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Spanien blickt auf eine Besiedelung zurück, die vor mindestens 1,5 Millionen Jahren begonnen hat. Hier entstand in der Bronzezeit das erste staatliche Gebilde Westeuropas, seine natürlichen Reichtümer machten es zum Ziel der Begehrlichkeiten von Phöniziern und Griechen, Kelten und Karthagern, Römern und Germanen. Die Zeit von al-Andalus prägte das Denken und die Wissenschaften in ganz Europa für Jahrhunderte, die koloniale Expansion bescherte dem Land unermessliche Reichtümer und kulturellen Glanz – und legte gleichzeitig die Saat zum Absturz: Wirtschaftliches Elend und religiöse Despotie sind ebenso verbunden mit Spanien wie der Höhenflug zur Weltmacht. Bis heute ist der Vielvölkerstaat Spanien keine geeinte Nation – die politischen und kulturellen Konfliktlinien zwischen dem zentralistischen Einheitsanspruch und den Eigeninteressen von Basken oder Katalanen treten immer wieder deutlich zutage. Holger Ehling zeigt in seinem Buch die historischen Entwicklungen auf, die für das Verständnis des Landes unabdingbar sind und Spanien bis heute prägen.
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Seitenzahl: 295
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Holger Ehling
Von der Frühzeitbis zum 21. Jahrhundert
»Das Vergangene ist nie tot; es ist nicht einmal vergangen.«
William Faulkner
Die Vor- und Frühgeschichte
Erste Zivilisationen
Zuwanderung und Kolonien
Die Römerzeit
Keltiberische Kriege
Römische Provinz Hispania
Das Mittelalter in Spanien
Die Germanen kommen
Die muslimische Eroberung
Beginn der Reconquista
Das Juwel Europas: al-Andalus
ʿAbd ar-Raḥman I.
Wirtschaftliche Impulse
Der Weg zum Kalifat
Heimat für Juden
Ende und Zerfall des Kalifats
Muslimischer Flickenteppich
Kreuzzug gegen Dschihad
Überbleibsel Granada
Kastilische Konsolidierung
Die Spanische Inquisition
Spaniens »goldenes Zeitalter«
Der Weg zur Weltmacht
Zufallsfund Amerika
Wahn ohne Sinn
Die große Vertreibung
König und Kaiser
Ein König als Bürokrat
Falscher Glanz
Trauerspiel: Carlos II.
Das 18. Jahrhundert
Der Spanische Erbfolgekrieg
Kriege und Reformen
Atempause
Frischer Wind
Das 19. Jahrhundert
Schaukelpolitik ins Abseits
Der Unabhängigkeitskrieg
Unerwünschte Moderne
Kolonien werden unabhängig
Liberales Wechselspiel
König gesucht
Industrialisierung und Arbeiterschaft
Gleichschaltung der Regionen
Das 20. Jahrhundert
Eine tragische Woche
Neutral im Ersten Weltkrieg
Militärputsch und Diktatur
Die Zweite Republik
Der Spanische Bürgerkrieg
Ein zerrissenes Land
Spanien im Zweiten Weltkrieg
Spanien nach dem Zweiten Weltkrieg
Ende und Neubeginn
Offene Fragen für die Zukunft
Schwierige Erinnerung
Separatismus: Problem der Zukunft?
