Geschichte Englands - Hannes Ziegler - E-Book

Geschichte Englands E-Book

Hannes Ziegler

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Beschreibung

"This lady is not for turning", sagte Margaret Thatcher einst über sich – und irgendwie gilt das auch für England. Hannes Ziegler erzählt die englische Geschichte vom Mittelalter bis in die Post-Brexit-Gegenwart und zeigt, wie sehr sich diese Geschichte durch die frühe Ausbildung eines Verfassungsrechts, die Entwicklung zur modernen Staatlichkeit und ein Empire, in dem zeitweise die Sonne nie unterging, von der Kontinentaleuropas abhebt. England steht für große parlamentarische und monarchische Traditionen, für risikobereiten Erfindergeist, rigiden Kapitalismus und einen klammen NHS. Ein Überblick über ein kleines Land, das die Welt politisch und kulturell geprägt hat.

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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Titel

Hannes Ziegler

GESCHICHTE ENGLANDS

Vom Mittelalter bis zur Gegenwart

C.H.Beck

Übersicht

Cover

Inhalt

Textbeginn

Inhalt

Titel

Inhalt

Die Gegenwart der englischen Geschichte

1. Die Anfänge und das englische Mittelalter

Das Erbe Roms und die Entstehung des angelsächsischen England

Normannisches und Angevinisches England

England im Spätmittelalter

2. Die Tudorherrschaft im 16. Jahrhundert

Artus oder: Die Entstehung nationaler Ideen

Reformation und Beginn moderner Staatlichkeit

Das Elisabethanische Zeitalter

3. Staatsbildung, Krieg und Revolution im 17. und 18. Jahrhundert

Das spanische, das niederländische und das französische Jahrhundert

Das Jahrhundert der Revolutionen

Parlamentarismus, Öffentlichkeit und Konsumkultur

4. Empire: Britischer Imperialismus in der Frühen Neuzeit

England – welches Empire?

Expansion zwischen Privatinitiative und Krone

Amerikanische Unabhängigkeit und das Ende des ersten Empires

5. Das Viktorianische Zeitalter

Pax Britannica und Hochimperialismus

Ökonomischer Liberalismus und Industrielle Revolution

Königin Viktoria in ihrer Zeit

6. Krieg und Frieden: Großbritannien im 20. und 21. Jahrhundert

Die Weltkriege

Das Ende des Empires

Von Churchill zu Thatcher zu Cameron

7. England, Europa und die Welt

Dank

ANHANG

Kings & Queens

Prime Ministers

Literaturhinweise

Bild- und Kartennachweis

Personenregister

Zum Buch

Vita

Impressum

Die Gegenwart der englischen Geschichte

Geschichte gewinnt ihre Bedeutung nur im Licht der Gegenwart, und dies gilt für Nationalgeschichten in besonderer Weise. In diesem Sinne hat sich die Geschichte Englands in den vergangenen Jahrzehnten in grundlegender Weise verändert. Nicht zuletzt der Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union am 31. Januar 2020 hat die Perspektive auf die jüngere und die ältere Vergangenheit Englands maßgeblich beeinflusst. Die Neuausgabe der Geschichte Englands in der Reihe C.H.Beck Wissen möchte diesem Umstand Rechnung tragen. Im Kern geht es auch diesem Band um eine konzentrierte Übersicht und Einführung in die englische Geschichte seit dem frühen Mittelalter. In weitgehend chronologischer Weise sollen die großen Entwicklungslinien und die wichtigsten Charakteristika englischer Geschichte bis zur Gegenwart dargestellt werden.

