Geheime Feldpolizei - Klaus Geßner - E-Book

Geheime Feldpolizei E-Book

Klaus Geßner

2,1

Beschreibung

Unmittelbar vor dem Überfall auf Polen wurde die Geheime Feldpolizei (GFP) aufgestellt. Sie sollte die Moral der Truppe kontrollieren und innere Zersetzungstendenzen rechtzeitig bekämpfen, vor allem aber wurde sie zur Spionageabwehr und zur Partisanenbekämpfung eingesetzt, als Gestapo in der Wehrmacht. Sie war an Kriegsverbrechen der Wehrmacht maßgeblich beteiligt. 1943 räumte der Heeresfeldpolizeichef ein, dass von Juli 1942 bis März 1943 in der besetzten Sowjetunion "rund 21.000 Personen, teils im Kampf und teils nach der Vernehmung erschossen worden" sind. Der DDR-Historiker Dr. Klaus Geßner hat 1986 im Militärverlag diese Studie vorgelegt. Sie erschien in nur kleiner Auflage und gilt bis heute als Standardwerk.

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Seitenzahl: 440

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Impressum

ISBN eBook 978-3-360-53002-8

ISBN Print 978-3-360-02701-6

© 2010 Militärverlag, Berlin

Umschlaggestaltung: Buchgut, Berlin unter Verwendung

eines Fotos von picture-alliance/akg-images

Das Neue Berlin Verlagsgesellschaft mbH

Neue Grünstraße 18, 10179 Berlin

Die Bücher des Militärverlages und

des Verlages Das Neue Berlin

erscheinen in der Eulenspiegel Verlagsgruppe.

www.militaer-verlag.de

Der Autor

Klaus Geßner, Jahrgang 1943, Militärhistoriker und Archivar, tätig am Militärgeschichtlichen Institut der DDR in Potsdam, danach Abteilungsleiter am Brandenburgischen Landeshauptarchiv, Sachverständiger bei Prozessen gegen Kriegsverbrecher. Mit der vorliegenden Studie promovierte Geßner in den 80er Jahren. Geßner ist verheiratet und lebt in Potsdam.

Das Buch

Zur vermeintlich »sauberen« Wehrmacht gehörte auch die Geheime Feldpolizei, sie war deren Gestapo. Die GFP zog in den okkupierten Ländern eine Blutspur. Insbesondere in der Sowjetunion ermordete sie mehrere Zehntausend Menschen. Geßners Studie erschien erstmals 1986 im Militärverlag der DDR und seither nie wieder. Sie gilt unverändert als Standardwerk. Es gibt nichts Vergleichbares und nichts Besseres zum Thema.

Klaus Geßner

Geheime Feldpolizei

Die Gestapo der Wehrmacht

Sechs Gründe, Geßners Arbeit von 1986 unverändert zu veröffentlichen

Vorbemerkung des Verlages, Sommer 2010

1.

Das Gedächnis der Menschheit für Vergangenes

ist erstaunlich kurz.

Lasst uns deshalb das schon tausendmal Gesagte

immer wieder sagen.

Lasst uns die Warnungen erneuern,

auch wenn sie schon wie Asche in unserem Munde sind.

Bert Brecht

2.

Was Klaus Geßner, der Potsdamer Historiker, seinerzeit sorgsam recherchiert und aufgeschrieben hat, ist ja nicht deshalb falsch, weil er damit in der DDR promovierte. Auch wenn heute meist das Gegenteil behauptet wird.

3.

Was wahr war, bleibt wahr. Und es wird nicht dadurch zur Unwahrheit, dass weitere Forschungen zum Gegenstand das Bild ergänzen und unser Wissen vertiefen. Nur: Seit 1986 wurde dazu wenig geforscht. Auch deshalb gilt Geßners Arbeit unverändert als gültiges Standardwerk.

4.

Klaus Geßners Studie und deren ungebrochene Rezeption seit einem Vierteljahrhundert sprechen für die Qualität der Militärhistoriker, die in der DDR ausgebildet wurden, forschten, lehrten, publizierten und auf internationalen Kongressen auftraten. Sie zeigen das damals erreichte Niveau.

5.

Für Geßner und seinesgleichen galt, was Brecht 1951, sechs Jahre nach dem Ende von Faschismus und Krieg, in einem Offenen Brief als Forderung »an die deutschen Schriftsteller und Künstler« richtete, damit diese »ihre Volksvertretungen« ersuchten, »in einem frühen Stadium der erhofften Verhandlungen folgende Vorschläge zu besprechen«:

»1. Völlige Freiheit des Buches, mit einer Einschränkung.

2. Völlige Freiheit des Theaters, mit einer Einschränkung.

3. Völlige Freiheit der bildenden Kunst, mit einer Einschränkung.

4. Völlige Freiheit der Musik, mit einer Einschränkung.

5. Völlige Freiheit des Films, mit einer Einschränkung.

Die Einschränkung: Keine Freiheit für Schriften und Kunstwerke, welche den Krieg verherrlichen oder als unvermeidbar hinstellen, und für solche, welche den Völkerhass fördern.«

6. Klaus Geßner hat wiederholt als Sachverständiger in Verfahren gegen Nazi- und Kriegsverbrecher sein Wissen zur Geheimen Feldpolizei, das in dieser Studie konzentriert ist, mitgeteilt. Er hat damit deutlich gemacht, dass Forschungen auch dieser Art kein akademischer Selbstzweck sind, sondern Haltungen und Handlungen prägen. Eigene wie auch von anderen. Es gehört heute nicht unbedingt zu den weit verbreiteten Tugenden, Haltung zu zeigen, die auf Wissen gründet. Wir sollten uns ihrer wieder erinnern. Zumal Kriege, wie es ausschaut, wieder zum regulären Mittel der Politik geworden sind.

Einleitung

Seit der Zerschlagung des deutschen Faschismus und der bedingungslosen Kapitulation Hitlerdeutschlands sind Jahrzehnte vergangen. In all diesen Jahren hat die Frage nach der Verantwortlichkeit für die Entfesselung des Zweiten Weltkrieges und für die im Verlauf des faschistischen Aggressionskrieges begangenen Verbrechen nichts von ihrer Bedeutung eingebüßt. Die unterschiedliche Praxis der Verfolgung faschistischer Kriegsverbrecher in beiden deutschen Staaten stellten damals ein Politikum dar, und es ist auch heute noch unverändert ein unbewältigtes Thema.

Im vergangenen Jahrhundert ist immer wieder und mit wachsendem Nachdruck die Forderung erhoben worden, den Krieg aus dem Leben der Völker zu verbannen. Dieses Ziel eint heute den größten Teil der Menschheit. Nach den Verbrechen des deutschen Faschismus im Zweiten Weltkrieg erhielt dabei auch die Forderung, Verbrechen gegen den Frieden und die Menschlichkeit strengstens zu ahnden, neues Gewicht. Ungeachtet dieses zutiefst humanistischen, gerechten und demokratischen Verlangens gab es nach 1945 erkennbare Bestrebungen, die Protagonisten des Dritten Reiches und ihre willigen Vollstrecker von der Verantwortung für den Zweiten Weltkrieg und die faschistischen Verbrechen zu entlasten. Diese Tatsache unterstreicht, dass der allseitigen Aufdeckung der Schuld, die der deutsche Imperialismus gegenüber dem eigenen Volk wie gegenüber anderen Völkern auf sich geladen hat, nicht allein die Bedeutung einer historischen Bilanz zukommt, sondern dass sie zugleich dem Anliegen dient, mit dem Mittel der historischen Analyse erneuten verbrecherischen Anschlägen entgegenzuwirken.

Ein weiterer aktueller Aspekt des nachfolgend behandelten Themas ergibt sich daraus, dass Faschismus, gewiss nicht als offene, barbarische Diktatur wie zwischen 1933 und 1945, auch heute noch eine Herrschaftsoption darstellt. Durch die Untersuchung von Funktion und Organisation der Geheimen Feldpolizei soll das Wissen über den Herrschaftsmechanismus, sollen die Kenntnisse über den Terror, mit dem sich die Nazidiktatur nach innen und außen absicherte, erweitert werden. Klarheit darüber, was Faschismus ist, bildet die erste Voraussetzung für dessen wirksame Bekämpfung.

Die Geheime Feldpolizei war ein speziell für die Kriegführung geschaffenes Terrorinstrument der deutschen Streitkräfte. Sie unterstand dem militärischen Geheimdienst. Ihre Hauptaufgaben waren die Unterdrückung jeder antifaschistischen und Antikriegstätigkeit in der Wehrmacht sowie die Verfolgung der antifaschistischen Befreiungsbewegung in den besetzten Gebieten Europas. Die GFP-Formationen übten – wie der sowjetische Hauptankläger im Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher, Generalleutnant Roman A. Rudenko, am 30. August 1946 vor dem Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg feststellte – »bei der kämpfenden Truppe dieselben Funktionen aus, wie sie der Gestapo und der Kriminalpolizei im Reiche zugewiesen waren. Außerdem hatten sie weit verbreitete polizeiliche Strafaufgaben, die gegen die friedliche Bevölkerung und die Partisanen in den Gebieten der Kampfhandlungen gerichtet waren.«1 Diese Funktion sowie die beim Einsatz angewandten Mittel und Methoden, in denen sich die enge Verbindung von Geheimer Feldpolizei und Geheimer Staatspolizei widerspiegelte, prägten in entscheidendem Maße den verbrecherischen Charakter der GFP.

Bei der Bekämpfung der überfallenen Völker gehörten die Misshandlung und Erschießung von Widerstandskämpfern und von Personen, die seitens der GFP irgend welcher antifaschistischen Aktivitäten oder Verbindungen verdächtigt wurden, zum Alltag der Geheimen Feldpolizei. Bei der Verfolgung der sowjetischen Partisanen- und Widerstandsbewegung steigerte die GFP ihre terroristischen Methoden ins Extrem, beging sie Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit in großem Ausmaße. Von einem solchen Vorgehen erhoffte sich die militärische Führung Hitlerdeutschlands, dass die antifaschistischen Kräfte im Wirkungsbereich der GFP entscheidend geschwächt und schließlich vernichtet würden. Diese Hoffnung blieb Illusion. Der offene Terror – wie ihn neben anderen faschistischen Unterdrückungsinstrumenten die Geheime Feldpolizei ausübte – hat zwar furchtbare Opfer gefordert und schmerzhafte Lücken in die Reihen der antifaschistischen Kämpfer gerissen, sein erklärtes Ziel jedoch auch nicht annähernd erreicht.

