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Im Deutschland der 2020er geht es gefühlsbetont zu. Achtsamkeit, Echtheit, Spontaneität, Verletzbarkeit, Zugewandtheit sind moralische Hochwertwörter geworden. Dies gilt für politisch-mediale Selbstdarstellungen wie für den alltäglichen Sprachverkehr. Zugleich verstehen sich die gefühlsbewußten Milieus als bürgerlich, als gutbürgerlich, als gute Gesellschaft, ja als Bürgergesellschaft. Die Bedeutung von Bürgerlichkeit hat sich dabei stark verändert. Nicht mehr Besitz oder Bildung, sondern ein ethisch vertretbares Empfinden und ein damit verbundener Gerechtigkeitssinn verheißen gesellschaftliche Reputation. Eine neue Elite ist entstanden, die traditionell bürgerliche "Mitte"-Positionen besetzt und zugleich kulturerneuernd wirken will. In ›Gefühlte Bürgerlichkeit‹ beleuchtet Jürgen Große dieses Phänomen historisch und kritisch. Die geschichtlichen Linien werden von der bürgerlichen Empfindsamkeit im Aufklärungszeitalter bis zu aktuellen Kampfbegriffen wie »Schneeflocken«, »Wutbürger« und »Empörungskultur« gezogen.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Jürgen Große
Gefühlte Bürgerlichkeit
Zur Seelengeschichte der späten Bundesrepublik
Jürgen Große
Gefühlte Bürgerlichkeit. Zur Seelengeschichte der späten Bundesrepublik
ISBN (Print) 978-3-96317-420-9
ISBN (ePDF) 978-3-96317-995-2
ISBN (ePUB) 978-3-96317-996-9
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Jürgen Große (geb. 1963) ist promovierter Historiker und habilitierter Philosoph; er lebt als freier Publizist in Berlin. Sein Interesse gilt den exzentrischen, oft aber einflußreichen Trends der Geistesgeschichte Europas, so in Kritik der Geschichte. Probleme und Formen seit 1800 (2006); Philosophie der Langeweile (2008); Ernstfall Nietzsche. Debatten vor und nach 1989 (2010); Die Arbeit des Geistes (2013); Der ferne Westen. Umrisse eines Phantoms (2016); Der sterbende Gott. Agnostische Anmerkungen (2020); Die kalte Wut. Theorie und Praxis des Ressentiments (2024); Ein pensionierter Zerstörer. Postscriptum zu Cioran (2025).
http://www.grosse-werke.de
»Gefühlsmensch ist jener, der ein Gefühl annimmt, weil die öffentliche Meinung es gutheißt.«
N. G. Dávila
Im heutigen Deutschland geht es gefühlsbetont zu. Kaum ein Tag vergeht, da nicht irgendjemand auf seine verwundbaren Stellen an Herz und Seele, durch Herkunft und Schicksal verweist. Privat-vertrauliche und politisch-publizistische Selbstdarstellung sind dank Sprache des Gefühls längst verschmolzen. Man ist sich selbst innig zugewandt, spricht dabei aber ins Offene oder in das, was mangels Namensalternative immer noch »die Öffentlichkeit« heißt. Selbst aus höchsten Kreisen der Macht werden nicht schlichtweg politische Entscheidungen, sondern auch die zugehörigen Stimmungslagen oder Affektausdrücke durchgereicht und von einer gewissenhaften Presse sogleich kolportiert.
Sicherlich ist derlei Gefühlsgesprächigkeit kein exklusiv bundesdeutsches Phänomen. Der europäische und transatlantische Westen hat – manifest in Leitmedien, Kulturbetrieb, Politikperformance – jene mentale Wende insgesamt vollzogen. Sie bedeutet auch eine intellektuelle Blickwende, nicht zuletzt in geisteswissenschaftlicher Forschung. Zusehends wendet sich dort die Aufmerksamkeit von den etablierten historischen Objekten, etwa institutionellen Gerüsten und materiellen Grundlagen einer Gesellschaft, hin zu ihrer emotionalen Atmosphäre, zur sie tragenden Gestimmtheit. Besagte Blickwende ist ihrerseits keine bloß geisteswissenschaftliche Mode, keine betriebsinterne Grille. Emotionen oder Affekte bedeuten ganzen Gesellschaftsmilieus eine wahrheitsfähige Primärrealität, ja eine elementare Wahrheit. Denunziation oder Affirmation bestimmter Gefühle ist eine Währung des Sozialen.
Ganz verwunderlich ist es nicht, daß die westliche Welt, bei all der gefühllosen Roheit, die man ihr vorhält oder die sie sich selbst nachsagt, inzwischen so gefühlsbesessen wirkt, zumindest nicht in einer geschichtsphilosophischen Rahmung. Wenn man nämlich die Welt, die einst der Westen war, als Ergebnis eines Prozesses begreifen will – bis vor kurzem hieß das »Globalisierung« –, dann mußte ein solcher Prozeß irgendwann an seine räumliche Grenze gekommen sein. Wenn also das, was zuerst im Westen erfunden und erprobt wurde an Ökonomie, Recht, Wissenschaft, Kunst, Politik, Religion, die Welt unwiderruflich verändert haben sollte, dann könnte der Westen selbst zuletzt keine exklusive Stellung mehr in jener Welt behaupten. Und schließlich: Wenn der Impuls der Weltverwestlichung typisch sein sollte für eine westliche Mentalität von Entdecken, Ergreifen, Verarbeiten und Verwerten, dann würde deren Expansion bei vollem äußerem Erfolg nur mehr nach innen gehen können.
Kurz, was immer »der Westen« ursprünglich gewesen sein sollte, die Verwestlichung der Welt müßte ihn zwangsläufig auf sich selbst zurücktreiben. Der Verfall seiner Macht und seines Einflusses – gemessen an staatspolitischen und volkswirtschaftlichen Kriterien – gilt heute als manifest und irreversibel. Daher liegen Projekte innerer Kolonisierung und Attitüden passiver Aggressivität nahe. Wer beispielsweise eine Schuld oder auch eine Schwäche bekennt, der behält wenigstens diskursiv seine Autonomie. Mag sogar sein, daß moralischer oder spiritueller Benefit winkt, wo man sich selbst Schläge versetzt, um den Schlägen der Welt zuvorzukommen.