Doch Geschichte ist nichts Vergangenes und nichts Unveränderliches. Historikerinnen und Historiker können sich ja vor allem deshalb so herrlich über die Vergangenheit streiten, weil sie in ihrer Bedeutung für die Gegenwart offen für Interpretationen ist. Natürlich erfolgen diese Interpretationen bestenfalls entlang wissenschaftlicher Maßstäbe und gestützt auf gesicherte Zeugnisse der Vergangenheit, auf Fakten, wenn man so will. Und doch ist die Frage, welche Entwicklungen Hervorhebung verdienen und welche kausalen Zusammenhänge hergestellt werden, immer auch eine Frage der Auslegung solcher Fakten. Daher ist die Geschichte beständig in Veränderung. Und aus demselben Grund ist sie nicht vergangen. Denn diese Auslegungen stehen in einem wechselseitigen und spannungsreichen Verhältnis zu unserer eigenen Gegenwart. Nur unter dem Blickwinkel der Gegenwart gewinnt die Vergangenheit ihren Sinn, und es ist dieser Sinn – und nicht etwa die Wahrheit –, den wir in ihr zu finden hoffen.

Die englische Geschichte ist ein besonders geeignetes Sujet, um diese Kausalitäten zu verdeutlichen. Denn die Gegenwart hat in England eine größere historische Tiefe als in anderen europäischen Nationalstaaten. Die Geschichte des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation in direkter Weise auf die Gegenwart der Bundesrepublik Deutschland zu beziehen, ist beispielsweise für HistorikerInnen der deutschen Geschichte vor 1806 nicht immer einfach. Es fehlen die offensichtlichen Kontinuitätslinien. Unter der schicksalhaften Geschichte des 20. Jahrhunderts liegen deutsches Mittelalter und deutsche Frühe Neuzeit – von wenigen Ausnahmen abgesehen – daher häufig wie verschüttet.

Mit der englischen Geschichte verhält es sich anders. Ihr fehlen die großen, zumeist durch Krieg oder Revolution bedingten Verfassungsbrüche vorwiegend im 19. und 20. Jahrhundert, die beispielsweise die französische, die spanische, die polnische oder auch die deutsche Geschichte ausmachen. Anders ausgedrückt: Die englische Geschichte vermittelt den Eindruck einer Ungebrochenheit bis in die Frühe Neuzeit und darüber hinaus. Wenn im parlamentarischen Geschäft des 21. Jahrhunderts beispielsweise Verfahren zur Anwendung kommen, die weit in die Frühe Neuzeit – ins 17., gar ins 16. Jahrhundert – zurückreichen, dann ist das nicht nur ein Beleg für das beeindruckende Alter dieser Institution, sondern auch für die tiefe Kontinuität der englischen Geschichte. Und das bedeutet im Umkehrschluss eben auch, dass diese ältere Vergangenheit Englands eine größere Bedeutung für die Sinnstiftung der Gegenwart besitzt als anderswo, dass sie in diesem Sinne also «politischer» ist.

Der Brexit und die damit einhergehenden inner-britischen Diskussionen und Auseinandersetzungen sind dafür ein besonders eindrucksvolles Beispiel. In den ideologischen Positionen für und wider den Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union fanden und finden sich nicht nur politische, ökonomische, soziale und geostrategische Überlegungen. Auf einer kulturellen Ebene fußen diese Positionen häufig auch auf bestimmten Vorstellungen der englischen Vergangenheit und ihrer Bedeutung für die Gegenwart oder – in der Brexit-Diskussion vielleicht noch wichtiger – für die Zukunft. Je nach politischer Überzeugung markieren zentrale Prozesse der englischen Geschichte – allen voran die Englische Reformation, die frühzeitige Parlamentarisierung, die Etablierung eines weltumspannenden Imperiums – nicht nur die historische Besonderheit Englands gegenüber dem «Kontinent». Diese Ereigniszusammenhänge fungieren zugleich als Beleg und Rechtfertigung für gegenwärtige und sogar künftige Besonderheiten Englands. Dieser Vorgang lässt aber die Geschichte nicht unberührt: Hervorhebungen zugunsten bestimmter Aspekte der Vergangenheit geschehen immer um den Preis der Zurückstellung konkurrierender Perspektiven. Es ist darum wenig verwunderlich, dass sich die englische Geschichte in den vergangenen Jahren stark verändert hat, auch wenn die Fakten als solche unbestritten sind. Und es ist nicht zuletzt dieser Umstand, der eine neue Geschichte Englands rechtfertigt.

