschlafen habe, kann ich leider nicht mehr bleiben. Eine Bande übler Kerle, die plündernd und vergewaltigend durch die Gegend zieht, ist in die Stadt eingefallen. Solche Horden gibt es leider im ganzen Land, man nennt sie nicht Plünderer, sondern Hellhounds – Höllenhunde. Dieser Krieg bringt wohl die schlimmsten und besten Seiten von Menschen an den Tag. Diese Bande würde irgendwann weiterziehen, wenn sie alle Lebensmittel und andere Ressourcen aufgebraucht hat. Bis dahin wäre ich dort nicht mehr sicher, deshalb habe ich mitten in der Nacht, als alle schliefen, das Nötigste auf diesen Anhänger gepackt, ihn notdürftig mit Seilen am Fahrrad befestigt und bin losgestrampelt.
Zum Glück kenne ich diese Grenzregion zwischen Deutschland und Frankreich sehr gut, habe früher nämlich mal hier gewohnt. Das ist von großem Vorteil, denn ohne Strom brennt keine einzige Straßenlaterne und die kleine Lampe, die mein Dynamo speist, wirft nur einen minimalen Lichtkegel.
Knäckebrot! Hier ist eine aufgerissene Packung Knäckebrot und ein paar Scheiben sind noch drin! Sofort stopfe ich mir drei Scheiben in den Mund.
Nie in meinem Leben habe ich lieber Knäckebrot gegessen!
Den Rest lege ich in die Tupperbox meiner großen, blauen IKEA-Tasche, die ich mir umgehängt habe.
Jetzt habe ich furchtbaren Durst.
Sauberes Trinkwasser ist auch ein großes Problem. Es gibt ja keinen Strom für die Klärwerke und das nötige Personal wurde längst dahingerafft.
Ich habe noch einen Liter Wasser in meiner 1,5-Liter-Flasche und trinke gierig, dann suche ich weiter.
Dosen werde ich sicher nicht mehr finden, die hatte man als Erstes aus den Läden geplündert, aber ich nehme alles mit, was mir nützen könnte: Trockenhefe, Rosinen, Backpulver. Womöglich finde ich in einer Woche woanders Mehl. Ja, man wird zum Hamster in dieser Zeit.
Früher waren die Menschen ja auch Jäger und Sammler! Wenn ich nur jagen könnte! Ewig habe ich kein frisches Fleisch mehr gegessen und selbst haltbares schon lange nicht mehr.
Ich suche weiter, räume die zerstörten und verschmutzten Verpackungen beiseite und entdecke doch tatsächlich Mehl! Drei Packungen! Und zwei Packungen Brotmischung. Ich nehme auch noch Salz und Gewürze mit, denn ich musste ja fast alles in meiner letzten Bleibe zurücklassen. Den Campingkocher habe ich mitgenommen, der ist ein wahrer Schatz und den findet man in den Geschäften nicht mehr. Diese Kocher gab es als Allererstes nicht mehr zu kaufen oder zu plündern, denn die Leute haben sie auf ihre nicht mehr funktionierenden Elektroherde gestellt und damit ihr Essen warm gemacht.
Überglücklich entdecke ich unter einem schweren Regal drei Schachteln Schwarztee. Doch als ich sie gerade in meine Tasche räumen will, höre ich ein Motorrad und sie fallen mir vor Schreck aus der Hand. Ich ducke mich instinktiv, sammle schnell den Tee wieder ein. Die ganz alten Motorräder, die keine Elektronik besitzen, funktionieren auch nach den EMP-Angriffen, sofern man an Benzin herankommt. Die Hellhounds sind mit solchen Zweirädern unterwegs.
Wenn ich es schon hören kann, ist es zu spät, um noch durch den Vordereingang zu flüchten, und hinten ist alles zu. Deshalb laufe ich geduckt in die hinterste Ecke des Ladens, kauere mich dort hinter ein Regal und ziehe meinen Baseballschläger aus der IKEA-Tasche. Das ist leider meine einzige Waffe. Die meisten Hellhounds besitzen aber Pistolen, Revolver oder Gewehre – nicht gerade ein ausgewogenes Kräfteverhältnis.
