Gehen & heilen - Jonathan Hoban - E-Book

Gehen & heilen E-Book

Jonathan Hoban

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Beschreibung

Der erste psychologische Ratgeber zur Geh-Therapie – Gehen in der Natur als Mittel der Heilung bei Krisen, Stress und Burnout. Geh-Therapeut Jonathan Hoban initiiert eine neue Therapieform zur Selbstanwendung für alle: die Geh-Therapie. Das Gehirn arbeitet erwiesenermaßen besser, wenn man geht oder läuft. Bewusstes, zügiges Gehen in der Natur fördert die Intuition und die Bereitschaft, ehrlich sich selbst zuzuhören. Stress und Krisen mit belastenden Emotionen können so gezielt abgebaut werden. Der praktische Ratgeber bietet Übungen wie das Benennen von Gefühlen, gezielte Reflexion oder das bewusste Schweifenlassen der Gedanken. Mithilfe dieser und anderer Methoden kann während des achtsamen Gehens ein kreativer Raum entstehen, in dem tiefe Heilung möglich wird. Die Devise lautet: Geh raus und schöpfe wieder Kraft und Selbstvertrauen!

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 280

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Jonathan Hoban

Gehen & heilen

Emotional gesund durch Geh-Therapie in der Natur

Aus dem Englischen von Marion Valentin

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Der erfahrene Psychotherapeut Jonathan Hoban hat eine neue Therapieform zur Selbstanwendung für alle initiiert: die Geh-Therapie. Bewusstes Gehen in der Natur fördert die Intuition und die Entschlusskraft, positive Lösungen für Probleme zu finden und schwierige Emotionen zu verwandeln. Eine einfache Atempraxis, eine ehrlich gestellte Frage an sich selbst und ein zügiger Schritt im nahegelegenen Park können wahre Wunder bewirken.

Die Geh-Therapie ist perfekt geeignet für effektiven Stressabbau und emotionale Selbstheilung in Krisensituationen. Ob Trauer, Angst oder Wut, die praktischen Ratschläge mit Übungen zum „Gehen und Heilen“ helfen nachhaltig, belastende Situationen und Gefühlslagen zu meistern. So wird es wieder möglich, den inneren Kritiker zum Schweigen zu bringen, frische Kreativität freizusetzen und neues Selbstvertrauen zu gewinnen.

Dazu dienen Übungen wie das Benennen von Gefühlen, gezielte Reflexionen und Selbstbefragungen oder das bewusste Schweifen-Lassen der Gedanken. Mithilfe dieser und anderer Methoden kann während des bewussten Gehens ein kreativer Raum entstehen, in dem Lösungen von selbst auftauchen oder sogar tiefe Heilung möglich wird.

Die Geh-Therapie wirkt auch vorbeugend gegen Depressionen, Burn-out und ständiges sorgenvolles Gedankenkreisen.

Inhaltsübersicht

Widmung

Einleitung

Die Lösung …

Wie funktioniert dieses Buch?

Warum ich immer wieder über den Wolf sprechen werde

Was passiert, wenn wir eingesperrt sind?

Gehen Sie Ihrem Glück entgegen

Kann Gehen wirklich all Ihre Probleme lösen?

1 Ein Ungeheuer namens Stress

Der Stress, das soziale Umfeld und Sie

Erste Schritte zum Basiscamp

Der psychologische Faktor

Der körperliche Faktor

Der spirituelle Faktor

Zeit für sich

2 Erste Schritte zu Ihrem wahren Selbst

Lockerungsübung

Wohin gehen?

Das Geh-Tagebuch

Wie gehen?

Lassen Sie die Technik zu Hause

3 Der Kreislauf von Scham und Burn-out

Lassen Sie uns über Scham reden

Die dunkle Kraft der Scham

Das Dreieck aus Scham, Schuld und Wut

Gefühle neu sortieren

4 Das Geben und Nehmen von Macht

Warum Grenzen verletzt werden

Nur Sie selbst können Ihre Macht abgeben

Abschalten, um einzuschalten

Grenzen setzen und gehen

5 Die eigene Geschichte neu schreiben

Zeit für eine neue Geschichte

Wut ist eine Energie

Mit dem Ärger Schritt halten

6 Depression und Entfremdung

Was ist eine Depression?

Alkohol – bester Freund oder schlimmster Feind?

Lernen, sich zu öffnen

Was ist die Lösung?

7 Zeiten ändern sich, Leben auch

Das authentische (und das nichtauthentische) Selbst

Jahreszeiten und Lebensübergänge

8 Trauer und Verlust

Trauer, Schock und Scham

Trauern und sich wieder verbinden

Mit Verlust leben

Mit Ritualen oder Symbolen einen Endpunkt schaffen

9 Nie genug – Im Würgegriff der Sucht

Der Anstieg von Freizeit-Alkoholkonsum und Drogenmissbrauch

Die Hierarchie der Scham

Die Sucht-Persönlichkeit

Ich erkenne, dass ich abhängig bin – was nun?

