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Das Ende der 1980er Jahre brachte nicht nur große politische Umbrüche in Europa, sondern auch einen Paradigmenwechsel in der Geschichtswissenschaft. Fortan wird die Mediävistik nicht mehr von politischer Geschichte und der Darstellung von Strukturen dominiert. Vielmehr steht seitdem der Mensch in allen seinen Lebensäußerungen im Mittelpunkt der historischen Betrachtung. Die Kombination von Kulturgeschichte, Historischer Anthropologie und Alltagsgeschichte entfesselte eine kreative Dynamik, durch die unser Verständnis von der Vergangenheit erheblich geschärft wurde. Christian Domenig beschreibt gut lesbar die neuen, erhellenden Wege in eine vermeintlich finstere Epoche.
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Seitenzahl: 379
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Der Autor
Ass. Prof. Mag. Dr. Christian Domenig (geb. 1976) lehrt seit 2005 mittelalterliche Geschichte an der Universität Klagenfurt.
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Umschlagabbildung: Detail einer Buchmalerei aus dem Stundenbuch des Herzogs von Berry, Très Riches Heures du duc de Berry (1411–1416), fol. 10 v (via Wikimedia Commons). Autorenportrait: photo riccio.
1. Auflage 2022
Alle Rechte vorbehalten
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-032775-7
E-Book-Formate:
pdf: ISBN 978-3-17-032776-4
epub: ISBN 978-3-17-032777-1
Vorwort
1 Geschichtswissenschaft in Ost und West
2 Modernisierung und Aktualität
3 Kultur(en) in Bewegung
4 Handlungen und Zeichen
5 Kommunikation und Medien
6 Materialität
7 Emotionen
8 Konflikt und Ausgleich
9 Individuum und Gesellschaft
10 Adliges Leben
11 Mensch und Umwelt
12 Mensch und Tier
13 Neue Methoden
14 Rückblick und Ausblick
Register
Dieses Buch möchte inspirieren. Es soll anregen, neue Wege in der Mediävistik zu beschreiten, und wendet sich mit diesem Ansinnen nicht nur an die Lernenden, sondern auch an die Lehrenden. Im Wesentlichen beschreibt es die innovativen Forschungsansätze der letzten drei bis vier Jahrzehnte. Es ist dies die Zeit, in der der Mensch in den Mittelpunkt der historischen Betrachtung gestellt wurde, es ist die Zeit der Kultur- und Alltagsgeschichte, die Zeit des Bestrebens, alle Phänomene des Zeitraums von 500 bis 1500 zu erfassen. Dieser Ansatz führte rasch zu neuen Einblicken in die Welt des Mittelalters, sodass sich die Vorstellungen von dieser Epoche grundlegend wandeln konnten. Neues zu wagen und im internationalen und interdisziplinären Diskurs umzusetzen, hob die Mediävistik auf ein neues Niveau, obwohl doch die berühmt-berüchtigten Daten und Fakten die gleichen geblieben sind.
Es gehört zu den stehenden Sätzen nahezu aller für dieses Buch verwendeten Arbeiten, im Vorwort festzustellen, dass gerade in den letzten Jahren überaus viel zum jeweiligen Thema erschienen ist. Meist erfolgt dies unter Verwendung des Begriffs Konjunktur, mitunter auch turn. Für dieses Buch stellte sich die gar nicht so leichte Aufgabe, einen Weg durch diese vielfältige Literatur zu weisen. Ich konnte mit diesem Ansinnen kaum alles in den letzten 30 bis 40 Jahren Geschriebene berücksichtigen und bitte um Verständnis, wenn sich jemand unberücksichtigt fühlt. Ältere Ansätze, insbesondere aus den 1970er Jahren, die noch unter anderen Aspekten entstanden sind, konnten nicht ausreichend einbezogen werden. Zugleich musste ein Endpunkt gesetzt werden, so sind Publikationen bis 2020 berücksichtigt. In diesem Sinne ist dieser Überblick eine Momentaufnahme, die in der Hoffnung angefertigt wurde, dass die fruchtbringende Entwicklung der letzten Jahrzehnte weiter geführt wird. Zudem war es mir wichtig, die Pluralität der Forschungsansätze zu respektieren. Die Mediävistik, wie sie sich heute darstellt, ist keineswegs aus einem Guss, mitunter widersprechen sich die Ansätze sogar! Über den aktuellen Zustand der mittelalterlichen Geschichtsforschung sollte ebenfalls kein falscher Eindruck entstehen: Selbstverständlich werden immer noch traditionelle Themen im Sinne einer Politik- bzw. Landesgeschichte betrieben – oft genug von denselben Personen. Und ich möchte außerdem betonen, dass gerade eine innovative mittelalterliche Geschichtswissenschaft ohne die entsprechenden fachlichen Grundlagen in Form von Latein und historischen Hilfswissenschaften nicht betrieben werden kann.
Dieses Buch ist selbstverständlich auch mit meiner eigenen Biographie verknüpft. Schon als Student in den 1990er Jahren kam ich intensiv mit Kulturgeschichte und historischer Anthropologie in Kontakt. Zu verdanken habe ich den Einstieg in die Thematik meinen späteren Doktorvätern Günther Hödl und Johannes Grabmayer. Diesen beiden Lehrern gilt daher mein besonderer Dank! Ebenfalls bedanken möchte ich mich bei Günther Bernhard, der mir immer wieder bereitwillig Zugang zu den Grazer Geschichte-Bibliotheken gewährt hat, insbesondere zu seiner hilfswissenschaftlichen Bibliothek.
In diesem Sinne möchte ich Sie einladen, mit mir einen Rundgang durch verschiedene neue Aspekte der Mediävistik zu unternehmen. Lassen Sie sich kurz an die Hand nehmen, damit Sie danach eigene Wege beschreiten können!
Christian Domenig
St. Gilgentag 2021
DETEGE IGNOTUM
Die Geschichtswissenschaft – und mit ihr die Mediävistik – hat im 20. Jahrhundert große Umbrüche erfahren. Als das Jahrhundert begann, stand noch der Historismus im Mittelpunkt. Er führte bereits im 19. Jahrhundert zu einer Professionalisierung und Institutionalisierung des Faches. Aus Geschichtsschreibung wurde Geschichtsforschung. Die Geschichtswissenschaft wurde zu einer Leitwissenschaft über den deutschen Sprachraum hinaus. Themen der mittelalterlichen Geschichte im Rahmen des Historismus waren vor allem Reich und Nation sowie Kirche und Staat. Dieser Blickwinkel spiegelt durchaus die Geschichte des 19. Jahrhunderts wider. Im Fokus der Forschung standen besonders Quellen, die nach historisch-kritischer Methode aufbereitet wurden. Diese Forschungstraditionen ließen sich überaus leicht in die nationalsozialistische Ideologie transferieren. Deutsche Historiker haben fast mühelos die Auffassungen des nationalsozialistischen Geschichtsbilds übernehmen können, »die einen mehr in völkischer oder gar rassistischer Richtung, die anderen mehr in der Erhebung reiner Machtpolitik zum höchsten Beurteilungsmaßstab und im Traum vom ›Reich der Deutschen‹, das über andere Völker zu herrschen berufen sei.«1
Nach den Zweiten Weltkrieg blieb es beim Festhalten am Konzept der »›Nation‹ als Movens historischer Prozesse, deren Gang durch die Geschichte nun zwar nicht mehr als Heldenepos, wohl aber als Tragödie weitererzählt werden konnte.«2
War der Historismus die Geschichtswissenschaft der Moderne, so kann die Wirtschafts- und Sozialgeschichte als jene der Postmoderne verstanden werden. Bei diesen Forschungsansätzen ist es nicht einfach, den Übergang vom einen zum anderen genau zu definieren. In der deutschen Mediävistik ist das Jahr 1945 allerdings keinesfalls als Stunde Null zu sehen. Das kommt auch daher, dass das Mittelalter mehr als lange vor der Zeit des Nationalsozialismus als Tiefpunkt deutscher Geschichte liegt. »Bei der Suche nach Ursachen für die Katastrophe war das deutsche Mittelalter kaum gefragt.«3 Die Entnazifizierung blieb im Westen oberflächlich, eine Rückkehr emigrierter Professoren fand kaum statt, durchgreifende Reformen der Universitäten wurden nicht vorgenommen.