Wenn das einer der Hellhounds ist, die in meinen letzten Wohnort eingefallen sind, dann sieht es schlecht für mich aus. Sollte ich Glück haben, rauben sie mich nur aus und bringen mich um. Normalerweise vergewaltigen sie einen vorher – der Reihe nach. Vor einigen Wochen habe ich mich mit einem Tritt zwischen die Beine eines Hellhounds retten können. Und vor zwei Wochen hat sich einer nachts in meine Bleibe geschlichen. Ich wusste nicht, dass sie in der Stadt waren, und hatte wohl zu fest geschlafen. Als ich wach wurde, lag er schon nackt auf mir, in meinem Bett. Mit der Kraft einer Verzweifelten habe ich um mich geschlagen und es gelang mir schließlich zu entkommen. Nur in meinem Schlaf-T-Shirt und Höschen rannte ich barfuß durch die Stadt, versteckte mich letztendlich in der Kanalisation, bis sie am nächsten Tag wegfuhren. Vielleicht war das kleine Teelicht daran schuld, dass ich angezündet hatte. Aber ich fürchte mich nun mal im Dunkeln.
Ich höre draußen nur ein Motorrad. Das ist ungewöhnlich, normalerweise kommen sie immer in einer Horde. Vielleicht ist das ja so etwas wie eine Vorhut.
Hoffentlich fährt er vorbei!
Aber wer lässt in diesen Zeiten schon ein Lebensmittelgeschäft links liegen?
Da fällt mir mein Fahrrad ein. Es steht vor der Tür und verrät womöglich meine Anwesenheit.
Der Motor geht aus.
Ich höre das schabende Geräusch des Ständers.
Mir bricht am ganzen Körper Schweiß aus.
Ich klammere meine Hände fester um den Baseballschläger.
Schritte von schweren Stiefeln, die den Laden betreten.
»Hallo? Ich weiß, dass du da drin bist! Du kannst genauso gut rauskommen.«
Rauskommen? Habe ich etwa Todessehnsucht?
Die Schritte kommen immer näher, direkt auf mich zu.
Es hat keinen Sinn mehr, sich zu verstecken, aber ich werde mich wehren! Vielleicht hat er ja keine Schusswaffe.
Langsam stehe ich auf, hebe meinen Baseballschläger und mache mich bereit.
»Ich bin immun«, sagt er.
»Ich bin auch immun«, antworte ich ganz automatisch.
Das ist heutzutage die übliche Begrüßung, denn falls man selbst nicht immun ist, muss man den anderen aus dem Weg gehen. Menschen, die immun sind, übertragen die Grippe, ohne selbst zu erkranken.
»Ist nicht gut, als Frau allein unterwegs zu sein.«
»Ich hab’s mir nicht ausgesucht!«
Meine Beine zittern, hoffentlich bemerkt er das nicht.
Mist, sein Blick huscht genau da hin! Doch dann wendet er sich ab und betrachtet das Chaos im Laden.
»Hallo, ich bin Marc. Was ist denn heute so im Angebot?«, sagt er nonchalant.
»Keine Frau!«, presse ich heraus. »Den Rest kannst du haben, wenn du mich gehen lässt.«
Er blickt auf meinen Baseballschläger, ist leider kein bisschen beeindruckt und kommt einen Schritt näher.
Mir läuft der Schweiß den Rücken hinunter, meine Beine schlottern.
»Ich mag Rothaarige. Bin schon ewig allein unterwegs. Wir könnten uns zusammentun. Falls du keine Zicke bist. Ich mag keine Zicken.«
Eine Vergewaltigung mit verbalem Vorspiel, wer hätte das gedacht!