1. Die Anfänge und das englische Mittelalter

Das Erbe Roms und die Entstehung des angelsächsischen England

Zu welchem Zeitpunkt lässt man die englische Geschichte beginnen? Noch im 16. Jahrhundert hätte man nicht gezögert, mit dem Kampf um Troja einzusteigen. Wie in ähnlichen Ursprungsgeschichten anderer europäischer Länder entstand England der frühen Geschichtsschreibung folgend aus der Abkommenschaft Aeneas’, genauer: auf Initiative seines Urenkels Brutus von Troja (oder wahlweise: von Britannien). Tausend Jahre bevor die Römer einen Fuß auf englischen Boden setzten, begründete Brutus der Legende nach am Ufer der Themse nicht nur Troia Nova – London –, sondern im selben Atemzug den Gesamtzusammenhang der englischen Geschichte.

Wenn diese mythische Geburtsstunde der englischen Geschichte aus heutiger Sicht auch deutlich zu früh liegt, fällt ihr Beginn allerdings mit der ersten Nennung eines «Rex totius Britanniae» in einer Urkunde des angelsächsischen Königs Æthelstan von 928 eher zu spät aus. So wie der Titel selbst auf die lateinische Sprache des römischen Imperiums verweist, können viele Anfänge der englischen Geschichte mit dem Erbe der Römer verbunden werden – nicht zuletzt die (jetzt belegte) Gründung Londiniums um 47 n. Chr. Während Julius Caesars Kampagnen um 55 v. Chr. lediglich ein loses Netz aus Allianzen und Handelsbeziehungen etabliert hatten, wurde Britannien in den Jahren zwischen 43 und 84 n. Chr. nahezu vollständig (das heißt bis über den Firth of Forth in Schottland hinaus) erobert. Römische Sprache und Kultur breiteten sich weiträumig aus und verdrängten vor-römische Keltenstämme in die Peripherie – nur eine von zahlreichen ethnischen Verschiebungen am Beginn der englischen Geschichte.

Die römische Herrschaft brach um 400 n. Chr. zusammen, aber ihr Erbe verschwand deswegen nicht. Bis heute sind, wie überall in Europa, die Zeugnisse sichtbar. Und wie anderswo in Europa waren es Migrationsbewegungen im Zuge der sogenannten Völkerwanderung, die die Herrschaft Roms ablösten und dabei doch Teile römischer Kultur bewahrten. Auch die im 4. und verstärkt ab Mitte des 5. Jahrhunderts einwandernden Angeln, Jüten und Sachsen, deren ursprüngliche Siedlungsgebiete im heutigen Dänemark und in Teilen Norddeutschlands lagen, verschmolzen römisches Erbe mit ihrer eigenen Kultur. Mit flächendeckenden Herrschaftsansprüchen war es freilich zunächst vorbei: Bis ins 10. Jahrhundert begegnen uns zahlreiche angelsächsische Kleinkönigreiche in unterschiedlichen Allianzen und Herrschaftskonstellationen. Auch der urkundlich belegte Anspruch Æthelstans, König ganz Britanniens zu sein, täuscht darüber nicht hinweg: Jenseits des angelsächsischen Einflussbereiches im Süden und Westen der Insel blieben der Norden und der Osten durch regelmäßig einfallende Wikinger bedroht.

Mit der Durchsetzung des Königreiches Wessex im 9. Jahrhundert, vor allem unter Alfred dem Großen, verbindet sich indes der langsame Aufbau und die Durchsetzung einer dezidiert mittelalterlichen Herrschaftsstruktur, allerdings – erste englische Besonderheiten werden sichtbar – mit einer im Vergleich zum Kontinent stärkeren Zentralisierung staatlicher Gewalt im und um den König, der hauptsächlich von Winchester aus regierte. Deutlich wird das etwa in der Münzprägung, die fester als anderswo in königlicher Hand lag, oder in der Einführung der vielleicht ersten einheitlichen Steuer, dem Danegeld. Diese Prozesse haben freilich einen gemeinsamen Nenner: Sowohl die Notwendigkeit der Steuererhebung als auch die Konsolidierung kleiner angelsächsischer Königreiche in einen mächtigeren, wehrhaften Herrschaftsbereich verband sich mit der Bedrohung durch die Wikinger. Ende des 8. Jahrhunderts erstmals durch Raubzüge in Erscheinung tretend, hatten die skandinavischen Eindringlinge mit den vergleichsweise schwachen angelsächsischen Königreichen des Nordens und Ostens bis ins späte 9. Jahrhundert leichtes Spiel. Erst der Widerstand des Königreiches Wessex unter Alfred dem Großen setzte diesem bald auch durch Besiedlung gekennzeichneten Vordringen der Wikinger Grenzen und gab der Entwicklung englischer Staatlichkeit einen wichtigen Schub.