Im kommunistischen Osten hingegen wurde die Geschichtswissenschaft ab den 1950er Jahren in den Dienst des politischen Systems gestellt. Rasch kam es zu einem Generationenwechsel, denn die alten Fachkräfte traten bald ab und eine mittlere Generation fehlte aufgrund des Krieges. Außerdem setzten sich viele Wissenschaftler in den Westen ab. Die nun nachrückenden jungen waren systemtreu.4 Sie stellten sich in den Dienst Stalins, der schon 1928 zum Sturm auf die Festung Wissenschaft aufgerufen hatte: »Diese Festung müssen wir um jeden Preis nehmen. Diese Festung muß die Jugend nehmen, wenn sie der Erbauer eines neuen Lebens sein, wenn sie zu einem wirklichen Nachwuchs der alten Garde werden will.«5 Verbunden mit einer massiven Aufstockung der Stellen entstanden geschichtswissenschaftliche Kader. Es zählte nicht die individuelle Forschungsleistung, sondern eine kontrollierte Mannschaftsbildung in Schwerpunktbereichen. Die Geschichtswissenschaft wurde den Staats- und Parteiinteressen untergeordnet, sie galt offiziell als »eine scharfe ideologische Waffe bei der Erfüllung der vom IV. Parteitag der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands gestellten Aufgaben bei der Erziehung der Arbeiterklasse und aller Werktätigen im Geiste des Patriotismus und des proletarischen Internationalismus.«6 Der Beschluss half wesentlich »mit, einer von der SED abhängigen und ihr bis zuletzt treu ergebenen Geschichtswissenschaft den Weg zu bereiten.«7 Nun herrschte die Lehre des Historischen Materialismus mit festgelegten Gesetzmäßigkeiten und strikter Parteilichkeit. Keiner anderen Wissenschaft in der Deutschen Demokratischen Republik wurden derartige ideologische Vorgaben gemacht, nicht zuletzt von Walter Ulbricht persönlich. Unbedingt zu verifizieren waren die Aussagen von Karl Marx, Friedrich Engels, Lenin und anfangs Stalin.8 Vorbilder aus der Geschichtswissenschaft waren keine vorhanden, deshalb »haben die jungen Mediävisten der SBZ/DDR die Lehren der ›Klassiker‹ selbst für ihre Forschungszwecke adaptiert.«9 Während der Kontakt zum Westen zusehends abgebrochen wurde, entwickelte sich ein reger Austausch mit den sozialistischen Bruderstaaten.10 Die Geschichtswissenschaft in der Sowjetunion galt gemeinhin als Vorbild.
Innerhalb des Faches Geschichte war das Mittelalter in der DDR von nachrangiger Bedeutung. Es wurde dabei zur Zeit des Feudalismus,11die teilweise bis in die Mitte des 17. Jahrhunderts ausgeweitet wurde, und stellte ein Experimentierfeld für die neue Geschichtsinterpretation dar.12 Daneben waren Stadtgeschichtsforschung, Deutsche Ostexpansion und Geschichte der Westslawen sowie religiöse Bewegungen und Häresien Schwerpunkte der DDR-Mediävistik.13 Staatssekretär Wilhelm Girnus brachte es bereits 1958 im Rahmen der 3. Hochschulkonferenz der SED unter dem Titel »Perspektiven der Germanistik« auf den Punkt: »In der Deutschen Demokratischen Republik hat das Mittelalter endgültig ausgespielt, und die Weltanschauung unseres Jahrhunderts ist der dialektische Materialismus.« Die seit der Romantik übliche Überbetonung des Mittelalters gleich in mehreren Fächern an Universitäten müsse ein Ende haben: »Die religiös-klerikale Gedanken- und Gefühlswelt des Mittelalters vollends gehören ins Museum wie Kettenpanzer und Lanze.«14
Die Entwicklung der Geschichtswissenschaft im Westen, wo man im Prinzip davon ausging, dass das Hochschulsystem im Wesentlichen gut aufgestellt sei und nach dem Vorbild der Humboldt’schen Universitätsidee auch wiederhergestellt werden sollte,15 wurde befördert von einem massiven Ausbau der Universitätslandschaft in den 1960er und 70er Jahren. In keinem Zeitabschnitt zuvor stieg die Zahl der Universitäten so stark an. Diese Erweiterung hatte ihren Hintergrund zum einen Teil in einer heftig geführten bildungspolitischen Diskussion, die Bildung als wirtschaftlichen Standortfaktor begriff und rasch von der Politik absorbiert wurde, und zum anderen Teil mit der größeren Nachfrage nach Studienplätzen der geburtenstarken Nachkriegsgeneration. Dem wurde aber weniger durch Einrichtung klassischer Universitäten Rechnung getragen, sondern durch Regional- und Spezialhochschulen, die sich auf Schwerpunkte konzentrierten. Das kam vielen lokalen politischen und wirtschaftlichen Interessen entgegen, zumal in der Bundesrepublik Deutschland die Universitäten unter die Kulturhoheit der Bundesländer fallen. Die volle personelle Einrichtung dieser Reformuniversitäten zog sich oft über Jahre hin, nicht alle Fächer waren vertreten, die Zusammensetzung der Fakultäten war mitunter experimentell. So ergab sich der Zwang, kreativ zu kooperieren und interdisziplinär zu arbeiten. Gerade diese neuen Hochschulen wurden zu Innovationszentren in Forschung und Lehre, während sich die alten Universitäten ihrer Tradition verpflichtet fühlten.
Gab es nach dem Zweiten Weltkrieg in der BRD 16 Universitäten und in der DDR sechs, so waren es kurz vor der Wende 1989 in der BRD 244 Hochschulen und 54 in der DDR. Nach der Wiedervereinigung erfolgte ein Konzentrationsprozess. In Österreich vermehrte sich die Zahl von drei Universitäten bis Anfang der 1990er Jahre auf zwölf. Danach kamen ab 1994 noch Fachhochschulen und seit 2007 neun Pädagogische Hochschulen hinzu. Nur in der Schweiz blieb die Anzahl der kantonalen Universitäten fast gleich.
Inhaltlich geschah im Gesamtfach nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Hinwendung zur Zeitgeschichte eine Aufarbeitung des Nationalsozialismus und seiner Vorgeschichte. Bedeutend im Kalten Krieg war der Ausbau des Faches osteuropäische Geschichte. Damit einher ging eine Abkehr von der nationalen und europäischen Geschichtssicht. Allerdings gehörte der Osten schon zu den favorisierten Forschungsthemen des Dritten Reiches. Das Aufkommen der Strukturgeschichte förderte die Abspaltung der Wirtschafts- und Sozialgeschichte vom klassischen Fach. Gerade an den neu eingerichteten Universitäten konnten diese Felder prosperieren. »Der deutlichste Wandel spiegelt sich in den unsicher und vorsichtig gewordenen Einstellungen gegenüber der Nation und damit der Nationalgeschichte wie auch in der Haltung gegenüber der Bonner Republik und der Demokratie wider.«16 Hier wird die größte Veränderung zur Zwischenkriegszeit deutlich: »Tatsächlich ist unbestreitbar, daß die deutschen Historiker nach 1945 die demokratische Neuordnung in jener Geschlossenheit begrüßt haben, in der sie sie nach 1918/19 angegriffen haben.«17
Im Bereich der mittelalterlichen Geschichte änderte sich an der historistischen Ausrichtung bis zum Beginn der 1960er Jahre noch nichts Wesentliches. Das hängt mit einem Grundprinzip seit dem 19. Jahrhundert zusammen, das nun vollends zum Tragen kam.
