Geschichte der Sicherheit - Eckart Conze - E-Book

Geschichte der Sicherheit E-Book

Eckart Conze

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Beschreibung

Weit über die Zeitgeschichte hinaus ist »Sicherheit« in den letzten Jahren zu einem wichtigen Thema der Geschichtswissenschaft geworden. Die historische Forschung hat dabei einen Impuls der Gegenwart aufgenommen. Sie fragt nach den Gründen für die gestiegene Bedeutung von Sicherheit in modernen Gesellschaften und versucht zugleich, die Dynamiken von Sicherheit in unterschiedlichen, auch weiter zurückreichenden historischen Kontexten zu analysieren. In einer Verknüpfung von politischen, gesellschaftlichen und sozialkulturellen Entwicklungen einerseits sowie historiografischen Tendenzen andererseits behandelt der durch seine eigene Forschung ausgewiesene Verfasser die Gründe für das wachsende Interesse von Historikern an der Sicherheitsthematik. Es verweist auf Traditionen sicherheitsbezogener Forschung in der Geschichtswissenschaft, beschäftigt sich aber vor allem mit deren Erweiterung (thematisch und konzeptionell). Neue Ansätze der Sicherheitsforschung, darunter das Konzept der »Sicherheitskultur«, das des »Sicherheitsdispositivs« und das der »Versicherheitlichung«, werden vorgestellt, an konkreten Beispielen entfaltet und auf ihr analytisches Potential befragt. Der Nutzen sozialwissenschaftlicher Theorieangebote wird dabei ebenso erörtert wie der Wert geschichtswissenschaftlicher Untersuchungen für die Theoriebildung. Brücken schlägt der Autor ferner zu verwandten Forschungsgebieten (Risiko-, Präventions- und Bedrohungsforschung). So liefert das Buch eine grundlegende und problemorientierte Einführung in die Historische Sicherheitsforschung.

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Eckart Conze

Geschichte der Sicherheit

Entwicklung – Themen – Perspektiven

Vandenhoeck & Ruprecht

Umschlagabbildung: Mit einer Pistole bewaffneter Polizeibeamter am 16.2.2015 in Düsseldorf während des Rosenmontagszuges auf der Königsallee. Foto: © Martin Gerten / dpa Picture

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der

Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN 978-3-647-99779-7

Weitere Ausgaben und Online-Angebote sind erhältlich unter: www.v-r.de

© 2017, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Theaterstraße 13, 37073 Göttingen

www.v-r.de

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlages.

Satz: textformart, Göttingen | www.text-form-art.deEPUB-Erstellung: Lumina Datamatics, Griesheim

Inhalt

1Unsichere Zeiten: Aktualität und Ziele Historischer Sicherheitsforschung

2Sicherheit in der historischen Forschung

Sicherheit und Staatsbildung

Sicherheitspolitik

Äußere, innere und soziale Sicherheit

Versicherungsgeschichte

3Erweiterte Sicherheit

4Neuere Ansätze für eine Historische Sicherheitsforschung

Sicherheitskultur

Versicherheitlichung

Sicherheitsdispositive und Gouvernementalität

5Benachbarte Forschungsfelder

Risiko

Vulnerabilität und Resilienz

Vorbeugung und Prävention

Bedrohung

6Themenfelder und Forschungsperspektiven

Sicherheit in Raum und Zeit

Sicherheit und Moderne

Sicherheit – Gemeinschaft – Identität

Sicherheitsgeschichte als Emotionsgeschichte

Sicherheit und Frieden

7Ausblick

Anmerkungen

Dank

Literatur

Personen- und Sachregister

1Unsichere Zeiten: Aktualität und Ziele Historischer Sicherheitsforschung

Sicherheit als Forschungsthema hat Konjunktur. Das wissenschaftliche Interesse an Sicherheitsfragen ist in den letzten Jahren in verschiedenen Disziplinen, allen voran in den Sozialwissenschaften, enorm gewachsen.1 Aber auch in der Geschichtswissenschaft hat sich Sicherheitsforschung zu einem wichtigen Arbeitsfeld entwickelt, was sich an Forschungsprojekten, Tagungen und Publikationen ablesen lässt. An den Universitäten Marburg und Gießen widmet sich seit 2014 ein stark geschichtswissenschaftlich orientierter Sonderforschungsbereich dem Thema »Dynamiken der Sicherheit«.2 Schon seit 2012 beschäftigen sich nicht zuletzt Historiker an der Universität Tübingen in einem anderen Sonderforschungsbereich mit »Bedrohten Ordnungen«, einem benachbarten, ja komplementären Forschungsgebiet.3 Die Geschichte der Sicherheit, wie sie unter verschiedenen Fragestellungen und mit unterschiedlichen Ansätzen betrieben wird, ist dabei keineswegs nur eine Domäne der Neueren Geschichte und insbesondere der Zeitgeschichte, sondern das Interesse an Sicherheit reicht mittlerweile von der Antike über das Mittelalter und die Frühe Neuzeit bis an die Schwelle der Gegenwart. Über Epochengrenzen hinweg, und dabei auch die Scheidung Vormoderne – Moderne relativierend, hat in den letzten Jahren eine Historische Sicherheitsforschung Gestalt angenommen,4 die vor allem dadurch gekennzeichnet ist, dass sie die Erforschung unterschiedlicher Themenfelder und Entwicklungen als Sicherheitsgeschichte perspektiviert, dass sie sich für Sicherheit als historische Kategorie interessiert und von der Annahme ausgeht, dass sich über die Frage nach Sicherheit Prozesse geschichtlichen Wandels fassen und in einer frischen Perspektive analysieren lassen.

Obwohl die Historische Sicherheitsforschung sich nicht auf die jüngste Geschichte beschränkt, steht doch außer Frage, dass der Bedeutungsgewinn dieses Forschungsfeldes eine Folge gegenwartsnaher Entwicklungen ist, durch die Sicherheit national wie international zu einem beherrschenden politischen und gesellschaftlichen Thema geworden ist. Und auch wenn es schon früher Konjunkturen der Sicherheits-beziehungsweise Unsicherheitsthematik gegeben hat, beispielsweise in den 1930er Jahren,5 so macht das wachsende Interesse an einer geschichtswissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Thema »Sicherheit« doch deutlich, dass Forschungsinteressen der Geschichtswissenschaft nicht im luftleeren Raum entstehen. Geschichte ist immer Gegenwart.

