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Ausgrenzung und Vertreibung, Exil und Remigration führten zu einem irreversiblen Bruch im Leben des Ehepaars Leibholz – auch in der eigenen Familie Bonhoeffer. Gerhard Leibholz (1901–1982) war als einflussreicher Jurist und langjähriger Richter am Bundesverfassungsgericht weithin bekannt. Seine Frau Sabine (1906–1999) stand vor allem als Zwillingsschwester von Dietrich Bonhoeffer in der Öffentlichkeit. Aus einer jüdischen Familie stammend musste Leibholz ab 1933 Ausgrenzung und Zurückweisung erleben, die 1935 in seiner frühzeitigen Emeritierung gipfelte. Begleitet war dies von Demütigungen und Anfeindungen der Familie, auch durch Nachbarn und Freunde. Die Emigration nach England 1938 bewahrte sie vor weiteren Verfolgungen, der Preis war ein beruflicher und sozialer Abstieg. Erst nachdem die Familie 1947 nach Göttingen zurückgekehrt war, konnten sie zumindest nach außen hin wieder an ihr vorheriges Leben anknüpfen. Frauke Geyken erzählt nun aber weniger die offizielle Erfolgsgeschichte als vielmehr die Geschichte eines Traumas, das das Leben der »Remigranten« bis in die folgende Generation durchzog. Mithilfe des erstmals zugänglichen umfangreichen privaten Nachlasses kann Frauke Geyken beeindruckend sichtbar machen, was die politischen Verwerfungen der NS-Gewaltherrschaft auch denen angetan haben, die sich retten konnten. Zudem gelingt es der Autorin, einen neuen, vertiefenden und unverklärten Blick auf die gesamte Familie Bonhoeffer und ihre Familienbeziehungen zu werfen.
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Seitenzahl: 507
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Frauke Geyken
Gerhard und Sabine Leibholz
Auch eine Geschichte der Familie Bonhoeffer
Ein großer Dank geht an den Dorothee-Fliess-Fonds und an das Programm des Bundes Neustart Kultur, ohne deren Unterstützung dieses Buch nicht möglich gewesen wäre.
PrologGeschichte einer Ausgrenzung (1931–1951)
»Drinnen« • »Draußen« • »Drinnen«?
»Drinnen« Berlin, Greifswald, Göttingen (1901–1938)
»Sabine war anders als wir alle.« • Die Eltern Bonhoeffer • Kindheit im Hause Bonhoeffer • »... lebendige Offenheit für das Neue, ein ausgeprägter Sinn für das Gewordene.« • »Ein ungewöhnlich kluger Kopf, dabei rührend kindlichen Gemüts.« • Die Eltern Leibholz • Ein Jude also? • Der Individualistenclub • Rüdiger Schleicher • Klaus Bonhoeffer • Hans von Dohnanyi • Gerhard Leibholz • Greifswald: »... es war eine behagliche Zeit« • Göttingen: »Es lohnt sich nicht mehr.« • »Der Nationalsozialismus etablierte sich mit Windeseile.« • Die deutsche Volksgemeinschaft: eine »radikal exklusive, biopolitische Ordnung tödlicher Ungleichheit« • »Aber einen Juden kennt jeder.« • »Die Mediokrität der Professoren« • »Der Dekan gehörte zu den Unzähligen, die der Ehrgeiz dem Nationalsozialismus in die Arme trieb« • »Es war, als ob sich ein leerer Raum um einen bildete.« • 1935: »Ungerecht beleidigt« • Frau Geheimrat Leibholz und die Nürnberger Gesetze • Alltag im Nationalsozialismus • »Ist Scheu die erste Stufe der Ausgrenzung?« • Der Blockwart • Das nationalsozialistische Frauenbild • Nationalsozialistinnen in Göttingen • Indoktrination in der Schule • »am Verstand vorbei« • Die Pogromnacht in Göttingen am 9. November 1938
»Draußen«Flucht und Exil – England (1938-1947)
Was tun? Wohin? Locarno, Genf, Zürich, Wassenaar • Die Illusion der Rückkehr • »Da lege ich noch wollene Strümpfe und warme Überschuh von mir bei.« • »... wenn Ihr auch nicht dabei wart, so wart Ihr doch dabei« • Ankunft in England: »alles war sehr fremd« • »Wer Jude ist ...« Das Haus in der Herzberger Landstraße 55 • Auseinandersetzungen mit der Universität Göttingen • Hede und Paul Peltason: »Wir sind und bleiben leider anscheinend the hopeless case.« • »... unsere noch so ganz aussichtlose Lage.« • »He is quite curiously difficult about his American business.« • ... nach Oxford • Hans und Totta Leibholz • ... in Huyton, Lancashire, im Internierungslager: Der »enemy alien« • »My dearest Sabine, ... . Always thinking of you.« • »The long vac«? • Das britische Deutschlandbild und der deutsche Widerstand gegen den Nationalsozialismus • »Das Exzentrische hat für den Engländer eine Faszination.« • The »two Germanies« • Beschwichtigen, bewundern oder bekämpfen? • Gerhard Leibholz in den Auseinandersetzungen um den deutschen Widerstand • Ernst Neustadt: »... jetzt, wo ich allein – und wie allein! – bin.«
»Drinnen«? Rückkehr? – England (1947–1951) und Göttingen
»Vom Nullpunkt aus lebt es sich wieder leichter.« • Wir »haben immer von der Karte in den Mund gelebt.« Hunger, Kälte, Mangel in Berlin • »Andreas ist Euch ja ganz fremd« Entfremdung zwischen Oxford und Berlin • »Wenn man doch bald sprechen könnte. Wieviel wäre zu erzählen.« • Oxford 1945: »Wir sind sehr menschenhungrig.« • »Nachdem wir hier sechsmal umgezogen sind« • »Es ist im Augenblick unsere wesentlichste Einnahmequelle.« Vorlesungen in Kriegsgefangenenlagern • »Man ist aber nie hungrig!« Leben im Nachkriegsengland • »... leider habt Ihr dieses Jahr wieder diesen Tag vergessen«. Peter und Tilly Leibholz in Australien • »Aber Ihr habt ja auch einiges durchgemacht.« Unterschiedliche Wahrnehmungen der Emigration • »Göttingen selbst ist mir nicht dringlich.« • »... ein gewisses moralisches Anrecht zu besitzen.« • Umgang mit der NS-Vergangenheit an der Universität • Die »amtsverdrängten Hochschullehrer« oder »Beamte zur Wiederverwendung« • primo et unico loco • »Dabei fuhren wir durch das tatsächlich ganz unversehrte Göttingen.« • »Es war zuviel, für jeden.« • »all those who belong to us« • »Was eine schandbare Regierung verbrochen hat, darf nicht auf das arme deutsche Volk zurückfallen.« • »I feel more and more that Dietrich had something of a saint.« • Die Frauen der Familie nach 1945 • Dietrich ging als Rittersporn, Sabine als Biene und »ich als Schneeglöckchen«
EpilogGerhard Leibholz als Bundesverfassungsrichter (1951-1971)
»Feeling out«
Anhang
Anmerkungen • Literatur • Stammbaum der Familie Bonhoeffer • Personenregister • Bildnachweis
Für Alexandra und Christian Retkowski
Verlobungsbild von Sabine Bonhoeffer und Gerhard Leibholz, 1924
»Ich frage mich heute wieder, was ich mich, was ich die verschiedensten anderen schon Hunderte von Malen gefragt habe: welches war der schwerste Tag der Juden in den zwölf Höllenjahren? Nie habe ich von mir, nie von anderen eine andere Antwort erhalten als diese: der 19. September 1941. Von da an war der Judenstern zu tragen.«[1], so Victor Klemperer, der wohl bekannteste Chronist des Dritten Reichs. Der Judenstern[2], das sichtbarste Zeichen von Demütigung und Ausgrenzung, wog für ihn schwerer als die Angst vor Vernichtung und Tod. Klemperer war, wie Gerhard Leibholz, ein Sohn aus jüdischem Haus, als Kind getauft und ein engagierter Christ. Leibholz ging ins Exil, überlebte im Ausland, er musste nie den Judenstern tragen, aber er blieb zeitlebens ein Gezeichneter.
Dieses Buch erzählt die Geschichte der Familie Leibholz zwischen 1931 und 1951. Gerhard Leibholz kennen einige als den Schwager von Dietrich Bonhoeffer, seine Frau Sabine war die Zwillingsschwester von Dietrich. Anderen ist Gerhard Leibholz als einflussreicher Jurist und Bundesverfassungsrichter ein Begriff. Die meisten kennen ihn heute jedoch gar nicht mehr. Er war angesehener Professor an der Universität Göttingen, der nach dem 30. Januar 1933 zu einem Ausgestoßenen wurde; so wie alle, die nach der nationalsozialistischen Definition nicht zur sogenannten Volksgemeinschaft dazugehörten – und das waren viele. Sie wurden zu den sprichwörtlichen »Anderen«. »Nachbarn wurden Juden«, aus »Juden wurden Fremde«.[3] Durch diese gedankliche Ausgrenzung weiteten sich die Grenzen des Sagbaren aus. So verschoben sich kontinuierlich auch die Grenzen des Machbaren, was den Volksgenossen und Volksgenossinnen ermöglichte, ungerührt mitanzusehen, wie Menschen gedemütigt, entrechtet und schließlich ermordet wurden. Aber vor dem Mord kam der Alltag. »Das Gift« der Propaganda, so Klemperer, wirkte nachhaltig und schnell. Wieder und wieder stoßen wir in Erinnerungen an die 12 Jahre des Tausendjährigen Reiches auf Berichte, die von diesem grausamen Mangel an Anstand und Mitgefühl zeugen. In Situationen, in denen die Einen den Anderen gefahrlos als Mensch hätten begegnen können, weil niemand da war, der das hätte bezeugen und damit sanktionieren können, traten die Volksgenossen als Nazis auf. An Leib und Leben bedroht – und zwar von den eigenen Landsleuten, wie seine Tochter Marianne Leibholz später nie müde wurde zu betonen –, entschloss sich Leibholz 1938 zur Auswanderung.
