Gemeinsam das Leben gestalten - Grete J. Adrian - E-Book

Gemeinsam das Leben gestalten E-Book

Grete J. Adrian

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Beschreibung

Seit jeher haben sich Denker damit befasst, wie Menschen ihr Leben selbstbestimmt gestalten können. Freiheitsbewegungen gegen Willkür und Unterdrückung prägen die Geschichte der Völker. Es scheint in der Natur des Menschen verankert zu sein, freiheitlich denken und handeln zu wollen. Besonders der Tiefenpsychologie, aber auch verwandter Wissenschaften verdanken wir Erkenntnisse, die uns einen Weg zur Mündigkeit und zu einem ausgewogenen Zusammenleben führen. Das Buch zeigt an psychologisch orientierten Pädagogen, Psychologen, Philosophen und Schriftstellern sowie an Praxisbeispielen auf, wie versucht wurde, einen Weg zu einem gemeinschaftlich verträglichen Zusammenleben zu finden. Die Frage nach einem Leben in Frieden und Freiheit kann nur beantwortet werden, wenn wir uns ein Menschenbild erarbeiten, welches auf dem Boden wissenschaftlicher Erkenntnisse steht. Die Übel und Irrtümer der Menschheit wie Krieg, Unterdrückung, soziale Ungerechtigkeiten, Umweltzerstörung und Raubtiermentalität können und müssen korrigiert werden, wenn wir überleben wollen.

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Seitenzahl: 236

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Inhalt

Zum Geleit

Selbstbestimmtes Leben

Freiheit und Mitmenschlichkeit

Die Psyche als Forschungsobjekt

Der Freiheitsbegriff in der Geschichte

Freie Entscheidung und Persönlichkeitsentfaltung

Die Kritik der Willensfreiheit bei Friedrich Nietzsche

Welche Werte gelten noch in unserer modernen Gesellschaft?

August Aichhorn und seine Arbeit mit Verwahrlosten

Das pädagogisch-psychologische Grundkonzept von Aichhorn

Zur Erziehung Unsozialer

Das Erziehungsheim Oberhollabrunn

Die Schulung von Erziehern

Freiheit beim Lernen

Psychologisches Gespräch an einem Mittwoch

Transkriptionsausschnitt: Beziehungsstörung

Max Stirners Begriff der Eigenständigkeit

Paul Reiwald: Gesellschaft und Verbrechen

Den Menschen verstehen lernen

Freiheitliche Bestrebungen in der Partnerschaft

Geschichte

Die Geschlechterrolle

Partnerwahl

Sprache

Psychologie

Liebe, Erotik und Sexualität

Henrik Ibsen:

Nora

Zum Inhalt

Biographisches

Bildung als Träger eines geglückten Zusammenlebens

Emotionen, Gefühle und Affekte

Hass als Vorurteil

Die Entscheidungsfreiheit bei Jean-Paul Sartre

Die Kindheit eines Chefs

Exploration

Einige Daten aus Sartres Kindheit

Sartre und Lucien

Sartres Freiheitsbegriff

Sartre im Blickwinkel seiner Kritiker

Albert Camus und die Freiheit im Dienst der Revolte

Das Bemühen um Freiheit

Erasmus von Rotterdam (1466-1536)

Michel de Montaigne (1533-1592)

Arthur Schopenhauer (1788-1860)

Martha Nussbaum

Verbunden-Sein

Literatur

Danksagung

Über dieses Buch

Weitere Bücher von den Autoren

Zum Geleit

Menschen sind künstlerisch und schöpferisch. Auch freie Arbeit ist ohne Kreativität nicht denkbar und Kunst ist der Ausdruck von individueller Lebensgestaltung. Malerei, Bildhauerei, Literatur, Musik, Tanz bedeutet Vervollkommnung und Schönheit. Kunst ist der Anstoss für ein menschenwürdiges Leben, bei dem das Humane schrittweise verwirklicht werden kann. Echtheit, Offenheit und innere Freiheit äussern sich in der Kunst mit sinnlicher Klarheit. Psychologische Wissenschaft und Kunst vereint, dass sie beide die Tiefe der Seele beleuchten. „Und meine Seele spannte weit ihre Flügel aus“, schreibt Eichendorff in einem Gedicht, um den Eindruck von einem Gefühl der unerschöpflichen Grösse allen menschlichen Erlebens zu vermitteln. Die kunstvolle Lebensgestaltung ist etwas Vortreffliches, die aber nicht leicht zu haben ist.