Das zeigt der Aufstieg der Sicherheitsthematik in der Geschichtswissenschaft besonders klar. Eine Allensbach-Umfrage aus dem Sommer 2016 demonstriert nicht nur die – gestiegene – Bedeutung des Sicherheitsthemas in der deutschen Gesellschaft, sondern auch die Tatsache, dass eine Mehrheit der Deutschen die Welt der Gegenwart und der Zukunft für weniger sicher hält als die der Vergangenheit. »Wir werden nie mehr so sicher leben können wie früher«, glaubten immerhin 58 Prozent der Befragten; von einer »Erosion des Sicherheitsgefühls« war die Rede.6 In die gleiche Richtung deutet auch die Antwort auf die Frage: »Leben wir heute in einer besonders unsicheren Zeit, ich meine, dass alles weniger kalkulierbar und planbar ist als früher, oder würden Sie sagen, vor 20, 30 Jahren war alles genauso unsicher?« Im Juli 2011 waren, so das Allensbacher Institut, 44 Prozent der Deutschen der Ansicht, in einer besonders unsicheren Zeit zu leben, im November 2012 waren es 48 Prozent, zu Jahresbeginn 2016 lag der Prozentsatz bei 58. Die Anschläge islamistischer Terroristen in den Jahren 2014 und 2015, vor allem die verschiedenen Terrorangriffe in Frankreich, haben diese Wahrnehmung fraglos verstärkt, ebenso wie die Gewaltereignisse in Köln in der Silvesternacht 2015/16 und eine Reihe von Anschlägen und Amokläufen in Deutschland im Jahr 2016. Und die Serie der Terrorakte ist seither nicht abgerissen. Die Deutschen – und nicht nur sie – fühlen sich verunsichert; nur noch 36 Prozent sahen im Sommer 2016 dem kommenden Jahr zuversichtlich und hoffnungsvoll entgegen, bei der großen Mehrheit überwogen Skepsis und Befürchtungen. Nur selten konnten Demoskopen in der mittlerweile fast 70-jährigen Geschichte der Bundesrepublik bei objektiver wirtschaftlicher Stabilität einen solchen Zusammenbruch des Zukunftsoptimismus feststellen: während der großen Krisen des Kalten Kriegs, als die Welt am Rand eines Nuklearkriegs zu stehen schien, in den 1970er Jahren vor dem Hintergrund der Ölkrise und des RAF-Terrorismus oder auch noch einmal nach den New Yorker Anschlägen vom September 2001.

Hat also in den letzten Jahren die Sicherheit abgenommen und die Unsicherheit zugenommen? Die Befunde der Demoskopie legen das nahe. Aktuelle Meinungsumfragen dürfen allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass Sicherheit und Unsicherheit schon seit Jahren Themen sind, die an gesellschaftlicher und damit auch politischer Bedeutung gewonnen haben. Dafür gibt es verschiedene Beispiele: Schon im Regierungsprogramm der 2002, nach den Terrorattacken von 9/11 wiedergewählten rot-grünen Bundesregierung war »Sicherheit« der zentrale Begriff. Seine Regierung, so betonte Bundeskanzler Gerhard Schröder damals, verstehe »Sicherheit als ein elementares Bürgerrecht«. 15 Jahre später, Anfang 2017, sprach der nunmehrige SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel in einem Zeitungsbeitrag von innerer Sicherheit als »sozialem Bürgerrecht«. Als im Jahr 2007 die CDU unter der Führung von Bundeskanzlerin Angela Merkel ein neues Grundsatzprogramm verabschiedete, stand dieses unter der Überschrift »Freiheit und Sicherheit«, und die CDU entwickelte darin ein neues, weiteres Verständnis von Sicherheit.7 Zehn Jahre später, zu Beginn des Wahlkampfjahrs 2017, präsentierte die CDU Programmpapiere unter dem Titel »Sicherheit in Freiheit« oder »Sicherheit durch einen starken Staat«.8 Mehr denn je gilt heute, was der britische Politikwissenschaftler Michael Dillon schon 1996 feststellte: »Security (…) saturates the language of modern politics. Our political vocabularies reek of it and our political imagination is confined by it.«9

Der Bedeutungsgewinn des Themas Sicherheit ist jedoch mitnichten auf Deutschland beschränkt. In zahlreichen Gesellschaften weltweit lassen sich vergleichbare Entwicklungen beobachten. Daher ist es auch nicht überraschend, dass internationale Organisationen das Sicherheitsthema aufnahmen und es prominent auf ihre Agenda setzten. Das gilt für die Vereinten Nationen und das erstmals in ihrem Human Development Report von 1994 entwickelte Konzept der »Human Security«. Wenige Jahre später, 1999, charakterisierten ihre Mitgliedsstaaten die Europäische Union als einen Raum »der Freiheit, der Sicherheit und des Rechts«. Gerade in der internationalen Politik hat der Begriff »Sicherheit« den Begriff »Frieden« im Laufe der letzten Jahrzehnte weitgehend verdrängt. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein war Frieden die regulative Idee in den Gründungsdokumenten zahlreicher internationaler Organisationen und im internationalen Recht. Hatte die Charta der Vereinten Nationen von 1945 noch formuliert, dass »Frieden und Sicherheit« zu den höchsten Gütern der Menschheit gehörten, so ist der Friedensbegriff mit seinen normativen und zum Teil utopischen Konnotationen seither immer stärker in den Hintergrund getreten.10

Sicherheit als politischer Wertbegriff und als neue Leitsemantik bezieht sich aber nicht nur auf die internationalen Beziehungen. Vielmehr macht es den Aufstieg des Sicherheitsbegriffs, wie er in der politisch-sozialen Sprache fassbar wird, aus, dass er in ganz unterschiedlichen politischen und gesellschaftlichen Kontexten anzutreffen ist. Nicht nur werden immer mehr Gefährdungen der Sicherheit identifiziert, sondern es werden auch immer weitere Bereiche des gesellschaftlichen Lebens – auf nationaler und internationaler Ebene – als Sicherheitsprobleme behandelt.11 Der Philosoph Peter Sloterdijk hat in diesem Zusammenhang vom Aufstieg einer »sekuritären Gesellschaft« gesprochen und einen Verlust an Freiheit in der Folge dieser Entwicklung konstatiert.12 Auf der Kasseler Documenta 14 hat 2017 die Künstlerin Banu Cennetoglu dem Museum Fridericianum, dem Hauptgebäude der Ausstellung, eine neue Inschrift gegeben: »Being safe is scary«. In der Tat wird über das Spannungsverhältnis von Freiheit und Sicherheit, das als Thema von Politik und politischer Philosophie eine lange Tradition hat, seit einigen Jahren in neuer Intensität debattiert.13 Viele Beobachter sehen darin eine Folge der Terroranschläge vom 11. September 2001, sprechen von der Transformation zu einer globalen Sicherheitsgesellschaft und diskutieren die Folgen dieser Entwicklung insbesondere für die liberal-demokratischen Staaten des Westens.

Die islamistischen Terrorangriffe von 2001 sind zweifellos in ihrer Bedeutung für den globalen Aufstieg des Sicherheitsparadigmas kaum zu überschätzen, aber allein damit zu erklären ist dieser Aufstieg nicht. Er reicht weiter zurück, ins letzte Drittel des 20. Jahrhunderts, und hat in westlichen Gesellschaften viel zu tun mit dem Ende des »Golden Age« (Eric Hobsbawm), jenes etwa drei Jahrzehnte dauernden ökonomischen Booms der Nachkriegszeit, der die Industriegesellschaften des Westens stabilisierte und, gerade vor dem Hintergrund der Erfahrungen der ersten Jahrhunderthälfte, für ein hohes Maß an Fortschrittsoptimismus und Zukunftssicherheit sorgte. Doch mit dieser Gewissheit war es seit etwa Mitte der 1970er Jahre vorbei. Vom »Ende des Fortschritts« war nun die Rede, der amerikanische Ökonom Kenneth Galbraith sprach 1977 von einem Zeitalter der Unsicherheit (»Age of Uncertainty«). Das war auch eine Diagnose des Übergangs vom industriellen ins post-industrielle Zeitalter. Zu diesem Übergang gehörte nicht zuletzt, dass die Sicherheits- und Eindeutigkeitsversprechen von Wissenschaft und Technik brüchig geworden zu sein schienen, wofür in breiter Wahrnehmung die Reaktorkatastrophen von Harrisburg und Tschernobyl standen.14 Hinzu trat dann freilich das Ende des Ost-West-Konflikts, das nicht eine Ära von Sicherheit und internationaler Stabilität einleitete, sondern die schon Ende der 1970er Jahre diagnostizierte »neue Unübersichtlichkeit« eher noch verstärkte: Zerfall der Sowjetunion, Krieg in Europa, Legitimationskrisen der internationalen Institutionen aus der Zeit des Kalten Kriegs sowie der Aufstieg des islamischen Fundamentalismus, der in Gestalt des internationalen Terrorismus spätestens 2001 ins Zentrum globaler Sicherheitspolitik rückte.

