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"Gegen das Vergessen" erschien als 11-teilige Geschichtsserie in der linksradikalen Zeitschrift 'radikal', mit dem Anspruch, den historischen Widerstand gegen die herrschenden Verhältnisse umfassend darzustellen und ihn so vor dem Vergessen zu bewahren. Von den Anfängen der Arbeiterbewegung über den Widerstand gegen den Nationalsozialismus bis hin zu den oppositionellen Bestrebungen in der DDR wird die deutsche Gegengeschichte in den ersten 8 Teilen aus linksradikalem Blickwinkel beleuchtet und analysiert. Die letzten drei Kapitel hingegen zeichnen die Geschichte des Patriarchats und des Frauenwiderstandes vom Mittelalter bis in die Neuzeit nach. Aufgrund der Parteilichkeit der Autor:innen und der angenehm unwissenschaftlichen Sprache ist "Gegen das Vergesssen" ein Buch, das wieder Spaß an Geschichte zu wecken vermag, gerade auch bei jüngeren Leser:innen.
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Seitenzahl: 809
Veröffentlichungsjahr: 2012
GdV-TeamGegen das Vergessen
GdV-Team der radikal
Sozialrevolutionärer Widerstand undVerweigerung in Deutschland
unrast reprint 4
GdV-Team (Hg.) – Gegen das Vergessenebook UNRAST Verlag, Juni 2012ISBN 978-3-95405-005-5
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Mitglied in der assoziation Linker Verlage (aLiVe)Umschlag: Jörn Essig-Gutschmidt, MünsterSatz: Jörn Essig-Gutschmidt, Münster
Vorwort: „Geschichte wird gemacht …“
Teil I: ArbeiterInnenbewegungen, Novemberrevolution und Weimarer Republik
(zuerst erschienen in ‘radikal’ Nr. 139 vom November 1989)
Novemberrevolution und Weimarer Republik – Impressionen aus den Revolten 1847/48 – Gründung der SPD – Der 1. Weltkrieg – Berlin 1918-19 – Die Novemberrevolution – Der Reichs-Rätekongreß – Die Konterrevolution – Der Spartakus-Aufstand 1919 – KPD Teil I – Der Ruhraufstand 1920 – Die Aufstände 1921-1923 – KPD Teil II – Konzeption der KPD – Der RFB – 1930-1933 – KPD und der Widerstand
Teil II: Die letzten Jahre der Weimarer Republik
(zuerst erschienen in ‘radikal’ Nr. 140 vom Juni 1990)
„Von ihnen, die unten das Ihre tun, wird nie die Rede sein“ – Der anarcho-syndikalistische Widerstand – Ausflug zur SPD – Der unselige Glauben
Teil III: Der Faschismus an der Macht 1933 bis 1938
(zuerst erschienen in ‘radikal’ Nr. 141 vom November 1990)
Faschismus und Kapital – Rassismus und Antisemitismus – Die Verdinglichung der Menschen – Völlige Durchdringung der Gesellschaft – Verbot von „entarteter Kunst“ und Durchsetzung der NS-Kunst – Perfektionierung der politischen und sozialen Kontrolle – Es gibt keinen ruhigen Platz zwischen Mündungsfeuer und Aufschlag – Zwischen Anpassung und Arrangieren – Der schmerzliche Prozeß des Umdenkens der KPD – Und die SPD-Führung – Der erste organisierte Widerstand – Solidarität mit Spanien – Betrieb – Sabotage-Aktionen – Säuberungen – Der 9. November 1938
Teil IV: Faschismus, Krieg, Sowjetunion und Widerstand
(zuerst erschienen in ‘radikal’ Nr. 142 vom März 1991)
Erfassung und Kriegsplanung – Arbeitskräfteplanung im Dienste des Krieges und der Selektion – Das Verschwinden der jüdischen Bevölkerung: Alle haben es gewußt – Das Kriegsszenario der Faschisten – Planungen und Ziele – Die innere Front – Kriegswahn, Chauvinismus, Rassismus, Hierarchie: Das Treten nach Unten – Das ZwangsarbeiterInnensystem – Der Arsch beginnt auf Grundeis zu gehen – Erkämpft die Internationale das Menschenrecht?!? – Stalinismus/Leninismus/Marxismus I. Teil – Stalins Ämter – Die Entwicklung des Apparates – Stalinismus/Marxismus II. Teil – Das System der Säuberungen – Kurz vor dem II. Weltkrieg: Änderungen in der sowjetischen Politik – Spanischer Bürgerkrieg – Der Nichtangriffspakt – Die Machtpolitik der SU – Der Kriegsbeginn gegen die SU – Der Große Vaterländische Krieg – Die Gegenoffensive – „Interessenssphären“ – Widerstand gegen den Faschismus – Widerstandsgruppen – Widerstand der Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen – Widerstand der Jugend
Teil V: „Mit mir oder ohne mich – aber die gehen drauf“ – Der Widerstand in den Konzentrationslagern und Ghettos
(zuerst erschienen in ‘radikal’ Nr. 143 vom Mai 1991)
Konzentrationslager (KZ) – Lagerisierung des gesamten Lebens – Widerstand in den Lagern – Jüdischer Widerstand in den Ghettos Osteuropas
Teil VI: Die Zeit nach dem NS-Faschismus 1945 bis 1948
(zuerst erschienen in ‘radikal’ Nr. 144 vom Oktober 1991)
Alltag im Nachkriegsdeutschland 1945 bis 1948 – 1945: Initiativen von Unten – Streiks und Hungerdemos – Kämpfe in den Westzonen – ‘Aktion Kohleklau’ – Sozialisierung oder Westintegration – die westdeutsche Gewerkschaftsbewegung – Und was machte die KPD nach 1945? – ‘Entnazifizierung’, Persilscheine und Kriegsverbrecherprozesse – Die deutsche Justiz – Die deutsche Polizei – Und die deutschen Bonzen
Teil VII: „Ärmel aufkrempeln, aufbauen, zupacken ...“ – die BRD in den 50er Jahren
(zuerst erschienen in ‘radikal’ Nr. 145 vom Februar 1992)
Die fünfziger Jahre – Die Sozialpartnerschaft – Bruchlandung auf dem Boden der demokratischen Grundordnung – Die Jahre der Illegalität – Die systematische Kriminalisierung – Die KPD in den fünfziger Jahren – Die Wiederaufrüstung und der Widerstand dagegen – Das Potsdamer Abkommen – Truman-Doktrin und Kalter Krieg – Marshall-Plan und Carepakete
Teil VIII: Vom Anfang des deutschen Realsozialismus – die DDR bis 1953
(zuerst erschienen in ‘radikal’ Nr. 147 vom März 1993)
Exil-KPD und Antifa Ausschüsse – Von der Wiederzulassung der Parteien… zur Gründung der SED – Die Politik der SED – Die Partei, die Partei, die hat immer recht! – Die staatliche Organisierung der Repression – Innerparteiliche Repression – Das Ende des Stalinismus in der UdSSR – Errungenschaften durch die neuen Machtverhältnisse – Die Bodenreform – Die Reform des Bildungswesens – Wie kam es zur Zweistaatlichkeit Deutschlands? – Die Stasi beziehungsweise zur staatlichen Repression in der DDR – Arbeit, Normen und der 17. Juni – Frauen-Arbeit im realen DDR-Sozialismus
Teil IX: Die Zeit der Hexenverfolgungen
(zuerst erschienen in ‘radikal’ Nr. 149 vom März 1994)
Feudalen Gesellschaftsstruktur – Das Ausmaß der Hexenverbrennungen – Erklärungsversuche – Die Kirche – Der Hexenhammer – Grundlage der Verfolgungen – Patriarchale Theologie – Klöster als Zurichtungsstätten zur Sexual- und Frauenfeindlichkeit – Marienverehrung und Minnegesang im 12./13. Jahrhundert – Die sozialreligiösen, oppositionellen BewegungenSozialreligiöse Frauenbewegung – Die Reformation oder: „Die Dämme werden nach innen verlegt“ – Die Anerkennung der Ehe, verkleidet als religiöser Fortschritt – Weitere Ausformulierung und Ausweitung des Hexenvorwurfs – Höhepunkt der Hexenverfolgungen
Teil X: Aufklärung, Geschlechterpolarisation und die Entdeckung der ‘Liebe’
(zuerst erschienen in ‘radikal’ Nr. 150 vom Juli 1994)
Das ‘Ganze Haus’ – Familienleben im Mittelalter – Widerstand von Frauen in feudalistischen Verhältnissen – Das Zeitalter der Aufklärung – Die verschiedenen Weiblichkeitsentwürfe in der Aufklärung – Der Entwurf der Gelehrsamen – Die Ehe als ziviler Vertrag – „Der Verstand kennt kein Geschlecht“ – Die Frauenzeitschriften – Der Entwurf der ‘Empfindsamen’ – Die Frau als Anhängsel des Mannes – Die ‘Empfindsame’ und die Literatur – Stets zu Diensten – Die Liebe als goldene Fessel – Die liebevolle Familie als Staat im Staat – Die Liebesdienste im goldenen Käfig – … oder ist das alles Liebe? – Olympe de Gouges – eine Frau in den Mühlen der Aufklärung – Die sich ausweitende – Sucht nach Bilderwelten – Die protestantische Ethik und der ‘Geist des Kapitalismus’ oder: Vom kriegerischen Mann zum Helden der Arbeit – Männerbilder …
Teil XI: Erziehung und Sexualität
(zuerst erschienen in ‘radikal’ Nr. 152 vom April 1995)
In männlicher Sache – In gesellschaftlicher Sache – In kindlicher Sache – Geschichte der Erziehung – Installierung des Kindheitsverhältnisses – Der totale Machtanspruch – der Eltern – Schulen – Manipulationspädagogik – Künstliche Welten schaffen – Die Sexualität des Kindes – Ordnungsprinzip – Disziplinierung und Militarisierung – Pädagogik im 19. Jahrhundert – Hysterisierung der Frauen – Geschichte der Hysterisierung – Patriarchale Legitimation durch Freudsche Stunden – Sexueller Mißbrauch – Kampfterrain Säugling – Geschichte der Sexualität – Die ‘alltäglichen’ Verhältnisse – Tabuisierung und/oder Thematisierung der Sexualität – Der Prozeß der Zivilisation – das Vorrücken der Scham- und Peinlichkeitsgrenze – Die ‘Sexualitätsbefreier’ – Thematisierung der Sexualität durch Verdrängung? – Wie wird Wahrheit über den Sex hergestellt? – Die vier Komplexe der ‘Wahrheitsproduktion von Sexualität’
Literatur: Tips zum Weiterlesen
Geschichte ist gemeinhin die Lüge, auf die sich die Sieger im Nachhinein geeinigt haben. Wer sich nicht durchgesetzt hat, nicht geschichtsmächtig geworden ist, wird vergessen. Wer weiß schon, daß es in Deutschland einmal eine Hunderttausende Mitglieder zählende Rote Ruhrarmee gab? Wer hat schon vom „mitteldeutschen Aufstand“ gehört oder von den PartisanInnen um Max Hölz, die in den Jahren 1919 und 1920 im Vogtland, in der Nähe von Plauen und Hof, operierten? Wer hat schon einmal gelesen, daß es in den 20er Jahren zumindest in den Großstädten eine FrauenLesben-Szene gab?