Selbsthilfegruppen und Gemeinschaften

Sich Ziele setzen

Mit Abhängigkeit gehen

10 Verbunden mit sich und der eigenen Seele

Meine spirituelle Neuorientierung

Strahler, Runterzieher und Löscher

Unser Schatten-Selbst

Verbindungen und Gemeinschaften

Die »höhere Macht«

Ein Pfad mit einer Geschichte

11 Die Wartung von Körper, Geist und Seele

Die Bedeutsamkeit von Planung

Aufrichtigkeit und Integrität

In Kontakt treten

Selbstfürsorge – Balsam für Körper und Geist

Ernährung

Wasser

Schlafhygiene

Gehen, scheitern und wieder gehen

Letzte Überlegungen

In liebender Erinnerung an Mavis, Richard und John Hoban

Einleitung

Es waren schon drei Viertel der Zeit unserer zweiten Therapiesitzung vergangen, und Victoria hatte mir noch kein einziges Mal in die Augen gesehen. Die verkrampfte Haltung im Sessel und ihre Wortkargheit machten ganz deutlich, dass sie gestresst und voller Furcht war. Es war klar, dass sie nicht hier sein wollte. Aber es gab auch keinen Zweifel daran, dass sie Hilfe brauchte.

Der Raum war so grau und freudlos, wie die meisten dieser Beratungsräume es eben sind. Meiner Erfahrung nach erging es den meisten meiner Klienten in einer solchen Umgebung ähnlich wie Victoria. Sie fühlten sich unbehaglich und gingen nur widerstrebend aus sich heraus. Ich konnte sehen, dass sie unter immensem Druck stand und dass unser Umfeld den Stress und die Angst noch verstärkte.

Dann dachte ich an die Orte zurück, an denen ich mich in schwierigen Zeiten am wohlsten gefühlt hatte. Aber das waren keine geschlossenen Räume, so wie dieser hier, sondern das war draußen im Freien. Draußen, inmitten von Bäumen und Parks. Die Natur wurde zu dem, was ich gern »universelle Eltern« nenne. Ihre Gegenwart hat mich auf ganz eigene Weise durch einige der schmerzhaftesten Tage meines Lebens getragen, geführt und genährt. Durch die Natur zu gehen erfüllte mich mit Klarheit und gab mir den Raum, mir selbst zuzuhören. Sie verurteilt nicht und lenkt nicht ab. Sie verbindet mich mit meiner Umgebung und meinen Gefühlen. Mit der Ehrlichkeit und Perspektive, die sie mir darbot, signalisierte sie mir, dass sie, wenn ich mich auf sie einlasse, immer bedingungslos für mich da ist und ich nie mehr allein bin. Kurz gesagt: Sie hat mir das Leben gerettet.

Ich schaute Victoria an. Sie wirkte unglücklich, verängstigt und defensiv, wand sich auf dem Sessel mir gegenüber.

»Dir fällt das echt schwer hier, oder?«, meinte ich.

Victoria nickte. »Das habe ich alles schon seit meiner Jugend durch, und damals hat das auch nichts gebracht. Ich hasse es.«

»Anscheinend hast du das Gefühl, dass du dich hier einfach nicht öffnen kannst.«

Wieder nickte sie, und ich sah, dass sie den Tränen nahe war.

»Okay, weißt du was … nächste Woche treffen wir uns einfach woanders. Lass uns stattdessen einen Spaziergang machen. Kennst du den Wimbledon Park?«

Victoria sah auf und schien sich zum ersten Mal sichtlich zu entspannen. »Ja«, sagte sie. »Klingt gut.«

Genau das taten wir. Und das war der erste Schritt zu Victorias Genesung.

Stress, Angst und Depression greifen derzeit in unserer Gesellschaft um sich wie eine Epidemie. Ich schätze, Sie nicken, denn Sie gehören entweder zu den Menschen, die auch davon betroffen sind, oder kennen jemanden, der darunter leidet. Meist hat es den Anschein, als hätte man weder den Raum noch die Zeit, sich wirklich mal zu entspannen, die Seele baumeln zu lassen und einfach nur »zu sein«. Dauernd bimmelt das Telefon. Die Liste der Mails, die Sie beantworten müssen, scheint endlos. Ihr Arbeitsumfeld wirkt ständig überdreht, und alle scheinen aufgeputscht von zu viel Koffein. Es gilt, keinen Moment zu vergeuden; nicht eine Minute ist in Sicht, in der Ihre Leistung nicht bewertet und beobachtet würde. Nonstop nehmen wir einen unerbittlichen Druck wahr.

Wir alle spüren das, und doch arbeiten wir einträchtig daran, die Flamme am Brennen zu halten. Wir erleben Burn-out in einem nie gekannten Ausmaß, und doch sind alle als Komplizen daran beteiligt. Wer von uns traut sich schon zu sagen, »Nein, ich bin nicht bereit, Überstunden zu machen«, oder »Doch, ich bestehe auf der Mittagspause« und »Nein, ich gebe nicht klein bei, wenn ein immer gestressterer Manager mir noch mehr unsinnige Arbeiten aufbürdet«?

Vielmehr versuchen wir verzweifelt, in dieser Tretmühle von Stress ein bisschen »Ich-Zeit« für uns abzuknapsen. Hier quetschen wir noch einen kurzen Städtetrip mit rein, da noch eine weitere Geschäftsreise; am Ende sitzen wir trübselig an einem überlaufenen Strand, während wir hoffen, die kreischenden Kinder neben uns würden sich endlich verziehen. Oder aber wir buchen ein Yoga-Retreat, auf dem wir dann feststellen müssen, dass wir nicht aufhören können zu weinen.