Immer weniger allerdings bezog sich Sicherheitspolitik auf klar abgegrenzte Politikfelder. Die Trennlinie zwischen innerer und äußerer Sicherheit, charakteristisch für den klassischen Nationalstaat mit seinem Souveränitätsanspruch, löste sich mehr und mehr auf. Die auf die Ausbildung moderner Territorialstaatlichkeit zurückgehende und spätestens seit dem 19. Jahrhundert im Völkerrecht festgeschriebene Trennung von innen und außen, die gerade auch in der deutschen Geschichtswissenschaft bis weit ins 20. Jahrhundert hinein stabilisiert und legitimiert worden war und zu aus heutiger Sicht absurd anmutenden Kontroversen über den Primat von Außen- oder Innenpolitik geführt hatte, entsprach insbesondere in einer Sicherheitsperspektive nun erst recht nicht mehr den Realitäten. Bedrohungen beziehungsweise Bedrohungswahrnehmungen, Unsicherheiten beziehungsweise Unsicherheitswahrnehmungen unterschiedlicher Provenienz überlagerten sich und verstärkten sich zum Teil wechselseitig, beispielsweise in den Wirkungsdynamiken von internationalem Terrorismus, Migration und organisierter Kriminalität.

Mit dieser Entgrenzung von Sicherheit und Sicherheitspolitik ging eine weitere Dynamik einher: Immer mehr Themenfelder wurden im politischen Raum als Sicherheitsthemen identifiziert, als Gefahren, Bedrohungen oder Quellen von Unsicherheit, und damit dem expandierenden Politikfeld der Sicherheitspolitik zugeschlagen und den diesem Politikfeld eigenen Handlungslogiken unterworfen. Genau diese Entgrenzung verstärkte das wissenschaftliche Interesse an den Dynamiken der Sicherheit. Welche politischen und gesellschaftlichen Fragen sind Sicherheitsfragen? Wie werden politische und gesellschaftliche Probleme zu Sicherheitsproblemen? Und was bedeutet es für den politischen Prozess und für politische Entscheidungen, wenn bestimmte Themen als Sicherheitsthemen formiert sind beziehungsweise formiert werden? Solche Fragen stießen seit den 1980er, verstärkt aber seit den 1990er Jahren auf immer größere wissenschaftliche Aufmerksamkeit: zunächst in den Sozialwissenschaften, deren Forschungsinteresse sich über das klassische Forschungsfeld der internationalen Sicherheitspolitik hinaus zu erstrecken begann und sich dabei nicht nur thematisch auf andere Felder von Sicherheit beziehungsweise Sicherheitspolitik ausdehnte, sondern das als Kritische Sicherheitsforschung (Critical Security Studies)15 zunehmend ein Bewusstsein für die historische Kontingenz des Sicherheitsbegriffs und die soziale Konstruiertheit von Sicherheit und Unsicherheit entwickelte. Für die Herausbildung dieses Bewusstseins spielte auch der Aufstieg des Konstruktivismus in den Sozialwissenschaften allgemein und besonders in den Internationalen Beziehungen (IB) eine wichtige Rolle.16

Aber auch die Geschichtswissenschaft begann vor diesem Hintergrund, Sicherheit als Forschungsthema zu entdecken. Das galt zunächst, wenn auch nicht ausschließlich, für die Zeitgeschichtsforschung, auf deren Forschungsinteressen der Impuls der Gegenwart stets in besonderer Weise einwirkt. Die Unsicherheitserfahrungen der Zeit nach dem Ende des Kalten Kriegs mit seiner in der Retrospektive nach 1990 immer stärker als Sicherheit gedeuteten Stabilität in den internationalen Beziehungen sowie die Bedrohung des internationalen Terrorismus, insbesondere die Ereignisse des 11. September 2001, trugen dazu bei. Aber hinzu traten die breit greifbaren und nicht minder gegenwartsgewonnenen theoretischen und konzeptionellen Überlegungen aus den Sozialwissenschaften und die neuen Dynamiken sozialwissenschaftlicher Sicherheitsforschung. Wenn die Grundannahmen dieser Forschung zutrafen – vom konstruktivistischen Sicherheitsverständnis bis hin zur Machtbezogenheit von Sicherheitsdiskursen –, dann war damit nicht nur ein Thema für Gegenwartsdiagnose und Gegenwartsanalyse konstituiert, sondern mindestens ebenso sehr ein Gegenstand der Geschichtswissenschaft, und dies über die jüngste Zeitgeschichte hinaus. Sicherheit beziehungsweise Wahrnehmungen oder Vorstellungen von Sicherheit wurden immer klarer als sozial, aber auch kulturell bestimmt verstanden und dementsprechend als im historischen Prozess variabel. Damit verband sich die Annahme, dass Sicherheitsdiskurse einen wichtigen Anteil daran haben, politische und soziale Verhältnisse zu verhandeln, zu strukturieren und machtpolitisch zu gestalten.17 Das eröffnete weite geschichtswissenschaftliche Perspektiven, ermöglichte neue Narrative und beförderte die Entwicklung eines noch immer jungen Forschungsfeldes: der Historischen Sicherheitsforschung beziehungsweise der Sicherheitsgeschichte.

* * *

Dieses Buch legt keine Geschichte der Sicherheit im Sinne einer historischen, einen längeren Zeitraum betrachtenden Gesamtdarstellung beispielsweise der Geschichte von Sicherheitsvorstellungen, Sicherheitsbewusstsein oder Sicherheitswahrnehmungen vor.18 Vielmehr versteht und präsentiert es Geschichte der Sicherheit als ein breites Forschungsfeld, das in den letzten Jahren konzeptionell und thematisch über einzelne Verdichtungen hinaus Gestalt angenommen hat. Das Buch spricht zugleich und tendenziell synonym von Historischer Sicherheitsforschung und Sicherheitsgeschichte. Mit dem Begriff der Historischen Sicherheitsforschung ordnet es das geschichtswissenschaftliche Forschungsfeld in den weiteren Kontext der Sicherheitsforschung ein, in dem über die Sozialwissenschaften hinaus mittlerweile eine Vielzahl von Fächern Forschung betreibt, zum Teil und immer häufiger auch inter- oder transdisziplinär. Der Begriff Sicherheitsgeschichte akzentuiert demgegenüber stärker die analytische Perspektive auf Sicherheit in der Untersuchung unterschiedlicher Gegenstandsbereiche und historischer Prozesse; er betont den über punktuelle Untersuchungen hinausgehenden umfassenden und systematischen Anspruch, der sich mit der Sicherheitsperspektive verbindet.19

