Gemeinsam auf der Pirsch - Eugenie Meyden - E-Book

Gemeinsam auf der Pirsch E-Book

Eugenie Meyden

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Beschreibung

Erstmals veröffentlicht Gerd H. Meyden zusammen mit seiner Frau Eugenie ein Buch: Die gemeinsame Leidenschaft für die Jagd hat dem Ehepaar viele Erlebnisse beschert. Für beide steht nicht das Erlegen der Beute im Vordergrund, sondern das Erleben der Natur und ihrer Geschöpfe sowie das Wahrnehmen der vielfältigen Stimmungen auf dem Ansitz und der Pirsch. Gerd H. Meydens Geschichten rund ums edle Weidwerk haben seine Lesergemeinde beständig vergrößert. Als ebenso grandiose Erzählerin wie ihr Mann wird Eugenie Meyden bei Jägern und Jägerinnen gleichermaßen punkten, wenn sie ihre Erfahrungen als Jägerin in einer Zeit, da Frauen in der Jagd noch rar waren, schildert und von spannenden Jagderlebnissen berichtet. Denn ihr Schreibstil, ihre Kunst, fesselnde Geschichten zu erzählen, steht Gerd H. Meydens wunderbarer Erzählweise um nichts nach.

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Seitenzahl: 257

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Eugenie und Gerd H. Meyden

Die Jägerin und der Jäger

Gemeinsam auf der Pirsch

Leopold Stocker Verlag

Graz – Stuttgart

Umschlaggestaltung: DSR Werbeagentur Rypka GmbH, 8143 Dobl, www.rypka.at

Titelbild: Gerd H. Meyden; Aquarelle: Eugenie Meyden

Alle Fotos im Innenteil des Buches wurden dem Verlag freundlicherweise vom Autor zur Verfügung gestellt.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Hinweis:

Dieses Buch wurde auf chlorfrei gebleichtem Papier gedruckt. Die zum Schutz vor Verschmutzung verwendete Einschweißfolie ist aus Polyethylen chlor- und schwefelfrei hergestellt. Diese umweltfreundliche Folie verhält sich grundwasserneutral, ist voll recyclingfähig und verbrennt in Müllverbrennungsanlagen völlig ungiftig.

Auf Wunsch senden wir Ihnen gerne kostenlos unser Verlagsverzeichnis zu:

Leopold Stocker Verlag GmbH

Hofgasse 5

Postfach 438

A-8011 Graz

Tel.: +43 (0)316/82 16 36

Fax: +43 (0)316/83 56 12

E-Mail: [email protected]

www.stocker-verlag.com

ISBN 978-3-7020-2312-6

eISBN 978-3-7020-2321-8

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© Copyright by Leopold Stocker Verlag, Graz 2025

Layout: Ecotext-Verlag Mag. G. Schneeweiß-Arnoldstein

Inhalt

Martin Ossmann: Vorwort Jagd als Lebensschule begreifen

Eugenie Meyden Willst du mit?

Mein „erster Lehrprinz“

Meine Jagdausbildung

Nach bestandener Jagdprüfung

Eugenie Meyden Bergsommer

Eugenie Meyden Der geheimnisvolle Gast

Gerd H. Meyden In der Sommerglut

Gerd H. Meyden Der Erfinder der Jagd

Eugenie Meyden Saujagd mit der „Mafia“

Eugenie Meyden Die „Knickbeiners“

Eugenie Meyden Von Vogelfängern umgarnt

Eugenie Meyden Elchjagd, stark reduziert

Gerd H. Meyden Ein Rosenkavalier

Gerd H. Meyden Jockels 13. Geburtstag

Eugenie Meyden Fasanenjagd beim „Sockenfreund“

Gerd H. Meyden Nach der Hirschbrunft

Gerd H. Meyden Wetterwechsel

Martin Ossmann: VorwortJagd als Lebensschule begreifen

Gerd H. Meyden beherrscht einen unvergleichbaren Erzählstil, den man heute auf weiter Flur lange suchen muss und dennoch nicht finden wird. Er hat nämlich bereits in seiner Jugend erkannt, dass die Jagd nur dann vollkommen ist, wenn auch sämtliche Nebensächlichkeiten von Natur und Mensch mitbetrachtet werden, ohne den Beutetrieb in den Mittelpunkt zu stellen. Es gelingt ihm, das Weidwerk in seiner Gesamtheit als Lebensschule begreifbar zu machen, mit all den Herausforderungen, Zweifeln und Freuden.

Gemeinsam mit seiner Frau Eugenie, die seine Leidenschaft für dieses „allumfassende“ traditionsreiche Weidwerken teilt und sich in das vorliegende Buch überdies mit ausdrucksstarken Aquarellen mit einbringt, hat er sein nunmehr sechstes Buch verfasst. Als erfahrene Jägerin – und das in einer Zeit, da jagende Frauen noch eine Minderheit darstellten, schildert Eugenie Meyden selbst zahlreiche Jagderlebnisse in verschiedensten Revieren.

