Geschichte der Pest in Ostpreußen - Wilhelm Sahm - E-Book

Geschichte der Pest in Ostpreußen E-Book

Wilhelm Sahm

0,0
9,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Unbeschreibliches Elend durchlitten die Bewohner Ostpreußens in den Zeiten der "Pestilenz", die das Land in mehreren Pestläufen durchzog. Ganze Dörfer wurden verödet, Städte verwüstet, Familien und Existenzen zerstört. Wilhelm Sahms "Geschichte der Pest in Ostpreußen" enthält die gewissenhaft recherchierten chronologischen Abläufe des Geschehens, unterlegt mit unzähligen eindringlichen Berichten von Einzelschicksalen und Tragödien.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 261

Veröffentlichungsjahr: 2020

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Inhaltsverzeichnis.

Vorwort

Erläuterung der häufigsten Zitate

Die preußischen Pestepidemien bis zum Jahre 1708

Die Pestepidemien der Ordenszeit

Der englische Schweiß

Das Pestjahr 1549

Die Pestepidemien der Jahre 1550–1602

Das Pestjahr 1602

Die Pestlepidemien von 1602–1708

Die große Pest der Jahre 1708–10

Samland:

Königsberg

Das weitere Samland

Litauen

Masuren

Natangen

Oberland

Pestverordnungen

Statistische Beilage

Abbildung des Rossgärter Pestmarktes nebst Erläuterungen

Vorwort.

DIE Idee einer Darstellung der großen altpreußischen Volkskrankheiten, welche bis ins 18. Jahrhundert als „Pestkrankheiten“ bezeichnet zu werden pflegen, ist nicht neu. Schon Hagen hat im Jahre 1821 einen dahingehenden Versuch gemacht und in den „Beiträgen zur Kunde Preußens“ die große Pest der Jahre 1709/11 eingehend dargestellt.1 Die zuverlässige, auf Grund aktenmäßigen Materials sorgfältig aufgebaute Monographie, welche sich in der Hauptsache Königsberg zuwendet, ist als bedeutendster Beitrag zur ostpreußischen Seuchengeschichte rühmlichst bekannt und bedarf daher an dieser Stelle keiner besonderen Würdigung.

Über der Abfassung jener Arbeit sind seither 84 Jahre vergangen. Die leichtere Zugänglichkeit der Archive und die dadurch begünstigte rastlos fortschreitende historische Forschung, deren Ergebnisse in mannigfachen Publikationen niedergelegt wurden, ergaben immer neue, wertvolle Beiträge und Aufschlüsse zu den großen preußischen Volksepidemien und ließen den Gedanken einer umfassenden Untersuchung der Seuchen-Geschichte Ostpreußens nicht ganz ungerechtfertigt erscheinen. Freilich, auf Vollständigkeit darf dieselbe trotzdem keinen Anspruch erheben; denn wer dürfte wohl dafür einstehen, daß nicht unterschiedliche Stadt- und Kirchenarchive, welche dem Verfasser unerreichbar geblieben und wo schriftliche Anfragen nicht immer den gewünschten Erfolg hatten, doch noch einschlägiges Material bergen, das die Arbeit da ergänzen würde, wo jetzt der Quellenmangel ein tieferes Eingehen nicht gestattete.

Das Hauptmaterial boten dem Verfasser die Königlichen Staatsarchive zu Königsberg und Berlin, das hiesige Stadtarchiv, sowie zahlreiche Stadt- und Kirchenregistraturen der Provinz. Um in erster Reihe der Lokalforschung zu dienen, mußte es darauf ankommen, auch die unscheinbarste Notiz zu verwerten, obschon hierdurch die Darstellung erhebliche Beeinträchtigung erfuhr und bei der Sprödigkeit des Stoffes die Gefahr nahe lag, in einzelnen Partien die Allgemeinheit zu ermüden. Bei dem im Grunde doch immerhin gleichartigen Stoff ließ sich die Wiederholung mancher Einzelheiten nicht vermeiden, um so mehr, als auch mit einer teilweisen Lektüre der Arbeit gerechnet werden mußte.

Vom 18. Jahrhundert ab ließ die Fülle des Materials, mehr noch die Gleichzeitigkeit der Ereignisse, eine Teilung in der Darstellung ratsam erscheinen. Dabei hielt sich der Verfasser an die noch heute üblichen Namen der altpreußischen Gaueinteilung, wenn schon die schwankenden Gaugrenzen nicht immer peinlich eingehalten wurden, namentlich, wenn es die Abrundung eines Stoffganzen erheischte.

Das Ermland mußte leider mangels einschlägigen Aktenmaterials unberücksichtigt bleiben. Es sei daher hier auf einen Aufsatz „Die Pest im Ermland“ von Dr. Matern hingewiesen, welcher die Archive zu Braunsberg und Frauenburg sorgfältig benutzt hat.

Die Schreibweise der Ortsnamen entspricht den heutigen Verhältnissen. Über das statistische Material bringt eine demselben vorangehende Einleitung die nötige Aufklärung.