Zeitleiste
Literaturempfehlungen
Spanien blickt auf eine lange und beeindruckende Geschichte zurück: Die Iberische Halbinsel gehört zu den am frühesten besiedelten Regionen in Europa, und zahlreiche Entwicklungen und Ereignisse, die die Geschichte der Welt veränderten, nahmen hier ihren Ausgang. Als Beispiel zu erwähnen ist Hannibals Zug gen Rom, der den Weg bereitete für die Ausdehnung des römischen Imperiums bis in den äußersten Westen Europas. Infolge der Eroberung der Halbinsel durch muslimische Truppen im Jahr 711, an die sich eine fast 800-jährige muslimische Präsenz anschloss, nahm der ganze Kontinent einen Aufschwung. Wissenschaft und Philosophie wurden durch die gemeinsamen Arbeiten von muslimischen, christlichen und jüdischen Gelehrten entscheidend verändert. Neue Agrarprodukte, Technologien und das Wissen der griechischen Antike kamen aus Spanien nach Europa. Die koloniale Expansion in der frühen Neuzeit spülte enorme Reichtümer nach Europa und riss die kolonisierten Einheimischen in unbeschreibliches Elend. Der Spanische Bürgerkrieg zeigte die ideologischen Konflikte auf, die den weiteren Verlauf des 20. Jahrhunderts prägen sollten. Kulturell hatte Spanien seit dem Entstehen von al-Andalus im 8. Jahrhundert eine Vorreiterrolle. Genannt seien die arabische und romanische Lyrik und Prosa des Mittelalters, die den Boden bereiteten für das Entstehen des modernen Romans. Die herausragenden Leistungen in Architektur, Literatur und bildender Kunst aus al-Andalus und im Siglo de Oro, dem »goldenen« Zeitalter der neuen Weltmacht Spanien, gehören zu den großen Errungenschaften auf ihren Gebieten.
»En España, la geografia manda – In Spanien bestimmt die Geografie«, heißt es. Dies trifft auf die Entwicklung des Landes von der Frühzeit bis heute zu. Die Pyrenäen im Norden bilden eine natürliche Grenze zum Rest Europas. Das Meer, das die Iberische Halbinsel von allen Seiten umschließt, ist zugleich Schutz vor der Außenwelt und Mittel zum Austausch mit ihr. Die mächtigen Gebirgszüge im Binnenland trennen die Regionen voneinander und bewirkten, dass die Menschen nur unter Schwierigkeiten Kontakt miteinander aufnehmen konnten, von der Vorzeit bis zum Beginn der Industrialisierung im 19. Jahrhundert. Diese vielfältige Isolierung bewirkte das Entstehen von unterschiedlichen Traditionen, Identitäten und Kulturen, die heute die Regionen Spaniens und ihre Menschen prägen. Schon Isidor von Sevilla, der im 7. Jahrhundert, einer Zeit, als die Westgoten fast die gesamte Halbinsel beherrschten, als Bischof in der Stadt amtierte, vermied in seinen Schriften um das Wesen Hispanias den Versuch, der geografischen Einheit die Definition eines einheitlichen »Volks« zur Seite zu stellen. Was zu seiner Zeit galt, trifft auch heute zu: Spanien ist ein Vielvölkerstaat. Mit seinen 17 autonomen Regionen und 50 Provinzen trägt Spanien dieser tief verwurzelten Diversität Rechnung, die Sprachen der Autonomieregionen Katalonien, Baskenland und Galicien, die sich vom kastilischen Spanisch deutlich unterscheiden, sind als Amtssprachen zugelassen und erfreuen sich im Alltag respektabler Blüte.
Spätestens seit dem 18. Jahrhundert gab es immer wieder Anläufe, die kulturelle Diversität der Regionen zu unterdrücken. Sie alle blieben erfolglos, trugen aber dazu bei, dass besonders im Baskenland, Katalonien und Galicien diese Eigenständigkeit umso energischer verteidigt wurde und wird. Die Terrorkampagnen der baskischen ETA sind ebenso deutlich vor diesem Hintergrund zu sehen wie das katalanische Unabhängigkeitsreferendum vom 1. Oktober 2017, das eine weiterhin schwelende Verfassungskrise ausgelöst hat. Dass Spanien bis heute tief geprägt ist von seiner Geschichte, zeigt aber nicht nur die Betrachtung der Diversität seiner Bevölkerung. Auch beim Grundbesitz ist dies deutlich: Hier zeigen sich die 900 Jahre alten Spuren der Reconquista (Rückerorberung). Im Zuge der notwendigen Repoblación (Wiederbevölkerung) der eroberten Landstriche wurden Adelige und Klöster großzügig bedacht, weshalb die Landwirtschaft bis heute von riesigen Latifundien geprägt ist. Der Streit um die Landreform war eine der wichtigsten Triebfedern für den Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs.
