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Liebe zu Menschen mit Asperger
So außergewöhnlich Asperger-Betroffene sind, so besonders ist auch eine Beziehung zu Ihnen und die Kommunikation in der Partnerschaft. In diesem Buch teilen Partnerinnen von Asperger-Männern offen, humorvoll und berührend ihre Erfahrungen: von schüchternen Annäherungen, ungekannter Intensität, frühen Irritationen und von den alltäglichen „Kämpfen“ mit ihrem geliebten Fremden.
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Seitenzahl: 202
Veröffentlichungsjahr: 2022
Eva Daniels
2. Auflage 2022
5 Abbildungen
Es war ein Aufbruch in das moderne Verständnis vermutlich andersartiger Menschen, als der österreichische Kinderarzt Hans Asperger in seiner 1944 eingereichten Habilitationsschrift die »autistische Psychopathie« beschrieb und Verständnis vor allem für Kinder erweckte, deren Verhalten von der Norm der Gesellschaft ihrer Zeit abwich. Seine Beschreibung stimulierte das wissenschaftliche Interesse an Menschen, die vornehmlich durch Schwächen in den Bereichen der sozialen Kommunikation gekennzeichnet sind und deren Verhalten durch vermeintlich sozial eingeschränkte und stereotype Aktivitäten und Interessen bestimmt wird.
Es geht um eine Auffälligkeit innerhalb des Autismusspektrums, so versteht die aktuelle Forschung das Asperger-Syndrom, und damit um Personen mit einer tiefgreifenden Entwicklungsstörung, was gewaltige funktionale Konsequenzen hat. Es ist eine Folge der aufgeklärten Neuzeit, dass auch das gesellschaftliche Verständnis für Personen mit Asperger-Syndrom wächst, die sich in unserer hochtechnisierten Welt oft als herausragend leistungsfähig, kreativ und fleißig, aber auch charismatisch anders und damit sozial auffallend wertvoll erweisen. Acht von neun der Betroffenen sind Männer; etwa jeder 200ste Mann unserer Bevölkerung ist vermutlich betroffen und damit etwa 200.000 deutsche Männer. So verwundert es nicht, dass Amors Pfeil die eine oder andere trifft, die sich dem geheimnisvollen Flair dieser Männer nicht entziehen kann.
Es ist die Stärke der Autorin dieses Buches, die besonderen Eigenschaften der Beziehungen von Frauen zu Männern mit Asperger-Syndrom sensibel und wertungsfrei zu beschreiben. Es sind, neben kurzen fachlichen Definitionen, vor allem die Reflexionen betroffener Frauen, die Einblicke in die Eigenheiten der Beziehung zu Asperger-Männern geben. Der Leserin ist nach dem Studium dieses Buches klar, wie sich die Schwierigkeit des Asperger-Mannes, intuitiv die Wünsche und Absichten seiner Partnerin zu erkennen, in bizarren, oft kränkenden, aber auch faszinierenden Verhaltensweisen äußert. Wenn im Buch dann Empfehlungen zum partnerschaftlichen Umgang gegeben werden, lebt die Leserin mit und wird mit besserem Rüstzeug in die weitere Gestaltung ihrer Beziehung gehen.
Auf den ersten Blick scheint es also ein Buch von Frauen für Frauen zu sein, wenn gefühlvoll die Wege zum Umgang mit Asperger-Männern beschrieben werden. Dem ist jedoch nicht so. Es wird auch der lesende Mann überrascht, wenn er sich in der Beschreibung typischer Asperger-Reaktionen in einigen Aspekten wiedererkennt. Selbst wenn diese zum Verhaltensspektrum vermeintlicher Normalos unserer immer noch männerdominierten Gesellschaft gehören, so wird er Botschaften aus diesem Werk für sich mitnehmen können und zuletzt die Frage stellen: Wann publiziert die Autorin ihr Buch allein für den Asperger-Mann?