Es erübrigt noch, den Herren Beamten der benutzten Archive, insbesondere Herrn Archivdirektor, Geheimem Archivrat Dr. Joachim, den Herren Archivaren Dr. Karge und Dr. Eggers sowie Herrn Sekretär Tobies für freundlichst bewiesenes Entgegenkommen zu danken. Dankbar auch wird der Verfasser des wohlwollenden Interesses gedenken, das Herr Universitätsprofessor Dr. Krauske, Herr Geheimrat Dr. Joachim sowie Herr Universitätsprofessor Dr. Lohmeyer an der Entstehung und Vollendung vorstehender Arbeit genommen haben. Schließlich sei des Vereins für die Geschichte von Ost- und Westpreußen für die Bereitwilligkeit dankbar gedacht, mit der er die Arbeit unter seine Publikationen aufgenommen hat.

Königsberg, im Juni 1905. Der Verfasser.

1 Hagen, die Pest in Preußen 1709/11, Beiträge zur Kunde Preußens 1821. Bd. 4. S. 27– 49.

Erläuterung der häufigsten Zitate.

DIE Pest ist eine jener epidemischen Krankheiten, welche erst die medizinische Wissenschaft unserer Tage recht erkannt hat. Dem Mittelalter und seiner Folgezeit war jede Seuche, die ein größeres Sterben im Gefolge hatte, eine Pest2, wobei die Plötzlichkeit der Erscheinung und die Schnelligkeit des tödlichen Ausganges die Hauptsymptome bildeten.

So unbestimmt unseren Vorfahren der Krankheitsbegriff Pest war, so spärlich und unbestimmt sind auch bis zum 16. Jahrhundert die Quellen, welche von dieser frühen Periode ostpreußischer Seuchengeschichte Kunde geben könnten. Die Korrespondenz des deutschen Ordens erwähnt die furchtbare Volksplage äußerst selten, und auch die wirtschaftlichen Aufzeichnungen jener Tage berichten wohl in geschäftsmäßiger Kürze über Landverleihungen, Verträge und ähnliche Angelegenheiten, enthalten jedoch über den Gegenstand unserer Betrachtung keine nennenswerten Angaben.

Freilich, in den Berichten der alten Landeschronisten finden sich hie und da vereinzelte Nachrichten über die Verheerungen, welche die Pest unter den Bewohnern Preußens anrichtete. Der Umstand indessen, daß die erwähnten Autoren jenen Ereignissen zumeist zeitlich fern standen, sowie auch die Tatsache, daß der Gegenwart häufig die Quellen der alten Geschichtschreiber unbekannt geblieben sind, läßt die Glaubwürdigkeit derselben nicht immer unbedingt erscheinen, und wo eine Nachprüfung möglich war, bestätigte sie vielfach diese Vermutung. So zeigt Lucas David3 an zahlreichen Stellen eine sinngetreue, oft wörtliche Übereinstimmung mit der Chronik des Tolkemiter Dominikanermönches Simon Grunau, die bereits Töppen einer vernichtenden Kritik unterzogen hat.4

Auch Kaspar Schütz5 meldet unter anderm aus dem Jahre 1313 von einer schrecklichen Pest. Indessen erscheinen die Einzelheiten seines Berichtes so ungeheuerlich, daß schon ein Historiker des 18. Jahrhunderts6 in die Glaubwürdigkeit derselben gelinde Zweifel setzt.7

Mehr dürfte den Tatsachen entsprechen, was Johannes von der Pusilie über die von ihm selbst erlebten Pesten zu berichten weiß.8 Doch unterlaufen auch ihm, dem sonst als zuverlässig geltenden Annalisten an mehreren Stellen offensichtliche Irrtümer, auf die bereits sein erster Herausgeber Voigt hingewiesen hat. Als um die Mitte des 14. Jahrhunderts der schwarze Tod seinen Vernichtungszug durch Europa hielt, ward auch das Ordensland davon betroffen. Auffallenderweise wissen die altpreußischen Geschichtschreiber darüber nichts zu melden. Nur die Chronik von Oliva berichtet, daß die Seuche Polen und das benachbarte Preußen hart angegriffen hätte. Heftige Fieber- und Deliriumanfälle, verbunden mit blutigem Auswurf, seien die Kriterien der Seuche gewesen, bis am fünften Tage mit der Bildung von Karbunkeln der Tod eintrat.9

Aus handschriftlicher Quelle wäre noch einer Pestepidemie aus dem Jahre 1416 zu gedenken, welche der Polenkönig Jagello in einem Schreiben erwähnt. Er spricht dort von einem „Pest hauche“, der mit Zulassung Gottes in dieser Zeit in Preußen, namentlich in Danzig wüte und bittet, daß niemand, der mit dieser Krankheit behaftet sei, in die Gesandtschaft aufgenommen werden möge, welche unter Führung des Komturs von Danzig nach Litauen gehe, „damit nicht diese Pestkrankheit, welche ansteckend ist, auch bei uns kräftig werde.“10

Übereinstimmend hiermit berichtet der Hochmeister Michael Küchmeister in demselben Jahre an den Erzbischof von Riga von „Sweren lowffen“, die ihn verhinderten, das Geld aufzubringen, welches der Aufenthalt des Bischofs in Konstanz erfordere. „So hat leider“, heißt es dort an einer Stelle, „lange ziet die pesti lencia die arme landt swerlichen obirgangen vnd hutistages noch weret.11

Mit diesen sporadischen Mitteilungen, die sich wohl kaum jemals zu einem eingehenden Berichte ergänzen lassen dürften, schließen die Nachrichten über die großen Volkskrankheiten Ostpreußens zu den Zeiten der Ordensherrschaft ab.