Neben dem erstmaligen Aufbau einer Flotte (deren Schiffe dem König allerdings in der Regel nicht gehörten) und dem Ausbau der Verteidigungsanlagen umfasste diese frühe Form der Staatlichkeit die Entwicklung einer Verwaltung, die dem entstehenden angelsächsischen Großreich eine geographische Binnenstruktur verlieh. Schon im 9. Jahrhundert beginnt die Einteilung in shires, die für die Organisation von Heeresaufgebot und Gerichtsbarkeit zentral wurden. An die Spitze dieser Verwaltungseinheit rückten sheriffs, wohingegen strategisch wichtige Siedlungen gesonderte Rechte und den Status als boroughs erhielten – letztlich eine Vorform mittelalterlichen Stadtrechts. Im Nordosten blieb das dänisch dominierte Gebiet des Danelags von diesen Entwicklungen zunächst unberührt: Bis zu den Schlachtensiegen Æthelstans im 10. Jahrhundert, die zu einer schrittweisen Anerkennung seiner Person und seiner Oberherrschaft auch in dänisch besiedelten Gebieten führten, galt hier dänisches Recht.

Auch hinsichtlich Religion und Sprache steht diese Phase englischer Geschichte im Zeichen einer nur langsamen Vereinheitlichung. Sowohl die monastisch geprägte irische Mission, ausgehend von den Klöstern Iona und Lindisfarne, als auch die stärker auf bischöfliche Autorität setzende Missionsarbeit seitens der römischen Kirche begannen um 600 mit ausdauernder Beharrlichkeit einen Christianisierungsprozess, der erst im 9. Jahrhundert abgeschlossen war, dann aber angelsächsische und dänische Gebiete einschloss. Die kirchliche Hierarchie und ihre Amtsträger spielten fortan für die englische Krone eine wichtige Rolle in der Verwaltung und in der Diplomatie. Und gerade für die Erfordernisse der Verwaltung setzte sich ab dem 9. Jahrhundert der altenglische Dialekt des Königreiches Wessex als einheitliche Verkehrssprache durch. Die zeitweilige Vereinigung Englands in einem dänischen Großreich unter Knut dem Großen und seinen Nachfolgern seit 1013 änderte daran nichts mehr.

Normannisches und Angevinisches England

Entscheidende Wendungen für die heutige Gestalt Englands verbinden sich indes mit dem normannischen Herzog Wilhelm, seinen vielfältigen Eroberungszügen und dem Jahr 1066. Seine Rechtfertigung erhielt diese Invasion über die Familienbande Wilhelms zum im selben Jahr verstorbenen König Eduard der Bekenner. Entscheidend war jedoch nicht die Begründung, sondern der Erfolg. Symbolhaft steht dafür Westminster Abbey: Eduard, letzter Monarch der angelsächsischen Dynastie von Wessex, wurde hier im Januar 1066 als erster englischer Monarch bestattet. Schon im Dezember desselben Jahres ließ William sich dort als vermutlich erster englischer Monarch zum König krönen und setzte damit den Beginn einer neuen Dynastie gegen rivalisierende Ansprüche durch. Auch wenn seine Anerkennung über Jahre hinweg fragil blieb, markierte seine Krönung den Beginn einer neuen Ära.