Die nachfolgende Untersuchung soll deutlich machen, dass die von der Geheimen Feldpolizei ausgeübte Unterdrückungsfunktion zum Wesen des faschistischen Herrschaftssystems gehörte und die GFP eines jener Werkzeuge war, mit denen gesellschaftliche Gegenkräfte ausgeschaltet werden sollten. Mit der Behandlung dieser Fragen kann ein noch weitgehend unerforschter Bereich der Geschichte der deutschen Streitkräfte aufgehellt werden, denn bislang stand die GFP, obwohl sie als »Gestapo der Wehrmacht« zusammen mit der Geheimen Staatspolizei und dem Sicherheitsdienst der SS die geheimpolizeiliche Repression in den okkupierten Gebieten verwirklichte, meist im Schatten der Anonymität. Hauptanliegen der Untersuchung ist es, Rolle und Platz der Geheimen Feldpolizei im Aggressions- und Okkupationsinstrumentarium des deutschen Faschismus zu bestimmen, die »Arbeitsweise« der GFP zu zeigen, der Zusammenarbeit zwischen der GFP und den anderen Repressivorganen nachzuspüren sowie zur Aufdeckung der von der Geheimen Feldpolizei begangenen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit beizutragen. In engem Zusammenhang hiermit werden die Organisation des GFP-Apparats und deren Veränderungen unter dem Einfluss des Kriegsverlaufs geschildert. Von diesen Grundlagen her ist es zugleich möglich, am Beispiel der Geheimen Feldpolizei die Legende von der »sauberen« Tätigkeit des militärischen Geheimdienstes ad absurdum zu führen.

Ausgehend von den Vorstellungen der deutschen Militärtheoretiker über den Platz, den die Geheime Feldpolizei in einem künftigen Krieg einnehmen sollte, untersucht die Arbeit die Funktion und Organisation der GFP an den Schwerpunkten ihres Einsatzes: bei der deutsch-italienischen Intervention in Spanien (1936-1939), bei der Besetzung Österreichs (1938), bei der Zerschlagung der Tschechoslowakei (1938/39) und bei der Errichtung und Absicherung des faschistischen Okkupationsregimes in Polen, in Nord- und Westeuropa sowie in den besetzten Territorien der UdSSR. Der Einsatz der GFP in Südosteuropa sowie während der Endphase des Zweiten Weltkrieges konnte – bedingt durch die unzureichende Quellenlage – nicht gesondert behandelt werden.

Der Autor sah sich bei der Erforschung von Funktion und Organisation der faschistischen Geheimen Feldpolizei mit einer komplizierten Quellensituation konfrontiert. Zentrale Unterlagen der Geheimen Feldpolizei, so die Akten des Feldpolizeichefs der Wehrmacht (OKW-Amt Ausland/Abwehr) und des Heeresfeldpolizeichefs (OKH), waren nicht auffindbar. Vermutlich sind sie – ähnlich wie anderes Dokumentenmaterial des militärischen Geheimdienstes Hitlerdeutschlands – bei Kriegsende vernichtet bzw. von den Westmächten erbeutet oder ihnen zugespielt worden.

Hinzu kommt, dass besonders belastende Momente aus der Tätigkeit der Geheimen Feldpolizei keinen schriftlichen Niederschlag gefunden haben. Für die Forschung standen deshalb bisher lediglich Fragmente des Schriftgutes der Geheimen Feldpolizei zur Verfügung. Dieses Material befindet sich stark verstreut vor allem in den Unterlagen des Ic-Apparats der Kommandobehörden der Wehrmacht und in den Dokumenten der Anklage im Fall 12 der Nürnberger Nachfolgeprozesse. Ein relativ geschlossener Aktenbestand der GFP-Gruppe 723, der den Einsatz dieser Gruppe von 1941 bis 1944 auf dem Territorium der UdSSR widerspiegelt, konnte im Wojskowy Instytut Historyczny in Warschau eingesehen werden.2

Wichtige Erkenntnisse vermittelten auch die Prozesse, die von Gerichten der DDR gegen ehemalige GFP-Angehörige geführt wurden.3

Die nachfolgende Untersuchung reiht sich ein in die Forschungen der Geschichts- und Militärgeschichtswissenschaft zur Enthüllung der Verbrechen des deutschen Faschismus, zur Aufdeckung des Terrormechanismus der faschistischen Diktatur nach innen und außen. Grundlegende Anregungen zur Auseinandersetzung mit der Thematik boten Schriften und Briefe, in denen sich Karl Marx und Friedrich Engels mit dem Wesen bourgeoiser Geheimpolizeiorgane auseinandersetzten.4 In besonders komprimierter Form nahm Karl Marx hierzu in seinen »Enthüllungen über den Kommunisten-Prozess zu Köln« Stellung.5 Die verbrecherischen Praktiken des preußischen Polizeirats Wilhelm Stieber anprangernd, skizzierte Marx zugleich Wesenszüge der Geheimpolizeitätigkeit, die bis heute gültig geblieben sind: a) die Tendenz zur ständigen Verstärkung und Zentralisierung des geheimpolizeilichen Apparats als konterrevolutionäre Defensivmaßnahme; b) die Tendenz zur Anwendung auch krimineller Mittel und Methoden bei der Verfolgung politischer Gegner; c) die Tendenz zur internationalen Zusammenarbeit der reaktionärsten Geheimpolizeien. Jahre später, am 11. Juni 1866 und 31. Juli 1870, wies Friedrich Engels im Zusammenhang mit der Aufstellung der Geheimen Feldpolizei der preußischen Streitkräfte in den Kriegen von 1866 und 1870/71 in Briefen an Karl Marx darauf hin, dass der bürgerliche Staat bei seinen Expansionskriegen ein im Rahmen der Streitkräfte operierendes geheimpolizeiliches Organ zur Niederhaltung der Proletarier im Waffenrock und der Bevölkerung in den okkupierten Gebieten benötigt.6

Wichtige Hinweise für das konzeptionelle Herangehen an die Spezifik des Untersuchungsgegenstands konnten aus den Publikationen von Albrecht Charisius und Julius Mader zur Geschichte des deutschen Geheimdienstes sowie der Monographie Alwin Rammes über den Sicherheitsdienst der SS abgeleitet werden.7 Zur Funktion und Organisation der Geheimen Feldpolizei, also zum Thema selbst, fehlen in der Geschichtsschreibung umfassende Arbeiten, doch enthielten einige Veröffentlichungen von Historikern der UdSSR, der Volksrepublik Polen und der DDR Darlegungen zu einzelnen Aspekten der Genesis und des Einsatzes der GFP. Zu nennen sind hier vor allem die Studie von Wolfgang Kern über die innere Funktion der Wehrmacht 1933-1939, der Artikel von Erhard Moritz und Wolfgang Kern über die Zusammenarbeit der deutschen Wehrmacht mit den SD-Einsatzgruppen bei der Aggression gegen Polen sowie Arbeiten polnischer Autoren zum Okkupationsregime in Polen.8

Grundsätzliche Bedeutung für die Darstellung der Funktion der Geheimen Feldpolizei auf dem okkupierten Territorium der UdSSR hatten die Studie von Norbert Müller über die Besatzungspolitik der Wehrmacht9 und ein vom selben Autor als Ergänzung dazu herausgegebener Dokumentenband10. Wesentliche Anregungen vermittelten auch Untersuchungen sowjetischer Historiker über die Tätigkeit der sowjetischen Aufklärungs- und Abwehrorgane im Zweiten Weltkrieg.11

Anliegen der bürgerlichen Geschichtsschreibung war und ist es, die Aktivitäten des militärischen Geheimdienstes als objektiv notwendig, als »staatserhaltend« zu deklarieren. Mit dieser Zielstellung erschien in der BRD eine Vielzahl von Publikationen, die der Ehrenrettung des militärischen Geheimdienstes Hitlerdeutschlands dienen sollten. Doch waren darunter nur wenige Arbeiten, die Aussagen zur Geheimen Feldpolizei – einem der wichtigsten Exekutivorgane der faschistischen Abwehr – enthielten. Hauptgrund dieser Zurückhaltung scheint zu sein, dass die offen verbrecherische Tätigkeit der Geheimen Feldpolizei und die enge Verknüpfung der GFP mit der Gestapo es den Verfassern der meisten Geheimdienstapologien angeraten erschienen ließen, die Geheime Feldpolizei aus ihren Reinwaschungsversuchen auszuklammern. Dort, wo solche Autoren auf die Geheime Feldpolizei eingingen, versuchten sie, die Rolle der GFP als »Gestapo der Wehrmacht« zu verschweigen; oder sie griffen bewusst zum Mittel der Geschichtsfälschung. Paul Leverkuehn behauptete zum Beispiel, dass die Geheime Feldpolizei vom Oberkommando der Wehrmacht als ein Gegengewicht gegen die »Machtausweitung der Himmler-/Heydrichschen Apparatur« aufgestellt wurde, dass ihre Führungskader aus der Kriminalpolizei und der Ordnungspolizei kamen und nicht etwa aus der Gestapo, wie es tatsächlich gewesen ist.12 Ähnlich verfuhr Gert Buchheit, Autor zahlreicher Arbeiten zur Rehabilitierung des militärischen Geheimdienstes Hitlerdeutschlands, wenn er versuchte, jede Verbindung – und sei sie auch nur personeller Art – zwischen Geheimer Feldpolizei und Gestapo zu leugnen.13

Auch in späteren Arbeiten der BRD-Historiographie zur Geschichte der faschistischen Okkupationspolitik dominiert der Aspekt, die Geheime Feldpolizei zu einem »normalen« Militärpolizeiorgan aufzuwerten. So schrieb Wolfram Weber in seiner Publikation zur »inneren Sicherheit« im besetzten Belgien und Nordfrankreich: »Die Geheime Feldpolizei war ebenfalls eine regelrechte Truppe der deutschen Wehrmacht. Ihre Aufgaben innerhalb des Heeres sind am ehesten denen der zivilen Kriminalpolizei zu vergleichen.«14 Die nachfolgenden Untersuchungen widerlegen diese Verharmlosung.