Der englische Schweiß.

In den letzten Maitagen des Jahres 1529 war in London eine gefährliche Seuche ausgebrochen, welche schon früher zu wiederholten Malen das englische Volk vom Thron bis zur Hütte heimgesucht hatte. Es war die gefürchtete englische Schweißkrankheit. Ende Juli 1529 erschien sie plötzlich in Hamburg und verbreitete sich mit erschreckender Schnelligkeit über fast ganz Deutschland und Nordeuropa. Bereits anfangs September 1529 zeigte sie sich im Herzogtum Preußen. Zwar sind die örtlichen zeitgenössischen Angaben über die Natur der Seuche nur spärlich; immerhin ermöglichen sie doch in Verbindung mit gleichzeitigen Überlieferungen aus anderen Gebieten ein annähernd richtiges Bild der neuen Krankheit zu geben.12

Die Seuche trat, abgesehen von einer mit Herzklopfen verbundenen Beklommenheit, ohne jede Vorboten auf. Sie setzte mit kurzem Schüttelfrost ein, der sich in besonders bösartigen Fällen bis zu krampfhaften Zuckungen der Glieder steigerte. Oft auch überfiel der Schweiß seine Opfer unter anfangs mäßiger, fort und fort zunehmender Hitze im Rausche oder im Schlafe, so daß dieselben beim Erwachen oft schon dem Tode nahe waren. Dumpfes Kopfweh fand sich bei allen Kranken ein und verursachte eine unwiderstehliche Schlafsucht, die den sicheren Tod durch Schlagfluß herbeiführte, wenn sie nicht überwunden werden konnte. Die Atmung erfolgte unter großen Beschwerden, und nach kurzem Zögern, oft auch schon im Beginn der Krankheit, brach ein übelriechender Schweiß aus, der entweder zur Genesung oder zum Tode führte. Der Chronist Hasentödter13 beschreibt den akuten

Verlauf des Schweißfiebers in folgendem Reime:

„Ein Kranckheit gnant der Enlisch schweiss,

Schickt Gott auff diesen Erdenkreiss

Von wegen unsrer großen Sünd,

Damit wir seinen zorn entzünd.

Der Schweiss nam manchen Menschen hin

Eh man sich wust zu schicken drin.

Erlebtens vier und zwentzig stund,

So wurdens gmeinlich wieder gsund.

Bin selbst gelegen an dem Schweiss,

Darum davon zu sagen weiss.“

Panischer Schrecken hatte sich in Preußen der Gemüter beim Herannahen der „schwitzenden Seuche“ bemächtigt. Der in Königsberg versammelt gewesene Landtag stob aus Furcht vor der „erschrecklichen Plage“ auseinander und sollte später in Friedland abgehalten werden, wurde jedoch abermals durch die Krankheit vereitelt.14 Gleich den Landboten hatte auch der herzogliche Hof die Residenz verlassen und war in „die Wildnis“15 geflüchtet, des öfteren seinen Wohnsitz wechselnd. Dennoch wurde, wie es scheint, der Herzog nebst seiner Gemahlin dort vom Schweißfieber ergriffen. In einem Brief vom 13. September 1529 schreibt er darüber an den Markgrafen Georg von Brandenburg:

„Der allmächtige Gott hat, als wir auf einem Landtage beieinander gewesen sind, eine neue Krankheit in diese Lande geschickt. Durch diese sind viele meiner Kinder mit Tod abgegangen, besonders auch der [Bischof] von Riesenburg und mein Kanzler, welchen Gott allen gnädig und barmherzig sein wolle. Wiewohl ich nun auch hier liege mit Weib und Kind, mein Weib, dieweil sie alle Stund niederkommen soll, nirgend hinbringen kann, hat mir unser aller Gott, wie ich besorge, diese Krankheit ins Haus geschickt, meinen Kapellan mit seinem Weibe angegriffen. Doch hoffe ich, nicht schaden werd.“1617

In wenigen Tagen hatte sich die neue Krankheit über das ganze Herzogtum Preußen ausgebreitet. Mit besonderer Heftigkeit war sie in der Hauptstadt aufgetreten. Bock18 berichtet, in Königsberg hätte sich damals die Einwohnerzahl sehr vermindert, da viele durch die Seuche getötet, weit mehr aber noch aus der Stadt geflüchtet wären.

In Übereinstimmung hiermit meldet ein Ratsprotokoll der Stadt Löbenicht vom 10. Oktober 1529, „daß viel Volk an dieser Krankheit liege und täglich mehr befallen werden, welche mit dem Sakramente des Leibes und Blutes Christi nicht alle versehen werden können.“ Der Pfarrer und der Kaplan vom Berge19 seien gleichfalls von der Seuche ergriffen; der erstere habe sich durch den Schulmeister an den Bürgermeister gewandt, er möge einen neuen Kaplan senden, „damit niemand an seinem letzten Ende verkürzt werde.“20