Professor Dr. med. Göran Hajak
Neurologe, Psychiater und Psychotherapeut
Vom Höhenflug zum Höhlentier
Lena, eine der Frauen, die in diesem Buch zu Wort kommen, beschreibt die erste Begegnung und die spätere Beziehung mit ihrem Asperger-Partner so:
»Auf mich wirkte er attraktiv, ich fand ihn richtig gutaussehend und sexy. Von Anfang an schenkte er mir bewundernde Blicke, wobei seine Augen unglaublich strahlten. Seine schnelle Sprechweise fiel mir sofort auf und aufgrund seiner beruflichen Tätigkeit schloss ich auf eine hohe Intelligenz ...«
»Ich glaube, mein Partner ist tatsächlich das Höhlentier, das nur zurückgezogen in seiner Höhle die Welt glücklich oder zufrieden erdulden kann. Er traute sich heraus, weil er dachte, da müsse noch mehr sein. Er sehnte sich nach der Gesellschaft einer Frau. Kurz darauf stellte er fest, dass die Welt draußen zu anstrengend war und verschanzte sich wieder in seiner Höhle.«
in diesem Buch geht es um besondere Beziehungen und Partnerschaften. Es geht um Frauen, die aus Liebe eine Beziehung mit Partnern eingegangen sind, die bei näherer Betrachtung ihre Umwelt anders wahrnehmen. Diese Partner sind Menschen mit dem Asperger-Syndrom, kurz ASS genannt. Normal intelligente bis hochbegabte Persönlichkeiten, bei denen der Aufbau bestimmter Hirnregionen Abweichungen im Vergleich zur breiten Masse der neurotypischen Menschen (NT) aufweist. Die Ursachen sind noch nicht geklärt. Wissenschaftler halten neurologische, biochemische sowie genetische Gründe für wahrscheinlich, da das Asperger-Syndrom in Familien gehäuft auftreten kann.
Asperger-Persönlichkeiten sind etwas Besonderes. Ihre Fähigkeiten des logischen und analytischen Denkens, die Fähigkeit, Abweichungen in Daten, Informationen und Systemen zu erkennen, sowie eine hohe Konzentrationsfähigkeit und Ausdauer, machen sie zu einzigartigen Spezialisten. Kleinere und größere Unternehmen wie zum Beispiel die deutsche SAP AG machen sich das heutzutage zu Nutze und stellen gezielt Menschen mit dem Syndrom ein.
Wer mit einem Asperger-Betroffenen eine Beziehung eingeht, muss über kurz oder lang erkennen, dass diese Einzigartigkeit einhergeht mit einer leichten Form von Autismus, die sich je nach Persönlichkeit unterschiedlich darstellt. Wahrnehmung und Kommunikation zwischen NT (neurotypisch) und AS (Asperger) könnten nicht unterschiedlicher sein. Während die Wahrnehmung der NT-Partnerin mit Empathie verbunden ist, ist das Einfühlungsvermögen des hochgradigen Logikers wenig ausgeprägt. Die Partnerin fühlt sich konfrontiert mit einem augenscheinlichen Widerstand gegen Veränderung. Der Umgang damit bleibt ihr anfangs ein Rätsel. Hinzu kommt, dass viele erwachsene Asperger-Persönlichkeiten nicht diagnostiziert sind und ihre andersartige Wahrnehmung sie das Syndrom zumeist nicht erkennen lässt.
Die Beziehung erfordert einen unvorhersehbaren Kraftakt, der für beide Seiten schwer zu bewältigen ist. Manche Frauen mit Asperger-Partner zerbrechen daran, andere halten durch und wieder andere wachsen über sich hinaus und finden ihr Glück.
Dieses Buch beinhaltet Erfahrungsberichte von NT-Frauen mit ihren AS-Partnern. Ihre teils traurigen, teils humorigen Geschichten, ihre Gedanken, Selbstreflexionen und ihre Kommunikation mit ihren Partnern sollen das weite Spektrum von Asperger-Persönlichkeiten aufzeigen und welche Aufgaben diese Frauen meistern, um sich selbst nicht aus den Augen zu verlieren. Zitat einer NT-Frau: »Vielleicht begegnen wir diesen AS-Menschen, um unabhängig und selbstständig zu werden und uns selbst endlich schätzen zu lernen.«
Dieser Ratgeber hat keinesfalls den Anspruch eines wissenschaftlichen Fachbuchs. Er dient dazu, Einsichten und Ideen für die eigene NT/AS-Beziehung zu sammeln. Er ermutigt, positiv zu denken, das eigene Selbstwertgefühl zu finden oder zu behalten. Er zeigt, wie stark Frauen mit einem Asperger-Partner sind, und beinhaltet Übersetzungen für Sprache, Kommunikation und Verhalten von Personen mit ASS. Er betont, dass Asperger-Menschen ein genauso weitläufiges Persönlichkeitsspektrum besitzen wie ihre neurotypischen Partner.