Im Exil in England war Leibholz nicht mehr vor allem »der Jude«, sondern »der Deutsche«[4] und damit zunächst ein potenzieller Nazi. Viele Briten folgten nur zu gern der Devise des Politikers Robert Vansittart, der die Ansicht vertrat, man müsse keinen Unterschied machen zwischen Deutschen und Nazis, nicht weil »die Deutschen« alle Nazis seien, sondern weil Nazis Deutsche seien. Die britische Regierung unterschied nicht zwischen Deutschen und Nazis. Sie war fest entschlossen, dieses Mal, das zweite Mal innerhalb weniger Jahrzehnte, in denen Deutschland einen Krieg anzettelte, den Aggressor vollständig zu besiegen, weshalb auch der deutsche Widerstand gegen den Nationalsozialismus in London nie wirklich durchdringen konnte. Vor diesem Hintergrund gab es nur ganz wenige Unterstützer des deutschen Widerstands in England, einer von ihnen war George Bell, Bischof von Chichester. Gerhard Leibholz wurde sein – unbezahlter – politischer Berater, allerdings auch deshalb, weil er in England beruflich nicht Fuß fassen konnte. Denn das englische Rechtssystem war ein völlig anderes, in dem der deutsche Jurist keinen Platz fand. Er blieb all die Jahre lang ein Bittsteller, der während der neun Jahre des Exils auf die Almosen und Stipendien von Hilfsorganisationen angewiesen war.
Anders als die Mehrheit der Exilierten kehrte die Familie 1947 deshalb zunächst für kürzere Aufenthalte, ab 1951 endgültig nach Deutschland zurück, denn jeder einzelne Tag im Exil, den Leibholz nicht an einer Universität zubrachte, war ein verlorener Tag für seine berufliche Zukunft. Zwar erhielt er Angebote von sechs deutschen Universitäten und konnte die Karriere machen, die ihm 1933 verwehrt worden war, aber hier war er jetzt der Remigrant, der nicht dabei gewesen war, der nicht wissen konnten, ›wie es wirklich gewesen war‹.
Ein weiterer wichtiger Grund für die Rückkehr der Familie nach Deutschland war der Wunsch, endlich die Bonhoeffer-Familie wiederzusehen – nach allem, was geschehen war, eine schwer versehrte Familie. Fünf Angehörige waren als Widerstandskämpfer hingerichtet worden, bis auf einen alle in den letzten Wochen des Krieges. Die gesamte Familie war in den furchtbaren letzten Monaten nach dem 20. Juli 1944 gemeinsam im kriegszerstörten Berlin, um die alten Eltern zu stützen und sich um die Brüder und Schwäger im Gefängnis zu kümmern. Diese schwierige Zeit, an deren Ende die Hinrichtung der vier jungen Männer stand und die zudem durch Hunger und Mangel gekennzeichnet war, schweißte die Berliner Bonhoeffer-Familie zu einer Schicksalsgemeinschaft zusammen, zu der die Leibholzens nicht dazugehörten – denn auch hier waren sie nicht dabei gewesen.
Es dauerte fast ein Jahr, um nach dem Tod der ältesten Tochter Marianne, der letzten Überlebenden der Familie, den großen Professorenhaushalt geordnet aufzulösen. Im ehemaligen Arbeitszimmer ihres Vaters hatte man seinen schriftlichen Nachlass deponiert: Es war ein großer Raum voller Kisten, Kasten und bezeichnenderweise Koffer. Leibholz hatte ganz offenbar, nachdem 1938 endlich die Entscheidung für die Emigration gefällt worden war, buchstäblich jeden Zettel, der damit zusammenhing, aufgehoben. Bevor der Nachlass des späteren Bundesverfassungsrichters an das Bundesarchiv in Koblenz ging, konnte ich ihn durchsehen. Er bildet mit fast 2.500 Digitalisaten die Grundlage dieses Buches, ergänzt durch die ausgesprochen umfangreiche Korrespondenz von Sabine Leibholz in der Staatsbibliothek zu Berlin.
Gerhard Leibholz lehrte ab 1947 wieder an der Universität Göttingen. Von 1951 bis 1971 war er Bundesverfassungsrichter in Karlsruhe. Danach kehrte das Ehepaar Leibholz nach Göttingen zurück. Leibholz starb hier 1982, seine Frau 1999. Er hat jahrzehntelang in der Öffentlichkeit nicht über die Jahre nach 1933 gesprochen, obwohl sie schwere Verletzungen in seiner gesamten Familie hinterlassen hatten. Sabine Leibholz wählte einen anderen Weg. Sie veröffentlichte Erinnerungen an jene schmerzhaften 1930er und 40er Jahre. Damit errang sie die Deutungshoheit über die Geschichte der Familie Leibholz. Immer, wenn es um biographische Auskünfte vor allem zu Gerhard Leibholz ging, war Sabine die Kronzeugin. Ihr Mann sprach erst zehn Tage vor seinem Tod in einem Radiointerview zum ersten Mal öffentlich über sein persönliches Erleben. Wie schwer ihm das fiel, wird offenkundig, wenn es zwar bei Fragen zu juristischen Sachverhalten aus ihm heraussprudelt, als stünde er auf dem Katheder; aber nach seinen persönlichen Erfahrungen gefragt, wird es greif- bzw. hörbar, wie er ganz langsam antwortet, wie er jedes einzelne Wort sehr vorsichtig wählt und schließlich das Fazit zieht: der Nationalsozialismus sei für ihn »in gewissem Sinne« eine Offenbarung gewesen: »Eine Offenbarung in dem Sinne, dass er mir zeigte, was an den einzelnen Menschen im Grunde genommen dran ist.«[5]
Mit diesem Satz erinnerte sich Susanne Bonhoeffer an ihre nächstältere Schwester. Die zwei waren die jüngsten der ursprünglich acht Bonhoeffer-Geschwister. Der Älteste war Karl Friedrich (1899-1957), der bei seinen Geschwistern ein gewisses Aufsehen erregte, weil er nicht wie sie nach dem Ersten Weltkrieg die SPD, sondern die weiter linksstehende USPD wählte. Karl Friedrich konnte, so berichtet es uns Susanne, »wirklich eine ganze Schüssel Grießbrei aufessen, wenn er aus dem Institut heimkam [er war Chemiker und später Gründer des Max-Planck-Instituts für Physikalische Chemie] und dann fragen: ›Hab ich schon was gegessen?‹«[6] Der zweite Sohn hieß Walter, der nur elf Monate nach seinem Bruder ebenfalls im Jahr 1899 zur Welt kam. Er meldete sich 1918 noch in den letzten Monaten des Krieges freiwillig und fiel nach wenigen Wochen. Mit Klaus (1901-1945), dem dritten Bonhoeffer – »vielleicht der klügste von uns allen« – konnte man »Pferde stehlen«[7], so seine Schwester Susanne. Der kunstsinnige und humorvolle Jurist war Syndikus, also Rechtsbeistand, der Lufthansa, und wurde wie sein Bruder Dietrich und zwei seiner Schwäger von den Nationalsozialisten als Widerstandskämpfer hingerichtet. »Von Ursel ging eine große Harmonie aus«,[8] so charakterisierte Sabine die älteste Bonhoeffer-Tochter Ursula (1902-1983). Anderen Menschen »beizustehen und ihnen zu helfen« sei ihr ein Bedürfnis gewesen, ergänzt Susanne,[9] deshalb sei sie Fürsorgerin geworden. Sie hat aber nie als eine solche gearbeitet, sondern heiratete den Juristen Rüdiger Schleicher (1895-1945) und hatte mit ihm vier Kinder. Einen anderen Weg schlug zunächst Christine Bonhoeffer ein (1903-1965), denn sie war die einzige der Schwestern, die Abitur machte. Das war damals noch ungewöhnlich, 1896 hatten erstmals Schülerinnen an einer Mädchenschule in Karlsruhe Abitur machen dürfen, vorher bestand für sie kein Zugang zu höherer Bildung. Das Frauenstudium wurde in Preußen sogar erst 1908 zugelassen, also gut eine Dekade, bevor die von allen Christel genannte begann, Zoologie zu studieren. Den Gepflogenheiten der Zeit entsprechend brach sie ihr Studium ab, als sie den Juristen Hans von Dohnanyi (1902-1945) heiratete. Mit ihm hatte sie drei Kinder, Barbara, Klaus, der bekannte bundesdeutsche Politiker und Christoph, der später ein berühmter Dirigent geworden ist.
Die Bonhoeffer-Kinder um 1907/08/09. Von links nach rechts: Sabine, Dietrich, Christine, Ursula, Klaus, Karl Friedrich, Walter († 1918)
Die Familie Bonhoeffer 1924 anlässlich der Verlobung von Gerhard Leibholz und Sabine Bonhoeffer, die im Zentrum des Bildes stehen. Hinten stehend von links nach rechts: Christine und Hans von Dohnanyi, die Verlobten, Karl Friedrich, Susanne, Klaus und Dietrich Bonhoeffer. Vorn sitzend von links nach rechts: Julie Bonhoeffer, ihr Sohn Karl, seine Frau Paula mit ihrem ersten Enkel Walter Schleicher auf dem Schoß, daneben dessen Eltern Ursula und Rüdiger Schleicher.
Die Zwillingsgeschwister Dietrich und Sabine Bonhoeffer um 1910
Mit Dietrich (1906-1945), dem Zwillingsbruder Sabines (1906-1999), beginnt die Gruppe der »Kleinen« im Geschwisterkreis. Er studierte Theologie, obwohl er sehr musikalisch war und auch überlegt hatte, Pianist zu werden. Das jüngste Bonhoeffer-Kind war Susanne (1909-1991). »Sie war eine höchst lebhafte, energische kleine Person mit schwarzem Haar und dunklen Augen«, schreibt Sabine über sie,[10] »Feige war ich nie«, schrieb sie über sich selbst.[11] Susanne heiratete früh den Pfarrer Walter Dreß und wurde eine leidenschaftliche, tatkräftige Pfarrfrau.
Sieben höchst unterschiedliche Geschwister also, der asketische Karl Friedrich, der genussfreudige Klaus, die häusliche, stille Ursel, die naturwissenschaftlich interessierte Christel, die mutige Suse. Aber »Sabine war anders als wir alle. Sie war ›zart‹. … Mit sanfter Gewalt wusste sie sich durchzusetzen, und wenn sich auch sonst Katzbalgereien und Prügelszenen selbst unter den großen Schwestern abspielten – Sabine schlug man nicht.
