Gegen den Strom - Günter Dönges - E-Book

Gegen den Strom E-Book

Günter Dönges

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Beschreibung

Exzellent – das ist er im wahrsten Sinne des Wortes: einzigartig, schlagfertig und natürlich auch unangenehm schlagfähig. Wer ihn unterschätzt, hat schon verloren. Sein Regenschirm ist nicht nur sein Markenzeichen, sondern auch die beste Waffe der Welt. Seinem Charisma, Witz und Charme kann keiner widerstehen. Der exzellente Butler Parker ist seinen Gegnern, den übelsten Ganoven, auch geistig meilenweit überlegen. In seiner auffallend unscheinbaren Tarnung löst er jeden Fall. Bravourös, brillant, effektiv – spannendere und zugleich humorvollere Krimis gibt es nicht! Sie heulte und schrie, als sollte sie umgebracht werden. Sie rang die Hände und schlug sich anklagend gegen die Brust. Ihr schon an sich breiter Mund war weit geöffnet, und ihre Augen zeigten einen leicht irren Glanz. Sie trug ein knappsitzendes Kostüm und hochhackige Schuhe. Als sie nach rechts flüchten wollte, stolperte sie und wäre um ein Haar hingefallen. Aber im letzten Moment hielt sie sich an einem Sessel fest und richtete sich wieder auf. Josuah Parker als guterzogener Mensch war vor Entsetzen tief in seinen Sitz gerutscht. Seine Hände spielten nervös mit der schwarzen, steifen Melone. Sein Gesicht hatte sich in eine Grimasse verwandelt. Er sah angegriffen zu Boden und atmete erst erleichtert auf, als die Frau zwischen den Kulissen verschwand. Das Klavier auf der Bühne gab einige mißtönende Laute von sich, dann wurde der Deckel sehr energisch zugeschlagen. Irgend jemand durchbrach die peinliche Stille, indem er laut und vernehmlich: »Ziege!« sagte. Ein Mann lachte gequält auf und lief über den Steg, den man provisorisch von der Bühne aus über die Orchestervertiefung hinunter in den Zuschauerraum angelegt hatte. »Na, Parker, war das nicht schauerlich schön?« erkundigte Mike Rander sich bei seinem Butler. Er war aufgestanden und zündete sich eine Zigarette an. »Sir, man darf nicht verkennen, daß die Dame sich sehr große Mühe gegeben hat«, antwortete Josuah Parker. Jetzt, nachdem die Frau die Bühne verlassen hatte, getraute er sich wieder die Augen zu öffnen.

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Seitenzahl: 143

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Der exzellente Butler Parker – 80 –Gegen den Strom

Günter Dönges

Butler Parker geht ein Licht auf

Roman von Günter Dönges

Sie heulte und schrie, als sollte sie umgebracht werden. Sie rang die Hände und schlug sich anklagend gegen die Brust. Ihr schon an sich breiter Mund war weit geöffnet, und ihre Augen zeigten einen leicht irren Glanz.

Sie trug ein knappsitzendes Kostüm und hochhackige Schuhe. Als sie nach rechts flüchten wollte, stolperte sie und wäre um ein Haar hingefallen. Aber im letzten Moment hielt sie sich an einem Sessel fest und richtete sich wieder auf.

Dann war nur noch ein erschreckter Kickser zu hören …

Josuah Parker als guterzogener Mensch war vor Entsetzen tief in seinen Sitz gerutscht. Seine Hände spielten nervös mit der schwarzen, steifen Melone. Sein Gesicht hatte sich in eine Grimasse verwandelt. Er sah angegriffen zu Boden und atmete erst erleichtert auf, als die Frau zwischen den Kulissen verschwand.

Das Klavier auf der Bühne gab einige mißtönende Laute von sich, dann wurde der Deckel sehr energisch zugeschlagen. Irgend jemand durchbrach die peinliche Stille, indem er laut und vernehmlich: »Ziege!« sagte. Ein Mann lachte gequält auf und lief über den Steg, den man provisorisch von der Bühne aus über die Orchestervertiefung hinunter in den Zuschauerraum angelegt hatte.

»Na, Parker, war das nicht schauerlich schön?« erkundigte Mike Rander sich bei seinem Butler. Er war aufgestanden und zündete sich eine Zigarette an.

