Geschichte Skandinaviens - Harm G. Schröter - E-Book

Geschichte Skandinaviens E-Book

Harm G. Schröter

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Beschreibung

Das Buch bietet einen einführenden Überblick über die Geschichte Skandinaviens – Dänemark, Finnland, Island, Norwegen, Schweden – von den Anfängen bis ins 21. Jahrhundert.

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Veröffentlichungsjahr: 2021

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Harm G.Schröter

GESCHICHTE SKANDINAVIENS

C.H.Beck

Zum Buch

Das Buch bietet einen einführenden Überblick über die Geschichte Skandinaviens (Dänemark, Finnland, Island, Norwegen, Schweden) von den Anfängen bis ins 21. Jahrhundert. Der Norden Europas präsentiert sich als einheitlicher Sozial- und Kulturraum mit intensiven Beziehungen zu Europa und vor allem zu Deutschland. Im Vordergrund des Bandes steht die Beschreibung der wechselvollen, oft konfliktgeladenen Geschichte dieser höchst unterschiedlichen Länder.

Über den Autor

Harm G.Schröter, Prof. Dr. phil., lehrt Geschichte an der Universität Bergen (Norwegen).

Inhalt

Vorwort

1. Von der Steinzeit zum Mittelalter

Stein – Bronze – Eisen

Expansion der Wikinger: die unorganisierte Phase (793–ca. 950)

Konsolidierung der Wikingerherrschaft: die organisierte Phase (ca. 950–1066)

Alter und neuer Glaube

2. Mittelalter – Aufstieg und Fall der Großmacht Dänemark

Das Werden dreier Staaten: die Macht des Schwertes

Das Werden dreier Staaten: die Macht der Symbole

Die Hanse

Großmachtvision: die Kalmarer Union

3. Frühe Neuzeit – Aufstieg und Fall der Großmacht Schweden

Die Reformation

Dominium maris baltici – die Ostsee als schwedisches Binnenmeer?

Der Absolutismus in seiner nordischen Spielart

4. Revolutionen – das 19. Jahrhundert (1814–1914)

Neue Herrschaft, neue Grenzen

Industrielle Revolution

Bevölkerungsexplosion und neue soziale Klassen

Aufschwung in Kunst, Wissenschaft und geistigem Leben

5. Das Zeitalter der Weltkriege (1914–1945)

Die Chancen der Neutralität (1914–1918)

Die politische Entwicklung in der Zwischenkriegszeit

Wirtschaftliches Wachstum und Exportabhängigkeit

Kooperation – eine Grundlage des skandinavischen Modells

Der Zweite Weltkrieg

6. Zeit der Veränderungen (1945–1975)

Äußeres: Umbrüche

Inneres: Verstetigung

Kultur und sozialer Wandel

7. Schock, Erstarrung und erneuter Aufbruch

Die Herausforderungen der 1970er und 1980er Jahre …

… und Lösungsstrategien

Probleme der Globalisierung

Literatur

Personenregister

Karten

Die Normannen: Handels-, Kriegs- und Siedlungsgebiete

Dänemarks Machtausdehnung im Hochmittelalter

Nordeuropa heute

Schweden zur Zeit seiner größten Machtausdehnung

Für meine Mutter Annemarie Schröter sowie meinen Freund und Kollegen Carl Axel Gemzell †, die beide mein Interesse für Geschichte und Kultur Skandinaviens geprägt und gefördert haben

Vorwort

Hiermit lege ich eine Einführung vor, obwohl mich Experten gewarnt haben, sie zu verfassen: Die Geschichte des Nordens sei viel zu kompliziert, um sie in einem kleinen Buch darzustellen. Die Komplexität ist natürlich unbestritten, manche Dinge konnten hier nur kurz angerissen werden, und vieles fiel ganz fort. Trotzdem sollte auch solchen Lesern, die sich einführend orientieren möchten, diese Möglichkeit angeboten werden.

Einer ähnlichen Begrenzung unterliegt das Literaturverzeichnis. Es beschränkt sich auf deutsch- und englischsprachige Beiträge. Alle, die eine nordische Sprache sprechen, werden leicht die passende Literatur des jeweiligen Landes finden – doch die Gesamtschau ist auch aus dieser Perspektive selten.

