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Das Bewusstsein für die Schrecken des Holocaust schwindet, im öffentlichen Leben, im Bildungsbereich, in unserem Werteverständnis. Gleichzeitig gibt es immer mehr gewalttätige antisemitische Übergriffe. Eva Umlauf, Auschwitz-Überlebende und eine der letzten Zeitzeuginnen, macht das wütend: Weil die Politik zu wenig dagegen unternimmt. Und weil die Gesellschaft diesen Hass toleriert. Ihr dringlicher Appell benennt einerseits klar, warum wir rasch handeln müssen, wollen wir den autoritären Kräften nicht noch mehr Raum gewähren. Andererseits trägt er die Zuversicht in sich, dass es wirklich bei "Nie wieder!" bleibt und jüdisches Leben in Deutschland in Zukunft wieder ohne Angst möglich ist.
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Seitenzahl: 62
Veröffentlichungsjahr: 2026
Eva Umlauf
Thomas Bärnthaler
Ein Appell
Ich bin ein Kind der Konzentrationslager, geboren 1942 im Arbeitslager Novaky. Dies diente als Ausgangspunkt für Deportationen slowakischer Juden in Ghettos und Vernichtungslager im besetzten Polen. Die Slowakei war damals ein Vasallenstaat des NS-Regimes und ein williger Helfer der Judenverfolgung. Kurz vor Kriegsende wurden meine Eltern und ich nach Auschwitz deportiert, da war ich knapp zwei Jahre alt.
Es war vor allem Glück, dass wir am 3. November 1944 mit dem letzten Transport aus Sered nach Auschwitz kamen, dort zwar noch registriert und mit Nummern tätowiert wurden, die Gaskammern aber schon gesprengt waren – zur Vertuschung der Naziverbrechen vor der vorrückenden Roten Armee. So entkamen meine Eltern und ich um Haaresbreite der Todesmaschinerie.
»Du warst ein Zeichen des Lebens in Zeiten des Todes«, sagte meine Mutter später zu mir. Auch die Nachbarn in unserem slowakischen Städtchen Trenčín riefen uns nach der Befreiung zu: »Ein Wunder, dass ihr lebt.« Alle anderen aus unserer Familie hatten dieses Glück nicht. Außer meiner Mutter und mir überlebte niemand. Auch alle Geschwister meiner Mutter wurden ermordet: Franzi (Jahrgang 1911), Poldi (Jahrgang 1914), Berti (Jahrgang 1921). Mein Vater wurde nach der Ankunft in Auschwitz von uns getrennt. Kurz vor der Befreiung wurde er noch auf einen der Todesmärsche geschickt. Nach den Akten kam er im österreichischen Melk zu Tode. In der Todesbescheinigung steht: »gestorben an Blutvergiftung«. Überprüfen lässt sich das nicht. Meine Schwester Nora wurde erst kurz nach der Befreiung im April 1945 geboren. Auch sie ein Zeichen des Lebens.
Während meine Mutter mit uns den beschwerlichen Heimweg nach Trenčín antrat, geschah wenige Tage später in Buchenwald Historisches: Am 19. April 1945, kurz nach der Befreiung des Konzentrationslagers durch amerikanische Truppen, versammelten sich auf dem ehemaligen Appellplatz Überlebende. Im Auftrag des Lagerkomitees organisierte eine Gruppe von Häftlingen, darunter auch jüdische Überlebende, eine Gedenkfeier für die über 51000 Toten des Lagers. Dabei legten sie nach einer Ansprache ein Gelöbnis ab, das als »Schwur von Buchenwald« bekannt wurde: Sie schworen, den Nazismus mit allen Mitteln zu bekämpfen und eine Welt des Friedens und der Freiheit aufzubauen. Laut des Zeitzeugen und ehemaligen Buchenwald-Häftlings Heinz Brandt, der zuvor die Konzentrationslager Sachsenhausen und Auschwitz überlebt hatte, haben die Teilnehmenden dieser Gedenkfeier lautstark »Nie wieder« skandiert.
Diese Botschaft sollte nicht nur zum Bekenntnis der deutschen Gedenkkultur werden, sondern war auch ein Versprechen, das die neu gegründete Bundesrepublik Deutschland den Juden und der Weltgemeinschaft gab: Nie wieder dürfe sich Antisemitismus in Hetze, Entrechtung und Gewalt Bahn brechen. »Die Würde des Menschen ist unantastbar« – dieser eigentlich selbstverständliche Satz in der neuen deutschen Verfassung wurde fortan Leitlinie der neuen Republik.
Es war auch dieses Versprechen, das meinen Mann und mich 1967 nach Deutschland, ins Land der Täter, hat auswandern lassen. Wir hatten die braune Diktatur in den Lagern der Nazis überlebt, die rote Diktatur hinter dem Eisernen Vorhang ertragen – in Deutschland, dem Land, das etwas gutzumachen hatte, würden wir unser Judentum erstmals frei ausleben können, hofften wir. Mein Mann war ein polnischer Shoah-Überlebender, der Bekannte in München hatte. Die Polen wollten ihn nicht mehr ins Land lassen. So folgte ich ihm nach München. Ein Jahr später, nach der Niederschlagung des Prager Frühlings, kamen auch meine Mutter und ihr Mann.