»Sir, man darf nicht verkennen, daß die Dame sich sehr große Mühe gegeben hat«, antwortete Josuah Parker. Jetzt, nachdem die Frau die Bühne verlassen hatte, getraute er sich wieder die Augen zu öffnen.

»Die Qual ist noch nicht vorüber«, meinte Rander. »Wenn ich richtig informiert worden bin, werden noch einige andere Damen singen.«

»Bestehen Sie darauf, Sir, daß wir hierbleiben?«

»Natürlich nicht, ich will Sie schließlich nicht quälen. Ich denke, wir lassen uns jetzt bei Clay Norman sehen. Ich wollte eigentlich nur etwas Atmosphäre schnuppern.«

Parker folgte seinem Herrn, dem jungen Anwalt Mike Rander, der die Sitzreihe verlassen hatte und auf den Gehsteig zuhielt. Parker hatte sich wegen der herrschenden Zugluft wieder seine schwarze, steife Melone aufgesetzt und nahm den altväterlichen Regenschirm fest in die Hand. Als original englischer Butler hielt er nicht viel von Bühnen, Stars und Sternchen.

»Parker, es wird Zeit, daß ich Ihnen einige Tips gebe«, sagte Mike Rander, als er in einem kleinen Korridor stehen blieb, der vor der Bühne einer Feuerleiter endete. »Clay Norman ist der Manager dieser Bühne. Er hat sich an mich gewandt, weil er Drohbriefe erhalten hat.«

»Sehr erfreulich …!« erwiderte Josuah Parker, gleich an einen interessanten Fall denkend.

»Für Norman weniger erfreulich«, sagte Mike Rander und mußte unwillkürlich auflachen, »die Sache scheint verdammt ernst zu sein. Norman nimmt die Drohbriefe nicht auf die leichte Schulter.«

»Hat er eine Ahnung, Sir, wer ihm diese Briefe geschrieben haben könnte?«

»Er kann sich nicht vorstellen, wer ihm eigentlich etwas will, aber lassen wir ihn selbst reden.«

Mike Rander ging weiter und blieb vor der Tür aus Eisenblech stehen. Ein Schild zeigte an, daß hier der Manager zu finden sei. Nach ihrem Eintreten standen die beiden in einem großen, fast viereckigen Raum, der nüchtern und zweckmäßig eingerichtet worden war. Es gab Rollschränke, die mit Aktenordnern vollgefüllt waren, zwei Schreibtische und einige Tischchen für Büromaschinen. An der Decke des Raumes, der nur ein einziges vergittertes Fenster aufwies, brannten zwei Neonstäbe. Eine ältere Dame, gut und gern fünfzig Jahre alt, tippte aufreizend langsam auf einer Schreibmaschine herum. Ein junges Mädchen – Parker schätzte es knapp zwanzig Jahre – starrte trübsinnig auf einen Stenogrammblock.

»Mister Norman erwartet uns«, sagte Mike Rander. »Wir haben um fünfzehn Uhr eine Verabredung mit ihm!«

»Wen darf ich melden?« fragte die ältere Dame zurück. Sie wirkte ausgesprochen griesgrämig und schien irgendeinen geheimen Kummer mit sich herumzuschleppen.

»Anwalt Rander und Mister Parker«, erwiderte der junge Anwalt. »Mister Norman kennt uns …!«

»Ich werde sehen, ob der Direktor Zeit für Sie hat«, sagte die Dame mit dem zerknitterten Gesicht. Sie sah Rander und Parker erstaunlicherweise irgendwie hochmütig an und verschwand dann hinter einer Verbindungstür, die dick wattiert war.

Das junge Mädchen schien inzwischen einige Zeilen ihres Stenogramms herausgeknobelt zu haben, setzte sich vor die Maschine und begann, wie rasend zu hämmern. Im gleichen Moment öffnete sich die wattierte Tür, und eine harte Erfolgsstimme räsonierte. Die ältere Dame antwortete schrill und streitlustig. Sekunden später erschien sie im Vorzimmer. Ihr Kopf war puterrot. Hinter ihr tauchte ein stämmiger, untersetzter Mann auf, der sich die Jacke ausgezogen hatte. Als er Rander und Parker sah, lächelte er sofort wohlwollend und bat seine Gäste zu sich ins Büro.