Grete und Friedhelm Adrian

Selbstbestimmtes Leben

Menschen haben sich seit jeher darüber Gedanken gemacht, in welchem Umfang Freiheit für das Individuum gelten kann. Menschen sind Gemeinschaftswesen und aufeinander bezogen. Was wiegt mehr, die Bedürfnisse des Individuums oder die der Gemeinschaft? Bestimmt das Sein das Bewusstsein oder ist es umgekehrt? Oder gelingt es uns, eine Brücke in dieser Frage zu bauen? Welche Voraussetzungen müssen gegeben sein, um eine möglichst grosse Entfaltung des Individuums zu gewährleisten? Alle beweglichen Systeme der Natur sind auf Erhalt und Zweckmässigkeit ausgerichtet.1 Unzweckmässiges entspricht nicht dem Leben und geht zugrunde. In der Forschung können wir mit dem Prinzip als ob, der Erkenntnistheorie von Hans Vaihinger,2 der Wahrheit näherkommen. Vaihinger ging davon aus, dass die Meinungen gewöhnlich mit Irrtümern behaftet und widersprüchlich sind. Jeder nimmt jedoch an, dass diese stimmen, als ob sie der Wahrheit entsprechen. Bei der Anwendung zeigt sich dann aber Erfolg oder Misserfolg, und so gelangen wir zu neuem Wissen.

Ohne Bios keine Psyche, dieser Zusammenhang ist eindeutig! Diese Voraussetzung wird nicht immer berücksichtigt, wenn es um die Frage geht, wie wir diese Verschmelzung von Psyche und Bios sehen sollen. Am ehesten erkennt man diesen Zusammenhang bei somatischen Erkrankungen, deren Ursache im Psychischen vermutet wird. Aber auch umgekehrt können körperliche Erkrankungen auf die Psyche einen erheblich negativen Einfluss ausüben. Eine weitere Überlegung muss uns auch auffallen, den der Zweckmässigkeit, die allem Leben eigen ist. in wie weit spielt diese eine Rolle im psychischen Bereich?

Die Anpassungsfähigkeit an die Gegebenheiten der Natur ist für jedes Lebewesen Bedingung, sie bedeutet die Erhaltung der Art. Im psychischen Bereich ist diese Eigenart ebenso auffällig und es gilt als Faktum, dass jedes Individuum sich am besten entfalten kann, welches die Umgebung im Sinne des Gemeinwohls in seine Entscheidungen einbezieht.

Wie können wir aus diesem Zusammenwirken zu realen Resultaten kommen? Was wir in der Biologie als eine fortgesetzte Umbildung erkennen, indem die Gattung Mensch bei Einflüssen von aussen durch langsame Abänderung erhalten bleibt, gilt in gewisser Weise auch für die geistige Entwicklung. Durch den Prozess der Erziehung, alle anderen Einflüsse von aussen und die Nachahmungsfähigkeit des Kindes kommt geistige Entwicklung und Bildung zustande.

Vielleicht kann auch von einem Gleichgewicht gesprochen werden, welches zwischen Mensch und Umwelt herrschen muss, wenn das Ganze sich erhalten will. Das setzt eine gewisse Beweglichkeit voraus, wenn der Lebensprozess als Ganzes funktionieren soll.

Wann ist ein Mensch frei? Gibt es gute Vorbilder? Wo stossen wir auf Widerstände: in uns, ausserhalb von uns oder beides? Sind wir in der Lage, unser Leben selbst zu bestimmen? Müssen wir nicht ständig auf andere Rücksicht nehmen? Wie gross sind die Einflüsse von Kindheit an, die uns einschränken und welcher Art sind diese? Bleibt da noch Raum für uns selbst? Es dürfte einleuchten, dass es eine rasche Antwort auf all diese Fragen nicht geben kann.