Sabine war schüchtern. In Läden nach etwas suchen, da musste ich für sie gehen; nach dem Weg sollte ich fragen; sogar telefoniert habe ich für sie. … Sabine war ängstlich. Vier Jahre sind wir gemeinsam zur Schule gefahren. Wir mussten an einer Jungenschule vorbeigehen. Hatte sie früher aus als ich, dann wartete sie eine Stunde auf mich, während sie Schularbeiten machte, weil sie sich ohne mich nicht vorbeitraute. …
Sabine war eher eine Ästhetin als eitel. Ihr Geschmack war sicher; sie wurde allgemein konsultiert, wenn es Bilder aufzuhängen, Möbel zu stellen, Geschenke zu machen oder Kleider zu schneidern gab. Sie malte sehr hübsch, ging nach zehn Jahren Unterricht auf die Kunstschule und erlernte die Goldschmiedekunst. Ihre Schulzeit hat sie selbstverständlich und unauffällig abgemacht; allerdings benutzte sie dessen unbeschadet jede Gelegenheit zum Schwänzen. …
Sabine spielte Geige und Laute. Turnen konnte sie nicht, aber sehr hübsch tanzen. Noch in ihrer Schulzeit fing sie an, für sich selbst zu schneidern: hohe Taille, weite Röcke, freie Schultern. Ganz und gar nicht nach der Mode, aber zu ihrem Stil passend. Schneidern und Plätzchen backen konnte sie; … Wenn sie als junges Mädchen mit ihren Freundinnen Grete und Emmi (unseren späteren Schwägerinnen) beisammensaß, konnte Sabine pausenlos albern und lachen. Es gab überhaupt wenig, was sie nicht erheiterte. Ihr entging keine komische Situation, und sie wusste sie auch durch kleine, gut sitzende Bemerkungen zu schaffen. Wer sich scheute, lächerlich zu wirken, vermied besser ihren Umgang. Sie mokierte sich von Herzen gern und galt darum als spitzzüngig; sie selbst konnte es aber auch ohne jeden Ärger ertragen, dass sie ausgelacht wurde, und das machte ihren Sinn für Komik liebenswürdig. Ihre Freude an Schönheit und ihr Humor ließen sie leichtlebig erscheinen. Wer ihre Ängste nicht kannte, ihre Furcht vor dem verantwortlichen Leben, hielt sie vielleicht für oberflächlich. … Es ließ sich herrlich mit ihr lachen.«[12]
Die Eltern, das waren Karl und Paula Bonhoeffer. Er stammte aus Schwaben, sie aus Preußen, wohin es den Psychiater beruflich verschlagen hatte. In Breslau lernte er 1896 seine spätere Frau kennen, die er zwei Jahre darauf heiratete und von der er in den nächsten 52 Ehejahren insgesamt nur wenige Wochen getrennt war. 1904 war Bonhoeffer Direktor der Universitätsklinik Breslau geworden, wo Sabine und Dietrich geboren wurden. 1912 erhielt er einen Ruf nach Berlin an die Charité. Dort war er 26 Jahre lang Ordinarius für Neurologie und Psychiatrie. Sein Schwiegervater sei »ein vortrefflicher Mann« gewesen, der »das eigentlich liberale Element in die Familie brachte«, erinnerte sich Gerhard Leibholz.[13] Er muss, so berichten es Zeitzeugen übereinstimmend, eine beeindruckende Erscheinung gewesen sein. Einer seiner Schüler und späteren Mitarbeiter nennt ihn gar »eine goethische Natur«, was wohl Geistesgröße implizieren soll, aber bei Bonhoeffer, so legen es zeitgenössische Schilderungen nahe, gepaart war mit Nahbarkeit. Der Schüler fährt fort: »Er näherte sich Menschen und Dingen mit großer Behutsamkeit und umso größerer Intensität.«[14] Klar benennen lässt sich eine seiner hervorstechendsten Eigenschaften, strenge Disziplin, die ihm half, den Alltag vormittags als Chefarzt und Universitätsprofessor, nachmittags als Psychiater in der eigenen Praxis und Wissenschaftler sowie abends als Vater einer anspruchsvollen Kinderschar zu bewältigen. Als Leiter der Psychiatrie war der renommierte Wissenschaftler Bonhoeffer in der Zeit des Nationalsozialismus gezwungen, Stellung zu beziehen zu den tödlichen Auswüchsen der NS-»Rassentheorie«, weshalb er später nicht ganz unumstritten war.[15] Möglicherweise fühlte Sabine sich aus diesem Grund berufen, den Vater in ihren Erinnerungen zu Wort kommen zu lassen. Inmitten des Göttingen-Kapitels findet sich völlig unvermittelt ein vier Seiten langes Zitat von Karl Bonhoeffer, das seine Sicht auf den Nationalsozialismus wiedergeben soll, sich aber de facto ganz konkret mit seiner medizinischen Arbeit unter NS-Bedingungen befasst.[16]
Karl Bonhoeffer und seine vier Söhne, Weihnachten 1910
Paula Bonhoeffer an ihrem Schreibtisch
Paula Bonhoeffer war eine geborene von Hase. Ihr Vetter war Paul von Hase (1885-1944), der am Umsturzversuch des 20. Juli 1944 beteiligt gewesen war und hingerichtet wurde, das fünfte Opfer der NS-Diktatur im engsten Familienkreis. Über die Familie von Hase war man verwandt mit der adligen Künstlerfamilie von Kalckreuth, was in den Büchern über die Bonhoeffers – und derer gibt es viele – nie unerwähnt bleibt, jedoch stets von dem Hinweis auf die jahrhundertealte Familiengeschichte der Bonhoeffers begleitet wird, »seit 1513 in Schwäbisch Hall ansässig«.[17] Man war »bürgerstolz« – »Und Adel ist überhaupt Quatsch, sagt Karl Friedrich, mein ältester Bruder, der den Stammbaum gemalt hat«, postulierte Susanne.[18] »In unserer Erziehung standen die Eltern wie eine Mauer zusammen«,[19] erinnerte sich Sabine. Sie praktizierten Arbeitsteilung entsprechend der zeitgenössischen Rollenverteilung, aber auf Augenhöhe. Ihr Sohn Klaus verfasste um 1925 eine »Verfassung des Hauses Bonhoeffer«, in der er die Familie als eine »Gesellschaft mit beschränkter Haftung« beschrieb, deren »Inhaber« zwar sein Vater sein sollte, als deren »alleinige Geschäftsführerin« er aber seine Mutter einsetzte.[20] Paula, von ihrer Umgebung als warmherzig, »lebendig und temperamentvoll« wahrgenommen, als eine Frau »mit großem Lebensmut«,[21] war die Matriarchin und der Mittelpunkt der Familie. Sie war die Tochter des Theologen Karl Alfred von Hase, der zeitweilig Hofprediger in Potsdam war. Ihr Handeln war christlich grundiert ohne enge Anbindung an die Institution Kirche. Ihr Mann Karl »war wohl die letzte Autorität« im Hause Bonhoeffer.[22] Er erzog seine Kinder, so die Schwiegertochter Emmi, durch »Glaubwürdigkeit und Vertrauenswürdigkeit, Einfachheit, Integrität, Aufrichtigkeit«.[23] Die Tochter erinnerte sich: »Er erzog uns durch sein Beispiel, durch die Art und Weise, wie er sein tägliches Leben führte.«[24]
Mehr über den hier nur grob skizzierten Bonhoeffer-Kosmos ist nachzulesen in den Schilderungen der beiden jüngsten Schwestern, aus denen hier zitiert wurde. Beide unterscheiden sich erheblich voneinander, haben jedoch auch unterschiedliche Ziele. Sabines Lebenserinnerungen aus dem Jahr 1968 sind ein Bericht vor allem über die Jahre des Nationalsozialismus und des Exils. Ihr Buch nennt sie eine »Totenklage«.[25] Die Darstellung endet im Frühjahr 1947 mit ihrem ersten Besuch in Deutschland nach achteinhalb Jahren Emigration. Sabine schrieb als öffentliche Person, als die Frau des von den Nazis drangsalierten und gedemütigten Bundesverfassungsrichters Gerhard Leibholz und als die Schwester der ermordeten Widerstandskämpfer Klaus und Dietrich Bonhoeffer. Susanne Dreß schrieb ihre Erinnerungen zunächst nur für den privaten Gebrauch, die Veröffentlichung erfolgte erst posthum im Jahr 2018.[26]
Beiden gemeinsam ist jedoch die Schilderung einer fröhlichen, lebendigen Kindheit, von »Jahre[n] der Geborgenheit«,[27] schreibt Sabine, die im Rückblick eher den getragenen Stil einer höheren Tochter kultiviert, während Susanne ungezwungener, quicklebendig und unterhaltsam schreibt. Sie vertieft sich auf insgesamt 450 Seiten in ihre Kindheit und lässt sich mitreißen von der Erinnerung an diese »große und sehr vergnügte Kindheit«,[28] so auch die ältere Schwester Christel. Da war zunächst die große materielle Sicherheit, die nicht nur Freiheit von Hunger und Armut bedeutete, sondern auch Möglichkeiten eröffnete, wie uns der Brief zeigt, den der Schüler Dietrich im Mai 1922 an seine Zwillingsschwester wegen der Gestaltung der Sommerferien schrieb: »Mit meinen Sommerferien hatten wir schon große Pläne; denn wir konnten Susi gar nicht unterbringen. Wir überlegten schon, ob ich mit Hans-Chr. nach Siebenbürgen gehe oder mit Gilberts nach Salzburg. Aber es hat sich anders gelöst. Susi geht vielleicht mit Fick’s nach Innsbruck, Ursel nach Elmau, und das andere bleibt. K. Fr. hat Pläne nach Kärnten, Steiermark und vielleicht (!!!) ein bißchen Italien. Klaus will wohl in die Alpen.«[29] Doch den Reiz dieser Kindheit machte weniger der großzügige finanzielle Spielraum aus, der es den Eltern, die meist alleine Urlaub machten, erlaubte, vier Jahre nach dem Krieg, mitten in der Inflation, ihre Kinderschar quer durch Europa zu schicken. Die Befreiung von der Sorge um das Überleben erlaubte ihnen die Konzentration auf eine Erziehung der Kinder, die Bildung mit Persönlichkeitsbildung verband. Paula Bonhoeffer hatte das Lehrerinnenexamen abgelegt, daher unterrichtete sie ihre Kinder jeweils die ersten drei Jahre selbst, weil sie sie nicht dem Drill der wilhelminischen Schulen aussetzen wollte. Ihre Tochter Sabine hat sie »als vorzügliche Pädagogin« in Erinnerung. Die »kluge«[30] Paula verstand es, Richtlinien vorzugeben, innerhalb derer sie ihre Kinder loslassen konnte und wollte: »Verbot blieb Verbot, aber viel lieber erlaubte sie, was irgend zu verantworten war.«[31] Die Gruppe der acht bzw. sieben war eine Gemeinschaft, in der sich jedes einzelne Kind behaupten musste und zu der Person, die es war, heranreifen konnte. Eine Köchin und bis zu vier Hausmädchen hielten Paula den Rücken frei: »Anna, Emma, Lotte – das waren die Säulen, auf denen unser Haushalt jahrelang ruhte.«[32] Fräulein Horn, das Kindermädchen, von ihren Schützlingen heiß geliebt, kümmerte sich um den Alltag der Kinder und blieb fast 20 Jahre bei der Familie.