Informell vereinigt wurden die beiden mächtigsten Königreiche Spaniens mit der Ehe der kastilischen Thronfolgerin Isabel und des aragonesischen Thronerben Fernando am 19. Oktober 1469, aber mit Ausnahme der im Jahr 1478 eingesetzten Spanischen Inquisition gab es lange Zeit keine zentral agierenden Institutionen. An diesem Beispiel zeigt sich auch, wie lange der Schatten der Geschichte wirken kann: Dort, wo die Spanische Inquisition besonders aktiv war, besteht bis heute eine starke Hinwendung zur Kirche und ein niedriges Bildungsniveau; das Pro-Kopf-Einkommen ist um fast zehn Prozent niedriger als in den Gegenden, in denen die Inquisition nur selten oder gar nicht in Erscheinung trat. Im Gegensatz zu Großbritannien und Frankreich hat Spanien aus seiner Rolle als Kolonialmacht zwar unermesslichen Reichtum bezogen, diesen aber kaum zur Entwicklung des Landes eingesetzt. Das starre Festhalten an katholischen Dogmen isolierte das Land über lange Zeit, schnitt es von den Entwicklungen in Europa ab und bewirkte, dass Spanien ab dem 18. Jahrhundert zum Spielball der Mächte wurde.
Ob man daraus gelernt hat, darf bezweifelt werden. Als Beispiel mag der Konflikt um die Bewertung von al-Andalus für die Entstehung und Entwicklung Spaniens gelten, der die Historiker entzweit. Verklärt die eine Seite die fast 800-jährige Präsenz des Islam auf der Iberischen Halbinsel zu einer Art Utopia, das von Frieden, Toleranz, Kunst, Kultur und Lebensfreude geprägt war, sieht die andere Seite diese Zeit als Hintergrund, vor dem Spanien dank der Reconquista als christliche Nation entstanden ist. Früher war auch die Vorstellung verbreitet, Spaniens Geschichte beginne eigentlich mit dem Jahr 1492, in dem Granada als letzte Bastion des Islam den christlichen Königen übergeben wurde. Weit verbreitet ist außerdem die Abwehr von Kritik am spanischen Vorgehen in bestimmten historischen Zusammenhängen. Sei es die Spanische Inquisition oder die jahrhundertelange Verwicklung in Kriege in der Zeit der Habsburger-Dynastie oder die Eroberung und Ausbeutung Lateinamerikas: Kritiker gelten oft als Verbreiter der »schwarzen Legende«, der leyenda negra, die Spaniens Rolle nur negativ bewertet. Im Gegenteil: Spanien habe sich stets für das Christentum geopfert und zivilisatorisch gewirkt, alles sei eigentlich nicht so schlimm gewesen.