Schauplätze sind dabei Tieflagenreviere genauso wie ihre geliebten Allgäuer Berge oder Reviere in Bad Ischl und Mariapfarr im Lungau, wo das Jäger-Ehepaar weidwerkte. Als langjährige Führer von Schweiß- und Vorstehhunden sind beide mit der Praxis bestens vertraut, kennen alle Tricks und Ausreden. Ihre Erfahrungen als Pirschführer, aber auch auf Nachsuchen prägten daher ihren Zugang zur Weidgerechtigkeit stark mit. So nimmt es nicht wunder, wenn die beiden die aktuellen Entwicklungen in der Jagd emotional schmerzen – wissen sie doch sehr genau, welch prächtiger Geschenke wir Jäger uns selbst berauben, wenn wir uns, dem Technik-Schnickschnack hörig, zu einer Jagd verleiten lassen, in der das Wildtier nur mehr als Objekt der Wildstandsregulierung wahrgenommen wird.

In den Erzählungen der Meydens wird für den Leser nachvollziehbar, warum es keine obsolet gewordene Tugend aus alten Zeiten ist, dem Wildtier mit der nötigen Portion Empathie zu begegnen. Dabei loten sie Begriffe wie Fairness und Chancengleichheit erstaunlich offen und ehrlich aus und lassen uns an dem inneren Zweifel teilhaben, dem wir Jäger und Jägerinnen ausgeliefert sind, wenn es um Leben und Tod geht.

Als Kitt zwischen Beutetrieb, Naturerleben und den unterschiedlichsten Begegnungen mit Gleichgesinnten fügen Eugenie und Gerd. H. Meyden die Jagdkultur in all ihren Ausprägungen hinzu. Dabei sind ihnen eher die bescheidenen Details wichtig, wie etwa die Patina eines alten, zusammengeschliffenen Nickers oder der glatt gegriffene Bergstock aus Hasel, der sich erst nach Hunderten Pirschen so angreift.

Dieses Buch reiht sich als ein Glanzlicht von Zeitdokumenten in die Geschichte der Jagdbelletristik ein. Es ist ein Beweis dafür, dass es sich auch im Jahr 2025 noch lohnt, zum – gebundenen – Jagdbuch zu greifen, wenn es jemand wie die Meydens versteht, die aufrechte Jägerseele zu berühren.

Weidmannsdank dafür!

Martin Ossmann

Chefredakteur „Der Anblick“

Eugenie MeydenWillst du mit?

„Willst du mit?“ Wenn dieser Ruf durch das Haus oder den Garten zu hören war, dann fühlte ich mich wie elektrisiert. So schnell meine sechsjährigen Füße konnten, rannte ich zum Rufer, meinem Onkel Carl. Er war mir der Allerliebste aus meiner nicht gerade kleinen Verwandtschaft, denn er war etwas Besonderes für mich, er war Berufsjäger. Da konnte in meinen Augen niemand von allen Onkeln und Vettern an Attraktivität mithalten. Onkel Carl kannte die Natur, ihre Geheimnisse und Besonderheiten wie niemand in meiner Familie. Und er liebte die Tiere, besondersdas Wild – und ganz besonders das Rotwild.

Aquarell: Eichelhäher

Mein Onkel war eine imponierende Erscheinung. Sehr groß und kräftig gebaut. Mit seinem markanten Kopf und seinen ausnehmend grünen, immer wachsam blickenden Augen erregte er überall sofort Aufmerksamkeit. Er hatte eine volltönende, warme Stimme, ruhige Bewegungen und in seinem Blick lag etwas Schelmisches. Wen er nicht mochte, weil er mit Tieren unfreundlich umging oder wer arrogant und kaltherzig war, der bekam seinen Schalk in kleinen, zwar harmlosen, aber unangenehmen Streichen zu spüren. Das konnte eine versteckte Brille sein, die nach zwei Tagen unerwartet wieder auftauchte, oder ein Autoschlüssel, der sich Gott sei Dank im Flaschenfach des Kühlschranks fand. Um Ideen war Onkel Carl nie verlegen, wenn es darum ging, engherzige Zeitgenossen ein bisschen zu ärgern.

Mein Onkel stammte aus einer Familie, aus der seit mehreren Generationen die Berufsjäger der Wittelsbacher kamen. Auch seine Vettern und Onkel standen im Dienst dieses adligen Hauses. Sie alle wurden von ihren Chefs sehr geschätzt wegen ihrer hervorragenden Kenntnisse von Wald und Wild. Jedes Mitglied dieser Jägerfamilie hatte ein untrügliches Gespür für Wetterstürze oder nicht vorhersehbare Veränderungen im Verhalten der Wildtiere.

Mein „erster Lehrprinz“

Mein Onkel Carl, dieser Kenner und Könner der weidgerechten Jagd, führte mich also von Kindesbeinen an in die Pflichten und Geheimnisse des Weidwerkens ein. Es gab im Laufe der Jahre viele Situationen, in denen ich immer wieder an „meinen Lehrprinzen“ erinnert wurde:

So zum Beispiel an einem Tag, an dem ich meinem Mann beim Versorgen der Fütterung half, die im mittleren Teil unseres Allgäuer Bergreviers lag. Wir waren hier Mitpächter und unterstützten unseren Berufsjäger Josef-Anton gerne, wenn er arbeitsmäßig viel zu stemmen hatte. Eines Tages war das so, denn er sollte Gäste führen und abends war er zu einem Junggesellenabschied eingeladen. Da wollte er sich verständlicherweise fein machen. Und mit dem Feinmachen musste er rechtzeitig anfangen, wenn es gelingen sollte.

