Georgien gegen den Strich - Susanne Voelpel - E-Book

Georgien gegen den Strich E-Book

Susanne Voelpel

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Beschreibung

Georgien, das kleine Land am Kaukasus, wartet darauf entdeckt zu werden. Es bietet: dramatische Landschaften, alte Klöster, urige Kneipen, eine lebendige Hauptstadt und die Möglichkeit, sehr viel Wein zu probieren. Das Buch gibt einen Überblick über Georgiens Geschichte, liefert Hintergrundinformationen zu dem, was dem Reisenden dort begegnet und beschreibt die wichtigsten Sehenswürdigkeiten. Im Buch enthalten ist ein kleiner Sprachführer Georgisch und spezielle Hinweise für Tolkien-Fans (die sich vorkommen werden, als seien sie in ihrem eigenen Film). Der letzte Teil des Buches erklärt, was Autofahrer beachten sollten. Ein Reiseführer für Menschen, die auf eigene Faust Land und Leute kennenlernen wollen.

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Seitenzahl: 217

Veröffentlichungsjahr: 2019

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INHALT

Am äußersten Rand von Europa

Wo soll ich anfangen?

Am äußersten Rand Europas

Das Monaco des Ostens

Was Georgien dem Reisenden bietet

Die Struktur dieses Buches

Teil 1: Hintergrundinformationen

Geographie:

Georgische Landschaften

Geschichte: Was Georgien mit Europa zu tun hat

Georgien, das „Reich der Zwerge?“

Höhen und Tiefen der georgischen Geschichte

Versuch einer Chronik

Ein Land als Festung

Wichtige historische Persönlichkeiten

Georgien heute

Bevölkerung

Sicherheit

Kriminalität

Neu in Georgien: Wechselkursbetrug

Als Frau Georgien allein bereisen

Allein im Restaurant

Bürokratie oder die Frage nach „der Nummer“

Sportliche Aktivitäten in Georgien

Wandern in Georgien

Mit dem Fahrrad durch Georgien

Laufen in Georgien

Skifahren in Georgien

Beliebte Sportarten

Musik: Festivals

Lokale Besonderheiten

Die georgische Spontanität

Und noch einmal: georgische Geschwindigkeit

Georgier und ihre Kultur

Vielvölkerstaat Georgien

Die verlorenen Territorien: Abchasien und Ossetien

Andere ethnische Minderheiten

Griechen

Juden

Armenier

Aserbaidschaner

Tschetschenen

Georgier und Muslime: keine Liebesgeschichte, Polen u. Deutsche

Diaspora Die georgische Exil-Gemeinde im Iran

Sprache: Fluch oder Segen?

Kleiner Sprachführer Georgisch

Beschriftungen im Alltag

Georgisch als Nationalsprache

Regierungsform: Demokratie oder Oligarchie?

Populismus ohne Konzept

Neue Medien und der Versuch der Einflussnahme

Medea-Mythos & Matriarchat

Nationale Mythen

Der Retter des georgischen Schatzes

Die sogenannte „Jeans-Generation“

Der Präsident des Übergangs

Die Rosen-Revolution

Die aktuelle Regierung

Der Traum von der richtigen“ Regierung

Die Schrecksenmeister: Privatlehrer in Georgien

Und ewig grüßt das Murmeltier: Warum sich in Georgien scheinbar nichts ändert

Die Beschäftigungssituation

Agrarland ohne Spaten: Leben in postsowjetischen Verhältnissen

Schreihälse & qualmende Schlote

Ohne Berührungsängste

Persisches Zeitgefühl

Die große Frage: Wie gastfreundlich sind Georgier denn nun wirklich?

Die georgische Küche

Achtung: Nüsse im Essen

Einige Hinweise für Veganer und Tierfreunde

Der georgische Hund

„Teilzeit-Waisen“

Reisetipps

Anreise

Flughäfen

Digitale Netze: “Tblisi loves you”

Stromversorgung

Überspannschutz

Tiflis

Stadtrundfahrten mit dem Doppeldeckerbus

Sehenswürdigkeiten

Das georgische Nationalmuseum

Die Rustaveli- Straße

Kote Abkhazi-Street („Leselidze Street“)

Die Schwefelbäder

Der „Heilige Berg“ (Mtatsminda)

Das Funicular von Tiflis

Dichter-Friedhof Pantheon

Die neue Seilbahn

Die „Mutter Georgiens“ (Kartlis Deda)

Der Botanische Garten

Der Flohmarkt an der „Trockenbrücke“ (Dry Bridge)

Einkaufen beim Großhändler: Lilo-Markt

Kirchen & Kathedralen in Tiflis

Die Antshishati-Basilica (Altstadt)