Zu den Opfern der Epidemie, an die bereits in dem herzoglichen Schreiben gedacht wurde, zählte auch Dr. Fischer, der Kanzler des Herzogtums und der Pomesanische Bischof Erhard von Queiss. Der letztere erlag dem Schweißfieber auf seiner Heimreise im Schlosse Pr. Holland. Der dortige Amtsschreiber meldet am 10. September 1529, daß sein gnädiger Herr, der Bischof, „welchen die Nacht zuvor um eins Hora die erschreckliche Seuche der schwitzenden Krankheit ergriffen, algereidt sprachlos gewesen und gar bald über eine halbe Stunde darnach mit seligem, christlichem Ende verstorben sei.“21 Noch „in der letzten Stunde dieser Welt“ hatte er in einem Schreiben seine verwaisten Kinder der Gnade der Herzogin Dorothea empfohlen und war mit einem erschütternden Gebet um Christi Erbarmen verschieden.22

Mag die Zahl der Opfer, welche die Seuche forderte, immerhin beträchtlich gewesen sein, an Bösartigkeit scheint sie der Pest doch nachgestanden zu haben. „Denn obwohl viel Volks, beide, von Männern und Weibern härtiglich damit angegriffen“, schreibt der Herzog unterm 8. October 1529 an Herrn von Heydeck, „so ist doch der meiste Teil durch Gottes Gnade davon gnädiglich errettet.23“ Schon um die Mitte des October 1529 hörte das ungewohnte Sterben auf. Noch einmal zeigte es sich freilich im Jahre 1542 im Amte Pr. Holland, kam aber nicht mehr zu der Verbreitung von 1529. Damals ordnete ein herzogliches Reskript an, es möge sich jeder nach dem Reglement verhalten, das zur Zeit des ersten Schweißfiebers zur Austeilung gelangt war.24

Wie alle großen Epidemien, so sah der fromme Glaube auch diese Seuche als eine absonderliche Strafe des Himmels für außerordentlich sündhafte Zustände an. Es fehlte denn auch nicht an Mahnungen zur Buße und Einkehr in sich selbst. So ordnete ein herzogliches Reskript vom 13. September an, die Amtshauptleute sollten die Geistlichen ihres Sprengels ersuchen, „daß sie das Volk auf diese Zeit treulichst ermahnen und erinnern, daß Gott diese grausame Plage, so sein göttlicher Zorn um unser aller Sünden willen ausgebreitet, gnädiglich abwenden wolle.“2526

Eingehende statistische Nachrichten über den durch den englischen Schweiß verursachten Menschenverlust sind nicht mehr zu ermitteln. Nach Hennenberger27 betrug er im ganzen Lande 30.000 Seelen.

Das Pestjahr 1549.

Noch waren die Schreckenstage des englischen Schweißes nicht vergessen, kaum war die Bevölkerung zur Ruhe gekommen, als auch schon die alte Volksplage, die Pest, sich in den Jahren 152728, 153129, 153730, 153931, 154632 aufs neue im Lande zeigte. „Es stirbt, es hebt gemachsam an zu sterben, das Sterben nimmt überhand.“ Das sind die zeitgemäßen Benennungen dafür, und fast dürfte die Annahme nicht ganz von der Hand zu weisen sein, daß damals in Preußen zahlreiche autochthone Pestherde bestanden, obschon die Seuche in einzelnen Fällen nachweislich aus Polen auf dem Wasserwege eingeschleppt wurde.

Einen Höhepunkt auf ihrem Verwüstungszuge bildete das Jahr 1549. Das Sterben begann in Königsberg um die Fastenzeit, kam aber erst mit Beginn der warmen Jahreszeit zu rechter Entfaltung. Im Juni sah sich die Regierung genötigt, an den Rat der drei Städte Königsbergs nachstehende Verordnung zu erlassen:

„Da die Sterbensluft von Tag zu Tag mehr zunimmt, haben wir wohl für notwendig bedacht, in solcher Gefährlichkeit den Jahrmarkt abzusagen. Da aber der arme Landmann zu jetziger Zeit seine Waren zu Geld machen und dagegen seine Notdurft besorgen muß, so wollen wir zu solchem Markt einen Platz vor der Stadt, etwa auf dem Haberberge an der neuen Brücke, nicht unbequem achten. Daneben wollt Ihr denjenigen, in deren Häuser es gestorben, es bei Vermeidung ernster und hoher Leibesstrafe verbieten, in keine gemeine Versammlung zu kommen, worauf Eure Stadtdiener und andere Verordnete mit Fleiß sehen sollen. Desgleichen sollen solche Häuser, in denen es gestorben, zugeschlagen und gezeichnet, auch den Personen, so durch Gottes Hilfe von der Seuche entbunden, aufgelegt werden, eine zeitlang ein ordentlich Zeichen zu tragen. Auch sind die gemeinen Badestuben zuzuhalten.33

Ende Juni 1549 war das herzogliche Hoflager von Königsberg nach Neuhausen und später, von der Pest verfolgt, nach verschiedenen Städten an der masurisch-polnischen Grenze verlegt worden.34 Von Johannisburg richtet der Herzog unterm 22. August an den in Königsberg zurückgebliebenen Kammerrat von Nostitz nachstehendes Schreiben:

„Wir erfahren aus dem andern, deinem Schreiben, wie schrecklich und heftig sich in Königsberg die Sterbensluft sehen lässt. Das ist uns in Wahrheit, daß sich die Strafe Gottes je länger je heftiger erstreckt, schmerzlich und mitleidig zu hören. Nachdem dann auch, wie wir berichtet werden, des Läutens zu Königsberg viel und fast den ganzen Tag währen soll, dadurch die Leute zu großer Wehmut und Furcht geursacht werden, ist derowegen unser gnädiges Begehren, du wollest mit den Räten der Stadt reden, daß das Glockenläuten, wenn nicht gar, doch zum Teil nachgelassen. Und wo einmal oder zwei am Tage geläutet würde, das dann unsers Erachtens so große Wehklage nicht ursachen könne. Ist auch unser Befehl, du wollest uns die Zeit über, wenn das Sterben am heftigsten, mit Schreiben verschonen. Wenn sich aber das Sterben lindert, wollest uns solches ins fürderlichste zu erkennen geben.“3536

Wie schon der wechselnde Aufenthalt des Herzogs andeutete, war die Pest trotz mancherlei Vorsichtsmaßregeln nicht auf Königsberg beschränkt geblieben. Im August wurden die Amter Insterburg, Lötzen, Rastenburg, Neidenburg, Ortelsburg und Soldau von ihr ergriffen. Der Stallmeister von Ragnit erhielt im September auf seine Anfrage, ob er der Seuche wegen mit den Pferden des dortigen herzoglichen Gestütes einen andern Ort aufsuchen solle, die Weisung, dortzubleiben, „da uns die Gäulen ein ander Ort um mehr Sicherheit willen zu legen fast ungelegen sein will und auch die Sterbensläufft fast überall in unserm Herzogtum sich ereuget.“37

In Lötzen hatte die Epidemie dergestalt überhand genommen, daß es dem dortigen Amtshauptmann an Arbeitskräften zum Dreschen des Getreides sowie zur Bewirtschaftung des Viehhofes mangelte und er dieserhalb bei der Regierung vorstellig wurde. Der von Land und Städten dem Herzoge bewilligte Bierpfennig konnte nicht eingehoben werden, „da sich niemand getraue, der Gefährlichkeit halben seiner Gesundheit und seines Lebens dazu brauchen zu lassen.“38

Erst im November ließ die große Sterblichkeit nach. Immerhin betrug sie in Königsberg um diese Zeit noch wöchentlich zwanzig Todesfälle. Anfangs November fand zwischen den Räten der drei Städte Königsberg und den Vertretern der Regierung eine hygienische Beratung zu Cortin im Amte Sehesten statt, deren Ergebnis eine Desinfektionsordnung für die verseuchte Hauptstadt war.39

Endlich, am 6. Januar 1550, wurde anläßlich des Erlöschens der Seuche ein gedrucktes Dankgebet an alle Ämter zur Verlesung von den Kanzeln geschickt.40 Nach Hennenberger sollen im Jahre 1549 zu Königsberg 16000 Menschen gestorben sein, wovon allein 8326 Personen auf das Gebiet der Altstadt entfielen. „Damals“, so fügt der erwähnte Chronist der für die damalige Stadtbevölkerung unglaublich hohen Verlustziffer noch hinzu, „hat man die Kirchhöfe erweitern müssen.“ Die „preußische Chronik“ gedenkt der geschilderten Pestepidemie in folgenden Worten:

„Anno 1548, ungefähr vom 6. Martini hat Gott der Allmächtige eine grausame Pestilenz fast über ganz Preußenland verhängt, so daß von obgenannter Zeit bis wiederum auf Martini Anno 1549 zu Königsberg in allen drei Städten in die siebzehntausend Menschen gestorben. . . . Man hat auch viel Personen auf Wegen tot gefunden und wo es nicht gestorben, hat man keine Fremde auf Befehl der Herrschaft einlassen noch herbergen wollen, welches dann in keinem Kriege nicht gehört worden.“41

Den Charakter der überstandenen Seuche, ihre Ursachen, Verhütung und Heilung erörtert eine dem Herzoge gewidmete medizinische Schrift des Dr. Burkhard Mithobius aus dem Jahre 1552. „Solche Pestilenz“, schreibt der erwähnte ärztliche Autor, „hat viel schreckliche Symptomata oder Zufälle, als Herzgespann, Unsinnigkeit, Hauptweh, Veränderung des Angesichtes, Unverständigkeit, Zittern, Schlafen, Wachen, Bräune, Halsgeschwür, Unmacht, Spannen der Mitte oder Seiten, großen Durst, Karbunkeln, Beulen hinter den Ohren, unter den Armen und andern Stätten, Blattern und Pistichien, welches gute Zeichen sind am Anfange, jetzund viel Hitze, jetzund wenig Hitze mit viel böser Ruhe der Stuhlgänge. Haben auch etzliche einen trüben Harn, die andern einen Harn, den Gesunden gemäß. . . . Haben auch etzliche diese Zufälle und Zeichen alle nicht und sind dennoch mit dieser Plage behaftet. Der Puls ist bei etzlichen sehr schwach, bei andern heftig und sehr unbeständig.“ . . . Unser Autor wendet sich nun zu den Ursachen der Erkrankung und schreibt: „Es sind mancherlei Ursachen, dadurch diese grausame Krankheit entsteht. Die fürnehmste und erste Ursache uni versalis und prima ist unser Herr Gott, der da wirket ohne Änderung und ohne Zutun der Elemente und der andern Impression mit seiner Allmächtigkeit, wie wir des ein herrliches Exempel haben im andern Buche Samuelis am letzten Kapitel . . . Über dieser fürnemlichsten Ursache zeigen die Astronomen an eine andere Ursache, nemlich Coelesten den Lauf des Himmels, welchen auch Aristoteles Universum heißet, darum, daß nirgend eine Ursach ohne des Himmels Bewegung bestehen möge. Nun sind diese particulares cause, als die durch den Himmel und himmlische Zeichen bedeutet werden, als durch eine böse Zusammenfügung Saturn, Martis und Jouis in einem menschlichen Zeichen. Item die Zusammenfügung Saturni, Martis und Lunae, kommen hierzu Eclipses, Connten und andere himmlische Anzeigung. Sonst ist ein äußerliche Ursache, heißt evidens extrinseca primitiva oder procatar clitica, Vergiftung der Luft, des Wassers, des Erdreichs und die vergiftete Feuchtigkeit ins Menschen Körper, faulender Dampf und Rauch der Geiste zum Herzen, heißt man particularem intrinsecam und kann ein innerliche sein, ohne die äußerliche Ursache, ohne Vergiftung der Luft, wie ich das vielmals erfahren habe.“ . . . Als Schutz gegen die Seuche empfiehlt Mithobius die Befolgung nachstehender Verordnungen:

„Im Sommer und heißer Zeit soll man die Gemächer mit Veyolen, Rosen, Weidensträuchern, Weinrebenlaub, Eichenlaub, grünem Grase oftmals bestecken und wieder erfrischen, auch Rosenwasser mit Essig vermischet, auf ein Tuch gießen und an das Fenster hängen, daß die Luft eingeht. . . . Ohne dies bestehet die ganze Kunst in zwei Stücken, als daß man des Menschen Körper reinige und stärke. Denn es gehet mit unserm Leibe zu wie mit einem Schornstein. Wenn man den nicht ausfeget, so muß er letztlich ausbrennen. Daher ist es ratsam, im Mai und Sommer die Mediam am rechten Arme, im Herbst und Winter die am linken Arme zu lassen. . . . Item ist mit gutem Fleiß Achtung zu haben, daß die Luft in pestilenzischer Zeit gereinigt werde. Darum ist das adement, (?) ohne welches kein Mensch leben mag, eine große Ursache, daß viel Menschen in engen Stuben, Badstuben, Gesellschaften, Markttagen, Tanzböden, Wirtshäusern, so man meiden soll, vergiftet werden und geben Ursache zu der Vergiftung der Luft, der heftig stinkende Geruch der unbegrabenen Toten, wie das denn in Kriegsschlachten vielmals und oft geschieht, von stehenden Wassern oder Seen, Teichen, Stadtgräben und mehr, die durch die Hitze ausdampfen. In Summa, so soll ein jeder, der seiner Gesundheit acht haben will, [sorgen], daß seine Wohnung von allem Stank sauber und rein gehalten werde. Schweine und Gänsemist ist wunderschädlich, Ochsen und anderer Mist giftet auch sehr und aller böser Geruch, so entstehet, daß man die heimlichen Gemachstühle in den Gemächern hat.42

Die Pestepidemien der Jahre 1550– 1602.

Der Zeitraum vom Erlöschen des englischen Schweißes bis zu dem heftigen Ausbruch der großen Seuche vom Jahre 1549 ist für das Auftreten der Pest in Ostpreußen typisch. Epidemien von verschiedener Dauer und Ausdehnung, verschieden auch in ihren Wirkungen, waren mit geringer Unterbrechung aufeinander gefolgt. Dieselben Erscheinungen zeigte auch die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts. Bereits im Januar 1556 hatte die Seuche in den Ämtern Ragnit und Tilsit von neuem begonnen.43 Im Jahre 1559 trat sie sodann an der preußischen Südgrenze auf und griff namentlich in den Ämtern Johannisburg, Lyck, Lötzen, Stradaunen, Angerburg und Rastenburg sowie auch im Ermlande mit außergewöhnlicher Heftigkeit um sich, so daß einzelne Ortschaften jener Gebiete teils durch die Pest, teils durch die Furcht vor derselben eine starke Minderung in ihrem Bevölkerungsbestand erfuhren.44 Weitere Pestepidemien sind in den Jahren 1564–1570, 1578, 1580 und 1588 zu verzeichnen, unter denen vorwiegend das platte Land zu leiden hatte, obschon auch Königsberg nicht immer verschont blieb. Im Sommer 1564 erschien die Seuche in dem am frischen Haff gelegenen Städtchen Fischhausen und nahm es arg mit. Die verpesteten Häuser wurden auf Anordnung der Regierung verpfählt und die Überlebenden darin eingeschlossen oder in die Heide geschickt. Die Lebensmittel stellte man den Isolierten vor die Fenster oder an bestimmte Orte im Walde.45 In den Nehrungsdörfern Sarkau und Kranzkrug war die Pest im Oktober 1564 aufgetreten, und in dem an das kurische Haff grenzenden Amte Schaaken hatte die Seuche um dieselbe Zeit gleichfalls zahlreiche Anwesen verödet.46 Die mehr landeinwärts gelegenen Ämter Pr. Holland und Osterode waren vermutlich von dem benachbarten Elbing infiziert worden, das damals auch eine schwere Pestepidemie durchmachte.47 Auch das Kammeramt Tapiau wurde im Jahre 1578 durch die Seuche hart getroffen.48 In Königsberg stellte sich dieselbe im Jahre 1580 von neuem ein, nachdem sie sich vorher im August 1564 hatte auf dem Sackheim spüren lassen. Nach einer Relation vom 24. Oktober 1580 lagen damals in Königsberg 3000 Menschen an der Pest darnieder. Vom 15.–21. Oktober starben 122 Personen, wovon 59 auf die Altstadt, 6 auf den Kneiphof, 10 auf die Vorstadt, 11 auf den Haberberg, 14. auf den Löbenicht und das dortige Hospital und 18 auf das Gebiet des Roßgartens entfielen, ohne diejenigen, welche nicht angegeben waren. In der Nacht zum 30. Oktober stieg die Sterblichkeit in der Stadt auf 88 Todesfälle.49