Ohne tradiertes Wissen beginnt bereits an den Grenzen der eigenen Lebensgeschichte geschichtliches Vergessen. Und so ist für viele heute der Widerstand gegen die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik in den 50er Jahren bereits unbekannt. Ebenso unbewußt ist vielen die geschichtliche Gewordenheit all dessen, was über historische Fakten wie Staatenbildung, Kriegsverläufe, Wirtschaftsgeschichte, etc. hinausgeht. Denn auch die Verfaßtheit unserer Psyche, das Geschlechterverhältnis, der Arbeitsbegriff und ähnliches beruhen nicht primär auf biologischen Fakten, sondern sind historisch recht jungen Datums. Diese Form von ‘Subjekt’, wie ‘wir’ uns fühlen und denken, wurde und hat sich erst seit etwa 200 Jahren langsam und gewalttätig durchgesetzt.
Von Ende der 80er bis in die Mitte der 90er Jahre hinein erschien in der autonomen Zeitschrift radikal die Geschichtsserie Gegen das Vergessen. Zuerst konzipiert als ein längerer Artikel zur Geschichte des Widerstands von Unten in Deutschland und begrenzt auf den Zeitraum von 1847 bis 1933, entwickelte sich dieser zu einer umfassenden Serie über sozialrevolutionären Widerstand und Verweigerung in diesem Land. Inhaltlich verfolgte diese Serie schließlich zwei Stränge.
In den ersten acht Teilen wird chronologisch der Zeitraum von 1847 bis 1953 bearbeitet. Schwerpunkte bilden die Weimarer Republik, die Zeit des Nationalsozialismus und die Gründungsphasen von BRD und DDR.
Ein zweiter Strang mit drei weiteren Teilen versucht – ausgehend von den Hexenprozessen und der Reformation – Erziehung, Sexualität und Arbeitsideologie nachvollziehbar und bewußt zu machen. Wie wurden ‘wir’ durch jahrhundertelange Prozesse von Erziehung und Terror zu dem gemacht, was wir heute als unser ‘ich’ und ‘unsere Wünsche’ empfinden?
Wiederholt wurde in der radikal darüber nachgedacht, ob ein meist nur unter dem Ladentisch zu erhaltendes Blatt der richtige Ort zur Veröffentlichung einer so umfassenden Serie ist. Zum einen hatte sie als solche kaum mit einer Kriminalisierung zurechnen und zum anderen mußt sie bei dem beschränktem Platz mit anderen Artikeln konkurrieren. Im Rahmen der Arbeit an dem Buch ‘20 Jahre radikal’ reifte bei einigen MitarbeiterInnen jenes Buchprojekts der Gedanke zum Vorsatz, die Texte endlich als Gesamtwerk öffentlich zugänglich zu machen. Es dauerte schließlich zwei weitere Jahre, bis alle Texte eingescannt und soweit überarbeitet waren, daß sie nun in Buchform vorliegen.
Eine der Stärken der Texte – zu den Schwächen kommen wir weiter unten – liegt für uns (die Menschen, die sich ans Überarbeiten gemacht haben) darin, daß sie sich hervorragend als Einstieg in eine Auseinandersetzung mit der Geschichte dieses Landes eignen. Gerade ihre unfertige Art schafft den Platz zur eigenen Auseinandersetzung mit Geschichtsschreibung. Es wird kein neues, geschlossenes Geschichtsbild präsentiert. Vielmehr geht es um einen Prozeß kritischer Annäherung an die und Aneignung der eigenen Geschichte. Das entworfene Panorama und seine Mosaiksteine machen Lust auf mehr und laden ein, sich selbst intensiver mit diesen Zeiten zu beschäftigen. Vielleicht auch genau deshalb, weil Gegen das Vergessen an manchen Stellen so offensichtlich auch kritisierbar ist.
Um den Charakter von Gegen das Vergessen als einen Einstieg in die Auseinandersetzung mit Geschichte ein wenig zu verstärken, fügen wir am Ende des Buches einige kommentierte Literaturangaben hinzu, die Neugieriggewordenen Tips zum Weiterlesen bietet.
Ebenso motivierend war für uns die Tatsache, daß es – außer zu Einzelaspekten – keinen weiteren linksradikalen Versuch einer Geschichtsschreibung dieses Landes gibt.
In den Texten suchen die AutorInnen immer wieder den Dialog mit ihren LeserInnen und setzen die historischen Ereignisse in Bezug zu heutigen Situationen. Dabei werden kostbare Erfahrungen und Ideen transportiert, auch wenn nicht zu erwarten ist, daß die Erfahrungen von 1918 der Komplexität des Jahres 2000 gewachsen sind. Aber um auf die Idee zu kommen, daß Widerstand möglich ist, ist es gut zu wissen, daß Widerstand möglich war.
Allein das Wissen um eine andere Geschichte ermöglicht, die herrschende Geschichtsschreibung gegen den Strich lesen zu können. Und delegitimiert diese zumindest.
Im Mittelpunkt der Geschichtsschreibung von Gegen das Vergessen stehen die aktiven, angreifenden Versuche, Widerstand zu leben und einen Umsturz herbeizuführen – das eigene aktive Handeln von unten. Die Subjekte der Geschichte sind die Menschen unten. Immer versuchen die AutorInnen den Mentalitäten der handelnden Personen in den jeweiligen historischen Situationen nachzuspüren. Dieser konsequente Blick von unten und die Präsenz einer feministischen Perspektive kontrastieren die übliche Herrschaftsgeschichtsschreibung radikal. Gegen das Vergessen ist eben keine – wie kritisch auch immer formulierte – Geschichtsschreibung aus dem Blickwinkel der Herrschenden und auch keine Geschichtsschreibung, die die Menschen unten nur zu Opfern macht.
Trotz deutlicher Sympathie der AutorInnen auch allen kommunistischen Ansätzen gegenüber, wird seit der Gründung der KPD 1919 nichts beschönigt und kein Verbrechen verschwiegen.
Doch was ist überhaupt Geschichte und Geschichtsschreibung? Geschichte ist immer eine Konstruktion im Nachhinein. Die Perspektive ist immer die von ‘heute’. Man glaubt, das Ergebnis der historischen Situation, die man betrachtet, zu kennen. Und damit verändert sich die Bewertung dieses Ergebnisses. Und selbst dieses ‘heute’ verändert sich stetig.
Gleichzeitig soll Geschichte auch immer die Gegenwart legitimieren, bzw. delegitimieren. Wer Geschichte schreibt, kämpft um die Definitionsmacht. Wessen Auslegung der vergangenen Ereignisse in Alltag, Medien und Schulbüchern zu finden ist und wer seine Interpretation durchsetzt, dominiert die politischen Strukturen der Gegenwart. Deshalb war zum Beispiel Helmut Kohl das Deutsche Historische Museum so eine Herzensangelegenheit. Und deshalb die Auseinandersetzung über die Gestaltung des Jüdischen Museums in Berlin – wer darf mit welchem Blick auf die Geschichte das Museum gestalten?
Unserer Meinung nach geht es um ein Offenlegen der Methoden und der Interessen, mit denen auf Geschichte geschaut wird. Dies läßt dem/r LeserIn den Raum, diese Interpretation als Interpretation zu erkennen. Trotzdem wollen wir keine postmoderne Beliebigkeit, der eine sieht es eben so, die andere so, und alles steht gleichberechtigt nebeneinander.
Diesem Problem unterliegen strukturell alle Geschichtsschreibungen. Deshalb wird es nie eine ‘wahre’ Geschichte geben. Nur bei Fakten gibt es sehr wohl richtig oder falsch: War der Ruhraufstand nun 1919 oder 1920? An welchem Tag kapitulierte die deutsche Armee in Stalingrad, etc.
Ein paar Beispiele aus der deutschen Geschichte sollen obige Gedanken verdeutlichen. War die DDR mit dem Blick von 1988 eine konstante historische Größe bei einer Geschichtsschreibung des „deutschsprachigen Raums“, ist sie mit dem Blick von 1998 nicht viel mehr als eine Episode von 40 Jahren.
Überhaupt ist jede deutsche Geschichte eine Konstruktion im nachhinein. De facto gibt es Deutschland als Gründung durch die Preußen seit 1871, für viele Landstriche hätte es auch ohne weiteres anders kommen können. Seit der Aufklärung und besonders nach der Reichsgründung waren Hunderte von Historikern damit beschäftigt, an einer deutschen Nationalgeschichte zu basteln, die heute, da sie sich mit den Machtverhältnissen deckt, auch relativ plausibel wirkt. Was wäre aber, wenn es nach dem Zweiten Weltkrieg zur Gründung der Donaurepublik mit Österreich, Bayern und Südwürttemberg gekommen wäre? Dann wäre Bayerns Mitgliedschaft im Deutschen Reich auch nur eine kurze Episode von 75 Jahren „preußischer Fremdherrschaft“ gewesen, um sich dann wieder seiner ‘Eigentlichkeit’, der Zugehörigkeit zum nördlichen Alpenvorland zuzuwenden.
Ein weiteres aktuelles Beispiel: Seit einigen Jahren gibt es bei mehreren großen Verlagen „Europäische Geschichte“ im Angebot. Wurde vor 80 Jahren noch genau der Unterschied zwischen ‘den’ Franzosen und ‘den’ Deutschen betont, wird heute an einer gemeinsamen europäischen Geschichte gebastelt.