Die Sioni-Kathedrale (Altstadt)

Die beiden Betlemi-Kirchen (Altstadt)

Die Metechi-Kirche (Avlabari)

Die Sameba-Kathedrale (Avlabari)

Die alte Königsstadt Mzcheta

Öffentlicher Nahverkehr in Tiflis

Metro

Busse

QR-Codes

Übernachtung

Restaurants

Georgische Restaurants

Fremdländisch essen in Tiflis

Deutsch essen in Tiflis

Vegetarisch essen in Georgien

Sehenswertes außerhalb von Tiflis

Zentralgeorgien

Mzcheta

Gori

Westgeorgien

Chashuri

Sestaponi

Kutaissi

Die Höhlen von Kumistavi

Das Kloster Gelati

Poti

Statt Schafe Adler zählen

Batumi

Restaurants

Baden in Batumi

Sarpi

Südgeorgien

Bakuriani

Achalziche

Khertvisi

Vardzia

Südostgeorgien

Rustavi

Nordgeorgien

Ananuri

Tianeti

Gudauri

Stepanzminda / Kazbegi

Swanetien

Ostgeorgien

Telavi

Ujarma & Gombori

Kirchen und Klöster in Kachetien

Iqalto

Alaverdi

Lopota Lake

Gremi

Das Kloster Nekressi

Ilia-See und Schieferlawine

Das Städtchen Kvareli

Lagodekhi

Von Tbilisi über die Straße der Weindörfer nach Telavi

Ninotsminda

Udabno & David Gareja

Didi Chailuri

Kachreti

Sighnaghi

Gurjaani

Spezialteil: Mit dem Auto durch Georgien

Autofahren in Georgien

Land ohne Straßen: Georgien

Verhalten bei Unfällen

Versicherung

Vorbereitungen für Reisen über Land

Schlusswort

Georgien gegen den Strich:

Georgien für Autofahrer und Individualisten

Wo soll ich anfangen?

Vielleicht so: Georgien ist ein sehr, sehr altes Land. Seine Ureinwohner werden bereits im Alten Testament erwähnt, als die Kinder von Tubal, Sohn des Japhet und Enkel Noahs. Tatsächlich liegt der Berg Ararat, auf dem Noahs Arche nach der großen Sintflut strandete, kaum mehr als 300 km vom Staatsgebiet des heutigen Georgiens entfernt.

Doch Georgiens Geschichte geht noch weiter zurück als die Chroniken des Alten Testamentes: Wie Funde in der Region von Kutaissi belegen, wurde das Tal des Rioni-Flusses bereits intensiv von den Neandertalern genutzt.

Zwar ist Georgien nicht direkt Teil des sogenannten „Fruchtbaren Halbmondes“ gewesen, dem Gebiet, in dem die revolutionären Erfindungen der Jungsteinzeit gemacht wurden (erste Domestizierung von Wildtieren zu Haustieren wie Kühen Schafen, Ziegen & systematische Zucht von Acker-, Baum- und Feldfrüchten), doch lassen sich für die Jüngere Steinzeit intensive Handelskontakte mit Mesopotamien nachweisen.

Schädelfunde aus prähistorischer Zeit, Georgisches Nationalmuseum, Tiflis

Im Mittelalter bekannten sich die georgischen Könige zur neuen Religion des Christentums. In der Zeit der Kreuzzüge galt das Königreich Georgien als wichtiger Verbündeter der europäischen Kreuzritter und unterhielt eine Gesandtschaft in Jerusalem.

In der frühen Neuzeit gehörten georgische Städte zu den unterschiedlichen Routen der Seidenstraße. Während Georgiens Nachbarn mehrheitlich muslimisch wurden, gelang es Georgien trotz seiner geographischen Nähe zu den Machtzentren des Islam (Istanbul, Baku, Täbriz, Samarkand) am christlichen Glauben festzuhalten.

Zu Beginn des 19. Jahrhundert wurde Georgien zum russischen Vasallen, behielt jedoch weiterhin viele nationale Eigenheiten bei.

Am äußersten Rand Europas

Was Georgien heute ist, kann man eigentlich nur verstehen, wenn man durch eines seiner Nachbarländer einreist: Im Südwesten grenzt Georgien an die Türkei, die dabei ist, sich zu einem autoritären Staat zurückzuentwickeln. Sein nördlicher Nachbar ist das große Russland, in dem das Leben der Bevölkerung nach wie vor durch die Macht des Geheimdienstes, mafiösen Strukturen und einer undurchschaubaren Bürokratie bestimmt wird. Im Süden von Georgien liegt das bettelarme Armenien, gleich dahinter kommt der totalitäre Gottesstaat Iran. Im Westen von Georgien liegt das Öl-Land Aserbeidschan, ein Polizeistaat. In diesem Umfeld ist Georgien der bunte Hund, ein kleines Land, eingeklemmt zwischen zwei Bergketten, in dem alles erlaubt ist, was Spaß macht, und in dem die Polizei den Bürger in der Regel nicht belästigt.