Der Blick von Individuum wie Gesellschaft auf ihre Empfindsamkeiten kann also ängstlich oder aggressiv sein, er kann leidensökonomische, schuldmoralische, wachstumsgläubige, verhaltenstherapeutische, volkspädagogische Motive haben. In diesem allgemeinwestlichen Trend bildet Deutschland keine Ausnahme. Doch gibt es für derlei Sensibilität auch nationalgeschichtliche Dispositionen. Sie finden sich in einer deutschen Denktradition, die »Gefühl« gerade nicht zum bloßen Restbestand von Tatkraft und zum Ersatzmittel für Urteilsstärke erklärt wissen wollte, sondern die es zum Totum des Humanen erhob; eine Tradition, die Gefühl als ewigen Entstehungsgrund aller Humanität deutete. In dieser Sicht ist der Einzelne »je schon« vorrational eingebettet in (s)eine Welt, gern »Lebenswelt« genannt. Und mit dieser vorrationalen Weltverflochtenheit endlich rational, endlich »bewußt« übereinzustimmen, in zeitgemäßerem Idiom: »sich selbst anzunehmen« – genau dies sollte ein gelingendes Leben verbürgen.
Rationale Aneignung des emotionalen Entstehungs- und Geltungsgrundes aller Rationalität – das ist ein mehr als zweihundert Jahre altes philosophisches Projekt. Es ist zugleich eine Polemik gegen das ältere, kältere Konzept bürgerlicher Subjektivität, die sich einzig praktischer und theoretischer Vernunft verdanken sollte. Das gefühlsphilosophische Projekt, die gefühlspolitische Polemik – sie haben tief in die politische und soziale Alltagssprache zurückgewirkt. Durch sie wurden Gefühlsreflexion und Gefühlspolitik sozial normalisiert, wurden beide selbst »rationalisiert«.
Indiziert die heutige Gefühlsbesessenheit Deutschlands einen Gesellschaftswandel? Eine Bewußtseinsveränderung? Eine bloße Sprachmode?
Das ist nur durch eine Außenperspektive zu klären, am besten durch einen historischen Vergleichsblick. Er würde zunächst folgendes zeigen: Die neudeutsche Gefühligkeit trifft zusammen mit einer verunsicherten »Bürgerlichkeit«. Diese ist als soziale Tatsache wie als politischer Begriff diffus geworden. Auch darin zeigt sich ein global-westliches Phänomen in bundesrepublikanischer Verdichtung. Denn so heillos umstritten der Bedeutungsgehalt von »Bürgerlichkeit« inzwischen sein mag, sie bleibt – ähnlich wie »Mitte« – weiterhin positiver Wertbegriff. Und ähnlich wie der »Westlichkeit« scheint auch der »Bürgerlichkeit« ihr welthistorischer Erfolg ein imaginäres Nachleben zu erlauben. Doch was genau als bürgerlich gelten darf, ist nicht mehr verbindlich definierbar. Weder ökonomische Selbständigkeit noch politische Repräsentiertheit sind als hinreichende bürgerliche Attribute akzeptiert – eher ein bestimmtes Selbstgefühl, eine moralisch und kulturell entschiedene, durchaus selbstreflektierte Empfindsamkeit. Sie verbürgt und verschafft soziales Renommee. In dieser Bürgerlichkeit geht kühles politisches Erwägen gewissen heftig bekundeten Emotionen oftmals voraus, erzwingt ein kräftiger moralischer Wille die Expressionen verletzter Empfindsamkeit.
Eine Perversion, eine Paradoxie? Nur auf den ersten Blick. Auch Gefühl kann »Ideologie« werden. Zärtlichkeit für sich selbst und Mitempfinden für vulnerable Gruppen schließt Robustheit im sozialen Interessenkampf nicht aus. Spezifisch bürgerlich bleibt der utilitäre Geist, der die empfindsame Innerlichkeit ins soziale Außen wendet und das Affektive zum Argument hochrüstet.
Ich möchte dieses Existenz- und Verhaltensmodell »gefühlsbürgerlich« nennen. Daher gelten meine Studien – sie versammeln Beobachtungen der letzten 25 Jahre – sowohl der Bürgerlichkeit als auch der Gefühligkeit in der späten Bundesrepublik.
Jürgen Große
Berlin, im Herbst 2025
Wehklagen über einen Schwund von Bürgerlichkeit und Sehnsüchte nach deren Wiederkehr galten jahrelang als typisch für sozial Gutgestellte, für »Besserverdienende«. Diese Einschränkung ist hinfällig geworden. Ein Verlust von Bürgerlichkeit wird heute auch weit außer- oder unterhalb einschlägiger Klassengrenzen beklagt. Traditionelle Statusmarker, etwa Besitz oder Bildung, scheinen für den Begriff von Bürgertum, ja von bürgerlicher Gesellschaft zusehends untauglich. Eine funktionierende »Bürgergesellschaft«, so hört man es von vielen ihrer wissenschaftlichen Praktiker – aus Stadtteilsoziologie oder Demokratieforschung etwa –, erfordere schon lebensräumlich eine »gesunde soziale Mischung«. Für diese wiederum sorge eine keineswegs nur exklusiv ökonomisch definierbare Mitte. Fehle das bürgerliche Element, so drohe Unbill selbst jenen, die es ihrerseits nie zur Bürgerlichkeit bringen könnten.
In solchem Wünschen und Hoffen wirkt das Verhältnis zur Bürgerlichkeit ausgeprochen affirmativ, zumindest arglos. Gerade bei der intellektuellen Linken, der stets wachsamen und argwöhnischen, überrascht das. Besteht man dort doch traditionellerweise sorgfältig auf der Wesensdifferenz von egoistischem Bourgeois und sozialverträglichem Citoyen, wobei letzterer den eigentlichen, entwicklungswürdigen Sinn der Bürgerlichkeit verkörpern soll.
Die Frage ist, ob beide Seiten je getrennt waren und dereinst wieder zu trennen wären. Seit seiner historischen Premiere, im Europa der frühen Neuzeit, war der Bürger immer beides: menschheitsfromm und ichgläubig, in Worten Universalist und im Herzen Parteimann, schwärmerisch ins Ideal verliebt und brachial im Tatsachenreich. Kurz, ein Wesen, dessen Doppelnatur ein Grundthema der bürgerlich-christlichen Anthropologie bildet, wie von Friedrich Engels einst als Spießermetaphysik paraphrasiert: »Was ist der Mensch – halb Tier, halb Engel.« Die seelisch unkomfortable Lage des Bürgers entsprach seiner sozialen zwischen den Klassen. Der Adelsschicht galten seine oft täppischen Imitationsversuche im Kulturellen, der Arbeiterschaft sein Horror im Sozialökonomischen. Von Anbeginn zwischen Aufstiegshoffnung und Absturzängsten gefangen, scheint der Bürger ein unglückseliges Mittelwesen, ewig im Übergang und in der Bredouille; ein Wollen und Streben mehr denn ein Fühlen und Sein. Überhaupt: Haben statt Sein, Streben statt Leben. Was ist der Dritte Stand? fragte eine revolutionäre Programmschrift von 1789 und gab zur Antwort: Alles und alle, die bislang nichts waren und etwas werden wollen.