Viel von der Kritik an der herrschenden Geschichtsschreibung gilt strukturell auch für linksradikale Geschichtsschreibung. Die Serie Gegen das Vergessen war in den Kontext einer militanten autonomen Bewegung und der Zeitschrift radikal eingebettet. Selbst wenn die AutorInnen dies in der Einleitung zu Teil I explizit von sich weisen, geht es genau darum: das heutige (1989) Verhalten als militante autonome Bewegung auch aus der Erfahrung der Geschichte heraus zu begründen und sich in einen historischen Kontext zu stellen. Es werden heutige autonome Positionen aus der Geschichte heraus legitimiert. Selbstverständlich will man sich nicht direkt in die Tradition der Roten Ruhrarmee stellen, doch ein bißchen kokettiert man doch damit. Die Sehnsucht nach einer eigenen Verortung in der Geschichte ist deutlich zu spüren – aber ist dies nicht legitim? Wichtig ist, dies zumindest halbwegs offen zu benennen – ein wenig gegen den Strich gelesen, geschieht dies in der Einleitung zu Teil I.
Auch durch die Auswahl der Ereignisse, die man/frau für berichtenswert hält, geschieht die eigene Verortung. Durch die Betonung des aktionistischen Angreifens richtet sich der Blick von Gegen das Vergessen eben auf das, was die Autonomen auch tun – zumindest in den 80er Jahren. Und im selben Moment ist die Serie Gegen das Vergessen der Versuch, sich gegen dieses nur aktionistische Eingreifen ein theoretisches und historisch reflektiertes Fundament zu schaffen. Praxis ist nicht alles.
Unsere Begeisterung für die Serie Gegen das Vergessen bleibt oft gespalten: Da hätte zu vielen Themenkomplexen viel mehr recherchiert und noch kritischer betrachtet werden müssen. „Überall laufen Demonstrationen“ sagt nichts über ihre zahlenmäßige Größe. Und noch weniger zur politischen und sozialen Relevanz einer solchen Demonstration.
Aus vielen Zeilen dringt deutlich die Sehnsucht, ‘gut’ von ‘böse’ zu trennen und dieses jeweils lokalisieren und beschreiben zu können.
Auch bestimmte Denkschulen kann mensch nicht so abhandeln, wie es die AutorInnen in den Teilen IX bis XI tun. Diese Theorien, z.B. die von Sigmund Freud, sollten mehr nach dem befreienden Potential, das sie in sich tragen, abgesucht, aber auch nach den reaktionären ideologischen Effekten und Anwendungen abgeklopft werden.
Bei der Interpretation einer historischen Quelle sollten selbstkritischer die eigenen Herangehensweisen hinterfragt (was möchte ich eigentlich gern finden) werden. Auch hilft das Stellen von Fragen an die Texte gestellt (inwiefern können sie mir heute etwas sagen, an welchen Stellen nicht, inwiefern sind sie einfach ein Produkt ihrer Zeit, etc.) eher weiter. Beziehungsweise können sie als eine „historisch-kritisch“ zu betrachtende Materialenkiste benutzt werden. In dem Anspruch, Herrschaftsgeschichte kritisch zu beleuchten, gehen die AutorInnen von Gegen das Vergessen oft unkritisch an Geschichtsdarstellungen heran, die von ‘unserer’ Seite geschrieben zu sein scheinen. Auch für ‘uns’ gilt die Frage, wer schreibt was, wann und warum. Zum Beispiel sind manche Texte in einem bestimmten Stadium feministischer Auseinandersetzung entstanden, würden aber heute so nicht mehr geschrieben werden.
Für die Buchausgabe haben wir alle Texte neu gesetzt und sprachlich leicht überarbeitet, ohne dabei die lebendige Alltagssprache herauszunehmen. Viele sprachliche Flapsigkeiten haben wir bewußt wie im Original belassen, z.B. ist die Situation „stinkreaktionär“, finden ArbeiterInnen „superschwere Bedingungen“ vor und müssen aufpassen, sich „nicht von oben das Hirn verkleistern zu lassen“. Ausdrücke wie „die Bullen“ und „die Schweine“ haben wir meist durch präzisere Begriffe ersetzt; nur an Stellen, an denen sie einen emotionalen Sinn machen, blieben sie stehen. Geringfügige sachliche Fehler verbesserten wir stillschweigend. An einigen wenigen Stellen haben wir geringfügige Ergänzungen vorgenommen, z.B. wurde der Tatsache, daß 1919 Wahlen zur Nationalversammlung stattfanden, noch das Wahlergebnis beigefügt. All diese Stellen wurden nicht extra kenntlich gemacht. Im wissenschaftlichen Sinne handelt es sich also um keinen originalgetreuen Reprint.
Der Prozeß der Annäherung der AutorInnen an eine etwas ‘seriösere’ Geschichtsschreibung läßt sich gut bei den Quellenangaben beobachten. Insbesondere in den ersten Teilen sind im Original wiederholt Quellen und Zitate nicht belegt. Dagegen verfügt der Teil XI über mehr als fünfzig zum Teil ausführliche Fußnoten. Soweit wenigstens Andeutungen zur Quelle vorhanden waren, wurden diese von uns nachrecherchiert und stillschweigend in den Text eingebaut. An manchen Stellen wäre dies allerdings mit einem unangemessen hohem Arbeitsaufwand verbunden gewesen und wurde deshalb unterlassen.
Die Serie Gegen das Vergessen kann mit den in diesem Buch veröffentlichten elf Teilen in keiner Weise als abgeschlossen gelten. In der Ausgabe 154 der radikal vom Juni 1996 erschien ein Teil XII zur Geschichte des Antisemitismus mit dem Titel „Der Blick zurück ist immer auch ein Blick nach vorne“. Auch wird in diesem Heft ein Teil XIII zur Geschichte der Roma und Sinti angekündigt, der allerdings bisher noch in keiner der zwei weiteren bisher erschienen Ausgaben der radikal veröffentlicht wurde.
Neben dem Kampf gegen das Vergessen formulieren die AutorInnen in der Einleitung zu Teil VIII eine weitere Aufgabe der Serie: „Wir wollen (…) aus den Erfahrungen, aus den Fehlern und aus den Erfolgen, die früher gemacht wurden und die zum Teil ganz bewußt in Vergessenheit geraten sind, lernen.“ Verloren zu haben heißt noch lange nicht, Unrecht gehabt zu haben. Sondern es gilt, sich der Anstrengung zu stellen, beim nächsten Anlauf aus den Fehlern gelernt zu haben und alles besser zu machen.
In diesem Sinne, viel Spaß beim Lesen.
Berlin und Münster im Juni 1999
P.S.: Über Reaktionen, Beschwerdebriefe bzw. Fan-Post und ähnliches würden wir uns freuen. Adressiert eure Zuschriften einfach an den Unrast-Verlag.
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radikal Nr. 139 vom November 1989
Die Idee, sich in dieser Zeitung mit Geschichte zu beschäftigen, ist nicht neu. Als eine Aufgabenstellung dieser Zeitung ist sie bereits in den Konzeptpapieren der Nummer 134 vorgestellt worden. Die Kritik an der fehlenden Auseinandersetzung mit der/ihrer/seiner Geschichte taucht in und an der autonomen Linken immer wieder auf: Wir, die Autonomen, wären geschichtslos. Manchmal wird es als Vorwurf formuliert, daß ewig die selben Fehler wiederholt werden. Und manchmal als Entschuldigung vorgebracht: Worauf können wir uns in Deutschland schon beziehen, bei diesem durch den Faschismus und der immer mehr verschwindenden ArbeiterInnenklasse verursachten historischen Loch.
Die Frage, auf wen und worauf wir uns beziehen können, hoffen wir bereits im ersten Teil zu beantworten. Den immer wiederholten Fehlern wollen wir uns in einem zweiten Teil nähern.
Doch zuerst mal zu den Irritationen, die 40 Seiten Geschichte in dieser Zeitung bei euch auslösen. Da dafür an anderer Stelle einiges rausgeflogen ist (zum Beipsiel ein ähnlicher Repressionsblock wie in der Nummer 138), fragt ihr euch sicher, ob wir jetzt ins Theorielager überwechseln?
Mal etwas platt ausgedrückt, wir fänden es auch wesentlich sinnvoller, wenn andere Gruppen diese Geschichtsaufarbeitung übernehmen würden. Wir denken da an Gruppen, die sich eh mehr auf eine theoretische Strategiebildung festgelegt haben. Aber außer von Gruppen, die auf alles ihr festes Ideologiebild drüberstülpen, gibt es so eine Aufarbeitung bisher nicht. Deshalb versuchen wir es jetzt einfach selbst.
Leider läßt Geschichte, soll sie erstens verständlich vermittelt werden, und es zweites der Leserin ermöglichen, zu verstehen, warum was wie gelaufen ist, sich nicht auf 20 Seiten zusammenfassen.
Einerseits haben wir versucht, möglichst alles zu vermitteln, was an Grundwissen nötig ist, um Zusammenhänge und Abläufe zu verstehen. Andererseits setzten wir dort eindeutige Schwerpunkte, wo wir am ehesten aus unserer jetzigen Praxis beziehungsweise anstehenden Organisierungsfragen Verbindungen und Parallelen ziehen konnten.
Wir hoffen, im gesamten Text den richtigen Ton getroffen zu haben. Dieser Text legt nicht (nur) Wert auf die theoretisch tiefschürfende Analyse, sondern versucht auch, die Geschichte mit all ihren Widersprüchlichkeiten so zu nehmen, wie sie ist.
Unter dem der Staub des Verdrängens, Vergessens und des Verdrehens liegt ein Schatz unzähliger Erfahrungen. Diese lassen uns aus bestimmten Organisierungs- und Aktionsformen lernen. Ebenso können wir uns aus dem Ablauf der Geschichte genauer erklären, warum wir Kader, Avantgarden und Chefideologen ablehnen. Und warum wir dagegen immer selbstbestimmte, vernetzte Basisautonomie setzen.