In der Politikwissenschaft wird seit einiger Zeit beklagt, dass es keine »integrierende Perspektive auf den Wandel von Sicherheit als einen Prozess, der die nationale und internationale Gesellschaft produziert, reproduziert und transformiert«, gebe.20 Genau hier setzt die Historische Sicherheitsforschung an. Die Prämisse voraussetzend, dass »Sicherheit« ein gesellschaftliches Konstrukt ist, zielt sie auf die Historisierung von Sicherheit. Das geht in diachroner Perspektive von der Veränderbarkeit, dem permanenten Wandel und damit der Historizität von Sicherheit beziehungsweise von Sicherheitsvorstellungen aus, deren Entwicklung und Veränderung die Historische Sicherheitsforschung zu untersuchen anstrebt. Nicht selten kontrastieren jüngere zeitdiagnostische Beiträge ein »neues« Sicherheitsverständnis mit einem eher unspezifischen »Früher«. Das freilich ignoriert jene sozialkulturellen und politischen Prozesse, die dieses »alte« Sicherheitsverständnis selbst erst hervorgebracht haben.21 Zugleich – und damit zusammenhängend – basiert die Historische Sicherheitsforschung auf der Annahme, dass verschiedene Gesellschaften, aber auch Gruppen in einer Gesellschaft unterschiedliche Vorstellungen von Sicherheit respektive Unsicherheit haben. Der britische Ideenhistoriker Quentin Skinner, der mit der »Cambridge School« eine kontextualisierende Ideengeschichte (Intellectual History) begründet hat, betonte 2002 hinsichtlich des Begriffs beziehungsweise der Vorstellung von »Freiheit«: »The belief that we can somehow step outside the stream of history and furnish a neutral definition of such words as libertas, freedom, autonomy and liberty is an illusion well worth giving up.«22 Das lässt sich auf »Sicherheit« übertragen. Die Vorstellung, die Wahrnehmung und das Bewusstsein von Sicherheit sind sowohl das Ergebnis historischer Entwicklungen, von gesellschaftlichem und politischem Wandel über kürzere oder längere Zeiträume hinweg, als auch von gruppenbezogenen und damit subjektiven Verarbeitungen sozialer Wirklichkeit, also Deutungen von »Realität«.23 Umgekehrt wirken individuelle, gruppenbezogene oder gesellschaftliche Wahrnehmungen und Vorstellungen von Sicherheit auf soziales und politisches Handeln und damit auf soziale und politische Dynamiken ein. Sicherheit ist ein explanandum und zugleich explanans, und beide Perspektiven konstituieren genuine Gegenstandsbereiche der Geschichtswissenschaft.

Eine Historische Sicherheitsforschung auf dieser Grundlage ist weder thematisch noch konzeptionell ein enges Forschungsfeld, sondern eine vielgestaltige und sich dynamisch weiter entfaltende Forschungslandschaft. Daher unternimmt diese Einführung auch nicht den Versuch, Gegenstände, Perspektiven und Grenzen der Historischen Sicherheitsforschung präzise – oder gar autoritativ – zu bestimmen. Vielmehr zielt sie darauf, verschiedene Forschungsansätze vorzustellen, wie sie sich in den letzten Jahren entwickelt haben und wie sie in unterschiedlichen Gegenstandsbezügen angewandt worden sind. Zugleich möchte sie exemplarisch Themenfelder der jüngeren Historischen Sicherheitsforschung vorstellen: zum einen um die Potentiale und Reichweiten der vorgestellten Forschungsansätze zu konkretisieren und zu verdeutlichen; zum anderen um die thematische Weite der Historischen Sicherheitsforschung erkennbar werden zu lassen, die, ohne sie zu vernachlässigen oder zu marginalisieren, über die traditionellen von der Geschichtswissenschaft behandelten Sicherheitsthemen vor allem im Bereich der äußeren Sicherheit deutlich hinausgeht und sich neue und andere Themenbereiche erschlossen hat. Es ist vermutlich nicht verkehrt, diese thematische Ausweitung mit den Dynamiken erweiterter Sicherheit zu verbinden, ja sie womöglich sogar auf diese zurückzuführen, die politisch und gesellschaftlich seit dem letzten Drittel des 20. Jahrhunderts feststellbar sind und sich seit 1990 intensiviert haben. Dabei hat diese Forschungsentwicklung keineswegs bloß nachvollziehenden oder gar affirmativen Charakter. Vielmehr rückt sie jene Prozesse und Dynamiken, in denen und durch die »Sicherheit« zum »Goldstandard des Politischen« (Christopher Daase) geworden ist, in eine kritische Perspektive und stellt, ebenfalls in kritischer Absicht, den gegenwärtigen Rekurs auf Sicherheit als politische Handlungs- und Legitimationsressource in einen historischen Kontext.

Die Geschichtswissenschaft kann so zur Verstärkung und zur weiteren Ausdifferenzierung des inter- und transdisziplinären Profils der Sicherheitsforschung beitragen. Dafür muss sie sich allerdings von einem traditionellen, thematisch engen und essentialistischen Sicherheitsbegriff lösen. Das hat auch die sozialwissenschaftliche Sicherheitsforschung getan, die in den letzten Jahren eine Reihe generischer Begriffe und Konzepte entwickelt und erprobt hat, die auch von Historikern fruchtbar angewandt werden können. Dabei geht es jedoch nicht einfach darum, sozialwissenschaftliche Kategorien auf die Geschichtswissenschaft zu übertragen und sie auf unterschiedliche historische Gegenstände zu beziehen. Vielmehr können historische Untersuchungen, die sozialwissenschaftliche Modelle oder Theorieangebote aufgreifen und auf komplexe und unterschiedliche historische »Realitäten« anwenden beziehungsweise nach ihrer analytischen Tauglichkeit und Erklärungskraft fragen, ihrerseits zur weiteren Theoriebildung, zumindest aber zur Ausdifferenzierung von theoretischen Konzepten beitragen. Das geht deutlich über die der Geschichtswissenschaft gelegentlich zugeschriebene Rolle hinaus, lediglich Fallstudien für sozialwissenschaftliche Theorieansätze zur Verfügung zu stellen. Historiker können sozialwissenschaftliche Theorieangebote, aber auch zeitdiagnostische Konzepte – und nicht selten sind sozialwissenschaftliche Theorien ja auch zeitdiagnostisch, in jedem Falle aber zeitgebunden – indes nicht nur anwenden oder überprüfen, sondern sie auch historisch einordnen, historisieren und dadurch problematisieren.24 Das gilt auch für die Historische Sicherheitsforschung, die darüber hinaus Beiträge zu Theoriebildung und Theorieentwicklung leisten und damit die Reichweite und Erklärungskraft sozialwissenschaftlicher Theorien und Analysemodelle im Bereich der Security Studies vergrößern kann.