Im beginnenden Herbst ist es wichtig, das Wild durch regelmäßiges Füttern an den Futterplatz zu gewöhnen, obgleich in der Natur noch kein Futtermangel herrscht. Darum fingen wir rechtzeitig mit dem Auslegen von Futter an. Vor der Ausgabe von Pellets, Heu und Rüben kam das große Saubermachen.

Schaufel und Kübel brauchte ich als Erstes. Der Bereich um Raufen, Tröge und Kälberstall musste von Losung frei sein, bevor die eigentliche Fütterung begann. Hätte mich ein jagdlicher Kollege bei meinem Tun beobachten können, hätte er vermutlich gedacht: „Das ist doch übertrieben, nicht der kleinste Rest von Verunreinigung bleibt liegen. Die Frau hat einen ganz schönen Vogel.“ Ich hätte ihm geantwortet: „Ich habe keinen schönen Vogel und keinen hässlichen Vogel, ich habe gar keinen Vogel, sondern ich arbeite so, wie ich es von meinem Onkel in jungen Jahren gelehrt bekam.“

Die Anordnungen, die ich dazu seinerzeit vom Onkel empfing, kontrollierte er genau und gab mir dazu die Erklärung, warum er diese Arbeit für notwendig hielt und von mir forderte. Durch penibles Sauberhalten des Futterplatzes, sagte er, habe das Wild im Frühjahr viel weniger Darmprobleme als allgemein beobachtet werde. Er war der Meinung, dass sich im Frühling, bei steigenden Temperaturen, die Bakterien auf einem schmutzigen Platz stark vermehren würden. Die Tiere nähmen mit heruntergefallenem, verschmutztem Futter vieles auf, was ihnen im Verdauungstrakt schaden könnte. Als ich meinen Lehrprinzen ungläubig anschaute, wischte er meine Zweifel mit dem drastischen Satz beiseite: „Kein Lebewesen will in einem verschissenen Salon Leckerbissen speisen! Das kannst du doch leicht verstehen?“

Wenn Onkel Carl und ich mit der Arbeit am Futterstadel fertig waren, versprach er mir immer: „Jetzt kommt die Belohnung für uns. Wir schieben das Stadeltor zweimal mit einem kräftigen Ruck zu. Das Wild weiß dann, dass wir fertig sind und kommt sofort bis zum Waldrand. Es wartet an der Kante, bis wir im Auto sind, dann traut es sich aus der Deckung.“

Und es war wirklich so. Kaum saßen wir im Wagen, kamen die Tiere eilig unter den Fichten hervor. Mein Onkel erklärte mir jeden Hirsch, der zu sehen war, sagte mir seinen Namen und sein Alter und seine Veranlagung für das Geweih. Er kannte auch die „Stuck“ (das Kahlwild) genau und freute sich über die Jungtiere, die in den Kälberstall schlüpften.

Auch für mich gab es etwas zum Schnabulieren nach getaner Arbeit. Ich bekam ein Eukalyptus-Hustenbonbon. Eigentlich mochte ich diese Bonbons nicht, aber meinem lieben Onkel Carl hätte ich das nie gesagt, denn ich wusste, Besseres konnte er mir nicht anbieten. Schließlich war es die Zeit nach dem Krieg, in welcher es so etwas Luxuriöses wie Schokolade oder einen Lutscher nicht an jeder Ecke gab.

Eines Abends in der Hütte bei der Brotzeit mit Gerd dachte ich laut darüber nach, wie viel Wichtiges und Nützliches ich für den Jagdbetrieb von meinem Berufsjäger-Onkel gelernt habe. Vor dem Fenster leuchteten die Beeren der Eberesche. Bei ihrem Anblick fiel mir Onkel Carls Spruch ein: „Glüht die Eberesche rot wie die Korallen, ist der Feisthirsch reif und er kann fallen.“ Und dann ergänzte er: „Jetzt ist die richtige Zeit, um im Waffenschrank ein wenig aufzuräumen, die Patronenzahl zu überprüfen und alle Waffen probezuschießen.“ Das war in meiner Jugend der Tag, an dem vom Onkel das von mir heiß erwartete Telefonat kam mit der Frage: „Willst du mit? Morgen mache ich im Kasten so was Ähnliches wie Ordnung. Anschließend fahre ich in die Kiesgrube beim ‚Kätzles Tobel‘ und probiere alle Waffen, auch die, welche ich selten führe. Komm so gegen 14 Uhr zu mir ins Jagdkämmerle, wenn du mitwillst.“ Und ob ich mitwollte! Das Mittagessen habe ich hinuntergeschlungen, als wäre ich auf der Flucht, damit ich ja pünktlich sein konnte.