Mit diesem Text wollen wir nicht vermitteln, die Autonomen stehen in einer Tradition mit der KPD und dem Ruhraufstand oder ähnlich Anmaßendes. Aber wir wollen das Auge und die Wahrnehmung dafür schärfen, daß die Erfahrungen, Niederlagen und Verarschungen, aber auch Erfolge dieses Jahrhunderts einen Bodensatz bilden, aus dem wir schöpfen können. Für uns und euch können wir nochmals genauer herleiten, warum wir meinen, daß nur autonome Frauenorganisierung die Struktur und die Bedingung dafür sein kann, daß Frauen sich befreien. Und nicht permanent für andere Interessen des Klassenkampf von ihren eigenen Sachen abgelenkt werden. Die herkömmliche, auch linke, Geschichtsschreibung bleibt oft auf der Ebene der Darstellung der Unterdrückung von Frauen stehen. Oder sie versucht zu beteuern, daß Frauen sich auch tatsächlich an den Kämpfen beteiligt haben. Fast immer wird verschwiegen, daß Frauen sehr gut ihre eigenen Kämpfe entfalteten.
Und natürlich soll diese Geschichtsschreibung auch antörnen, das verbuddelte Wissen wieder hervorzuholen, das vor dem Faschismus hier vorhanden war. Den damals ging, im Unterschied zu heute, den Herrschenden schon zeitweilig der Arsch auf Grundeis, angesichts der Leute unter Waffen, die plündern, …
Als letztes noch was zur Struktur des Textes. Wie eingangs schon erwähnt, ist dies lediglich der erste Teil. Der Text setzt ein mit den Revolten 1847/48 und endet mit der Machtübernahme der Faschisten 1933. Es wird also mindestens noch ein zweiter Teil folgen, indem wir die Geschichte weiter verfolgen über den Faschismus, Wiederaufbau und Befreiungslüge, Entstehung der BRD und DDR, die Streikwelle 67-73, APO, dem bewaffneten Kampf der RAF, RZ und Bewegung 2. Juni, die Grünen bis hin zu unserer so geschätzten autonomen Bewegung. Falls andere das Bedürfnis verspüren, uns dabei zu helfen, nur zu!
Wir kündigen dies nur an, damit nicht der Gedanke aufkommt, nun werdet ihr alle mit 1933 trübe in der Luft hängen gelassen. Unser ganzes Interesse liegt darin, die Entwicklung bis zum „Ende“ zu verfolgen. Denn ohne den Bezug zu heute und der Ahnung, daß so etwas für unsere Praxis von Nutzen sein kann, hätten wir uns (bei allem Spaß, den wir dabei hatten) den Kopf- und Zeitaufwand gespart. Damit keine Mißverständnisse aufkommen, der Anfang mit 1848 ist willkürlich. Genauso hätten wir bei den Hexenverbrennungen oder den Bauernkriegen anfangen können.
Als letztes empfehlen wir nun den Blick aufs Inhaltsverzeichnis, damit ihr überblickt, was euch auf den nächsten Seiten erwartet:
Station 1: 1848 – 1870
Impressionen aus den Revolten 1847
Streit unter den Organisierten
Gründung des deutschen Reichs 1870
Station 2: 1875 – 1900
Gründung der SPD 1875
Illegalisierung 1878
Gesäubertes Wiederauftauchen
Station 3: 1900 – 1905
Die Flügel innerhalb der SPD
Revisionismus- und Massenstreikdebatten
Station 4: 1870 – 1914
Auf der Suche nach der Basis der SPD
Die ‘zwei’ Arbeiterbewegungen und Streiks
Station 5: 1914 – 1918
Interessen am 1. Weltkrieg
Verhalten der SPD, Entstehen der USPD
Arbeitsumstrukturierung
Station 6: Nov. 1918
Revolutionstage in Berlin
Station 7: 1919
Die Konterrevolution Eberts
Chronologie der Ereignisse 1919
Die KPD formiert und spaltet sich
Station 8: März 1920
Der Ruhraufstand (Vorgeschichte, Anlaß,
Verlauf und Zerschlagung)
Station 9: 1921 – 1923
Frauenorganisierung und Plünderungen
Verhältnis der KPD zu beidem
Station 10: 1921 – 1923
Die zwei Aufstandsversuche der KPD (Mitteldeutscher und Hamburger Aufstand)
Verhältnis zur russischen Revolution und Einfluß der Komintern
Station 11: 1924 – 1925
Neues Konzept der KPD:
„Hin zu den Massen“
Station 12: 1924 – 1929
Der Rotfrontkämpferbund
bis zur Illegalisierung
Station 13: 1928 – 1931
Streikwellen und Frauenorganisierung
Verhältnis der KPD zu beidem
Station 14: 1930 – 1933
Das Erstarken der Faschisten
KPD und der Widerstand dagegen
„In Berlin waren im Frühjahr 1847 die Kartoffelpreise von Bauern und Händlern maßlos hochgesteigert worden. Zwischen dem 21. und 23. 4. 1847 wurden die Stände auf dem Gendarmenmarkt von einer Volksmasse, die ‘zu einem Großteil aus Weibern bestand’, gestürmt und geplündert. Die Angriffe gingen auf die Bäcker- und Lebensmittelläden über, deren Vorräte an die ausgehungerte Menge verteilt wurden, und schließlich wurde der gesamte Stadtkern Berlins von der Insurrektion (Aufstand) erfaßt. Spontane Zusammenrottungen verschwanden nach Überfällen auf Geschäfte ebenso rasch wieder, wie sie sich gebildet hatten. Einzelne Barrikaden wurden errichtet. Die Regierung stellte die ganze Garnison unter Waffen, Infanterie und Kavallerie wurden nach einem militärischen Aufstandsbekämpfungsplan unter Führung des Generals von Prittwitz gegen die erbittert kämpfenden Massen eingesetzt. Zum Schutz des königlichen Schlosses mußten Kanonen in Stellung gebracht werden. Nahezu 300 Menschen wurden nach blutigen Auseinandersetzungen festgenommen, die Gerichte verhängten hohe Strafen, darunter die Prügelstrafe für die beteiligten Frauen.“
Die Unruhen hatten in der zweiten Aprilhälfte ganz Norddeutschland erfaßt. Vor allem in Preußen schlug das Elend um in Revolten.
„Am 24. April 1847 wurde das Militär in Stettin gegen einen Aufstand eingesetzt, bei dem das Volk auch hier überwiegend Frauen, die Märkte und Kartoffelkähne auf der Oder geplündert und Bäcker und Wucherer für den hohen Kornpreis verantwortlich gemacht hatten. Der Magistrat ließ eine Bürgergarde zum Schutz des Eigentums bilden und wies die Fabrikanten an, ihre Arbeiter zu überwachen.“
Innerhalb weniger Wochen hatten sich die Revolten über die meisten deutschen Länder und Provinzen ausgebreitet, unter anderem Ostpreußen, Posen, Schlesien, Sachsen und Hessen, Württemberg und Baden. Eine französische Zeitung meldet aus Deutschland, es sei leichter zu sagen, wo keine Unruhen stattgefunden hätten, als die Orte aufzuzählen, „an denen die Hungernden sich gegen die Satten erheben“.
„Vor dem Hause eines reichen Getreidekaufmannes hatte sich zum wiederholten Male am 21. Mai 1847 eine zahlreiche und hungernde Menschenmenge – Frauen und Proletarier (verstehe diese Aufteilung nicht, die Setzerin) – versammelt, die Korn verlangte. Dem war am 13. Mai bereits eine größere Plünderung der Speicherbestände vorausgegangen, bei der „Freikäufer“ den Weizen abtransportiert hatten, den en detail zu kaufen ihnen verweigert worden war. Bestvater, so hieß der Mann, gab den seinen Reichtum belagernden, verelendeten Gestalten zur Antwort, das Korn sei nicht für sie bestimmt; sie sollten Gras essen gehen und wenn ihnen das nicht lange – sich Frösche dazu rösten. Die in ihrer Würde zutiefst verletzten Armen erschlugen den Händler mit Fußtritten, verwüsteten das Inventar seines Hauses und bemächtigten sich des restlichen in seinem Speicher gehorteten Getreides, das einen Wert von 8.000 Thalern hatte.“ (Alle Zitate aus: ‘Autonomie’, Heft 13).
„Dann muß eine Moral gepredigt werden, die noch Niemand zu predigen wagte, eine Moral, welche das blutige Schlachtfeld in den Straßen, in welchem das Volk doch immer den Kürzeren zieht, in einen fortwährenden Guerillakrieg verwandelt, der alle Spekulationen der Reichen auf den Schweiß der Armen zunichte macht und welchen die Macht der Soldaten, Gendarmen und Polizeidiener nicht zu dämpfen imstande ist; eine Moral, welche uns ganze Legionen Streiter zuführen wird, deren Mitwirkung wir jetzt noch verabscheuen … Diese Moral aber kann nur unter den in unsern großen Städten wimmelnden und in das grenzen–loseste Elend hinausgestürzten, der Verzweiflung preisgegebenen Massen wirksam gelehrt werden.“ (aus: ‘Garantien der Harmonie und der Freiheit’).
„Den Hungernden von Aufklärung predigen ist Unsinn. Vor allem also muß den Darbenden die Befriedigung ihrer Bedürfnisse gesichert werden, und darum müssen wir damit anfangen, dem Proletarier den Respekt vor dem Eigentum auszutreiben, ihn gegen das Geldwesen revolutionär machen, ihm einprägen, daß er kein Verbecher ist, wenn er aus Notdurft eher stiehlt als bettelt oder darbt, sondern ein braver Kerl ist … ich meine, alle sind reif für den Kommunismus, selbst die Verbrecher … Die Menschheit ist notwendig immer reif oder sie wird es nie. Die Phase der Nichtreife bedeute ein ewiges Verschieben von heute auf morgen, zur Aufklärung hätten Millionen und aber Millionen gar keine Zeit … Und so stirbt eine Generation nach der anderen ab.“ (aus: ‘Der Bund der Kommunisten’, Band 1).
Die erste Station unserer Reise durch die Geschichte heißt also 1848: Aufstände im ganzen deutschen Reich, das damals, inmitten der Industriealisierungsphase, noch in unzählige kleine Fürstentümer unterteilt war. Noch gab es nicht viele Fabriken, aber die einst so stolzen Handwerker waren durch die Einführung der Mechanisierung (z.B. der Webstühle, dagegen erhoben sich 1830 die Weber) bereits herabdegradiert. Die Eisenbahnen wurden durch gigantische Arbeitskolonnen errichtet und schufen schnellere Wege, wo vorher Kutschen ihren Dienst taten. Aufbruchstimmung also bei der Bourgeoisie, die in jenen Jahren auch in Deutschland als wirtschaftliche Macht zum Durchbruch kam. Vor ihnen lag eine Zukunft mit immer höheren Profiten. Auf den Märkten wurden immer frecher die Preise diktiert. Aber die Lockerung der Feudalfesseln hatte für die Masse der Ausgebeuteten absolut keine Veränderung gebracht.