Das Monaco des Ostens

Es sind nicht seine Naturschönheiten, die Aserbaidschaner, Armenier, Iraner, Türken, Inder, Libanesen und viele andere Touristen im Moment nach Georgien ziehen. Was diese Besucher schätzen ist seine grenzenlose Liberalität. Bauen, ohne vom Baurecht belästigt zu werden? Fantastische Gebilde (oder eine kleine Hütte) an die Berge kleben? Shoppen, bis die Kreditkarte raucht? Händchenhaltend mit der Freundin oder der Ehefrau mal durch die Stadt schlendern? Oder (im Badeanzug) mit ihr in die gemischte Sauna gehen? Die Nacht zum Tage machen und endlich mal richtig einen draufmachen? Sein Vermögen mit ein paar hübschen Mädchen durchbringen? Mal zocken wie die ganz Großen? Und auf dem Heimweg endlich einen Mittelklassewagen mit nach Hause nehmen? Kein Problem: In Georgien ist das alles möglich! Für Georgiens Nachbarn Iran, Aserbaidschan, Russland und Armenien klingt das nach grenzenloser Freiheit!

In der Antike war Georgien bekannt für sein Gold, in der Sowjetzeit für sein Obst und seinen Wein. In der Region Südkaukasus steht das kleine Land Georgien aktuell für die Verkörperung des „westlichen Lebensstils“ (nach östlichem Verständnis): Sex, Drugs & Rock’n Roll, plus hemmungslosem Konsum. Praktischerweise kann sich das Land darüber hinaus rühmen, den Alkohol, nein, den Wein erfunden zu haben. Alkohol ist also allein schon aus Gründen der Tradition überall zu haben. Wenn Sie Glück haben, bekommen Sie sogar bei der Einreise von der Grenzpolizei am Flughafen einen Viertel Liter der neuen Ernte geschenkt!

Während deutschen Reisenden zuerst die zahlreichen Defizite in Georgien ins Auge springen mögen (schlechte Straßen, Was-serprobleme, chaotische Verkehrssituation), hat sich Georgien unter seinen asiatischen Nachbarn zum Geheimtipp entwickelt. Seit 2015 beginnt sich der konsequente Kurs der Verwestlichung in steigenden Besucherzahlen in Hotels und Gastronomie auszuzahlen: Das Reiseland Georgien boomt.

Was Georgien dem Reisenden bietet

Wein, moderne Einkaufszentren und Nachtclubs sind nicht gerade das, was uns Deutschen fehlt. Was also finden (verwöhnte) Europäer in Georgien?

Vom georgischen Gold ist nicht mehr viel übrig, wenn man vielleicht auch noch in den Flüssen und Bächen Westgeorgiens Partikel davon finden kann. Auch die Landwirtschaft haben die Georgier beim Sprung in die Postmoderne weitgehend aufgegeben. Es sind andere Dinge, die Europäer nach Georgien ziehen: unberührte Berglandschaften, uralte Kirchen und Klöster, neu erschlossene Ski-Gebiete und urige Kneipen. Georgien ist auch für Studenten erschwinglich, die meisten Besucher sind junge Leute.

Georgisches Nationalmuseum. Tiflis

Stichwort Bio-Diversität: Georgien, der kleine Korridor zwischen zwei massiven Faltgebirgen, dem Großen und dem Kleinen Kaukasus, ist auch ein Paradies für Biologen. In der noch recht unberührten Bergwelt des Kaukasus haben viele Varianten der europäischen Pflanzenfamilien in kleinen Nischen überlebt. Auch die Tierwelt bietet Erstaunliches, neben schwimmenden Katzen (Ostgeorgien/Aserbaidschan) kleine Steppenschakale und seltene Bergschafe. Wölfe und Bären leben hier seit Jahrhunderten in der Nachbarschaft von Hirten und Ackerbauern. Alte Obstsorten wie grüne Pflaumen (georg. dt. Alucha) oder grüne Pfirsiche werden hier noch immer angebaut und auf den Märkten in der Saison angeboten. Schlagzeilen machten in den letzten Jahren die kaukasische Honigbiene, die sich als einzige resistent gegenüber der afrikanischen Milbe erwies und auf der die Agrarwissenschaft in Europa große Hoffnungen setzt, um die Bestände der Honigbienen bei uns zu retten.