Das Jagdkämmerle war eine kleine Stube hinter dem Empfangstresen für die Hotelgäste. Das Hotel gehörte seiner Frau, meiner Tante. Sie führte und verwaltete es völlig ohne ihren Mann, was zu einer sehr harmonischen Ehe der beiden führte. Nach bravem „Grüß Gott-Sagen“ bei der Tante schlüpfte ich hinter die Theke und klopfte an die Tür vom Kämmerle. Kein „Herein“ ertönte. Noch einmal versuchte ich mit einem vorsichtigen Klopfzeichen mein Dasein kundzutun. Wieder keine Antwort. Vorsichtig machte ich die Tür einen Spalt auf, zog sie aber augenblicklich wieder zu. Es war, als hätte ich ein Krokodil vor meinem Gesicht gehabt. Es war aber kein gefährliches Wassertier, das mich angefletscht hatte, sondern Schweißhündin Luna, die den Mittagsschlaf ihres Herrn bewachte. Die vierbeinige Wächterin duldete keine Störung ihres Chefs. Sie war eine liebenswürdige, gutmütige Hündin, aber die Ruhestunde von Herrchen war ihr heilig. Dabei wäre der Anblick, der sich dem Betrachter im Kämmerle geboten hätte, ein Grund zum Lachen gewesen und ich hätte ihn gern jedem gegönnt, der Sinn für Komik hat. Auf einer uralten, speckigen Ledercouch lag Onkel Carl mit geöffnetem Hosenbund und heraushängendem Hemd und schnarchte, dass sich die Balken bogen. Auf seiner Brust lag Luna in Habtacht-Stellung, bereit jeden anzuspringen, der hier eindringen wollte. Die Grimasse und das Zähnefletschen der Hündin und ihre rollenden Augen waren perfektes Hundetheater.

Ich setzte mich in die Hotel-Lobby und wartete geduldig. Die liebe Tante brachte mir ein Eis, um mir die Wartezeit zu versüßen. Endlich ging die Kammertür auf und unter dem Türrahmen erschien erfrischt der Schläfer, neben ihm Luna, lieb und gutmütig wie immer. „Komm rein“, rief er. „Wir fangen gleich an! Ich leg' die Waffen auf den Tisch und du suchst aus dem Kasten die richtige Munition für jedes Gewehr. Für die Flinte eine Patrone, für die anderen zwei, falls ich korrigieren muss, für das Kleinkaliber vier Schuss. Die Gewehre stecken wir in die Lederfutterale, die unten in der Schublade sind, die Kugeln in die Patronentasche, die auch ganz unten liegt. Richte ja keine falsche Munition her, denn sonst sind wir umsonst in die Kiesgrube gefahren.“

„Und warum fürs Kleinkaliber vier Patronen und für die anderen nur zwei?“, wagte ich zu fragen. „Das wirst du dann schon sehen!“, antwortete Onkel Carl und lachte.

Am Schießplatz hatte der Onkel schon vor Jahren eine Auflage fest installiert. Ein Brett war vor der mächtigen Kieswand an einen Pfahl geschraubt für die Zielscheibe. Mir wurde ein Gehörschutz aufgesetzt und dann wurde mit jeder Waffe probegeschossen. Jede schoss perfekt, genau wie vom Schützen gewünscht. Dann war das Kleinkaliber an der Reihe. Onkel Carl legte es mir gekippt in die Hände und sagte: „Jetzt pass gut auf! Heute darfst du auch schießen. Ich erkläre dir alles, es ist nicht schwer, denn den Zimmerstutzen kennst du und hast damit geschossen. Zuerst mache ich einen Schuss und prüfe, ob das Kügelchen perfekt sitzt, dann darfst du zweimal ruhig zielen und abdrücken. Nun weißt du, warum ich für das Kleinkaliber mehr Munition wollte!“ Meine beiden Schüsse saßen sehr gut. Beinahe wäre ich vor Stolz geplatzt, als vom „großen Meister“ ein Lob für meine „Leistung“ kam.

Zurück im Kämmerle wurden alle Gewehre gereinigt. Ich durfte die Schäfte ölen und mit einem weichen Tuch polieren. Ich kam mir sehr wichtig vor, denn der Onkel blickte immer wieder ernst auf die glänzenden Holzteile und bemerkte: „Schön, sehr, sehr schön. So, und nun setz die Vorderschäfte wieder richtig ein.“ Und ich habe diese kleine Aufgabe gut gemeistert.

In den Ferien durfte ich jetzt mit zum Ansitzen, auch wenn mein Onkel „ernste Absichten“ hatte. Er entschied, ich hätte nun genügend Sitzfleisch und Geduld, um ihn nicht zu stören oder gar zum vorzeitigen Abbaumen zu veranlassen. So habe ich erlebt, wie sorgfältig er sein Wild angesprochen hat, bevor er den Finger krumm machte. Natürlich half ich beim Aufbrechen und Versorgen in der Wildkammer. Auf die Idee, es wäre eklig, das Geräusch im Schweißsack zu verstauen, kam ich nie.

Meinen ersten Bock habe ich leider nicht mit meinem Onkel erlegt. Er starb, bevor ich mit 22 Jahren den Jagdschein erwerben konnte. Mich einen Bock in seinem ihm anvertrauten Revier schießen zu lassen, ohne Jagdschein und ohne Erlaubnis seines Dienstherren, wäre für ihn niemals in Frage gekommen. Die Freude, dass ich mein erstes Wild mit einem tadellosen Schuss erlegte, konnte ich ihm bedauerlicherweise nicht machen.