»Teufel, dieses Fossil geht mir auf die Nerven«, sagte er. »Immer nur Widerworte! Mit ihr ist einfach nicht zu arbeiten … Aber das sind Dinge, die Sie nicht interessieren. Ich freue mich, daß Sie so schnell gekommen sind.«

»Ihren Worten nach zu urteilen, hatten Sie es sehr eilig«, erwiderte Mike Rander. »Das hier ist Mister Parker!«

»So, Mister Parker …!« sagte Clay Norman in einem Ton, in dem ein gewisses Verdutztsein mitschwang. Er sah den Butler irritiert an, wollte etwas sagen, verkniff es sich aber.

»Also schön, nehmen Sie Platz, meine, Herren. Ich will mich nicht lange mit der Vorrede aufhalten. Ich habe bereits den dritten Drohbrief erhalten …! Eben, das heißt, vor einer knappen Stunde. Sehen Sie sich diesen verdammten Wisch einmal an!«

Er ging zu seinem Schreibtisch, der mit Papieren überladen war, fischte einen Briefbogen heraus und reichte ihn Mike Rander. Dann sog er fast gewaltsam an seiner Zigarre und starrte nachdenklich und abwartend zu Boden. Parker hatte Zeit, sich Clay Norman genau anzusehen. Sein Gesicht wies einen leicht brutalen Ausdruck auf, er hatte ein kräftiges, echtes Gebiß und eisgraue Augen. Die Nase war eine Spur zu groß, und sehr breit. Kurz, Clay Norman gehörte nach Parkers Ansicht nicht zu den rücksichtsvollen Menschen.

»Na, was halten Sie von dem Fetzen, Mister Rander?« erkundigte Clay Norman sich, als der Anwalt das Schreiben sinken ließ. »Ist das nicht eine unerhörte Frechheit …?«

»Sehen Sie sich die Zeilen einmal an!« meinte Rander und reichte das Schreiben an seinen Butler weiter. Josuah Parker überflog die Warnung, die allerdings sehr eindeutig und knapp abgefaßt worden war. Clay Norman wurde angedroht, daß man seinen »Zirkus«, wie man sein Unternehmen nannte, lahm legen würde. Dies sei die letzte Warnung, ab sofort müsse er mit enormen Schwierigkeiten rechnen. Noch könne er die rächende Hand vermeiden und aussteigen.

Eine Unterschrift wies das Schreiben nicht auf.

»Was hat der Kerl denn früher geschrieben?« erkundigte sich Parker sachlich.

»Na, so ähnlich!« versetzte Clay Norman. »Warten Sie mal, wo habe ich diese elenden Dinger nur hingelegt? Na ja, ist auch nicht so wichtig! Auf jeden Fall will mir irgend jemand Schwierigkeiten machen. Glauben Sie, Mister Rander, dagegen etwas ausrichten zu können?«

»Versuchen werden wir es auf jeden Fall!«

»Halten Sie die Drohungen für Ernst?«

»Das können Sie besser beurteilen als wir«, gab Mike Rander zurück. »Auf die leichte Schulter nehmen Sie die Sache ja wohl kaum, sonst hätten Sie sich nicht an uns gewandt!«

»Natürlich unterschätze ich sie nicht!« sagte Clay Norman grimmig. »Wir stehen dicht vor der Premiere, verstehen Sie? Pannen irgendwelcher Art können wir uns einfach nicht leisten. Es steckt schon zuviel Geld in der Revue!«

»Finanzieren Sie allein?«

»Nein, so viel Geld habe ich nicht! Hinter mir stehen eine Bank, einige private Geldgeber und dann schließlich noch mein Einsatz.«

»Sie wollen eine Revue herausbringen?«

»Ein Musical!« erwiderte Norman. »Eine todsichere Sache! Das eingeschossene Geld wird sich erstklassig verzinsen.«

»Eine ganz neue Sache?«

»Völlig neu«, sagte Norman Glay, wir haben uns weder an Shakespeare angelehnt noch an irgendeinen Stoff aus der Weltliteratur!«