»Die traditionelle deutsche Auffassung von Geschichtswissenschaft, die üblicherweise mit dem Begriff Historismus umschrieben wird, hat sich unter den deutschen Historikern nicht oder zumindest nicht kraft ihrer überlegenen wissenschaftlichen Qualität und schon gar nicht aufgrund ihrer angeblichen politischen Funktion durchgesetzt, sondern vornehmlich deshalb, weil ihre Begründer es verstanden, eine treue Gefolgschaft heranzuziehen und fortlaufend mit den wichtigsten Positionen des Faches zu betrauen, so daß Außenseiter von vornherein ausgeschlossen wurden oder isoliert blieben.«18
Die Rolle der Mediävistik im Nationalsozialismus ist auch deshalb bis heute nicht ausreichend reflektiert. Es gab eine starke personelle Kontinuität, die meist mit fachlicher Kompetenz begründet wurde. Auffallend an den verschiedenen Nachkriegsbiographien ist aber, dass die Netzwerke aus der Zeit des Nationalsozialismus weiter einwandfrei funktioniert zu haben scheinen.
Oft wird zur Erklärung des Zustands ein Generationenkonzept der um 1900 Geborenen bemüht. Dabei geht es um die Erinnerungsgemeinschaft der Weltkriegsteilnehmer und der Kriegsjugendgeneration, die direkt oder indirekt ein Fronterlebnis hatten.19 Schon in der Zwischenkriegszeit lehnten viele Mediävisten die Republik ab und blieben Monarchisten, unter denen der Deutschnationalismus weit verbreitet war. So begrüßten viele bedeutende österreichische Historiker den ›Anschluss‹ von 1938 als Erfüllung des deutschen Nationalstaates. Insgesamt blieben selbst später führende Mediävisten dem Nationalsozialismus bis zum Schluss treu ergeben, einige wurden im Rahmen der Aktion SonderelbeWissenschaft ab 1943 sogar vom Wehrdienst befreit.20 Bei dieser Aktion ging es um die Erhaltung des geisteswissenschaftlichen Nachwuchses für die ungewisse Zeit nach dem Krieg, denn für Vertreter der weniger kriegswichtigen Fächer war es ansonsten schwer, unabkömmlich gestellt zu werden.21 Insgesamt acht Professoren aus der Alten, Mittleren und Neuen Geschichte wurde dieses Privileg zuteil.22 Viele prägten den Wissenschaftsbetrieb noch lange mit, bis sie am Ende der 1960er Jahre heftig kritisiert wurden.23
Ein wesentlicher Einschnitt erfolgte erst im Zuge der Studentenbewegung von 1968, als an den Universitäten die Ordinarienstruktur, mangelnde Demokratie und fehlende Selbstreflexion kritisiert wurden. Die marxistische Ideologiekritik wurde im Westen als universitärer »Seminar-Marxismus«24 beliebt, der Imperativ der Emanzipation führte zur Aufgabe traditioneller Bezugspunkte und zur Etablierung eines bis dahin nicht bekannten Pluralismus. Nun wurde der traditionellen Geschichtswissenschaft zusehends eine Historische Sozialwissenschaft entgegen gesetzt.
Die Historische Sozialwissenschaft wurde in Deutschland auch als BielefelderSchule bekannt, denn an dieser 1969 gegründeten Universität wirkten die Hauptprotagonisten Hans-Ulrich Wehler und Jürgen Kocka. Die von ihnen propagierte Gesellschaftsgeschichte lehnte sich stark an Theorie und Methoden der Soziologie, Ökonomie und Psychoanalyse an. Ausgangspunkt der Überlegungen war, dass »die herkömmliche Bestimmung der Geschichte als Geisteswissenschaft in engster Anlehnung an die Philologie nicht mehr genügt.«25 Mit der Verwendung sozialwissenschaftlicher Analysemethoden war es nun möglich, Strukturen und Prozesse zu erforschen. Zum Erzählen eines historischen Ereignisses tritt das Erklären hinzu.
»Die der Sozialgeschichte eigene Darstellungsweise ist in der Regel nicht die Erzählung, sondern das explizite Problematisieren eines Themas, die begründende Darlegung der gewählten Ansätze und Methoden, das Insistieren auf den einzelnen Schritten der Analyse und Verifikation und die dem Anspruch nach selbstkritische Präsentation der Ergebnisse, die auf die Problematik des Ansatzes zurückverweist.«26
Die deutsche Historische Sozialwissenschaft ist nicht mit der französischen Schule der Annales oder der amerikanischen New SocialHistory gleichzusetzen:
»In der Tradition der deutschen Geistes- und Sozialwissenschaften definiert sie eine Gesellschaft viel stärker anhand ihrer Werte und Lebensanschauungen, dementsprechend muss eine Gesellschaftswissenschaft, wie sie sie versteht, hermeneutische mit analytischen Verfahrensweisen verbinden.«27
Eine neue Generation wollte, durchaus beeinflusst von der FrankfurterSchule, engagiert – aber nicht politisch instrumentalisiert – im Sinne einer politisch-gesellschaftlichen Pädagogik emanzipatorisch tätig sein. Allerdings fehlte diesem Ansatz die breite Öffentlichkeit, zusätzlich wurde in einigen deutschen Bundesländern das Unterrichtsfach Geschichte gekürzt. Die Wende hin zur Historischen Sozialwissenschaft brachte eine umfangreiche Theorie- und Methodenreflexion mit sich,28 sogar Fragen der elektronischen Datenverarbeitung in der Geschichtswissenschaft wurden bereits behandelt.29 Aus Krise und Herausforderung entstand ein neuer Aufbruch – zumindest für die Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, der die Historische Sozialforschung sich besonders zugewandt zeigte. Ihre Blütezeit lag vor allem in den 1970er und 1980er Jahren.
Kritik an der Historischen Sozialwissenschaft ließ nicht lange auf sich warten. Immerhin blieb der Großteil des Faches Geschichte den alten Traditionen verhaftet, sogar die Wirtschafts- und Sozialgeschichte verharrte in alten Methoden und Ansätzen und beschäftigte sich weiterhin mit der Verfassung von Ökonomie und Gesellschaft. Neben der konservativen Kritik, die den marxistischen Hintergrund anprangerte, verfiel ein Grundparadigma der Moderne, das seit der Aufklärung die Geschichtserzählung dominiert hatte und auf dem vor allem die Historische Sozialwissenschaft aufbaute: Der Fortschritt, der mithilfe von Aufklärung und Humanität zur Freiheit, zur Emanzipation führen sollte, wurde zusehends hinterfragt und immer öfter sogar negiert. Mit den technischen und ökonomischen Entwicklungen sei ein Zeitalter der Gewissenlosigkeit angebrochen. »Die radikale Gegenwärtigkeit determiniert historische Forschungsprozesse.«30 Nunmehr wurde ins Treffen geführt, dass alles Menschliche nach bewussten und unbewussten Machtinteressen konstruiert sei – auch die Geschichte. Damit geriet zugleich jede Wahrheit und Objektivität ins Wanken, allgemeine Welterklärungsmodelle ließen sich nicht mehr aufstellen. Nur noch eine Hinwendung zum Subjektiven, Individuellen und Kleinräumigen sei möglich. Der Zusammenbruch der kommunistischen Regime 1989 trug sein Übriges zum Ende des Fortschrittsdenkens bei. Zwar schien das generelle Streben der Menschen nach Freiheit vorerst bestätigt, aber offensichtlich war die marxistische Lehre vom Ablauf und Funktionieren der Weltgeschichte falsch. Nicht zuletzt konnte der Untergang des Kommunismus nicht prognostiziert werden: »Der Zusammenbruch des realen Sozialismus wurde methodisch zu einem ›schwarzen Freitag‹ der Sozialwissenschaften.«31
Zusammengefasst kann für die Ära des Kalten Krieges weniger von einem Abbrechen von Ansätzen als viel mehr von Ergänzungen und Neuerungen geredet werden. Die personelle Kontinuität verhinderte anfangs eine kritische Reflexion über die Zeit des ›tausendjährigen Reiches‹. Ein Einfluss der nationalsozialistischen Ideologie auf die mittelalterliche Geschichtsforschung wurde kleingeredet bzw. als notwendiges Beiwerk entschuldigt. Erst seit der Jahrtausendwende, als der Generationenabstand groß genug war, setzte diesbezüglich ein kritischerer Umgang ein. Besonders zu bedenken ist, dass es nicht allein um eine nationalsozialistische Terminologie und Ideologie geht, sondern vor allem um die aufgegriffenen Forschungsthemen und die produzierten Forschungsergebnisse. Diese entsprachen durchaus dem Konzept von Blut und Boden, Volk und Führer. Als Aufbruch können hingegen die Universitätsgründungen in den 1960er und 70er Jahren gewertet werden. Diese bewusst nicht als Volluniversitäten eingerichteten Institutionen erwiesen sich durch ihren unkonventionellen Fächerkanon – obwohl anfangs belächelt – als Hort der Innovation. Interdisziplinarität und Internationalität fanden hier einen flexiblen Rahmen, der an den alten Universitäten nicht realisierbar war.