Nach dem Tod meines Onkels kamen jagdlich sehr magere Jahre. Ich besuchte ein Gymnasium mit Klosterinternat. Für die Natur und das Draußensein hatten die Nonnen wenig übrig, in der Kirche zu sein und der Besuch von Marienandachten war den frommen Frauen viel wichtiger für „zukünftige Mütter“, wie sie uns Mädchen immer wieder versicherten.

In den Ferien versuchte ich Kontakt zu verschiedenen Jagdpächtern herzustellen. Immer ohne Erfolg. Damals bekam ich die Vorurteile gegen jagende Frauen voll zu spüren. Da hörte ich Sätze wie: „Frauen sollen Leben geben und nicht Leben nehmen!“ Leider gelang es mir nicht, jagdlichen Anschluss zu finden, geschweige denn einen Lehrprinzen.

Die Jagd endgültig zu vergessen, hatte ich nie im Sinn. Ich sehnte mich danach, auf einer Kanzel zu sitzen und Wild zu beobachten, mit Kollegen über Geschautes zu fachsimpeln. Ich wollte gern im frühen Herbst Enten schießen und in der Rehbrunft einen Bock erlegen, aber daran wagte ich nicht zu denken. Noch hatte ich ja gar keinen Jagdschein. Es war völlig daneben, solchen Träumen nachzuhängen. All diese Erinnerungen an meinen Onkel waren an jenem Abend in der Hütte hochgekommen. Gerd hörte meiner Erzählung interessiert zu. So genau wie an diesem Abend hatte ich ihm meinen Zugang zur Jagd noch nie geschildert. „Ja, lieber Gerd, und dann kamst zum Glück du in mein Leben. Erinnerst du dich?“, fragte ich ihn.

Er lachte und meinte: „Alles weiß ich natürlich nicht mehr haarklein, denn es ist einige Jährchen her, aber wie wir uns kennengelernt haben, das ist mir in bester Erinnerung. Ja, das Interesse für die Jagd hat uns richtig verbunden.“

Meine Jagdausbildung

Mit unserem Zusammensein hatte ich endlich wieder einen Lehrprinzen gefunden. Gerd war schon ein erfahrener Jäger, trotz seiner Jugend, und wollte gern meine jagdliche Ausbildung begleiten. Er hatte mit sechzehn Jahren seinen Jugendjagdschein gemacht und war seit dieser Zeit sehr aktiv. Als junger Mann konnte er schon viel von seinem Können an mich weitergeben. Mit Feuereifer gingen wir daran, mich für die Jägerprüfung fit zu machen.

In meiner Jungend, wenn man einen Jagdschein bekommen wollte, musste man in einen Vorbereitungskurs gehen. Er dauerte ein ganzes Jahr. Einmal in der Woche besuchte man die abendlichen Unterrichtsstunden, die vom Landesjagdverband angeboten wurden. Außerdem musste man sich einen Jagdherrn suchen, der bereit war, den Jagdschüler in praktischen Revierarbeiten auszubilden. Man musste sogar ein Nachweisheft führen, welches die Arbeit im Revier dokumentierte und vom Pächter unterschrieben wurde. Das war für eine Frau doppelt schwer. Niemand wollte einen weiblichen Helfer im Revier.

Die theoretischen Unterweisungen konnte ich keinesfalls besuchen, die fanden in München statt und ich wohnte weit draußen auf dem Land. Ein eigenes Auto hatte ich nicht, öffentliche Verkehrsmittel waren noch ein Fremdwort. Gerd wusste, wie ich das Problem mit der Theorie einfach lösen konnte. Er bestellte in der Buchhandlung alle Bücher, die der Landesjagdverband für seine Kurse benutzte. Eifrig lernte ich. Am Wochenende wurde ich abgefragt und bekam von Gerd Erklärungen, wenn mir etwas unverständlich war.

Die Sache mit der praktischen Arbeit im Revier schien das größere Problem zu sein. Wo ich mich bewarb und um Aufnahme bat, kein Revierinhaber wollte mich in seinem Team. Aber Diana war auf meiner Seite. Gerd wurde die Beaufsichtigung und Verwaltung eines Niederwildreviers nicht weit von unserem Dorf angeboten. Der wohlhabende ältere Münchner Jäger, er war der Pächter, wünschte sich weder Rehbockabschüsse, noch wollte er mit der Reduzierung des weiblichen Rehwilds etwas zu tun haben, er mochte nur die Jagd auf Flugwild. Selbst Hasen waren für ihn ohne Reiz. Mein Mann war begeistert von diesem Angebot, denn er konnte sich jagdlich ganz einbringen und für mich hatten wir damit ein Ausbildungsrevier.

Mein theoretischer Wissensschatz wurde größer und größer. Ich lernte fleißig jede freie Minute. Bei der praktischen Revierarbeit wurde ich nicht mit Samthandschuhen angefasst. Das wollte ich auch nicht, denn ich wollte als Jungjägerin anerkannt werden. Gerd hatte für das Revier zwei einheimische Jäger gefunden, junge Bauern, die sich freuten, in ihrem Umkreis eine jagdliche Heimat gefunden zu haben. Ich wollte bei meiner Arbeit an Fütterungen und Hochsitzreparaturen nicht hinter den Burschen zurückstehen. Ich strengte mich handwerklich wirklich an und freute mich, wenn mich die Helfer lobten.