Die Kämpfe, die dagegen entstanden, hatten kein übergeordnetes organisatorisches Prinzip. Sie orientierten sich am natürlichen Existenzrecht ohne wenn und aber. Die verhaßten neuen Maschinen wurden zerstört. Das Brot sich genommen, ohne damit große Forderungen aufzustellen. Der Zusammenhalt entstand im gemeinsamen Zerstören und kollektiven Aneignen der überlebenswichtigen Dinge.
In Frankreich, wo schon bereits seit 1789 ständig ähnliche Kämpfe tobten, fanden sich um 1840 die ersten Leute zusammen, deren Organisationen das spätere Korsett der ArbeiterInnenbewegung bildeten. Als die Kämpfe 1847/48 im deutschen Reich tobten, hatte das natürlich Auswirkungen auf die Diskussionen der Gruppen in Frankreich.
Ein kleinerer Flügel setzte mit seinen Überlegungen direkt an der Frage der Organisierung der aktuell laufenden Kämpfe an, d.h. wie kann sich effektiver gegenüber der Staatsmacht organisiert werden, damit in der direkten Konfrontation nicht immer wieder verloren wird.
Der Mehrheitsflügel versuchte an einer politisch-strategischen Bestimmung rumzubasteln, gerade damit aus spontanen Erhebungen sich eine längerfristige Organisierung und Orientierung entwickeln kann. Diese setzten direkt an den materiellen Grundbedürfnissen an. Doch der Kampf ums Fressen, gegen Elend und Krankheit allein, stehen nicht automatisch für ein revolutionäres Bewußtsein.
Mehr oder weniger läßt sich der Konflikt dieser zwei Fraktionen darauf reduzieren, ist die Zeit jetzt politisch reif und muß nur ein organisiertes, kämpferisches Rückgrat bekommen, oder bedarf es zunächst einmal einer Massenorganisierung, in der sowohl politische Erfahrungen gesammelt werden, als auch neben dem Einfordern der Grundbedürfnisse noch weitergehende Ziele formuliert werden.
Uns erscheinen beide Argumentationen durchaus einsichtig, aber faktisch waren sie in ihrer Unterschiedlichkeit nicht zu verbinden. So endete der Disput mit dem Ausschluß des Minderheitsflügel, während der Mehrheitsflügel Karl Marx mit der Erstellung des Kommunistischen Manifests beauftragte.
Das kommunistische Manifest entstand somit einerseits vor dem Hintergrund von ständigen Revolten und gleichzeitig aus den Diskussionen über längerlebige Perspektiven einer Organisierung gegen die Herrschaftsstruktur.
Das Manifest stellte fest, daß nur die Arbeiterklasse die Befreiung bewerkstelligen könne, weil in ihr das zukünftige ökonomische Gewicht liege. Und dieses (das Gewicht) begann dann auch nach der Zerschlagung der Revolten ständig zu wachsen, die Industrialisierung zog endgültig in Deutschland ein, und damit entwickelte sich die Arbeiterklasse zur bedeutenden gesellschaftlichen Klasse.
1870 war die bürgerliche Entwicklung dann soweit: ein einheitliches deutsches Reich mit einem Kaiser an der Spitze und einem Pseudoparlament an der Seite wurde geschaffen. Ein deutsches Reich, weil damit die Industrialisierung profitabler vorangetrieben werden konnte. Zum Beispiel fielen die lästigen Zölle zwischen den einzelnen Fürstentümern weg.
Das Wahlrecht wurde zugestanden, weil es dem Wilhelminischen Staat zu diesem Zeitpunkt sinnvoller erschien, über Wahlen und damit mittels Parteien Massenbewegungen und Bedürfnisse besser erkennen und kontrollieren zu können. Als das alles einer Grauzone zu überlassen, in der über eine Forderung des Wahlrechts eventuell eine Plattform entstehen könnte, auf der sich radikale mit eher bürgerlichen Kräften zusammenschließen. Das Pseudoparlament hatte aber eh nichts zu sagen, es durfte lediglich beraten, aber nichts entscheiden. Und Wahlrecht gab es nur für die Männer. So wurde der Kampf für das Frauenwahlrecht eines der bedeutendsten Kämpfe der bürgerlichen Frauenbewegung.
Gegründet wurde die SPD (Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands) 1875 als Zusammenschluß des ADAV (Allgemeiner Arbeiterverein) und dem deutschen Zweig der IAA (Internationaler Arbeiterassoziation). Die IAA saß in London. In ihr befanden sich unter anderem Wilhelm Liebknecht und August Bebel. Sie verstand sich marxistisch und schloß in dieser Logik Bündnisse mit dem Bürgertum nicht aus. Dies bedeutet, erst das Erkämpfen einer bürgerlichen Demokratie, dann der Kampf um die endgültige Befreiung. Und so kandidierte die SPD nun zum Bismarckschen Pseudoparlament.
Bei der dritten Wahl 1877 holte die rote Partei bereits 9,1 Prozent der Männerstimmen. Die völlige Abhängigkeit der LandarbeiterInnen von Großgrundbesitz und Adel, mieseste Arbeitsbedingungen, 12-Stunden-Maloche, Kinderarbeit und mangelnde medizinische Versorgung machten den Hintergrund aus, auf dem die Partei eine wahnsinnige Ausstrahlungskraft hatte – kommt sie doch einfach daher und spricht davon, alle zu befreien!
Diese Ausstrahlungskraft der SPD für die Verelendeten und Rechtlosen als ihre Partei, die ihnen erstmals wieder einen Platz anbietet. Als erster Hoffnungsschimmer auf Veränderung wird sie fortan immer dem gegenüber stehen, was die Partei und ihre oberen Funktionäre daraus machten. Und wir müssen immer dabei im Kopf haben, daß das Programm der SPD für damalige Zeiten wirklich radikal war.
1878 bekamen der Bismarcksche Staat und das liberale Bürgertum (das zwar die Monarchie ablehnte aber von den Roten auch nichts wissen wollte) das Muffensausen vor der SPD. Die Sozialistengesetze verboten jegliche Versammlungstätigkeit der SPD, gleichzeitig aber erlaubten sie weiterhin die Beteiligung an den Wahlen. Zunächst erscheint das als Widerspruch – aber wirklich nur vordergründig. Bei diesem Verbot ging es darum, die radikaleren Teile der SPD zu kriminalisieren aber nicht die SPD an sich. Ein Schachzug, der sich voll auszahlen sollte.
Mit dem Verbot wurde Basisarbeit illegalisiert. Also alle Leute in der SPD, die nicht ausschließlich oder vor allem auf den parlamentarischen Weg setzten, sondern die Vertretung im Parlament nur als sinnvolle Ergänzung sahen. Auf dem Hintergrund, daß es gleichzeitig die autonome Organisierung vor den Parlamentstoren gibt – den Druck der Straße.
„Damals glaubten die meisten der verarmten, rechtlosen, ausgebeuteten Proleten (was die Frauen glauben, interessiert auch diese Herren nicht) mit glühender Begeisterung an den kommenden Sozialismus. Es war diese glühende Hoffnung, die sie davor bewahrte, auch noch hoffnungslos zu werden. Und für die meisten war klar, daß dieser Sozialismus nur über eine Revolution und nicht durch die Parlamente zu erreichen war. Was später allgemeingültiger Inhalt der Partei wurde, war am Anfang nur die Illusion von wenigen, nämlich, man könne den Sozialismus erreichen, indem man in den Parlamenten dazu die Erlaubnis erhielte. Und diese wenigen in der Partei waren die Professoren, Funktionäre, Parteitheoretiker. Gutsituierte Leute, die in der Partei groß geworden und in ihr gut versorgt waren. Jedenfalls nicht die Malocher. Aber: sie saßen am längeren Hebel, sie kontrollierten den Apparat und mit ihm die Meinung und die Zukunft der Partei.
Die Zeit der Sozialistengesetze gehört zu den besonders verlogenen Mythen der Sozialdemokratie. Es ist nicht übertrieben, wenn man sagt, daß das Sozialistengesetz Bismarcks für die Parteileitung im nachhinein betrachtet überaus gelegen kam. Es ersparte der Partei nämlich jene Art von „Säuberungen“, wie wir sie von den kommunistischen Parteien des Ostblocks kennen. Zwischen 1882 und 1890 entledigte sich die Sozialdemokratische Partei Deutschlands auf überaus elegante Weise ihres radikalen, linken Flügels. Vor dem Sozialistengesetz hielten sich die reformistische und die revolutionäre Tendenz ungefähr die Waage, obwohl von der Partei offiziell nur die erstere gefördert wurde. Grob gesagt saßen die Parlamentsanbeter im Parteiapparat, die Verfechter der Revolution fand man an der Basis der Arbeiterschaft. Zwar gingen auch die fleißig wählen, aber für die Arbeiterschaft war das mehr eine Machtdemonstration. Für die Abgeordneten hingegen war es ihr Lebensinhalt. Früher oder später hätte es zu einer Entscheidung für eine der Richtungen kommen müssen oder aber zur Spaltung. Nach 1890 war es dann nur noch eine Frage von revolutionären Nachwehen, und die Partei konnte ohne viel Widerstand auf den reformistischen, parlamentarischen Kurs eingeschworen werden. Die SPD war reif, den Kapitalismus zu verwalten, statt ihn zu überwinden.
Wo war der radikale Flügel geblieben? In der Antwort auf diese Frage liegt die ‘Eleganz’, mit der die Parteiführung dieses Problem löste. Man ließ den preußischen Staat die Drecksarbeit machen, und die Partei wehrte sich nicht, wenn die radikalen Parteigenossen über die Klinge sprangen. Es war ebenso im Sinne Bismarcks wie der Parteiführung. Als der Spuk vorbei war, hatte Preußen eine SPD, mit der es leben konnte, und die SPD eine Basis, mit der sie in Preußen Staat machen konnte.
Die Taktiererei der Partei gegen die eigenen radikalen Genossen erschöpfte sich schon bald nicht mehr im Stillhalten. Krampfhaft versucht der Vorstand im Züricher Exil den Einfluß der Linken zurückzudrängen.