Unsere Gefühle schlummern in der Regel dicht unter der Oberfläche, und doch drücken wir sie vehement nach unten. Mit der gleichen brachialen Gewalt, mit der wir noch mehr Abfall in den übervollen Papierkorb stopfen, oder mit der gleichen Frustration, mit der wir unliebsames Gerümpel, von dem wir uns doch noch nicht trennen können, polternd auf dem Speicher einlagern. Wir können und wollen uns nicht damit auseinandersetzen, denn das zu tun fühlt sich nervig, ungewohnt, vielleicht sogar gefährlich an. Also bringen wir auf der Arbeit weiter Leistung und »therapieren« uns selbst mit Alkohol, Drogen, Sex, Fast Food, intensivem Work-out im Fitnessstudio, Sitzungen beim Psychotherapeuten und was sonst noch nötig ist, um uns friedlich zu stimmen. Dieser tückische Kreislauf geht dann stets aufs Neue los.

Die Lösung …

… ist einfach. Sie erfordert weder eine Anmeldegebühr noch Mitgliedsausweis oder Terminabsprachen. Trotzdem verlangt sie Zeit, Geduld, die Fähigkeit (im wahrsten Sinne) abzuschalten und die Sehnsucht, sich wieder mit all dem zu verbinden, was um Sie herum ist.

Die Lösung besteht darin, spazieren zu gehen. Hier meine ich nicht, bis zur nächsten Kneipe zu bummeln oder mal kurz shoppen zu gehen, sondern einen zügigen Spaziergang, der Körper und Seele in Bewegung bringt. Der Gelegenheit gibt, sich zu ent-stressen, auf das Wesentliche zu konzentrieren und inmitten all der Schwierigkeiten und Herausforderungen, die uns das Leben präsentiert, eine andere Perspektive zu finden.

Wenn Sie losmarschieren, finden Sie den Raum, Ihre Gefühle zu verarbeiten, und fangen an zu spüren, dass Zeit in der Natur das beste Heilmittel ist. Indem Sie sich draußen in der Natur aufhalten, ganz gleich bei welchem Wetter, stellen Sie wieder diese vitale, fundamentale Verbindung zur Erde her, die angeboren ist und die wir irgendwie verloren haben. Sie werden auch lernen zu entspannen und auf das zu lauschen, was Ihre Intention Ihnen zu sagen versucht, ohne den »Lärm«, der das normalerweise übertönt.

Die Schönheit dessen, was ich »Geh-Therapie« getauft habe, besteht in seiner Einfachheit. Alles, was Sie tun müssen, ist, sich dafür Zeit zu nehmen – Zeit, einen Fuß vor den anderen zu setzen. In einer natürlichen Umgebung, die den Geist beruhigt, die Sinne schärft und Ihnen hilft, neben Ihren Schwierigkeiten herzulaufen und sie so zu betrachten, wie sie sind.

Dabei es ist wichtig, sich klarzumachen, dass sich die Natur nicht auf wildes, abgelegenes, unzugängliches Gelände beschränkt. Sie ist überall, sogar mitten in der Großstadt, wenn man sich nur die Mühe macht, genauer hinzusehen. Die großen Metropolen dieser Welt, einschließlich London, beherbergen viele spektakuläre Parks und Grünflächen, wo es absolut möglich ist, sich der Erde nah und mit der Umwelt verbunden zu fühlen. Vor Ihrer Haustür wartet Natur und empfängt Sie mit offenen Armen. Der Trick besteht darin, auf ihren Ruf zu lauschen. Wenn Sie das tun, werden sich wunderbare Dinge ereignen.

Wie funktioniert dieses Buch?

Auch wenn die Geh-Therapie prinzipiell sehr simpel ist, so ist sie doch kein Turboheilmittel. Hier spielen Beständigkeit, Achtsamkeit und Durchhaltevermögen eine wesentliche Rolle. Sich auf den Prozess einzulassen bedeutet hier konkret, in Bewegung zu bleiben, sowohl körperlich als auch mental. Ihnen ist sicherlich bewusst, dass Sie Unterstützung von außen brauchen, um mit extrem belastenden Gefühlen und Situationen umzugehen. Stellen Sie sich darauf ein, dass Sie ein gewisses Maß an Arbeit an sich leisten und auch etwas Mut aufbringen müssen, um sich auf dieses Konzept wirklich einlassen zu können. Das heißt für Sie, Sie müssen regelmäßig spazieren gehen und sich im Klaren darüber sein, dass Heilung nicht über Nacht geschieht. Wenn Sie damit einverstanden sind und das akzeptieren können, dann werden Sie aus der Geh-Therapie unter anderem folgenden Nutzen ziehen:

den Abbau von Stress,

eine bessere Grundstimmung,

mehr geistige Klarheit,

weniger Angstgefühle,

mehr Verbundenheit mit Ihrer Umgebung,

bessere körperliche Gesundheit,

schlechte Angewohnheiten und der Drang nach schädlichen Substanzen lassen nach,

eine bessere Beziehung zu sich und den Menschen im nahen Umfeld.