Hans-Ulrich Wehler, Geschichte als Historische Sozialwissenschaft. Frankfurt a. M. 1973.
Werner Conze, Die deutsche Geschichtswissenschaft seit 1945. Bedingungen und Ergebnisse. In: Historische Zeitschrift 225 (1977), S. 1–28.
Günther Heydemann, Geschichtswissenschaft im geteilten Deutschland. Entwicklungsgeschichte, Organisationsstruktur, Funktionen, Theorie- und Methodenprobleme in der Bundesrepublik Deutschland und in der DDR (Erlanger Historische Studien 6). Frankfurt a. M.-Bern-Ciencester 1980.
Winfried Schulze, Deutsche Geschichtswissenschaft nach 1945 (Historische Zeitschrift Beihefte NF 10). München 1989.
Peter Segl, Mittelalterforschung in der Geschichtswissenschaft der DDR. In: Geschichtswissenschaft in der DDR. Bd. 2: Vor- und Frühgeschichte bis Neueste Geschichte. Hgg. Alexander Fischer, Günther Heydemann (Schriftenreihe der Gesellschaft für Deutschlandforschung 25/2). Berlin 1990, S. 99–148.
Georg G. Iggers, Geschichtswissenschaft im 20. Jahrhundert. Ein kritischer Überblick im internationalen Zusammenhang. Göttingen 1993.
Christian Simon, Historiographie. Eine Einführung. Stuttgart 1996.
Hans-Werner Goetz, Moderne Mediävistik. Stand und Perspektiven der Mittelalterforschung. Darmstadt 1999.
Lutz Raphael, Geschichtswissenschaft im Zeitalter der Extreme. Theorien, Methoden, Tendenzen von 1900 bis zur Gegenwart. München 2003.
Anne Chr. Nagel, Im Schatten des Dritten Reichs. Mittelalterforschung in der Bundesrepublik Deutschland 1945–1970. Göttingen 2005.
Lothar Kolmer, Geschichtstheorien. Paderborn 2008.
1 Karl Ferdinand Werner, Das NS-Geschichtsbild und die deutsche Geschichtswissenschaft. Stuttgart u. a. 1967, S. 96.
2 Klaus Große Kracht, Die zankende Zunft. Historische Kontroversen in Deutschland nach 1945. Göttingen 22011, S. 39.
3 Klaus Schreiner, Wissenschaft von der Geschichte des Mittelalters nach 1945. Kontinuitäten und Diskontinuitäten der Mittelalterforschung im geteilten Deutschland. In: Die sog. Geisteswissenschaften: Innenansichten. Hgg. Wolfgang Prinz, Peter Weingart. Frankfurt a. M. 1990, S. 75–104, hier S. 78.
4 Albrecht Timm, Das Fach Geschichte in Forschung und Lehre in der sowjetischen Besatzungszone seit 1945 (Bonner Berichte aus Mittel- und Ostdeutschland). Berlin 31961, S. 14.
5 Josef W. Stalin, Rede auf dem VIII. Kongreß des Leninschen Kommunistischen Jugendverbands der Sowjetunion, 16. Mai 1928. In: J. W. Stalin Werke 11. 1928–März 1929. Berlin 1954, S. 59–69, hier S. 68 f.
6 Die Verbesserung der Forschung und Lehre in der Geschichtswissenschaft der Deutschen Demokratischen Republik. In: Dokumente der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands. Beschlüsse und Erklärungen des Zentralkomitees sowie seines Politbüros und seines Sekretariats. Bd. 5. Hg. Zentralkomitee der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands. Berlin 1956, S. 337–368, hier S. 337; auch in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 3 (1955), S. 507–526.
7 Horst Haun, Der Geschichtsbeschluß der SED 1955. Programmdokument für die »volle Durchsetzung des Marxismus-Leninismus« in der DDR-Geschichtswissenschaft. Dresden 1996, S. 49.
8 Die Verbesserung der Forschung und Lehre, S. 355 bzw. 520.
9 Michael Borgolte, Eine Generation marxistischer Mittelalterforschung in Deutschland. Erbe und Tradition aus der Sicht eines Neu-Humboldtianers. In: Mittelalterforschung nach der Wende 1989. Hg. Michael Borgolte (Historische Zeitschrift Beihefte NF 20). München 1995, S. 3–26, hier S. 8.
10 Werner Conze, Die deutsche Geschichtswissenschaft seit 1945. Bedingungen und Ergebnisse. In: Historische Zeitschrift 225 (1977), S. 1–28.
11 Grundlagen des Marxismus-Leninismus. Lehrbuch. Berlin 61963, S. 151–154.
12 Timm, Das Fach Geschichte, S. 35.
13 Peter Segl, Mittelalterforschung in der Geschichtswissenschaft der DDR. In: Geschichtswissenschaft in der DDR. Bd. II: Vor- und Frühgeschichte bis Neueste Geschichte. Hgg. Alexander Fischer, Günther Heydemann (Schriftenreihe der Gesellschaft für Deutschlandforschung 25/2). Berlin 1990, S. 99–148, hier S. 100.
14 Wilhelm Girnus, Perspektiven der Germanistik. In: Neues Deutschland, 18.1.1958, S. 4.
15 Barbara M. Kehm, Hochschulen in Deutschland. Entwicklung, Probleme und Perspektiven. In: Aus Politik und Zeitgeschichte 25/2004, S. 6–17, hier S. 7.
16 Hans-Werner Goetz, Moderne Mediävistik. Stand und Perspektiven der Mittelalterforschung. Darmstadt 1999, S. 81.
17 Winfried Schulze, Deutsche Geschichtswissenschaft nach 1945 (Historische Zeitschrift Beihefte NF 10). München 1989, S. 20.
18 Wolfgang Weber, Priester der Klio. Historisch-sozialwissenschaftliche Studien zur Herkunft und Karriere deutscher Historiker und zur Geschichte der Geschichtswissenschaft 1800–1970 (Europäische Hochschulschriften 3/216). Frankfurt a. M. u. a. 21987, S. 355.
19 Anne Chr. Nagel, Im Schatten des Dritten Reichs. Mittelalterforschung in der Bundesrepublik Deutschland 1945–1970. Göttingen 2005, S. 14.
20 Hans-Henning Kortüm, »Gut durch die Zeiten gekommen.« Otto Brunner und der Nationalsozialismus. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 66 (2018), S. 117–160, hier S. 140.
21 Jens Thiel, Nutzen und Grenzen des Generationenbegriffs für die Wissenschaftsgeschichte. Das Beispiel der »unabkömmlichen« Geisteswissenschaftler am Ende des Dritten Reiches. In: Verräumlichung – Vergleich – Generationalität. Dimensionen der Wissenschaftsgeschichte. Hgg. Matthias Middell u. a. Leipzig 2004, S. 111–132, hier S. 122.
22 Hans-Henning Kortüm, Otto Brunner über Otto den Großen. Aus den letzten Tagen der reichsdeutschen Mediävistik. In: Historische Zeitschrift 299 (2014), S. 297–333, hier S. 301.
23 Thiel, Nutzen und Grenzen des Generationenbegriffs, S. 131.
24 Lutz Raphael, Geschichtswissenschaft im Zeitalter der Extreme. Theorien, Methoden, Tendenzen von 1900 bis zur Gegenwart. München 2003, S. 221.