Soziale wie seelische Vagheit, ja Gestaltlosigkeit ist das Erkennungsmal des Ehrgeizlings, eines Wesens, das alles werden kann, weil es nichts ist. Im Innersten unsicher, mußte der ganze Ehrgeiz des Dritten Standes darauf zielen, diese Unsicherheit aus sich heraus- und ins starre Sozialgefüge Alteuropas hineinzutreiben, die ständischen Grenzen und Hierarchien aufzusprengen, auf daß es nur noch eine Sorte Mensch gebe: eben den Bürger; daneben jene unnennbaren Wesen, denen es nicht gelang, Bürger zu werden, vorerst hilflos Vierter Stand genannt, sozialer Schatten und bald drohendes Gespenst aller Bürgerlichkeit. Deren Daseinsgesetz lautet, daß man etwas aus sich machen, daß man dereinst ein gemachter Mann sein müsse, denn der Bürger war stets überzeugt, daß alles Sein nur Machwerk sei. Statt der bunten Vielgestalt der ständischen, vorindustriellen Welt nunmehr die Weltvereinfachung und -teilung in solche, denen es gelungen sei, Bürger aus sich zu machen, und solche, die auf dem Wege dorthin wären. Moderne und Vormoderne! Westen und Noch-nicht-Westen! Das bürgerliche Mach-was-aus-dir gebietet, daß die ganze Welt an dem gleichen Mangelgefühl leide wie die westliche; der Mensch soll Bürger oder gar nicht sein.
Bürgerlichkeit oder Untergang – hinter dieser Losung darf man eine mangels Eigengewicht heftig von Ambitionen und Ahnungen bewegte Seele vermuten. Tatsächlich ist die »Mittelklasse« keineswegs die glücklich-gelassene Bewohnerin eines Mittelreichs, sie ist ewiges Streben nach besserer Zukunft und Schaudern vor dürftiger Herkunft, mit einem Wort: völlige Abwesenheit von erfüllter Gegenwart. Der Bürger stellt so unter den Wesen dieser Erde das geisterhafteste, seelisch substanzärmste dar; ein Parvenü, der nie die historische Zeit hatte, zur Gelassenheit schlichten Seins zu finden. Was wunder, daß ein solches Wesen seine Verstörtheit in die Welt hinein abzuschütteln hofft, daß es seine Verstörtheit allen Völkern anzutragen strebt! Der Bürger nennt es freilich nicht Frustration, sondern Emanzipation, nicht Verkümmerung, sondern Globalisierung, worauf es mit ihm hinauswill. Im Expansionsdrang dieses Wesens, das nichts ist und deshalb glaubt, daß man alles Mögliche aus sich und der Erde machen könne, zeigt sich die ungesicherte, gespaltene Natur aus seinem historischen Ursprung. Die luftige Formel von universellen Rechten und der harte Griff nach dem handfesten Vorteil, beides gehört zusammen. Selbstgenügsam und zugleich auftrumpfend, wie das Bürgerwesen ist, muß vor ihm alle Sonderart und Widerrede verstummen. Zur bürgerlich erweckten Welt kann es keine Gegenwelt, keine »Alternativen« mehr geben. Was sich so nennt, sind aus der bürgerlichen Synthese herausgelöste und ins Extrem aufgeblasene Einseitigkeiten: das »Nichts ist unmöglich« und das »Nichts Neues unter der Sonne«, die Anmaßung der Freiheitsmission und die Angst vor dem Armutsansturm, das »Wohlstand für alle« und das »Für alle reicht es nicht«, letztlich: die links- und die rechtsbürgerliche Entgrenzung – ob ins Phantastische, ob ins Politische.
Eine »bürgerliche Mitte« als Normaltypus der bürgerlichen Existenz sähe anders aus. Doch genuin bürgerlich ist gerade die Synthese des Mittelmäßigen und des Exzessiven, genauer: der Exzeß der Mittelmäßigkeit. Wie fragil die »Lebenswerte« besagter Mitte beschaffen sein können, macht schon ein flüchtiger Vergleich mit vorbürgerlichen Epochen Alteuropas wie auch mit der nichtbürgerlichen Ostblock-Moderne deutlich. In beiden Fällen stand der Einzelne nicht unter dem Gesetz, etwas aus sich machen zu sollen, sich unter ein selbstgefertigtes Bild bringen – sich vorstellen, darstellen, herstellen zu müssen, um überhaupt sein zu dürfen. In kulturellen Restbezirken der Gegenwart wie in der historischen Erinnerung zeigt sich ein Menschentyp, der nicht unter der Zwangsidee vibrierte, seiner selbst ganz und gar Herr zu sein. Teile der Person gehörten in nichtbürgerlichen Zivilisationen stets zu etwas anderem, oft Größerem, zumindest Übermächtigem. Ein konkretes, fühlbares Gegenüber aus Natur, Religion, Staat, selbst »Gesellschaft« oder Gesellschaftsmehrheit oder auch nur Mehrheitsmeinung, das mit vielfältigen Kränkungen aufwartete, gerade weil es tief in die Einzelpersönlichkeit griff. Sich gegen eine solche Majorität zu behaupten, das konnte den Einzelnen zerbrechen, das konnte ihm aber auch zu einem eigentümlichen Stolz verhelfen.
Dem Bürger, dem ganz unter seine eigene Herrschaft gebrachten Wesen, ist dieser Stolz unverständlich geworden. Freilich mag er etwas davon argwöhnen, wenn er aller Welt sein Glück – ein Selbstbewußtsein aus Wohlstand und Wachstum – unwiderstehlich zu machen sucht. Der Bürger will den Menschen als ein Wesen von unkränkbarer Souveränität, ein Wesen aus naturgeborenen Rechten und universell anerkannten Bedürfnissen. Dann wäre alle Welt wie er selbst: nicht mehr zu beugen durch äußere Mächte, geschützt vor aller Erfahrung des Lebens und seiner Schicksale, weil vorauseilend gebeugt unter ein selbstgemachtes Bild, das bürgerliche Bild vom Menschen als Rechts- und Bedürfniswesen. Die bürgerliche Schrumpfung des Menschen zur Ich-AG seiner Selbstverwirklichung – das ist die Utopie eines Wesens ohne eigene Wirklichkeit. Um Wirklichkeit zu gewinnen, muß es in stetem Abstand zu sich selbst existieren. Der bürgerliche Mensch hat in seiner klassischen Epoche erkannt, daß Gefühl alles sei, doch soll ihm auch noch diese Erkenntnis zu Herrschaft und Gewinn gereichen. Er verbietet sich daher alles spontane Gefühl, aber nur, um es im Bewußtsein seiner unveräußerlichen Rechte bei deren Verletzung sogleich abrufen zu können. Dies dann mit einer wahren Leidenschaft der Empörung.