Dennoch ist das hier kein Lehrbuch. Alle Menschen sind verschieden, und jeder hat sein eigenes Tempo. »Gehen & Heilen« bietet praktische, aktuelle Ratschläge und Übungen zum Gehen, Denken und Fühlen als Mittel zur Bewältigung schwieriger Emotionen. Wir fangen mit ersten Schritten an, und sobald sich Fortschritte zeigen, werden Sie sehen, wie positiv Ihr Körper und Ihre Seele darauf reagieren, in der Natur und verbunden mit den Elementen zu sein. Ich werde gewissermaßen als Ihr Weggefährte und Wanderführer neben Ihnen hergehen und Ihnen den Pfad zu Selbsterkenntnis und Heilung aufzeigen. Unterwegs lasse ich Sie an meiner eigenen Geschichte teilhaben, erzähle von meiner Sucht und wie ich geheilt wurde. Meine Genesung war eine so positive Erfahrung für mich, dass ich beschloss, selbst eine Ausbildung zum Therapeuten und Coach zu absolvieren, in der Hoffnung, für andere das tun zu können, was meine Betreuer für mich getan haben. Wenn ich es für angemessen halte, werde ich zwischendurch von meiner eigenen Reise berichten und Ihnen auch einige meiner Klienten vorstellen, deren Geschichte Sie ja vielleicht dazu inspiriert, in deren Fußstapfen zu treten. Als Gegenpol zu Stress, Angst, Depressionen, Trauer, Sucht und neuen Lebensabschnitten, die jeder Mensch bewältigen muss, werden wir gehen.

Dieses Buch ist für jedermann geeignet. Denn wir alle müssen mit den Anforderungen des Lebens fertigwerden. Sie sind nicht länger allein damit, wir treten diese Reise gemeinsam an und reparieren unterwegs Ihre Beziehungen zur Welt, zu anderen Menschen und vor allem Ihre Beziehung zu sich selbst.

Anmerkung: Je weiter Sie voranschreiten, desto mehr Lust werden Sie vielleicht verspüren, mit einem Freund oder einer Freundin zu spazieren. Doch die erste Lektüre dieses Buches ist eine therapeutische Reise, die allein gemacht werden muss.

Warum ich immer wieder über den Wolf sprechen werde

In jedem von uns steckt auch ein Tier, und jeder von uns hat die Fähigkeit, sich mit seiner instinktgesteuerten, wilden Seite zu verbinden. Für mich ist der Wolf ein hervorragendes Symbol für die Dualität unseres menschlichen Daseins. Einerseits steht er für unsere Wildheit, Gefahr und Angst davor, unsere dunkelsten, tiefsten Gefühle wahrzunehmen – unsere primitive Urkraft, die ohne alles Nachdenken reagiert und dafür sorgt, dass wir überleben. Andererseits ist der Wolf auch ein sehr soziales Tier, das dem Rudel gegenüber loyal ist. Er ist kommunikativ, hat einen ausgeprägten Instinkt und ist frei. Der Wolf repräsentiert wie kein anderer mein »Schatten-Tier«. In seinem Charakter finde ich einige Aspekte und Dimensionen meines Unterbewusstseins, meines Egos und meines höheren Selbst wieder (später mehr dazu). Auch für ihn ist das Umfeld, in dem er lebt, von entscheidender Bedeutung für sein Wohlergehen und Überleben.

Ich persönlich kann mich mit der Sensibilität des Wolfes, seiner Loyalität, Intelligenz und seinem Rudelverhalten absolut identifizieren. Ein Wolf braucht Raum, um sich zu entfalten, genau wie auch der Mensch Raum zum »Sein« braucht. Wenn Wölfe nicht genug Platz zum Umherstreifen haben, verkümmert ihr Jagdinstinkt, was sehr belastend für sie sein kann. In Gefangenschaft können sie nicht länger ihrer Intuition folgen, was sie mitunter sehr reizbar macht – viel mehr, als sie das in freier Wildbahn je sind. Ihr Fell verliert den Glanz, und die Augen werden trüb. Sie büßen einen Teil ihrer Sensibilität ein, und selbst wenn sie vielleicht ihre neue Situation akzeptieren, sind sie nicht mehr dieselben Tiere wie vor der Gefangennahme.

Entdecken Sie hier irgendwelche Parallelen? Hat das Ähnlichkeit mit Ihrem Grundgefühl? Das einundzwanzigste Jahrhundert ist offenbar fest entschlossen, in Ihren Lebensraum einzudringen. Als menschliche Wesen gilt es, die eigene Wildheit zu reaktivieren. Wie heißt es so schön: »Wirf mich den Wölfen vor, und ich kehre als ihr Anführer zurück.«

Was passiert, wenn wir eingesperrt sind?

Da wir die meiste Zeit entweder mit unserer Arbeit verbringen oder in der Freizeit über sie nachdenken, ist unser Cortisolwert – das Stresshormon – erhöht. Wenn das Stressniveau ständig hoch ist, treffen wir in der Folge unausgegorene Entscheidungen und verlieren unsere Perspektive aus den Augen. Das führt zu Ungeduld und Ängstlichkeit, Depressionen, Abhängigkeit (wie von Alkohol oder Drogen kann man sogar nach dem eigenen Adrenalin süchtig werden, das in stressigen Zeiten ansteigt), Geisteskrankheit … Die Liste ließe sich fortsetzen. Wir befinden uns dann nonstop im Flucht-, Kampf- oder Erstarrungsmodus, da unser Körper verzweifelt darum ringt, den unablässigen Stress zu verarbeiten, den wir ihm zumuten. Wir büßen jedes Gefühl für persönliche Grenzen ein und vergessen komplett, dass auch wir menschlichen Tiere Wärme und Geborgenheit brauchen.

Kurz gesagt, in solchen Phasen haben wir uns selbst verlassen. Meiner Erfahrung nach entsteht das schwerwiegendste Trauma nicht dadurch, dass andere uns im Stich lassen, sondern wenn wir uns selbst aufgeben.