Beim Lesen von Susanne Bonhoeffers detaillierten Erinnerungen entsteht das Bild einer Kindheit in behüteter Freiheit, in der die Natur von großer Bedeutung war. Die beginnt zunächst mit der Erkundung des eigenen Gartens, in dem Hühner oder auch Ziegen gehalten wurden; Susanne selbst hatte zwei weiße Mäuse: »Sie gingen mit mir in die Schule, auf Reisen, zu Besuch und in den Garten.«[33] Mit Dietrich ging es im Frühjahr raus in die Umgebung, den Grunewald erforschen. Mit Sabine, der Künstlerin in der Familie, wurde gebastelt: Es lebte »in einer dreiwandigen Margarinekiste die ›Familie Nudlmaier‹«[34], von Sabine aus Lumpen und Draht gebastelt, ihre Angehörigen waren jahrelange Begleiter der Schwestern. Im Sommer verbrachte man oft den Tag mit der ganzen Familie zum Baden am See, auch der Herr Professor konnte sich von der Arbeit frei machen und schwamm mit der kleinen Susanne auf seinem Rücken weit hinaus, die sich dann auf den langen, kühleren Abend freute: »Keiner schickt mich ins Bett, es ist noch zu heiß oben im Zimmer. Bei kaltem Getränk und viel Rauch gegen die Mücken sitzt die Familie im Garten beisammen. Ich genieße und schweige, um nicht bemerkt zu werden; oft bis Mitternacht.«[35]
Die Nachbarskinder waren wichtige Spielkameraden, die große Horde tobte durch die umliegenden Gärten, man radelte im Sommer, rodelte im Winter, ging Schlittschuhlaufen, später bei »Musik und bunte[n] Lampions und in einer Bude heiße Kartoffelpuffer mit Glühwein!«[36] Mit dem großen Bruder Walter erkundete Suse den Harz, wo die Familie in Friedrichsbrunn ein Sommerhäuschen hatte, Ausflug zur Gabrielswand, »von der man den schönsten Blick auf den Brocken hat und wo man ganze Tage verbringen kann: lesen, Wild beobachten, Pflanzen für den Steingarten suchen und halsbrecherisch herumklettern.«[37] Auch mit der späteren Biologin Christel war sie unterwegs: »Nach Christels Vorbild verblüffe ich gern Erstlinge unserer Friedrichsbrunn-Besucher durch meine persönliche Kenntnis dieser Lurche [am Salamanderweg]: Ich rufe sie beim Namen, greife dabei in eine Höhlung und behaupte, sie hörten auf mich, wenn ich sie vorzeige.«[38] Dietrich war der »Oberpilzwart« im Harz.[39]
Friedrichsbrunn war ein Höhepunkt im Leben der Kinder, »Friedrichsbrunn war Freiheit.«[40] Jedes Jahr im Hochsommer reiste die gesamte Familie an, schon die Reise ist ritualisierte Vorfreude: Hörnchen und die Kinder fuhren mit der Bahn voraus. »Dazu kam dann auch noch unsere Ziege. Sie fuhr in einem Lattenkäfig im Gepäckwagen, wurde von Hörnchen bei jedem Aufenthalt besucht und musste in Halberstadt mit uns umsteigen«.[41] »Ich fuhr schrecklich gerne Eisenbahn. Wir sangen, spielten Ratespiele und bildeten Wortketten. Und es gab so herrliche Sachen zu essen! Kalte Eierkuchen, Fleischklöpschen und Semmeln, in denen Schokoladenstückchen steckten, auch Grießbrei in Marmeladeneimerchen, Saft in Bierflaschen und heißen Kakao in Thermosflaschen«[42], so Suse. Der Höhepunkt in Friedrichsbrunn war ihr siebter Geburtstag, zu dem ihr erlaubt wurde, einzuladen, wen sie wolle: 56 Gäste waren das Ergebnis: Im lampiongeschmückten Garten begann das Fest »mit einer Kuchenschlacht im Freien bei herrlichem Wetter an langen Holztischen. Dann wurde mithilfe der großen Geschwister gespielt und gewonnen; meine Mutter macht Kasperle-Theater; der geheimnisvolle Zwerg kam« und am Abend gab es »Schokoladensuppe mit weißen Mäuschen aus Eischnee.«[43]
Weihnachten in der Familie Bonhoeffer, Sabine hat ein ganzes Buch darüber geschrieben – für ihren Großneffen später: »Die Bonhoeffer-Story auf Groschenroman-Niveau. … ausgerechnet« von der »klugen Sabine«.[44] Gerhard Leibholz macht sich im Dezember 1931 an die Arbeit, einen langen Brief zu verfassen, in dem er ausführlich darlegte, begründen (musste) und zu rechtfertigen versuchte, warum die Kleinfamilie nicht zu Weihnachten nach Berlin kommt, sondern zum ersten Mal allein in Göttingen feiern will. Wie soll das gehen, fragte Dietrich in seinem Antwortbrief: »Ich wünsche Euch nun ein besonders schönes Fest im kleinsten Kreis. Wie geht das eigentlich bei Euch vor sich – oder müßt Ihr Eure Weihnachtssitte erst dies Jahr kreieren?«[45] Auch Susanne widmete diesem Traditionsmarathon ein paar Dutzend Seiten. Musizieren, singen und spielen, backen und basteln, selbstverständlich waren alle Weihnachtsgeschenke der Kinder selbstgemacht: »An den Adventssonntagen herrschte bei uns eine feste Tradition, der sich alle willig beugten: Man blieb beisammen; keiner ging weg, auch die großen Brüder nicht. Man traf sich nach der Vesper um fünf Uhr, ausgerüstet mit einer Weihnachtsarbeit. … Der Tisch im Esszimmer ist so groß wie möglich ausgezogen. Es wird gemalt, genäht, gepappt und sogar gesägt – eventuell unter Abschirmung, um die Geheimnisse zu wahren.«[46] Dazu gibt es bunte Teller mit Apfel, Nuss und Mandelkern, der Vater liest Weihnachtsgeschichten und Märchen vor. Eine Szene, wie sie auch aus der biedermeierlichen »Gartenlaube« hätte stammen können, und für Susanne »die schönsten Stunden meiner Kindheit.«[47]
Es gab nicht nur das weihnachtliche Krippenspiel, Phantasie und Kreativität waren das ganze Jahr über gefragt; gefördert z. B. von der großen Verkleidungskiste, die auf dem Dachboden bereit stand und einen riesigen Fundus für Kinder und Freunde bereit hielt und sogar den »Vater als Balleteuse« hervorbringen konnte. Insbesondere später bei den sämtlichen Verlobungen und Hochzeiten waren die Geschwister gefordert, die jeweils zu Feiernden mit kleinen Szenen aufs Korn zu nehmen. Vater Bonhoeffer las nicht nur zu Weihnachten vor, sondern auch ohne Anlass, gerne z. B. Biographien. Oder man las gemeinsam Stücke mit verteilten Rollen. Es wurden Spiele gespielt, Brettspiele, Schreibspiele oder selbsterdachtete Sachen. Natürlich gab es Hauskonzerte, in denen jedes Familienmitglied ein Instrument spielte oder sang, und selbstverständlich ging man ins Konzert, ins Kino, ins Theater und ins Museum, nicht nur einmal findet sich in Susannes Beschreibungen die Formel: »Jubel,Trubel und Heiterkeit.«[48]
»Wir alle wurzeln stark in unserer Familie, sehr viel mehr, als das wohl üblicher Weise der Fall ist«, schrieb Christine Bonhoeffer nach dem Krieg an die Dichterin Ricarda Huch.[49] Noch in den Erinnerungen ihrer Enkelin, der Tochter von Dohnanyis Tochter Barbara, wird dieser Satz sinngemäß wieder auftauchen. Das Buch ist eine Auseinandersetzung der Enkelin Dorothee mit der Mutter Barbara, die unter den schwierigen Bedingungen einer Widerstandsfamilie aufwuchs. Neben den daraus entstehenden Konflikten finden sich jedoch zahlreiche Beschreibungen von Familientraditionen, die sich in den folgenden Generationen fortsetzen. Die Großfamilie Bonhoeffer ist auch nach dem Krieg in den Rumpffamilien sehr präsent; so präsent, dass der Ehemann Barbaras davon träumt, die gesammelten Angehörigen seiner Frau würden sein Arbeitszimmer stürmen, »die angenehme Stille« ist vorbei. »Er weiß nicht wohin mit sich, fühlt sich gefangen, bekommt kaum Luft« und erwacht.[50]
Eberhard Bethge wird später seinen Freund Dietrich zitieren mit dem Satz: »Ich möchte einmal ungeborgen sein. Wir können die anderen nicht verstehen. Bei uns sind immer die Eltern da, die alle Schwierigkeiten erleichtern. Und ob wir auch noch so weit weg sind, gibt uns das eine so unverschämte Sicherheit.«[51] Ließe sich zugespitzt formulieren: wer so eine Kindheit hatte, der kann auch Widerstand leisten?