Einerseits, indem der als Gegengift zur ‘Freiheit’ (radikale sozialdemokratische Zeitschrift) gegründete ‘Sozialdemokrat’ die populäre Sprache und die Schmuggelmethoden Mosts kopierte. Andererseits dadurch, daß man mit allen möglichen administrativen Winkelzügen versuchte, Resolutionen, Delegationen und Anträge auszumanövrieren. Abstimmungen werden manipuliert, Mandate verfälscht, Resolutionen unter den Tisch gekehrt, Beschlüsse verschwinden.
Die preußische Polizei macht sich diesen Zwist rasch zunutze und unterwandert die gesamte Bewegung mit Spitzeln und Provokateuren. Es dauert nicht lange, da denunzieren sich Anhänger beider Fraktionen gegenseitig. Sozialisten liefern Sozialisten ans Messer. Daß die Frauen ans Messer geliefert werden, ist vor allem daran zu merken, daß sie eh schon in der tiefen, tiefen Versenkung verschwinden und nicht erwähnt werden – sie spielen halt keine Rolle. Beim Studium der Zeitungen, Akten, Protokolle und Spitzelberichte meint man, in einen miesen Krimi geraten zu sein.“ (aus: Horst Stowasser: ‘Anarchismus’).
1880 wurde die Fraktion des Reichstages auch Parteivorstand, ein deutliches Zeichen, daß die parlamentarische Linie immer mehr an Übergewicht gewann. Als sich dann von 1887 bis 1890 der Männerstimmenanteil der SPD verdoppelte, erschien es nicht weiter sinnvoll, eine Massenbewegung zu kriminalisieren – die Kriminalisierung hatte ihren Zweck erfüllt.
Nun läßt sich sicherlich fragen, warum die radikaleren Kräfte sich nicht eigenständig organisierten. Aber im nachhinein ist so manche/r schlauer. Die SPD war an sich noch immer viel zu neu und war die Errungenschaft der ArbeiterInnenbewegung, als daß jetzt schon eine Spaltung für unumgänglich gehalten wurde. Viel wichtiger erschien damals im Rahmen der SPD, eigene Zeitungen rauszubringen, die Partei innerhalb ihrer Strukturen zu kritisieren, in der Gewerkschaft radikale Unterorganisationen zu bilden – als die angeblich gemeinsame Kraft zu schwächen. So finden wir um 1880 durchaus anarchistische SPD-Zeitungen. Nicht unerwähnt sollte auch der ständige Aderlaß durch Auswanderung nach Amerika (meist in die USA) bleiben.
Den ersten richtigen Knall gab es 1908, als die „Freie Vereinigung deutscher Gewerkschaften“ (FVDG) sich weigerte, wieder in die Dachgewerkschaften unter der Oberaufsicht der SPD zurückzukehren. Die FVDG lehnte Tarifverträge ab, überließ Streiks einer regionaler Initiative (im Gegensatz zum Dachverband, der darauf bestand, zu allem sein OK zu geben) und propagierte den Generalstreik als Auftakt zur sozialen Revolution.
Von den 17.000 dort Organisierten kehrt die Hälfte nach dem Ultimatum der SPD in die alte Gewerkschaft zurück, aber die andere Hälfte bleibt auf autonomen Weg. Ihre Zentren liegen im Ruhrgebiet, Sachsen und Berlin.
Nun noch ein Beispiel, wie sehr spätere KritikerInnen der SPD sich auch erstmal selbst entwickeln und Erfahrungen sammeln mußten. Karl Liebknecht änderte 1895 einen Artikel von Engels so um, daß er nur Passagen verwendete „die ihm dazu dienten, die um jeden Preis friedliche und Gewaltanwendung verwerfende Taktik zu stützen, die es ihm seit einiger Zeit besonders in diesem Augenblick zu predigen beliebt, wo man in Berlin Ausnahmegesetze vorbereitet“, so Friedrich Engels in einer Beschwerde an den Herausgeber der Zeitschrift.
Karl Liebknecht steht dabei für den größten Teil der SPD, die, berauscht von den Wahlerfolgen, immer mehr darauf setzten, friedlich den Übergang zum Sozialismus zu schaffen.
„So etwas beschließt man nicht, so etwas sagt man nicht, sondern tut man.“
Um 1900 faßte Bernstein in einer Denkschrift die Entwicklung zusammen, die wir in der Station 2 vorgestellt haben. Eine theoretische Festlegung auf den parlamentarischen Weg, in der radikale Ideen keinen Platz haben. Diese Denkweise wurde von Karl Marx schon früher Revision genannt, weil sie sich allein auf einen friedlichen Übergang zum Sozialismus fixierte. Dabei hatte Karl Marx doch sagte, in den Krisensituationen des Kapitals wird es nötig sein, daß das Proletariat unter der Führung einer gefestigten Partei seine Chance zum Sturz des alten Regimes wahrnimmt.
Diese Revision stieß bei den unterschiedlichen Flügeln der SPD auf heftigste Ablehnung, allerdings aus völlig unterschiedlichen Motiven:
Beim linken Flügel um Rosa Luxemburg, weil diese Revision die Dialektik, also das Wechselspiel zwischen Reform und Revolution auf den Kopf stellen würde. Das heißt, Reformen ja, wo wir sie kriegen können, aber im Hinterkopf behalten, daß die Zeit kommen wird, wo es nötig sein wird, auch zu den Waffen zu greifen.
Beim Parteivorstand um August Bebel, weil dies unweigerlich viele Gruppen ausschließen würde, und es ihm darum ging, die SPD als Partei aller ArbeiterInnen zusammen zu halten.
Und schließlich beim Gewerkschaftsflügel, weil sie diese Revision in der alltäglichen Arbeit bereits umsetzten. Sie wehrten sich dagegen, diese Arbeit allzu offen theoretisch zu diskutieren oder festzuschreiben, weil sie befürchteten, daß die radikaleren Kräfte diese Politik wieder kippen könnten. Von diesem Flügel stammt auch obiges Zitat, wobei sie Bernstein dazu aufforderten: Halt endlich dein Maul, du alte Petze!
Diese ganze Diskussion nennt sich in der Geschichtsschreibung Revisionismusdebatte. Offiziell wurde weiterhin nichts revidiert, aber schon in der Massenstreikdebatte ab 1905 zeigte sich die Praxis. Nach der russischen Revolution 1905 und den Massenstreiks in Schweden und Belgien, die das allgemeine Wahlrecht einbrachten, propagiert der linke Flügel um Rosa Luxemburg den Massenstreik als Massenkampfinstrument. Angeregt wurden sie dazu auch vom vorhin erwähntem FVDG. In der heftigen Diskussion darüber setzte sich der Gewerkschaftsflügel durch, der den politischen Massenstreik lediglich als reaktive beschränkte Waffe definiert wissen wollte. Nur wenn eine offene Gefährdung oder ein offener Angriff der Bourgeoisie abgewehrt werden müßte, sollte zum Massenstreik gegriffen werden. Übrigens hatten schon 1848 während der Unruhen die diskutierenden KommunistInnen Streik als ökonomistisch abgelehnt.
Aber verlassen wir die trüben Pfade der Partei und schauen mal etwas genauer auf die Verhältnisse außerhalb des Funktionärshaufen. Wie sieht es denn bei den sogenannten Massen aus, was die Kampfbereitschaft angeht?
Wie schon in der 2. Station erwähnt, war die Partei wählen und gleichzeitig voll hinter ihrer Politik stehen, nicht unbedingt ein und dasselbe. Gleichzeitig haben wir in der 3. Station den größten Teil der Gewerkschaftsfunktionäre als quasi rechten Flügel der SPD vorgestellt. Wo hatte dieser Hauptflügel denn seine Basis ?
Dazu müssen wir uns noch mal zurück begeben zum Ursprung der ArbeiterInnenbewegung zu Beginn der Industrialisierung. Der ADAV (ihr erinnert euch, der 1. Deutsche Arbeiterverein, der sich dann mit dem internationalen marxistischen Zweig zusammenschloß) setzte sich überwiegend aus sogenannten herunterproletarisierten Handwerkern zusammen. Es waren also allesamt Arbeiter, die ein Handwerk erlernt hatten und deren Wissen an den neuen Maschinen für das Kapital wichtig war. Einerseits nicht beliebig ersetzbar und andererseits zog das bei diesen Arbeitern einen gewissen Stolz (Arbeitsethos) vom Wert ihrer Arbeit nach sich. Sie waren damit die ersten Facharbeiter, eine Schicht, die bis heute für die Aufsplitterung und Konkurrenz innerhalb der ArbeiterInnen eine erhebliche Rolle spielt. Das Kapital ist darauf angewiesen, in einem gewissen Maße mit ihnen zu kooperieren – dies drückt sich zum Beispiel durch bessere Löhne aus.
Noch mitgekommen? Ist nämlich ein wichtiger Knackpunkt, weil die Facharbeiter eine Schlüsselposition sowohl in der SPD wie in den Gewerkschaften einnehmen. Wir versuchen das nochmals mit einem Bild zu untermauern: Fast alle SchülerInnen sind von der Schule genervt, weil sie generell keinen Bock auf Lernen haben bzw. es nicht einsehen, Tag für Tag ins selbe Gebäude zu müssen, wo sich irgendwelche Alten erdreisten, so zu tun als wären sie schlauer als sie. Viele packen den Leistungsstreß nicht, werden mit der Zeit ausgesiebt. Andere – meist packen sie die Leistungsanforderungen besser – kritisieren die Schule aus einem grundsätzlich positiven Blickwinkel heraus. Solche SchülerInnen werden oft als KlassensprecherInnen gewählt. Ganz selten werden total schlechte SchülerInnen im Sinne des Leistungssystems dazu auserkoren. Diesen KlassensprecherInnen geht es in der Regel nicht um grundsätzliche Ablehnung des hiesigen Schulsystems, sondern um Reformen, Verschönerungen des tristen Schulalltags (Schulhofbegrünung, Feten, eigene RaucherInnenecke, etc.). Sicherlich gibt es Ausnahmen. Es gibt radikalere Schulen, an denen mehr gefordert wird. Und es gibt auch immer Zeiten, in denen insgesamt radikalere Forderungen gestellt werden, wie zum Beispiel Anfang der 70er Jahre. Aber in der Gesamtheit müßte das Bild hinhauen, oder?