Zeitdiagnostische Analysen haben den Umgang mit Sicherheit und Unsicherheit auch in sozialtheoretischer Perspektive zum Strukturmerkmal moderner Gesellschaften erhoben.25 Historiker haben das aufgegriffen und Sicherheitsgeschichte verschiedentlich mit der Geschichte der Moderne korreliert. Unsicherheit oder Verunsicherung wird als »Signum der Moderne« bezeichnet, und die Suche nach Sicherheit, individuell, gruppenbezogen oder gesellschaftlich, lässt sich in dieser Perspektive auch als Reaktion auf die Herausforderungen der Moderne oder als Auseinandersetzung mit der Moderne und insbesondere der Zunahme von Kontingenzerfahrungen fassen. Sicherheit und Kontingenzbewältigung werden auf diese Weise miteinander verknüpft, und nicht zuletzt durch diese Verknüpfung ist Sicherheitsgeschichte zu einem Thema der Zeitgeschichte geworden.26 Das Potential der Sicherheitsgeschichte reicht jedoch über die Zeitgeschichte beziehungsweise die Moderne deutlich hinaus. Die Arbeitsgemeinschaft »Frühe Neuzeit« im Historikerverband widmete ihre Jahrestagung 2011 ganz dem Thema »Sicherheit«,27 und auch in der Mediävistik und der Alten Geschichte ist Sicherheit als Analysekategorie und Interpretationsmuster mittlerweile angekommen.28 Auch das meint nicht, dass Kategorien oder Annahmen, die sich auf die Gegenwart oder die Moderne beziehen, einfach auf die Vormoderne, um diesen problematischen Kollektivsingular zu verwenden, übertragen werden können. Aber wenn beispielsweise, wie der Mittelalterhistoriker Steffen Patzold betont hat, in aktuellen politischen Debatten und in der sich darauf beziehenden Theoriebildung das Verhältnis von Sicherheit und Staatlichkeit neu bestimmt wird, wenn Sicherheit aus der traditionell vorherrschenden Bindung an den Staat gelöst wird, beispielsweise durch die Denkfigur der »Human Security«, ergeben sich Möglichkeiten, Entwicklungen und Dynamiken des Mittelalters nicht als vormodern und fremd fortzuschieben, sondern in Beziehung zu setzen zu gegenwärtigen Ordnungen. Das aber hat Auswirkungen auf die historische Epochenbildung und bietet die Chance, die »überkommene Dichotomie von (nichtstaatlicher) Vormoderne versus (staatlicher) Moderne als Interpretationsraster zu überwinden und stattdessen in weiter Diachronie historische Formen der Organisation von Macht und der Herstellung von Sicherheit in ihrem Erkenntniswert für die Gegenwart neu zu erschließen«.29

Obwohl die jüngere Historische Sicherheitsforschung also nicht epochal beschränkt ist, sondern einen Epochen übergreifenden und zum Teil sogar Epochen beziehungsweise Epochenzäsuren relativierenden Anspruch hat, konzentriert sich diese Einführung deutlich auf die Moderne. Das gilt insbesondere für die Konkretisierungen der im Folgenden vorgestellten Forschungsansätze und Theorieangebote, für ihre Illustrationen und Exemplifizierungen, die in erster Linie aus der Geschichte des 19. bis 21. Jahrhunderts stammen. Das hat mit dem nach wie vor existierenden zeitlichen Schwerpunkt der Historischen Sicherheitsforschung zu tun, die allerdings für die Frühe Neuzeit fast besser entwickelt ist als für das 19. Jahrhundert. Es hängt damit zusammen, dass die Ansätze der gegenwartsbezogenen sozialwissenschaftlichen Sicherheitsforschung von Historikern eher in gegenwartsnahen Kontexten angewandt worden sind und sich hier reiche Verwendungsmöglichkeiten bieten. Und es ergibt sich aus der Fachkompetenz des Verfassers, die in der Moderne liegt und für vormoderne Zusammenhänge schon im Hinblick auf die Kenntnis von Forschungsständen und Forschungsdiskussionen rasch an ihre Grenzen gelangen würde.

Historische Sicherheitsforschung, so wie sie sich seit einigen Jahren entfaltet und dynamisiert, ist nicht voraussetzungslos. Das betrifft nicht nur die Konzepte, die sie aufgreift, zur Anwendung bringt und weiterentwickelt, und die Impulse aus benachbarten Fächern, sondern auch die Tatsache, dass Sicherheit schon seit Langem ein wichtiges Thema der Geschichtswissenschaft gewesen ist. Am Beginn der Exploration der Forschungslandschaft steht daher ein Blick auf wichtige Traditionsstränge sicherheitsbezogener historischer Forschung. Dabei geht es erstens, in ideen- und politikgeschichtlicher Perspektive, um den Zusammenhang von Staatsbildung, vor allem der Entstehung des neuzeitlichen Territorialstaates, und Sicherheitsgewährung. Es geht zweitens um Sicherheitspolitik, gerade in der zeithistorischen Forschung als Untersuchungsgegenstand seit Langem etabliert, und um die Frage, welche Themen und Gegenstände unter der Überschrift »Sicherheitspolitik« behandelt wurden, was also Akteure und Historiker unter »Sicherheitspolitik« verstanden haben. Dieses Verständnis war zwar nicht statisch, aber es war relativ eng und hatte einen klaren Fokus auf dem Bereich der Militär-, Verteidigungs- und Rüstungspolitik sowie bestimmten Feldern der Außenpolitik, insbesondere der Bündnispolitik. In der politischen Sprache des 20. Jahrhunderts und vor allem seiner zweiten Jahrhunderthälfte tauchten neben der äußeren Sicherheit auch die Politikbereiche der inneren Sicherheit und der sozialen Sicherheit auf. Nicht nur Bundeskanzler Helmut Schmidt erkannte 1974 in der Garantie dieser Sicherheiten – und nur in diesen – »die klassischen Funktionen eines modernen Staates«30 und unterstrich damit den Zusammenhang von moderner Staatlichkeit und Sicherheitsgewährleistung, sondern auch die historische Forschung blieb, wenn sie sich dem Thema »Sicherheit« zuwandte, in der Regel auf diese Politikbereiche fixiert, die sie zumeist deutlich getrennt voneinander behandelte.

Vor dem Hintergrund von Wirtschafts- und Energiekrisen und angesichts des Aufstiegs der Umweltproblematik waren die 1970er Jahre allerdings auch jenes Jahrzehnt, in dem sich der Sicherheitsbegriff und das Sicherheitsverständnis deutlich zu erweitern begannen, eine Dynamik, die sich nach 1990 noch fortsetzte und intensivierte. »Erweiterte Sicherheit« wurde zunächst zum politischen Schlagwort, bald aber auch zum Forschungsimpuls und zum Forschungsthema. Das gilt, wie das zweite Kapitel des Buches darlegen wird, für die zeithistorische Sicherheitsforschung, es wirkte aber auch über die Zeitgeschichte hinaus. Die Wahrnehmung einer Erweiterung und damit eines Wandels des Sicherheitsbegriffs sowie, in Verbindung damit, einer Veränderung des gesellschaftlichen Sicherheitsbewusstseins trug, wie bereits angedeutet, in der sozial- und geschichtswissenschaftlichen Forschungsentwicklung entscheidend zum Bedeutungsgewinn konstruktivistischer Forschungsansätze (im Kontext des allgemeinen Aufstiegs des Konstruktivismus) sowie zur Entstehung einer Kritischen Sicherheitsforschung (Critical Security Studies) bei. Diese begann, Sicherheitspolitik und Sicherheitsdiskurse auf ihre Macht- und Herrschaftseffekte, ihre Macht- und Herrschaftsbezogenheit hin zu durchleuchten. Das strahlte auch in die Geschichtswissenschaft hinein, die sich zunehmend systematisch für die gesellschaftliche und sozialkulturelle Bedeutung und die sozialen und politischen Wirkungen von Sicherheit interessierte. Die Historische Sicherheitsforschung, die vor diesem Hintergrund in den letzten Jahren Gestalt angenommen und sich konzeptionell entwickelt hat, ist von diesen Interessen geleitet, kann sich jedoch auf unterschiedliche Ansätze stützen, deren wichtigste das Buch vorstellen will. Das Konzept der »Versicherheitlichung« – securitization – ist in historischer Perspektive ebenso anschlussfähig wie das der »Sicherheitskultur«. Aber auch der von Michel Foucault geprägte Begriff des »Sicherheitsdispositivs« hat in jüngerer Zeit in enger Verbindung mit der Idee der »Gouvernementalität« Eingang in die historische Forschung gefunden. Zugleich hat sich eine Reihe verwandter und benachbarter Forschungsfelder entwickelt, die sich ebenfalls geschichtswissenschaftlich fruchtbar machen und mit der Sicherheitsthematik verknüpfen lassen. Solchen Forschungsfeldern, markiert durch Leitbegriffe wie Risiko, Bedrohung, Prävention oder Resilienz, wird, vor allem in ihren Bezügen und Anschlussmöglichkeiten zur Historischen Sicherheitsforschung, die Aufmerksamkeit gelten.