Um die Integrität dem AS-Partner gegenüber zu wahren, wurden Namen und kleinere Details verändert. Ebenso verwendet die Autorin einfachheitshalber das generische Maskulinum für den Partner.
Regensburg, im Frühjahr 2015
Eva Daniels
Titelei
Geleitwort
Liebe Leserin, lieber Leser,
Verliebt in einen Asperger-Mann
Der Mann hinter der Mauer
Die autistische Mauer
Was macht AS-Männer attraktiv für Frauen?
Merkmale von Asperger-Männern
Partnerinnen von Asperger-Persönlichkeiten
Die andere Wahrnehmung
Die Mauer als Herausforderung
Die eigene Wohnung als Rückzugsort
Kampf um mehr gemeinsame Zeit
Er wehrte sich und hielt vehement an Altem fest
Warum mauert der Asperger-Partner?
Biologische Ursachen für die andere Wahrnehmung
Erhöhter Testosteronspiegel im Mutterleib
Die Gehirnregionen sind unterschiedlich stark vernetzt
Bei NTs konstruiert das Gehirn oft einen Gesamtzusammenhang
Das AS-Gehirn sammelt Details, verknüpft sie aber nicht
Fehlende »Theory of Mind«
Schwach ausgeprägte zentrale Kohärenz
Reizüberflutung
Wie (vermeintliche) Sturheit entstehen könnte
Zum Kern des Verhaltens vordringen
Wann nimmt die eigene Seele Schaden?
Empfundene Ablehnung
Frauen mit AS-Partnern geben extrem viel
Verletzende Aussagen: »Ich brauche dich nicht!«
Hatten sie sich jemals verstanden?
Beziehungskrisen scheinen unvermeidbar
Feste Verabredungen können den AS-Partner stressen
Selbstaufgabe, um die Partnerschaft zu retten
Den Haushalt mit fünf Kindern musste Gerda allein bewältigen
Ihr AS-Partner zog sich immer mehr zurück
Für Menschen mit ASS ist Rückzug lebensnotwendig
Routine verschafft Erleichterung
Komplette Vertiefung in ein Spezialinteresse
AS-Strategien, um Beziehungsstress zu vermeiden
Oft wirkt die Strategie wie ein Lüge oder Täuschung
Die Partnerin fühlt sich zurückgesetzt
Die Strategie des Vergessens
AS-Lügen haben besonders kurze Beine
Besuche sind eine Herausforderung
Eiszeit – wenn körperliche Nähe nicht möglich ist
Rückzug als Selbstschutz
Klare Handlungsanweisungen statt Vorwürfe
Gaudards Blog: »Gedankenwelt eines Autisten«
Es braucht sehr viel Geduld
Zuneigungsformen
Zuneigung und Sexualität
Feste Verbindung
Sex ohne Zärtlichkeit
Mechanisch und perfektionistisch
Die Partnerin muss genau sagen, was sie möchte
Gesten der Zuneigung
Liebst du mich?
Taten statt Worte
»Soll ich dir einen Kaffee machen?«
Regeln, Gewohnheiten und Routinen
Regeln für die Küchenarbeit:
Ich muss seinen Regeln folgen:
Seine Regeln gelten nur für ihn:
Ich stehe weit hinten auf seiner Prioritätenliste:
Extreme Ordnung:
Sparsamkeit:
Alle Tagesabläufe sind genau geregelt:
Samstagabend gibt es eine Flasche Bier:
Sensorische Über- oder Unempfindlichkeit
Am liebsten immer die gleiche Kleidung
Kommunikation und Verhalten
AS-Aussagen und was die NT-Partnerin versteht
Verständigungsmauern
Für Asperger gilt nur das gesprochene Wort
Analoge und digitale Kommunikation
Alles Zwischenmenschliche muss erlernt werden
Sprachverständnis
Aspergerisch oder Lingua Logicorum
Wenn der AS-Partner (vermeintlich) Kritik übt
Besserwisserei und Nörgeleien
Charaktereigenschaft oder aspergerspezifisch?