Abrufbare Gefühle? Automatismen der Erregung? Gewiß, doch vor allem Strukturzwänge! Der Mensch, der als Bürger und nichts sonst existieren soll, ist der Mensch, der auf sich hinweisen und sich (vor sich) herstellen, der sichvollständigdarstellen muß. Hat sich der Mensch aber je tiefer erniedrigt, als wo er sich als Ganzes – im vollen Ornat seiner »Rechte« und »Bedürfnisse« – zeigen sollte als ein Wesen, dem Welt und Leben nichts verweigern dürfen?
Der Bürger hat vom ersten Tag seiner geschichtlichen Existenz an gern »vom Menschen« gesprochen, vom »Menschen an sich«, seiner Natur und seinen Rechten. Und tatsächlich, sollte es dem Bürger gelungen sein, daß man an keine andere Daseinsform mehr glaube als an die bürgerliche, so wäre auch die wundersame Dialektik erklärt, durch die der Bürger als Klasse verschwindet und zugleich als Menschentyp die Erde verdunkelt. Gerade weil der Bürger, durch ständig forcierte Ablösung aus der »Fremdbestimmtheit« durch Natürliches oder Kulturelles, an sich selbst nichts Greifbares ist, kann er geisterhaft alle Klassen und Kontinente heimsuchen. Er ist – darin ein wahrer Antigott! – das einzige Geschöpf, dessen Wesen nicht an seine Existenz gebunden ist. Der Bürger mag verschwinden, seine Art und Unart dauern ewig. So wird aus der sozialen eine seelische Charaktermaske.
Nichts spricht deutlicher hiervon als die erstarrten Antlitze, die bei einem Spaziergang durch die Städte und Landschaften des Westens begegnen, in Landschaften aus Ländern, die Staaten ihrer Bürger sein wollen: eine Menschheit aus Anspruchsberechtigten und Anrechtsbewußten, der durch Systeme der Bedürfniserfüllung von klein auf beigebracht wurde, was man vom Dasein zu verlangen habe. Alle Realität der Erfüllung kann da nur unendlich weit zurückbleiben hinter dem, was man als ständige Möglichkeit in sich weiß, seit man sprechen lernte. Ist doch Sprache selbst nur mehr dies: seine Bedürfnisse artikulieren, seine Rechte präsentieren können. Das idealistische Idiom (es gibt universelle Rechte) und das naturalistische (es gibt angeborene Bedürfnisse) ersetzen die Erfahrung des Lebens und seiner Kränkungen; das macht die bürgerlich-autonome Kränkung des Lebens, die eine Selbstkränkung ist. Der bürgerlich gemachte Mensch fühlt sich merkwürdig betrogen und weiß doch nicht wodurch. Seine Verstörtheit wird zur Dauergrimasse. Die gekränkten Mienen, die gepreßten Münder tragen es einem auf allen Straßen entgegen …
Als bald nach Epidemieausbruch 2020 klar geworden war, welcher Politikfarbe die meisten Anti-Lockdown-Demonstranten zugeneigt hatten, zeigte sich nicht nur massenmedial einige Verlegenheit. Regierungssprecher und Gesundheitspolitiker hatten von Esogeschwurbel, Verschwörungsdenken, Affektgestürm gesprochen, von neu eskalierter Wutbürgerlichkeit. Für grüne oder zumindest grünliche Bürgerwut hätten sich freilich Herkunftslinien finden lassen. Meist führten sie nach Schwaben. Wer hier etwas besser weiß, hat es selbst herausgefunden. Wen hier etwas wütend macht, den traf es als Bürger, in seinen Rechten – sein Wüten folgt aus dem Wissen um sie.1 Doch Grüne in der Masse und der Spitze einer Masse, die nicht nur Grüne umfaßt, sondern auch, nennen wir sie hier einmal: Blaue? Und dies wild wogende Ganze gar als »Bürgerliche«?2
»Bürgerlichkeit« ist seit Kollaps des Ostblocks, seit den wirtschafts- wie herzensliberalen 1990ern ein Hochwertwort geworden. Insbesondere nach unliebsamen Wahlergebnissen spricht man Bürgerlichkeit sich selbst zu und dem politischen Gegner ab. Grün und Blau attackieren einander seit einem Jahrzehnt als Verräter am liberalen Wesen von Bürgerlichkeit, das wiederum meist als »Mitte« prominent ist. »Mitte« kann sozialstatistischen Durchschnitt, politische Mäßigung, parlamentarische Selbstverortung besagen, ist also semantisch noch diffuser als »Bürgerlichkeit«.3 Oft vibriert in der »Mitte«-Rede ein Bedeutungsrest von Mittelstand (Tüchtigkeit, Selbständigkeit) oder auch von »Mittelklasse«, jener Klasse, zu der fast jeder gehören will, seit es sie nicht mehr gibt.4 Für »Bürgerlichkeit« selbst scheint seit je eine Zweisinnigkeit typisch. Die wohl populärste, deskriptiv heute kaum mehr hinreichende ist die von Bourgeois und Citoyen. Weitere sind die von politisch und kulturell aktivem Bürgertum, von Wirtschafts- und Statusbürgerlichkeit – als deutsche Spezialität: von Besitz- und Bildungsbürgern –, aber auch von Bürgerlichkeit als Sozialherkunft und als Verhaltensstil.5
Gelingender Bürgerlichkeit wird ein zwar gespanntes, jedoch – sozial wie ideologisch – gebändigtes Verhältnis zwischen jenen Komponenten nachgesagt. Politische Ideologien oder künstlerische Avantgardismen hingegen scheinen berufen, diese innerbürgerliche Spannung aufzulösen – in aggressiver und projektiver Entladung, in der Reinheit von Extremen.6 »Der Extremismus der Mitte«,7 Bonmot, Sinnbild und zuweilen Wahrheit der Bürgerlichkeit, wurzelt historisch in der Erhebung des Dritten Standes und seiner baldigen Selbstproblematisierung als Mittelstand – eingeklemmt zwischen dem unproblematischen Selbstbewußtsein je von Adel und Arbeiterschaft. »Mittelklasse« ist kontinentale Übersetzung und zugleich soziale Desavouierung jenes älteren Klassenbegriffs.
