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Der Jakobsweg, seit Jahrhunderten eine Herausforderung. Ich habe mich ihr gestellt und auf 250 km Fußweg von Porto nach Santiago de Compostela viel erlebt. Dieser Reisebericht beschreibt meine persönlichen Erfahrungen und Erlebnisse. Teils in unterhaltsamen, teils in skurrilen Anekdoten: Kommt man ohne jegliche Sprachkenntnisse durch Portugal und Spanien? Kann man den Jakobsweg auch rückwärts gehen? Ich berichte über das schnarchende Phantom, meine Apotheken-Odyssee und über Sitzplatz-Kleptomanen. Von toten Hühnern, die fliegen und Katern mit 7-Meilen-Stiefeln. Dies ist kein klassischer Reiseführer, davon gibt es bereits genug. Dennoch wird jeder, der sich selbst einmal auf den Weg nach Santiago machen möchte, hilfreiche Tips und Ratschläge finden: Meine persönliche Packliste enthält auch Nützliches, das ich auf keiner anderen Auflistung gefunden habe. Ich gebe Empfehlungen zur Wanderausstattung, die sich bei mir bewährt hat. Und eine vollständige Kostenaufstellung ist natürlich auch dabei. Über 22.000 Wörter, reich bebildert.
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Veröffentlichungsjahr: 2019
Inhaltsverzeichnis
VORWORT
ANREISE Berlin - Brüssel - Porto
1. ETAPPE: Porto - Matosinhos – Perafita
2. ETAPPE: Perafita - Vila do Conde – Arcos
3. ETAPPE: Arcos - Barcelos
4. ETAPPE: Barcelos - Vitorino dos Piaes
5. ETAPPE: Vitorino dos Piaes - Ponte de Lima
6. ETAPPE: Ponte de Lima - Rubiaes
7. ETAPPE: Rubiaes - Tui
8. ETAPPE: Tui - O Porrino
9. ETAPPE: O Porrino - Redondela
10. ETAPPE: Redondela - Pontevedra
11. ETAPPE: Pontevedra - Caldas de Reis
12. ETAPPE: Caldas de Reis - Padron
13. ETAPPE: Padron - Santiago de Compostela
14. ETAPPE: Santiago - Finisterre - Muxia
RÜCKREISE: Santiago de Compostela – Madrid – Berlin
NACHWORT
IN DER HEIMAT: Hammer – Finowfurt – Rüdnitz
IN DER HEIMAT 2: Swinemünde - Zirchow - Usedom
ANHANG 1: Kostenaufstellung
ANHANG 2: Packliste
Impressum
Tibor Haraszti
Geht‘s noch?
von Porto bis zum Ende der Welt
© 2018, korrigierte und erweiterte Auflage 2019, 2022
Umschlagfoto, Text & Illustrationen: Tibor Haraszti Korrektorat: Regina Haraszti Dieses Buch verwendet die alte Rechtschreibung.
E.i.S.
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
ISBN: 9781728647203
Anmerkungen, oder Fragen senden Sie bitte per Email an [email protected]
Meinen Großeltern, die in mir die Liebe zum Wandern geweckt haben.
Der Rucksack ist schon seit Tagen gepackt (nur 8,1 kg ohne Getränke), die Wohnung ist geputzt und der Schlüssel ist hinterlegt. Der Arzttermin am Morgen ist auch erledigt. Der Bauch ist nach einem (mit Schnaps aus einer Jakobsmuschel flambierten) großen Steakspieß im Steakhouse voll. Alle Vorbereitungen sind also erledigt. Die letzte Nacht im kuscheligen eigenen Bett, dann geht mein Abenteuer Jakobsweg los: Geplant sind etwa 260 km auf dem ‚Camino Portugues‘ in rund zwei Wochen mit Verlängerungsoption zum Ende der Welt, nach Finisterre. Insgesamt zwischen 12 und 16 Etappen. Wird das gut gehen? Was werde ich alles erleben? Meine Spannung steigt.