Der Bonhoeffersche Salon ganz im Stil des 19. Jahrhunderts
Diese Kindheit war Programm für die Eltern Karl und Paula Bonhoeffer. Man war konservativ und zugleich liberal im Hause Bonhoeffer. Während nur wenige Kilometer entfernt im Zentrum die Stadt Berlin sich zur berühmt-berüchtigten Metropole der Moderne entwickelte, praktizierte man im Grunewald den Anstand des 19. Jahrhunderts, doch ohne die dazugehörige Enge. »Nicht, dass wir restlos konservativ erzogen wurden – aber wenn jemand sagte, etwas sei modern (als ob es nun so sein müsse), erregte das unsere Opposition.«[52] Karl und Paula Bonhoeffer gelang es offenbar, einen sicheren Weg zu finden zwischen Tradition und Moderne. Sabine beschreibt es mit dem Satz: »… in unserer Familie erhält sich bei lebendiger Offenheit für das Neue ein ausgeprägter Sinn für das Gewordene.«[53] Das Gerüst der Tradition empfanden sie und ihre Kinder als sicheren Grund, von dem aus sie sich dem Neuen öffnen konnten, ohne davon verunsichert zu werden. Dieses Spannungsverhältnis – und natürlich auch die materielle Sicherheit – schaffte Freiräume, in denen sich jedes einzelne Familienmitglied entwickeln und bewegen konnte, allen voran Paula, die von ihrer Schwiegertochter Emmi Delbrück als »sehr solide preußisch« empfunden wurde,[54] während ihr an und für sich nüchterner Ehemann sich an ein junges Mädchen erinnerte, »das mich schon beim ersten Eintreten ins Zimmer durch seine freie natürliche Haltung, seinen offenen, unbefangenen Blick in einer Weise gefangennahm, daß mir dieser Augenblick des ersten Sehens meiner späteren Ehefrau als ein fast mystischer, lebensentscheidender Eindruck in der Erinnerung steht.«[55] Paula war nicht im eigentlichen Sinne unkonventionell, sie achtete und beachtete die Konvention für sich und ihre Familie, aber es »war ihr gleichgültig, was andere von ihr dachten. Sie tat, was sie für richtig hielt.«[56] Sabine war hierin ihrer Mutter nicht unähnlich: »Sabine war in ihrer sanften Gewalt unwiderstehlich. Es wurde ihr abgeraten – wie uns allen immer abgeraten worden ist, nicht direkt, sondern im Allgemeinen und Speziellen, sich so früh zu binden. … Sabine fasste es gar nicht, wie man etwas dagegen haben könne, einen Juden zu heiraten.«[57]
Einen Juden?
Gerhard Leibholz 1922
Liebenswürdig soll er gewesen sein, das ist das Erste, was allen, die Gerhard Leibholz persönlich gekannt haben, einfällt.[59] Als klug und kindlich zugleich empfand ihn nicht nur seine Schwägerin Susanne, sondern auch der Rest der großen Bonhoeffer-Familie. Seine spätere Frau attestierte ihm ein »offenes Wesen« und charakterisiert ihn als klug und von einer geistigen »Interessiertheit, die mit einer gewissen Naivität gepaart war.«[60] Susanne fährt fort: »Das Auffallendste an Gert war für mich sein Interesse am Mitmenschen. Er konnte einen über das eigene und das Befinden ihm unbekannter (aber mir befreundeter Menschen) ausfragen, und es schien so, als ob es ihn wirklich interessierte. Als ich ihn später einmal darauf ansprach, ob er damit eigentlich bloß Konversation machte, verstand er das gar nicht. Er wollte wirklich wissen, was andere Leute trieben und wie sie lebten. Er bildete sich wohl so sein Weltbild. Dass er aus einem sehr wohlhabenden Haus kam, merkte man ihm nie an, denn er war ungeheuer bescheiden, schnell zufrieden und entgegenkommend zu allen, die ihm begegneten.«[61]
»Eine Villa im Grünen mit großer Terrasse
vorne die Ostsee, hinten die Friedrichstrasse«
Ungefähr so stellte sich Kurt Tucholsky den idealen Wohnort vor, und etwa da waren Gerhards, Gerts oder manchmal auch Gerds Eltern zuhause, in der Villenkolonie Grunewald. Gert, wie Sabine ihn stets nannte, stammte aus einer Industriellenfamilie. Sein Vater war William Leibholz (1868-1933) aus Bärwalde im Kreis Neustettin in Pommern. In seiner Heiratsurkunde von 1897 ist er als Fabrikbesitzer verzeichnet, der in Fürstenwalde an der Spree auf halber Strecke zwischen Berlin und Frankfurt/Oder wohnte.[62] Der Sohn des Kaufmanns Adolf Leibholz (1841-1896) und dessen Frau Cäcilie, geb. Camina (um 1840-1876) besuchte das Gymnasium in Neustettin (heute Szczecineck), machte eine Banklehre und war in der Getreidewirtschaft tätig. Mit nur 22 Jahren war William Leibholz bereits an einer Bank beteiligt, war Mitinhaber einer Getreidegesellschaft und drei Jahre später auch einer Ofen- und Schamottfabrik in Fürstenwalde.[63]
Der Vater William Leibholz (1868–1933)
Die Mutter Nannette Regina Leibholz, geb. Netter (1874-1922)
Zum 1. Januar 1919, nur wenige Monate nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, trat »Herr William Leibholz in den Vorstand der Aktiengesellschaft Lichtenberger Wollfabrik, Berlin-Lichtenberg« ein »mit der Berechtigung, die Aktiengesellschaft Lichtenberger Wollfabrik und derselben angegliederten Betriebe selbstständig und allein rechtlich vertreten zu können.« Die genannten Betriebe lagen in der Stadt Forst (Lausitz), einer traditionellen Textilregion, die durch die Industrialisierung einen enormen Aufschwung erfahren hatte. Am gleichen Tag schloss William Leibholz einen zweiten Vertrag mit dem Besitzer der Lichtenberger Fabriken, der offenbar im 30 km östlich von Forst gelegenen Sommerfeld (heute Lubsko) weitere Textilfabriken erworben hatte,[64] deren Leitung Leibholz nun übernahm. Anfang 1920 firmierte er bereits als »Generaldirektor … der Aktiengesellschaft Lichtenberger Wollfabrik und der Sommerfelder Textilwerke Aktiengesellschaft«.[65] Der berufliche Erfolg fand seinen Niederschlag auch im Privatleben: 1921 bezog Familie Leibholz eine stattliche Villa im Grunewaldviertel in der Königsallee 29, direkt am Königssee gelegen mit eigenem Tennisplatz.[66] Die Villenkolonie Grunewald war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als Prestigeprojekt gezielt angelegt worden, damit der Prachtboulevard des jungen deutschen Kaiserreichs, der Kurfürstendamm, nicht im Wald versandete, sondern hier einen repräsentativen Kontrapunkt erhielt. Eine Reitbahn führte aus der Stadtmitte in die Villenvorstadt, in der zwar nicht die von Tucholsky imaginierte Ostsee lag, aber mehrere große Seen. Spätestens seit 1923 war Leibholz dort in dem zu Wilmersdorf gehörigen Stadtteil als unbesoldeter Stadtrat tätig und machte sich zugleich als Philanthrop und Mäzen einen Namen.[67] So spendete er 1923 für den Johannaplatz in seiner unmittelbaren Nachbarschaft zwei Bronzestatuen. Er gehörte der jüdischen Kaufmannschaft von 1794 an und war dort im Vorstand. Außerdem engagierte sich der umtriebige Leibholz in der liberalen Deutschen Demokratischen Partei (DDP), so wie z. B. auch einer seiner Nachbarn, Walther Rathenau, der als Außenminister 1922 auf der Fahrt von seinem Haus in sein Büro hier im Grunewald ermordet wurde.
Gerhard Leibholz mit einem seiner Brüder , wahrscheinlich der 1903 geborene Peter
William Leibholz war verheiratet mit der ebenfalls aus einer jüdischen Familie stammenden Nannette Regina Netter (1874-1922) aus dem badischen Bühl. Von ihr wissen wir nur, dass sie mit 47 Jahren an der Spanischen Grippe starb. Die Netters waren eine traditionsreiche Kaufmanns- und Industriellenfamilie, deren Geschäfte im Laufe des 19. Jahrhunderts enorm expandierten. Verschiedene Familienmitglieder leiteten Walzwerke vornehmlich in Baden und im Elsass, aber auch in Fintrop im Sauerland und in Hannover. 1905 waren die Werke der größte Hersteller von Feinblech auf dem europäischen Kontinent. So wie der Fabrikant Leibholz war auch die Unternehmerfamilie Netter philanthropisch eingestellt und förderte Bildungs- und Sozialeinrichtungen, die den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen zugutekamen.[68] So wurden für die insgesamt 3.000 Beschäftigten Betriebskrankenkassen eingerichtet. Ganz offensichtlich haben wir es bei den Leibholzens mit einer großbürgerlichen Familie assimilierter Juden aus der Mitte der wilhelminischen Gesellschaft zu tun, vergleichbar etwa den »Geschwister[n] Oppermann«, die Lion Feuchtwanger in seinem gleichnamigen Roman beschreibt.
Wie weit sich William Leibholz tatsächlich integriert fühlte, das wissen wir nicht, jedoch schien er sich dessen bewusst gewesen zu sein, dass eine Gesellschaft, die sich ein jüdisches Adressbuch leistet, die Juden in ihrer Mitte als eine gesonderte, abgesonderte, möglicherweise nicht dazugehörige Gemeinschaft begriff. Der Antisemitismus im Kaiserreich war real und kaum zu übersehen. Juden und Jüdinnen standen immer wieder vor der Frage, wie konform sie sich verhalten mussten, um in der christlichen Mehrheitsgesellschaft weiterzukommen. Wohl aus diesem Grund ließen William und Nannette Leibholz ihre drei Söhne taufen: den ältesten Hans (1899-1940), den jüngsten Peter (1903-1971) und auch den mittleren Sohn Gerhard.