»Bleib, wo du bist! Mit diesem Ding zerschmettere ich dir deine Knochen und es gibt keine Ärzte und kein offenes Krankenhaus, das dir einen Gips verpassen würde.«
»Mach keine Dummheiten.«
Der Kerl schiebt seine schwarze Motorradjacke auf einer Seite zurück.
Eine Pistole kommt zum Vorschein.
So eine Scheiße!
»Wie du schon sagtest, es gibt keine medizinische Versorgung weit und breit.«
»Fein, du kannst mich vielleicht abknallen, aber dein Fick werde ich nicht!«
Ich spanne meine Muskeln an, bereit, meinen Schläger mit äußerster Kraft einzusetzen. Es gibt Dinge, die sind schlimmer als der Tod. Überleben ist eben doch nicht alles.
Er seufzt. »Eine Zicke, wie schade.«
Sein Blick schweift ein weiteres Mal über das Chaos im Lebensmittelgeschäft.
»Weißt du, ob es hier Duschgel gibt? Meins ist leer.«
Verdattert zeige ich nach links.
»Da hinten an der Wand habe ich welches gesehen.«
Tatsächlich geht er in diese Richtung und nimmt sich zwei.
Ich verfolge jede seiner Bewegungen mit Argusaugen, mein Herz rast.
»Feuerzeuge?«, fragt er über zwei Regale hinweg.
»An der Kasse, glaube ich.«
Meine Beine zittern so, dass ich mich wundere, warum ich noch stehe.
Nachdem er sich bestimmt zehn Stück in die Tasche seiner Lederjacke gestopft hat, geht er verblüffenderweise wieder zum Ausgang. Heute ist mein Glückstag! Vielleicht hat er keine Munition mehr und doch Respekt vor meinem Baseballschläger. Einen gebrochenen Knochen riskiert heutzutage keiner mehr. Wenn ich ganz schnell in die Pedale trete, sobald er gegangen ist, bin ich womöglich weit genug weg, wenn der Rest der Horde eintrifft.
In der aus den Angeln gerissenen Tür dreht sich der Kerl noch einmal um.
»Willst du nicht doch mitkommen?«
Für einen Moment gestatte ich mir, trotz meiner lebensgefährlichen Lage, sein Äußeres zu mustern.
Ich mag kastanienbraunes Haar, besonders wenn es gepflegt und länger ist, es scheint sogar gelockt zu sein. Er hat es in einem ordentlichen Zopf im Nacken zusammengebunden und ist sogar rasiert, bis auf den kleinen Spitzbart am Kinn. Seine schwarze Lederjacke passt gut zu den schwarzen Dockers-Stiefeln und der ausgeblichenen Jeans. Und der Männerkörper, der darin steckt, ist auch gut gebaut. Alles in allem sieht er attraktiv und gepflegt aus, sogar seine Hände sind sauber und das ist etwas Besonderes heutzutage. Als Single vor dem Krieg hätte ich mich durchaus zu einem Date mit ihm verabredet.
Aber die Zeiten haben sich geändert. Es herrscht Anarchie. Frauen sind zum Freiwild für Männer geworden, und auch wenn er nett wirkt, würden spätestens seine Kumpels über mich herfallen, sobald sie einträfen. Nein danke!
Starr vor Angst schüttle ich den Kopf.
Die anderen sind bestimmt auch bald da, ich muss hier schnellstens weg!
Erst als ich höre, dass sich sein Motorrad entfernt, atme ich einmal tief durch. Es reut mich, den Laden nicht weiter nach Essbarem zu durchsuchen, aber ich hänge an meinem Leben. Schnell greife ich auch nach einem Shampoo und einem Feuerzeug – wenn er das schon brauchen kann! – und renne raus zu meinem Damenfahrrad. Vielleicht hätte ein Männerrad nicht die Anwesenheit einer Frau verraten. Das werde ich mir merken! Ich werfe die IKEA-Tasche auf den Anhänger und fahre los. Leider würde es stadtauswärts leicht, aber stetig bergauf gehen und der Anhänger ist wahnsinnig schwer. In diesen Zeiten muss man jedoch nehmen, was man findet.