Inwiefern sollten Sie sich selbst im Stich gelassen haben? Vielleicht indem Sie nicht mehr dem Hobby nachgehen, das Ihnen früher Freude bereitet hat? Oder weil Sie sich nicht mehr mit den Leuten treffen, die nichts mit Ihrer Arbeit zu tun haben? Vielleicht haben Sie sich auch selbst verlassen, wenn Sie zu viel gegessen, exzessiv Alkohol getrunken haben oder eine Beziehung eingegangen sind, die Ihnen geschadet hat? Oder einfach indem Sie zu lange und zu viel arbeiten. Vielleicht halten Sie kurz inne und fragen sich, in welchen Lebensbereichen ein solches »Sich-Verlassen« gerade stattfinden könnte.

Wenn Sie diese Themen unter die Lupe nehmen, werden Sie vielleicht erkennen, wie sehr Ihr Leben in mancher Hinsicht aus den Fugen geraten ist. Es ist wichtig, sich klarzumachen, dass ein Mangel an Manövrierbarkeit, der Hand in Hand geht mit dem Verlust persönlicher Grenzen und der Unfähigkeit, »Nein« oder »Stopp« zu sagen, im Alltag zu Unentschlossenheit, Unsicherheit und Stress führen kann. Über einen längeren Zeitraum hinweg gestresst zu sein bedeutet, die persönliche Klarheit einzubüßen. Am Ende fühlen Sie sich wie in der Falle und machtlos.

 

Die eigene Klarheit und Ehrlichkeit wiederzuerlangen und Ihnen zu zeigen, wie Sie den Faktoren, die Stress verursachen, entgegenwirken können, sind die Hauptanliegen dieses Buches. Hören Sie auf damit, sich selbst immer fremder zu werden. Es ist an der Zeit, den Fokus auf die Dinge zu richten, die Sie vernachlässigt haben, und gewissermaßen selbstsüchtig zu werden. Das ist ein Wort, das ganz gern von denen benutzt wird, die Menschen beschämen wollen, die sich nicht sklavisch um die Bedürfnisse von anderen kümmern. Aber sind Sie selbstsüchtig, wenn Sie lieber allein ins Kino gehen, als mit Freunden oder Kollegen die nächste Kneipe anzusteuern? Sind Sie selbstsüchtig, wenn Sie Ihre einstündige Mittagspause auswärts im Restaurant verbringen, während alle anderen am Schreibtisch essen? Natürlich sind Sie das nicht – lassen Sie nicht zu, dass Ihnen irgendwer diesbezüglich Scham oder Schuldgefühle einredet. Betrachten Sie es vielmehr als Selbstfürsorge. Was andere Menschen von Ihnen halten, ist nicht so wichtig; vielmehr zählt das, was Sie glauben und intuitiv als richtig erachten. Viel zu schnell kann es passieren, die eigenen wahren Gefühle der Kontrolle anderer Menschen zu übereignen.

Gehen Sie Ihrem Glück entgegen

Wir haben gesehen, welche Gefahren ein häufig erhöhter Cortisol- und Adrenalinspiegel in sich birgt. Aber es gibt ein Gegenmittel: Oxytocin – gern auch als »Liebes-Droge« bezeichnet, denn es ist an der Mutter-Kind-Bindung beteiligt –, das bei Berührung, Intimität, Lächeln, Lachen und in vielen anderen Momenten des Wohlbehagens (inklusive des Gehens) freigesetzt wird. Beim Gehen wird Oxytocin zusammen mit Endorphinen ausgeschüttet, und wenn diese Hormone den Körper fluten, stellt sich fast sofort ein Wohlgefühl ein. Tatsächlich hat eine im Jahr 2015 im Stanford Woods Umwelt-Institut in Kalifornien durchgeführte Studie ergeben, dass nach einem Neunzig-Minuten-Spaziergang im Grünen eine bestimmte Region des menschlichen Gehirns verminderte Aktivitäten aufweist, die normalerweise relevant für Depressionen ist. Demnach sorgt das Gehen in der Natur für angenehme Gefühle, baut Stress ab, gibt uns Zeit und Raum, um Gedanken und Gefühle zu verarbeiten, und lässt uns wieder klar denken.

Gehen ist oft eine natürliche, instinktive Lösung, wenn wir ein dringliches Problem haben. Manch einer von uns hat schon gesagt: »Schluss jetzt, ich gehe eine Runde um den Block!«, wenn er sich in einem Konflikt befand oder eine schwierige Entscheidung zu treffen hatte. Manch einer ist dann mit einer Lösung zurückgekommen oder zumindest mit deutlich mehr Klarheit. Ich vermute, es waren eher die meisten von denen, die »einfach gegangen sind«.

Kann Gehen wirklich all Ihre Probleme lösen?

Wie schon gesagt ist hier nicht die Rede von einer Instant-Lösung. Sie könnten zum Supermarkt und wieder zurückstiefeln, aber das wird nicht wirklich etwas ändern. Sie müssen sich bewegen – wirklich bewegen. Die Rede ist hier nicht davon, den Gipfel des nächsten Berges zu erklimmen (na ja, noch nicht), aber wenn Sie Ihre Hirnaktivität wirklich in Schwung bringen wollen, müssen Sie rausgehen – bei jedem Wetter – und in die Natur eintauchen.