Während sein jüngerer Bruder Gerhard (1901-1982) ebenfalls in der Textilbranche tätig war und später die väterlichen Fabriken übernahm, wurde Hans wie Gert Jurist, der ältere Landgerichtsrat, der mittlere entschied sich für die Universitätslaufbahn. Spätestens hier wäre für einen ehrgeizigen jungen Mann, als den wir Gerhard Leibholz zweifelsohne betrachten dürfen, der Moment gekommen, das Judentum hinter sich zu lassen, denn sonst wäre ihm der Weg zur Professur so gut wie versperrt gewesen.[69]
Die Bonhoeffers teilten diese Bedenken, nicht aufgrund von antisemitischen Vorurteilen, sondern vor allem, weil sie sich der gesellschaftlichen Realitäten bewußt waren. »Ach, Kind, du hättest es soviel leichter haben können, du wirst eine schwere Zeit haben«, so gibt Sabine in ihren Erinnerungen die Worte ihrer Mutter wieder. »Gert wird vielleicht beruflich nicht so weiterkommen, wie er es verdient, das ist dann sehr schwer für eine Frau mitanzusehen. Sieh, Papa möchte seit langem für Herrn X. – er ist auch jüdischer Abstammung wie Gert – einen Lehrstuhl. Es ist einfach nicht möglich gewesen, das durchzusetzen in allen diesen Jahren. Dabei ist er hervorragend tüchtig.«[70] In einem Interview,[71] das Gerhard Leibholz zehn Tage vor seinem Tod dem NDR-Radio gab, erinnerte er sich ebenfalls an die Äußerung seiner Schwiegermutter: »Schon damals meinte sie, das war in den 20er Jahren, dass jemand, der unter den Begriff des Nicht-Arischen fiel, Schwierigkeiten in seinem Fortkommen haben wird.« Leibholz spricht hier von sich in der dritten Person und meidet stets das Wort Jude, der er nicht ist. »Sie hatten also nichts gegen meine Person«, berichtete er dem NDR weiter. Aber, so fasste er die Diskussion um seine Eheschließung zusammen: »… wird das gehen mit den Familien? Sind die Familien nicht zu verschieden, als dass sich das reibungslos verwirklichen ließe?« Die Schwierigkeit lag in seinen Augen weniger in den unterschiedlichen Religionen der Herkunftsfamilien, sie lag »eben in den unterschiedlichen Atmosphären der Häuser, die ich durchaus verstand. Das eine war eben christlich, wie Sie sagen«, an den Interviewer gerichtet, »traditionalistisch geprägt, sehr konservativ, aber auch liberal und auf der anderen Seite war das andere, das meinige, doch durch den Vater wirtschaftlich ausgerichtet.« Leibholz macht hier den Gegensatz auf zwischen christlich und wirtschaftlich, negiert erneut jede Beziehung zum Judentum. In einem Lebenslauf von 1938, der, so lässt sich vermuten, für die Bewerbung um ein Stipendium vom Weltrat der Kirchen für seinen Lebensunterhalt in England geschrieben wurde, schreibt er sogar, er sei 1901 »evangelisch geboren«.[72]
Eine Haltung, die seine Frau zu teilen scheint, wenn sie sagt: »Mein Schwiegervater, William Leibholz, war groß, etwas behäbig, doch dabei sehr aufrecht in seiner Haltung und stets sehr gepflegt. Er hatte viel common sense und kaufmännische Begabung, war dagegen in anderen Dingen wieder etwas primitiv. Er war ein warmherziger, fürsorgender Vater, Schwiegervater und Großvater und weise genug, jeden der Söhne beruflich den Weg gehen zu lassen, den er für sich selbst als richtig erkannte.«[73] Abgesehen von der anmaßend wirkenden Arroganz der in der Wolle gefärbten Bildungsbürgerin dem »wirtschaftlich ausgerichteten« Schwiegervater gegenüber – ein Gegensatz, um den es hier sicher auch geht – auch von ihr kein Wort zum Judentum.
Der Schwiegervater selbst formulierte zurückhaltend und wurde nicht explizit, aber man hört doch die Sorge aus seinen Zeilen sprechen, als er im Februar 1932 Sabine zum 26sten Geburtstag gratulierte. Er könne leider nicht nach Göttingen kommen, daher »muss [ich] Dir also alles, was ich auf dem Herzen habe, so übermitteln. … erhalte Dir Deine jugendliche Freude und Deine Lebensfreude. In diesem Fall wird Dir das Leben leicht sein. … Mögest Du weiterhin an der Seite des guten Gerd Dein Lebensglück erkennen.«[74] War der jüdische Kontext in der Familie Leibholz ein Tabu? Hatte sich das Paar entschlossen, das, was Verwandte und Freunde als Problem erkannten, nämlich den real existierenden Antisemitismus in der deutschen Gesellschaft, der dem getauften Juden Gerhard Leibholz und seiner Familie Schwierigkeiten machen, ja bedrohlich werden würde, einfach nicht zur Kenntnis zu nehmen? Unmöglich anzunehmen, dass sie nicht wussten, was sie erwartete, wie die Anekdote belegt, die die Schwägerin Emmi Bonhoeffer überliefert: Im Freundeskreis der Bildungsbürger wurde nicht nur Goethe und Shakespeare gelesen, es gab auch »Tanzerei«[75] oder man spielte und erfand Spiele, etwa das Folgende: Die Teilnehmenden waren aufgefordert, auf einem Zettel eine Frage zu formulieren. Die Papiere wurden in einer Vase gemischt, eine Frage gezogen, die wieder auf einem Zettel zu beantworten war. Einmal sei die beste Frage gewesen: »Wie lerne ich einen Menschen am schnellsten kennen?« Es kamen viele gute Antworten, so Emmi, doch für die beste hielt man übereinstimmend diese: »Indem ich ihn ungerecht beleidige.« Sie kam von Gert.
Wo haben Gerhard Leibholz und Sabine Bonhoeffer sich kennengelernt? »Es war so: Ich wurde eingesegnet im Grunewald bei dem Pfarrer, der mich einmal getauft hat«, so berichtete es Leibholz im erwähnten Radiointerview, »und innerhalb der Konfirmationsklasse saß Hans von Dohnanyi.« Hans seinerseits war befreundet mit Delbrücks, die wohnten neben den Bonhoeffers, »und so kam es eben zustande: eine Freundesclique«, zu der auch noch die Familie Harnack gehörte so wie einige andere Familien aus der Villenkolonie am Grunewald. Hans Delbrück war ein bekannter Historiker, der mit seiner Frau Lina, geborene Thiersch, sieben Kinder hatte, ebenso wie sein Schwager, der berühmte Theologe Adolf von Harnack, der mit Amalie Thiersch verheiratet war. Familien also wie die Bonhoeffers, groß- und dezidiert bildungsbürgerlich, die Schar der Nachbarskinder war ein erweiterter Geschwisterkreis, der sich gern im Hause Bonhoeffer traf, denn »es hatte eigentlich einen ganz besonderen Charme«, so Leibholz im Interview von 1982, wobei er im Gespräch nicht ausführt, worin dieser für ihn genau bestand. In einem Brief von 1948, kurz nach dem Tod Karl Bonhoeffers, jedoch charakterisierte er ihn folgendermaßen: »In der Tat war der Vater meiner Frau einer der edelsten Männer, denen ich in meinem Leben begegnet bin. … ein wirklich weise[r] Mann, dem die Güte zum Lebenselixier geworden ist, und der seine intellektuellen Fähigkeiten mit dem allgemein menschlichen Wert zu verbinden vermag.«[76] Im Radiointerview fuhr er fort: »Ich muss gestehen, dass mich die Atmosphäre des Bonhoefferschen Hauses, wie viele andere auch, sehr beeindruckte«. Der Intellektuelle, der offenbar in seinem »etwas primitiven« Elternhaus nicht dieselben Anregungen erfuhr wie bei Bonhoeffers, fühlte sich dort sehr wohl. Sabine Leibholz berichtet, dass ihr Mann eine enge Bindung an seine früh verstorbene Mutter gehabt habe. In seinem Nachlass finden sich Briefe der Mutter an ihren schon fast erwachsenen Sohn, liebevoll, zärtlich und voller Sehnsucht nach ihm, der in Heidelberg studiert. Mit dem Vater verband ihn eine gute Beziehung, doch kein gemeinsamer »spirit«, wie er es im Interview nennt. Schon bevor William Leibholz im Frühjahr 1933 starb, hatte Gert begonnen, die Bonhoeffers als seine eigentliche Familie anzusehen – worüber sich sein jüngerer Bruder Peter später des Öfteren beschweren wird. Seine Schwiegereltern betrachtete er als Vater und Mutter, nannte sie in den Briefen »Liebe Eltern«; desgleichen die »lieben Geschwister«, die er seit seiner Konfirmationszeit 1916/17 kennt, darunter eben Hans von Dohnanyi und dessen Schwester Grete. Hans wird Christine Bonhoeffer und Grete deren Bruder Karl Friedrich heiraten, dabei auch Emmi und Justus Delbrück, sie wird Klaus Bonhoeffer heiraten. Ursula Bonhoeffers Verlobter Rüdiger Schleicher gehörte ebenso zum »Kerntrupp«[77] wie Susanne, die jüngste Bonhoeffer-Tochter es nennt, wie Gert, der »keinen munteren Sonntag zu Hause«[78] hatte.
Der Individualistenclub, von links nach rechts: Gerhard Leibholz, Karl Friedrich Bonhoeffer, Rüdiger Schleicher, Dietrich Bonhoeffer, Hans von Dohnanyi, Klaus Bonhoeffer, Ursula, Sabine, Christine und Susanne Bonhoeffer
Als die Leibholzens 1938 emigireren mussten, bekamen sie von den Geschwistern als Abschiedsgeschenk einen selbstgefertigten Leporello zur Erinnerung an die Familie, die sie zurücklassen mussten. Insgesamt sind 28 Porträts von den Eltern, Geschwistern und deren Kindern in liebevoller Kleinarbeit auf blauem Stoff befestigt und mit einem gelbem Band zusammengenäht worden. Alle Fotos sind gleichförmig, d.h. für dieses Unterfangen muss es einen extra Fototermin gegeben haben. Hier zu sehen sind Karl Friedrich und seine Frau Grete, die Schwester von Hans von Dohnanyi.