25 Hans-Ulrich Wehler, Geschichte als Historische Sozialwissenschaft. Frankfurt a. M. 1973, S. 7.
26 Christian Simon, Historiographie. Eine Einführung. Stuttgart 1996, S. 227.
27 Georg G. Iggers, Geschichtswissenschaft im 20. Jahrhundert. Ein kritischer Überblick im internationalen Zusammenhang. Göttingen Neuausgabe 2007, S. 70.
28 Günther Heydemann, Geschichtswissenschaft im geteilten Deutschland. Entwicklungsgeschichte, Organisationsstruktur, Funktionen, Theorie- und Methodenprobleme in der Bundesrepublik Deutschland und in der DDR (Erlanger Historische Studien 6). Frankfurt a. M.-Bern-Cirencester 1980, S. 27 f.
29 Carl August Lückerath, Prolegomena zur elektronischen Datenverarbeitung im Bereich der Geschichtswissenschaft. In: Historische Zeitschrift 207 (1968), S. 265–296.
30 Lothar Kolmer, Geschichtstheorien. Paderborn 2008, S. 84.
31 Klaus von Beyme, Die vergleichende Politikwissenschaft und der Paradigmenwechsel in der politischen Theorie. In: Politische Vierteljahresschrift 31 (1990), S. 457–474, hier S. 472.
Seit den 1960er Jahren ist es üblich geworden, Paradigmenwechsel in den Geisteswissenschaften als turn (»Wende«) zu bezeichnen. Einige – wie der linguisticturn – waren überaus erfolgreich. Bei anderen turns konnte der Anspruch auf eine Wende nicht eingelöst werden. Der Begriff wurde ab den 1990er Jahren überstrapaziert und wirkt heute mitunter antiquiert. Der linguistic turn wurde geradezu zu einem Inbegriff für die postmoderne Wissenschaft. Als Grundparadigma »ist alle menschliche Erkenntnis durch Sprache strukturiert; Wirklichkeit jenseits von Sprache ist nicht existent oder zumindest unerreichbar.«1
Der linguisticturn in den Geschichtswissenschaften geht von einer prinzipiell einfachen Fragestellung aus, die Roland Barthes 1968 auf den Punkt brachte:
»Unterscheidet sich die Schilderung vergangenen Geschehens, die in unserer Kultur seit den Griechen gemeinhin der Billigung durch die ›Geschichtswissenschaft‹ unterworfen ist, unterscheidet sich also diese Schilderung durch irgendeinen spezifischen Zug, durch irgendeine unbezweifelbare Relevanz von der imaginären Erzählung, wie man sie im Epos, im Roman oder im Drama antreffen kann?«2
Damit wird der historische Diskurs in den Mittelpunkt gerückt. Das aus dem Lateinischen kommende Wort Diskurs ist ein zentraler Punkt im linguistic turn. Der in der Literaturtheorie schon lange vorher gebrauchte Begriff wird – aufgeladen mit den Theorien von Jürgen Habermas und Michel Foucault – in den Kontext von aufgezwungener Macht und konstruierter Wirklichkeit gesetzt. Der Mensch bewege sich in sprachlichen Strukturen, die über ihn bestimmen. Darüber sollte nun diskutiert werden. Es hat eine gewisse Ironie, dass Sprache als Machtinstrument besonders seit dem linguisticturn eingesetzt wird.
Die Frage, ob Geschichtsschreibung Literatur sei, ist allerdings schon alt. Das Literaturschaffen lebt seit jeher von der Vermischung von Fakten und Fiktion. Der seit dem ersten nachchristlichen Jahrhundert überaus geschätzte Rhetoriklehrer Marcus Fabius Quintilianus setzt die Geschichte in seinem Lehrbuch zur Redekunst zwar in die Nähe der Dichtkunst, allerdings habe die Geschichte die Aufgabe, für die Erinnerung zu erzählen und nicht zur Beweisführung vor Gericht beizutragen.3 Quintilian lebte in einer Zeit, als die Rhetorik stark in Verruf gekommen war, und stellte dem Niedergang ein idealisiertes Bildungskonzept entgegen.4 Auf ihn greift Leopold von Ranke bewusst zurück, wenn er definiert: »Die Historie unterscheidet sich dadurch von anderen Wissenschaften, daß sie zugleich Kunst ist.«5 Diese liege darin, das in der Forschung Erkannte gestaltend darzustellen.
Mit Johann Martin Chladenius zog bereits im 18. Jahrhundert die Frage des Standpunktes in historischen Berichten in den Diskurs ein: »Das, was in der Welt geschiehet, wird von verschiedenen Leuten auch auf verschiedene Art angesehen.«6 Er führte deshalb den Begriff Sehepunkt, der aus der Optik kommt, ein. Karl Popper, der sich in seinen Werken generell mit Wissenschaftstheorie auseinandersetzte, fasst zusammen:
»Es kann keine Geschichte der Vergangenheit geben, wie sie tatsächlich gewesen ist. Es kann nur historische Interpretationen geben, und von diesen ist keine endgültig; und jede Generation hat das Recht, sich ihre eigene Interpretation zu bilden.«7
Genau in dieser alten Frage setzte um 1980 im deutschen Sprachraum die Kritik an der Geschichtswissenschaft im Sinne des linguisticturn an. Bald wurde der Vorwurf in den Raum gestellt, dass sich Historiker ein Mal auf Kunst, das andere Mal auf Wissenschaft berufen, um so Kritik abzuschmettern. Hayden White, dessen Werke für viel Diskussion in der Geschichtswissenschaft sorgten, sprach in diesem Zusammenhang sogar von der »Unredlichkeit des Historikers.« Diese sei auch darin begründet, dass es sich bei Geschichte um »vielleicht die konservative Disziplin par excellence« handle. Historiker pflegen »eine Art bewußter methodischer Naivität«, die »zu einem Widerstand der gesamten Zunft gegen fast jede Art von kritischer Selbstanalyse geführt hat.«8
Historisches Darstellen baut laut Hayden White zuerst auf die Anordnung der Ereignisse in Form einer Chronik auf, die im Sinne eines Schauspiels zu einer Fabel mit Anfang, Mitte und Schluss umgestaltet wird.9 In weiterer Folge ergeben sich wie in der Literatur vier Grundformen der Darstellung: Romanze, Tragödie, Komödie und Satire.10 Dabei sind wiederum vier Schlussfolgerungen möglich, die formativistische, organizistische, mechanische und kontextualistische Erklärung der Ereignisse.11 Abschließend wird alles noch mit ideologischen Dimensionen aufgeladen, sie sind die »standortabhängigen Annahmen des Historikers über das Wesen historischer Erkenntnis und die Schlüsse, die sich aus der Analyse vergangener Ereignisse für das Verständnis gegenwärtiger ziehen lassen.«12 Dafür kommen nochmals vier Grundpositionen in Frage: Anarchismus, Konservativismus, Radikalismus und Liberalismus.13
Hayden White wählt für seine Ausführungen die literarische Form des Essays und entzieht sie so einer wissenschaftlichen Überprüfbarkeit. Es fällt auf, dass die Diskussion von beiden Seiten mit starker Polemik und überzeichneten Vergleichen geführt wird. Oft genug wird aneinander vorbei kommuniziert. Viel Geschriebenes ist einer akademischen Diskussion unwürdig – si tacuisses!