Abreisebereit, der Rucksack ist gepackt.
„Geht's noch? 260 km zu Fuß irgendwo durch die Walachei latschen!?“, haben mich einige gefragt. „Geht's noch?“ werde auch ich mich später auf dem Weg noch des öfteren fragen, wenn ich erschöpft am Straßenrad sitze, mit neuen Blasen an den Füßen und schmerzenden Gelenkentzündungen, die ein Weiterlaufen trotz Tabletten-Cocktails nahezu unmöglich machen.
Wieso habe ich mich eigentlich dazu entschieden, den Jakobsweg zu laufen? Der Wunsch nach religiöser Erleuchtung war es schon mal nicht. Als mein Freund David sich vor etlichen Jahren von Bilbao aus auf den Weg nach Santiago de Compostela gemacht hat, fand ich das gleichermaßen überraschend, wie auch bewundernswert. Daran mußte ich wieder denken, als ich im Sommer 2018 kurz nach einem Wanderurlaub im Frankenwald einen Fernsehbericht über den Jakobsweg sah: Die Landschaft war beeindruckend (hier ging es allerdings um den Camino Frances), und alle Pilger waren des Lobes voll ob der großartigen Erfahrungen. Klingt interessant, und wenn nicht jetzt, wann dann?
Zeit habe ich, finanziell kann ich es mir auch leisten. Noch ist die Knieartrose nicht zu sehr fortgeschritten, könnte also klappen. Ich laufe gerne, auch alleine, mag die Natur. Stempel in meinem Wander-Paß habe ich schon als Kind mit Inbrunst gesammelt, wenn ich mit meiner Familie im Bayerischen Wald bei Sankt Englmar unterwegs war. Ich besichtige gerne alte Kirchen und Burgen. Sportliche Betätigung kann mir nicht schaden, ist mir sogar ärztlich angeraten worden. Dabei ein paar Kilos abspecken wäre auch ganz schön. Ich mag sowohl die Portugiesen als auch die Spanier und rechne mit neuen kulturellen und vor allem kulinarischen Impressionen. Dazu neue Bekanntschaften, vielleicht entsteht sogar eine echte Freundschaft? Also diverse Punkte auf der Haben-Seite. Dagegen spricht: Die Fahrt ins Ungewisse ohne exakte vorherige Planung läuft grundlegend meinem Naturell zuwider und ist ein großer Schritt aus meiner Komfort-Zone. Übernachten im bettwanzenverseuchten Massenschlafsaal zusammen mit Dutzenden fremden Schnarchern möchte ich - wenn irgend möglich - vermeiden, aber das könnte sich dank booking.com, tripadvisor und Co. hinbekommen lassen. Auch die permanente Schlepperei des Gepäcks bzw. das Auskommen mit ungewohnt wenig schrecken mich ab. Aber die Herausforderungen wecken auch meinen Ehrgeiz. Was Hape Kerkeling ohne Vorbereitung geschafft hat, werde ich doch wohl auch packen, oder?
Vieles spricht dafür, nichts Ernsthaftes dagegen, den Weg zu gehen. Also keine Ausreden: Flug buchen, die Erfahrungen Anderer aus Büchern und dem Internet auswerten (Vielleicht werde ich mit meinem Reisebericht später auch andere motivieren können?), die nötige Ausrüstung zulegen, und ab nach Portugal.
Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.
Endlich geht's los auf den Jakobsweg! Bom Caminho! Um 6:30 Uhr fahre ich mit einem car2go zum Flughafen Tegel, checke das Gepäck ein und zische erstmal ein Piccolöchen.
Kurz vor dem Check-In
Um 8:50 Uhr hebt mit leichter Verspätung der Flieger nach Brüssel ab, dort laufe ich (gemäß Flugschein und Lautsprecherdurchsage) von Gate 46 zu Gate 60. Dann Flugsteigänderung: Zurück zu Gate 44. Gerade noch genug Zeit für ein sehr leckeres Laffe blond für völlig überteuerte 6,20 €.