Zurück zu den Facharbeitern – hier sieht es ähnlich aus. Ihre ersten Organisationsansätze verfolgten natürlich politische Ansprüche, die für die damaligen Lebensverhältnisse wahrlich radikal waren. Trotzdem fixierten sie sich auf ihre Situation und nahmen in der weiteren Entwicklung nicht mehr wahr, was aus ihrer Stellung dem Kapital gegenüber bei ihnen für Erfolge möglich waren. Dies war eben die gewisse Abhängigkeit des Kapitals von ihrem Wissen. Und sie nahmen nicht mehr wahr, daß dies beim überwiegenden Teil der Ausgebeuteten in der Form nicht gegeben war.
1871 gab es einen ersten großen Erfolg im Chemnitzer Metallwerk, als durch einen Streik der 10-Stunden-Tag erkämpft wurde. Dieser erkämpfte Status quo, der das aktuelle Verhältnis von Kapital und ArbeiterInnen ausdrückte, wurde zum Aufschwung des politischen Apparates der SPD und der Gewerkschaften. Die ganze industrielle Entwicklung war bis zu diesem Zeitpunkt auf die Facharbeiter zugeschnitten: Metallindustrie (vor allem Werkzeugmaschinenbau), Fahrzeugindustrie, Elektroindustrie – überall wurde Präzisionsarbeit benötigt und nicht Massenproduktion.
Erst mit der Gründung des deutschen Reiches begann der Boom, zum Beispiel im Bergbau. Hier wurden Ungelernte benötigt und zwar in Massen, die unter den herbsten Bedingungen unter Tage geschickt wurden. Weil viele deutsche Arbeiter versuchten in andere Industriezentren zu entfliehen, wurden massiv Arbeiter aus Polen, Galizien und Ruthenien (heutige Westukraine) rekrutiert. Dasselbe bei den LandarbeiterInnen, sie bestanden zum größten Teil nur noch aus osteuropäischen WanderarbeiterInnen, die scharf überwacht in Kasernen lebten und täglich für einen Hungerlohn auf die Felder geschickt wurden. Der dritte Bereich brutalster Schinderei waren die Häfen und Werften der Küstenstädte. In allen drei Sektoren, die ab 1870 immer mehr boomten, gab es keine Facharbeiter. Diejenigen, die eine Stufe über den ungelernten Schwerstarbeitern standen (z.B. die Steiger im Bergbau), waren bereits Teil der Ausbeutungsmaschinerie. So entstanden nach 1870 eigentlich zwei Arbeiter-Innenbewegungen.
1889 – blutige Zusammenstöße zwischen Bergbauleuten Mitteldeutschlands, des Ruhrgebiets und Militäreinheiten mit Dutzenden Toten. 8-Stunden-Tag erkämpft 1905 – Massenstreik im Bergbau, als der 8-Stunden-Tag zurückgenommen werden soll. Die radikaleren Teile der SPD beginnen die Massenstreikdebatte.
1896/97 – Streikbewegung in den Häfen, Bullen als Streikbrecher. Dampfer werden versenkt, Leinen von ankernden Schiffen gekappt. Bahnhöfe bis tief ins Reich von Militanten besetzt, um Streikbrecherkolonnen zu blockieren.
1912 – Streik im Bergbau des Ruhrgebiets.
1913 – Werftarbeiterstreik, ausgelöst durch brutale Übergriffe der Werkspolizei auf Kieler Krupp-Werk
Die eine, mit einem politischen Instrumentarium bewaffnet (SPD und Gewerkschaften), die in der gesamten Zeit bis zum 1. Weltkrieg viele Erfolge feiern konnte. In vielen Betrieben wurde lange vor 1918 (Novemberrevolution) der 8-Stunden-Tag erkämpft. Schulungskurse der Gewerkschaften rechneten den Arbeitern abends vor, wieviel von den Einnahmen des Betriebs ihnen die Kapitalisten vorenthalten – und so wurde oft erfolgreich gestreikt und verhandelt. Insgesamt ließ sich der Wilhelminische Staat die Facharbeiterindustrie viel kosten. Gleichzeitig konnte er aber so auf die Mitarbeit der Facharbeiter rechnen, die Industrialisierung zu tragen und weiterzuentwickeln.
Die andere ArbeiterInnenbewegung stand in unmittelbarer Konfrontation mit dem Repressionsapparat. In ihr hatten vermittelnde, reformistische Ansätze weniger Boden, weil die Ausbeutung zu direkt funktionierte. An vielen Orten entwickelte das Kapital eigene (neben Polizei und Militär) Repressionsinstrumente.
Bei den LandarbeiterInnen gab es sogenannte Landschutzorganisationen, die sofort jedes renitentes Verhalten unterdrückten. Im Bergbau besorgten dies sogenannte Zechenwehren. Nach den ersten Streiks wurden gigantische Pläne der Aufstandsbekämpfung geschmiedet, die zum Beispiel die Besetzung des Ruhrgebietes durch das Militär vorsahen. Die Zechenbarone operierten mit schwarzen Listen, um ständig allzu auffällig agierende Arbeiter herauszufiltern. Trotzdem, oder gerade deswegen entwickelte sich hier ein Verhältnis zur direkten Aktion. Natürlich gab es das ansonsten schon immer und überall, wo es Unterdrücker gab. Und Maschinenstürmerei, bei der die ArbeiterInnen nur noch zerstörten, gab es vorher auch schon.
So gab es des öfteren eingeschlagene Fressen für Steiger. Bei den Hafenarbeitern entwickelte sich am stärksten eine Gegenbewegung zur Linie der SPD und Gewerkschaften. Hier wurden auch die Stadtviertel in die Kämpfe mit einbezogen, zum Beispiel das Gängeviertel in Hamburg. Und die primäre theoretische Linie richtet sich gegen die Vorstellung eines langsamen Übergangs zum Sozialismus durch Reformen.
„Soweit sie sich außerhalb der realen Kämpfe gegen den professionellen Reformismus artikuliert, besteht sie auf proletarischer Selbstorganisation, welche die revolutionäre Betriebsorganisation als Ausgangspunkt des proletarischen Aufstands begreift.“ (aus: K.H. Roth ‘Die andere Arbeiterbewegung’; München 1977).
Die Schwäche aller drei Bereiche war ihr mangelndes organisatorisches Konzept. Sie standen vereinzelt nebeneinander und verbanden sich nicht. Das Propagieren der sozialistischen Idee blieb weiterhin der SPD überlassen, die immer mehr auf die Idee eine verbesserten Organisation der Arbeit durch Abschaffung der kapitalistischen Konkurrenz hinauslief. Damit wäre eine effektivere Erwirtschaftung von Profit möglich, was dann gerechteren Lohn zur Folge haben würde. Der Übergang sollte nicht konfrontativ verlaufen (Revisionismusdebatte), sondern in kleinen Schritten unter Aufrechterhaltung des Produktionsablaufes. Alle Überlegungen blieben also auf die Betriebe beschränkt. Die gesellschaftlichen Belange würden sich dann schon regeln. Muß es noch erwähnt werden? Mit revolutionärer Gewalt oder bewaffnetem Aufstand hatte das schon lange vor dem November 1918 nichts mehr zu tun.
Bernstein schrieb 1896 in der ‘Neuen Zeit’: „Wir werden bestimmte Methoden der Unterwerfung von Wilden verurteilen, aber nicht, daß man Wilde unterwirft und ihnen gegenüber das Recht der höheren Kultur geltend macht.“
Bereits vor dem 1. Weltkrieg, aber auch nach dem Weltkrieg, bestand die SPD auf dem „Recht auf Kolonien“ für das deutsche Volk:
„Das Recht, kraft dessen alle Kulturnationen den Boden barbarischer Völker besetzen und bewirten müsse auch dem deutschen Volk zugestanden werden. Und es sei legitime Aufgabe der deutschen Sozialdemokratie, darüber zu wachen, daß es nicht angetastet, daß Deutschland im Rate der Völker nicht zurückgedrängt werde.“ So faßt Maria Mies die Haltung der SPD zusammen; (aus Maria Mies: ‘Frauenbefreiung und nationaler Befreiungskampf – Geht das zusammen?’)
Das Wohl und Wehe des Wilhelminischen Staates stand der SPD immer mehr ins Gesicht geschrieben. Und dieser bedurfte weiterer Expansion. Obwohl die deutsche Industrialisierung im Vergleich zu England und Frankreich sehr spät begann, stand das deutsche Reich 1914 als zweitstärkste Handelsnation da. Allein, es fehlten ihm genügend Kolonien, um die Weltmachtstellung und die chauvinistische (nationalbewußte) Brust weiter rauszustrecken.
Das Deutsche Reich war schlicht zu spät bei der „Verteilung des Kuchens“ gekommen. Gleichzeitig nahmen im Inneren in den letzten Jahren die Streiks mehr und mehr an Heftigkeit zu. Kaum war einer niedergeschlagen oder mit Zugeständnissen befriedet, ging es an einer anderen Ecke schon wieder los. Nicht überall hatte die SPD den entscheidenden Einfluß, um mäßigend eingreifen zu können. Was lag also näher, um aus dieser Situation herauszukommen, als ein nationalstolzer Feldzug zur Rettung der deutschen Ehre.
So schlug es die Heeresleitung eine Blitzkriegsstrategie vor (gerüchteweise soll sie davor mit einigen rechten SPD-Strategen darüber palavert haben), die mit der Besetzung Belgiens am 4.8.1914 begann. Die SPD-Fraktion am selben Tag dazu im Reichstag:
„Jetzt stehen wir vor der ehernen Tatsache des Krieges (…) unsere heißen Wünsche begleiten unsere zu den Fahnen gerufenen Brüder (…) wir lassen in der Stunde der Gefahr das eigene Vaterland nicht im Stich.“
Mit diesen Worten bewilligte die SPD-Fraktion einstimmig die Kredite, die für den Krieg aufgenommen werden sollten. Einstimmig, weil Fraktionszwang bestand. Am Vortag stimmten noch 34 dagegen. Die SPD war 1914 bereits stärkste Partei im Reichstag. Hinter ihr stand gut ein Drittel der Bevölkerung, trotzdem (oder gerade deswegen?) reitet sie mit Freuden auf der nationalistischen Mordwelle.