Der Ansatz, Geschichte als Literaturgattung zu verstehen, führte gerade anfangs zu heftigem Widerspruch. Im Prinzip benötigen alle Wissenschaften Sprache, um sich mitzuteilen. »Die Historiker und Historikerinnen verstehen sich als Wissenschaftler und nicht als Literaten und ihr Tun als Wissenschaft und nicht als Kunst,«14 gab Jörn Rüsen zu bedenken. Gerade er ist ein Beispiel dafür, was die Debatte schlussendlich auslöste. Da die Wissenschaftlichkeit der Geschichtsforschung auch schon durch die Diskussion um die Historische Sozialforschung in Zweifel kam, wurde der Theorie der Geschichtswissenschaft mehr Aufmerksamkeit gewidmet. Jörn Rüsen veröffentlichte dazu in den 1980er Jahren in mehreren Bänden seine Grundzüge einer Historik.15 Im Jahr 2013 folgte eine Neubearbeitung, »denn die Kontexte der achtziger Jahre und diejenigen der Gegenwart, in denen geschichtstheoretische Überlegungen zeitabhängig erfolgen, unterscheiden sich erheblich.«16 In diesen Werken werden nicht mehr nur die klassischen Methoden, die sich zum Beispiel mit Quellenkritik beschäftigen, sondern vor allem der persönliche Zugang und die Aufbereitung und Vermittlung von Geschichte reflektiert. Diese umfassende Theorie der Geschichte fand in die universitäre Lehre Eingang und prägte so eine neue Generation mit. Sabine Todt gibt zu bedenken, der linguisticturn sei »eine wichtige Anregung, die für die historische Arbeit so bedeutsamen Begriffe wie Verstehen, Erklären und Sinn anders als bisher zu betrachten und zu funktionalisieren.«17 Schlussendlich wird die Rolle der Fachleute neu gesehen:
»Geschichte ist das, was die Historiker sagen, und nicht das, wovon sie reden. Geschichte ist die Erklärung, nicht das zu Erklärende. Historiker sprechen nicht über Geschichte und erzählen sie nicht nach; sie machen Geschichte; sie machen Geschichte.«18
Umgekehrt gab es eine Rückwirkung auf die Sprachwissenschaft: »Der linguistic turn der Geschichte erinnert also die Linguistik an die historische Dimension der Sprache und generiert damit Beiträge zu einem wünschenswerten historicalturn in der Linguistik.«19 Damit wurde nun die Historizität der Sprache wieder bewusst. Diesbezüglich ist der linguisticturn ebenfalls historisch einzuordnen: Ein Zeitalter der Massenkommunikation, wie es das 20. Jahrhundert mit allen Höhen und Tiefen war, brachte notwendigerweise eine stärkere Beschäftigung mit Sprache mit sich.
Der linguisticturn wirkte aber auch in eine andere Richtung. Sprache wurde zu einem wichtigen Element des Machtdiskurses, sie schafft erst Realitäten. »Wirklichkeit ist nie an sich erfahrbar, sondern immer nur für uns.«20 Erst die Diskurse, die in kulturellen Kontexten ablaufen und Auseinandersetzungen dokumentieren, schaffen Realität und damit Macht. Allerdings, so das Argument, verlaufe damit das gesamte Denken in sprachlicher Form, es gibt schlussendlich nur noch Texte. Ernst Hanisch fasst zusammen: »Jede Differenz zwischen Text und Kontext ist sinnlos; es gibt keine Realität außerhalb des Textes. Der Text schluckt den Kontext. Text antwortet auf Text in einer endlosen Spirale.«21 Allerdings findet er durchaus positive Aspekte der Diskussion: Texte müssten genauer gelesen werden, es setze ein Nachdenken über Funktion und Grenzen von Sprache ein und schließlich gäbe es damit Möglichkeiten neuer Darstellungen der Geschichte.22 Ein großes Potenzial eines linguistischen Ansatzes liegt zweifellos in einer weiteren Dimension der Quellenanalyse. So stehen gerade mittelalterliche Chroniken in einem bewussten – auch sprachlichen – Kontext mit Vorgängerwerken.
Wenig Aufsehen erregte hingegen das Ausklingen des linguistic turn, zumal dieser gerade in der Geschichtswissenschaft einen schweren Stand hatte. Gabrielle M. Spiegel konstatierte 2005 ein wachsendes Gefühl der Unzufriedenheit gegenüber dem linguistic turn, vor allem verursacht durch die starke Betonung der Sprache gegenüber allen Bereichen menschlichen Handelns. Die semiotische Herausforderung sei ausgesprochen und aufgenommen worden, unterliege aktuell aber einem Wandlungsprozess – allerdings nur bei jenen, die die Prämisse der linguistischen Konstruktion der Welt weiterhin akzeptieren.23 Die Etablierung neuer Blickwinkel führte aber »tendenziell weg von der Sprach- und Textlastigkeit der Kulturanalyse, weg von der Vorherrschaft der Repräsentation, der bloßen Selbstreferenzialität und der ›Grammatik‹ des Verhaltens.«24 Es öffnen sich neue Horizonte, eine Vielzahl von Kulturgeschichten ist möglich, die auch die textbasierte Ebene verlassen und auf Visualität, Körperlichkeit und Materialität eingehen können.
Der ab den 1970er Jahren forcierte culturalturn beansprucht für sich, ebenfalls eine große Wende in den Geisteswissenschaften zu sein. Neben der Sprache wird die Kultur allgemein als etwas identifiziert, das den einzelnen Menschen grundlegend prägt. Die Betrachtung individueller Lebensschicksale im kulturellen Kontext löste die Konstruktion abstrakter Strukturanalysen ab, damit verlor die lange vorherrschende nationalstaatliche Politik- und Verfassungsgeschichte endgültig an Bedeutung. Die Neue Kulturgeschichte wollte an die ältere Kulturgeschichte seit der Aufklärung nicht anknüpfen. Letztere stand anfangs im Nahbereich der Universalgeschichte, später mehr der speziellen Sittengeschichte.25 Zweck dieser populären Sachbücher war eher Belehrung und Unterhaltung als die Vermittlung von Wissenschaft. Diese traditionelle deutsche Kulturgeschichte wurde mitunter als ein wirres Kuriositätenkabinett verstanden. Nur zwei Bücher dieser frühen Phase wurden in den akademischen Kanon aufgenommen und erleben bis heute regelmäßige Neuauflagen: Jacob Burckhardts Kultur derRenaissanceinItalien26 und Johan Huizingas Herbst des Mittelalters.27
Bei der Neuen Kulturgeschichte im Sinne einer Alltagsgeschichte steht nun die Mikrohistorie im Vordergrund. Ziel ist es, eine Geschichte von unten zu schreiben, eine Geschichte der einfachen Menschen, eine Geschichte von Mann und Frau, eine Geschichte von Randgruppen und unteren Klassen. Enge und Tiefe dieser kulturellen Rahmenbedingungen sollten erforscht werden. Dabei wird der Begriff Kultur überaus weit gefasst und nicht mehr nur als Hochkultur der Eliten verstanden. Eine einheitliche Kultur ist in diesem Konzept ebenfalls unmöglich, vielmehr geht es um die Gleichwertigkeit von verschiedenen Kulturen.
Ein wesentlicher Zweig ist die Darstellung kultureller Unterdrückung. So wird diese neue Kulturgeschichte vor allem in jenen Ländern, die Ziele der europäischen Expansion der Neuzeit waren, besonders intensiv betrieben. Damit erfüllt sie eine emanzipatorische Funktion, denn die Unterdrückungsmechanismen durch Kultur sollen ausfindig gemacht und beseitigt werden.
»Bei aller Nähe dieser Ideen zum Marxismus blieb vom marxistischen Gedankengut nicht sein Anspruch auf eine Erklärung der Gesellschaft und der Geschichte erhalten, sondern vielmehr seine Kritik an der Rolle des Kapitalismus als inländische wie international wirksame Kraft zur Aufrechterhaltung und Ausweitung sozialer Ungerechtigkeit in Teilen der Welt, die gerade erst der Kontrolle der Kolonialmächte entkommen war.«28
Aber selbst in Europa lässt sich dieses Konzept anwenden, wenn Fragen des Verhältnisses von Zentrum und Peripherie, Hauptstadt und Provinz gestellt werden.