Die Experten werden sich am Titel «Geschichte Skandinaviens» stoßen. Genau genommen zählen Dänemark, Island, Norwegen und Schweden, aber nicht Finnland, zu Skandinavien. Ich habe mich im Text an diese Definition gehalten und «Norden» geschrieben, wenn Finnland eingeschlossen ist. Aber für den Titel haben der Verlag und ich uns an den allgemeinen deutschen Sprachgebrauch gehalten, der nicht zwischen Skandinavien und Finnland differenziert, denn schließlich soll das Buch seine Käufer finden. In Berlin wird die Zusammengehörigkeit der Staaten von ihnen selbst mit dem Komplex «Nordische Botschaften Berlin» architektonisch demonstriert, in welchem die Botschaften der fünf Staaten zusammengefasst sind. Im Übrigen differenziert die angelsächsische Literatur auch nicht zwischen dem Norden und Skandinavien. Darüber hinaus halte ich mich an die deutsche Schreibweise von Monarchen, also nicht Gustav II. Adolf, wie im Norden üblich, sondern Gustav Adolf II.

Weil das Buch für den deutschsprachigen Markt konzipiert wurde, sind die Bezüge zu Deutschland betont worden. Ein polnischer Leser wird weiter gehende Wünsche haben, was die Darstellung der Beziehungen zwischen Schweden und Polen angeht, und ein Brite wird mehr über das Verhältnis von England und Norwegen lesen wollen. Dieses Buch greift bewusst das Interesse seiner Leserschaft auf und macht gleichzeitig auf die Beziehungen zwischen den Räumen und zu unserer Zeit aufmerksam.

Im Text stelle ich sprachlich Nordeuropa bzw. Skandinavien Europa gegenüber. Natürlich ist Nordeuropa ein Teil Europas. Aus rein pragmatischen Gründen verwende ich hier bewusst eine verkürzende Terminologie. Ganz willkürlich ist diese Verwendung indessen nicht; ähnlich wie die Briten sprechen manche Norweger oder Schweden von einer Reise nach Europa, wenn sie das Meer nach Süden überqueren.

An dieser Stelle möchte ich allen Personen herzlich danken, die einzelne Kapitel oder das ganze Manuskript kritisch durchgesehen haben (alle Fehler sind natürlich allein mir anzulasten): Sverre Bagge, Ståle Dyrvik, Hans Otto Frøland, Christhard Hoffmann, Edgar Hovland, William Hubbard, Andrea Lorenz-Wende, Annemarie Schröter, Verena Schröter und Margrete Søvik.