In München haben wir uns eine neue Existenz aufgebaut, ich habe eine Familie gegründet und als Kinderärztin und Psychotherapeutin gearbeitet. Das Leben hier war nicht immer leicht, erst recht nicht für meine Mutter – der Antisemitismus war ja über Nacht nicht verschwunden aus den Köpfen. Er konnte sich nur nicht mehr so offen zeigen. Doch unsere Hoffnung war, dass die Zeit gegen Hass und rechtsradikale Ideologien arbeitet, dass aus der Lehre der Geschichte eine Verantwortung erwächst, die verhindert, dass Juden wie im Nationalsozialismus bedroht oder ermordet, Synagogen angegriffen, Gräber geschändet oder jüdische Geschäfte boykottiert werden. Diese Hoffnung, das weiß ich heute, war eine Illusion.
Die Angst ist wieder da. Juden werden wieder bedroht, Synagogen werden wieder angegriffen, jüdische Gräber geschändet und mit Naziparolen beschmiert, jüdische Künstler und Intellektuelle boykottiert. Und mit der AfD greift gerade eine Partei nach der Macht, die laut Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem gilt. Ich habe gehofft, dass ich in meinem Leben keinen Aufstieg einer rechtsextremen Partei mehr erleben muss. Was ist übrig vom Schwur von Buchenwald? Nie wieder? Schon wieder!
In den Tagen nach dem Massaker der Hamas vom 7. Oktober ist etwas in mir zerbrochen. Die alte, tiefsitzende Angst kam zurück: die Angst vor der erneuten Entgrenzung des Hasses. Mitgefühl gab es fast nur von meinen jüdischen Freunden und Bekannten. Und schnell, viel zu schnell waren Juden wieder die Schuldigen. Wurden wir wieder als die anderen markiert. Als Auschwitz-Überlebende erlebe ich diese Entwicklung mit besonderer Beklemmung.
Wo stehen wir also heute – mehr als achtzig Jahre nach der Stunde Null?
Juden wurden immer ausgegrenzt und als nicht zugehörig angesehen. Dieses Schicksal zieht sich durch unsere Geschichte. Im Mittelalter wurden Juden fast überall in Europa gezwungen, sich zu kennzeichnen. Sie mussten gelbe Flicken, Sterne oder Ringe an der Kleidung tragen oder gelbe, blaue oder rote »Judenhüte« aufsetzen.
Im von Deutschland besetzten Polen, wo mein erster Mann geboren wurde, war der »gelbe Stern« bereits ab November 1939 für alle Juden Pflicht. In Deutschland mussten Juden ab 1941 den Judenstern tragen, ebenso in meiner Heimat, der mit Nazi-Deutschland verbündeten Slowakei. Es war der letzte Schritt einer systematischen Entrechtung, die mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 begonnen hatte und die in den Vernichtungslagern ihre monströse Bestimmung fand. Dort wurden die verschleppten Menschen »registriert«.
Im Normalfall wurden Häftlingsnummern an der Kleidung angebracht. Nur in Auschwitz wurden Häftlinge ab 1942 tätowiert. Einerseits, um Verwechslungen der entkleideten Leichen auszuschließen, andererseits, um geflohene Häftlinge leichter identifizieren zu können. Die Häftlingsnummer ersetzte im Lager den Namen der gefangenen Personen. Der Mensch als Objekt, wie Vieh, das gebrandmarkt wird. Reduziert auf eine fortlaufende Nummer in den Todesfabriken.
Den Judenstern konnte man zumindest zu Hause noch ablegen – die Nummer nicht. Sie degradiert den Menschen zu einer bloßen Sache. Es ist die ultimative Entmenschlichung.
Auch meine eigene Geschichte beginnt mit dieser Markierung. Wir kamen am 3. November 1944 in Auschwitz an, mit dem letzten Transport aus Sered. Unser Zug war unterwegs defekt gewesen, was unsere Ankunft verzögerte und uns das Leben rettete. Drei Tage vor uns war ein Transport aus Theresienstadt eingetroffen, über tausend Menschen. Sie waren direkt ins Gas gegangen. Wir wurden noch registriert und tätowiert, doch die Gaskammern, ich habe es schon erwähnt, waren bereits gesprengt. Ich bin davongekommen. Die Nummer auf meinem Arm aber ist mir geblieben. Sie hat mich durch mein Leben begleitet. Ein Stigma, das ich lange versteckt habe. Die Nummer sagt: Du hast überlebt, aber eigentlich solltest du sterben. Die Nummer sagt: Du bist anders, du gehörst nicht dazu.
Dabei dachte ich als kleines Kind lange, alle Menschen hätten so eine Nummer. Die jüdischen Freunde meiner Eltern hatten sie. Meine Mutter hatte eine. Ihre war dunkelblau und ganz klein, gut leserlich, denn meine Mutter war ja erwachsen, als man sie tätowierte. Ich war zwei, mein Arm ist danach gewachsen, die Nummer ist verzerrt und blass, und trotzdem erkennt man sie noch. Niemand hat mir damals erklärt, was sie wirklich bedeutet. Das wagte meine Mutter erst, als ich größer war. Wie soll man so etwas auch einem Kind erklären?
Meine Nummer lautet A-26959. A steht für Frauen. Die Kinder wurden immer nach ihren Eltern tätowiert. Ich habe keine Erinnerung an diesen Tag im November 1944