Die mittleren Einkommen stellen seit längerem die Lieblingsklasse einer ironischen, zuweilen sarkastischen Soziologie. Wahrscheinlich gilt im heutigen Deutschland noch stärker, was ein US-amerikanischer Pionierautor bereits vor fast 40 Jahren über sie sagte: »Die Mittelschicht läßt sich leichter an ihrer Verbissenheit und an ihrer psychischen Labilität erkennen als an ihrem mittleren Einkommen.« Denn anders als jeweils in »Oberschicht« und »Unterschicht« ist hier soziales Sein weitgehend definiert durch »Leistung«, die der Mittelschicht ständig neue Bewährungsfelder erschließt. Inzwischen ist es ein Gemeinplatz, daß dazu nicht nur das soziale Handeln, sondern auch das persönliche Denken und Fühlen gehören. Für »unverbesserliche Mittelschichtler« ist es daher »von schrecklicher Wichtigkeit«, was andere von ihnen denken, so daß z. B. Tischmanieren oder Sprachkorrektheiten dort »tödliches Gewicht« erhielten.8
Permanente Selbstkontrolle – oder: verinnerlichte Sozialkontrolle – gilt allgemein als middle-class-typisch. Was neu scheint, ist ihre Steigerung (oder Ermäßigung?) zu Selbstgenügsamkeit, vielleicht auch Selbstgefälligkeit. »Statuskämpfe« finden längst auf parzelliertem Felde statt; ein universalbürgerlicher Dreßcode existiert nicht mehr. Wen will man da beeindrucken? Die Selbstdarstellung grüner wie blauer Bürgerlichkeit dient keiner sozialen Expansion; sie ist eher Exposition, ist eher Selbstbestätigung denn Welterschließung. Der politische Verkehrston gerät folglich schrill und doch zittrig, Aggression und Resignation scheinen unentwirrbar vermischt. Das hat gesamtgesellschaftliche Relevanz: Wo soziales Selbstbewußtsein zu einer inneren Theaterbühne wird, auf dem die Compagnie nur vor sich selbst zu bestehen hat, kann sich politische Introvertiertheit leicht mit rhetorischer Übertreibungslust verbinden.
Was sich heute als grüne und blaue Bürgerlichkeit in klar konturierten Extremen artikuliert, gewinnt sein politisches Dasein hauptsächlich aus kulturellem Selbstbewußtsein. Es kommt tatsächlich oft aus mittleren Einkommensschichten oder orientiert sich an deren (einstigem?) Denk- und Lebensstil. Doch zögert man weithin, Grün- und Blaubürgerlichkeit klassensoziologisch zu deuten.9 Bestenfalls sucht und findet man in ihnen ein Nachleben älterer Bürgerlichkeitsfraktionen, Geisterschlachten verblichener (oder nur vergrabener?) Totalitarismen. Nicht die Kalküle sozialer Klassen, sondern die Stile kultureller Milieus interessieren dann. Sie wären schichtübergreifend zu kopieren. Manche Analytiker sehen in Grün und Blau daher die politischen Zirkusfarben eines postmodernen Byzanz, wo das Wesentliche entschieden ist und das Wesenlose feiern darf. Die Heftigkeit und Ausschließlichkeit, mit der sich Grün- und Blaubürgerlichkeit aufeinander beziehen, läßt allerdings aufhorchen. Haben sie in ihrem Konflikt ein beiderseits akzeptiertes Konfliktmedium? Bezeugt sich hier ein gemeinsamer Ursprung, eine geheime Verwandtschaft?
Die Spannung von Absturzangst und Aufstiegswillen hielt Europas bürgerliche Klassen jahrhundertelang gefangen. Als mittlerer Stand im Wortsinne mußten sie nach oben und nach unten wachsam sein. Physiognomisch, nicht nur soziologisch erklärt das ihre beiden Sozialambitionen: die ästhetisch-stilistische Imitation der Aristokratie, die sittlich-moralische Abwehr unterklassiger Ansprüche. Zur Physiognomie grünblau zerfallender Bürgerlichkeit gehört jedoch eine weitere Binarität, vertraut aus dem Machtkampf und Machterwerb der bürgerlichen Klasse selbst. Im 18. Jahrhundert differenzierte sich der Dritte Stand entsprechend seinen Gegnern in den ersten beiden Ständen des alten, vorbürgerlichen Europas. In der bürgerlichen Opposition gegen Klerus und Adel zeigten sich so zwei Akzentuierungen dessen, was progressiv überwunden werden sollte. Dem entsprachen zwei deutlich verschiedene kulturelle Stile wie auch politische Ideologien. Gegenüber dem Klerus und seinem universellen, soziale und ethnische Herkunft transzendierenden Sinn-Anspruch argumentierte das aufsteigende Bürgertum mit konkreter Diesseitigkeit, Sinnlichkeit, Individualität, mit leibseelischer Fragilität des Humanen und seinen Schutz- wie Genußforderungen. Gegenüber dem Adel argumentierten die bürgerlichen Aufklärer abstrakt universalistisch mit Menschen- und Bürgerrechten, verwarfen sie alle Ansprüche aus historischer Kontingenz, gingen sie den adligen Glauben an edle Geburtsnatur oft puritanisch, ja stoizistisch an: Bürgerstolz aus Leistung gegen Adelsarroganz aus Herkunft. Hier stand das menschliche Allgemeine gegen verstocktes Beharren auf der eigenen, klassenererbten Besonderheit. Die Elementardichotomie europäischer Bürgerlichkeit ist von Anbeginn die von partikularem Interesse und universell behaupteter Ideengeltung gewesen. Durch alle – ob sozial oder anders grundierten – Phänotypen der Bürgerlichkeit zieht sich diese Gegensätzlichkeit.
Rechte wie linke Kritiker des Bürgertums haben sie als Unwahrhaftigkeit der Praxis oder der Theorie gegeißelt und sie jeweils in der Abstraktheit moralischen Sollens oder der Konkretheit ästhetischer Selbstliebe zur eigenen Bedürfnisnatur aufzulösen versucht.10 Diese intellektuellen und künstlerischen, aber auch die politischen Extremisten des historisch älter gewordenen Bürgertums bevorzugten kategoriale Nivellierungen, die in klassischer Bürgerlichkeit noch durch Geltungsdualismen des Wahren und Guten (Kant) oder durch Vermittlungsmodelle beider (Hegel) vermieden waren. Seit dem späten 19. Jahrhundert hoffte man den inneren Bruchstellen von Bürgerlichkeit mit Sublimierungsmodellen beizukommen, deren wissenschaftliche Klassiker Sigmund Freud und Max Weber geworden sind. Das Krisenbewußtsein aus innerlich erfahrener Heterogenität war ebenso groß wie der Integrations-, ja Homogenisierungswunsch.