Es entspricht dem einführenden Charakter dieses Buches, dass es die Genese und die Entwicklung einer relativ jungen Forschungslandschaft knapp darzustellen versucht. Dass diese Entwicklung allerdings nicht kontextfrei verlief, sondern sich externen, außerwissenschaftlichen Impulsen verdankt, wurde bereits erwähnt. Insofern trägt diese Darstellung streckenweise auch wissenschaftsgeschichtliche Züge. Vor allem aber möchte sie einen Überblick über ein aktuelles und hoch dynamisches Forschungsfeld der Geschichtswissenschaft bieten und die Historische Sicherheitsforschung sowohl in ihren unterschiedlichen theoretischen Bezügen und konzeptionellen Grundlagen als auch in ihren analytischen Möglichkeiten und thematischen Perspektiven vorstellen. Das Buch wirbt nicht für bestimmte Ansätze, sondern bemüht sich, die Möglichkeiten und Grenzen unterschiedlicher Konzepte kritisch und immer wieder an konkreten Beispielen zu erörtern und, insbesondere im letzten Teil, mit anderen Forschungsfragen und weiteren Forschungsinteressen zu verbinden. Historische Sicherheitsforschung ist ein offenes Forschungsfeld, eine reiche und vielfältige Forschungslandschaft, die sich fraglos in den kommenden Jahren noch weiterentwickeln und ausdifferenzieren wird. Historische Sicherheitsforschung rückt ein zentrales Thema unserer Zeit in geschichtliche Perspektive und trägt dadurch sowohl zum besseren Verständnis der Gegenwart bei als auch zu neuen Blicken auf historische Prozesse.

2Sicherheit in der historischen Forschung

Sicherheit ist »ein so genereller Gegenstand und ein so umfassendes Konzept, dass es einerseits ubiquitär in unterschiedlichsten Bereichen der Geschichtswissenschaft vorkommt; andererseits muss man bei näherem Hinsehen aber verblüfft konstatieren, dass es kein eigenes Feld der Geschichte von Sicherheitsproduktion und -kommunikation in der longue durée gibt«.1 In der Tat tauchen Sicherheitsfragen im weitesten Sinne und auch der Begriff »Sicherheit« in historischen Darstellungen immer wieder auf, eine systematische Annäherung an die Thematik, womöglich sogar epochenübergreifend, hat die historische Forschung jedoch bis vor relativ kurzer Zeit nicht zu unternehmen versucht. Sicherheit war sowohl als Untersuchungsgegenstand wie auch als Analysekategorie über lange Zeit unterentwickelt und unterproblematisiert. Auch theoretisch blieb das Konzept Sicherheit in der Geschichtswissenschaft lange Zeit unterbestimmt, selbst in stärker theorieaffinen Forschungskontexten. Aber dort interessierte man sich ohnehin wenig für das Thema Sicherheit. Sicherheit und der Sicherheitsbegriff waren, wenn überhaupt, primär politikhistorisch konnotiert und begegneten in Zusammenhängen von Diplomatie- und Außenpolitikgeschichte oder, etwas breiter, in der Geschichte der internationalen Beziehungen. Dort wurde der Begriff Sicherheit zwar verwandt, aber nur kaum konzeptionell reflektiert oder gar theoretisch näher bestimmt, obwohl man sich dabei durchaus auf die sozialwissenschaftliche Teildisziplin der Internationalen Beziehungen – International Relations – und hier ganz besonders die International Security Studies mit ihren theoretischen Diskussionen des Sicherheitsbegriffs hätte beziehen können.2 So hatte der amerikanische Politikwissenschaftler Arnold Wolfers schon 1952 festgestellt, dass Sicherheitspolitik die Fähigkeit habe, alle anderen Interessen denen des Staates unterzuordnen. Wolfers betonte die rhetorische und politische Wirkungskraft des Begriffs Sicherheit, unterstrich aber zugleich, dass Sicherheit eigentlich kaum eine intrinsische Bedeutung habe.3 Gerade deshalb ist es wichtig, sich zumindest exemplarisch zu vergegenwärtigen, in welchen Forschungskontexten Historiker sich mit Sicherheitsfragen beschäftigt haben.

Sicherheit und Staatsbildung

Immerhin hat die Begriffsgeschichte darauf hingewiesen, dass sich der abstrakte Begriff der Sicherheit seit seinem ersten Auftauchen in der Antike immer wieder neu konkretisiert habe und mit durchaus unterschiedlichen Bedeutungen gefüllt worden sei. Stand »securitas«, das »Ohne-Sorge-Sein« (sine cura), in der Antike in einem engen Zusammenhang mit der römischen Reichsidee und verwies auf den Friedens- und Schutzraum des Imperium Romanum, auf einen Zustand der Ruhe (tranquillitas) und Stabilität, so ging diese umfassende Bedeutung des Sicherheitsbegriffs im Mittelalter verloren. »Securitas« bezog sich nun immer stärker auf konkrete Schutzversprechen und Sicherheitszusagen: für einzelne Personen oder Personengruppen, aber auch für bestimmte Räume (Orte, Gebäude, Wege oder Straßen).4 Zu einem Grund- und Wertbegriff der politisch-sozialen Sprache, so der begriffsgeschichtliche Befund, wurde Sicherheit jedoch erst mit der Entstehung des modernen Staates. Sowohl in der theoretischen Begründung als auch für die historische Stabilisierung des Staates spielte dessen sicherheitsstiftende und sicherheitsgarantierende Funktion eine entscheidende Rolle. So formulierte Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716) im Jahr 1705: »Ma definition de l’Estat, ou de ce qui chez les Latins est appellé Respublica, est: que c’est une grande societé don’t le but est la seureté commune.«5