Georgien entwickelt sich darüber gerade zum Lieblingsreiseziel der Menschen in seinen Nachbarstaaten. Aserbaidschaner, die zu Hause kein Kasino mehr finden, kommen nach Georgien. Russen, die insgeheim die Unbekümmertheit der Georgier bewundern, verbringen in Scharen ihren Urlaub dort. Araber fliegen ein, um in der Bergwelt unvergessliche Erinnerungsfotos zu schießen. Und die Iraner kommen, weil sie in Georgien ungestört shoppen, tanzen und feiern können.

Europäer finden in Georgien die Landschaft der Schweiz, gepaart mit der Entspanntheit des Südens. Das Panorama der Gebirgskette des Großen Kaukasus verbindet sich angenehm mit dem eher mediterranen Klima. Wer sich nicht für Kirchengeschichte interessiert, der kann mit einem Bergführer den alten Hirtenpfaden in die Berge folgen.

Zur Struktur dieses Buches

Dieser Reiseführer ist in drei Abschnitte eingeteilt. Im ersten Teil des Buches findet der Leser Hintergrundinformationen zu Land und Leuten, im zweiten Teil folgen praktische Reisetipps zu den einzelnen Städten und Regionen. Der letzte Teil des Buches enthält Hinweise für diejenigen, die Georgien mit dem eigenen PKW befahren möchten.

Der historische Teil mag dem einen zu lang und dem anderen zu oberflächlich erscheinen. Mir erschien es unverzichtbar, auf einige Zusammenhänge hinzuweisen, die sich aus den einzelnen Museumsinschriften nicht so ohne Weiteres zu einem Gesamtbild zusammensetzen lassen. Hier hilft dem Leser der Mut zur Lücke: Das Buch ist so aufgebaut, dass man es auch kapitelweise lesen kann.

Kontaktdaten der offiziellen Touristeninformation von Georgien:

24h-Hotline:

0 800 800 909

www.georgia-travel

Deutschsprachige Ansprechpartnerin für

Touren in der TI Kachetien

Manana Inashvili

[email protected]

Alle Karten und Fotos stammen bis auf wenig Ausnahmen von mir. Detaillierte physische Karten sind für alle Regionen in den Touristeninformationsbüros erhältlich. Sie können von mir aus Gründen des Urheberrechts hier nicht abgedruckt werden.

Die Internetseite der georgischen Touristeninformation www.georgia-travel informiert auch über aktuelle Events wie Festivals, Sportveranstaltungen, spezielle Ausstellungen und anderes. Die MitarbeiterInnen sprechen Englisch, Deutsch und Russisch.

Reisen mit speziellen Schwerpunkten / Abenteuer-Reisen werden angeboten von:

KAUKASUS-Reisen, Hans-Heiner Buhr, Tblisi

https://kaukasus-reisen.de/

Teil 1: Hintergrundinformationen

Geographie:

Asien oder Europa? Das ist die Leitfrage, die den Georgien-Reisenden auf seiner Reise begleitet. Das Land selbst liegt auf der Nahtstelle zwischen der Eurasischen Landplatte und der Platte der Arabischen Halbinsel, noch hinter der Türkei, umgeben von muslimischen Staaten, geographisch fast im Nahen Osten, doch Europa kulturell seit dem 19. Jahrhundert zugewandt.

Vieles wirkt auf den europäischen Reisenden vertraut: die Architektur von Tiflis, das alpine Alpen-Panorama, die idyllischen Fluss-Auen. Allein das Klima irritiert: zu heiß für Europa, zu extrem im Jahresverlauf. Zwar erinnert der Kaukasus mit seinen Bergpässen und Serpentinenstraßen einen oft an die österreichischen Pass-Straßen in den Siebzigerjahren, wenn auch die Vegetation viel trockener ist. In bestimmten Jahren gleicht das Land dem Iran mit seinen gelben Hängen, den ausgetrockneten Flüssen und der staubigen Luft. Für Europäer ungewohnt: Zwar befindet man sich in Georgien häufig in alpinen Höhenlagen, das Klima wird jedoch nicht allein von der Höhenlage, sondern von Meereswinden bestimmt, vorherrschend von warmen Strömungen, die vom Osten vom Kaspischen Meer her durch die Täler Georgiens ziehen und für heiße Sommer und milde Winter sorgen. Da auch im Kaukasus die Niederschlagsmenge zurückgeht, führen viele große Flüsse oft nicht einmal mehr im Frühjahr Wasser, Das Ergebnis ist in manchen Regionen eine Zunahme der Bodenerosion, die sich gerade im Spätsommer in Staubwinden äußert, die durch Türen und Fensterritzen in die Häuser dringen.