Ich weiß, wo ich heute übernachten will, aber ich sollte bis zum Einbruch der Nacht dort sein. Bis dahin sind es allerdings noch ein paar Kilometer, erst dann kann ich mich endlich ausruhen. Mein Ziel ist ein Bauernhof mit einem Bach, der höchstwahrscheinlich trinkbares Wasser führt; eine Unbedenklichkeitsbescheinigung wird mir jedoch niemand ausstellen. Als ich früher in dieser Gegend wohnte, bin ich unzählige Male an diesem Bauernhof vorbeigefahren. Das Gebäude wird mit ziemlicher Sicherheit leer stehen, wie alle anderen Häuser in dieser Region, denn hier ist fast keiner mehr am Leben.
Die Nächte sind immer das Schlimmste. Ich habe furchtbare Angst, wieder überfallen zu werden, und kann deshalb schlecht einschlafen. Wenn mir dann vor Erschöpfung die Augen zufallen, plagen mich Albträume und ich wache schweißgebadet wieder auf.
Ich bin gerade ein paar Meter vom Laden weg, da höre ich wieder Motorradgeräusche und diesmal sind es mehrere. Der Dreckskerl hat also Verstärkung geholt. So kann man sich in einem netten Gesicht täuschen! Heute ist wohl doch nicht mein Glückstag!
Ich strample noch schneller in die Pedale, denn ich hoffe, dass der Lebensmittelladen sie zunächst mehr interessiert als ich. Muss ich schon wieder in die Kanalisation? Oder reicht die Zeit, um mich außerhalb der Stadt mit meinem Fahrrad im Dickicht des Straßenrands zu verstecken?
Leider bleibt mir nicht die Qual der Wahl.
Sekunden später schneiden mir drei Motorräder den Weg ab.
Ich steige schneller ab als sie und ziehe augenblicklich meinen Baseballschläger aus der Tasche im Anhänger, obwohl ich weiß, dass ich keine Chance gegen drei habe. Sie lassen sich Zeit beim Absteigen, grinsen mich mit geilem Blick an und machen mit ihren Zungen obszöne Gesten.
Ich bin geliefert.
In meinem Rücken höre ich rasant ein viertes Motorrad ankommen. Mit quietschenden Reifen hält es neben mir, ich schrecke zur Seite, erkenne den Typ aus dem Lebensmittelladen wieder. Sofort ändere ich meine Position, damit ich alle im Blick habe.
»Hey, Jungs, lasst sie in Ruhe«, sagt Marc lässig. »Sie ist ’ne Zicke, da habt ihr keinen Spaß dran. Da hinten ist ein Lebensmittelladen, der hat noch Duschgel. So wie ihr riecht, könnt ihr das dringend gebrauchen.«
Völlig verdutzt schaue ich meinen unerwarteten Verbündeten – Marc hieß er, oder? – an. Will er mir tatsächlich helfen? Habe ich mich doch nicht in ihm getäuscht? Oder will er mich nur für sich allein? Aber das hätte er vorhin auch haben können.
»Hau ab, sonst machen wir Hackfleisch aus dir!«, ruft ein tätowierter Glatzkopf, dessen widerlicher Schweißgestank bis zu mir dringt.
Wie vorhin bei mir zieht Marc seine Jacke zurück und entblößt sein Schießeisen.
Plötzlich geht alles ganz schnell. Keine starken Worte oder Gesten mehr. Der Glatzkopf zieht hinten aus seinem Gürtel eine Pistole und schießt ohne Vorwarnung zweimal auf Marc. Der sackt zu Boden, schießt nun aber seinerseits. Ich habe mich beim ersten Schuss instinktiv hinter meinen Anhänger geduckt, was kaum helfen wird, aber man hat ja so seine Reflexe.