Von der klassischen Schutzfunktion des Staates ist bis heute die Rede. Sicherheit oder »Sekurität«, wie man seit dem 17. Jahrhundert lesen konnte, gehört in der Tat zu den zentralen Funktions-zuweisungen an den aufsteigenden modernen Staat, die Sicherung des status civilis als Garantie bürgerlicher Sicherheit nicht zuletzt durch das Monopol legitimer Gewaltsamkeit wird in den Schriften eines Thomas Hobbes (1588–1679) oder eines Samuel Pufendorf (1632–1694) zur Raison und zur Rechtfertigung des Staates. Bei Hobbes ist diese Rechtfertigung staatlicher und vor allem fürstenstaatlicher Herrschaft vertragstheoretisch angelegt. Ein Unterwerfungsvertrag führe aus dem durch Unsicherheit gekennzeichneten Naturzustand (status naturalis) in den status civilis, der diese Unsicherheit überwinde. Der durch diesen Vertragsakt entstehende Staat und die staatliche Herrschaft wurden gerechtfertigt durch den Schutz, den Staat und Staatsmacht den Untertanen bieten, und durch die Sicherheit, die den Untertanen dadurch zuteil wird.6 Staatlicher Herrschaft, in der historischen Konstellation des 17. Jahrhunderts vor allem souveräner, absoluter Fürstenherrschaft, wurde eine ordnende, eine Ordnung schaffende Funktion zugeschrieben. »The office of the sovereign«, so heißt es bei Hobbes, sei die »procuration of the safety of the people«. Ordnung schuf Sicherheit, und Sicherheit ermöglichte Ordnung. Ebenso wie Pufendorf, für den die durch den Staat gewährte Sicherheit mehr war als der Schutz von Leib und Leben, sondern die Voraussetzung für ein ruhiges, zufriedenes Leben, baute auch John Locke (1632–1704) auf Hobbes auf. Er begriff Sicherheit überdies als Sicherheit des Eigentums und als die Möglichkeit, durch wirtschaftliches Handeln dieses Eigentum zu vermehren und zu Wohlstand zu gelangen. Keiner der Staatstheoretiker der Frühen Neuzeit schrieb kontextfrei. Die Schriften Hobbes’ und Lockes sind ohne den Hintergrund der englischen Geschichte des 17. Jahrhunderts, einer Geschichte von Revolution, Bürgerkrieg und Gewalt, nicht zu verstehen. Für die kontinentaleuropäischen Denker, gerade die deutschen, bildeten die konfessionellen Konflikte der Zeit, gipfelnd im Dreißigjährigen Krieg, eine gemeinsame Erfahrung beziehungsweise eine präsente Erinnerung.

Metaphorischen Ausdruck fand die Idee des sichernden und schützenden Staates nicht nur in Hobbes’ Leviathan, jener Verkörperung des den Naturzustand überwindenden souveränen und allmächtigen Staates, dessen Körper in der bekannten bildlichen Darstellung auf der Titelseite seines gleichnamigen Werkes aus den Menschen besteht, die sich der staatlichen Herrschaft vertraglich unterworfen haben, um dadurch Sicherheit zu finden. Auch das Bild des über allem und allen ruhenden Auges steht für den schützenden, den sichernden Staat. So sehr auch Hobbes’ Leviathan einen weltlichen Gott darstellt, so wird doch im Bild des Auges noch stärker jener fundamentale Säkularisierungsprozess erkennbar, der sich mit der Entstehung und Begründung des modernen Staates verband. Denn ikonographisch stand das Bild des Auges zunächst für die Omnipräsenz und die Allmacht Gottes, die dann, säkularisiert, auf den Staat übergingen. Aus dem Auge Gottes wurde das Auge des Staates, auch das Auge des Gesetzes, das schützend über den Menschen wacht und in diesem Sinne Sicherheit stiftet. Die Ambivalenz von Schutz und Kontrolle ist in der Metapher des wachenden und zugleich überwachenden Auges bereits angelegt.7

Aber nicht nur die begriffs-, ideen- und staatstheoriegeschichtliche Forschung hat auf die Bedeutung von Sicherheitsargumenten für die Entstehung und theoretische Begründung des modernen Staates hingewiesen. Der Zusammenhang von Staatsbildung und Sicherheit und die Entwicklung moderner Staatlichkeit konstituiert auch in anderen Bereichen der historischen Forschung seit langer Zeit ein wichtiges Themenfeld. Diese politik-, verfassungs- und rechtshistorische Forschung hat sich zwar nie als Sicherheitsforschung verstanden, aber man kann ihre Untersuchungen gleichwohl als wichtige Beiträge zu einer Historischen Sicherheitsforschung lesen. Nicht zuletzt hat sie sich mit der Ausdifferenzierung von innerer und äußerer Sicherheit beschäftigt. Staatliche Souveränität erstreckte sich als staatliche Herrschaft einerseits auf das Staatsinnere und wirkte hier durch Gesetzgebung und die Entwicklung und Durchsetzung eines staatlichen Gewaltmonopols befriedend und sicherheitsstiftend. Andererseits musste der Staat selbst, um seine nach innen gerichteten Sicherheitsfunktionen erfüllen, um seine Untertanen oder, später, Bürger schützen zu können, gesichert werden. Staat und staatliche Souveränität mussten gegen Angriffe von außen verteidigt werden; das bezog sich insbesondere auf das staatliche Recht der Selbstbestimmung und auf die Wahrung territorialer Integrität. Sicherheit war also territorial gedacht; die Sicherheitsfunktion des Staates war Ergebnis der Herausbildung des Territorialstaates, zugleich jedoch trug sie entscheidend zur Territorialisierung bei, weil Sicherheit in Verbindung mit Staat und politischer Herrschaft im Grunde nur territorial gedacht werden konnte: als Sicherheit in einem bestimmten, umgrenzten Raum und als Sicherheit eines bestimmten Territoriums.

Bereits 1670 hatte Leibniz in seinem »Sekuritätsgutachten« die »öffentliche Sicherheit nach innen und außen« (securitas publica interna et externa) als wichtigste politische beziehungsweise staatliche Aufgabe bezeichnet.8 Beide Dimensionen von Sicherheit waren eng aufeinander bezogen, ja wechselseitig voneinander abhängig. Dennoch ist die Trennung von innerer und äußerer Sicherheit – Sicherheit im Staat und Sicherheit des Staates – ein in der Perspektive Historischer Sicherheitsforschung nicht nur theoretisch, sondern auch politisch entscheidender Vorgang. Als Wilhelm v. Humboldt 1792 in seinen »Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen«, den Staatszweck der Sicherheit mit dem Anspruch individueller Freiheit verknüpfte, war die Differenzierung von äußerer Sicherheit (Defension) und innerer Sicherheit (Protektion) bereits etabliert. Für Humboldt stand fest, »dass die Erhaltung der Sicherheit sowohl gegen auswärtige Feinde als innerliche Zwistigkeiten den Zweck des Staates ausmache und seine Wirksamkeit beschäftigen muss«.9

Vor diesem Hintergrund hat die Forschung den Zusammenhang von Staatsbildung und Sicherheit untersucht. Das ging über die theoretische Begründung und Legitimation staatlicher Herrschaft hinaus und bezog sich auf die Entwicklung und die Intensivierung moderner Staatlichkeit und der damit verbundenen Entfaltung der Wertidee Sicherheit.10 Staatliches Handeln selbst und die Herausbildung staatlicher Institutionen wurden unter diesen Vorzeichen analysiert. So hat die Forschung nachgezeichnet, wie die frühneuzeitliche Staatsgewalt ihren Anspruch auf die Herstellung und den Schutz innerer Sekurität sukzessive gegenüber konkurrierenden Institutionen durchzusetzen vermochte beziehungsweise wie diese konkurrierenden Institutionen in das staatliche Herrschaftsgefüge integriert wurden.11