Da gab es noch eine Schwierigkeit, die wir bisher außer Acht gelassen hatten. „Tierpräparate“ lautete das Stichwort: Ich musste für die Prüfung Gänse und Enten kennen, die sich nie in unseren heimischen Gefilden sehen ließen. Auch die unterschiedlichen Marder sollte ich sicher unterscheiden können. Die Marder, die ich kurz im Dämmern sah, hielten nie still, damit ich ihren Kehlfleck identifizieren konnte. Ich musste mein Wissen folglich an einem Präparat erweitern. Aber wer hatte schon ausgestopfte Tiere zur Besichtigung in seinem Haus? Wieder war Diana meine Freundin. In unserem Dorf, einige Häuser weiter, gab es einen Präparator. Er war sicher keine Berühmtheit, denn in Jägerkreisen hatte noch nie jemand von seiner Arbeit gehört. Für mich spielte seine fachliche Geschicktheit keine Rolle, denn ich wollte nichts ausstopfen lassen.

An einem Samstagmorgen fasste ich Mut und rief den Dermoplastiker an. Der Mann war freundlich und aufgeschlossen für mein Problem und lud mich ein, seine kleine Ausstellung im ehemaligen Kuhstall zu besichtigen. Schon am nächsten Tag kam ich seiner Einladung nach und ging die kurze Strecke bis zu seinem umgebauten Stall. Es war eine Überraschung, was sich unter altem Gebälk und hinter rauem Putz verbarg. Eine sehr umfangreiche Kollektion gut präparierter Vögel saß, stand und hockte auf getrockneten Baumstämmen und Ästen. Alle ausgestopften Tiere hatten zu ihren Füßen, Rudern oder Ständern ein Messingschild mit ihren Namen und ihren Hauptverbreitungsgebieten. Hier fand ich alles, was ich brauchte, um meine Kenntnisse fit für die Prüfung zu machen. Der Chef dieser ausgestopften Vogelgesellschaft war ein netter älterer Mann, der mir mit großer Freude seine gefiederten Freunde vorstellte. Mit seinem Vortrag fand er kein Ende, so begeistert war er von der Ornithologie. Immer wieder machte er mich auf Besonderheiten im Federkleid seiner Lieblinge aufmerksam oder er berichtete voller Schwung, wo er diesen oder jenen seltenen Vogel in der Natur beobachtet hatte. Endlich konnte ich mich loseisen und versprach, bald wieder zu kommen. Ich kam sehr bald wieder, denn ich wollte ein gut fundiertes Wissen über die Vögel bekommen und es machte Spaß, sich mit dem freundlichen Vogelkenner zu unterhalten.

Nach einem sehr langen, schneereichen Winter kam endlich der Frühling. Der strenge Winter hatte Gerd, mir und unseren Helfern viel Arbeit im Revier aufgebürdet. Wir kamen mit dem Füttern kaum nach. Das viele Tätigsein für das Wild hatte mich vergessen lassen, dass ich mich irgendwo für die Jägerprüfung anmelden musste. War der Landkreis meiner jetzigen Wohnung zuständig oder war München, wo die Kurse stattfanden, meine Anlaufstelle? Oder war mein Geburtsort für mich die richtige Adresse, denn dort war ich noch gemeldet. Nach vielem Schreiben an Ämter und langem Warten auf Antwort bekam ich endlich die Nachricht, dass ich mich in Augsburg beim Landesjagdverband anmelden müsse.

Auf meine Bitte um Anmeldung beim Landesjagdverband bekam ich nach kurzer Wartezeit Formulare, Formulare und nochmals Formulare zugeschickt, mit dem Hinweis, diese sorgfältig auszufüllen. In ein paar Zeilen teilte man mir mit, da ich keinen Kurs im Regierungsbezirk Augsburg besucht habe, sei ich leider unbekannt. Man nehme an, da ich keine jagdliche Ausbildung bekommen habe, dass ich mich nicht zur Prüfung anmelden wolle, sondern zu einer der neu beginnenden Lerngruppen. Nein, ich wollte mich keiner Lerngruppe anschließen, sondern baldigst meine Prüfung ablegen. Das habe ich in wenigen Worten den Unterzeichnern dieses Briefes mitgeteilt. Nach ein paar Tagen wurde mir der Prüfungstermin mitgeteilt und ich für angemeldet erklärt. Dazu bekam ich den Hinweis, ich möge bedenken, dass ich die Prüfung mit Sicherheit nicht bestehen würde, wegen mangelnden Wissens. Es wäre sicher besser, wenn ich mich für eine fundierte Ausbildung bei den Unterrichtsstunden des LJV anmelden würde. Obgleich mir wenig Mut vom Prüfungsbüro gemacht wurde, wagte ich den Schritt und ging zur Prüfung.