Die vorliegende Arbeit beruht auf einer 1982 am Militärgeschichtlichen Institut der DDR verteidigten Dissertation. Bei ihrer Überarbeitung erhielt der Autor vielseitige Hilfe und Ratschläge, für die er herzlich danken möchte. Wertvolle Hinweise vermittelten insbesondere der 1983 verstorbene Oberst Professor Dr. sc. Gerhard Förster, Dr. Norbert Müller und Staatsanwalt Horst Busse. Große Unterstützung bei der Vorbereitung zum Druck leisteten Dr. Horst Giertz und Dr. Uwe Löbel. Für fachkundige Hilfe dankt der Autor außerdem den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Wojskowy Instytut Historyczny in Warschau, des Militärarchivs der DDR, des Zentralen Parteiarchivs, des Zentralen Staatsarchivs Potsdam, des Dokumentationszentrums der Staatlichen Archivverwaltung der DDR und der Bibliothek des Militärgeschichtlichen Instituts der DDR.

Klaus Geßner,

Potsdam, im Jahr 1986

Die vorliegende Publikation erschien 1986 im Militärverlag der Deutschen Demokratischen Republik. Seither ist nichts Vergleichbares publiziert worden. Die Internet-Enzyklopädie Wikipedia informiert unter dem Stichwort »Geheime Feldpolizei« sehr ausführlich und weist bei der Literatur nur einen einzigen Titel aus, nämlich »Geßner, Klaus: Geheime Feldpolizei. Zur Funktion und Organisation des geheimpolizeilichen Exekutivorgans der faschistischen Wehrmacht. Ost-Berlin 1986«. Das Angebot im Zentralen Verzeichnis Antiquarischer Bücher (ZVAB) ist geringer, als eine Hand Finger hat. Das und die Tatsache, dass die Arbeit von den Fachleuten als unverändert gültiges Standardwerk betrachtet wird, sind Grund genug, diese Monographie neuerlich aufzulegen.

Der Militärverlag startet damit nach zwanzig Jahren Publikationspause unter neuer Adresse und mit neuer Mannschaft aufklärend und mit pazifistischen Intentionen sein neues Programm.

Frank Schumann,

Berlin, im Jahr 2010

Genesis und Entwicklung der Geheimen Feldpolizei bis zum Vorabend des Zweiten Weltkrieges

1. Zum Platz der Geheimen Feldpolizei in den militärtheoretischen Vorstellungen

In den Vorstellungen der Militärtheoretiker über die Vorbereitung und Führung eines künftigen Krieges nahmen zivile und militärische Terrororgane einen festen Platz ein. Zur Erreichung der weit gesteckten Ziele Hitlerdeutschlands entwickelten die Militärs deshalb neue, ihrer Theorie des totalen Krieges entsprechende Elemente der Kriegführung.15 Dazu gehörte der Einsatz spezieller Repressivorgane der Streitkräfte zur terroristischen Bekämpfung des Volkswiderstands in den okkupierten Territorien.

Im Rahmen dieses unter militärischer Regie fungierenden Unterdrückungsapparats, der eng mit der Sicherheitspolizei und dem Sicherheitsdienst der SS zusammenwirkte, kam der Geheimen Feldpolizei eine Schlüsselstellung zu. Sie sollte die Widerstandsbewegung der überfallenen Völker mit den bereits gegen die deutschen Antifaschisten praktizierten Gestapomethoden bekämpfen bzw. Voraussetzungen für den Einsatz von Truppen gegen die Freiheits- und Widerstandskämpfer schaffen.

Zu den bestimmenden Faktoren für die Rolle der Geheimen Feldpolizei in einem künftigen Krieg gehörte auch, dass die deutsche Wehrmacht objektiv einen eklatanten Widerspruch in sich barg. Wie jede andere Massenarmee musste sie die natürlichen Todfeinde des Kapitals, die Arbeiter, bewaffnen; Angehörige der Arbeiterklasse machten den prozentualen Hauptanteil der faschistischen Streitkräfte aus. Insbesondere der Verlauf des Ersten Weltkrieges und die Novemberrevolution 1918/19 hatten den deutschen Militärtheoretikern klargemacht, dass imperialistische Kriege, bei denen über einen längeren Zeitraum hinweg Massenheere zum Einsatz kommen, zur Zersetzung der Truppen und schließlich zur Revolutionierung der Soldaten führen können.

Um dieser Tendenz entgegenzuwirken, strebte die militärische Führung Hitlerdeutschlands – neben der umfassenden ideologischen Manipulierung der Soldaten im Sinne des Antikommunismus, Antisowjetismus und Chauvinismus – die Schaffung eines breitgefächerten Überwachungs- und Unterdrückungssystems in den Streitkräften an. Im Rahmen der unmittelbaren Kriegsvorbereitungen verstärkte sie deshalb ihre Anstrengungen, den Unterdrückungsapparat in den Streitkräften zu perfektionieren bzw. in den Planungsdokumenten die Aufstellung spezieller militärischer Polizeiorgane (Geheime Feldpolizei/Feldgendarmerie) für den Kriegsfall zu fixieren. Die Geheime Feldpolizei sollte unter den Soldaten des Feldheeres jede Antikriegsregung ersticken. Hierbei konnte sie selbständig oder im direkten Auftrag der Militärjustiz und des militärischen Geheimdienstes handeln. Faktisch übte die GFP damit die Funktion eines »Zwillingsorgans« der berüchtigten Gestapo in einem für die Kriegführung besonders neuralgischen Bereich aus.

Ein weiteres geheimpolizeiliches Funktionsfeld, in dem die GFP mit Kriegsbeginn die Tätigkeit der Gestapo weiterführen sollte, war die Bekämpfung der gegnerischen Aufklärung, Spionage und Diversion im Operationsgebiet des Heeres. Hierbei knüpfte sie unmittelbar an die Einsatzerfahrungen an, die von der Geheimen Feldpolizei des kaiserlichen Deutschlands im Ersten Weltkrieg gesammelt worden waren.

Überhaupt konnten sich die faschistischen Militärs bei der Entwicklung ihrer Vorstellungen über Rolle und Organisation der Geheimen Feldpolizei in einem künftigen Krieg auf langjährige Erfahrungen des deutschen militärischen Geheimdienstes stützen. Die Aufstellung einer Geheimen Feldpolizei war erstmals 1866 im Krieg Preußens gegen Österreich erfolgt. Der Politischen Polizei Preußens, die das Hauptinstrument bei der Verfolgung der revolutionären Arbeiterbewegung und aller demokratischen Kräfte war, wurde mit der GFP ein Organ an die Seite gestellt, das speziell zur geheimpolizeilichen Absicherung der preußischen Kriegführung diente. Die Arbeitsteilung zwischen der zivilen Politischen Polizei und der Geheimen Feldpolizei als einer militärischen »Sonderpolizei« für den Kriegsfall wurde – wenn auch mit unterschiedlichen Inhalten und Formen – im Deutsch-Französischen Krieg sowie im Ersten Weltkrieg beibehalten. Sie erreichte während des Zweiten Weltkrieges im Zusammenspiel zwischen der Geheimen Feldpolizei und der Gestapo sowie dem Sicherheitsdienst der SS ihren Höhepunkt.

Stärker als bei anderen Formationen des preußisch-deutschen Feldheeres prägte der politische Charakter des jeweiligen Krieges das Einsatzprofil der Geheimen Feldpolizei. Im Deutsch-Französischen Krieg bestanden ihre wichtigsten Aufgaben in der Unterdrückung aller progressiven Regungen im Feldheer sowie in der Bekämpfung von Widerstandsaktionen des französischen Volkes und der Aktivitäten der französischen Aufklärung im Operationsgebiet. Analog dazu wurden im Ersten Weltkrieg die Verfolgung der gegnerischen Geheimdienste und die geheimpolizeiliche Unterdrückung der Bevölkerung in den vom deutschen Feldheer okkupierten Gebieten betrieben. Gleichzeitig überwachte die GFP die Soldaten des Feldheeres, übergab sie die von ihr Festgenommenen »urteilsreif« den Feldgerichten. Die in unmittelbarer Auswirkung der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution stürmisch verlaufende Zersetzung und Revolutionierung des Feldheeres führte 1917/18 zu einer Eskalation der gegen die deutschen Soldaten gerichteten Repressivmaßnahmen. Den Zerfall der kaiserlichen deutschen Streitkräfte im November 1918 konnten sie jedoch nicht aufhalten.

Bei der Vorbereitung eines neuen Krieges erfolgte im Unterschied zur operativ-taktischen Analyse der Kriegsereignisse die Auswertung der Erfahrungen des deutschen militärischen Geheimdienstes und seines geheimpolizeilichen Exekutivorgans – der Geheimen Feldpolizei – vor allem intern. In Publikationen wurden lediglich Erfahrungen auf dem Gebiet der Spionagebekämpfung und der GFP-Organisation vermittelt. Entscheidende Einsatzbereiche der Geheimen Feldpolizei im Ersten Weltkrieg, wie die Unterdrückung des Volkswiderstands in den okkupierten Gebieten und die geheimpolizeiliche Überwachung der Soldaten des Feldheeres, fanden kaum publizistischen Niederschlag.