Der Anschlußflug nach Porto hat rund eine Stunde Verspätung, wenngleich nach dem Boarding zuerst noch eine halbe Stunde mehr angesagt war. Dazu kommt, daß ich erheblich weniger Beinfreiheit habe als beim ersten Flug und eine Sitznachbarin, die auf Körperhygiene wenig Wert zu legen scheint. Die Zecken-Tussi riecht als würde sie nur duschen, wenn die Natur ihr einen Regenschauer beschert. Fast durchgehend ertragen muß ich lautes Baby-Geschrei drei Reihen vor mir. Werde ich auf dem Camino wohl die Ruhe finden, solch einer kleinen Bränsche nicht ein Kissen aufs Gesicht drücken zu wollen? Ich werde es sehen.
Die Zeit im Flieger überbrücke ich mit dem Lösen von Kreuzworträtzeln. Gleich das zweite gesuchte Wort ist ‚Pilger‘. Wenn das kein gutes Omen ist!
Mein Kreuzworträtzel – ein Omen?
Meinen Rucksack hatte ich in Berlin am Gepäckschalter aufgegeben. So mußte ich ihn weder auf dem Flughafen mit mir rumschleppen, noch mit den Security-Leuten rumstreiten, ob ich das kleine Taschenmesser mit in die Kabine nehmen darf. Zum Glück ist er auch in Porto angekommen, nur meine Lock&Lock-Trinkflasche hat sich unterwegs ins Nirvana verabschiedet. Nicht so schlimm, das läßt sich ersetzen.
Die restliche Anreise zum ‚Dear Porto Guesthouse‘ mit der Metro und zu Fuß verläuft reibungslos. Ich finde direkt im Zentrum ein schönes und sehr sauberes Zimmer vor (60,- € abzgl. 10,- € Rabatt von Check24). Ein Frühstück buche ich mir für 4,- € gleich dazu. Meine Bewertung: ☆☆☆☆
Mein Zimmer im ‚Dear Porto Guesthouse‘
Nach einer kurzen Dusche und kleiner Wäsche wird gleich Porto erkundet. Anmerkung: Handwäsche unter fließendem Wasser ist nicht optimal. Leider habe ich keinen Stöpsel eingepackt. Daß man den hätte mitnehmen sollen, stand weder im Reiseführer, noch in einem der zahlreich studierten Internet-Beiträge.
Direkt neben meiner Unterkunft beginnt eine Fußgängerzone mit diversen Restaurants, Bars und Geschäften. Mein rund dreistündiger Spaziergang durch die engen Gassen ist wunderschön. Porto ist eine fußgängerfreundliche Stadt mit vielen alten, stuckverzierten Häusern und Kirchen, die oft mit kunstvollen Fliesen (=Azulejos) dekoriert sind. Unzählige Geschäfte, viele Straßenmusikanten und ein malerischer Hafen runden das tolle Ambiente ab.
Vor der ersten mit ‚Azulejos‘ geschmückten Kirche in Porto geht’s los.Die engen Gassen haben eine besondere Ausstrahlung.
Der erste gelbe Pfeil weist mir den Weg in Richtung Meer.Am Hafen von Porto.
Blick auf die Stadt.Die ‚Ponte Luis I‘ über den Douro
In der Kathedrale hole ich mir den ersten Stempel in meinen Pilger-Paß. Als ich unweit des Hauptbahnhofes bei einem Restaurant stehenbleibe, um die Speisenkarte zu studieren, spricht mich die Frau am Nebentisch an und empfiehlt mir ‚Fish and Chips‘. Hatte ich noch nie, probiere ich gleich mal: Gute Empfehlung, sehr lecker und mit 5,50 € wahrlich ein Schnäppchen.
Zum ersten Mal Fish & Chips, das schmeckt besser, als sein Ruf.