Da nun die Mikro- anstatt der Makrogeschichte im Vordergrund stand und damit ein Perspektivenwechsel vom Kollektiv hin zum Individuum erfolgte, ergab sich ein erster Konflikt mit der noch relativ jungen Historischen Sozialwissenschaft. In den Werken Hans-Ulrich Wehlers zum Beispiel, so lautete eine Kritik, »verschwinden die Menschen hinter den Strukturen, und Kultur wird ausschließlich in ihren organisierten Formen wie Kirchen, Schulwesen, Universitäten und dem Vereinsleben behandelt. Die Formen des täglichen Lebens werden kaum untersucht; als Aspekte der Frauenfrage werden lediglich Eherecht, Frauenarbeit und Frauenbewegung kurz erwähnt.«29 Allgemeiner gehalten kam es zu Kritik am Strukturfunktionalismus der Sozialwissenschaften: »Die Subjekte selbst erschienen in dieser Sicht – wenn überhaupt – nur als ausführende Positionsinhaber und Rollenträger, als Marionetten der Strukturen.«30 Mit der Vernachlässigung des Spielraums der handelnden Personen sei der grundsätzliche Imperativ von Aufklärung und Emanzipation völlig vernachlässigt worden. Der Konflikt wurde allerdings zivilisierter ausgetragen als beim linguistic turn. Rasch bezog auch die Sozialwissenschaft die Lebenswelt der Menschen mit ein, vor allem jene der Unterprivilegierten.
Der culturalturn bzw. die Neue Kulturgeschichte kann als erste internationale Strömung in der Geschichtswissenschaft angesehen werden. Das betrifft den Entstehungsprozess des Ansatzes genauso wie die daraus hervorgebrachten Weiterentwicklungen. Da der deutsche Historismus mit seinem Primat der politischen Geschichte alle anderen Fragestellungen verdrängte, konnte eine Überwindung dieses Ansatzes nur außerhalb des deutschen Sprachraumes geschehen, zumal die akademische Kulturgeschichte des 19. Jahrhunderts durch den Streit um das Werk Karl Lamprechts diskreditiert war. Dieser wollte eine Gesetzesförmigkeit von Kultur beweisen und wandte sich gegen die herrschende teleologische Betrachtung der Geschichte: »Die evolutionistische Geschichtsschreibung dagegen ist eben durch möglichst weitgehende kausale Auffassung des Geschehens charakterisiert.«31
In den Vereinigten Staaten und Frankreich hingegen wurden die Impulse Karl Lamprechts durchaus aufgenommen. Vor allem um die 1929 von Lucien Febvre und Marc Bloch begründete Zeitschrift Annalesd’histoire economique et sociale entstanden innovative interdisziplinäre Ansätze. Diese Schuleder Annales wollte neue, konträre Wege beschreiten und moderne Wissenschaften wie Soziologie und Psychologie in die Geschichtswissenschaft integrieren. Dabei ging es um das Gesamtkonzept einer Wissenschaft vom Menschen.32 Scharf wandte sich Lucien Febvre gegen »eine Vergottung der Gegenwart mit Hilfe der Vergangenheit«,33 die gegenwärtige Konflikte zurückprojiziert. Außerdem verfolgte er einen geradezu radikalen Ansatz in der Kritik der bisherigen Geschichtswissenschaft: »Sie band die Geschichte an die Schrift – und das zu einer Zeit, da die seltsam treffend genannte Vorgeschichte eben daran ging, ohne Text das längste Kapitel der Menschheitsgeschichte zu schreiben.«34 Lucien Febvre wollte nichts anderes, als die Menschen in der Geschichte wiederfinden, was nur mit einem interdisziplinären Ansatz möglich sei.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wandte sich die Schule derAnnales – nun gehörte ihr der Großteil der französischen Historiker an – der Erforschung von Strukturen zu. Doch anders als in der Historischen Sozialforschung wurden diese zum Beispiel als soziales Klima und tiefsitzende Mentalität interpretiert, als ökonomische Grundstrukturen und agrarische Produktion in klimatischen Rahmenbedingungen, als Einstellung zu Sexualität, Kindheit und Tod. Während die Welt des Historismus von der Dynamik der Ereignisse geprägt ist, »sucht die Annales-Schule das Wesen der Geschichte in einer fast statischen Tiefe der Zeit, in der Dauer und Langsamkeit von Wandel, in zyklischen Bewegungen, und sie gibt diesen Wesen sprachlich Ausdruck mit Metaphern des Meeres und seiner bewegten Ruhe.«35
In den 1990er Jahren hatte die Beschäftigung mit der Neuen Kulturgeschichte Hochkonjunktur. In zahlreichen Publikationen wurden Möglichkeiten ausgelotet, Konzepte entwickelt und Thesen aufgestellt. Nahezu keine Zeitschrift oder Tagungsreihe konnte diesen neuen Ansatz ignorieren. Im Gegensatz zum linguisticturn und der Historischen Sozialforschung kam es nur zu geringem Widerstand. Die neue Toleranz, praktisch alles unter Kultur zu subsumieren, die Individualität und Unvergleichbarkeit der Erkenntnisse sowie die geringe theoretische Ausformulierung führten zwar zu einer allgemeinen Akzeptanz der Neuen Kulturgeschichte, aber auch zu einer neuen Beliebigkeit. Statt eines geschlossenen Überblicks entstanden Impressionen. Vor allem aber gelang dieser Paradigmenwechsel dadurch, dass die Neue Kulturgeschichte aufgrund ihrer Offenheit auf alle Regionen der Erde und auf alle Zeiträume angewendet werden konnte. Sie passte in eine Welt, deren ideologische Teilung durch die Revolution von 1989 überwunden wurde und die eine neue Ära der Liberalität erwartete. Durch die geforderte Interdisziplinarität entstand sogar ein neuer gemeinsamer Fächerbegriff in Form der bewusst im Plural gehaltenen Kulturwissenschaften. Diese sehen Kultur als »Inbegriff aller menschlichen Arbeit und Lebensformen, einschließlich naturwissenschaftlicher Entwicklungen. Ihr Gegenstand, der insofern auch die Naturwissenschaften einschließt, ist demnach die kulturelle Form der Welt.«36 Der Begriff Humanwissenschaften, der sich an den englischen Terminus humanities anlehnt, konnte sich im deutschen Sprachraum hingegen nicht durchsetzen.
Trotz aller Kultur war es notwendig, auch den einfachen menschlichen Faktor ausreichend zu berücksichtigen. Hier half die Historische Anthropologie weiter. Dieses Fach hat mit der klassischen Anthropologie als Naturwissenschaft wenig gemein. Diese betrachtet den Menschen als rein biologisches Wesen, weshalb sie manchmal mit der früher üblichen Praxis der Schädelvermessung gleichgesetzt wird. Die Historische Anthropologie ist in ihrer theoretischen Ausformung ausgeprägter als die Neue Kulturgeschichte und überwindet damit ein großes Defizit. Sie rezipiert viele geschichtswissenschaftliche Überlegungen des 20. Jahrhunderts und hat »die elementaren Situationen und Grunderfahrungen der Menschen zum Thema.«37 So definiert dann Richard van Dülmen: »Die Historische Anthropologie stellt den konkreten Menschen mit seinem Handeln und Denken, Fühlen und Leiden in den Mittelpunkt der historischen Analyse.«38 Im Zentrum steht das Individuum, ohne dass – wie im 19. Jahrhundert – das Heldentum einzelner großer Männer betont werden sollte. Abgelehnt werden zudem Strukturen und Prozesse, in denen die Menschen zu Marionetten degradiert werden. Vielmehr stellt die Historische Anthropologie »den Menschen in seiner Besonderheit, in seiner Komplexität und Abhängigkeit von Natur, Gesellschaft und kultureller Tradition in den Mittelpunkt. Die Geschichte wird als von Menschen gemachtes Werk betrachtet, wie umgekehrt der Mensch als durch die Geschichte geprägtes Wesen definiert wird.«39 Deshalb gilt es, die Handlungsräume auszuloten, genauso wie die Widersprüche von Handlungen zu erklären, vor allem wenn sie emotional beeinflusst sind. Damit wird situatives Handeln zu einem zentralen Forschungsgebiet und nicht ein logisch-rationales oder teleologisches Agieren. Der Mensch ist also weder zoonpolitikon noch homo oeconomicus, womit zugleich seine Idealisierung passé ist.