Die interne Analyse der Kriegserfahrungen der Geheimen Feldpolizei lag in den Händen der Abwehrgruppe (Abteilung T 3 des Truppenamtes im Reichswehrministerium) bzw. der 1927 aus ihr hervorgegangenen Heeres-Abwehrabteilung des Truppenamtes. Wichtigstes Ergebnis dieser Auswertung war eine 1928 abgeschlossene, auf reichhaltigem Aktenmaterial beruhende Studie über den »Geheimen Nachrichtendienst und die Spionageabwehr des Heeres von 1866 bis 1918«. In dieser umfangreichen Untersuchung zog Oberst i. G. Friedrich Gempp – langjähriger Mitarbeiter der Abteilung III B des kaiserlichen Generalstabes und von 1920 bis 1927 Chef des Geheimdienstes der Reichswehr – funktionelle und organisatorische Schlussfolgerungen aus der bisherigen Entwicklung des militärischen Geheimdienstes und seiner geheimpolizeilichen Exekutive.16

Eine gewisse publizistische Auswertung der Erfahrungen aus dem Einsatz der Geheimen Feldpolizei im Ersten Weltkrieg erfolgte im Rahmen einiger Spezialuntersuchungen. Schon bald nach der Novemberrevolution erschienen die ersten Veröffentlichungen von Walter Nicolai (zuletzt Oberst i. G.), dem ehemaligen Chef der Abteilung III B des Generalstabes der kaiserlichen deutschen Armee. Im einzelnen handelte es sich dabei um folgende Arbeiten:

• Nachrichtendienst, Presse und Volksstimmung im Weltkrieg, Berlin 1920

• Nachrichtenwesen und Aufklärung. In: Der große Krieg 1914-1918 in zehn Bänden, hrsg. von M. Schwarte, Band Die Organisationen der Kriegführung. Erster Teil: Die für den Kampf unmittelbar arbeitenden Organisationen, Leipzig 1921, S. 475ff.

• Geheime Mächte. Internationale Spionage und ihre Bekämpfung im Weltkrieg und heute, Leipzig 1923

• Der Geheimdienst im Weltkriege. In: Ehrendenkmal der Deutschen Armee und Marine 1871-1918, hrsg. von Eisenhart Rothe, Berlin 1926, S. 304ff.

• Einblicke in den Nachrichtendienst während des Weltkrieges. In: Was wir vom Weltkrieg nicht wissen, hrsg. von Walter Jost und Friedrich Felger, Leipzig 1936, S. 103ff.

Diese Schriften dienten vorwiegend der Rechtfertigung und »Ehrenrettung« des im Ersten Weltkrieg unter Nicolais Führung wirkenden militärischen Geheimdienstes. Den Angehörigen der Geheimen Feldpolizei des kaiserlichen Feldheeres bescheinigte Nicolai »pflichttreue, hingebungsvolle Arbeit«17 im Interesse der imperialistischen Kriegsführung. Nachdrücklich unterstrich er die Bedeutung der Geheimen Feldpolizei als Exekutivorgan des militärischen Geheimdienstes, wies er auf die Notwendigkeit einer straffen, zentralen Führung der GFP durch den militärischen Geheimdienst hin. Weiterhin orientierte Nicolai auf eine von ihm als dringlich angesehene Verstärkung der GFP-Kräfte in einem künftigen Krieg und auf die rechtzeitige Ausbildung entsprechender geheimpolizeilicher Kader.

Kritischer, zumindest partiell, wurde die Wirksamkeit der Geheimen Feldpolizei im Ersten Weltkrieg von Carl Herrmann betrachtet, der an führender Stelle bei der Geheimen Feldpolizei an der Westfront eingesetzt gewesen war. Herrmann verwies in seinem 1930 erschienenen Buch »Geheimkrieg«18 auf die wachsende Bedeutung des Einsatzes der Geheimen Feldpolizei im Krieg und machte die Aufgaben der GFP insbesondere bei der Spionageabwehr deutlich. Schärfer als Nicolai setzte er sich mit der Organisationsform der GFP im Ersten Weltkrieg auseinander. Er charakterisierte die Geheime Feldpolizei nicht ganz zutreffend als eine »über Nacht geschaffene Organisation, der der natürliche, organische Aufbau fehlte«19, und skizzierte Möglichkeiten zur Erhöhung der organisatorischen Effektivität dieses geheimpolizeilichen Instruments.

Am ausführlichsten ging Hans Witte (im Ersten Weltkrieg Major i. G. und Chef III B West) in seinem 1931 erschienenen Beitrag »Der Nachrichtendienst an der Westfront«20 auf die Rolle der Geheimen Feldpolizei im Ersten Weltkrieg ein. Er gab darin einen detaillierten Überblick über Struktur und Tätigkeitsbereich der Geheimen Feldpolizei und vermittelte Erfahrungen aus der Kriegszeit, wobei er besonders die Notwendigkeit weitgehender Befugnisse und großer Selbständigkeit für die Geheime Feldpolizei betonte.

Die in den 20er Jahren und Anfang der 30er Jahre erschienenen Untersuchungen über den Einsatz der Geheimen Feldpolizei im Ersten Weltkrieg wiesen nach, wie sehr die Bedeutung dieses Polizeiorgans im imperialistischen Krieg gewachsen war, und zogen in Teilbereichen Schlussfolgerungen, wie der GFP-Einsatz in einem künftigen Krieg effektiver gestaltet werden könnte. Die direkte Orientierung auf die für die Geheime Feldpolizei Hitlerdeutschlands bestimmende offen terroristische Funktion erfolgte jedoch erst mit der Errichtung der faschistischen Diktatur.

Bei der unmittelbaren Vorbereitung des Zweiten Weltkrieges wandten sich die Militärtheoretiker auch solchen historischen Ereignissen zu wie dem Zerfall der kaiserlichen deutschen Armee am Ende des Ersten Weltkrieges und der Revolutionierung eines Teils der Soldatenmassen unter dem Einfluss der russischen Oktoberrevolution, die für die deutsche Führung zu einem Trauma geworden waren. Offener als Gempp, Nicolai, Herrmann und Witte wiesen sie dabei auf die Unfähigkeit der Militärpolizeiorgane hin, die den Weiterbestand des politischen Systems in Deutschland unmittelbar gefährdenden Entwicklungen wirksam zu bekämpfen. Als Ausweg empfahlen sie, in einem künftigen Krieg den Einsatz dieser Kräfte entscheidend zu verschärfen.

Ein Beispiel für derartige Orientierungen war das 1936 erschienene, von der Forschungsanstalt für Kriegs- und Heeresgeschichte im Auftrag des Reichskriegsministeriums erarbeitete Werk »Die Rückführung des Ostheeres«, das als erster Band der »Darstellungen aus den Nachkriegskämpfen deutscher Truppen und Freikorps« konzipiert war. Dieses Buch vermittelte unter anderem spezifisch militärpolizeiliche Erfahrungen aus der ersten Aggression des deutschen Imperialismus gegen die junge Sowjetmacht. Eine wichtige Ursache für das Scheitern dieses antikommunistischen Feldzuges sahen die faschistischen Militärhistoriker in der »Hilflosigkeit« der polizeilichen Repressivorgane des Ostheeres gegenüber den Zersetzungs- und Revolutionierungserscheinungen, die bei den deutschen Truppen unter dem Einfluss des Roten Oktober rasch zugenommen hatten. Sie stellten fest, dass diese Unterdrückungsinstrumente ihrer Rolle als »Stützen der Kommandobehörden« nicht gerecht geworden seien. Sie forderten deshalb, die militärische Führung müsse in ähnlichen Situationen »mit rücksichtsloser Gewalt die Herde der Massenerkrankung beseitigen […] Ganz besondere Aufmerksamkeit ist in diesem Zusammenhang der Feldgendarmerie und Militärpolizei zu widmen.«21

Je weiter die Vorbereitung des Zweiten Weltkrieges vorangetrieben wurde, desto deutlicher fixierte man auch den Platz, den die Geheime Feldpolizei im Rahmen des totalen Krieges ausfüllen sollte. Bereits Mitte der 30er Jahre stand für die Militärtheoretiker fest, dass die GFP in einem künftigen Krieg nicht nur zur Bekämpfung von Spionage und Sabotage im Operationsgebiet dienen, sondern die Tätigkeit der Geheimen Staatspolizei im Rahmen des Feldheeres auf allen Gebieten fortsetzen sollte. Damit waren schon zu diesem Zeitpunkt entscheidende Orientierungen hinsichtlich der politischen Funktion der GFP im Zweiten Weltkrieg gegeben.

Besonders komprimiert kam dieser Erkenntnisstand im 1936 erschienenen offiziösen militärtheoretischen Überblickswerk »Handbuch der neuzeitlichen Wehrwissenschaften« zum Ausdruck. Unter dem Stichwort »Feldpolizei« hieß es dort eindeutig: »Sonderpolizei für Kriegszwecke. Sie setzt im Kriege die Tätigkeit der politischen Polizei (Geheimen Staatspolizei) fort und dient der Abwehr von Schädigungen des Staates und Heeres […], vor allem der Bekämpfung von Spionage und Sabotage, d. h. der Verletzung des militärischen Geheimnisses und sonstiger Störung der Kriegführung.«22

Die Auffassungen der faschistischen Militärtheoretiker über die Rolle der Geheimen Feldpolizei in einem künftigen Krieg fanden ihren Niederschlag vor allem in einer Reihe grundsätzlicher Vorschriften. Bereits in einer der ersten Vorschriften, die nach Errichtung der faschistischen Diktatur erlassen wurden – in der Heeresdruckvorschrift 300/1 »Truppenführung« – findet sich die Festlegung, dass im Kriegsfall beim Feldheer eine Geheime Feldpolizei aufzustellen sei. Diese grundsätzliche Vorschrift, die die wichtigsten Prinzipien der Truppenführung im Zweiten Weltkrieg enthielt, bestimmte unter Punkt 190: »Bei den Kommandobehörden ist ein planmäßiger Abwehrdienst gegen Spionage einzurichten. Ihnen steht hierfür die geheime Feldpolizei zur Verfügung […]. Alle Wahrnehmungen sind unverzüglich der geheimen Feldpolizei mitzuteilen, spionageverdächtige Personen festzunehmen und ihr zuzuführen.«23

Der Entwurf der Heeresdruckvorschrift 90 »Versorgung des Feldheeres« vom 1. April 1935 enthielt ebenfalls Festlegungen über den Einsatz einer Geheimen Feldpolizei in einem künftigen Krieg.24 In Auswertung der Erfahrungen aus dem zeitweiligen Einsatz von GFP-Kräften bei der deutsch-italienischen Intervention in Spanien (1936-1939), der Annexion Osterreichs (1938) und der Zerschlagung der Tschechoslowakei (1938/39) erarbeitete das Oberkommando der Wehrmacht schließlich detaillierte Funktions- und Organisationsgrundsätze, nach denen die faschistische Geheime Feldpolizei bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges handelte.