»Das ist in der Tat mehr als erstaunlich!« sagte Josuah Parker andächtig. »Also etwas völlig Neues?«

»Na ja, so neu wieder nicht«, räumte Clay Norman schnell ein, »gewisse Anlehnungen kann man eben in unserer Branche niemals vermeiden. Sagen wir, es ist eine Mischung aus Lope de Vega und Cole Porter! Aber das alles ist nicht so toll wie die Musik! Die Staaten werden kopfstehen, wenn diese Musik erst einmal bekannt geworden ist!«

Clay Norman wollte weiterreden und schnappte nach der notwendigen Luft, aber in diesem Moment schrillte das Telefon. Er knurrte, lief zum Schreibtisch und riß den Hörer aus der Gabel.

»Was ist denn?« fragte er. »Ich will doch nicht gestört werden. Ich habe doch ausdrücklich gesagt … Wie bitte …?

Er hielt seinen Mund und lauschte nur noch. Mike Rander und Josuah Parker sahen deutlich, wie Clay Norman erblaßte. Als er antworten wollte, entrang sich seiner Kehle nur ein heiseres, mißtönendes Krächzen. Der Hörer entfiel seiner fleischigen Hand und knallte zurück in die Gabel.

»Ist Ihnen nicht gut, Norman?« erkundigte Mike Rander sich und stand auf.

»Eine Höllenmaschine!« flüsterte Norman verstört. »Eine Zeitbombe! Sie soll in zehn Minuten im Theater hochgehen! Ich bin erledigt, fertig! Was soll ich jetzt machen? Die Höllenmaschine wird in zehn Minuten hochgehen!«

*

Clay Norman zerrte sich die schon gelöste Krawatte vom Hals und stierte Mike Rander aus hervorquellenden Augen an. Er war außer sich und wußte nicht, was er tun sollte. Auch der junge Anwalt fühlte sich nicht sonderlich wohl in seiner Haut. Zuviel schon hatte er erlebt. Und dieser Anruf, so schien ihm, mußte ernst genommen werden.

»Norman!« sagte er, trat an den Manager heran und schüttelte ihn an den Schultern. »Nehmen Sie sich jetzt einmal zusammen! Wieviel Leute befinden sich zur Zeit im Theaterbau?«

»Wieviel Personen? Verdammt, die Bude wird gleich hochgehen! Wir müssen das Personal warnen. Ich werde die Brandsirene einschalten, dann weiß jeder Bescheid, daß irgend etwas nicht stimmt!«

»Verfügen Sie über eine zentrale Lautsprecheranlage?« fragte Josuah Parker.

»Mann, daran habe ich überhaupt nicht gedacht«, sagte Norman fast flüsternd. »Hier … hier ist das Mikrofon!«

Josuah Parker handelte schnell und entschlossen, auch auf die Gefahr hin daß der Alarm unnötig war. Mit wenigen Schritten war er am Schreibtisch und drehte das Tischmikrofon zu sich herum. Er legte einen kleinen weißen Hebel um und nickte zufrieden, als eine rote Kontrollampe aufflammte. »An alle Personen, die sich im Theater befinden!« sagte er mit klarer, beherrschter Stimme: »Achtung, Achtung, eine wichtige Durchsage an alle Personen, die sich im Theater befinden! In zwei Minuten wird die Feuerlöschpolizei eintreffen und eine Brandübung abhalten. Fünf Minuten Zeit werden für die Räumung des Theaters angesetzt. Alle Personen im Theater haben das Gebäude sofort zu einer Generalprobe zu verlassen! Wer sich ausschließt, wird mit einer Buße von zehn Dollar auf die Wochengage belegt. Ich wiederhole noch einmal: es findet eine Brandübung statt, innerhalb fünf Minuten muß jeder das Theater verlassen haben: Bühnenarbeiter, Heizer, Schauspieler, Sänger und das leitende Personal! Zehn Dollar Buße für denjenigen, der nicht sofort geht und in fünf Minuten auf dem Hof steht! Es wird kontrolliert werden, Mister Clay Norman hat die Stempelkarten zur Kontrolle bereit!«

Mike Rander, der sofort verstanden hatte, grinste. Aber Clay Norman raufte sich das kurzgeschorene Haar.