Man darf nicht lügen
Die Ehrlichkeit ist ein Markenzeichen
Eintauchen in die Asperger-Kultur
Kulturschock Phase 1
Kulturschock Phase 2
Kulturschock Phase 3
Kulturschock Phase 4
Kulturschock Phase 5
Kulturschock Phase 6
Kulturschock Phase 7
AT und NT: Leben in zwei Kulturen
Die Kulturschocks wiederholen sich, in abgeschwächter Form
Die eigene NT-Persönlichkeit verstehen
Selbstreflexion
Was ist eigentlich normal?
Persönlichkeitstypen
Brauchen Sie Ruhe oder Trubel, um aufzutanken?
Introvertierte sind gute Zuhörer
Extravertierte sind gute Redner
Wie nehmen Sie Informationen auf?
Ein Detailorientierte klärt alles, bevor er beginnt
Ein Visionär hält sich auf dem Weg zum Ziel nicht mit Details auf
Detailorientierte achten auf Qualität
Der Visionär liebt Variationen
Wie treffen Sie Entscheidungen?
Analyse, Wissen, Leistung sind die Stärken des Logikers
Dem Gefühlsmenschen geht es um Empathie und Wertschätzung
Sachlichkeit ist weder besser noch schlechter als Emotionalität
Jeder Mensch braucht soziale Kompetenz
Wie ist Ihr Lebensstil?
Der Strukturierte hält Ordnung und plant die Dinge
Der flexible Typ ist kreativ und legt sich nicht gern fest
Beide setzen andere Prioritäten in ihrem Leben
Zeitmanagement
Es gibt strukturierte und chaotische Asperger
Kombinationen der Grunddimensionen
Erkennen Sie Ihre Stärken an
Die unterschiedlichen Typen in Partnerschaften
Asperger-Partner haben immer ein ausgeprägtes T
Einige Kombinationen passen besser zusammen als andere
Service
MIBT®-Fragenkatalog
Teil 1: E (Extraversion) oder I (Introversion)
Teil 2: Sensing (S) oder Intuition (N)
Teil 3: Thinking (T, Denken) oder Feeling (F, Fühlen)
Teil 4: Judgement (J, Beurteilung) oder Perception (P, Wahrnehmung)
Auswertung
Buchtipps und verwendete Literatur
Internet
Autorenvorstellung
Sachverzeichnis
Impressum/Access Code
Zunächst sieht die Frau nur den attraktiven Mann, der faszinierend anders ist als die Männer, die sie bisher kannte, und sie auf ungewöhnliche Weise umwirbt.
Sie stand auf der Anhöhe und betrachtete das kleine Anwesen weiter unten im Tal. Es war das einzige Anwesen weit und breit. Vor einiger Zeit hatte sie es rein zufällig entdeckt. Eigentlich sah sie nicht mehr als den weißen Wall, der es umgab, beherrscht von einem massiven Tor, das jetzt verschlossen war. Lange verweilte ihr Blick auf der Mauer, die unüberwindbar schien. Sie war gekommen, um sich still und leise zu verabschieden. Ihr Blick verriet Wehmut und Traurigkeit und doch umspielte ein Lächeln ihre Lippen. Sie kannte denjenigen, der hinter dieser Mauer lebte. Oft hatte sie ihn besucht, aber heute wusste sie, sie würde nie wieder dorthin zurückkehren. Der Mann, der das kleine Haus bewohnte, war ihr vertraut, bis er eines Tages das Tor verriegelte und sie nicht mehr einließ. Erst da bemerkte sie, dass er nicht nur ihr Geliebter, sondern auch ein Fremder war, den sie nicht verstanden hatte. Dieser Gedanke, der geliebte Fremde, brachte das Lächeln auf ihre Lippen und sie schweifte noch einmal ab, zurück in die Vergangenheit. Der Zufall ließ sie eines Tages in seine Arme stolpern. Ihr sonniges Gemüt begeisterte ihn augenblicklich und er lud sie kurzerhand zum Eintreten ein, wobei er die großen Torflügel weit aufstieß. Die Mauer hatte sie nicht wahrgenommen, zumal sie sofort ihre Faszination für seine Welt entdeckte.