Die angeführten Materialien widerlegen eindeutig die von Paul Leverkuehn in »Der geheime Nachrichtendienst der deutschen Wehrmacht im Kriege« und von anderen bürgerlichen Autoren aufgestellte Behauptung, die faschistische Abwehr habe als Reaktion auf die »Machtausweitung der Himmler-/Heydrichschen Apparatur« – gemeint ist der Ausbau der Sicherheitspolizei und des SD – erst kurz vor Kriegsbeginn beim OKW die Aufstellung einer Geheimen Feldpolizei für den Mobilmachungsfall durchsetzen können.25 Insbesondere der von der Historiographie bisher weitgehend negierte Einsatz von GFP-Kräften in Spanien, Österreich und der CSR bietet den Beweis dafür, wie vordergründig apologetisch eine solche Interpretation ist.

2. Der Einsatz von GFP-Kräften bei der deutsch-italienischen Intervention in Spanien, bei der Annexion Österreichs und der Zerschlagung der Tschechoslowakei

Intervention in Spanien

Die Geheime Feldpolizei der Wehrmacht kam erstmals während der Intervention Hitlerdeutschlands gegen die Spanische Republik zum Einsatz. In Spanien begann 1936 die erste internationale bewaffnete Auseinandersetzung zwischen dem Faschismus und den Kräften des Fortschritts und der Demokratie, die bis zum Vorabend des Zweiten Weltkrieges andauerte. Mit seiner militärischen Beteiligung am Unterdrückungsfeldzug gegen das spanische Volk leitete der deutsche Faschismus eine neue Phase seiner Kriegsvorbereitungen ein, in der er die verbrecherischen Methoden seiner Innenpolitik auf die internationalen Beziehungen zu übertragen suchte.26 Offen betätigte sich der Hitlerfaschismus hierbei als »Gendarm der Reaktion gegen die internationale Arbeiterklasse und gegen die Sowjetunion«.27

Der deutsche und italienische Faschismus hatte Franco bei der Vorbereitung seines Putsches aktiv unterstützt. Nach dessen Ausbruch schickten Hitlerdeutschland und Italien Truppen und Kriegsmaterial nach Spanien. Mit den anderen reaktionären Kräften Europas verband sie dabei die Absicht, den Freiheitskampf des spanischen Volkes im Blut zu ersticken. In dieser Situation wurde die Verteidigung der Spanischen Republik zur Sache aller demokratischen Kräfte der Welt. Große Hilfe leistete von Anfang an der erste sozialistische Staat, die Sowjetunion.28 Tausende Antifaschisten, voran Kommunisten aus vielen Ländern, eilten nach Spanien. Es entstanden die Internationalen Brigaden.

Unter der Flagge des Kampfes gegen den »Weltbolschewismus« verfolgte das faschistische Deutschland mit seiner Intervention einen ganzen Komplex politischer, ökonomischer und militärischer Ziele. Dabei überprüfte es auf dem »Experimentierfeld Spanien« auch den Entwicklungsstand seiner Kriegsmaschine. Spanien wurde zu einer Art »Generalprobe« für den Zweiten Weltkrieg. Hier konnte die militärische Führung Hitlerdeutschlands neue Waffen und Ausrüstungen erproben und die militärtheoretischen Vorarbeiten für den geplanten Krieg in der Praxis überprüfen.29 Ein wichtiger Teilbereich, auf dem sie Kriegserfahrungen sammelte, war die Tätigkeit der Abwehr der »Legion Condor« und ihres geheimpolizeilichen Exekutivorgans – der Geheimen Feldpolizei.

Der Einsatz der Geheimen Feldpolizei in Spanien erfolgte in enger Abstimmung und Zusammenarbeit zwischen dem militärischen Geheimdienst und der Geheimen Staatspolizei. Basis hierfür waren die »Grundsätze für die Zusammenarbeit zwischen der Geheimen Staatspolizei und den Abwehrdienststellen der Wehrmacht«, das sogenannte Zehn-Gebote-Abkommen vom 21. Dezember 1936, das bis 1942 gültige Grundsatzdokument über die Arbeitsteilung und Zusammenarbeit zwischen dem militärischen Geheimdienst sowie Gestapo und SD,30 sowie eine spezielle Weisung Hitlers über den Einsatz der Geheimen Feldpolizei in Spanien.31 Letztere Weisung stellte bereits entscheidende Weichen dafür, in welcher Form die GFP dann während des Weltkrieges im deutschen Feldheer wirksam werden sollte.

Der Einsatz der Geheimen Feldpolizei in Spanien wurde von der Abteilung Abwehr des Reichskriegsministeriums – ab 1. Juni 1938: Amtsgruppe Auslandsnachrichten und Abwehr des OKW; ab 18. Oktober 1939: OKW-Amt Ausland/Abwehr – und dem Geheimen Staatspolizeiamt gemeinsam geplant und durchgeführt. Speziell zuständig waren dabei das Ressort Abwehr III (Spionageabwehr) und seitens des Geheimen Staatspolizeiamtes die Abteilung III (Abwehrangelegenheiten).32

Um die konkreten Einsatzbedingungen für die zu bildende Geheime Feldpolizei festzustellen, unternahmen die Kriminalkommissare Dr. Herbert Fischer und Mosig vom Geheimen Staatspolizeiamt Mitte Oktober 1936 eine Inspektionsreise nach Spanien. Ihre Recherchen und Berichte hatten zur Folge, dass im Rahmen der im Oktober/November 1936 aufgestellten deutschen Interventionstruppen eine Geheime Feldpolizei formiert wurde.33

Die in Spanien eingesetzten GFP-Kräfte erfüllten geheimpolizeiliche Exekutivaufgaben für die Abwehrabteilung der »Legion Condor«. Die sich hinter der Tarnbezeichnung S/88/Ic verbergende starke Filiale des militärischen Geheimdienstes wurde von Korvettenkapitän Wilhelm Leißner (Deckname: Oberst Gustav Lenz) geleitet. Unmittelbar unterstand die Geheime Feldpolizei der Gruppe III der Abwehrabteilung der »Legion Condor«, deren Leiter Major Joachim Rohleder war.34

Von seiten der Abteilung III des Geheimen Staatspolizeiamts zeichnete Kriminalkommissar bzw. Kriminalrat Dr. Herbert Fischer für alle Fragen des GFP-Einsatzes in Spanien verantwortlich. Fischer (1904 geboren, SS-Nr. 267 238, seit 11. September 1938 SS-Hauptsturmführer) war Leiter des Dezernats III 2A – später des Referats III A – der Abteilung III des Geheimen Staatspolizeiamts. Als Feldpolizeidirektor stand er 1937/38 an der Spitze der Geheimen Feldpolizei der »Legion Condor«. Zeitweilig übte auch Dr. Wilhelm Schmitz (1903 geboren, SS-Nr. 167 994, seit 11. September 1938 SS-Obersturmführer) von der Staatspolizeistelle Düsseldorf unter dem Decknamen Dr. Schmieder diese Funktion aus. An der Organisierung des Nachschubs für die Geheime Feldpolizei war Kriminalkommissar Mosig aus der Abteilung III des Geheimen Staatspolizeiamts maßgeblich beteiligt.35

Für den Einsatz in Spanien stellte die Gestapo der Abwehr einen kompletten GFP-Apparat zur Verfügung. Seine Kader rekrutierten sich ausnahmslos aus der Gestapo. Bewaffnung und Ausrüstung sowie die zur geheimpolizeilichen Terrortätigkeit erforderlichen Spezialunterlagen, unter anderem Fahndungsbücher, erhielt die GFP vom Geheimen Staatspolizeiamt. In Abstimmung mit der Abwehr sorgte die Gestapo auch für den Nachschub an Personal und Einsatzmitteln.36

Die Personalstärke der GFP betrug anfangs etwa zehn Mann. Insgesamt waren von 1936 bis 1939 in Spanien 33 GFP-Beamte eingesetzt, die einem umfangreichen Zuträgerapparat vorstanden.

Voraussetzung für die Verwendung von Gestapoangehörigen in der Geheimen Feldpolizei war die Beherrschung der spanischen Sprache. Mit Hilfe deutscher Reisepässe, die auf Decknamen ausgestellt waren, gelangten die für diesen Einsatz ausgewählten Gestapoleute nach Spanien. Selbst den faschistischen spanischen Behörden wurden die tatsächlichen Namen der GFP-Angehörigen nicht mitgeteilt. In Spanien erhielten sie dann Dienstausweise der »Legion Condor«. Auch wurden mit ihnen die bei der Legion üblichen Dienstverträge abgeschlossen, die ihren Status als Angehörige der faschistischen Interventionstruppen offiziell bestätigten. Für die Teilnahme am Feldzug gegen die Spanische Republik erhielten die Feldpolizeibeamten einen hohen Sold. Ein bei der GFP dienender Kriminalassistentenanwärter bezog – zusätzlich zu seinem in Deutschland weiterlaufenden Gehalt von etwa 200 Reichsmark – eine monatliche »Aufwandsentschädigung« von 900 Reichsmark. Für den Todesfall wurde er mit 10.000 Reichsmark und im Fall einer Vollinvalidität mit 30.000 Reichsmark versichert. Bei Verwundung oder Krankheit sollte er einen täglichen Soldzuschlag von 10 Reichsmark ausgezahlt bekommen.37