Wenn Sie beschließen, einen Spaziergang zu unternehmen, schaufeln Sie sich damit auch eine angemessene Menge Zeit im turbulenten Alltag frei, um Ihre Gedanken und Gefühle zu verarbeiten. Wenn Sie sich bewusst werden, wie Sie sich vor, während und nach dem Spaziergang fühlen, kann Ihnen das helfen, Ihre Gefühle zu benennen. Dieses Benennen der Gefühle (zum Beispiel »Ich fühle mich glücklich«, »Ich fühle mich ängstlich«, »Meine Stimmung ist melancholisch«, »Ich bin traurig«) hilft sowohl dem Gehirn als auch dem Körper, Ihre Gedanken und Gefühle effizienter zu verdauen.

Gefühle zu identifizieren und zu benennen kann auch helfen, Gefühle zum Vorschein zu bringen, die sich oft nach innen richten, ohne dass Sie das merken, oder weil Sie beschlossen hatten, sie für sich zu behalten – aus Angst, sich angreifbar oder entblößt zu fühlen. Die Stimme zu entwickeln, mit der Sie Ihre Gefühle und Erfahrungen ausdrücken können, sich selbst und anderen gegenüber, erweitert Ihr emotionales Vokabular. Es erweitert Ihr Bewusstsein, gibt Ihnen mehr Zuversicht und Selbstachtung, reduziert emotionalen und körperlichen Stress und verschafft Ihnen das so dringend benötigte Gefühl von Aufatmen und Erleichterung. Den eigenen Gefühlen einen Namen zu geben ist kein Grund für Scham, aber falls Sie damit bislang noch wenig Erfahrung haben, kann es etwas dauern, sich daran zu gewöhnen.

Wenn Sie sich körperlich betätigen, fangen Sie an, deutlich klarer zu denken. Mit jedem Schritt draußen schmieden Sie ein neues spirituelles und emotionales Band mit der Natur, von dem Sie zugelassen haben, dass es verloren ging.

In meiner Kindheit hieß es immer, ich sei ›die Empfindliche‹. Das war mein Image. Die Leute halten mich für sehr selbstsicher, aber ich kann unglaublich schüchtern und sensibel sein. Als ich anfing, mit Jonathan spazieren zu gehen, merkte ich sehr schnell eine Veränderung bei mir. Wenn ich morgens vor der Arbeit einen Spaziergang machte, lief der Rest meines Tages immer gut. Ich wurde innerlich ruhiger und fing an, mich selbst wirklich zu verstehen. Allmählich hörte ich auf, so viel zu trinken und so oft auszugehen, und alles wurde besser. Ich habe gelernt, wie ich mir selbst gut zureden kann. Das gibt mir etwas, worauf ich mich konzentrieren kann. Vorher hatte ich nicht die geringste Ahnung, wie mein Verstand arbeitet, nur dass er mich dauernd im Stich ließ.

Victoria

Mein Ziel ist, dass Sie am Ende dieses Buches wieder der Mensch sind, der Sie von Geburt an sein sollten. Das klingt ambitioniert, zugegeben, aber meine Mission besteht darin, dass Sie sich wieder lebendig fühlen. Das Gehen wird Ihre Sinne stimulieren und sowohl Ihren Körper als auch Ihren Geist beleben. Wenn Sie wieder zu der Person werden, die Sie sein sollten, statt sich gestresst, ängstlich, depressiv oder ausgebrannt zu fühlen, werden Sie im Frieden mit sich sein. Sie wissen dann, dass Sie sich selbst gegenüber vollkommen ehrlich sein können, und Sie werden die persönliche Klarheit haben, nach der Sie sich sehnen. Kann das Gehen also wirklich Ihre Probleme lösen? Ja, kann es, denn während Sie einen Fuß vor den anderen setzen, bekommen Sie die Standfestigkeit, um die Veränderungen anzugehen, die Sie für ein gesünderes, glücklicheres Leben brauchen.

1Ein Ungeheuer namens Stress

»Wenn alles verloren ist, wird etwas Wildes Sie finden.«

Frei nach dem Buch Sieben Minuten nach Mitternacht von Patrick Ness

Wo geht es jetzt los? Draußen natürlich! Aber zuerst versuchen wir herauszufinden, wo Sie gerade stehen. Dazu gibt es erste kleine Schritte zum Thema »Bewusstes und achtsames Gehen«. Ihre persönliche Heilung steht dabei im Zentrum jeder Übung. Doch ehe wir uns all dem zuwenden, werde ich etwas tun, das nur sehr wenige Therapeuten je machen – ich erzähle Ihnen von mir und meinen Kämpfen im Leben.

»Das hier ist jetzt Ihre Zeit und Ihr Raum«, heißt es bei einer Therapie in der Regel, »und Sie können hier alles einbringen und ansprechen, was Sie möchten.« Das ist völlig in Ordnung und so, wie es sein sollte – bis auf den Umstand, dass in diesem therapeutischen Rahmen zwei Menschen beteiligt sind. Historisch gesehen hat es sich so eingebürgert, dass der Klient auf eigenes Risiko intime Details aus seinem Leben verrät, wobei ihm im Gegenzug dann nur minimale Rückmeldung und wenig emotionale Beteiligung von seinem Therapeuten entgegengebracht werden. Das ist sehr schade, denn der Therapeut kann vom Klienten genauso viel lernen wie umgekehrt; es ist ein beidseitiger Austausch von Lebenserfahrung.

Eine therapeutische Beziehung sollte beide Seiten bereichern und kann beiden Teilnehmern dabei helfen, die eigene Perspektive zu erweitern. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass meine Klienten erleichtert reagieren, wenn ich ihnen von meiner Vergangenheit erzähle. Denn dann stellen sie fest, dass jemand anderer etwas Ähnliches wie sie selbst erlebt hat, und das löst bei ihnen Resonanz aus. Sich mit der Erfahrung eines anderen identifizieren zu können birgt eine große Kraft in sich und kann dazu beitragen, sich mit dem eigenen Elend nicht isoliert und einsam zu fühlen.