Der Bedeutungsgewinn von Sicherheit als Leitkategorie und zentralem Handlungsfeld staatlicher Aktivität manifestierte sich nicht zuletzt in dem Konzept der, wie es im deutschen Sprachraum hieß, »guten Policey«, das sich in der Entstehung und Stabilisierung territorialer Staatlichkeit neben dem Ziel der Wohlfahrt immer stärker mit dem Ziel der Sicherheit, verstanden als Gefahrenabwehr, verband. Um das Verhältnis dieser beiden Zielsetzungen wurde jedoch gerungen: 1799 hieß es in einem »Handbuch des Teutschen Policeyrechts«: »Der Hauptzweck des Staats, Sicherheit der ganzen Gesellschaft und jedes einzelnen Gliedes derselben, schließt den untergeordneten Zweck der allgemeinen Wohlfahrt, der Zufriedenheit und Glückseligkeit der Staatsgenossen nicht aus.«12 Vor dem Hintergrund der frühliberalen Ideen seiner Zeit war sich Günther Heinrich v. Berg, der Verfasser des Handbuchs, der Gefahr des von ihm postulierten Primats der Sicherheit jedoch deutlich bewusst, wenn er schrieb, dass die Sicherheitspolizei ihre Gewalt nie dazu missbrauchen dürfe, »selbst die Sicherheit der Bürger zu stören. Jede strenge und genaue Aufsicht der Policey darf unter dem Vorwande der Sorge für Ruhe und Sicherheit nie in eine misstrauische Staatsinquisition ausarten, die in das Innere der Familien eindringt, jede gesellschaftliche Freude verbittert, Verdacht unter Freunden und Verwandten ausstreut, schändliche Heuchelei erzeugt, und überall um sich her sklavische Furcht verbreitet«.13 In der Auseinandersetzung über die Trennung oder Vermittlung der beiden Prinzipien Sicherheits- und Wohlfahrtspolicey begegnet uns im Kern das Spannungsverhältnis von Sicherheit und Freiheit, welches bis heute zum Sicherheitsdiskurs gehört und sicherheitspolitisches Handeln in kritischer Perspektive begleitet. Für Wilhelm v. Humboldt war bereits 1792 klar, dass die einzige Aufgabe, die dem Staat verbleiben sollte, die Durchsetzung jener Sicherheit sein sollte, die den Bewegungsspielraum der Individuen schützte und ermöglichte: »Sicher nenne ich die Bürger in einem Staat, wenn sie in der Ausübung der ihnen zustehenden Rechte, dieselben mögen nun ihre Person oder ihr Eigentum betreffen, nicht durch fremde Eingriffe gestört werden; Sicherheit [ist] folglich […] Gewissheit der gesetzmäßigen Freiheit.«14 Das Nachdenken über den Zusammenhang von Freiheit und Sicherheit blieb aber nicht auf den deutschen Sprachraum beschränkt. In der britischen politischen Philosophie stehen insbesondere Jeremy Bentham (1748–1832) und John Stuart Mill (1806–1873) für Überlegungen zum Verhältnis von Freiheit und Sicherheit und zur Rolle des Staates beziehungsweise politischer Institutionen in diesem Zusammenhang. Sicherheit ist bei Bentham ein »zentraler Schnittpunkt seiner Theoriebildung«, für ihn ist Sicherheit Voraussetzung und zugleich Bestandteil des Glücks des Einzelnen und der Gesellschaft, und über den Begriff des Nutzens (utility) wird bei ihm die Idee des Glücks mit der Idee der Freiheit verknüpft.15 Auch für John Stuart Mill waren Freiheit und Sicherheit eng miteinander verbunden. Sicherheit ist bei ihm nicht nur die Voraussetzung für individuelle (Handlungs-)Freiheit, sondern in dialektischer Argumentation auch der einzige Grund, mit dem Freiheit beziehungsweise Freiheitsrechte legitimerweise eingeschränkt werden können.16

In der politischen Praxis zeigte sich die Wirkung des Konzepts der »guten Policey« in gesetzgeberischen Maßnahmen, auch als Policeygesetzgebung bezeichnet, die dem Ziel der »allgemeinen Landessicherheit« dienen sollte. In der Wahrnehmung staatlicher Akteure war diese vor allem durch Personen oder Personengruppen bedroht, die sich dem Herrschafts- und Ordnungsanspruch des Staates entzogen und dadurch nicht zuletzt Eigentum, Warenverkehr und Handel als Voraussetzungen individueller und kollektiver Wohlfahrt gefährdeten. So zielten die Policeymaßnahmen auf die Herstellung beziehungsweise Sicherung einer Ordnung, die man durch sozial Marginalisierte, durch Kriminelle und Gewalttätige bedroht sah: Sie richteten sich gegen Arme, Vaganten, ethnische und religiöse Minderheiten, Diebes- und Räuberbanden, entlassene Soldaten, Deserteure oder tatsächliche oder vermeintliche Unruhestifter.17 Karl Härter, einer der besten Kenner dieser Entwicklungen, hat nicht nur darauf hingewiesen, wie das Konzept der »guten Policey« und die auf diesem Konzept beruhende Policeygesetzgebung Sicherheit zu einer Leitidee staatlichen Handelns werden ließen und zum Ausbau von Regierung und Staatsverwaltung und deren Rechtfertigung beitrugen – viel konkreter als in der Staatstheorie, wenn auch vor deren Hintergrund. Er hat auch gezeigt, wie seit dem Ende des 17. Jahrhunderts immer stärker das einzelne Individuum zum Objekt eines staatlichen Sicherheitshandelns wurde, das sich auf immer weitere Bereiche ausstreckte: Gesundheit, Armenhilfe, Brandschutz, Baumaßnahmen oder Verkehr. Zu den Folgen gehörte eine Intensivierung des staatlichen Verwaltungshandelns (bis auf die lokale Ebene), aber auch eine Ausweitung sozialer Kontrolle.

In diesen und durch diese Entwicklungen entstand und verdichtete sich Staatlichkeit; staatliches Handeln weitete sich aus, institutionalisierte und professionalisierte sich; immer mehr staatliche Institutionen mit immer mehr Beamten entstanden. Diese Entwicklung führte zugleich dazu, dass sich die primäre Zuständigkeit für Sicherheit in all ihren sich erweiternden und ausdifferenzierenden Dimensionen immer stärker beim Staat konzentrierte, dass Sicherheitsaufgaben bei staatlichen Institutionen angesiedelt wurden und dass andere, nicht-staatliche Sicherheitsinstitutionen, darunter lokale Gemeinschaften, Kirchen, Handwerkszünfte oder lokale Gerichte, ihre Sicherheitsfunktionen verloren. So trugen die Ordnungsvorstellung und die politische Zielsetzung »gute Policey« zum einen allgemein zur Etablierung moderner Staatlichkeit bei, zum anderen zur Verstaatlichung von Sicherheit und zugleich zu ihrer Verrechtlichung. In der Denkfigur der Staatsgewalt ist die staatliche Sicherheitsfunktion beziehungweise die staatliche Sicherheitsgewähr bis heute ein definierendes Merkmal von Staatlichkeit, insbesondere im Verfassungsrecht, sowie eine bis heute beanspruchte Legitimation staatlichen Handelns.18 »Die Menschen akzeptieren, was getan werden muss, weil sie verstehen, dass Sicherheit das Herz des Grundvertrags zwischen Staat und Bürger bildet«, formulierte es vor einigen Jahren eine führende britische Politikerin.19

Betrachtet man den Staat jedoch nicht als eine gleichsam überzeitliche, ahistorische Kategorie, sondern als ein sich im historischen Prozess veränderndes Gebilde, dann stellt sich in der Perspektive einer Historischen Sicherheitsforschung die doppelte Frage: Was bedeuten der Gestaltwandel des Staates und die Veränderung von Staatlichkeit für die Sicherheitsfunktion des Staates? Und wie wirken umgekehrt Dynamiken der Sicherheit auf die Veränderung von Staatlichkeit ein? Der Blick auf die Entwicklung des europäischen Staatsmodells seit der Frühen Neuzeit zeigt, dass die Übereinstimmung von Sicherheitsstaat und Territorial- bzw. Nationalstaat keine überzeitliche Konstante ist, sondern sich auf eine spezifische historische Konstellation bezieht, die im 17. Jahrhundert ihren Ausgang nahm, sich im 19. und frühen 20. Jahrhundert