1. Von der Steinzeit zum Mittelalter

Stein – Bronze – Eisen

Ganz Nordeuropa (inkl. Island) war während der letzten Eiszeit (18.000 v.Chr.) vergletschert. Sobald jedoch das Eis zurückwich, drangen Rentierjäger der «Hamburger Kultur» nach Jütland ein. Man darf also als Regel festhalten: Der Norden ist seit vielen tausend Jahren bevölkert. Es sind unterschiedliche Regionalkulturen bis in die entlegensten Gebiete nachweisbar; so z.B. die mittelsteinzeitliche «Komsakultur», die sich von Tromsø bis Murmansk ausbreitete. Weiter sind mehrere Einwanderungswellen festzustellen, von denen hier nur einige genannt werden: In der Jungsteinzeit drangen von Süden Träger der «Trichterbecherkultur» ein, welche einen Kulturkreis bildeten, der sich vom Oslofjord und Südschweden über den niedersächsischen Raum bis nach Polen und die Slowakei erstreckte. Die neolithische Revolution, der Übergang vom Jäger- und Sammlerdasein zum Ackerbau, vollzog sich schrittweise. Megalithgräber bezeugen kulturellen Kontakt zu England und Frankreich, sogar bis zum Mittelmeer. Gleichzeitig sind sie ein Indikator für gefestigte Gruppenstrukturen, ohne die die gewaltigen Steine nicht hätten bewegt werden können. Dagegen erstreckte sich im Osten die «kammkeramische Kultur» von Ostpolen über das Baltikum und Finnland bis nach Mittelschweden. In der jüngeren Bronzezeit kamen die «Bootaxtleute» aus dem Baltikum, sodass man über lange Zeiträume vielfältige Einwanderungen nachweisen kann. Archäologen sprechen von einem Nordeurasischen Kulturkreis, der sich von Skandinavien über Nordrussland bis nach Sibirien erstreckte. Gleichzeitig gab es viele regionale Variationen. So fand man z.B. die Luren (große, kunstvolle Blechinstrumente) nur in Dänemark. Die vielfach verschlungenen Linien und Tierfiguren sind als Grundmotiv vor allem aus dem germanischen Bereich überliefert. Wie die Stabkirchen zeigen, wurde dieser Stil bis weit in die christliche Zeit hinein gepflegt. Solche enormen Fernwirkungen gab es nicht nur in zeitlicher Dimension, sondern auch in geografischer Hinsicht. Dies weisen z.B. tönerne Hausurnen aus Etrurien (Italien) nach. D.h., der Norden war nie isoliert, wenn auch die Interaktionsdichte mit der Entlegenheit nachließ. Hier finden wir eine Grundkonstante der nordischen Geschichte; abgesehen von den Perioden der Wikingerzeit und der schwedischen Großmachtphase spielte der Norden immer eine periphere Rolle. Er hat mehr Anregungen aufgenommen, als dass er durch eigene Züge prägend auf andere einzuwirken vermochte.

Die Eisenzeit dauerte im Norden von ca. 400 v. bis 400 n.Chr. Hierfür ist die weitere Ausbreitung des Ackerbaus belegt. Schon um 100 v.Chr. waren die besten Böden in Südnorwegen, Südschweden und Dänemark dicht besiedelt, und es existierte ein lebhafter Handel mit dem Römischen Reich. In diese Zeit fällt die erste Auswanderungswelle, die Goten verließen Schweden, die Kimbern und Teutonen wanderten aus ihrer dänischen Heimat aus und bedrohten Rom. Die aus dem Wolgagebiet stammenden Finnen siedelten sich in Südfinnland an. Das germanische Siedlungsgebiet dehnte sich bis nach Nordnorwegen aus, während nach Finnland gleichzeitig eine baltische Bevölkerung vorrückte. Hier deutet sich eine zweite Konstante an: Der Norden war trotz vielfältiger Ähnlichkeiten zu keiner Zeit homogen. Ähnlich heißt eben nicht gleich, bei näherer Betrachtung treten vielfältige Differenzen zu Tage.

Zur Zeit von Christi Geburt lebte die Bevölkerung vor allem vom Ackerbau, in den höher oder nördlicher gelegenen Gebieten jedoch hauptsächlich von der Viehzucht. Jagd und vor allem Fischfang ergänzten die Nahrung regelmäßig. Während die frühere Forschung herausstellte, dass patriarchalische Familiengemeinschaften Besitzer des Bodens waren, welcher von freien Bauern, die Kriegsdienst leisteten, bearbeitet wurde, betont die neuere Forschung einen starken aristokratischen Charakter der Gesellschaft. Eine Adelsschicht hatte sich früh herausgebildet; auch wurden Sklaven gehalten. Zumindest in der Wikingerzeit bildeten die Sklaven einen verachteten Stand, obwohl infolge von Kriegen oder Überfällen durchaus Adlige unter ihnen sein konnten. Sklaven konnten freigelassen oder freigekauft werden.

Ab ca. 200 v.Chr. sind Runen als Schriftzeichen überliefert, die aber nur von wenigen Eingeweihten gelesen werden konnten. Runen konnten durchaus für magische Zwecke verwendet werden, doch repräsentierten sie selbst keine Magie, sondern eine Schriftform.