»Du Hurensohn!«, flucht der Glatzkopf, weil Marc ihn am Bein getroffen hat.
Der Glatzkopf erwidert das Feuer aber nicht. Vermutlich waren das die letzten beiden Patronen des Hellhounds.
Ich sehe zu Marc – er steht nicht mehr auf. Seine Hand zittert sichtbar, aber er schießt trotzdem weiter. Die drei sind inzwischen aufgesessen und fahren nun mit Vollgas davon. Bis auf den Glatzkopf ist keiner mehr von Marc getroffen worden. Sie werden mit mehr Männern zurückkommen und Rache üben! Marcs Waffe klickt jetzt, anscheinend ist auch sein Magazin leer. Einen Wimpernschlag später fällt seine Hand kraftlos zu Boden und er rührt sich nicht mehr.
»Scheiße!«, rufe ich und renne zu ihm.
Marc liegt auf dem Rücken, Blut quellt aus seiner rechten Seite unterhalb der Rippen.
»Tut verdammt weh«, stöhnt Marc.
»Warum hast du dich überhaupt in Gefahr gebracht?«, frage ich immer noch ziemlich erstaunt über sein Auftauchen.
»Ich mag Rothaarige, sagte ich doch.«
Unglaublich, aber er lächelt tatsächlich, wenn auch verkrampft. Und dann ist er von einer Sekunde auf die andere einfach bewusstlos.
Ich bin kein Arzt, nicht mal Krankenschwester, aber ich hebe sofort sein T-Shirt, um mir seine Wunde anzusehen. Was ich finde, ist eine kleine Eintrittswunde. Rasch drehe ich ihn auf den Bauch und suche die Austrittswunde. Die ist viel größer und blutet schlimm. Zumindest ist die Kugel nicht mehr im Körper. Immerhin etwas, denn ich hätte sie niemals aus ihm herausbekommen.
Sind innere Organe verletzt worden?
Ich weiß es nicht.
Wenn ja, ist es mir leider unmöglich, ihm zu helfen. Aber ich werde tun, was in meiner Macht steht; schließlich hat er mir gerade das Leben gerettet! Das Problem ist: Ich habe rein gar nichts bei mir, um ihn irgendwie zu verarzten, und wie soll ich ihn hier wegtransportieren, bevor die Hellhounds mit Verstärkung zurückkehren?
Hätte ich mein Mitgefühl verloren – wie so mancher in diesem Krieg –, wäre vieles einfacher: Keinen Augenblick länger würde ich mein Leben riskieren und an diesem Ort bleiben, denn die Hellhounds können jeden Moment auftauchen. Ich würde Marc liegen lassen, mir sein Motorrad schnappen und sehen, dass ich schnellstens Land gewinne.
Ich schaue mir den Anhänger an meinem Fahrrad an, dann Marcs Motorrad. Auf dem hellblau/silbernen Tank steht Triumph und das Ding hat keine Elektronik, sondern Kickstarter, wurde vermutlich lange vor meiner Geburt gebaut. Mein Vater hat früher einen Oldtimer mit Kickstarter besessen und mir das Ding ein paarmal ausgeliehen, aber das ist ewig her. Hoffentlich bekomme ich das noch hin!
Ich habe nicht den Luxus, lange darüber nachzudenken, denn für Marc tickt die Uhr. Wie schon so oft seit dem Ausbruch des Krieges bleibt keine Zeit mehr zum Packen, zum Vorbereiten, zum Trauern, sondern nur noch Zeit zum Überleben. Alles andere rückt in den Hintergrund. Sogar wie sich die Tatsache des nackten Überlebens sich anfühlt, weiß ich, seit ich nur im T-Shirt durch die Nacht rannte, um nicht zu sterben.