Die Zentrale der Geheimen Feldpolizei befand sich am Standort des Leiters der Abwehrabteilung der »Legion Condor« in Salamanca und später in Burgos. Von hier aus führte der Feldpolizeidirektor alle in Spanien eingesetzten GFP-Kräfte. Bei den unmittelbar an der Front dislozierten Truppen der Legion wirkte ein Feldpolizeikommissariat, das eine Stärke von etwa fünf Mann hatte. In Palma de Mallorca, Salamanca, Sevilla und anderen Städten, in denen Kräfte der »Legion Condor« stationiert waren, wurden Außenstellen der Geheimen Feldpolizei eingerichtet. Weitere Stützpunkte befanden sich in den nordspanischen Hafenstädten El Ferrol, Pasajes und Vigo, wo die GFP die reibungslose Abwicklung des Nachschubs für die deutschen Truppen und der für Franco bestimmten Kriegsmaterialtransporte sichern sollte. Zeitweilig waren Angehörige der Geheimen Feldpolizei auch an den Grenzübergangsstellen in Algeciras an der Straße von Gibraltar, Badajoz an der Grenze zu Portugal und Irun an der Grenze zu Frankreich eingesetzt.38

Ähnlich wie in Deutschland die Gestapo überzog in Spanien die GFP das unter faschistischer Herrschaft stehende Territorium mit einem Netz von Zuträgern. Gleichzeitig unterhielt sie gute Kontakte zu offiziellen deutschen und spanischen Institutionen. So arbeitete die GFP eng mit der deutschen Botschaft in Franco-Spanien, der Auslandsorganisation der NSDAP, der faschistischen spanischen Polizei und der spanischen Fremdenlegion zusammen. Über diese Kanäle erhielt die GFP Kenntnis von wichtigen innenpolitischen Entwicklungen in Spanien. In engem Zusammenwirken mit der Franco-Polizei beteiligte sich die GFP an der Unterdrückung der Widerstandsbewegung in den besetzten Gebieten. Auch unterstützte sie die Umorganisation der faschistischen spanischen Geheimpolizei nach dem Vorbild der Gestapo.

Durch diese Aktivitäten schuf die Geheime Feldpolizei wichtige Grundlagen dafür, dass 1940 ein »Polizeiabkommen« zwischen Hitlerdeutschland und Franco-Spanien zustande kam.39

Besonders enge Beziehungen unterhielt die Geheime Feldpolizei zum Geheimdienst der Franco-Truppen – dem Servicio Informacion Policia Militar (SIPM). Mit ihm tauschte sie Informationen über die Tätigkeit der republikanischen Streitkräfte im faschistischen Hinterland sowie über die Partisanenbewegung aus. Gemeinsam mit dem SIPM beteiligte sich die GFP an der Bekämpfung der Antifaschisten.40

Mit dem Einsatz der Geheimen Feldpolizei in Spanien verfolgte die Abwehr mehrere Absichten. Eine der nach innen zielenden Aufgaben der GFP bestand darin, die Angehörigen der »Legion Condor« zu überwachen und gegen Kontakte mit antifaschistischen Kräften abzuschirmen. Obwohl die zur Legion kommandierten Wehrmachtangehörigen eine »Elite« der deutschen Streitkräfte darstellten, traten 1937 bei einigen »Legionären« unter dem Eindruck des erbitterten Widerstandskampfes des spanischen Volkes und der von den Faschisten begangenen Verbrechen Zersetzungserscheinungen auf. Oberst Erwin Jaenecke vom »Sonderstab W« des Reichsluftfahrtministeriums – der Zentrale der »Legion Condor« in Deutschland – berichtete am 18. Mai 1937, dass »besonders müde Elemente« aus den deutschen Interventionstruppen entfernt werden mussten. Da einige Soldaten der »Legion Condor« auch versuchten, unter Umgehung des vorgeschriebenen geheimen Feldpostweges ein wahres Bild von den spanischen Ereignissen nach Deutschland zu vermitteln, schaltete sich die GFP in die Zensur der auf spanischen Postämtern aufgegebenen Sendungen nach Deutschland ein. Zugleich beobachtete die Geheime Feldpolizei, mit welchen Personen die Angehörigen der Legion in Verbindung standen. Diese Aufgaben machten jedoch nur einen relativ geringen Teil der GFP-Tätigkeit aus, da die meisten der in Spanien eingesetzten Wehrmachtangehörigen überzeugte Faschisten waren und sich skrupellos in den Dienst der verbrecherischen Kriegführung stellten.41

Besonders intensiv überwachte die Geheime Feldpolizei die Besatzungen der mit Kriegsmaterial in franco-spanischen Häfen anlegenden deutschen Schiffe. Hierbei arbeitete sie eng mit der Franco-Polizei zusammen. Trotz strengster Überwachung gelang es fünf deutschen Seeleuten, von ihren Schiffen zu fliehen. GFP und Franco-Polizei fahndeten geradezu hektisch nach ihnen, da diese Männer detaillierte Kenntnisse über die streng geheimgehaltenen Waffenlieferungen nach Spanien besaßen. Über ihr weiteres Schicksal ist nichts bekannt.42

Ein anderer Personenkreis, den die Geheime Feldpolizei »observierte«, waren die sogenannten deutschen Spanienflüchtlinge. Als sich nach dem Franco-Putsch die Volksfrontregierung gezwungen sah, gegen die ausländischen Naziorganisationen in Spanien vorzugehen, entfachte die Regierung des faschistischen Deutschlands eine wüste Hetze gegen die Spanische Republik. Sie organisierte eine groß angelegte Fluchtbewegung ausländischer Staatsbürger aus Spanien. Bis Ende August 1936 wurden 4.550 deutsche »Flüchtlinge« und 4.750 andere Ausländer, vorwiegend Italiener, aus Spanien abtransportiert. Gleichzeitig diente diese Kampagne als Vorwand für die Stationierung von Einheiten der deutschen Kriegsflotte in den spanischen Gewässern.

Nach Beginn der deutsch-italienischen Intervention kehrte ein großer Teil der »Flüchtlinge« nach Spanien zurück. Hierbei arbeitete die GFP unmittelbar mit der Auslandsorganisation der NSDAP zusammen. Generelle Aufgabe dieser seit 1931 existierenden faschistischen Organisation war es, die Nazis im Ausland parteipolitisch zusammenzuhalten. Zugleich verbarg sich hinter ihrer harmlos drapierten Fassade ein Apparat, der eng mit den Geheimdiensten Hitlerdeutschlands kooperierte und dessen Mitglieder in Vorbereitung und während des Zweiten Weltkrieges als »Fünfte Kolonne« auftraten. Unter der Regie der Auslandsorganisation der NSDAP wurden im faschistischen Sinne besonders zuverlässig erscheinende »Spanienflüchtlinge« ausgewählt und auf deutschen Transportschiffen in die von den Putschisten beherrschten Gebiete Spaniens gebracht. Es handelte sich dabei vor allem um ingenieurtechnisches Personal, das von den Luftwaffeneinheiten der »Legion Condor« dringend benötigt wurde, und um Dolmetscher. Da diese Personen Einblick in interne Angelegenheiten der deutschen Interventionstruppen erlangten, wurden sie in Deutschland von der Gestapo gründlich überprüft und in Spanien von der Geheimen Feldpolizei streng überwacht.43

Eine der wichtigsten Aufgaben der Geheimen Feldpolizei bestand in Spanien darin, die Aufklärung der republikanischen Streitkräfte gegen die »Legion Condor« zu bekämpfen. Von der GFP festgenommene spanische Patrioten, die Informationen über die deutschen Interventionstruppen gesammelt und an die republikanischen Aufklärungsorgane weitergeleitet hatten, wurden nach Gestapoart verhört und meist unmittelbar darauf ermordet.44

Der sogenannte abwehrpolizeiliche Einsatz der GFP war eng verknüpft mit Terrorakten gegen die spanische Bevölkerung. Die GFP griff dabei zu Methoden, die in vieler Hinsicht Vorläufer der von ihr während des zweiten Weltkrieges insbesondere auf dem zeitweilig okkupierten Territorium der UdSSR praktizierten Massenmordaktionen waren. Es gehörte zum Programm der Geheimen Feldpolizei in Spanien, nach der Einnahme größerer Städte durch die Faschisten alle verfügbaren GFP-Kräfte dort zusammenzuziehen, um dann unter Leitung des Feldpolizeidirektors groß angelegte Razzien nach Antifaschisten sowie andere Repressalien durchzuführen.45

Im Mittelpunkt der Tätigkeit der Abwehrgruppe der »Legion Condor« standen die Spionage und Diversion gegen die Spanische Republik, vor allem gegen die spanische Volksarmee und die Internationalen Brigaden. Auf diesem Gebiet hatte die Geheime Feldpolizei spezielle Aufgaben zu erfüllen. So warb die GFP im Auftrag von Abwehr I (Geheimer Meldedienst) zur Spionage bereite Personen an. Sie versuchte auch, aus Gefangenen Angaben über die Streitkräfte der Spanischen Republik herauszupressen.46

Mit besonderer Intensität und Grausamkeit verfolgte die Geheime Feldpolizei Deutsche, die als Kämpfer der Internationalen Brigaden in ihre Gewalt gerieten. Vor allem 1938/39 entwickelte sich diese Aufgabe zu einem Schwerpunkt in der Tätigkeit der GFP.