Es begann eine herrliche Zeit für beide, geprägt von gegenseitiger Bewunderung und Neugierde für und auf den jeweils anderen. Sein außergewöhnliches Wissen, welches sich in den vielen Bücherreihen seines kleinen Hauses widerspiegelte, gab er gern und großzügig weiter, wann immer sie fragte. Sein Gehirn schien ungewöhnlich schnell zu funktionieren und vergleichbar zu sein mit dem Speicherplatz eines Computers für alles, was er gehört oder gelesen hatte. Manchmal bluffte er. Wenn sie ihn erwischte, gab er es sofort zu und sie amüsierten sich darüber, zumal ihr eigenes Wissen diesbezüglich chaotisch in klemmenden Schubladen verstaut zu sein schien.
Er liebte ihr klares, lachendes Wesen und ihre ausgeprägte Fähigkeit, leichten Zugang zu anderen Menschen zu finden. Sie fühlten sich beide wohl in der Natur und fanden immer mehr Gemeinsamkeiten. Sie verliebte sich in den Blick, den er ihr schenkte, wenn seine Augen strahlten, während er sie betrachtete. Tat oder sagte sie Ungewöhnliches, konnte er eine ganze Weile vor sich hin schmunzeln. Zuweilen sah er sie neugierig an, wenn er auf eine Reaktion von ihr wartete. Dann wirkte er wie ein großer Junge, dem sie niemals hätte böse sein können. War er aufgeregt oder begeistert, sprach er in einem Tempo, dass sie ihn kaum verstehen konnte und ein wenig bremsen musste. Manchmal ertappte sie sich bei dem Gedanken, er käme von einem anderen Planeten, was sie zum Lächeln brachte.
Mit jedem Zusammentreffen wuchsen die gemeinsame Vertrautheit und ihre Sehnsucht, mehr Zeit mit ihm zu verbringen. Gerade Zeit schien ihm fremd zu sein. Den Begriff »Zeit« schien er nicht zu erfassen und dies war für sie der Beginn davon, ihn nicht mehr zu verstehen.
Zum ersten Mal drang die Mauer in ihr Bewusstsein. Unvermittelt war dieser riesige Wall präsenter als zuvor und es schien, als müsse sie kämpfen, um durch den Wall noch zu ihm durchzudringen. Sie verstand nicht, was vor sich ging, und er gab ihr keine Erklärungen – nur so viel: Er brauche Zeit und er wisse nur, dass die Mauer ihn und seine Zeit schützen. Das sei sein ganzes Leben so gewesen und dann verriegelte er das schwere Tor. Wie gelähmt stand sie davor und versuchte zu begreifen, was geschehen war.
Es begannen schwere und traurige Tage mit der verzweifelten Ausschau nach dem Schlüssel zum Tor. In jener Zeit wurde ihr die Ungewöhnlichkeit seiner Welt, in der er lebte, bewusst. Je mehr sie nach einer Lösung suchte, desto klarer wurde ihr, wie anders seine Gedankenwelt im Gegensatz zu ihrer eigenen war. Selbst noch so gleich klingende Wörter schienen eine andere Bedeutung zu haben, als sprächen sie unterschiedliche Sprachen. Sie wollte mehr über seine Welt erfahren, sie suchte nach Übersetzungen in seine Sprache, sie suchte nach Menschen, die ihr helfen konnten, sie suchte, weil sie ihn liebte und verstehen wollte. Schließlich fand sie Antworten und lief damit zum großen Tor zurück. Sie klopfte und trommelte. Sie rief nach ihm, sie schrie, sie habe jetzt die Antwort, sie verstehe ihn jetzt, sie wisse, dass er eine andere Sprache spreche, sie wisse jetzt, was er mit seiner Zeit meine, und sie wolle mit ihm reden, damit alles gut werden könne. Das schwere Tor blieb verschlossen. Jeden Tag kam sie vorbei und saß auf einem kleinen Mauervorsprung. Irgendwann hörte sie auf, sich bemerkbar zu machen. Obwohl es eine einzige Qual für sie bedeutete, übte sie sich in Zurückhaltung und wartete auf ein Zeichen von ihm. Sie vermisste es unendlich, seine Nähe und Wärme zu spüren. Sie weinte still vor sich hin, als sie begriff, dass er sein Tor selbst nicht öffnen konnte. Viel zu viel Kraft würde es ihn kosten, obwohl er die gleiche Sehnsucht nach ihr empfand.