Am fünfzehnten April sollte ich morgens um neun Uhr in Augsburg Ziegelstadel pünktlich erscheinen, stand in der Anmeldungsbestätigung. Da musste ich gründlich planen, denn ich wohnte ein ganz schönes Stück östlich von München auf dem Dorf. Es war nicht einfach, rechtzeitig im Prüfungslokal zu sein. Ich würde ein Taxi brauchen, das mich zur Bahnstation im Nachbarstädtchen fahren müsste. Dort hielt der Bummelzug, der mich nach vielen Stopps an kleinen Bahnhöfen zum Hauptbahnhof München bringen würde. Dort könnte ich umsteigen in den Eilzug nach Augsburg und würde wieder ein Taxi zum Prüfungsraum nehmen. Zur komplizierten Planung kam, dass keiner meiner Züge sich verspäten durfte, denn sonst würde ich meine Anschlusszüge nicht erreichen. Mir grauste vor der Bahnfahrerei viel mehr als vor der Prüfung. Diana, meine Schutzgöttin, wusste wieder eine Lösung. Mein Schwager, stolzer Besitzer eines Porsche, bat darum, sein heißgeliebtes Auto während seines Auslandsaufenthaltes bei uns unterstellen zu dürfen. Der Parkplatz beim Flughafen erschien ihm viel zu unsicher für seine Karosse. Sehr gerne sagte ich ihm, dass sein Fahrzeug bei uns sicher und willkommen sei. Was ich ihm nicht sagte, war, dass sein Auto genau zur Zeit meines Prüfungstermins bei uns Unterkunft haben würde und somit mein Fahrproblem nach Augsburg gelöst war. Nie und nimmer hätte mein Schwager es mir gestattet, „seinen vierrädrigen Augapfel“ zu benützen. Folglich war es besser, ihn gar nicht darum zu bitten.

Am Morgen des Prüfungstages stieg ich, jagdlich fein zurechtgemacht, in den Porsche und rauschte vergnügt nach Augsburg. Im Prüfungslokal traf ich im Vorraum auf etwa zwei Dutzend junge und mittelalte Männer. Niemand nahm von mir Notiz. Nach einiger Zeit kam ein Bursche auf mich zu, schaute mich von oben bis unten sehr kritisch an und fragte: „Was willsch denn du da, Mädle?“

Natürlich erkannte ich den Dialekt meiner Kindertage und gab ihm in breitestem Allgäuerisch zurück: „Nix anders wie du au willsch!“ Der junge Mann staunte nicht schlecht und meinte, dass er mich aus keinem Kurs kennen würde. Auch den Kollegen, die drüben am Tresen standen, wäre ich unbekannt. Seine Neugierde war geweckt. „Aber, wo hast du denn den Kurs besucht?“, wollte er wissen. Als ich ihm sagte, dass mein Mann meine jagdliche Ausbildung übernommen habe und ich mich in allen Sparten des Weidwerkens fit gemacht habe, kannte sein Erstaunen keine Grenze und er meinte: „Da rasselst du aber gewaltig durch, bei den strengen Prüfern. Und a Mädle noch dazu, du tust mir richtig leid.“

Durch unser Gespräch aufmerksam geworden, kamen noch mehr Leute von der Theke und starrten mich an. Der Mann, der mich so neugierig ausgefragt hatte, erklärte lautstark der versammelten Runde: „Die Frau will die Jägerprüfung machen. Anerkannten Unterricht hat sie keinen besucht. Was sagt ihr dazu?“ Lautes Durcheinander war die Antwort. Ich versuchte, gar nicht hinzuhören, was mir da an Negativem entgegengebrüllt wurde. Ich vernahm nur Wortfetzen wie: „Des schafft die Verrückte nie, die Ziege spinnt! Wir lernen doch nicht umsonst ein ganzes Jahr für die Prüfung. Wenn es so einfach ginge, dann wären wir ja blöd.“ Mein Mut fing an zu wanken. „Jetzt musst du Nerven bewahren, nur nicht irre machen lassen“, sagte ich mir. Ich ging zur Theke und bestellte mir einen Schnaps, kippte ihn in einem Zug hinunter, stellte mich ans Fenster und starrte hinaus.

Die große Tür ging auf, ein älterer Jäger begrüßte uns und bat uns zur Registrierung in ein kleines Büro. Dann wurden wir in drei Gruppen aufgeteilt und jede wurde von einem Prüfer abgeholt. Nur ich wurde nochmals ins Büro gebeten. Der Jäger, der uns begrüßt hatte, fragte mich, ob ich mich wirklich der Prüfung stellen wolle. „Selbstverständlich“, sagte ich mit fester Stimme, „ich habe nicht umsonst so viel gebüffelt.“

Die Prüfung dauerte den ganzen Tag. Nur eine ganz kleine Mittagspause wurde uns gegönnt. Um siebzehn Uhr versammelten wir uns im Entree. Einer der Prüfer kam und erklärte uns, er werde die Namen der Jagdanwärter, die bestanden hatten, alphabetisch vorlesen. Der Aufgerufene möge vortreten und sein Diplom abholen. Wer nicht genannt werde, habe leider nicht bestanden. Er solle das nicht als Unglück sehen, der LJV werde heuer im Sommer nochmal einen Ausbildungskurs anbieten. Damit habe jeder die Möglichkeit, sich noch vor Beginn der herbstlichen Jagdsaison prüfen zu lassen.