Bei der Verfolgung der deutschen Interbrigadisten handelte die Geheime Feldpolizei anfangs nach folgendem Modus: Gemeinsam mit dem SIPM durchkämmte sie die faschistischen spanischen Gefangenenlager und »verhörte« deutsche Interbrigadisten. Die nach ihrer Auffassung besonders gefährlichen Gefangenen wurden danach erschossen.47 Um das zeitaufwändige Verfahren des »Durchkämmens« der Lager zu verkürzen, setzte sich GFP-Kommissar Gerhard Fischer48 mit Unterstützung des Leiters der Gruppe III der Abwehrabteilung der »Legion Condor«, Major Joachim Rohleder, beim SIPM sowie bei der zuständigen franco-spanischen Armeedienststelle dafür ein, dass die Angehörigen der Interbrigaden aus den verschiedenen Gefangenenlagern herausgefiltert und im Lager San Pedro bei Burgos konzentriert wurden.49 Im Herbst 1938 hatten die spanischen Faschisten etwa 700 Interbrigadisten, unter ihnen 75 Deutsche, in diesem Konzentrationslager zusammengetrieben.50

Das Lager San Pedro war nicht weit von der in Burgos befindlichen GFP-Zentrale entfernt und stand unter ständiger Aufsicht der Geheimen Feldpolizei. GFP-Kommissar Gerhard Fischer spielte hier eine besondere Rolle. Neben seiner »normalen« GFP-Tätigkeit versuchte er, die von den faschistischen Truppen erbeuteten politischen Schriften der Internationalen Brigaden zu erfassen und auf deren Grundlage Hetzmaterialien auszuarbeiten. Bei diesem Vorhaben wirkte er eng mit dem Generalkonsul Hitlerdeutschlands, Köhn51, dem Reichspropagandaministerium und dem Außenpolitischen Amt der NSDAP zusammen.52

Die Anzahl der im Konzentrationslager Burgos ermordeten Angehörigen der Internationalen Brigaden konnte bisher nicht ermittelt werden. Ein Opfer des faschistischen Terrors in Burgos war der kommunistische Jugendfunktionär Artur Becker. Am 2. April 1938 geriet er schwerverwundet in die Gefangenschaft der Franco-Truppen. Unter besonderer Geheimhaltung schaffte man ihn nach Burgos, wo er nach schweren Folterungen – höchstwahrscheinlich auf Anordnung der Geheimen Feldpolizei – am 16. Mai 1938 erschossen wurde.53

Im unmittelbaren Auftrag der Abwehr und in Zusammenarbeit mit dem Auswärtigen Amt entwickelte die Gestapo ein detailliertes System zur »Endlösung« des Problems der gefangenen deutschen Interbrigadisten. Nach entsprechenden Anregungen seitens der Abteilung III der OKW-Amtsgruppe Auslandsnachrichten und Abwehr (Schreiben Nr. 4561/8.38 g. Abw. III vom 4. Januar 1939) und des Auswärtigen Amtes (Schreiben Pol. III 2916 g. vom 27. Dezember 1938) fasste der Leiter der Abteilung III des Geheimen Staatspolizeiamtes am 3. Februar 1939 die bisher auf diesem Gebiet gehandhabten Praktiken in einer Grundsatzweisung zusammen. Zugleich legte er darin auch den konkreten Ablauf der abschließenden Verfolgungsaktionen gegen die gefangenen deutschen Interbrigadisten fest. Der Geheimen Feldpolizei wurde in dieser »Geheimen Reichssache« über den »Rücktransport von gefangenen Deutschen aus National-Spanien« eine Schlüsselstellung zugewiesen.54

Die GFP hatte alle in franco-spanischer Gefangenschaft befindlichen deutschen Interbrigadisten listenmäßig zu erfassen und an das Geheime Staatspolizeiamt zu melden. Die Gestapo stufte die gefangenen Spanienkämpfer in vier Kategorien ein und entschied damit über deren weiteres Schicksal. Auf der Grundlage dieser Einteilung leitete die GFP in Spanien die entsprechenden Maßnahmen zur »Endlösung« des Gefangenenproblems ein.55

Die erste Gruppe sollte jene deutschen Interbrigadisten umfassen, die – wie es in der Weisung vom 3. Februar 1939 hieß – »aufgrund ihres Vorlebens für die deutsche Volksgemeinschaft endgültig als verloren betrachtet werden müssen. Es sind fast durchweg Kommunisten, die sich außer in Spanien und Deutschland auch in jedem anderen Land stets als Aufrührer und Hetzer betätigen werden. An diesen Personen besteht unter dem Gesichtspunkt der internationalen Bekämpfung des Kommunismus nur das eine Interesse, nämlich, dass sie je nach Gefährlichkeit für mehrere Jahre oder für dauernd unschädlich gemacht werden.«56 Die Geheime Feldpolizei hatte bei den Franco-Behörden darauf zu dringen, dass gegen diesen Personenkreis – er umfasste vor allem Funktionäre der KPD – die Todesstrafe verhängt wurde bzw. dass die Interbrigadisten langjährig oder lebenslänglich in einem Konzentrationslager festgehalten wurden.57

Zur zweiten Kategorie zählten jene deutschen Spanienkämpfer, an denen »aus politischen oder abwehrpolizeilichen Gründen ein dienstliches Interesse der Geheimen Staatspolizei, des Volksgerichtshofs oder des Reichskriegsgerichts besteht«.58 Bei diesen Interbrigadisten musste die Geheime Feldpolizei dafür Sorge tragen, dass sie auf dem sogenannten Legionsweg als Gefangene nach Deutschland transportiert wurden. Voraussetzung für die Einleitung eines solchen Verfahrens war, dass eine »ausdrückliche Einverständniserklärung« der Abwehr III vorlag.59 Insgesamt wurden 15 deutsche Interbrigadisten auf diese Weise nach Deutschland verschleppt.60

Die dritte Kategorie betraf jene Interbrigadisten, gegen die bei deutschen Gerichten bereits Strafverfahren eingeleitet waren. In solchen Fällen unterrichtete die Gestapo die zuständigen deutschen Behörden von der Gefangennahme des Betreffenden. Die deutschen Gerichte konnten dann auf dem üblichen Instanzenweg eine Auslieferung von Franco-Spanien beantragen. Verantwortlich für die Abwicklung dieser Fälle zeichnete in Spanien die deutsche Botschaft.61

Alle anderen deutschen Interbrigadisten sollten, soweit die franco-spanische Polizei nicht an ihnen interessiert war, auf deutschen Schiffen ins Reich gebracht werden. Die GFP benachrichtigte die deutsche Botschaft in Franco-Spanien darüber, welche Personen für eine solche Maßnahme in Frage kamen, und sorgte in Zusammenarbeit mit ihr für den Abtransport der Interbrigadisten. Für jeden auf diese Weise nach Deutschland verschleppten Spanienkämpfer hatte die Botschaft eine beschleunigt an das Geheime Staatspolizeiamt zu übersendende Passkarteikarte auszufüllen, die neben Angaben zur Person auch Informationen über Transportweg und -mittel sowie über Ankunftszeit und -ort enthielt. Bei der Ankunft in einem deutschen Hafen wurden die Interbrigadisten – obwohl ihnen die Botschaft Hitlerdeutschlands in Franco-Spanien volle »Freiheit« zugesichert hatte – von Angehörigen der nächsten Staatspolizeistelle übernommen.62

Mit ihrem Einsatz gegen die gefangenen deutschen Interbrigadisten setzte die Geheime Feldpolizei der »Legion Condor« Anfang 1939 den Schlusspunkt hinter ihre Tätigkeit in Spanien: Von 1936 bis 1939 hatte sie sich als wirksames geheimpolizeiliches Instrument der deutschen Interventionstruppen erwiesen. Sie nahm bis zur letzten Phase der deutsch-italienischen Intervention gegen die Spanische Republik an diesem Unterdrückungsfeldzug teil und trug durch ihre Terrorfunktion dazu bei, dessen verbrecherischen Charakter zu prägen.

Annexion Österreichs und Zerschlagung der Tschechoslowakei

Weitere wichtige »Versuchsfelder« des deutschen Faschismus für den Einsatz der Geheimen Feldpolizei waren die Annexion Österreichs und die Zerschlagung der CSR. Ebenso wie in Spanien wurde bei diesen Okkupationsakten die Wehrmacht auf ihre Kriegsbereitschaft geprüft, war die militärische Führung Hitlerdeutschlands bestrebt, aus ihnen Schlussfolgerungen für die Erhöhung der Schlagkraft der Streitkräfte zu ziehen.

Mit der Besetzung Österreichs im März 1938 und der Zerschlagung der Tschechoslowakei im Oktober 1938 und im März 1939 versuchte Deutschland zugleich, sich günstigere Ausgangspositionen für die Entfesselung des angestrebten Krieges zu verschaffen. Den Einsatz der Wehrmacht bei diesen räuberischen Aktionen geheimpolizeilich abzusichern und die Errichtung des faschistischen Regimes in Österreich und in der Tschechoslowakei zu unterstützen, war Aufgabe der jeweils zeitweilig aufgestellten GFP-Kräfte.

Im Rahmen der zur Besetzung Österreichs ausgelösten Teilmobilmachung der Wehrmacht wurde im März 1938 die Gruppe 540 der Geheimen Feldpolizei formiert, die aus 30 Feldpolizeibeamten, einem Unteroffizier und zehn Soldaten bestand. Geleitet wurde die Gruppe von Oberregierungsrat Dr. Hultsch. Dieser wie auch die anderen Feldpolizeibeamten kamen von der Gestapo. Der nur wenige Tage dauernde Einsatz der Geheimen Feldpolizei erfolgte im Auftrag des Ic/AO des Oberkommandos der 8. Armee, Hauptmann i. G. Wentzell. Er brachte vor allem Erfahrungen für die Mobilmachung der GFP.63

Weitaus umfangreicher als bei der Besetzung Österreichs war der Einsatz der Geheimen Feldpolizei während der Annexionshandlungen Hitlerdeutschlands gegen die Tschechoslowakei im Oktober 1938. Der Hauptstoß richtete sich hierbei gegen die starke revolutionäre Arbeiterbewegung der CSR. Welche Aufgaben die GFP insbesondere bei der Verfolgung der Mitglieder der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei zu erfüllen hatte, legte die Weisung des Chefs des OKW vom 28. September 1938 fest: »Der Oberste Befehlshaber der Wehrmacht hat angeordnet, dass im Falle des Einmarsches in die Tschechei rücksichtslos gegen Kommunisten und sonstige Staatsfeinde und Verbrecher im Bereich des sudetendeutschen Gebietes vorgegangen wird. Soweit erforderlich, sind sie aus dem Operationsgebiet abzuschieben und der Gestapo zu übergeben. Als Kriegsgefangene sind sie nicht zu behandeln. Hierzu ist die Geheime Feldpolizei von den A.O.K. heranzuziehen und mit den schärfsten Weisungen zu versehen. Falls die Kräfte der Geheimen Feldpolizei hierfür nicht ausreichen, sind Verstärkungen beim OKW anzufordern.«64