In einem Haushaltswarengeschäft in einer Seitengasse erstehe ich ein handgefertigtes Taschenmesser mit Holzgriff und einer kleinen ausklappbaren Gabel.
Da der Handy-Akku langsam schlapp macht (ebenso wie am ersten Tag meine Füße) geht's erstmal zurück zum Guesthouse.
Später raffe ich mich erneut auf, noch mal runter auf ein paar Bierchen. Nach einigem Suchen finde ich das ‚Nortada‘, eine kleine Privatbrauerei. Hervorragendes Bier. Heute Promotion: das kleine Lager (0,2l) für 1,- €. Fair und uneingeschränkt weiter zu empfehlen. Hier schaue ich noch mal in den Wanderführer, damit mir in Porto nichts Wesentliches entgeht. Außerdem will ich die morgige erste Etappe planen.
Auf dem Rückweg freue ich mich vorschnell auf eine kleine Tapas-Variation: „Kitchen is closed, now.“
Wie sollte es auch anders sein? So groß war der Hunger eh nicht und fett genug bin ich auch. Abends auf dem Zimmer arbeite ich noch etwas am Handy, dann falle ich gegen 21:30 Uhr erschöpft, aber zufrieden ins durchaus bequeme Bett. Der erste Tag war ein wirklich positiver Auftakt, nur weiter so.
Über den Wolken muß die Freiheit wohl grenzenlos sein. Alle Ängste, alle Sorgen sagt man, blieben darunter verborgen und dann, würde was uns groß und wichtig erscheint, plötzlich nichtig und klein. (Reinhard May)
ca. 20 km, davon rund 5 km mit der historischen Tram
Um 5:00 Uhr früh wache ich gut erholt auf und teste verschiedene Reiseführer-Apps. Nirgendwo ist nachzulesen, wo genau man einen Stempel in den Pilger-Paß bekommen kann, aber das werde ich schon rausbekommen. Dann drehe ich mich noch mal im Bett um und schlafe bis 8:30 Uhr weiter.
Nun endgültig ausgeschlafen schneide ich das Video vom gestrigen Tag. Ich habe mich entschlossen, ein Videotagebuch zu führen (Wer das sehen möchte: Bitte Email an [email protected]). Das vermittelt nicht nur den Daheimgebliebenen einen Eindruck von meiner Pilger-Reise, es wird auch mir später eine schöne Erinnerung sein.
Frühstück um 9:00 Uhr: 1 Brötchen, 1 süßes Hörnchen, Schinken, Käse und Marmelade. Dazu Kaffee und frisch gepreßter O-Saft. Da kann ich nicht meckern.
Um 10:00 Uhr ziehe ich wohlgemut los. Auf dem von gestern schon bekannten Weg zum Fluß kaufe ich mir noch zwei Flaschen Wasser und ein Paar Bananen als Wegzehrung. Unten angekommen fahre ich dann nach 20-minütiger Wartezeit mit der historischen Straßenbahn, der ‚Eletrico‘, für 3,- € die fünf Kilometer bis zum Hafen bzw. ‚Castelo da Foz‘ vor. Die Bahn ist völlig überfüllt, wir werden zusammengepfercht wie Sardinen in einer Büchse. Dennoch ist die Fahrt für mich und jeden anderen Eisenbahnfreund ein ganz tolles Erlebnis.
Die ‚Eletrico‘ ist eine Freude für jeden Freund historischer Eisenbahnen.
Der erste Blick auf den Atlantik.
In meinem Reiseführer steht, bei der Ankunft im Hafen komme ein Gefühl völliger Freiheit auf. Stimmt, das verstärkt sich bei mir allerdings im Laufe des Weges zusehends, weil die Landschaft und der Blick über den Atlantik von Kilometer zu Kilometer schöner werden. Ab nun geht's nach Norden. Der einzige Wermutstropfen: Bereits ziemlich zu Anfang beginnt dank der Bandagen ums Knie zwar nicht dieses, dafür aber mein rechtes Fußgelenk zu schmerzen. Wenn das schlimmer wird, ist alles vorbei, bevor es richtig angefangen hat. Geht’s noch? Ja, natürlich. Zähne zusammenbeißen und weiterlaufen.