Eines Tages begann er, ihr Briefe zukommen zu lassen, die er unter dem Tor durchschob. Sie enthielten Botschaften, für deren Entzifferung sie den Rat von Menschen einholte, die mehr Erfahrung mit seiner Sprache und deren Entschlüsselung hatten.
Die wahre Lösung kannte niemand, der Lösung näher kommen, das war offenbar möglich. Sie fing an, Briefe immer öfter und besser in seiner Sprache zu verfassen. Mit jeder Antwort von ihm wuchs die Hoffnung, er werde ihre Sprache lernen und verstehen wollen, damit sie sich gegenseitig helfen und ihre wunderbare Zeit zusammen fortsetzen könnten. Der schriftliche Austausch dauerte an, und nach einiger Zeit hielt er wieder Ausschau nach ihr. Neugierig hatte er eine kleine Seitentür aufgemacht, um nachzusehen, ob sie noch da sei.
In der Folge begannen sie, herrliche gemeinsame Momente zu erleben. Geblendet von der Euphorie, unterlief ihr ein gravierender Fehler. Für einen Augenblick erlaubte sie sich, sie selbst zu sein. Sie bat ihn um ein Gespräch mit dem Ziel, ihre unterschiedlichen Sprachen und Interpretationen besser verstehen zu können. Er sah sie hilflos an, flüsterte: »Ich will ja … aber ich kann nicht«, ging durchs Tor zurück nach drinnen und mauerte es von innen zu.
Und nun stand sie ein letztes Mal auf dieser Anhöhe und nahm leise Abschied von ihrem geliebten Fremden. Sie wusste, sie würde nie wieder dorthin zurückkehren.
Was als Mauer empfunden wird, ist ein autistischer Bereich in der Asperger-Persönlichkeit. Diesen Bereich zu verstehen und damit umzugehen, bedeutet für Partnerinnen von AS-Persönlichkeiten oftmals einen ungeheuren Kraftaufwand. Unweigerlich verlangt ihnen dies vieles ab. Charakteristisch ist, und damit eine zusätzliche Herausforderung, dass die Mauer meist nur innerhalb der Partnerschaft richtig zur Geltung kommt und von der Außenwelt, der Familie und im Freundeskreis kaum bis gar nicht wahrgenommen wird.
Viele erwachsene Menschen mit Asperger-Syndrom sind sozial integriert, obwohl dies aufgrund der mangelnden Fähigkeit, zwischen den Zeilen lesen zu können, nicht selbstverständlich ist. Im Gegensatz zu neurotypischen Menschen (NT) verfügen sie nicht über intuitives soziales Verhalten. Durch Beobachtung und Nachahmung ist es ihnen möglich, dieses Handicap im Umgang mit anderen Menschen zu kompensieren. Da sie die empathischen Nuancen nicht erfassen, bleibt ihnen die neurotypische Wahrnehmung verschlossen. Ihre eigene Wahrnehmung ist für sie die reale Norm.
Das hat zur Folge, dass die Partnerinnen dieser AS-Männer damit konfrontiert sind, dass ihre Bedürfnisse nicht intuitiv erkannt werden können. Es erfordert viel Verständnis, Durchhaltevermögen und erklärt den wiederkehrenden Balanceakt zwischen der Liebe zu ihrem AS-Partner und der eigenen Frustration. Wenn nicht offen und klar kommuniziert wird, bleibt manch inniger Wunsch im Dunkeln. Das kostet viel Kraft und verlangt Stärke, doch sie wissen, unter bestimmten Voraussetzungen lohnt es sich.