Ohne wertvolle Sekunden zu verlieren, löse ich das stabile Seil von meinem Rad und binde den Anhänger an die Triumph. Schweren Herzens trenne ich mich von meinem Schlafsack, meinem großen Müllsack mit Klamotten und weiteren nützlichen Dingen, damit Marc Platz darauf hat. Die Isomatte rolle ich für ihn aus, so weit das geht. Dann ziehe und hieve ich ihn mit ungeheurer Kraftanstrengung auf den Anhänger. Seine Füße muss ich anwinkeln, sonst bekomme ich die Klappe nicht zu.
Als ich mit allem fertig bin, trete ich völlig durchgeschwitzt mit dem rechten Fuß den Kickstarter und gebe mit der rechten Hand am Lenker Gas – erfolglos.
»Nicht gleich aufgeben!«, ermahne ich mich und probiere es weiter. Allerdings bin ich eh schon außer Puste und das kostet ganz schön Kraft und Nerven. Nach drei weiteren Versuchen springt der Motor endlich an. Ziemlich schwankend fahre ich mit dem Anhänger an, der ebenfalls wackelt. Kein Wunder, das Ding ist ja auch für eine Anhängerkupplung konzipiert!
Ich habe Angst, dass der Anhänger sich löst. Trotzdem muss ich mich beeilen. Es sind zwar nur circa zwei Minuten bis zur einzigen Apotheke des Örtchens, aber als ich ankomme, bin ich ein Nervenbündel und muss mir erst mal den Schweiß von der Stirn wischen. Ich gönne mir keine Pause, renne sofort rein. Zum Glück ist die Tür bereits aufgebrochen, das spart mir Zeit. Aber dann stehe ich im Hinterraum und habe endlos viele Schubladen vor mir, keine Ahnung, wo ich suchen soll, und draußen verblutet mir Marc allmählich!
Ich weiß nicht, was sie im Krankenhaus nehmen und wie das heißt. Mir fallen da nur Jod oder Alkohol ein. Egal, ich reiße hektisch Schubladen und Schränke auf, bis ich ein blaues Desinfektionsmittel für Hände finde, das ich kenne. Es desinfiziert, immerhin! Wer weiß, wie lange ich brauche, bis ich etwas anderes finde und ob Marc dann noch lebt? Ich reiße weiter unzählige Schubladen auf, bis ich Verbandszeug finde, Paracetamol und Aspirin. Herrje, hier ist so vieles, was ich sicher mal brauchen kann, aber ich habe jetzt keine Zeit, die wichtigen Sachen zu finden und einzusammeln!
Während ich zu Marc hinausrenne, fallen mir fast die Sachen aus den Händen. Mit zitternden Fingern schiebe ich Marcs Jacke beiseite und sein T-Shirt hoch. Gut, dass er nicht bei Bewusstsein ist, denn es würde bestimmt höllisch wehtun, so großzügig, wie ich ihm das Desinfektionsmittel in und über die Bauchwunde gieße. Ich drehe ihn und mache mit der Austrittswunde am Rücken das Gleiche. Zum Glück war der zweite Schuss des Hellhounds nur ein Streifschuss und hat lediglich die Lederjacke erwischt. Ein bisschen mittiger, und es wären seine Nieren gewesen, dann bräuchte ich mir diese Mühe wahrscheinlich nicht mehr zu machen. Meine Hände zittern so, dass ich kaum die Flasche mit Desinfektionsmittel wieder zugeschraubt bekomme. Ich schnappe mir zwei von den großen Wundauflagen und reiße mit meinen Zähnen die Plastikpackung auf, weil es mir mit den Händen einfach nicht gelingen will. Die Dinger festzuhalten und gleichzeitig eine elastische Sportbinde fest um Marcs Unterkörper zu wickeln, ist wirklich schwierig. Wie gesagt, ich bin keine Krankenschwester. Am Ende gelingt es mir dennoch, Marc einigermaßen fest zu bandagieren, und das Ergebnis zählt, oder nicht?