Zu Beginn des 21. Jahrhunderts zeigten sich die innerbürgerlichen Antagonismen erneut in komplementärer Einseitigkeit: innerhalb moralischer Diskussion etwa im Wechselvorwurf von (aktuell: rotgrüner) Heuchelei und (aktuell: schwarzblauem) Zynismus, von paternalistischer Sentimentalität und egoistischer Kälte, ästhetisch in wechselseitig zugeschriebener Kitsch- und Schwulsttendenz.11 Klares, als solches agierendes bürgerliches Selbstbewußtsein bekundet sich gegenwärtig 1. als Entsublimierung und 2. im Werte-Vokabular.
Beides hängt zusammen. Klassische oder Normalbürgerlichkeit akzeptiert einen Dualismus von Privatsphäre und Öffentlichkeit, von sozialen Motiven und kultureller Geltung. Philosophisch entspricht dem die Unterscheidung von Tatsachen- und Normensphäre, von Seins- und Sollenssprache. Ableitungen zwischen den Gegensatzpolen verheißen intellektuelle Konfusion und politischen Fundamentalismus. »Werte« jedoch transzendieren Subjekt-Objekt-Dualismen, denn sie gründen im Fühlen, drücken Präferenzen aus, sind weder Normen noch Tatsachen, zeigen vielmehr den alltäglichen Bezug zwischen beiden. Sie sind dasjenige, was sich sprachlich am schlechtesten objektivieren, »verdinglichen« läßt. Werden »Werte« entweder zu Tatsachen oder zu Normen objektiviert, sind sie Quasi-Besitztümer geworden, gruppenindividuelles Eigentum mit universellem Respektsanspruch. Ihr heutiger politfarblicher Gegensatz folgt einschlägigen Traditionen bürgerlicher (Selbst)Bewußtseinsbildung, d. h. dem kulturellen Aufwärtsblick (Blau) oder dem sozialen Niederblick (Grün), signalisiert Herrschaftsimitation oder Gesindepflege. Wertbezug (oder -besitz) kann somit guten Geschmack oder edle Gesinnung, kann Unkenntnis von Tatsachengesetzlichkeit oder Verkennung von Geltungslogik anzeigen; er kann hyperkonkret oder abstrakt-allgemein ausfallen. Grün- und blaubürgerliches Reden von »Werten« beweist genau dies (es sind immer »unsere Werte«, es ist immer ein Plural). Sie sind zwanglos anzunehmen und zugleich zwingend. So folgen blaubürgerliches Bekenntnis zu tausend Jahren deutscher Erfolgsgeschichte und grünbürgerliche Adoption ausgewählter Minderheiten demselben Muster des »Alles kann, nichts muß«. Beides verheißt Reichtum aus Mangel.
Die rhetorische Prominenz der »Werte« hat ihre philosophische Vorgeschichte, die eigens zu diskutieren wäre.12 Realpolitisch zeigt sie stets ein Scheitern des Ausgleichs zwischen Interessenpolitik und Idealbildung an. Der Rückzug aus der bürgerlichen Normalität, worin man partikulare Interessen als allgemeine Ideen glaubhaft machen konnte, erfolgt als Aggression je exklusiver Werte. Sie stehen ebenso für das, was man hat, wie für das, was man ist. Grüne wie blaue Bürgerlichkeit genießen ihre intellektuelle Entlastung von jener urbürgerlich quälenden Ambivalenz aus »Idee« und »Interesse«. Die Selbstgenügsamkeit derzeitigen Wertebesitzbürgertums in beiderlei Farbgestalt steht am Ende einer Entwicklung, die als Substanzschwund wie als Saturiertheit bürgerlicher Aspirationen deutbar wäre. Von der Welteroberung und -gestaltung durch die »Verwirklichung der Idee« über die »Selbstverwirklichung« bis herab (oder hinauf) zur »Selbstbestimmung« und schließlich (»identitätspolitischen«) Selbstgestaltung führt hier der Weg. Sein sozialer Untergrund ist die Massenkompatibilität von Bürgerlichkeit, deren Vision ihrerseits – frei nach Marx – zur »materiellen Gewalt« wurde.
Auf diesem historischen Untergrund agieren heute kulturkämpferisch Grün- wie Blaubürgertum. Die Besitztümer (»Werte«), die sie verteidigen, sind sie selbst; leibhaftige, weil lebensfaktische Argumente. Gemeinsam ist ihnen ferner der Glaube, von der eigenen Natur (ob gebildet durch ewige Werte, ob geformt durch ethische Präferenzen) sprechen zu können, ohne sie dadurch in ihrem Wesen zu variieren; eine Blindheit für die epistemische Unschärferelation, für die Differenz des Bewußtseins. Die Akteure von Identitätsdenken und Identitätskämpfen erstreben oder behaupten eine Art Hegelschen An-und-für-sich-Seins, nämlich totale Souveränität des Selbst- wie des Fremdbezugs. Anders würde die »werte«verbürgte Weltsinngebung und Selbstverdinglichung (etwa die Selbstethnisierung) nicht funktionieren. Geisteshistorisch gesehen ist das ein Rückgang auf Konfliktkonstellationen um 1800,13 freilich ohne das gute Gewissen jener bürgerlichen Aufstiegsschicht, exklusiv für eine politisch noch nicht sprachfähige Mehrheit zu sprechen.
Was sind die jüngeren, realgeschichtlichen Voraussetzungen? Nach Ende des letzten Weltkriegs war eine Bürgerlichkeit für alle die Friedensdividende, welche den Völkern des Westens verheißen war. Zumindest durch jenen Westen wurde Bürgerlichkeit (handgreiflich als Marktwirtschaft und Mehrparteiendemokratie) nicht mehr als Problem, sondern als Lösung aller Probleme, sprich: als Modell für die Welt propagiert. Im – nunmehr transatlantisch umrahmten – »Abendland« selbst entsprach die Normalisierung von Bürgerlichkeit ihrer sozialstaatlichen Mutation. Eine klassische Dialektik bürgerlichen Seins und Erscheinens, zuweilen formuliert in dem Paradox, daß die Verbürgerlichung außerbürgerlicher Schichten zur allgemeinen »Entbürgerlichung« führe!14 Bekannt, oft auch bespöttelt wurde das als »Sozialdemokratisierung« der Nachkriegsgesellschaften.15 Ihr inneres Telos war eine Transformation von Sozialkonflikten in Kultur- und Distinktionskämpfe, in symbolische Statusarbeit:16 Im Final- und Idealfall würden sozialpolitische Konflikte zur farbenfrohen Konkurrenz von Lebensstilen mutieren, zur bestenfalls heiter-ironischen Konkurrenz von Lifestyleparteien (typisch hierfür, derweil fast vergessen: die »Piraten«), zwischen Fleisch- oder Tofuessenden, zwischen stolzen Nutzern von Kolbenfüller und Tweedjackett oder von mediterranem Strohhut auf lebensfroh-weltoffenem Strubbelkopf. Kurz: Bekenntnis, Dekor und Ornament. Auf die Ähnlichkeiten in dieser spät- oder postbürgerlichen Daseinskondition ist von verschiedener Seite aufmerksam gemacht worden; blaubürgerliche somewheres und grünbürgerliche anywheres in je ideologisch umzäunten, gated communities, in je stadtstrukturbildenden eigenen Wohnbiotopen, beim Kurzstreckenflug aber friedlich vereint.17 Um eine blaubürgerliche Autorität zu paraphrasieren: Tatsächlich ist es schwieriger, aus der Elektrizitätsversorgung auszutreten als aus einer politischen Partei.