Manche haben gelernt, mit der Mauer ihrer AS-Partner gut umzugehen, und sind in der Lage, das Tor offen zu halten, andere geben den Kampf auf, und wieder andere laufen Gefahr, daran zu zerbrechen. – Lassen wir nun die Frauen selbst zu Wort kommen: Wie haben sie ihren Asperger-Partner kennengelernt? Was hat sie fasziniert? Was war anders? Und wie erging es Ihnen mit diesen Männern, die sich immer wieder hinter eine Mauer zurückziehen?
Ich fand ihn attraktiv. Er wirkte sanft und ruhig. War ich endlich angekommen, bei einem Mann, der mich so sein ließ, wie ich war? Ein Fels? Ein Mann zum Anlehnen?
Silke, seit zehn Jahren verheiratet, vier Kinder
Er war nicht nur attraktiv, sondern hatte eine sanfte, bedachte Art
Silke ist promovierte Freiberuflerin, die in zweiter Ehe seit zehn Jahren mit ihrem AS-Partner verheiratet ist. In der Familie leben zwei gemeinsame Kinder und zwei Kinder aus erster Ehe. Ihr Mann akzeptiert die Diagnose »Asperger-Syndrom«. Silke würde allerdings andere Symptome aufzählen als diejenigen, die ihren AS-Mann vom Syndrom überzeugt haben. Hauptgrund für ihn sind seine extreme Geräuschempfindlichkeit und sein Unwohlsein bei bestimmten Kleidungsmaterialien und Stoffen, wie die Abneigung gegen Rollkragenpullover und Kleidung aus Wolle. Außerdem sein Verlangen, soziales Beisammensein mit anderen frühzeitig zu beenden, ebenso seine Unfähigkeit, mit mehr als vier Personen am Tisch eine Mahlzeit einzunehmen.
»Ich fand meinen Mann erst mal attraktiv. Er hatte etwas Sanftes, Ruhiges. Das hat mich sofort angezogen. Er redete langsam und bedacht, das gefiel mir. Er war das Gegenteil von meinem Ex-Mann. Ich kannte meinen Mann flüchtig vom Sehen, unsere Wege kreuzten sich in einer studentischen Kleinstadt. Kurz nach der Trennung von meinem Ex-Mann sprach mich mein jetziger Mann an. Was ich damals nicht wusste: Er hatte zu der Zeit entschieden, eine Frau für sich zu finden, und sich daher mit vielen Frauen verabredet – eine davon war ich. Wir trafen uns ein paar Mal zum Teetrinken, Spazierengehen, Fahrradfahren. Ich fand ihn nett, aber etwas unnahbar. Und ein inneres Gespür sagte mir: Lass ihn, bedränge ihn nicht. Ich bekam mit, dass von den anderen Frauen einige dachten, er habe näheres Interesse an ihnen. Später erzählte er mir, dass er das nicht verstehen könne. Er sei schließlich nur zum Radfahren verabredet gewesen etc. und habe niemandem Hoffnung gemacht.
Ich habe den ganzen Abend gewartet, dass er mich endlich küsst
Verliebt habe ich mich dann an einem Nachmittag am See. Es war Sommer, es war heiß, wir lagen den ganzen Nachmittag auf einer Decke und haben geredet. Natürlich kam es zu keinem Körperkontakt. Am nächsten Tag rief er an und wollte sich für das kommende Wochenende verabreden. Eine Woche später sind wir in die nächste Großstadt gefahren, haben ein Museum besucht und einen botanischen Garten. Dort hat mein Mann gemerkt, dass er seinen Schlüsselbund verloren hat. Ich habe Vorschläge gemacht, wo und wie wir herausfinden können, wo der Schlüssel sein könnte. Er wurde im Museumscafé gefunden – die restliche Zeit des Tages telefonierten wir herum und liefen Wege.