»Wir haben nur noch zehn Minuten Zeit!« sagte er mit gebrochener Stimme.

»Aber Mister Parker hat von zehn Dollar Bußgeld gesprochen«, meinte der junge Anwalt. »Wie ich das Theatervölkchen kenne, wird es jetzt schon lostraben!«

»Mann, Sie dürften recht haben?« sagte Clay Norman überrascht, als habe er erst jetzt begriffen. »Wie sind Sie ausgerechnet auf diesen Trick gekommen?«

»Wir sollten nun aber gehen!« schlug Mike Rander nervös vor. »Ich habe keine Lust, mich hochpusten zu lassen!«

Clay Norman hatte es auf einmal so eilig, als könnte er mit einem Bußgeld von zehn Dollar belegt werden. Er schnappte sich seine Jacke, klemmte sie sich unter den Arm und verließ sein Büro. Mike Rander, der ihm nachging, blieb an der Tür zum Vorzimmer stehen. Er warf einen Blick in den Büroraum.

»Sie hatten eine erstklassige Eingebung, Parker«, sagte er lächelnd, »die beiden äußerlich so ungleichen Damen haben ebenfalls schon das Feld geräumt.«

Wie sehr Mike Rander und Josuah Parker sich verstanden, ging schon allein aus der Tatsache hervor, daß sie gar nicht daran dachten, das Feld zu räumen. Mike Rander zündete sich eine neue Zigarette an und ging zum Schreibtisch Normans zurück.

»Ich hoffe, Sir, wir haben dem Verfasser der Drohbriefe einen Gefallen getan«, sagte der Butler.

»Das denke ich auch. Er wird seine heimliche Freude daran haben, den Betrieb so durcheinanderwirbeln zu können!«

»Sie rechnen also auch mit einer Bombe, Sir?«

»Aber nein! Ein Mensch, der Bomben legt, will Schaden anrichten. Möglichst viel Schaden. Darum wird er doch kaum auf den Gedanken kommen, sein Opfer vorher zu warnen.«

»Das war auch mein Gedankengang, Sir«, konstatierte der Butler, »unter diesen Umständen werden wir wohl darauf verzichten können, die Polizei zu alarmieren.«

»Das hätte keinen Sinn, Parker, aber nutzen wir doch die Zeit! Sie verstehen mich, nicht wahr? Ich werde mich draußen auf dem Gang etwas umsehen …«

Mike Rander lächelte dem Butler freundlich, zu und verließ das Büro. Als er den kurzen Korridor betreten hatte, blieb er einen Moment lauschend stehen.

Im Theater, in dem eben noch ein vielfältiger Lärm geherrscht hatte, war es jetzt erschreckend still. Die Durchsage des Butlers hatte also gewirkt, alle Personen, die sich im Bau befunden hatten, waren, hinausgeeilt.

Mike Rander schmunzelte zufrieden. Sein Butler hatte wieder einmal bewiesen, wie geistesgegenwärtig und geschickt er war. Mike Rander war gerade in diesem Moment besonders froh darüber, daß er mit Josuah Parker Zusammenarbeiten konnte. Gemeinsam hatten sie schon manchen Kriminalfall gelöst, aber dieses Ding hier sah eigentlich nach Routine aus. Man hatte es vermutlich mit einem abgewiesenen Darsteller zu tun, der sich rächen wollte und Norman nun mit sehr viel Erfolg auf die Nerven ging.

Mike Rander, der weitergehen wollte, blieb plötzlich stehen. Er glaubte, ein feines, scharrendes Geräusch gehört zu haben.

»Hallo, ist da jemand?« rief er zum Haupteingang hinüber, »Hallo, haben Sie die Durchsage nicht gehört?«

Keine Antwort.

Mike Rander tat noch einen Zug an der Zigarette und schritt dann eilig zum Haupteingang hinüber. Seiner Schätzung nach hatte er sich nicht getäuscht. Ja, jetzt glaubte er sogar einen vorüberhuschenden Schatten gesehen zu haben.