Außerdem negativ: Alle paar Meter stinkt es erbärmlich nach Urin, obwohl in regelmäßigen Abständen (sehr saubere) öffentliche Toiletten zur Verfügung stehen. Ob das wohl mit der auffällig hohen Anzahl von Rotationseuropäern - Zigeuner darf man die Zigeuner ja nicht mehr nennen - zusammenhängt?
Die Landschaft ist traumhaft. Der Weg verläuft überwiegend direkt an der Küste entlang, weite Strecken führen über befestigte Holzbohlenwege. Der schöne, meistens fast menschenleere, feinsandige Strand wird immer wieder von zerklüfteten Felsformationen durchbrochen. Auf der rechten Seite findet sich zuerst eine urbane Bebauung, die dann zunehmend von Freifläche und Dünen abgelöst wird.
Am Strand stellt sich ein Gefühl von Freiheit ein.
Der Weg geht auf hölzernen Stegen durch die Dünen.
Die trutzige Festung ‚Forte Sao Francisco Xavier‘.
Ein Badeparadies mit feinkörnigem Sandstrand.
Unterbrochen wird die Idylle zum ersten Mal von der Stadt Matosinhos. Hier gilt es, den großen Frachthafen zu umrunden. In der Stadt werden alle paar Meter Sardinen in Salzkruste gegrillt. Ab hier finden sich auch regelmäßig Wegmarkierungen mit gelben Pfeilen. In der Tourist-Info bekomme ich meinen zweiten Stempel in den Paß. Kurze Zeit später spricht mich vor einem Restaurant ein Kellner auf deutsch an und gibt mir den dritten Stempel. Er hat einige Jahre in Mühlheim bei Frankfurt gearbeitet. 200 Meter weiter die nächste Touristeninformation mit Stempelstelle. Meine Sorge bezüglich des Wegenachweises war also gänzlich unbegründet, selbst wenn ich heute nicht die Hauptroute laufe.
Aus Matosinhos stammt die Jakobsmuschel-Legende: Ein junger Ritter kam hoch zu Roß dem Boot entgegen, das die Leiche des heiligen Jakobus nach Spanien überführte. Beim Anblick des Toten scheute das Pferd und der Ritter versank im Meer. Als er wieder auftauchte, war er über und über mit Muscheln bedeckt. Bis zum 13. Jahrhundert kauften die Pilger am Ziel ihrer Reise eine Jakobsmuschel. Diese war der Beweis dafür, daß sie den Weg tatsächlich bewältigt hatten. Sie diente außerdem - am Wanderstock oder der Kleidung befestigt - als Erkennungszeichen und Schutz für den Pilger. Auch als Werkzeug oder Trinkgefäß ist die Muschel gut zu gebrauchen.
Viele Pilger verlängern ihren Jakobsweg bis zum Kap Finisterre und suchen sich dort im Meer eine Jakobsmuschel. Eine einfache, preisgünstige und genußvollere Methode ist es, sich in einem der vielen Tapas-Läden auf dem Weg Muscheln zu Essen zu bestellen und eine der Muschelschalen aufzubewahren.
Während die Jakobsmuschel heute vor allem als Souvenir dient, nahmen sie in alten Zeiten nicht wenige Pilger sogar mit ins Grab. Immer noch ist sie ein Wegweiser in ganz Europa: Die gelbe Muschel auf blauem Grund zeigt den Jakobspilgern den Weg und läßt außerdem erkennen, durch welche Städte und Ortschaften ein Jakobsweg führt. Dabei weist die Muschel auch die Richtung: Das Muschelende, also der dünnere Teil, zeigt in Richtung des Weges. Die ‚Strahlen‘ symbolisieren die Wege, die alle auf Santiago zulaufen. Auf diese Symbolik ist allerdings wenig Verlaß, oft genug ist es genau umgekehrt.