Vermutlich kommt die Bedeutung des Wortes „frei“ aus dem Indogermanischen, wo Frei-Sein mit Gleichberechtigung in einer Gemeinschaft aufgefasst wurde, die in friedlichem Miteinander lebte und diesen Zustand nach aussen verteidigte.

Der aufmerksame Beobachter findet mannigfaltige Beispiele bei uns Menschen, wo Freiheitsbestrebungen zum Ausdruck kommen. Von Kindheit an will der Mensch selbst entscheiden, so z. B. können wir das schon bei ganz kleinen Kindern erleben, wenn die Mutter ihr Kleines in den Kinderwagen setzen will und das Kind sich sträubt und schreit. Ob sich ein Kind führen lässt, dazu braucht es allerdings Eltern, die die Bildsamkeit durch einen sorgfältigen Umgang mit dem Kind pflegen können. Viele scheitern dabei, und die Kinder entwickeln früh einen Schutzpanzer und Abwehrmechanismen, sie halten sich die Welt vom Leib und sind schwer zugänglich für Bildung.

Alle Lebensumstände lassen zudem erkennen, dass jeder versucht, sein Leben so zu gestalten, wie es ihm von seiner Warte aus als passend erscheint. Wird er daran gehindert, dann fühlt er sich unwohl und sucht nach Auswegen.

Freiheit im Denken und Handeln scheint eine Voraussetzung für seelische Gesundheit zu sein und somit zum menschlichen Wesen zu gehören. Erich Fromm3 macht einen Unterschied zwischen der Freiheit von etwas und der Freiheit zu etwas. Freiheit von etwas (negative Freiheit) zu gewinnen ist noch keine Freiheit zu (positive Freiheit) einer neuen und sinnvollen Möglichkeit im Leben des Einzelnen. Man kann sich z. B. von dem Zwang des Alkoholmissbrauchs befreien, steht aber dann vor der Aufgabe, einen neuen Sinn für das eigene Leben zu suchen (z. B. eine nützliche Tätigkeit), und das wäre dann eine Eigenleistung.

Als Fluchtmechanismen aus der Freiheit nennt Fromm:

Die Flucht ins Autoritäre

Die Flucht ins Destruktive

Die Flucht ins Konformistische.

Als äussere Freiheit gilt alles, was sich im zwischenmenschlichen und gesellschaftlichen Bereich abspielt. Innere Freiheit ist ein Zustand, der es einem Menschen ermöglicht, seine natürlichen Anlagen und Vorstellungen zu nutzen.

Der Weg zu dieser inneren Freiheit sowie zu einem Handeln in Sinne des Gemeinwohls führt vor allem über die Erziehung und Bildung zum Ziel.

In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage nach dem freien Willen. Sigmund Freud, der Entdecker des Unbewussten, plädierte für einen konsequenten Determinismus, nach ihm ist der Mensch unfrei und gezwungen, alle guten wie schlechten Verhaltensweisen zu wiederholen. Alfred Adler sah das anders; er war der Ansicht, dass besonders Kinder in den ersten Lebensjahren noch nicht in ihrem Tun festgelegt sind und aufgrund ihrer Interpretationsfreiheit bei den erlebten Lebenssituationen einen gewissen Spielraum haben, der allerdings später bei der Festigung des Charakters verloren geht.