»Bleiben Sie stehen!« brüllte er. Er ging nun nicht mehr, sondern er lief. Er wunderte sich darüber, daß doch noch ein Mensch im Theater war. Als er die Einbiegung in den Haupteingang erreicht hatte, zuckte er auf einmal wie unter einem Peitschenhieb zusammen. Im gleichen Moment krachte eine Schußwaffe, und das Geschoß zischte dicht an seinem Kopf vorbei.

Mike Rander sprang in den Gang hinein und lief auf die Stelle zu, wo der Schütze gestanden hatte. Hinter sich hörte er das Öffnen einer Tür und die Rufe seines Butlers.

»Hierher«, antwortete Mike Rander. »Ich bin am Haupteingang, Parker!« Rander hoffte, wenigstens einen flüchtigen Blick auf den heimtückischen Burschen werfen zu können, wurde jedoch sehr enttäuscht. Irgendwo in den Korridoren verliefen sich leise Schritte, dann herrschte wieder Stille.

»Sir, Sir! ist etwas passiert?«

Butler Parker hatte inzwischen den Haupteingang erreicht und näherte sich seinem Chef. Den Universal-Regenschirm hielt er kriegerisch wie eine Lanze in der Hand.

»Haben Sie den Schuß gehört, Parker?«

»Ich war entsetzt, Sir, wenn ich mich so ausdrücken darf.«

»Man hat auf mich geschossen«, erklärte Mike Rander. »Ich hörte ein scharrendes Geräusch im Gang, sah sogar einen Schatten, und sofort danach wurde auf mich geschossen.«

Parker war zurück zur Abzweigung gegangen und bückte sich. Er hielt das Geschoß, das sich an der Ziegelwand plattgedrückt hatte, prüfend in der Hand.

»Ein Damenrevolver vom Kaliber 6.35, Sir«, sagte er fachmännisch.

»Den Schuß wollen wir besser verschweigen«, meinte Rander. »Draußen wird man ihn kaum gehört haben. Wieviel Minuten haben wir noch bis zur angekündigten Explosion?«

»Noch drei Minuten, Sir!«

»Nach diesem Zwischenfall glaube ich schon gar nicht mehr an eine Höllenmaschine, Parker; ich möchte wetten, daß ein direkter Zusammenhang zwischen dem Schützen und dem Verfasser der Drohbriefe besteht.«

»Man sollte sich mit den Örtlichkeiten dieses Theaters bei passender Gelegenheit vertraut machen«, sagte Josuah Parker.

»Warum man wohl auf mich geschossen hat?« fragte Rander sich halblaut.

»Vielleicht hat der Schütze Sie mit Mister Clay Norman verwechselt, Sir?«

»Möglich, aber nicht sicher«, sagte der Anwalt. »Na, wie steht es mit der Zeit, Parker?«

»Sir, in diesem Augenblick müßte die Höllenmaschine eigentlich losgehen!« sagte Parker ruhig und ohne Nervosität.

»Man will Clay Norman aus der Fassung bringen«, überlegte Mike Rander.

»Aber wieso und warum?«

»Ein abgewiesener Künstler, Sir«, schlug nun auch noch Butler Parker vor.

»Dergleichen findet man oft im Kriminalroman.«

»Aber solche abgewiesenen Künstler pflegen in solchen Romanen nicht zu schießen«, erwiderte Mike Rander und schüttelte den Kopf, »mir scheint, Parker, wir werden noch manche Überraschung erleben.«

»Sir, ich bin nicht abgeneigt, sie auf mich zukommenzulassen«, sagte Butler Parker.

»Wir werden uns einen genauen Plan des Theaters geben lassen«, sagte der Anwalt, »anschließend werden wir uns mal umsehen. Für den Fall nämlich, daß wir noch einmal einen Schützen zu jagen haben. Dann darf er uns nicht entwischen.«

»Ich werde das mit Ihrer Erlaubnis in die Hand nehmen«, erklärte der Butler. »Nach meiner Uhr, die außerordentlich genau geht, Sir, sind schon drei Minuten seit der angekündigten Explosion vergangen.«

»Sie wird nicht mehr erfolgen!« sagte Mike Rander. »Übrigens wäre sie auch ein Unfug, finde ich! Wenn man Clay Norman etwas tun will, würde man sich ja wohl an ihn allein halten, aber nicht an das Theater, nicht wahr?«