Im Jahre 1993 bekam die Historische Anthropologie mit einer gleichnamigen Zeitschrift ihr Forum, das »die Vielfalt und Widersprüchlichkeit, mit der die Menschen sich Welt aneignen,« aufgreifen möchte. »Befindlichkeiten und Einstellungen, Interpretationen und Imaginationen, Verhaltens- und Handlungsweisen sollen in ihrem historisch-sozialen Zusammenhängen untersucht und darstellt werden«, versprachen die Herausgebenden. Zugleich wird ein Kulturbegriff definiert: »›Kultur‹ gilt nicht als Kennzeichen eines bestimmten Sektors, sondern als Medium historischer Lebenspraxis und Auseinandersetzung insgesamt.«40 Im Umkreis der Zeitschrift entwickelte Gert Dressel eine Einführung in die Historische Anthropologie, in der er zum Schluss kommt:
»Historische Anthropologie bedeutet also auch, über den Rand der Wissenschaften hinauszuschauen. Nur so kann erklärt werden, warum denn Themen und Zugänge, die vor einigen Jahren – wenn überhaupt – noch an der wissenschaftlichen Peripherie gestanden sind, nun ins Zentrum vieler Sozial- und Geisteswissenschaften gerückt sind.«41
Johannes Fried verband schließlich die Neue Kulturgeschichte mit der Historischen Anthropologie:
»Der Gegenstand dieser Kulturwissenschaft ist der ganze Mensch, der gesamte Bereich dessen, wie Menschen sind, wie sie leben, was sie erfahren und reflektieren, was sie je zu ihrer Zeit hervorbringen an Arbeit, Gefühlen, Ideen und Wissen, was absichtlich, unabsichtlich in Netze von Interaktionen eingespannt ist, ferner wie das alles durch nie endende, nie koordinierte, bald geplante, bald spontane Aktivitäten lebender Menschen und des Kosmos in Bewegung gehalten wird, wie es also, einschließlich der eigenen Erkenntnisinstrumente, fortwährendem Wandel ausgesetzt ist.«42
Aus diesem geradezu chaotischen Agieren ergibt sich der Gegenstand der Historischen Anthropologie:
»Geschichte als Anthropologie blickt auf die Selbstorganisation der menschlichen Gruppen und Gesellschaften, bei der jedes Tun, jedes lenkende Ordnungsbemühen nichts weiter als eine Organisationskomponente darstellt, ohne dass ein Organisator seine Hand im Spiel hätte oder ein vorgegebener Organisationsplan vorläge.«43
Damit schlug Johannes Fried eine Brücke zur Sozialgeschichte und erfüllte auf diese Weise eine Forderung, die Thomas Nipperdey bereits 1968 (!) aufstellte: »Die gegenwärtige Sozialgeschichte sollte in sehr viel intensiverem Maße als bisher die Fragestellungen einer historischen Anthropologie aufnehmen; dadurch würde sie neue und umfassendere Erkenntnis über ihre Gegenstände gewinnen.«44 Konkret ging es ihm um die Untersuchung von sich wandelnden Strukturen und dem Spezifischen darin. Das Ziel sei nicht die Etablierung eines neuen Gegenstandes, sondern der Fokus auf einen neuen Aspekt, weshalb Thomas Nipperdey in einer Überarbeitung seines Ansatzes »nicht von einer historischen Anthropologie, sondern von der anthropologischen Dimension der Geschichtswissenschaft« spricht.45
Allerdings unterscheidet sich die Historische Anthropologie in einem wesentlichen Punkt von der traditionellen Anthropologie, nämlich insofern, dass letztere
»[…] nach Grundstrukturen und Grundkategorien des menschlichen Daseins, nach generalisierbaren menschlichen Verhaltens-, Handlungs-, Denk- und Antriebsformen, nach ihrer Prägung durch soziale Institutionen fragte. Während sie stärker nach Konstanten suchte, die sowohl für existierende, wie für nicht mehr existierende Kulturen, also für alle Gesellschaften gelten und nach Typen der Daseinsgestaltung und Grundmustern der Lebensbewältigung forschte, akzentuiert die HistorischeAnthropologie die Dimension der Veränderung in der Zeit. Es geht nicht primär um den Aufweis konstanter Formen, sondern um den Aufweis geschichtlichen Wandels.«46
Gerade der Widerspruch der nun kombinierten Begriffe »historisch« und »Anthropologie« bereitete der Geschichtswissenschaft Probleme. So arbeitete sich die Zeitschrift Saeculum, die von 1965 bis 1975 auch eine Weltgeschichte herausbrachte, Anfang der 1970er Jahre am Begriff Historische Anthropologie ab und publizierte mit einem 17 Mann starken Team die Überlegungen auf 118 Seiten. Hauptautor Oskar Köhler rekapitulierte den Beginn der Diskussion nüchtern: »Ob die Kombination ›Historische Anthropologie‹ nicht angesichts der Tradition beider Begriffe ein Unding sein könnte, das wagte niemand mit einem eindeutigen Ja oder Nein zu beantworten.«47 Vorgeschlagen wurde schließlich auch im Sinne einer Weltgeschichte, ein Raster zu entwickeln, das über die Überlieferungen verschiedener Kulturen gelegt werden sollte, um den »urhumanen« Normen auf die Spur zu kommen.48 Auf der anderen Seite schaffte es Rolf Sprandel in derselben Ausgabe der Zeitschrift, auf Anhieb eine Definition vorzulegen: »Während sich die historische Anthropologie mit dem Handeln und Denken des Menschen beschäftigt, konzentriert sich die biologische auf sein körperliches Leben.«49
Die Historische Anthropologie hat auch ihre Tücken. Sie konzentriert sich auf so lebensnahe Themen wie Kindheit oder Alter, dass komplexe Geisteshaltungen und ihre Entwicklung – wie zum Beispiel die Scholastik – zu kurz kommen. Abseits eines biologischen Blickwinkels ist eine Abgrenzung zur Volks- und Völkerkunde noch lange nicht ausreichend gelungen. Gerade deshalb plädiert zum Beispiel Michael Mitterauer »dafür, ›Historische Anthropologie‹ auf den primären Kreis des Menschlichen zu beziehen (in Abhebung vom Kulturellen, Sozialen und Politischen), also Themen wie Körper und Sinne, Gesundheit und Krankheit, Schwangerschaft und Geburt, Sexualität, Jugend und Alter, Sterben und Tod in den Vordergrund einer ›historischen Anthropologie‹ zu stellen.«50
Für die mittelalterliche Geschichte ergeben sich im Rahmen einer Historischen Anthropologie vielfältige Fragestellungen. Ganz oben steht natürlich der Körper, damit zusammenhängend »die Persönlichkeit des Individuums, die Mythen und Riten, die verwandtschaftlichen Strukturen, Raum und Zeit.«51 Jean-Claude Schmitt sieht darüber hinaus im Verhältnis von Zeit und Rhythmus noch viel Potenzial, das über die hilfswissenschaftliche Chronologie hinaus geht: In der christlichen Zeitrechnung spielt der Messias als Zentralfigur eine wichtige Rolle, aber der vielfältige Rhythmus der mittelalterlichen Gesellschaft und ihrer Individuen müsste ebenfalls berücksichtigt werden – bis hin zum Tanz. Aus einem Grundrhythmus wird schließlich ein Klang, der sich auch im rhythmischen Vortrag von Dichtung ausdrückt und so die Sphäre der Oralität bereichert, wohingegen uns heute nur banale Texte überliefert sind.52
Als eine dritte Voraussetzung der modernen Mediävistik ist noch die Alltagsgeschichte ausführlicher vorzustellen. Sie entstand aus der Kritik an der Historischen Sozialforschung, ist wohl die revolutionärste Neuerung der modernen Geschichtsforschung und wurde sogar noch mit einem mehrdimensionalen politischen Anspruch verbunden: Die Grenzen zwischen engagierter Forschung und »einer aktivierenden Bildungs- und Kulturarbeit« sollen überwunden, die Arbeitsteilung zwischen Experten und Laien aufgehoben und »die Betroffenen in den Prozeß der Aufarbeitung ihrer Geschichte und ihrer Probleme einbezogen« werden. Auf diese Art sollen jene, »die den größten Hilfestellungs- und Emanzipationsbedarf in unserer Gesellschaft haben«, erreicht werden.53