Die Vermutung, daß die Pest in einzelnen Fällen auch auf dem Wasserwege eingeführt wurde, wird durch die damals erlassenen zahlreichen Verordnungen gestützt, welche der Einschleppungsgefahr vorbeugen sollten. Unterm 12. Juli 1564 wird der Amtshauptmann von Brandenburg aufgefordert, keine Danziger und Elbinger Fischer am Strande zu dulden und dieselben nötigenfalls mit Gewalt zu vertreiben. Wenige Tage darauf hob Königsberg das Kommerzium mit Danzig auf. Dasselbe geschah 1567 von seiten Danzigs.50 Am 20. August 1564 ergeht an den Labiauer Amtshauptmann die Instruktion, jeden ankommenden Schiffer unter seinem Eide den gesundheitlichen Zustand seiner Leute bekunden zu lassen und im Falle einer Pesterkrankung über Fahrzeug und Besatzung eine vierwöchentliche Beobachtungszeit zu verhängen.51

Bezeichnend ist auch die Beschwerdeschrift einiger Königsberger Kaufleute vom September 1597, in welcher darüber Klage geführt wird, daß ihre von Lübeck kommenden Schiffe trotz dreiwöchentlicher Quarantäne in Pillau festgehalten würden.52

Die letzterwähnten Tatsachen erweisen gleichzeitig, welche Beeinträchtigungen der ostpreußische Seehandel durch die beständigen Pestläufe erlitt.53 Schwer drückten dieselben auch auf die wirtschaftlichen Verhältnisse im Imlande. Die Ansteckungsgefahr verbot in den Jahren 1564 und 65 die Abhaltung der Märkte im ganzen Herzogtum, und in einzelnen Pestjahren wurden dieselben wenigstens in den verseuchten Gegenden aufgehoben.54 Die ständige Aussperrung einzelner infizierter Gebiete mußte das Erwerbsleben ungünstig beeinflussen, und die wiederholt von Polen her drohende Pestgefahr hob den Grenzhandel zeitweise ganz auf.55

Auch in das weitere öffentliche Leben griffen die Pestepidemien tief ein. Den herzoglichen Hof vertrieb die Seuche 1564 und 1568 aus der Hauptstadt. Ebenso ward derselbe genötigt, im Jahre 1580 nach Labiau und 1588 nach Insterburg zu fliehen. Universität und Hofgericht wurden 1564 und 1580 geschlossen, Professoren und Studenten beurlaubt, da eine vorübergehende Verlegung der Hochschule nach Bartenstein, Rastenburg oder Wehlau als zwecklos erkannt worden war. Von einschneidender Bedeutung für das bürgerliche Leben, für Frohsinn und Geselligkeit erwiesen sich die in den Zeiten der Seuche erlassenen scharfen Pestedikte, deren Beachtung jedem unter Androhung schwerer Strafe zur Pflicht gemacht war.56 So wurden unterm 18. Juli 1564 zu Königsberg alle Zusammenkünfte in Höfen und Gärten verboten und letztere nur von 6–8 Uhr abends geöffnet, „da dann ein jeder noch wohl einen ziemlichen Trunk zu sich nehmen könne.“ Ebenso untersagte eine Ratsverfügung vom 3. Oktober desselben Jahres „die Gillen57 und übermäßigen Zechen, als auch das Umtragen des Stritzels und der Wurst in der Weihnachtszeit.“58 Verboten waren auch größere Familienfeste, „übermäßige Gastereien beim Kindelbier, das Zarmtrinken bei Begräbnissen und vieles Zusammenlaufen bei Hochzeiten, und kann mit einem Tisch oder zwei der nächsten Freunde auch eine Hochzeit nach Gelegenheit der Zeit gebührend angestellt werden.“59

Das Pestjahr 1602.

Das 17. Jahrhundert begann für Preußen mit neuen Pestleiden. Die Mißernten der Jahre 1600 und 1601 hatten in verschiedenen Teilen des Landes eine heftige Hungersnot hervorgerufen, und damit war, wie schon so oft, der Seuche ein günstiger Nährboden geschaffen worden.