Beide Anschauungen haben einen wahren Hintergrund, besonders wenn wir die charakterlichen Fehlentwicklungen in Rechnung stellen. Man kann immer wieder beobachten, dass die eingeschliffene Spur, das was wir Charakter nennen, befahren wird. Wenn ein Mensch misstrauisch ist, dann wird diese Art der Betrachtung in allen Lebenslagen eine Rolle bei seinen anstehenden Entscheidungen spielen. Ebenso wird eine Person, die Mitleid empfindet, spontan helfen wollen, wenn anderen ein Unglück widerfahren ist. All diese Betrachtungen gehen von dem jetzigen Durchschnittsmenschen aus, der nur wenig menschengerechte Erziehung genossen hat und in einer Welt lebt, die zu einem grossen Teil als verwahrlost und krank bezeichnet werden muss. Die Frage ist, was in der menschlichen Natur steckt, wenn sie sich ungehindert und frei entwickeln kann. Ist es nicht so, dass dieser homo sapiens sich dann aufgrund seiner entwickelten Vernunft frei entscheiden kann? Was soll ihn daran hindern, den Streit in der Partnerschaft aufzugeben, wenn er einsieht, dass er sich damit selber schadet? Warum soll er nicht in der Lage sein, eine passende Tätigkeit zum Wohle der Allgemeinheit zu wählen? Jeder vernünftige Mensch wird auch einem Irren, der einen Krieg anzetteln will, nein sagen und nicht sein Leben für eine wahnwitzige Idee opfern. Wenn wir uns z. B. aus Autoritätsangst zu etwas verleiten lassen, was uns und anderen schadet, dann ist das nicht mehr der in seinem Inneren freie Mensch, sondern der verkümmerte und irritierte, der unter seinem Mangel am wahren Menschsein leidet. Da bis heute die Erziehung trotz grosser Fortschritte immer noch recht zaghaft von den Erkenntnissen der Tiefenpsychologie Gebrauch macht, ergeben sich Einschränkungen im Fühlen und Denken, die eine Willensfreiheit stark in Frage stellen (siehe Fluchtmechanismen).

In der Folge wird der Versuch unternommen, die Bedeutung des freiheitlichen Miteinander zu untersuchen, besonders in den Kernbereichen Arbeit, Liebe und Gemeinschaft.

1 Hartmann, Nicolai: Philosophische Grundfragen der Biologie. 1912

2 Vaihinger, Hans: Die Philosophie des Als Ob. Berlin 1911

3 Fromm, Erich: Die Furcht vor der Freiheit. Dtv. 1941

Freiheit und Mitmenschlichkeit

Die Menschen haben so lange unter den Verblendungen der Gewalt gelebt, dass Gewaltausübende sowie Gewalterduldende naiv zu der Überzeugung gelangt sind, diese Art menschlichen Verhaltens sei … das allernormalste.

Leo Tolstoi (1828 - 1910)

Werfen wir einen Blick auf die Synonyme zu dem Begriff „Gewalt“, dann fällt auf, wie breit gestreut er ist:

Härte, Strenge, Lieblosigkeit, Kompromisslosigkeit, Rigorosität, Druck, Nötigung, Willkür, Prestige, Unterdrückung, Unrecht spielen sich nicht selten im Privaten ab.

Macht, Einschüchterung, Behinderung, Unterdrückung, Herrschaft, Allmacht, Staatsmacht, Verstoss, Illegalität, Vergehen, Übertretung, Einmischung, Verfolgung, Grausamkeit, Diktatur, Horror findet man vor allem im gesellschaftlichen Bereich wieder.

All das darf keinen Einfluss auf Menschen ausüben, wenn wir Freiheit verwirklichen wollen. Inwieweit wir als Einzelne oder als Gesellschaft von Gewalt frei sind, muss jeder selbst für sich entscheiden. Wir gehen voraussichtlich nicht fehl, wenn wir bei dem einen und anderen Synonym der Gewalt zugeben müssen, dass wir hier Aufholbedarf hätten. Verwunderlich ist das nicht, wenn wir nur schon die Erziehung und die gesellschaftlichen Verhältnisse, denen wir ausgesetzt waren und sind, in unsere Überlegungen zur Betrachtung der Freiheit mit einbeziehen.

Wie erfrischend klingen da doch die Verse von Denis Diderot (1713-1784, französischer Schriftsteller und Philosoph), der durch Zufall durch eine getrocknete Bohne im Dreikönigskuchen zum König für eine Nacht gekrönt wurde und spontan seine eigenen Gesetze verfasste:

Das Motto meiner Gesetze heisst:

Jeder soll nach seiner Façon glücklich sein.