Walter und Susanne Dreß
Der »Individualistenclub« war im Sommer viel zusammen draußen, machte Ausflüge in die Berliner Umgebung mit dem Rad, mit dem Zug, mit dem Zelt, und im Winter traf man sich bei den Bonhoeffers: »Langsam wurde es ein fester Sonntagskreis, jedenfalls im Winter.«[79] »All diese verschiedenen Freunde (und noch mehr) vereinten sich mit uns auch zu Streit- und Lehrgesprächen, nicht nur zu Spiel und Spaß. Es wurde im Geschwister- und Freundeskreis begeistert diskutiert. Rund um den Esstisch im Eilschritt, die rechte Hand um das Handgelenk der Linken auf dem Rücken gehalten, so führten wir geistige Kämpfe. Nach den Mahlzeiten – und die Eltern haben sich zurückgezogen – geht es los. Irgendeine Frage war bei Tisch aufgetaucht und blieb ungelöst. Je lebhafter die Meinungen aufeinandertreffen, umso schneller werden die Schritte! … Da geht es um Literatur, und ich erfahre, was Stephan [sic] George will und was er für Fehler hat, längst ehe ich ein Gedicht von ihm gelesen habe; es geht um Heideggers Sprache und um Plancks Vorlesungen. Es geht auch um Religionsfragen, und die interessieren mich am meisten, weil ich glaube, davon etwas zu verstehen: Um den Ursprung des Bösen und um den freien Willen geht es immer wieder, um christliche Freiheit, es geht um die Möglichkeit, überhaupt etwas zu erfahren, um Können, um Erkenntnistheorie. Christel streitet heftig mit, und ich hocke am Fenster und höre zu. Hans Dohnanyi ist beim Rundlauf eifrig dabei, Rüdiger mit seiner schweren Beinverletzung und seinem langsameren Schwäbisch bleibt mehr am Rande – begibt sich aber der zwei Meter lange Gert mit in den Kreislauf, kommt alles bald aus dem Gleis, um seiner langen Beine willen.«[80] Die Debattierenden sind wohl vor allem die Juristen im Kreis – bis auf die einzige mitdiskutierende Frau, Christine, die zukünftige Biologin. Männer also, die von Berufs wegen diskutieren und argumentieren müssen. Karl Friedrich, der Älteste der Geschwister und der Naturwissenschaftler, scheint nie zum engsten Kreis derer, die dann später Widerstand leisten werden, dazuzugehören, ebenso wenig wie der Jüngste im Kreis, der Theologe Walter Dreß.
1895 in Stuttgart geboren, war Schleicher der älteste der Schwäger. Er hatte im Ersten Weltkrieg gekämpft und sich dort eine Beinverletzung zugezogen, die ihm zeitlebens Schwierigkeiten und Schmerzen bereitete. Sein Jurastudium absolvierte er in Tübingen. Von Anfang an war sein Schwerpunkt das Luftrecht, so dass er nach einer kurzen Mitarbeit im Reichsverkehrsministerium ins Reichsluftfahrtministerium wechselte. Dort war er bis 1939 Leiter der Rechtsabteilung, dann versetzte man ihn auf eine Referentenstelle im Allgemeinen Luftamt, während er im selben Jahr zum Honorarprofessor des Instituts für Luftrecht der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität ernannt wurde. Das Institut war ein gut geeigneter Ort für konspirative Treffen, denn auch Schleicher war im Widerstand. Er hielt enge Verbindungen zum Kreis der Gegner des NS-Regimes im Amt Ausland/Abwehr, wo Hans von Dohnanyi und auch Dietrich Bonhoeffer für den Umsturz arbeiteten. Im Fall eines gelungenen Attentats hätte Rüdiger Schleicher die deutsche Luftfahrt neu organisieren sollen. Doch auch ihn ermordeten die Nazis noch im April 1945.[81]
Rüdiger und Ursula Schleicher
Klaus Bonhoeffer war der Dritte der vier Bonhoeffer-Brüder und genauso alt wie Gerhard Leibholz. Er wurde 1935 Chefsyndikus der Deutschen Lufthansa, was ihm die Möglichkeit bot, zu reisen. Daher konnte er vielfältige Kontakte zu diplomatischen und kirchlichen Widerstandskreisen im In- und Ausland pflegen. Sein engster Freund aus Jugendtagen war Justus Delbrück, Nachbarskind und ebenfalls Jurist im Widerstand und seit 1930 auch sein Schwager, denn er heiratete Emilie Delbrück, mit der er drei Kinder hatte. Klaus Bonhoeffer hatte Verbindungen zu der konspirativen Gruppe um Ludwig Beck und Carl Goerdeler und arbeitete eng zusammen mit Dohnanyi im Amt Abwehr. Nach dem Attentat vom 20. Juli wurde er am 1. Oktober 1944 verhaftet und schwer gefoltert. Am 2. Februar 1945 verurteilt ihn der Volksgerichtshof zum Tode. Klaus war nicht wie Dietrich in Tegel infaftiert, sondern im Gefängnis in der Lehrter Straße. Wie Rüdiger Schleicher erschoss ihn ein Sonderkommando der Gestapo nur wenige Tage vor Kriegsende, in der Nacht vom 22. auf den 23. April 1945.[82]
Klaus und Emmi Bonhoeffer
Hans von Dohnanyi wurde am 1. Januar 1902 als Sohn des ungarischen Pianisten und Dirigenten Ernö von Dohnányi und der Pianistin Elisabeth von Dohnányi, geborene Kunwald, in Wien geboren. Die Eltern trennten sich, als er elf Jahre alt war, und die Geschwister Hans und Grete wuchsen bei der Mutter in Berlin auf. Hans besuchte das liberale Grunewald-Gymnasium, das auch die Schule der Bonhoefferjungs war. Die Mädchen besuchten die »Familienschule« von Fräulein Adelheid Mommsen. Koedukation war noch sehr selten und das Zölibat für Lehrerinnen (bis 1955) gesetzlich vorgeschrieben. Dohnanyi wird ab 1929 im Reichsjustizministerium arbeiten, ab 1939 im Amt Ausland/Abwehr, einem Zentrum des Widerstands gegen den NS. Er arbeitete mit an konkreten Plänen für den Staatsstreich, und er sammelte Informationen über die nationalsozialistischen Verbrechen, einmal, um diese dem Ausland zukommen zu lassen, etwa dem Vatikan, zum anderen, um sie nach dem Ende des Regimes unabhängigen Gerichten als Beweise vorlegen zu können. Außerdem gelang es ihm, als Agenten getarnten Juden zur Flucht zu verhelfen. Er wurde entdeckt, inhaftiert, schwer gefoltert und schließlich wenige Wochen vor Kriegsende ermordet.[83]
Hans und Christine von Dohnanyi
Gerhard Leibholz besuchte eine andere Schule als seine Freunde, er machte im Februar 1919 am humanistischen Mommsen-Gymnasium Abitur. Mit einem seiner Lehrer, Ernst Neustadt (1883-1942), blieb er bis zu dessen Tod in Verbindung. Nach einem kurzen militärischen Zwischenspiel, über das noch zu sprechen sein wird, begann er Philosophie, Rechtswissenschaften und Nationalökonomie in Heidelberg zu studieren. Nach nur zwei Jahren wurde er 19-jährig mit einer Arbeit über »Fichte und der demokratische Gedanke« zum Dr. phil. promoviert. Er kam dort zu dem Schluss, man könne »Fichte als den Staatsphilosophen des deutschen Demokratismus« bezeichnen;[84] eine These, die ihn später, wie er im Interview zugab, selbst nicht mehr recht überzeugen konnte, ebenso wenig einige der zeitgenössischen Rezensenten, die monierten, Fichte sei zwar von demokratischen Prinzipien ausgegangen, habe aber nie zur demokratischen Praxis aufgerufen. Die Anregung zu dieser Arbeit stammte von Leibholz‘ Heidelberger Lehrer, dem Staatsrechtler Richard Thoma (1874-1957). Zusammen mit dem Staats- und Verfassungsrechtler Gerhard Anschütz (1867-1948) gab der das Standardhandbuch zum deutschen Staatsrecht heraus. Beide Männer waren prägende Vorbilder für den jungen Studenten, auch mit diesen Lehrern hielt er zeitlebens Kontakt. Thoma war 1926 Mitbegründer der »Vereinigung verfassungstreuer Hochschullehrer«, keine Selbstverständlichkeit in der Weimarer Republik, und er war, wie Anschütz und auch William Leibholz, Mitglied der Deutschen Demokratischen Partei (DDP), die im Parteienspektrum als liberal zu verorten war.
Noch in Heidelberg hatte Leibholz ein Jurastudium begonnen, das er im Sommer 1922 in Berlin mit dem Ersten Staatsexamen abschloss. Während des folgenden Referendariats am Kammergericht in Berlin arbeitete er seine juristische Promotion aus, die kurz vor Weihnachten 1924 zum Abschluss kam. Die Anregung zu dieser einflussreichen Arbeit »Die Gleichheit vor dem Gesetz« stammte von seinem Berliner Lehrer und Mentor Heinrich Triepel (1868-1946), der als einer der bedeutendsten Staats- und Völkerrechtler des 20. Jahrhunderts und Leibholz als sein wichtigster Schüler gilt.[85] Leibholz entwickelte die Lehre von der Bindung des Gesetzgebers an den Gleichheitssatz und bezog damit Position in der Auseinandersetzung der Weimarer Staatsrechtslehre um die Zulässigkeit eines Gesetzesprüfungsrechts durch die Richter.
Der Schwiegervater lädt höchst förmlich auf einer gedruckten Einladungskarte seinen Sohn und dessen Frau Gemahlin zu einem offiziellen Abendessen.