Fährt man die Langstrecke von Tiflis über Gurjani nach Telavi, so fährt man genau an der Grenze zwischen Gebirge (Kleiner Kaukasus) und Halbwüste (Ebene von David Gareja) entlang. Dass rechts von einem eine völlig andere Landschaft liegt, bekommt man jedoch nur mit, wenn man nach Süden abbiegt und über die niedrige Hügelkette fährt, die parallel zur Grenze nach Aserbaidschan verläuft. Da es nicht viele Straßen dort gibt, am besten der Abfahrt „David Gareja“ folgen (nach der Hügelkette links halten).

Georgische Landschaften

Georgien, das ungefähr so groß ist wie Bayern, bietet dem Reisenden einige sehr extreme Landschaften. 87 % des Landes besteht aus Gebirge. Man sollte deshalb, bevor man seine Reiseplanung macht, auch überprüfen, welche Höhenmeter man für die gewählte Strecke überwinden muss. 50 km im Gebirge brauchen unter Umständen mehr Zeit, als es 50 km in der Ebene verlangen. Das gilt sowohl für Reisen zu Fuß oder mit dem Fahrrad als auch für Reisen mit dem Auto. Die Nebenstraßen in Georgien ziehen sich oft in Serpentinen Höhenlagen hinauf und dann wieder hinunter. Kleine Erdrutsche sorgen dafür, dass der Straßenbelag häufig beschädigt ist. Einige höher gelegene, nicht ausgebaute Straßen sind nur in den Sommermonaten befahrbar. Bei Schneefall werden Gebirgspässe von der Verkehrspolizei gesperrt.

In allen Büros der georgischen Touristeninformation liegen kostenlos physische Karten der Regionen aus.

Im Westen

Nähert man sich Georgien vom Westen her, so führt die Straße von der türkischen Grenze nahe Batumi die Schwarzmeerküste entlang, windet sich in Kurven ein Stück Steilküste hinauf, führt hinter Ureki durch eine großes Stück Halbwüste (in der erst ein Teil der Straße asphaltiert wurde) fast bis nach Poti und dann durch mehrere grüne Flusstäler, die angenehm zu durchqueren sind, nach Kutaissi. Die Strecke zwischen Kutaissi und Chashuri ist noch nicht ausgebaut, führt aber auf der Höhe von Sestaponi durch ein sehenswertes, enges Gebirgstal.

Landesmitte

Am dichtesten besiedelt ist Georgien in seiner Landesmitte, der Stelle, an der Großer und Kleiner Kaukasus zusammentreffen. Fährt man von Batumi an der türkischen Grenze auf der Straße gen Osten passiert man automatisch große georgische Städte wie Poti, Kutaissi, Gori, Tiflis und Rustavi im Vorbeifahren.

Im Norden

Fährt man von Tiflis (georg. „Tbilissi“) nach Norden, so gelangt man über eine eindrucksvolle Gebirgsstraße in den Ski-Ort Gudauri und von dort über steile Pässe ein Stück hinunter nach Stepanzminda (in der Sowjetzeit „Kazbegi“ genannt), das kurz vor der russischen Grenze liegt und einen besonders schönen Ausblick auf den Berg Kazbeg (Höhe 5.047 m) bietet.

Da Georgien relativ klein ist, sind die meisten Sehenswürdigkeiten im Rahmen eines (langen) Tagesausflugs erreichbar. Da das Straßensystem auf das Zentrum Tiflis ausgerichtet ist, muss man meist wieder zu einem Autobahnkreuz um Tiflis herum zurückfahren, wenn man ein zweites Ziel anfahren möchte. Es gibt nur wenige Querverbindungen.

Eine längere Anfahrt erfordert die Gebirgslandschaft von Swanetien im Nordwesten Georgiens:

Im Süden

Fährt man von Tiflis aus Richtung Südwesten, so fährt man am Fluss Kura entlang über den Kurort Borjomi in die alte Festungsstadt Achalziche, die kurz vor der türkischen Grenze liegt. Von Achalziche aus öffnet sich das Tal, das zur alten Höhlenstadt Vardzia führt.

Die Straße von Achalziche zur armenischen Grenze über Vardzia wurde 2017 mit Mitteln der Weltbank erneuert und ist sehr gut zu befahren. Nahe Borjomi, aber höher in den Bergen gelegen, befindet sich das Ski-Gebiet von Bakuriani. Bakuriani kann von Borjomi aus mit der Bahn angefahren werden. Sowohl Borjomi als auch Bakuriani sind für die gute Qualität ihres Quellwassers bekannt.

Im Südosten

Südöstlich von Tiflis liegt die sowjetische Industriestadt Rustavi, eingebettet in die grünen Hügel der kaspischen Halbwüste. Die stellenweise gut ausgebaute Autobahn nach Rustavi mündet in eine Bundesstraße, die wenige Kilometer hinter Rustavi über die Grenze nach Aserbaidschan führt (Achtung: Visumspflicht!1).