Seit dem 4. Jh. n.Chr. nahm die Siedlungsdichte v.a. in Dänemark stark zu, und ab dem 6. Jh. häufen sich Zeichen kriegerischer Auseinandersetzungen (verbrannte Gehöfte, Bau von Fluchtburgen). Gleichzeitig erfuhren die Schifffahrt und der Handel, auch mit umliegenden Völkern wie z.B. den Friesen, einen Aufschwung. So sind seit dem 6. Jh. Langschiffe in Klinkerbauweise nachgewiesen. Die allgemeine Unruhe ist als Vorstufe zur Wikingerzeit gedeutet worden. In Schweden hatten sich die Könige der Svea von Uppsala ausgehend ein Reich errichtet, das im 8. Jh. nicht nur das schwedische Kernland, sondern den Ostseehandel beherrschte.

Expansion der Wikinger: die unorganisierte Phase (793–ca. 950)

793 begannen die Wikinger ihre berüchtigten Raubzüge mit dem Überfall auf Holy Island in Nordengland, wo sie das Kloster Lindisfarne plünderten. Seitdem suchten die «Normannen» jeden Sommer die britische Küste heim. Sie selbst bezeichneten sich als vikíngr, was aus dem Altnorwegischen übersetzt sowohl Gefolgschaft als auch Piraten heißt. Vielleicht wäre eine Umschreibung wie «diejenigen, die in einer an den Anführer gebundenen Gruppe auf Erwerbszug ausgehen» angemessen. Ab 799 überfielen sie auch den friesisch-sächsischen Küstenstreifen. U.a. plünderten sie 845 Hamburg, damals Sitz eines Erzbischofs. Die frühen Fahrten wurden von relativ kleinen Gruppen durchgeführt, die blitzartig erschienen und oft schon am folgenden Tag wieder abzogen. Wenn den Überfallenen tatsächlich jemand zu Hilfe kam, waren die Wikinger längst wieder fort. Räuber und Kriege hatte es schon immer gegeben, aber die Schnelligkeit der Überfälle war neu. Infolgedessen schien Flucht die einzige Option, sobald die Wikinger erschienen; Furcht und Entsetzen lähmten die Verteidigungsbereitschaft. Auf diese Weise überfielen sie während des Sommers einen küstennahen Ort nach dem anderen, während sie sich im Herbst zum Überwintern nach Hause begaben. Als Beute galten den Wikingern nicht nur Edelmetall und zu versklavende Menschen, sondern auch Gegenstände des täglichen Bedarfs: Textilien, Getreide, Mehl usw., Vieh wurde z.T. sofort geschlachtet und nur die wertvolleren Fleischteile an Bord genommen.

Die Forschung hat sich mit der Erklärung der Wikingerzüge durchaus schwergetan: Warum begannen sie, und warum hörten sie auf? Für beides ist ein Bündel von Gründen anzuführen. Bevölkerungsdruck habe die Wikinger schlichtweg zur Expansion gezwungen, lautet eine Begründung. Sie ist archäologisch durch ein starkes zahlenmäßiges Ansteigen der Wohnsiedlungen belegt. Doch waren Boden und Meer nicht mehr in der Lage, die Bevölkerung zu ernähren? Dagegen spricht Folgendes: Einer der Schrecken, den die Wikinger als Krieger verbreiteten, lag in ihrer Körperstärke und -größe. Obwohl für die Verhältnisse des 21. Jh.s nicht besonders groß, überragten sie die anderen Europäer damals oft um einen ganzen Kopf – den Überfallenen erschienen sie als Riesen. Die Körpergröße ist aber weitgehend eine Funktion der Ernährung, sodass die Körpergröße der Wikinger nicht allein genetisch, sondern auch durch eine bes-sere und abwechslungsreichere Ernährung erklärt wird. Bevölkerungsdruck, oder profan ausgedrückt Hunger, kann also kaum der Hauptgrund für die Wikingerzüge gewesen sein. Wichtiger sind andere Faktoren (von denen hier nur einige aufgeführt werden können): Kampf, Sieg und Beute standen gesellschaftlich in hohem Ansehen. Hierdurch konnte man viel schneller als durch Landwirtschaft oder Handel zu Geltung, Reichtum, Einfluss und Macht kommen. In Sitten und Religion existierte keine generelle Aggressionsbremse, insbesondere nicht gegen Außenstehende und Wehrlose. Die Gründe für den latenten Expansionsdrang lagen also vor allem in den äußeren Umständen, die den Weg zu Reichtum, Ruhm und Macht eröffneten oder verschlossen.