Im selben Jahr 1924 verlobte sich der Dr. phil. Dr. jur. Gerhard Leibholz mit dem Fräulein Sabine Bonhoeffer, die gerade mal 18 Jahre alt war. Geheiratet wurde aber erst zwei Jahre später, nachdem Leibholz im April 1926 sein Assessorexamen gemacht hatte und daraufhin zum Gerichtsassessor ernannt worden war. »1926, als wir heirateten, hatte ich keine abgeschlossene Berufsausbildung«[86], erinnert sich Sabine. Ihren künstlerischen Neigungen folgend hatte sie kurzzeitig eine Kunstgewerbeschule besucht, diese aber ohne Abschluss verlassen. Gerhard Leibholz hingegen verfolgte zielstrebig seine akademische Karriere. Nach einer kurzen Zeit als Hilfsrichter beim Amtsgericht Berlin-Mitte in Zivil-, Straf- und Vollstreckungssachen (April bis Oktober 1926) wurde er vom Justizdienst beurlaubt. Durch die Vermittlung des Zweitgutachters seiner Dissertation konnte er Wissenschaftlicher Referent am Kaiser-Wilhelm-Institut für Ausländisches Öffentliches Recht und Völkerrecht werden. Dergestalt finanziell abgesichert bot sich ihm hier die Gelegenheit, an seiner ebenfalls von Triepel betreuten Habilitation zu arbeiten, die er im Sommer 1928 einreichte. Es entstand die einflussreiche Arbeit »Zum Wesen der Repräsentation. Eine staatstheoretische Untersuchung«, die noch Jahrzehnte später anlässlich seines 80sten Geburtstages im Fach diskutiert wurde.[87]
Gerhard und Sabine Leibholz
Um das Habilitationsverfahren formell endgültig abzuschließen, hielt er am 30. Juni des Jahres seine Antrittsvorlesung an der Berliner Universität. Da er am Kaiser-Wilhelm-Institut in Berlin-Dahlem das Italien-Referat übernommen hatte, war er mit dem Faschismus in Italien in Berührung gekommen und sprach »Zu den Problemen des faschistischen Verfassungsrechts«. Diese Studie, so fasste es ein Jurist in seiner »Erinnerung an Gerhard Leibholz« 2001 zusammen, »löste zeitweise Irritationen aus«[88], denn Leibholz vertrat hier die These, dass der italienische Faschismus sich zumindest formal im Rahmen der Rechtmäßigkeit bewegt habe. Der Autor erkannte eine gewisse »Volksgebundenheit des Fascismus [sic]«, die ihm einen »demokratischen Einschlag« gebe.[89] Legitimität gewinne der italienische Faschismus, so Leibholz, durch das »ins Heroische gesteigerte Charisma des Führers«. Sein Biograph, der Jurist Manfred H. Wiegandt ebenso wie einige zeitgenössische Rezensenten bescheinigen Leibholz, dass er sich um eine »objektiv[e] und wertungsfrei[e]« Herangehensweise bemüht habe. Er habe den Diktaturcharakter des italienischen Faschismus deutlich herausgearbeitet. Doch Aussagen wie der Faschismus stehee »in bewußtem Widerspruch zur bisherigen Gerontokratie«, er zeichne sich durch einen Glauben an die Jugend aus und wolle »das erstarrte Allgemeine wieder mit einer lebensvollen Individualität« verbinden, können allzu leicht als zustimmend gewertet werden, und es fehlt an einer klar erkennbaren Abgrenzung zu diesem Phänomen.[90] Sätze wie »Der Fascismus [sic] will Leben sein, will Leben spenden« lassen sogar eine gewisse Faszination für den Faschismus erkennen, wie sie von der konservativen Schule deutscher Staatsrechtslehrer, unter ihnen Rudolf Smend, Leibholz’ akademischer Lehrer in Berlin und später Rektor der Universität Göttingen, geteilt wurde.
Gerhard Leibholz mit einer seiner Töchter
Auch wenn in den zeitgenössischen Rezensionen diese Problematik teilweise diskutiert wurde, mehr als eine »Irritation« entstand nicht. Der vielversprechende junge Mann avancierte neben seiner wissenschaftlichen Tätigkeit am Kaiser-Wilhelm-Institut zum Co-Leiter der Attachékurse des Auswärtigen Amtes. Er erhielt zudem ein Angebot vom Reichsjustizminister Erich Koch-Weser, der ihn als seinen persönlichen Referenten gewinnen wollte, aber das lockte ihn nicht. Gerhard Leibholz war entschlossen, die wissenschaftliche Laufbahn anzutreten. Er überließ die Stelle seinem Schwager Hans von Dohnanyi. Obwohl er noch Ende 1928 zum Amts- und Landrichter ernannt worden war, bat er ein Jahr später um die freiwillige Entlassung aus dem Justizdienst, denn er hatte zum 1. November 1929 einen Ruf an die Universität Greifswald erhalten. Das schien der Beginn einer vielversprechenden Karriere zu sein.
Die Trauung hatte am 6. April 1926 in Berlin im Hause Bonhoeffer stattgefunden, die »Hochzeitsfeierlichkeiten«, wie Sabine sie nennt, so als ob es sich um eine Fürstenhochzeit handelte, dauerten drei Tage.[91] Sabine schildert in ihren Erinnerungen ausführlich den Polterabend, an dem die Geschwister ein Singspiel aufführten, minutiös den Hochzeitstag, der gemäß den Familientraditionen gestaltet wurde, beschreibt die Rituale in allen Einzelheiten. Die Hochzeitsreise ging nach Lugano, danach bezog das Paar eine Viereinhalbzimmerwohnung in der Ravensbergerstraße in Berlin nicht weit vom Kurfürstendamm, wo Leibholz sich ein Arbeitszimmer einrichtete, weil er überwiegend von zuhause aus arbeitete, gerne auch am Wochenende. In einem Brief vom September 1928 schilderte Sabine ihrer Mutter, Gert sei »gleich am Sonnabend wieder ins Institut und hat Korrekturen mitgebracht, die wir zusammen lasen. Die Setzer werden nicht sehr glücklich sein, denn er ändert wieder jeden Satz ab.«[92] Es etablierte sich offenbar von Anfang an ein Ritual, zumindest eine Routine, die sich auch in Greifswald fortsetzte: Professor Leibholz kaufte seiner Gattin einen »sehr schönen bequemen Stuhl, den er neben seinen Schreibtisch stellte; hier sollte ich mit einem Buch oder einer Näherei bei ihm sitzen, das mochte er, und auch ich fand das gemütlich«.[93]
Sabine hatte niemals einen Beruf erlernt und würde nie einen Beruf erlernen, auch nicht den der Hausfrau. Susanne erinnerte sich an einen Anruf ihrer frisch verheirateten Schwester, die sich am Mittagessen versuchte: »Ein gleichermaßen ahnungsloses Mädchen stand ihr zu Diensten. Sie kochten zusammen vier Stunden Spinat, ohne dass er wurde ›wie zu Haus‹. Dann rief sie mich telefonisch um einen guten Rat an. Der war aber nur fürs nächste Mal brauchbar.«[94] Die Eltern Bonhoeffer hatten zwar ihren Töchtern nahegelegt, sich nicht vor dem 20. Lebensjahr zu verheiraten, ansonsten aber ließen sie ihnen in ihrer Lebensgestaltung freie Hand. Schöngeistige Bildung hatten sie zuhause erhalten, eine Ausbildung wurde ihnen nicht verwehrt – Christine, wir erinnern uns, durfte Biologie studieren –, aber man hielt sie keineswegs für notwendig. Gefährtin des Mannes und Mutter zu sein, das war das klassische konservative Rollenbild für die Frau, dem ganz offensichtlich auch Sabine anhing: Am 30. Juni 1927 war in Berlin ihre erste Tochter Marianne zur Welt gekommen, am 10. Dezember 1930 wurde Christiane geboren.
Sie kümmerte sich mit großer Freude um die beiden Kinder, doch auch hier hatte sie natürlich Unterstützung, nicht zuletzt weil die Eltern es nicht gerne sahen, dass die Kinder ohne Personal waren. Das gehörte sich schließlich nicht, und daher gewährten sie der jungen Familie eine entsprechende finanzielle Unterstützung, die von Vater Leibholz ergänzt wurde.[95] Nicht ganz ausgeschlossen, dass Sabine zeitweilig darüber nachdachte, etwas zu lernen, denn ihre Schwester Suse erinnerte sie Ende 1938 daran, dass sie einmal erwogen hatte, die Neumann-Neurode-Gymnastik zu erlernen.[96] Diese Säuglingsgymnastik war eine der vielfältigen Formen der ausdifferenzierten Gymnastikbewegung um die Jahrhundertwende, die speziell Frauen endlich mehr Bewegungsfreiheit ermöglichte, konkret und im übertragenen Sinne, nachdem das 19. Jahrhundert sie noch in Korsetts geklemmt hatte. 1938, also in den ersten Monaten des Exils, wird jedoch weniger der emanzipatorische Impetus, der der Gymnastik innewohnte, als die Überlegung, damit Geld zu verdienen, eine Rolle gespielt haben. Es ist jedoch nie dazu gekommen. Das junge Paar genoss sein Familienglück. Der Abschied von Berlin fiel schwer, weg vom kulturellen Angebot der Großstadt hinein in die pommersche Provinz, vor allem weg von der Familie. Aber sie lernten die Vorzüge der Region schätzen, gingen gerne baden am Bodden, empfanden überhaupt die Nähe der Natur als »das Schönste«, denn sie wohnten am Stadtrand und waren »nach Tisch« gleich draußen in den Feldern.[97] Sabine, die schon in Berlin gerne einen Garten in der Laubenkolonie gehabt hätte, machte sich an die Gartenarbeit, und so wie auch später in Göttingen fand sie ihren Garten »reizend«.[98] Die Blumen, die Gert zum Geburtstag im Februar herbeizauberte, müssen allerdings gekauft gewesen sein: »Gert hatte mir einen reizenden Geburtstagstisch gemacht – voller Blumen, Tulpen, Osterglocken, Hyazinthen, Maiglöckchen.«[99]
»Beruflich war Gert nicht überlastet«, gibt Sabine ungeniert zu, die Lehre und der Umgang mit Studenten machten ihm Spaß, sie ließen ihm aber vor allem ausreichend Zeit für seine wissenschaftliche Arbeit. Sabine entwickelte sich im Laufe der Zeit zu einer Art Sekretärin, lernte Schreibmaschine schreiben und war ansonsten mit der Organisation des Haushalts befasst: »Du fragst, wie es mit den Mädchen gehe. … Frl. Emilie ist mit dem Kind sehr ordentlich auch in der Küche sehr sparsam und sauber. Die andere Kleine ist eine Beamtentochter vom Lande, die … aber noch nie in Stellung war. Sie gibt sich aber grosse Mühe, ist eine Perle an Sauberkeit … Jedenfalls zwei solche anständige Menschen im Haus zu haben, ist schon sehr schön. Beide fühlen sich sehr wohl hier, ich bin aber auch sehr nett mit ihnen, finde ich. … Gert hat eine neue Arbeit begonnen neben seinem Kolleg, was er mir jetzt immer diktiert, da mein Maschineschreiben jetzt schneller geht als die Hand.«[100] Sie nahmen teil am gesellschaftlichen Leben in den akademischen Zirkeln der Stadt, die Atmosphäre an der Uni sei nett und harmonisch gewesen, erinnerte sich Sabine im Rückblick.[101] Sie wurden oft eingeladen oder waren Gastgeber: »Diese Woche haben wir gottlob keine Einladungen; nächste Woche dafür wieder zwei.«[102]