Im Osten

Östlich von Tiflis liegt auf 800 Metern Höhe das langgezogene Tal von Kachetien mit der alten Königsstadt Telavi. Nach Telavi führt entweder eine Straße über den Gombori-Pass (1.800 Meter hoch), die über viele Kurven hinweg einen schönen Ausblick auf die Berge und die Ebene von Tiflis bietet, oder die alte Straße durch das Alazani-Tal, an der sich ab der Abfahrt in Bakurtsikhe (vor Gurjaani) Weinort an Weinort reiht.

Kachetien ist nicht nur berühmt für seine Weine, sondern auch für eine Vielzahl heiliger Stätten der georgischen Kirchengeschichte.

Auf dem Weg nach Kachetien fährt man an den Abzweigungen zur Wüsten-Einsiedelei David Gareja und dem hübschen Städtchen Sighnaghi (auch die „Stadt der Liebe“ genannt) vorbei. In Sighnaghi kann man zudem das Grab der Heiligen Nino im Kloster Bodbe besuchen.

Grassteppe im Kleinen Kaukasus

Für LOTR

2

-Fans: Die „Ebene von Rohan“ in Georgien

Für Deutsche sicher am eindrucksvollsten sind die grünen Hügel des Kleinen Kaukasus, zu finden in der Gegend um Rustavi. Dieses Gebiet ist als Halbwüste in der zweiten Jahreshälfte trocken und staubig, im Frühling jedoch ein Augenschmaus mit seinem satten Grün und den großen Herden, die die Landschaft durchziehen.

Geschichte: Was Georgien mit Europa zu tun hat

Die meisten Georgier sehen sich als Europäer, auch in Abgrenzung zu ihren „asiatischen“ Nachbarn.

Am 14.11.2006 behauptete Georgiens junger Präsident Mikheil Saakashvili in einer Rede im Europa-Parlament in Straßburg, damals noch bekannt als der „Kennedy des Kaukasus“, Georgien habe „schon immer“ zu Europa gehört („Georgia is an ancient European nation“)3. Die Georgier seien Europäer, seit man Prometheus „an ihre Berge gekettet“ habe.

Die meisten Georgier sehen Europa als Heimstatt der Christen und fühlen sich in diesem Sinn ihm zugehörig. Nach Syrien, Abessinien und Armenien führte ein Teil Georgiens bereits 337 n. Chr. das Christentum als Staatsreligion ein. König Mirian, der Herrscher des Königreichs Iberien in Zentralgeorgien trat mit seiner Frau zum Christentum über und verfügte, dass alle seine Untertanen Christen zu werden hätten. Das geschah rund vierzig Jahre, bevor Theodosius, ein Nachfolger Kaiser Konstantins des Großen (270 – 337 n. Chr.), es zur Staatsreligion im Oströmischen Reich erhob.

Der Osten Georgiens (Kachetien) wurde erst zweihundert Jahre später christianisiert, als um 550 n. Chr. dreizehn „heilige Männer“ aus der christlichen Provinz Syrien von Osten her in das ostgeorgische Königreich der Iberer einwanderten. Georgien war damals ein Vasallenstaat Persiens. Die syrischen Kirchenväter verdrängten den persischen Feuerkult (Zoroastrismus) und den Mutterkult der Mondgöttin endgültig aus Ostgeorgien und führten bei den Bergstämmen die patriarchalische Ordnung ein.

Als einer ihrer Vertreter, der Apostel Abibos, den Feuertempel auf dem Berg Nekressi zerstörte, indem er die „ewige Flamme“ löschte, um dort ein christliches Kloster zu errichten, ließ ihn der persische Statthalter dafür steinigen. Seine Leiche wurde den wilden Tieren zum Fraß vorgeworfen. Nicht weit davon, am Fluss Alazani in der fruchtbaren Hochebene Kachetiens gelang es zwei weiteren Kirchenvätern, Iossip und Zenon, in direkter Nachbarschaft zu einer alten Kultstätte der Mondgöttin zwei Klöster, Alaverdi und Iqalto. zu errichten.

Die Georgier selbst werden auch an verschiedenen Stellen im Alten Testament erwähnt, als ein Volk aus dem Norden (von Judäa aus gesehen), das bekannt war für seinen Handel mit Kupfer.