Während der Annexion der Sudetengebiete der CSR verfügten die Heeresgruppenkommandos über je eine GFP-Gruppe, die der Abteilung Ic/AO des jeweiligen Heeresgruppenkommandos unterstand. Den Armeekorps wurde je ein GFP-Trupp zugeteilt. Diese Trupps blieben jedoch dem Ic/AO des Heeresgruppenkommandos unmittelbar unterstellt, um ein sofortiges Zusammenziehen aller im Heeresgruppenbereich verfügbaren GFP-Kräfte unter Ausschaltung von Zwischeninstanzen zu sichern.65

Die Angehörigen der Geheimen Feldpolizei erhielten zur Verfolgung antifaschistischer Kräfte in der CSR und zur geheimpolizeilichen Überwachung der eingesetzten deutschen Truppen weitgehende Befugnisse, die denen der Gestapo entsprachen. Die GFP konnte Wehrmachtangehörige und tschechoslowakische Bürger festnehmen, Wehrmachtangehörige zu ihrer Unterstützung heranziehen sowie alle militärischen Nachrichtenverbindungen und Wehrmachtsfahrzeuge benutzen. Zu ihrer Legitimation besaßen die GFP-Angehörigen spezielle Ausweise. Ihre Einsätze führten sie meist in Zivilkleidung durch.66

Um die Truppenkommandeure über die Funktion der Geheimen Feldpolizei zu informieren, gaben die Heeresgruppenkommandos zu Beginn der Aggression entsprechende Materialien heraus. Das Heeresgruppenkommando z.b.V. erließ am 3. Oktober 1938 »Besondere Anordnungen für den Einsatz der geheimen Feldpolizei«. Als Aufgaben der GFP wurden hier genannt:

»a) alle volks- und staatsgefährdenden Bestrebungen, insbesondere Spionage, Landesverrat, Sabotage, feindliche Propaganda und Zersetzung im Operationsgebiet zu erforschen und zu bekämpfen;

b) das Ergebnis der Erhebungen zu sammeln und auszuwerten;

c) die zur Sicherung des Operationsgebietes getroffenen Abwehrmaßnahmen im einzelnen durchzuführen bzw. zu überwachen sowie die militärischen Dienststellen und die Truppe, insbesondere die bei den Stäben mit der Bearbeitung von Abwehrangelegenheiten beauftragten Offiziere, beratend zu unterstützen;

d) Aufgaben des militärischen Abwehrdienstes, die nicht sicherheitspolizeilicher Art sind, nach dessen Weisungen zu erfüllen.«67

Neben der geheimpolizeilichen Absicherung der faschistischen Okkupationstruppen entwickelte sich im Oktober 1938 die Verfolgung der CSR-Bevölkerung zum wichtigsten Tätigkeitsbereich der Geheimen Feldpolizei. Unter dem Vorwand der Spionageabwehr verhaftete die GFP, auf der Grundlage der sogenannten roten Hefte der Abwehr, Hunderte tschechoslowakische Bürger. Bei der Mehrzahl der Festgenommenen konnte die Anschuldigung der Spionage jedoch nach näherer Untersuchung nicht aufrechterhalten werden. Da die Verhafteten aber der Geheimen Feldpolizei zumeist »politisch bedenklich« erschienen, übergab die GFP die meisten von ihnen der Gestapo oder wies sie aus dem okkupierten Teil der Tschechoslowakei aus.68

Überhaupt arbeitete die Geheime Feldpolizei mit der Gestapo besonders eng zusammen. Wie zwischen dem Chef der Sicherheitspolizei und des SD einerseits und dem OKW/OKH andererseits vereinbart, rückten 1938 erstmals Einsatzkommandos der Gestapo zusammen mit der Wehrmacht in die zu okkupierenden Gebiete ein. Diese Kommandos hatten jeweils eine Stärke von etwa 50 Mann. Ihre Angehörigen traten in SS-Uniform auf. Ähnlich der GFP operierte in jedem Heeresgruppenbereich ein Einsatzkommando. Als Verbindungsmann hatte der Chef der Sicherheitspolizei und des SD je einen Gestapo-Angehörigen zu den Abteilungen Ic/AO der Heeresgruppenkommandos abgestellt. Die Abwehroffiziere waren vom Oberkommando der Wehrmacht angewiesen, engen Kontakt zu den in ihrem Bereich wirkenden Einsatzkommandos zu halten. Eine direkte Unterstellung der Einsatzkommandos unter militärische Stäbe durfte nicht vorgenommen werden.69 Die Wehrmachttruppen hatten den Gestapo-Angehörigen jede Unterstützung zu gewähren. Das Generalkommando des VII. Armeekorps forderte deshalb in seinem Nachrichtenblatt Nr. 1 vom 2. Oktober nachdrücklich: »Es wird jedoch erwartet, dass die Truppe die Beamten bei der Durchführung ihrer Aufgaben weitgehend unterstützt (Zurverfügungstellung von Gebäuden für Verwahrung der Gefangenen, Unterbringung, Verpflegung, Fernsprechverbindungen).«70

Das Zusammenwirken von Geheimer Feldpolizei und Einsatzkommandos erfolgte auf der Grundlage einer detaillierten Aufgabenteilung. Während die GFP geheimpolizeiliche Funktionen im unmittelbaren Truppenbereich erfüllte und auch solche Dinge erledigte wie die Erfassung »aller in den zu besetzenden Gebieten ausgegebenen nichtreichsdeutschen Waffen« und der Funksendeanlagen, hatten die Einsatzkommandos vor allem Massenverhaftungen zur Ausschaltung jedes Widerstands vorzunehmen. Größere Fahndungsaktionen führte die Geheime Feldpolizei in unmittelbarem Zusammenwirken mit den Einsatzkommandos durch. In der Zusammenarbeit von GFP und Gestapo dominierte 1938 die Übergabe von GFP-Gefangenen »zur weiteren Verwendung« an die Einsatzkommandos.71

Dieses erstmalige Zusammenspiel von Geheimer Feldpolizei und Einsatzkommandos fand im Zweiten Weltkrieg seine Fortsetzung im gemeinsamen verbrecherischen Wirken der GFP und der berüchtigten Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD.

Bei der völligen Zerschlagung der Tschechoslowakei im März 1939 kam die Geheime Feldpolizei mit etwa der gleichen Zielsetzung und Organisation wie im Oktober 1938 zum Einsatz. Sie war maßgeblich daran beteiligt, dass nach dem Einfall der Wehrmacht in dieses Gebiet binnen weniger Tage etwa 2.500 Personen, mehrheitlich ausgewiesene Kommunisten, festgenommen wurden.72

Bei der Erfüllung der Aufgabe, in Prag befindliche Mitarbeiter des britischen und des tschechoslowakischen Geheimdienstes zu ergreifen, erlitt die Geheime Feldpolizei im März 1939 eine empfindliche Schlappe. Sie hatte versäumt, den Prager Flughafen unter ihre Kontrolle zu bringen, so dass die Gesuchten mit einem Flugzeug nach London entkommen konnten. In Auswertung der von der GFP verschuldeten Panne initiierte Major Heinz Schmalschläger von der Gegenspionage für künftige Aggressionshandlungen die Aufstellung spezieller Abwehrtrupps bei den Armeen. Diese Trupps erhielten den Auftrag, unmittelbar mit den Angriffsspitzen der Wehrmacht vorzugehen und Personen sowie Unterlagen gegnerischet Geheimdienste unverzüglich »sicherzustellen«. Beim Überfall auf Polen wie auch während des weiteren Kriegsverlaufs arbeitete die GFP mit den Abwehrtrupps bzw. den sich hieraus entwickelnden Abwehrkommandos (ab 1944: Frontaufklärungskommandos) eng zusammen.73

Während der zwischen 1936 und 1939 erfolgten Interventions- und Okkupationsakte des deutschen Faschismus leistete die Geheime Feldpolizei einen spezifischen Beitrag zur gewaltsamen Ausweitung des Machtbereichs Hitlerdeutschlands in Europa. Ihr Einsatz in Spanien, Österreich und der CSR war eine Art »Generalprobe«, die den Aufbau einer umfassenden GFP-Organisation für den Zweiten Weltkrieg vorbereiten half und insbesondere dazu beitrug, den Modus des Zusammenwirkens von Geheimer Feldpolizei und Gestapo zu klären.

Bei der Intervention gegen die Spanische Republik konnte die Abwehr über einen relativ langen Zeitraum Erfahrungen bei der geheimpolizeilichen Absicherung faschistischer Truppen und eines okkupierten Territoriums sammeln. Ihren komprimierten Niederschlag fanden diese Erkenntnisse in einer kurz nach Beendigung der Intervention vom Geheimen Staatspolizeiamt angefertigten Studie »Die Sicherheitspolizei während des Spanischen Krieges 1936/39«. Ihr Autor war Kriminalrat Dr. Herbert Fischer, der ehemalige Feldpolizeidirektor der »Legion Condor«.74

Die Mitwirkung der Geheimen Feldpolizei bei der Okkupation Österreichs und der Tschechoslowakei ergänzte die auf dem spanischen »Versuchsfeld« gewonnenen GFP-Einsatzerfahrungen und brachte der Abwehr weitere Erkenntnisse für die effektivere Gestaltung ihres geheimpolizeilichen Exekutivorgans, insbesondere hinsichtlich der Mobilmachung und der Zusammenarbeit mit den Einsatzkommandos der Geheimen Staatspolizei. Bei der unmittelbaren Vorbereitung des Zweiten Weltkrieges wertete die militärische Führung Hitlerdeutschlands die zwischen 1936 und 1939 gewonnenen Einsatzerfahrungen der GFP intensiv aus und fixierte sie in grundsätzlichen Vorschriften und Weisungen.

3. Funktions- und Organisationsgrundsätze der Geheimen Feldpolizei

1938 leitete die deutsche Führung die Endphase der Kriegsvorbereitungen ein. Sie beinhaltete eine Reihe gravierender Maßnahmen zur noch stärker kriegsbezogenen Formierung und Ausbildung der Truppen.75