Denn das ist unser Wille.

Geschrieben im Jahr eintausend siebenhundert und siebzig,

Neben einer anziehenden Frau sitzend,

Mein Herz in der Hand, die Ellenbogen auf dem Tisch,

Gezeichnet: Denis, ohne Land und Château,

König von Gnaden des Gâteau.4

Die freiheitliche Lebensart findet seine Charakterisierung darin, ohne Gewalt auszukommen. Das setzt eine Gesinnung voraus, die alle Menschen als achtenswert empfindet. Ist das aber nicht etwas zu hoch gegriffen, wenn wir die Verschiedenheit eines jeden Menschen in Betracht ziehen? Jemand sagte mir, man könne es doch nicht allen recht machen. Ein anderer meinte, dass allein schon die Vielfältigkeit der Kausalitäten, also die Ursachen von Gewalt, fast unüberblickbar sei.

Es stimmt, dass alle Menschen verschieden sind. In einem gleichen sie sich aber: ihre Natur ist auf den Mitmenschen ausgerichtet. Von Kindheit an ist es das Bestreben eines jeden, die Anerkennung des anderen zu erlangen. Wäre das nicht so, hätten wir als Eltern und Erzieher kaum eine Chance, den Zögling zu erreichen, er wäre unerziehbar. Im späteren Leben ändert sich nichts an der Tatsache, dass wir den Mitmenschen zum Überleben brauchen. Peter Kropotkin ist einer der Wissenschaftler, der diese menschliche Grundhaltung erforschte und in seinem Buch: „Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschwelt“ eindrücklich beschrieb. Einfühlungsvermögen (Empathie) lässt sich nachweisen bis zu unseren Vorfahren und den Säugetieren. Wer Kleinkinder von ca. 20 Monaten beobachtet, stösst auf eindrückliche Beweise, wie sie in der Lage sind, sich in andere einzufühlen. Besonders in Notsituationen eines anderen können Menschen emotionale Teilnahme entwickeln und Hilfe leisten. Jeder Mensch wünscht sich Beziehung zu den Mitmenschen und der amerikanische Psychiater René Spitz dokumentierte 1946, wie Heimkinder beim Fehlen mütterlicher Liebe depressiv wurden. 1960 stützte der britische Psychiater John Bowlby diese Erkenntnisse durch seine Forschung zur Bindungstheorie, und Mary Ainsworth, eine kanadische Psychologin, lieferte den empirischen Beweis dafür.5

Gewalt war in der Geschichte der Menschheit eher eine Ausnahme, auch wenn die eine machtorientierte Geschichtsschreibung das Gegenteil behauptet. In der Jungsteinzeit lassen sich zudem keine Waffen oder militärische Anlagen finden.

Die Corona-Pandemie bestätigt diese Empathie in der jetzigen Situation. Solidarität, was heisst, für das Ganze verantwortlich zu sein, wird weltweit gelebt, auch im Privaten. Solidarität hat heute viel mit Rücksicht und Verzicht zu tun, aber auch mit Vertrauen.6

Die Voraussetzung aller Überlegungen zu einer freiheitlichen Einstellung ist die Annahme einer sozialen Natur des Menschen. Der Hirnforscher Gerald Hüther sagt es so:

Kein Lebewesen existiert für sich allein. Jedes Bakterium, jede einzelne Zelle, jede Alge, jeder Pilz, jede Pflanze und jedes Tier, alles, was lebendig ist, braucht andere Lebewesen – auch um selbst zu überleben – aber vor allem, um sich weiterentwickeln und seine dabei gemachten Erfahrungen an seine Nachkommen weitergeben zu können. Leben heisst also immer, mit anderen verbunden und von anderen abhängig zu sein.7