Das Gebiet, das wir heute Georgien nennen, wurde mit seinen breiten Flüssen, dem milden Klima und der fruchtbaren, vulkanischen Erde jedoch bereits in der Altsteinzeit von Menschen bewohnt. Besonders für die Ebene um Kutaissi lassen sich mehrere große Siedlungen der Neandertaler nachweisen. Seine erste Blüte erlebte das Land in der jüngeren Steinzeit ab dem 3. Jahrtausend vor Christus mit dem Beginn der Bronzeherstellung (Ostgeorgien: Iberer) und dem Handel mit Gold (Westgeorgien: Kolcha). Das frühe Georgien stand in regem Austausch mit Babylon, der Metropole im Reich der Sumerer.

Auf jeden Fall bietet die georgische Geschichte genug Dramen, um mit dem Plot eines Tolkien-Romans mithalten zu können.

Für LOTR

4

-Fans

Liebhaber des Romans „Der Herr der Ringe“ werden sich in Georgien häufig wie im Film vorkommen: Die einsame georgische Landschaft in Verbindung mit manchmal dramatischen Wetterumschwüngen lässt hin und wieder das Gefühl aufkommen, selbst Teil der LOTR-Trilogie zu sein.

Georgien, das „Reich der Zwerge“?

Die Felsenstädte, die weitläufigen Höhlen, die hohen Bergpässe erinnern einen immer wieder an das verlorene Reich der Tolkienschen Zwerge.

Fakt ist, dass sich die georgischen Siedlungen bereits in der Altsteinzeit darauf spezialisierten, das Nachbarreich Mesopotamien mit Metallen zu versorgen. Die Bibel nennt die Leute, die weit im Norden von Judäa leben, das Volk von Tubal. Sie tauchen dort als Besitzer und Händler von Bronze auf.

Ebene südöstlich von Rustavi

Höhen und Tiefen der georgischen Geschichte

Die georgische Geschichte ist sehr komplex und kann in ihren Details hier nur groben Zügen dargestellt werden.

Wichtig ist, dass auf dem Gebiet des heutigen Staates Georgien meist zwei bis drei (oder sogar mehrere) Reiche bestanden. Während die Schwarzmeerküste in enger Bindung zu Griechenland und den frühen griechischen Kulturen stand, etablierte sich bereits vor der Zeitenwende ein Staat im Zentrum des Landes (Iberien). Der Osten Georgiens (Kachetien und Kartli) wurde in seiner Geschichte von der Antike bis zur Neuzeit sehr stark von den Entwicklungen im Perserreich beeinflusst. Die Nachbarn im Großen Kaukasus, in der georgischen Geschichte meist als „Bergvölker“ bezeichnet (Osseten, Dagestaner, Tschetschenen), nahmen ihrerseits Einfluss auf die Entwicklung des Landes, entweder in Form von Kriegen/Grenzscharmützeln, als Expansionsraum oder Alliierte im Kampf gegen die Großmächte aus Persien, der Mongolei oder dem Osmanischen Reich. Am Ende des 18. Jahrhunderts suchte Georgien den Schutz Russlands, wurde aber stattdessen von ihm annektiert.

Betrachtet man die geographisch-politische Zersplitterung des Territoriums, so ist es eigentlich erstaunlich, dass sich im Laufe der Jahrhunderte trotzdem so etwas wie eine georgische Nationalität herausgebildet hat. Einen wesentlichen Anteil an diesem Prozess hatte die georgisch-orthodoxe Kirche.

Versuch einer Chronik

Frühe Altsteinzeit:

Knochenfunde des

Homo erectus

in Dmanisi

Mittlere Altsteinzeit:

Jäger & Sammler in Jashtkhva/Sokhumi und in Kudaro

Jüngere Altsteinzeit:

zahlreiche Reste von Siedlungen der Neandertaler (Schwarzmeerküste, Rioni-Kvirila-Becken)

Knochenfunde des Cro-Magnon-Menschen

Neolithikum:

ab 4000 v. Chr.:

Kura-Araxes-Kultur (Blütezeit der Metallverarbeitung)

ab 2000 v. Chr.

Trialethi-Kultur

Antike:

ab 1.300 v. Chr.

Reich Diaochi

8. 6. Jh. v. Chr.:

Kolcha, Gamirru, Speri

6. Jh. v. Chr.

Königreich Kolchis in Westgeorgien

ab 549 v.Chr.

Expansion des Perserreiches unter Kyros II. nach Urartu und Lydien

4. Jh. v. Chr.

Königreich Iberien in Zentralgeorgien („Kartlien“) (Argonautenlegende)

333 v. Chr.

Zerschlagung des Perserreiches durch Alexander den Großen

Schreckensherr-schaft des Diadochen Ason

1. Jh. v. Chr.:

Mithridatische Kriege des Diadochen Pontos gegen Rom

66 v.Chr.

siegreicher Feldzug des Pompeius gegen den Diadochen Pontos u. seine Verbündeten Kolchis & Iberien

1. Jh.n.Chr.

Zerfall v. Kolchis (Lasika)

2./3. Jh.