Als Therapeut empfinde ich es als sehr hilfreich, einiges von meiner eigenen Geschichte preiszugeben und eigene Erlebnisse zu teilen. Das tue ich aber nur, wenn es für das Thema der Diskussion relevant ist und dazu dient, die therapeutische Beziehung zu vertiefen. Die Grenzen zwischen Klient und Therapeut müssen auch weiterhin gewahrt bleiben. Gleichzeitig ist eine Beziehung eine Beziehung. Da wir hier eine gemeinsame Reise antreten, erzähle ich nun ein bisschen von meinem Hintergrund und meiner eigenen Vergangenheit.

Meine Geschichte

Aufgewachsen bin ich im Süden von London in einer gebildeten Akademikerfamilie als jüngstes von vier Kindern. Mein Vater war fünfzig, als ich zur Welt kam. Er war das, was man als einen »echten Gentleman« bezeichnet; er hatte im Zweiten Weltkrieg bei der Royal Navy gedient und später arbeitete er als Autor und Hörfunkjournalist für die BBC. Er war religiös und liebte Kirchenmusik, was dazu führte, dass er der Musikdirektor der Oratorianerkirche im Stadtteil Brompton im Londoner Westen wurde. Meine wunderbare irische Mutter war ausgebildete Opernsängerin, und uns Kinder überschüttete sie mit jeder Menge Liebe und Musik. Ich weiß noch, dass sie mir Geschichten voller Magie erzählte, die in mystischen Welten spielten und oft von Fantasyfiguren mit übernatürlichen Kräften handelten. Kein Wunder, dass ich mich zu einem etwas sonderlichen Träumer mit jeder Menge Fantasie entwickelte. Aber ich bin ihr dafür dankbar, dass sie meinen Pioniergeist unterstützt hat und mir beibrachte, an meinen großen Träumen immer festzuhalten. Meine Geschwister waren eher intellektuell veranlagt und besuchten hervorragende Schulen.

Ich war anders. Ich hatte eine leichte Lese-Rechtschreib-Schwäche und war sehr sensibel. Ein Freigeist, der nicht in die von Konkurrenz geprägte Schulwelt passte. Ich liebte das Leben, hatte aber auch große Angst davor. Ich hatte keine Ahnung, wie ich sein oder mich verhalten sollte. Mir machten Schüchternheit, Angst und zu wenig Selbstbewusstsein zu schaffen, das ständige Mobbing in der Schule war da keine Hilfe, sondern erzeugte Dauerstress. Ich wechselte mehrfach die Schule, machte aber auf keiner bemerkenswerte Fortschritte. Immer saß mir die Angst im Nacken, und egal wohin ich ging, ich hatte keine Ahnung, wie ich sie abschütteln konnte.

Als ich zwölf war, wurde bei meiner Mutter Darmkrebs diagnostiziert, und nach fünfjährigem Kampf starb sie. Während sie ihrer Krankheit die Stirn zu bieten versuchte, verlor ich an allem, was die Schule betraf, gänzlich das Interesse und fing an, verstärkt Alkohol zu konsumieren, um den Schmerz zu betäuben. Kurz nach dem Tod meiner Mutter brach ich die Schule ab, denn ich befand das Leben als zu kurz, um an einem Ort unglücklich zu sein, an den ich ganz klar nicht hingehörte. Nach vielen missglückten Anläufen als Model und Schauspieler beschloss ich, in eine Band einzusteigen, und fing an, Songs zu schreiben, zumal mir ja beide Elternteile musikalische Fähigkeiten mitgegeben hatten. Hier fand ich endlich einen Lebensstil, der mir ein Gefühl von echter Zugehörigkeit gab; und meine Liebe zum Alkohol und anderen bewusstseinserweiternden Drogen passte gut zu meinem Image als Rockmusiker, das ich mir selbst verpasst hatte.

Fünf Jahre später, einen Tag nach dem Todestag meiner Mutter, wurde mein Bruder Richard im Alter von zweiunddreißig Jahren mit einer Überdosis Methadon in seinem Haus tot aufgefunden. Als wir zusammen aufwuchsen, standen wir uns immer sehr nahe, und sein Verlust hatte neben dem meiner Mutter große Auswirkung auf mein Leben. Ich werde nie vergessen, wie es meinem Vater das Herz brach zu erleben, wie erst seine Frau an Krebs starb und dann urplötzlich sein erstgeborener Sohn. Überflüssig zu erwähnen, dass ich immer mehr traumatisiert war.

Um es auf den Punkt zu bringen: Mittlerweile war mir alles egal. Ich rutschte noch tiefer in die Drogenszene ab; zuletzt – bevor ich clean wurde – konsumierte ich täglich sieben Gramm Kokain und Unmengen von Alkohol. Ich manövrierte mich in viele dunkle und gefährliche Situationen hinein und bin offengestanden froh, überhaupt noch am Leben zu sein. Meine Sucht war schon lange nicht mehr lustig, und süffisante Kommentare, die ich bis dato gemacht hatte, um die Stimmung aufzulockern – wie etwa »In den Nächten, an die ich mich erinnern kann, hatte ich noch nie einen Blackout« –, zogen auch nicht mehr. Ich war wirklich am Ende.