Die Psyche als Forschungsobjekt

Die Naturwissenschaft bedient sich der induktiven Methode, der Herleitung von Wissen aus Informationen. Das gilt für die Theorie und Praxis. Was in der psychologischen Forschung beobachtet wurde und zu Erkenntnissen der menschlichen Natur führte, ist, dass z. B. Charaktereigenschaften nicht angeboren sind. Der Mensch muss alles erlernen; was Menschen später tun und wollen, hängt weitgehend mit der Erlebnisverarbeitung in der Kindheit zusammen. Alle Aussagen, die eine Bösartigkeit des menschlichen Wesens postulieren, verwechseln die Bausteine der Natur mit den Fehlentwicklungen des Menschen durch Erziehung und Umwelteinflüsse. Menschen haben es schwer, sich selbst zu erkennen, da sie zugleich Subjekt und Objekt bei der Erforschung der eigenen Gattung sind. Bei der Erforschung der Eigenart eines Tieres fällt es uns leichter, über diese etwas auszusagen. Als letzthin ein Hundeflüsterer zu einem verhaltensgestörten Hund gerufen wurde, wurde schnell klar, dass der Hundehalter sich nach dem Hund ausgerichtet hatte und nicht der Hund nach seinem Herrn. Ein Hundekenner würde auch nicht so rasch die Natur des Hundes wegen eines Fehlverhaltens infrage stellen. Beim Menschen stellen wir ein Fehlverhalten schnell der Natur in Rechnung und fragen nicht nach den Ursachen. Es müsste uns doch auffallen, dass Verhaltensweisen gegen alles Soziale enorme psychische Leiden nach sich ziehen. Auch könnten wir beobachten, dass die weitaus überwiegende Menschheit friedlich zusammenlebt, obwohl sie oft aufs schwerste bedrängt und drangsaliert wird.

Wie kann eine störende Charakterhaltung geändert werden? Haben wir die Freiheit, unserem Leben neu zu gestalten, wenn wir mit unseren Taten nicht recht zum Ziel kommen? Haben wir einen freien Willen, der imstande ist unsere Gefühle zu steuern? Kaum jemand wird daran zweifeln, dass Selbstbestimmung ein erstrebenswertes Ziel ist, wäre da nicht das, was wir unser Unbewusstes nennen. Freud vertrat die Ansicht, das Unbewusste sei der grosse Eisblock unter der Wasseroberfläche, das Bewusste rage demgegenüber nur wenig aus dem Wasser heraus. Demnach müssten wir versuchen, uns einen Einblick in unser Werden zu verschaffen, wenn wir die Ursachen unseres Verhaltens begreifen wollen. Eigentlich ist das in der Technik üblich, wenn eine Maschine nicht gut läuft, forschen wir nach den Ursachen. Alles auf die Vererbung zu schieben ist eine allzu einfache Ausrede.

Auch spielt die Angst mit, ein eingeübtes und vertrautes Verhalten, welches uns eine relative Sicherheit im Umgang mit anderen vermittelt, aufzugeben und Neuland zu betreten. Bei Schwierigkeiten mit einem Computerprogramm wenden wir uns ohne Hemmungen an einen Kollegen oder Fachmann. Wenn es um unsere Einstellungen zum Leben geht, schrecken wir oft davor zurück, uns neu zu informieren, denn hierbei kommen Gefühle mit ins Spiel, die bei materiellen Dingen keine grosse Rolle spielen.

Hinter der Erforschung der menschlichen Natur steckt die Suche nach einer besseren Lebensbewältigung. Das macht der Forscher mit Hilfe seiner schöpferischen Phantasie, die ihn befähigt, seine Beobachtungen hypothetisch zu einem Gesamtbild zusammenzufassen. Das Ziel der Forschung ist nicht eine abgehobene Wahrheitssuche, sondern man will die Probleme des Lebens besser meistern. Für Spekulationen, die Jahrhunderte die Menschen verwirrten, hat es dabei keinen Platz. Menschen verfolgen im Alltag Ziele und wenden dazu Mittel an, die von dem frühkindlich erworbenen Menschen- und Weltbild abhängen, sowie von ihrem erworbenen Charakter. Es handelt sich hier um ein zumeist unbewusstes Streben nach Behauptung und Entfaltung, eine Bewegung hin zur Bewältigung des individuellen Lebens.