Eroberung durch Parther / Herrschaft der persischen Chosroiden in Iberien u. Kolchis

4.Jh.v.Chr.

Konversion Iberiens zum Christentum unter Mirian III.

3.-6. Jh.

Vasallenstaaten von Persien oder Byzanz

Mittelalte

7.- 11. Jh.

Fremdherrschaft der muslimischen Araber (georg.:“

Araboba

“)

Installierung der Bagratiden als Statthalter der Araber

853 n.Chr.

Zerstörung von Tiflis nach einem Aufstand des Emirs

1065-1118

Herrschaft der Seldschuken/ Seljuks

1073 - 1125

Regierungszeit König Davit IV. „der

Das „Goldene Zeitalter“ Georgiens

Baumeister“ (georg.: „

Davit Agmashenebili“

)

(georgische Renaissance)

1122

Rückeroberung von Tiflis durch Davit IV.

1160 - 1213

Regierungszeit der Königin Tamar („

König der Könige

“)

1226 – ca.1330

Herrschaft der Mongolen

Zersplitterung des Reiches

1386 - 1403

„Jihad“ durch Amir Timur (Tamerlan)

1386 & 1400 1404

zweimalige (!) Zerstörung von Tiflis durch Tamerlan systematische Zerstörung von allen Kirchen & Klöstern

1577-99

Bündnis von Simon von Kartli mit dem Perserreich: Vertreibung der Türken

15.-17. Jh.

Aufstieg Kachetiens zum Königreich von Ostgeorgien

1615

Schleifung der Königsstadt Gremi durch Schah Abbas I.

Neuzeit

1790

„Vertrag der Iberer“: Erekli II. versucht die georg. Fürsten zu einigen

1801

Annexion Georgiens durch den Russischen Zaren Paul I.

1832

Aufstand des georgischen Adels

1918

Gründung der I. Republik (erste sozialdemokratische Regierung der Geschichte)

1921-23

Eroberung der I. Republik durch die Rote Armee

1921-36

Teil der Republik Transkaukasien

1936-91

II. Republik (Sowjetische Republik Georgien)

1991

Gründung der III. Republik

2003

Rosenrevolution

2012

Anklage Saakashvilis

Ein Land als Festung

Dass die georgische Politik bis heute mit großem Misstrauen auf die geographischen Nachbarn blickt, geht auf die historischen Erfahrungen der Bevölkerung zurück. Wer durch Georgien reist, dem fällt auf, dass die meisten Städte an Steilhänge gebaut sind, die einen guten Ausblick auf das Umland ermöglichen. Auch dass das Straßennetz nicht mit der Besiedlung korrespondiert, mag auf eine alte Verteidigungsstrategie zurückgehen.

Für Militärstrategen dürfte Georgien eine Offenbarung sein: Größere Heere können nur an wenigen Stellen zum Zentrum vorstoßen, der größte Teil des Landes sind unzugängliche Berge, Sümpfe oder Halbwüsten. Die wenigen Zugänge sind durch imposante Burgen gesichert wie die „Rabati“ genannte Burg in Achalziche. Die Zufahrtsstraße zur imposanten Höhlenstadt Vardzia säumen sehenswerte, romantische Burgen (z. B. in Aspindza oder in Khertvizi in Südostgeorgien). Auf dem Weg nach Kachetien kommt man der Burgruine von Ujarma vorbei, die einst eine Metropole an der Seidenstraße schützte.

Im Osten öffnet sich das Tal zwischen Großem und Kleinem Kaukasus nur wenige Kilometer weit zur Ebene von Aserbaidschan. Im Norden mussten größere Truppen stets den Weg über den Dariel-Pass nehmen, der seit der jüngeren Steinzeit immer wieder von Invasoren genutzt wurde. Im 18. Jahrhundert wurde die Passage von Russland zur „Georgischen Heeresstraße“ ausgebaut. Im Westen ist Georgien durch Berge und ursprünglich weitem Sumpfland geschützt (ein Teil der Sümpfe wurde in den Dreißigerjahren von der Sowjetregierung trockengelegt, um dort in großem Stil Zitrusfrüchte anbauen zu können).

Was die Geschichte der Invasion durch Fremdmächte angeht, lassen sich in Georgien folgende Perioden unterscheiden:

Perser und Griechen

Seit dem 1. Jahrtausend v. Chr. siedelten Griechen in Westgeorgien. Die griechische Kultur hat durch die lange Nachbarschaft zum Byzantinischen Reich und die orthodoxe Religion einen nachhaltigen Einfluss auf die Sitten und Gebräuche in Georgien. Bis heute fühlen sich die Georgier deshalb mit den Griechen kulturell verbunden.