Folgenreich war vor allem der Import einer auf dem Kontinent entstandenen Idee davon, wie politische Macht so organisiert werden konnte, dass der zentrale, auf eine einzelne Person und Dynastie zulaufende Machtanspruch dauerhaft stabilisiert werden konnte. Die Rede ist vom Feudalismus. Man hat gar argumentiert, dass der Feudalismus in England in ungewöhnlicher Reinform auftrat: Die Eroberung durch Wilhelm bedeutete nämlich in der Theorie, dass aller Landbesitz an den neuen König fiel, sämtlicher Grundbesitz nun also per Lehen vergeben wurde und fortan vom Wohl und Wehe des Monarchen allein abhing. Eigen- und Erbgüter – das altfränkische Allod – gab es, anders als in den Monarchien des Kontinents, nicht mehr.

Der eindrucksvollste Ausdruck dieser Feudalstruktur ist das Liber de Wintonia – das Buch von Winchester, bekannter unter dem späteren Namen Domesday Book aus dem Jahr 1086. Es listet neben den mehr als 5600 Mühlen Englands annähernd 270.000 Einzelpersonen, deren Grundbesitz auf direkte oder indirekte Weise vom König abhing. Sein Zweck war jedoch weniger, diesen rechtlichen Sachverhalt zu fixieren, als vielmehr die Grundlage für eine zentrale Besteuerung in der Tradition des Danegeld zu schaffen. Seine Detailtreue ist in Europa für diesen frühen Zeitpunkt beispiellos. Zugleich verweist es auf die im europäischen Vergleich ebenfalls sehr frühe Entstehung einer königlichen Zentralverwaltung: Wilhelm organisierte die unübersichtlich weiträumigen shires neu, die zu counties, Grafschaften, wurden, mit den Earls als obersten Lehensempfängern und den sheriffs als wichtigsten Kronbeamten. Die Rechnungslegung der königlichen Finanzen fand ab 1110, unter Wilhelms viertem Sohn Heinrich I., im Exchequer statt, und auch diese zentrale Finanzbehörde war ihrer Zeit voraus. In den folgenden Jahrzehnten wurden die in normannischer Rechtstradition stehenden Geschworenengerichte fester und fortan charakteristischer Bestandteil des englischen Rechts; etwa zeitgleich entstand außerdem ein System der Umrittsgerichtsbarkeit (circuit courts) zur Ausübung königlichen Rechts in den Grafschaften. Der König, in dessen Namen dieses Recht gesprochen wurde, herrschte übrigens seit Wilhelm von London aus, das Winchester noch im Jahr 1066 als Hauptstadt und politisches Zentrum Englands ablöst hatte. Anders als das beständig in Wachstum und Wandel befindliche London hat Winchester darum bis heute den Charme eines Schaufensters in das England der Angelsachsen bewahrt.

Mit den Normannen gewann England auch jenseits von Verwaltung und Recht eine neue Gestalt. Rasch wurden die angelsächsischen Dialekte zugunsten des Lateinischen und Altfranzösischen verdrängt. Insbesondere für den Hof und den Hochadel spricht man von der Ausbreitung einer anglonormannischen bzw. mittelenglischen Sprachform. Sehr bald wurde der kontinentale Einfluss in der Bautätigkeit sichtbar: In Wandaufriss und Ornamentik des Kirchenbaus ist er ebenso zu erkennen wie im Festungsbau; während die Kathedrale von Durham beispielhaft für Ersteres steht, ist der Tower of London – begonnen von Wilhelm um 1078 – das vielleicht beste Beispiel für Letzteres. Und auch in religiösen Fragen zeichnete sich ein Wandel ab. Neben der Ausbildung der getrennten geistlichen Gerichtsbarkeit führte das Ende der englischen Variante des Investiturstreits auf der Synode von Westminster 1107 zu einer Kompromisslösung, die das Mitspracherecht des Königs bei der Bischofswahl – im Prinzip eine freie Wahl durch Geistliche – auf ein konziliantes Minimum reduzierte, ihm aber immerhin seine Rolle als oberster Lehnsherr ließ.