»Lebensstil« verbürgt heute keineswegs Pragmatismus und Bodenhaftung unterhalb ideologischer Himmelsschlachten, sondern vielmehr eine Ideologisierung des Praktischen, Gewohnten, klassischerweise Unthematischen. Blaue und grüne Bürgerlichkeit stellen sich gleichermaßen »von oben« her, aus vorgängigem Bewußtsein vom eigenspezifischen Dasein und dem Bekenntnis zu ihm. Nicht länger spricht das Bürgerindividuum für die Menschheit wie die Gruppe für das soziale Ganze, sondern es spricht kompetent und exklusiv für sich selbst. Was es selbst aber sei, wird durch »Werte« bestimmt. Diese sind durch Argumentation nicht zu vertiefen, sondern lediglich durch Artikulation zu verstärken. Der kulturelle, damit auch der politische Stil gerät expressiv und zugleich introvertiert. »Werte« sind vergegenständlichtes »Fühlen«, das dadurch allgemein präsentabel anmutet und doch je eigen bleibt. Mit grüner und blauer Bürgerlichkeit treten heute – dank Mut zum Extrem oder Furcht vorm Experiment – Spezialisten fürs eigene So-Sein gegeneinander an. Dessen permanente Expression – manifest im »Selbstverständigungs«anteil auf Parteitagen oder bei Parlamentsreden!18 – desavouiert die klassische Schwierigkeit von Repräsentation durch Personalisierung, von Teil-Ganzes-Ambivalenzen.
Bereits eine flüchtige Bestandsaufnahme ergibt also Analogien zwischen Grün- und Blaubürgerlichkeit. Sie alle gründen in ihrer Genese aus der »Mittelklasse«. Auch wo deren sozialer Status diffus geworden ist, lebt »Mittelklassigkeit« als seelische Physiognomie fort. Zu dieser gehört – sobald die Wirklichkeit in ein Reich von »Werten« transformiert ist – wesentlich eine Unsicherheit über den eigenen Wert, die durch vergleichenden Hoch- oder Niederblick aufgelöst wird. Bürgerliches Bewußtsein war und ist relativ auf andere Klassen, zu welchen (kulturrevolutionär) längst auch Geschlechter oder ethnische Gruppen erklärt sind.19 Gerade weil die Struktur »mittelklassigen« Selbstverständnisses und -bewertens weiterbesteht, kommt es inhaltlich zur polaren Ausfaltung in strikter Komplementarität. So macht, um die einschlägigen Feindspiegelbilder zu referieren, ostentative Herrenkälte gegen zudringlichen Mitleidseifer mobil, ästhetische gegen ethische Arroganz, häßliches Denken gegen häßliche Kleidung, innere gegen äußere Verwahrlosung, reaktionärer Schwulst gegen progressiven Kitsch, feiste Ungerührtheit gegen zitternde Betroffenheit. Ob soziale Elite oder sittliche Avantgarde, die eigene Seinsqualität bildet sich inhaltlich aus Konfrontation, formal und gruppenimmanent aus quantitativem Vergleich. Die strukturelle Abhängigkeit zwischen moralischen und ästhetischen Werte-Besitzern übergreift deren weltanschauliche oder typologische Besetzungen. Jedermann kennt inzwischen grüne Yuppies und blaue Bobos. Ja, selbst das Hippietum scheint heute offen für überraschende Umbesetzungen.20 Grün und Blau verfahren strukturidentisch in ihrer Hinwendung zu Identität, Kontingenz, Faktizität, d. h. zu den Fremdkörpern und Problembeständen klassisch-bürgerlicher Rationalität. Es sind nun Quasi-Naturmerkmale, deren Relevanz oder Irrelevanz politisch debattiert wird. Das Verständnis des Natürlichen darin ist statisch. Es verrät einen Rückgriff auf Begriffsoppositionen des 18. Jahrhunderts, überhaupt auf nichtdialektische Modelle. Sie wären vom bürgerlichen Fortschrittsdenken des 19. Jahrhunderts wie vom linksbürgerlichen Existentialismus etwa eines Jean-Paul Sartre noch als naturalistische Selbstverdinglichung gelesen worden. Die historische Basis dessen galt philosophisch als Rücktritt hinter die Sein-Bewußtsein-Differenz. Derlei zweite, diesmal gewollte Naivität sozialen Seins wird zuweilen sogar Thema im blaugrünen Konflikt. Erklärungsbedürftig scheint die explizite Hinwendung zu dem, was man nicht machen, sondern nur wählen kann, zu »Identität«, Kontingenz, Faktizität usw. des eigenen Seins, verkehrssprachlich eben: Natur.