Im Mai 1602 war es dem Fischmeister des Amtes Memel aus Mangel an Arbeitskräften nicht möglich gewesen, das befohlene Lachswehr im Rußstrome zu schlagen. Der größte Teil des genannten Kammeramtes blieb nach dem Berichte des Hauptmanns von Memel unbesät; viele Ortschaften verödeten, da die meisten Bewohner von der Seuche dahingerafft oder in die Wälder geflohen waren, „und wird es“, so fährt unser Berichterstatter fort, „in diesem Jahre unmöglich sein, den Zins einzuheben“.

Anfangs Juni 1602 hatte der Kämmerer von Uderwangen die Weisung erhalten, Bewirtung und Ausrüstung für den vor der Pest nach Lötzen flüchtenden herzoglichen Hof aus seinem Kammeramte nach Domnau zu schaffen, „da in Unserm Amte Preußisch Eylau die Pest sehr heftig grassiert und einreißet“.60 ln Mohrungen waren laut amtlichem Bericht vom 28. August 1602 vierzig verpestete Häuser verschlagen. Die Eingeschlossenen widersetzten sich den ratsherrlichen Anordnungen, brachen die Versiegelung ihrer Türen und bewegten sich frei unter den noch gesunden Bürgern, so daß der Rat der Stadt bei der Regierung anfragte, wie unter diesen Verhältnissen dem immer weiteren Umsichgreifen der Krankheit zu steuern wäre.

Diese gleichzeitigen Pestnachrichten aus verschiedenen Gegenden Ostpreußens sprechen wohl für eine ausgedehnte Infizierung des ganzen Herzogtums, und es mag nur wenige Gebiete gegeben haben, die sich „annoch gesunder Luft“ zu erfreuen hatten. Auch in Königsberg wurde die Seuche bereits im Herbste 1601 verspürt.61 „Im Oktober“, so berichten die Annalen des zeitgenössischen Peter Michel,62 „hat sich die Pest ereugnet und den 16. sind in der Altstadt beim Holztor zugleich vier Tote zu Grabe getragen worden. Um diese Zeit sind Dr. Pannonius und sonst viele gute Leute gestorben, also daß die Pest ziemlich um sich gegriffen, voraus auf dem Steindamm, da auch bei Nachtzeiten viele tote Körper auf dem Begräbnis gefunden worden. Das hat gewährt bis an die Weihnachten, da es Gott Lob! ganz stille geworden.“

Doch schon im nächsten Jahre setzte das Sterben von neuem ein und steigerte sich zu so furchtbarer Höhe, wie es in der Geschichte Königsbergs nur noch einmal vorkommen sollte. Es ist bereits darauf hingewiesen worden, daß die Pest damals weite Gebiete des platten Landes ergriffen hatte. Der Umstand, sowie auch der letzte Satz der mitgeteilten Annalen, nach welchem die Epidemie am Schlusse des Jahres 1601 in der Hauptstadt erloschen war, lassen die Vermutung nicht ungerechtfertigt erscheinen, daß Königsberg durch das platte Land angesteckt wurde. Scharenweise war das halbverhungerte Landvolk, namentlich aus den Litauischen Ämtern, nach der Hauptstadt geströmt, in der Hoffnung, das Leben hier eher fristen zu können, dem sichern Pesttode leichter zu entgehen.

„Es ist vor Augen“, heißt es in einer Regierungsverfügung vom 12. April 1602 an den Rat der drei Städte Königsberg, „daß das arme Litauische und Kurische Volk haufenweis sich anhero in die Stadt schlägt, auf den Straßen hin und wieder an den Orten, wo gemeiniglich jedermann gehen muß, übereinander krank lieget und stirbt. Die andern aber in der Stadt umher vor den Häusern Almosen sammeln, daß, wo nicht in Zeiten Mittel und Wege bedacht, einer den andern anstecken wird. Daher für die armen ankommenden, verhungerten Litauer ein Schauer errichtet werden möge, etwa an dem Kupferteich63 oder bei dem Brunnenkruge am Umlauf64 weil derselbe Ort nicht allein dem Begräbnis nahe ist, sondern auch bequemlich am Wasser und an so einer Gegend gelegen, daß man das arme Volk, so da häufig hinstirbt, nicht so abscheulich durch die Gassen und Straßen auf und niederfahren, sondern bald auf den Kirchhof bringen möchte.6566

Im Frühjahre 1602 bietet Königsberg das aus früheren Pestzeiten gewohnte Bild. Die alten Pestordnungen treten, ergänzt durch weitere Bestimmungen, wieder in Kraft. Die zahlreichen verpesteten Häuser sind durch weiße Laken gekennzeichnet und warnen vor Annäherung. Die Stadtknechte sind bemüht, die Plätze vor den Kirchentüren, die Treppen zu den Häusern der Wohlhabenden, Gassen und Märkte vor dem obdach- und herrenlosen, häufig schon den Keim der Krankheit in sich bergenden Straßenvolk zu säubern. Unaufhörlich läuten die Glocken, bis die Geistlichkeit wieder gebeten wird, das Läuten abzustellen oder doch wenigstens einzuschränken, um die Schrecken der geängstigten Bewohner nicht noch zu mehren. „Pestkerle“ und „Totengräber“ erlahmen bei ihrer Arbeit. Massengräber werden vor den Toren ausgehoben, da die Friedhöfe die Menge der Verstorbenen nicht mehr zu fassen vermögen.67