Mein Mann fand das toll an mir, dass ich die Ruhe bewahrt und den Schlüssel zurückgebracht hatte. An diesem Nachmittag hat er sich in mich verliebt. Er hat mich zum Abschied das erste Mal in den Arm genommen. Aber bis zum ersten Kuss dauerte es noch eine weitere Woche. Wir waren zu einem Videoabend verabredet: ein Film mit buddhistischem Hintergrund. Ich habe den ganzen Abend gewartet, dass er mich endlich küsst. Ich hatte das Gefühl, wenn ich den ersten Schritt mache, dann mache ich alles kaputt. Irgendwann fragte er mich – da hatte ich die Hoffnung bereits aufgegeben –, ob es mir was ausmachen würde, wenn er jetzt meine Hand nähme. Tja, dann habe ich ihn geküsst.«
Lena, Trennung nach 1 ½ Jahren
Er war so begeistert von mir und strahlte mich an
Lena ist selbstständig; sie hat einen erwachsenen Sohn aus erster Ehe. Die Beziehung zu ihrem AS-Partner scheiterte nach eineinhalb Jahren. Während der Beziehung lebten sie in getrennten Wohnungen, an verschiedenen Wohnorten. Kurz vor dem Ende der Beziehung räumte ihr Partner zwar evtl. leichte autistische Züge ein, lehnte dann allerdings jede weitere Diskussion oder Überlegung über das Asperger-Syndrom ab.
»Auf mich wirkte er attraktiv, ich fand ihn richtig gutaussehend und sexy. Von Anfang an schenkte er mir bewundernde Blicke, wobei seine Augen unglaublich strahlten. Seine schnelle Sprechweise fiel mir sofort auf und aufgrund seiner beruflichen Tätigkeit schloss ich auf eine hohe Intelligenz. Er wirkte so begeistert von mir. Gleich bei unserem ersten Treffen meinte er mit absolut entwaffnender Ehrlichkeit, ich könne alles von ihm haben: sein Geld, sein Auto, sein Haus. Dann wirkte er komplett verlegen. Er hatte sich schlagartig in mich verliebt und ich fand das total süß. Philosophisch und intellektuell konnte ich ihm unmöglich genügen, doch stattdessen bewunderte er meine emotionale Intelligenz und teilte mit absoluter Selbstverständlichkeit sein faszinierendes Wissen mit mir. Arroganz diesbezüglich war ihm unbekannt.
Bewundernswert fand ich die Tatsache, dass er jahrelang seinen Urlaub in einem integrativen Camp verbrachte, mit behinderten und nicht-behinderten Kindern. Er konnte kochen und lebte völlig autonom. Diese Art der männlichen Selbstständigkeit gefiel mir außerordentlich gut. Ich mochte es, wenn er unbeholfen wirkte, dann war es an mir, insgeheim zu lächeln. Ich schob das auf seinen hochgradig wissenschaftlichen Intellekt. Am liebsten hätte ich ihn jedes Mal feste gedrückt und dann selbst die Sache erledigt. Meine Liebe zu ihm wuchs jedes Mal mehr, wenn wir uns sahen, circa alle zwei Wochenenden. Wir redeten und lachten viel und liebten beide die Natur. Unsere beiderseitige körperliche Anziehungskraft war stark wie zwei gegenpolige Magnete, was wir unendlich genossen.
Mit ihm war alles einen Tick intensiver
Endlich war ich angekommen. Was hätte ich mir mehr wünschen können als diesen Mann, der mich sein ließ, wie ich war, der mich schätzte, nie kritisierte und mir so oft ein liebevolles Schmunzeln schenkte. Wir entdeckten viele Gemeinsamkeiten und träumten Träume zusammen. Er strahlte Ruhe aus, wurde nie laut und Streiten war ein Fremdwort für ihn. Er war ein Mensch, der weder urteilte noch bewertete, sondern eher neugierig wirkte. – Nach einem turbulenten Leben und einem viele Jahre andauernden, zermürbenden Scheidungsdrama kam für mich nur noch etwas Unkompliziertes infrage – und das hatte ich mit ihm tatsächlich gefunden.