Besagte Wendung wird entweder in linearen oder in metabolischen Geschichtsmodellen verortet; Zuspitzung und Vereinfachung auch hier. Lineare Versionen, jeweils blau- und grünstichig, sind Fortschritts- und Verfallsvisionen, worin »Identitätspolitik« einem welthistorischen Befreiungs- oder Versteinerungsgeschehen zugeordnet ist (dessen verborgene Ewigkeit durchaus eine globalkapitalistische Nachgeschichte sein kann!). Hier sind quasi-natürliche Faktizitäten wie Hautfarbe, Herkunft, Geschlecht entweder die letzten Brachen in progressiven Erlösungslandschaften oder ausgefällte Elementarteilchen einer verfallenden, vergröberten Weltkultur, sind sie emanzipationsökonomisches Renditeversprechen oder außerökonomisches, wertindifferentes, weil nicht verwertbares Sein. Zeitdiagnostisch transformiert sich derlei Globalschau in Visionen übermächtiger Feinde, wird aus dem geschichtsphilosophischen Gesamtbild ein affektiv besetztes Gegenüber. Die Rhetorik des Übermächtigen ist zwangsläufig, denn man kämpft mit letzten, weil ja nur mehr eigenen Kräften. Stets drohen reaktionäres Rollback oder progressivistisch verkannter Untergang, ein Seinsgeschehen, das die Seherinstanzen mitreißt. Dialektische Vermittlungen praktischen und theoretischen, aktiven und rezeptiven Weltbezugs geraten so weithin obsolet. Kaum revitalisierbar scheinen auch die bescheideneren, liberal-evolutionistischen Synthesen des 19./20. Jahrhunderts, die progressive oder träge Momente in übergreifendem »Fortschritts«geschehen konzedierten. Statt dessen herrscht ein minoritärer Stolz, worin die »sehende« Ohnmacht vorm Übermächtigen gerade die eigene Wahrheitsmacht verbürgt.
Eine verwandte Formanalogie ist die grünblaue Liebe zu Reduktionismen, insbesondere zur Entlarvungshermeneutik. Traditionell zielte diese auf Beschämung und Umerziehung ihres Objekts, jetzt soll sie offensichtlich seinen Verbleib innerhalb der gemeinsamen Konfliktstruktur sichern. Denn der Gegner ist ja eben das, was sich nicht artikulieren kann, was für sich selbst keine Worte findet – die man selbst überreichlich besitzt, jedoch ohne gegnerische Veranlassung nie auszusprechen genötigt wäre. Im grünblauen Dämmer verfällt somit die klassisch-bürgerliche Sublimierung des Gebrülls zu Gerede und Geflüster, die soziale Sphären bilden konnte, in der alles Partikulare oder Extreme, alles Individuelle oder Phantastische schweigen mußten als noch unsublimierte politische Subjektivität! Mit Grausen registrieren Protagonisten eines philosophischen als auch des politischen Liberalismus, wie Wertfreiheitspostulat, Trennung von Normengeltung und -genese, nomothetisches Kausaldenken und andere bürgerliche Standards an Renommee einbüßen, ja schlicht in Vergessenheit geraten. Doch die grünblau präferierte Entlarvungshermeneutik am Anderen entspricht nun einmal optimal der »identitätspolitisch« zu leistenden Selbstverdinglichung. Auch das bedeutet einen Schritt zurück ins 18. Jahrhundert, hinter Kant und die Folgen: Bewußtseinsanalyse qua Erkenntniskritik ist desavouiert. Kausales wird exemplarisch gelesen, Ursache und Wirkung auf Ganzes und Teile, auf Regel und Fall abgebildet. Beispiele aus den Coronajahren waren: Die Kanzlerin zittert, weil die Globaltemperatur stieg; ein Kind stirbt auf Bahnhofsgleisen, weil die falschen Einwanderer kamen. Was hier je eine grün- und eine blaubürgerliche Spitzenpolitikerin verlautbarten, zeigt Fälle nicht als stringent herzuleitende Effekte, sondern als Exempel eines – verfehlten – Großenganzen.
Denn im grünblauen Denken ist die Welt randvoll von Bedeutung und fast immer in bedrohlichem Zustand. Dem entspricht ein moderner Gnostizismus, das einsame Bescheidwissen vorm falsch laufenden Ganzen, mal stolz als Wissen, mal schrill als Forderung tönend. Man lebt »an der Schwelle des Ärgsten« (E. M. Cioran). Diese Fähigkeit, Einzelnes und Konkretes als Metaphern eines Großenganzen, eines abstrakteren Übergreifenden zu sehen, korreliert wiederum einem älteren Typus des Wissenden, nämlich dem Autodidakten. Narren auf eigene Faust, eigentlich Extremisten des modernen Autonomiegedankens, im bürgerlichen Realismus des 19. Jahrhunderts mal liebevoll, mal bösartig karikiert,21 tragen auf Sichtschildern ihre Erkenntnisse vor sich her. Dem Primat des Faktischen, Vorfindlichen, »schon Geschehenen« und folglich Erlittenen, korreliert eine gekränkte Dauerstimmung. Vielleicht ließe sich der grünblaue Selbstentwurf am besten in existenzphilosophischem Vokabular beschreiben, als Sein-zur-Gekränktheit, mit Heidegger: als Dasein im Modus des Vorhandenseins, mit Sartre: als frei bejahte Faktizität, als dinggleich gewordene »Opazität« des Für-sich. In solcher Trägheit bietet es sich als zunächst passives Objekt aller möglichen Angriffe, was wiederum Aktivität nur mehr als Akt von Empörtheit, Aufschrei, Verletztheitskundgabe zuläßt. Durch »Identitätspolitik« ist Kränkung priorisiert, grundsätzlich und immer schon gewußt in einem privilegierten Wissen um verwundbare Stellen (kennt man sich selbst doch am besten!). Kampf bedeutet folglich Re-aktion, Politik zielt auf Kompensation. Es ist die klassische, durch Friedrich Nietzsche und Max Scheler beschriebene Ressentimentstruktur – Habitualisierung einer nicht akut geleisteten und auch nicht zu leistenden Gegenwehr.
»Ressentiment« begegnet derzeit an entgegengesetzten Polen der Kommunikationshierarchie: Das grünbürgerliche Grollen gegen Privilegien dank Hautfarbe oder Geburtsgeschlecht hat sich über Jahrzehnte leitmedial und gouvernemental verhäuslicht, dem blaubürgerlichen Grollen bleibt nur der Weg zum Herkunftsort grünen Bürgerinnenzorns, ins Offene von Straßen und Plätzen.
Grün und Blau, Feind und Freundin identifizieren einander als die politisch-ideologisch relevanten Konfliktparteien innerhalb eines Bedingungsgefüges, das stillschweigend oder lauttönend als identisch unterstellt ist. Die weltanschaulichen Gehalte ergänzen einander auf polemische, auch projektive Weise. Im Primat der »Kultur«kämpfe (die hauptsächlich um quasinatürliche Eigenschaften oder Eigenschaftszuschreibungen kreisen!) ist das Verhältnis zwischen Grün und Blau reziprok: Während bei den Blauen ein dinglich-solides Haben zum »kultur«bürgerlichen Sein überhöht wird, meist durch wenige, deshalb um so heftiger verehrte Sinnarbeiter, sind diese Legion im gegnerischen Lager – Grünbürgerlichkeit bedeutet, sich zumeist kollektiv und institutionell aus der kulturellen Symbolsphäre heraus den sozialfaktischen Unterbau zu erschaffen.