Die soziale Psychologie beschreibt die Eigenart des Menschen nach den Gesetzen der Natur. Grundlegend ist dabei die erkenntnispsychologische Perspektive, demzufolge allein die sinnliche Wahrnehmung als Quelle für realistische oder irreführende Einschätzungen gelten kann.

Nun haben einige Philosophen die Eigenart des Menschen nicht nach den Gesetzen der Natur beschrieben, sondern eine Eigengesetzlichkeit des menschlichen Geistes formuliert. Der Mensch sei nichts ohne die Geschichts- und Kulturgeschehnisse. Die geisteswissenschaftliche Psychologie von Wilhelm Dilthey meint, der Mitmensch würde als etwas Fremdes erlebt, was ausserhalb der eigenen Erfahrung angesiedelt ist. Daher sei der Mitmensch nicht erklärbar, da der Zugang zu ihm immer nur über das eigene Selbstverständnis zustand komme und daher stets subjektiv sei. Man könne nur Ideen entwickeln und versuchen zu verstehen, was im Menschen vorgeht. Die Herrschaft von Ideen müsse daher über die Natur gestellt werden. Es erstaunt deshalb auch nicht, wenn in der geisteswissenschaftlichen Psychologie der Mensch nicht von seiner Natur her gut ist, sondern hier entscheidet die Umwelt, ob er sich zum Guten oder zum Bösen entschliesst. In der naturwissenschaftlichen Psychologie, so wie sie z. B. von Alfred Adler und Friedrich Liebling gedacht wurde, ist die menschliche Natur sozial und gut. Abweichungen davon sind keine Bösartigkeiten, sondern Gefühlsirritationen des Seelenlebens.

Die Naturwissenschaft steht wie die vernunftbetonte Epoche der Aufklärung auf dem Boden eines neuen Selbstbewusstseins des Individuums. Aber genau das wollte man nicht, dass die Menschen die Welt nicht mehr als übersinnliches Geheimnis betrachten, denn dann kann man sie nicht mehr manipulieren und beherrschen. Die Aussage von F. Liebling hat jedoch trotz allem seine Richtigkeit: „Das Gemeinschaftsgefühl ist gleichsam der soziale Instinkt des Menschen, durch den die Gemeinschaft der Menschen besteht.“ Ohne Empathie und gegenseitige Hilfe wären das gemeinsame Zusammenleben und die Erfüllung der gesellschaftlichen Aufgaben undenkbar.

Der Freiheitsbegriff in der Geschichte

In der griechischen Antike war Freiheit vor allem ein Privileg der Gebildeten. Man hielt Sklaven und unterwarf fremde Völker. Lediglich die Stoiker und ihr Begründer Zenon von Kition (300 v. Chr.) verurteilten die Sklaverei. Sie traten für eine ganzheitliche Welterfassung ein, die dazu drängt, mit Gelassenheit und Seelenruhe nach Weisheit zu streben, und das sollte alle Menschen umfassen. Das Streben nach individuellem Seelenheil und Lebensglück war ihnen wichtig. Voraussetzung sei eine weitgehende Affektkontrolle, die zur Freiheit von Leidenschaften führen kann. Auch Dogmatismus und das Fehlen von Vorurteilen sind Voraussetzungen für ein sinnvolles Nachdenken über Mensch und Welt. Der offene Geist, der an die Fülle von Möglichkeiten glaubt, die das Menschsein ausmacht, wird eher zu einem Kulturträger werden, als der auf Erhalt und Abschottung reduzierte Charakter.