Nach zwei Dritteln der Wegstrecke kehre ich kurz vor dem Leuchtturm ‚Farol da Boa Nova‘ in einem Strandcafé auf zwei wohltuende Cervesas ein und komme mit einer Deutschen am Nebentisch ins Gespräch, die ebenfalls heute von Porto aus gestartet ist. Sie will gleich am ersten Tag 25 km laufen. Das wäre mir zu viel für den Beginn, meine geplanten rund 18 km reichen mir völlig. Eine Unterkunft hat sie auch noch nicht. Ich bin gespannt, ob ich sie nochmal wiedersehe, vor allem aber, ob ihr Vorhaben geklappt haben wird.
Der Leuchtturm ‚Farol da Boa Nova‘. Die Schmerzen im Fußgelenk werden etwas besser. Liegt's vieleicht am Bier?
Langsam macht sich am Hals, den Hinterseiten der Oberarme und an den Waden die Sonne bemerkbar. Also Mütze falschrum aufsetzen. Sieht bescheuert aus, ist aber besser als Sonnenbrand im Nacken, zumal es auch die ganzen nächsten Tage immer nach Norden geht. Leider habe ich vergessen, Sun-Blocker einzustecken. Der wird morgen im erstbesten Laden besorgt.
Gegen 15:00 Uhr komme ich in meiner Unterkunft an und werde von der Vermieter-Familie sehr herzlich willkommen geheißen, auch wenn sie schlecht bis gar nicht Englisch spricht. Die Familie wohnt im ersten Stock, ich unter dem Dach. Auf dem Weg zu meinem Raum muß ich direkt durch ihr Wohnzimmer. Auch hier bekomme ich wieder einen Stempel. Wenn das so weitergeht, brauche ich einen zweiten Pilger-Paß.
Die blitzsaubere Toilette teile ich mir mit den beiden Nebenzimmern, die aber anscheinend derzeit nicht belegt sind. Meine Kammer ist frisch renoviert, gemütlich und komfortabel eingerichtet, hat ein Waschbecken und eine eigene Dusche sowie einen schönen Ausblick über den Atlantik. Zur linken allerdings ebenfalls auf die gigantische Ölraffinerie ‚Petrogal Matosinhos‘. Davon stand bei booking.com nichts, es stört mich aber auch nicht weiter. Die Architektur der Großindustrie hat durchaus ihren Reiz. Die 45,- € Miete sind ein Schnäppchen. Meine Bewertung fürs ‚Caravela‘: ☆☆☆☆. Ein Wasserkocher, Instant-Kaffee und eine Auswahl an Tee-Sorten runden das Angebot ab.
Das Zimmer im ‚Caravela‘, kein eigenes Klo, dafür eine Dusche.
Die ‚Petrogal Matosinhos‘ vor meinem Fenster versprüht industriellen Charme.
Auch wenn ich noch nicht am Ende meiner Kräfte bin, reicht's für heute. Erstmal eine erfrischende Dusche, dann die Beine salben und die Füße vorsorglich mit Hirschtalg behandeln - beides von meiner Mutter vor der Abreise besorgt. Vielleicht ist es Einbildung, aber ich glaube, es hilft. Blasen oder Druckstellen habe ich zum Glück noch gar nicht. Das Einlaufen der neuen Wanderschuhe macht sich bezahlt.
Ich bearbeite meine Fotos und Videos vom heutigen Tag nach, dann weiche ich die Wäsche ein.
In der Glotze läuft ‚Love on Top‘, eine Portugiesische Mischung aus Big Brother und dem Bachelor.
Nach dieser Erholungspause gehe ich um 17:30 Uhr ins Strandlokal gegenüber. Für ein annehmbares Beefsteak mit Spiegelei, Pommes Frites und - warum auch immer - Reis, einer Salatbeilage, einem Brotkorb mit Kräuterbutter, Sardellenpaste und Schmelzkäse sowie drei wohlverdienten kühlen Blonden zahle ich faire 23,- € inklusive Tax & Tip.