Immer mehr Männer hatten ihr Zertifikat bekommen. Das „M“ war längst aufgerufen, aber ich war nicht genannt worden. Scheele Blicke trafen mich und mir wurde heiß und kalt. Ich fühlte, ich war den Tränen nahe. Da hörte ich den Prüfungsleiter sagen: „Und nun zu unserer Dame. Sie hat die Prüfung bestanden, sogar sehr gut bestanden, sie hat die höchstmögliche Punktzahl erreicht. Ich gratuliere ganz herzlich. Bitte holen Sie Ihr Diplom ab!“

Wie im Traum ging ich nach vorne und hielt endlich das lang ersehnte Stück Papier in meiner Hand.

Die Männer standen in Gruppen und diskutierten laut über den Tag. Manche schoben sich in kleiner Runde zur Theke, um den Erfolg oder den Schreck hinunterzuspülen. Ich ging langsam zu meinem Porsche, der ja gar nicht mein Porsche war. Jetzt musste ich mich erst mal ins Auto setzen, durchschnaufen und mich entspannen. So erregt wie ich war, konnte ich mich mit dem teuren Schlitten nicht auf die Straße wagen. Nun kamen die frischgebackenen Jäger plaudernd auf den Hof. Der Carrera stach ihnen sofort ins Auge und einer nach dem anderen umschlich das tolle Auto. Schließlich trauten sich einige, mich nach technischen Einzelheiten des Wagens zu fragen. Ich konnte keine zufriedenstellende Auskunft geben, denn es war ja nicht mein Auto. Großes Erstaunen überall. Da fährt die Frau eine so tolle Karosse und hat keine Ahnung von der Beschleunigung, weiß nicht wie viel Sprit sie frisst und hat keinen Sinn für die Frage, ob die angegebene Höchstgeschwindigkeit auf dem Tacho auch erreichbar ist. Zu meinem Prüfungserfolg hat mir keiner gratuliert. Das war ein kleiner Vorgeschmack von dem, was mich als Jägerin in Zukunft erwarten würde.

Nach bestandener Jagdprüfung

Langsam fand ich wieder zu meinem inneren Gleichgewicht und wagte die Heimfahrt. Sie dauerte sehr, sehr lange. Damals hatte man noch kein Handy und so konnte ich nicht zu Hause anrufen und berichten, was auf der Autobahn gerade passiert war.

Wenige Autos vor mir fuhr ein Laster. Plötzlich kam er ins Schlingern, vermutlich durch einen Fahrfehler, knallte an die Mittelplanke, wurde zurückgeschleudert, stieß rechts an einen Brückenpfeiler, kippte auf die Seite und schlitterte in Seitenlage ein Stück dahin. Die Laderampe sprang auf, die Abdeckplane riss und jede Menge Bierkisten schlugen auf den Asphalt. In Sekunden war die Fahrbahn bedeckt mit Scherben und Plastikteilen – das Bier floss in Strömen. Dann kam das Fahrzeug zum Stehen, besser, es lag ruhig. Weitere Flaschen fielen unter lautem Gepolter von der Ladefläche und verwandelten die Autobahn in einen Bier-See, vermischt mit Resten von Flaschen. Es roch fürchterlich nach Suff.

Zum Glück konnten die Autos vor mir rechtzeitig bremsen. Ich hatte genügend Abstand zum Geschehen gehabt und so passierte mir nichts. Der Fahrer des verunglückten Lasters stieg selbstständig aus, schaute sich um und musste sich übergeben. Ich weiß nicht, ob aus Schreck vor dem, was er angerichtet hatte, oder wegen des aufdringlichen Biergestanks, oder ob er wegen einer Verletzung seinen Magen spontan entleeren musste.

Jetzt hieß es warten! Jemand betätigte die Notrufsäule. Dann kam die Polizei, dann kamen die Sanitäter, dann die Straßenreinigung. Es dauerte Stunden, bis dieses Stück der Autobahn wieder passierbar war.

Sehr spät kam ich daheim an. Mein Mann war in höchster Aufregung. Er hatte sich nicht erklären können, wo ich so lange geblieben war. War etwas passiert oder hatte ich das heiß geliebte Auto des Schwagers zu Schrott gefahren? Seine Freude war riesengroß, als ich ihm mein Zertifikat für die bestandene Prüfung zeigte und berichtete, dass ich mit der höchstmöglichen Punktzahl alle Fragen beantwortet hatte.

Lange saßen wir zusammen und plauderten und sprachen über den Verlauf der Prüfung, über die Jagd und die Pläne für das Revier. Beide waren wir so aufgekratzt, wir hätten keinen Schlaf gefunden, wenn wir uns niedergelegt hätten. Es war schon fast morgen, aber nach Ruhe war uns noch immer nicht zumute. Wir beschlossen, raus ins Revier zu gehen. Wir wollten den beginnenden Tag erleben, ganz ohne Gewehr. Beide mussten wir über uns seltsame Jägersleute lachen. Da hatten wir ein ganzes Jahr fleißig und eifrig dafür gearbeitet, dass ich als Jägerin mit der Waffe auf der Schulter in den Wald durfte. Endlich hatte ich es geschafft, aber den ersten Morgen wanderten wir unbewaffnet, wie Spaziergänger, durch die Natur.