Zwei Menschen haben mich gerettet. Zum einen mein damaliger Manager Ronan O’Rahilly, der Gründer von Radio Caroline, der einen unerschütterlichen Glauben in mich hatte. Er sagte mir oft, ich sei für ihn der Sohn, den er nie hatte, während er für mich der Ersatzvater und das Vorbild war, das ich in dieser Zeit brauchte. Er beharrte stets darauf, dass ich nicht dumm sei (was ich immer angenommen hatte, weil ich kein Studium vorzuweisen hatte), und bei ihm konnte ich meiner Wut Luft machen, ohne dass er mich dafür verurteilte. Da Ronan selbst eine rebellische Ader besaß, konnte er mit meiner anarchischen Seite umgehen, statt dass sie ihm Angst einjagte. Bei ihm fühlte ich mich immer frei, meine Meinung zu äußern, und er brachte mir ehrliche Wertschätzung entgegen.

Die zweite Person war ein kleiner Junge, dessen Namen ich nicht kenne. Mit dreiundzwanzig war ich verlottert, bärtig und süchtig nach Alkohol und Drogen. Eines Tages saß ich auf der Straße und kam gerade von einem zweitägigen Kokain-Trip wieder runter, als eine Frau mit ihrem Sohn vorbeikam. Der kleine Junge blieb stehen, sah mich an und sagte: »Mama, geht es dem Mann gut?« Diesen Moment werde ich nie vergessen. In mir wurde plötzlich ein Licht angeknipst. Denn dieses Kind sah durch meine äußere Erscheinung hindurch und erweckte mit seiner unschuldigen, reinen Empathie einen hoffnungsvollen und liebenden Teil in mir wieder zum Leben, zu dem ich keinen Zugang mehr gehabt hatte. Es war merkwürdig. Indem der Junge mich einfach wahrnahm und weil in seinen Augen kein Urteil zu entdecken war, gab er mir das Gefühl, ein wertvolles menschliches Wesen zu sein und kein nutzloses Stück Dreck. Das war ein Augenblick, der sich tief in mir eingrub. Die liebevolle Anteilnahme eines Kindes rüttelte mich wieder wach. In diesem Moment wurde mir klar, dass ich von diesem Lebensstil genug hatte, und ich wusste, dass ich mich ändern muss. Für mich hieß es entweder leben oder sterben. Ich begab mich in eine Entziehungsklinik, ließ mich auf eine Therapie ein und wurde endlich clean.

Alles in allem hatte ich eine gute Kindheit mit liebevollen Eltern, aber ein Kernthema, das in meiner Therapie ans Licht kam, war das Trauma, sich nie wirklich gesehen oder gehört zu fühlen. Und daher fühlte ich mich allein, missverstanden und wütend. Ich lernte auch, dass ich ein ernsthaftes Problem mit Autoritätspersonen hatte und dass es große Widerstände in mir gab, für irgendetwas in meinem Leben die Verantwortung zu übernehmen. Ich hatte Probleme, zu vertrauen und enge Beziehungen einzugehen, weil ich glaubte, man würde mich entweder sitzen oder hängen lassen. Um es kurz zu machen: Ich war immer noch vollkommen verängstigt und gestresst und hatte nicht die leiseste Ahnung, wer ich war oder wohin ich wollte.

An diesem Punkt unternahm ich das, worum ich Sie jetzt bitte: Ich setzte instinktiv einen Fuß vor den anderen und begann, regelmäßig spazieren zu gehen, meist in Wimbledon Common oder im Richmond Park. Jeden Tag zu marschieren und sich auf die Natur zu konzentrieren gab mir die Kraft, mein Leben neu aufzubauen. Wenn ich zwischen den Bäumen entlangging, fühlte ich mich zugehörig, so als würde ich an eine Energie andocken, die sich um mich kümmerte und mich unterstützte. Während ich so wanderte, wurde mir bewusst, dass ich ein Teil von etwas war, das sehr viel größer, wilder und stärker ist als ich; etwas, das mich beschützen, nähren und mir tief im Innern eine Perspektive geben würde. Damals verstand ich, dass mir die Natur auf einer höheren Ebene ein Elternteil ersetzte. Und seitdem habe ich mir Zeit dafür genommen, eine enge Beziehung zu ihr aufzubauen.

Durch den Tod meiner Mutter und den meines Bruders wurde mir in jungen Jahren die Liebe weggenommen. Aber ich entdeckte sie wieder in den Bäumen, Feldern und den Parks, durch die ich lief. Die Natur urteilte nicht, sie verlangte auch nichts von mir; sie erlaubte mir einfach, mich in sie einzuwickeln. Nach allem, was ich erlebt hatte und wie ich damit umgegangen war, fühlte ich mich vollkommen niedergeschmettert. Die Natur nahm mich jedoch bei der Hand und führte mich durch unzählige verschiedene emotionale Wetterlagen an einen Ort, an dem ich im Frieden war und die Kontrolle über mein Leben zurückgewann. Das Gehen brachte mich in einen neutralen Raum, wo der »Lärm« in meiner Psyche verebbte und ich wieder mein eigenes Potenzial spürte. Es half mir, zu mir selbst zu kommen, meine Gedanken und Gefühle wahrzunehmen und sie klar zu beobachten, auch wenn manche davon wild und erschreckend waren.

Wir alle sind Teil der Natur, und wenn wir ihr die Arme entgegenstrecken, wird sie das Gleiche für uns tun.

Der Stress, das soziale Umfeld und Sie