Grundsätzlich stellten freiheitliche Denker der Antike die Menschenwürde in den Mittelpunkt, um ein gedeihliches Miteinander zu erklären. Ihr Freiheitsbegriff in der archaischen Epoche Griechenlands (800-500 v. Chr.) entstand mit der Selbstbestimmung der Bürgergemeinde (Polis) und umfasste deren männliche, wehrfähige, besitzende Bürger. Das heutige Verständnis von Demokratie findet ihre geistige Keimzelle in Orten wie z. B. Athen. Der Konflikt zwischen Sklaverei, Leibeigenschaft, erzwungener Arbeit und den Gedanken von Gleichheit und Menschenwürde wurde ebenso von den Philosophen aufgegriffen. Man fragte sich, ob es zu rechtfertigen sei, von der Natur her gesehen Menschen wie zweiten Grades zu behandeln. Gedanken zur Freiheit des einzelnen Menschen standen hierbei im Fokus. So wie der ideale Staat frei und selbstbestimmt sein sollte, so sollte es auch das Individuum sein. In allen Fällen solle die Vernunft als Wegweiser persönlicher und staatlicher Aktivitäten gelten.

Zur Zeit des Epikur (341-271 v. Chr.) entstanden in Griechenland verschiedene philosophische Schulen, neben den Epikureern hauptsächlich die der Skeptiker und Stoiker. Sie hatten sich das Glück und die individuelle Lebensgestaltung zum Ziel der Forschung gestellt. Epikurs Lehre beschäftigte sich mit den Möglichkeiten, die Bedürfnisse so zu regulieren, dass ein Gewinn an Lebensfreude daraus erwachsen kann. Damit verbunden war eine konsequente Diesseitigkeit aller Strebungen. Auch nahm man an, dass die Seele nach dem Tod erlischt. Ein ewiges Leben war für die Epikureer eine phantastische Vorstellung, die dem Bemühen, das Leben auf dieser Erde voll zur Entfaltung zu bringen, im Wege steht. Eine ausgewogene Seelenruhe zu Lebzeiten war denn auch das Grundmotiv dieser Philosophie.

Wenn wir versuchen, uns die Gedanken von Epikur in Erinnerung zu rufen, dann deshalb, um die Gegenwart als etwas Gewordenes begreifen zu lernen und Fehlentwicklungen oder Unterschiede zu erkennen.

Nichts auf dieser Welt (und besonders alles Menschliche) ist festgefügt, alles ist in Bewegung; diese Tatsache wird oft aus Bequemlichkeit, sich keine grossen Gedanken zum Leben machen zu müssen, verkannt. Wir können aber davon ausgehen, dass unsere Einstellungen zum Leben und zur Welt sich permanent durch neue Erkenntnisse und Lebensbedingungen verändern.

Epikur wurde um 341 v. u. Z. auf der Insel Samos geboren. Wir wissen nicht viel von seinem Werdegang, da die Überlieferungen spärlich sind. Interesse zeigte er bereits mit 14 Jahren an der Philosophie, und die Lehre von Demokrit beeindruckte ihn nachhaltig. Mit 18 Jahren kam Epikur nach Athen, wo er ein Gymnasion, eine Art militärische Vorschule, besuchte. Im selben Jahr kam es in Athen zu Revolten, da infolge des Todes von Karl dem Grossen die makedonische Vorherrschaft bekämpft wurde, jedoch ohne Erfolg. Wir haben erst wieder von Epikurs Leben Kenntnis, als er in Athen einen Garten (Kepos) erwarb und dort eine Schule gründete. Zu Beginn sollen es 200 Schüler gewesen sein, unter denen sogar Ehepaare, Frauen und Sklaven bei seinen Symposien gewesen sind. Böse Zungen haben behauptet, dass ausufernde Gelage und Exzesse stattgefunden haben sollen, was jedoch im Gegensatz zur Lehre von Epikur stehen würde. Leicht erreichbare Freude wurde gefördert, wie z. B. gut essen; sinnliche Begierden standen eher im Hintergrund. Im Jahr 271 v. u. Z. verstarb Epikur. Seine Schule lebte aber bis ins Jahr zwei weiter, zuletzt noch von dem Stoiker Mark Aurel gefördert.

Einige Zitate von Epikur sollen zum Nachdenken anregen:

Frei ist nur der Mensch, der innerlich frei ist, und nur das tut, was die Vernunft wählt.

Die süsseste Frucht der Genügsamkeit ist die Unabhängigkeit.