Entspannt Abendessen mit Meerblick.
Ein beeindruckender Sonnenuntergang rundet den ersten Tag ab.
Bei einem wunderschönen Sonnenuntergang auf der Restaurant-Terrasse schreibe ich Tagebuch und lasse den erlebnisreichen Tag ruhig ausklingen. Zurück in der Herberge drücke ich noch die Wäsche durch und chatte mit Freunden, dann lege ich mich gegen 22:00 Uhr ins Bett.
Auch der weiteste Weg beginnt mit dem ersten Schritt. (Konfuzius)
ca. 29 km
In Arcos scheint die Anzahl verfügbarer Unterkünfte übersichtlich zu sein. Bei booking.com habe ich gestern Abend noch das letzte Zimmer in einem gehobenen Hotel ergattert. Die ‚Villa d'Arcos‘ bietet laut Internet für sportliche 75,- € luxuriöse Zimmer mit Echtholzparkett, edlem und stilvollem Mobiliar, Massagedusche oder Whirlpool im Zimmer, einem ansprechenden Panoramablick sowie einem beheizten Salzwasser-Pool. Die Bewertungen überschlagen sich vor Lob, vor allem fürs inkludierte Frühstück mit selbstgemachter Marmelade,… An sich hätte mir etwas Einfaches auch gereicht, aber was soll's, man gönnt sich ja sonst nichts. Ich bin schon sehr gespannt.
Um halb acht gibt's zum Frühstück meine beiden Bananen und eine Tasse Tee. Dann Katzenwäsche, Rucksack packen und los. Heute ist es etwas kühler und bedeckt, was für meinen Sonnenbrand von Vorteil ist. Zuerst führt der Weg lange entlang der Küste Richtung Norden und ist von Meer, Strand und Dünen mit Schilfbewuchs oder verschiedenen Kriechgewächsen gekennzeichnet. Die Wegstrecke selbst führt über Holzstege oder befestigte Promenade.
Die 2. Etappe startet im Frühnebel.
Der ‚Obelisco da Praia da Memória‘ erinnert an die Landung der Armee des liberalen Königs Pedro IV (zugleich Kaiser von Brasilien) im Jahr 1832 und den Beginn des Krieges gegen seinen absolutistischen Bruder Miguel I.
Saftig Grünes Schilf säumt den Weg.
Bom Caminho – guten Weg!
Ein Blick durch die Dünen auf den Atlantik.
Beim ersten großen Supermarkt erstehe ich Sonnenschutz-Spray mit Lichtschutzfaktor 50+. Das war dringend nötig: Der Sonnenbrand wird damit wenigstens nicht mehr schlimmer, trotzdem zeckt es ganz ordentlich auf der Haut, als es gegen Mittag aufklart.
Die Strandabschnitte sind strahlend weiß und wenig bevölkert, teils einsam. Erst im weiteren Verlauf füllt sich der Strand in der Nähe der Campingplätze etwas mehr. Hier gibt es auch wieder einige Strand-Cafés, Bars und Restaurants. Zwischendurch passiere ich ein pittoreskes Fischerdorf. In ‚San Pairo‘ befanden sich in Strandnähe einst prähistorische Siedlungen. Runenartige Inschriften auf den Felssteinen zeugen noch heute davon.
Die Häuschen der Fischer sind farbenfroh gestrichen.
Die Boote warten auf den nächsten Fischfang.
Die Muskelschmerzen wandern von den Füßen über die Beine bis in die Hüften. Auch die Schultern und der Rücken ächzen unter der ungewohnten Belastung durch das schwere Gepäck. Nach etwas mehr als der halben Stecke scheuern die Socken an den Fersen. Das liegt an der Feuchtigkeit; doppellagige Socken in gefütterten Stiefeln sind bei inzwischen über 25°C ein Garant für Fußschweiß.