1916 übernahm der Vorsitzende des deutschen Metallarbeiterverbands (also der Gewerkschaft) den Unterausschuß für Arbeiterangelegenheiten im Kriegsamt. Des weiteren stimmte die SPD dem „Gesetz über den vaterländischen Hilfsdienst“ zu, das vorsah, nicht nur alle Soldaten zu mobilisieren, sondern auch die Arbeiter heranzuziehen. Im Dezember 1916 und im Januar 1917 stimmte die Fraktion der SPD nochmals Krediten zur Kriegsverlängerung zu – erst dann kommt es zur längst überfälligen Spaltung.
Während der linke Flügel schon seit Beginn gegen den Krieg agitierte – Karl Liebknecht bekam z. B. wegen eines Flugblatts zum 1. Mai 1916 ein Jahr Festungshaft aufgedrückt – entschloß sich der gemäßigtere Flügel erst dazu, als im Hungerwinter 1916/17 die Massen zu eigenen Aktionen griffen. Es wurde vielerorts gestreikt und demonstriert. Im April 1917 trennte sich der linke Flügel von der SPD. Der Großteil dieser Linken gründete die Unabhängige SPD (USPD).
Nur kurze Zeit später schwenkte auch die Mehrheitssozialdemokratie auf Anti-Kriegskurs ein. Diese Wende war das Resultat aus dem offenkundigen Scheitern der Blitzkriegsstrategie, den Hungerrevolten und dem ersten Auftreten einer Opposition.
Den 1. Weltkrieg mit imperialistischen Großraumplänen zu begründen ist sicherlich richtig, doch gleichzeitig ging es darum, mittels nationaler Propaganda und Militarisierung, die Renitenz in den deutschen Fabriken in den Griff zu bekommen.
Bis Herbst 1916 wurden 4,3 Millionen Frauen in die Fabriken gepreßt, der Anteil der Männer stagnierte bei 4,7 Millionen. Seit 1915 wurden über das deutsche Industriebüro 130.000 belgische und 180.000 polnische Zwangsarbeiter deportiert.
Ab 1916 läuft das alles verstärkt weiter über das Kriegsamt und den vorhin erwähnten Unterausschuß. Die einheimische Industrie wird militarisiert und kaserniert. Streik gilt als Landesverrat, renitente Arbeiter kommen an die Front. Die Zwangsarbeitslager in den besetzten Gebieten stehen den späteren ZwangsarbeiterInnenlager im Faschismus in Brutalität und Härte in nichts nach. Allenfalls konnte der Faschismus noch von den Erfahrungen lernen.
Die gigantische Rüstungsmaschinerie die das Deutsche Reich benötigte, um statt einem Blitzkrieg einen langjährigen Stellungskrieg durchzuhalten, verhalf der Chemie- und der Fahrzeugindustrie zu ihrem ersten Boom. In diesen Jahren entstand die Machtstellung, die die Chemiegiganten und andere Großkonzerne nie wieder – bis heute nicht – aus den Fingern legen sollten.
Exemplarisch soll hier die Entstehung der Leuna-Werke von BASF beschrieben werden.
BASF suchte sich ein riesiges Gelände südlich von Merseburg / Saale (in der Nähe von Leipzig) aus, deren ca. 130 Kleinstbesitzer kurzerhand enteignet wurden. In zwei Jahren wurde ein gigantisches Fabrik- und Barackenlager errichtet. Hier tummelten sich dann Facharbeiter in Uniformen (sie konnten jederzeit an die Front abberufen werden), angeworbene Arbeiter aus der Umgebung, riesige Kolonnen Kriegsgefangener, belgische Zwangsarbeiter und Frauen, die im Krieg auch zwangsweise Kriegsproduktion machen mußten.
Dazwischen wurden Einheiten des Generalkommandos zur Disziplinierung und Bewachung stationiert. Sowie zur Gewährung der Arbeitsdisziplin noch Vorarbeiter aus dem Stammwerk Ludwigshafen.
Aber sowohl dies eine weitaus differenziertere Hierarchiesetzung im Vergleich zur Vorkriegsperiode war, wurden die Barakkenlager der Leuna bald zur Hochburg des Widerstandes, die sich bald auch nicht mehr an der USPD orientierten, sondern eigene Wege gingen (z.B. wurde hier die KAPD gegründet, dazu später mehr) – nachdem gescheiterten ‘Mitteldeutschen Aufstand’ 1921 wurde schließlich das Barackenlager niedergerissen.
Doch vorerst sind wir noch nicht soweit, sondern kommen gerade erst im November 1918 in Berlin an. Über die Tage der Novemberrevolution können wir schlecht reden, man muß sich in sie einfühlen, in die Frauen und Männer, die in diesen Tagen all ihre Hoffnungen in sich tragen, daß mit dem ganzen Pack aufgeräumt wird und sich eine neue, sozialistische Gesellschaft aufbauen läßt.
Am liebsten würden wir hier seitenlang aus dem Jugendbuch ‘Rote Matrosen’ von Klaus Kordon zitieren. Ihm gelingt es darin, die Stimmungen dieser Tage und Wochen hervorragend einzufangen. Doch das würde endgültig den uns zur Verfügung stehenden Platz sprengen. Deshalb in Kürze die wichtigsten Ereignisse der Novemberrevolution.
Im Herbst 1918 wird der deutschen Obersten Heeresleitung klar, daß der Krieg militärisch verloren und der Zusammenbruch der deutschen Westfront nur noch eine Frage von Wochen ist. Sie formulieren ein Waffenstillstandsangebot. Gleichzeitig beginnen sich überall im Deutschen Reich und an der Front Arbeiter- und Soldatenräte zu bilden. Auch die Aufnahme von zwei Sozialdemokraten in die Regierung kann die sich formierende revolutionäre Bewegung nicht mehr aufhalten. Als Anfang November die Kriegsflotte zu einem „letzten Gefecht“ gegen England auslaufen soll, kommt es in Wilhelmshaven und Kiel zu Meutereien und Matrosenaufständen. Diese Aufstände breiten sich innerhalb weniger Tage über das ganze Reich aus. Am 7. November ruft Kurt Eisner in München die „soziale und demokratische Republik Bayern“ aus. Am 9. November tritt in Berlin Kaiser Wilhelm II zurück und flieht nach Holland. Friedrich Ebert (SPD) wird an diesem Tag zum neuen Reichskanzler ernannt. Phillip Scheidemann (SPD) ruft eine „deutsche Republik“ aus; fast gleichzeitig proklamiert Karl Liebknecht vom Berliner Schloß die „freie sozialistische Republik“. Das Polizeipräsidium wird gestürmt, über 650 Gefangene befreit und auf dem Berliner Schloß weht die Rote Fahne. In den ‘Roten Matrosen’ heißt es dazu – alle weiteren Zitate in diesem Kapitel sind auch daraus: „‘Ausgerechnet Ebert und Scheidemann, die doch die Revolution bis zur letzten Sekunde verhindern wollten, geben sich auf einmal als ihre Führer aus. Um ein Uhr mittags, als wir längst gesiegt hatten, gaben sie ein Extrablatt heraus, in dem auf einmal auch sie den Generalstreik forderten. Verstehste: Als sie den Zug nicht mehr anhalten konnten, sind sie aufgesprungen und haben so getan, als hätten sie ihn die ganze Zeit gesteuert. Trittbrettfahrer sind das, ganz miese Trittbrettfahrer. Und wenn sie erst lange genug mitgefahren sind, werden sie versuchen, die Weichen so zu stellen, daß der Zug in eine andere Richtung fährt.’“
Im ganzen deutschen Reich liegt die Macht de facto in der Hand der Arbeiter- und Soldatenräte. Die ‘Regierung’ wird aus einem „Rat der Volksbeauftragten“ gebildet, der je zur Hälfte von SPD und USPD besetzt ist und unter dem Vorsitz von Friedrich Ebert tagt. Doch sofort treten die Widersprüche auf. Auf der einen Seite steht eine sozialrevolutionäre Umgestaltung Deutschlands, auf der anderen die Errichtung einer von der SPD getragenen bürgerlichen Republik. „‘Es darf nicht dabei bleiben, daß der Kaiser abtritt und der Waffenstillstand ausgerufen wird. Wir müssen die Gelegenheit am Schopf packen und unseren eigenen Staat gründen, einen Staat, in dem die Arbeiter, Handwerker und Bauern regieren (scheinen alles Männer zu sein, die Setzerin), in dem die vielen kleinen Leute sagen, was gemacht wird, und nicht die wenigen Reichen, einen Staat, in dem niemand mehr ausgebeutet wird und der nie wieder einen Krieg beginnt. Deshalb müssen jetzt sofort die kaisertreuen Beamten entlassen werden. Solange die noch auf ihren Posten hocken, bewegen wir nichts. Aber Ebert hat strikt abgelehnt. Ohne Fachmänner geht nichts, hat er gesagt.’ Helle legt die Zeitung weg. Der Jubel vom Nachmittag war also verfrüht? ‘Wenn das so ist’, sagt die Mutter leise, ‘wird Ebert auch die Generäle nicht entlassen. Die sind ja auch Fachmänner.’“
Doch vorerst einigen sich SPD und USPD. Die grundsätzliche Entscheidung wird auf einen Reichskongreß der Arbeiter- und Soldatenräte verschoben.
„‘Ich sag ja, sie haben sich geeinigt’, wiederholt Oswin. ‘Sie haben einen Rat der Volksbeauftragten gebildet, und zwar ganz reell, drei SPD-Leute sitzen drin und drei Unabhängige. Oder ist das etwa nicht gerecht?’
‘Gerecht!’ höhnt der Vater. ‘Ein Betrug ist das! Gestern abend standen die Unabhängigen noch hinter Liebknechts Forderungen, jetzt haben sie Eberts Parolen von der Einigkeit übernommen und Liebknecht damit den Stuhl vor die Tür gesetzt. Und Ebert und Scheidemann sitzen natürlich auch im Rat der Volksbeauftragten, sind sozusagen die Obervolksbeauftragten!’
(…)
‘Aber Oswin’, schaltet sich die Mutter ein. ‘Was Ebert und Scheidemann können und wollen, das wissen wir doch nun wirklich. Wir haben’s ja am eigenen Leib gespürt. Oder haste vergessen, auf wessen Seite sie standen, als wir gegen den Krieg demonstriert haben? Für die Polizistensäbel haben sie Verständnis gehabt, für unsere Forderungen nicht.’“