Dass solche Abwehr quer durch die ideologischen Lager verbreitet ist, zeigte sich, als Mexikos Staatspräsident Andrés Manuel López Obrador im Jahr 2019 von Spanien und der katholischen Kirche eine Entschuldigung für die Gräuel der Kolonisierung verlangte. Die sozialistische Regierung wies das Ansinnen entschieden zurück – Ereignisse der Vergangenheit könnten nicht mit heutigen Maßstäben bewertet werden. Der konservative Ex-Premier José María Aznar spottete, dass López Obradors Name wohl kaum indigenen Ursprungs sei und dass der mexikanische Präsident ohne das Wirken Spaniens in der Vergangenheit sein Amt nicht hätte. Der damalige Chef der Partido Popular, Pablo Casado, brachte es auf den Punkt: »Nosotros no colonizábamos, lo que hacíamos era tener una España más grande – Wir haben nicht kolonisiert, sondern ein größeres Spanien gehabt.«
Auch andere historische Themen sorgen für Konflikte: Das im Jahr 2007 verabschiedete Ley de Memoria Histórica versuchte, das Schweigen über die Verbrechen der Franco-Diktatur aufzubrechen. Das Gesetz erntete Kritik von allen Seiten: Die Linke monierte, dass die vorgesehenen Maßnahmen nicht weit genug gingen und dass Verbrechen der Franco-Diktatur weiterhin ungeahndet bleiben, die politischen Urteile gegen die Diktatur-Gegner aber weiterhin Bestand haben sollten. Von rechter Seite hieß es, die Linke versuche damit, das Land zu spalten und nachträglich den Sieg im Spanischen Bürgerkrieg für sich zu reklamieren. Aktuell wird über eine Neufassung des Gesetzes diskutiert, die Gräben zwischen den ideologischen Lagern sind allerdings heute tiefer als jemals zuvor in der Geschichte des demokratischen Spaniens. Das verheißt für die Zukunft wenig Gutes, wie immer, wenn aus Geschichte nicht gelernt wird.
Frankfurt am Main, im Juli 2022
In diesem Buch verwenden wir bei der Benennung von Monarchen die Bezeichnung in den jeweiligen Landessprachen.
Karl I. (Spanien) wird somit als Carlos I. bezeichnet, Alfons V. (Portugal) als Afonso V.
Die Besiedlung der Iberischen Halbinsel durch Vorfahren des Menschen fand, wie überall in den südlichen Regionen Europas, schon relativ früh statt: In allen Bereichen der Halbinsel werden sehr alte Überreste von Hominiden gefunden. Dabei ist die Sierra de Atapuerca in der Nähe von Burgos von besonderem Interesse. Nicht nur, dass der kleine Gebirgszug mit mehr als 6500 Fundstücken die fossilienreichste Fundstätte der Welt ist, zeigen die dortigen Funde auch eine seit etwa 1,3 Millionen Jahren anhaltende Präsenz. Der Ort erlaubt es den Forschern, die Evolution des Menschen fast lückenlos nachzuvollziehen. Die Überreste, die man hier entdeckt hat, reichen von einer eigenen Hominidenart, die den Namen Homo antecessor erhielt, über die Neandertaler bis zum Homo sapiens, dem modernen Menschen.
In allen Regionen der Iberischen Halbinsel gibt es Funde von vorgeschichtlichen Bewohnern: In der Barranco León bei Granada wurde der Milchzahn eines etwa zehn Jahre alten Kindes gefunden, das vor rund 1,4 Millionen Jahren gelebt hat, der älteste bisher bekannte Hominiden-Fund in Westuropa. In der Cueva Negra nahe Murcia wurden u. a. Faustkeile und eine Feuerstelle gefunden, die mit einem Alter von mehr als 780 000 Jahren die ältesten in Europa sind. Die bekannteste der Fundstätten auf der Iberischen Halbinsel ist aber sicherlich die Höhle von Altamira in Kantabrien mit ihren 900 Malereien, die vor etwa 15 000 Jahren entstanden sind.
Der Übergang von der Steinzeit zur Kupfer- und Bronzezeit begann in Westeuropa um 4000 v. Chr., nahm mehr als ein Jahrtausend in Anspruch und erfolgte regional unterschiedlich. Entscheidend für den Übergang war die Aufgabe der nomadischen Lebensweise und der Beginn landwirtschaftlicher Tätigkeit. Dies begann auf der Iberischen Halbinsel vereinzelt bereits in der Steinzeit: Wahrscheinlich war die rund 9000 Jahre alte Siedlung, die bei Ausgrabungen im Parque Darwin in Madrid gefunden wurde, der erste Ort, an dem die Menschen nicht in Höhlen lebten. In der Cova Bonica in Katalonien deuten Funde darauf hin, dass ihre Bewohner vor rund 7500 Jahren Landwirtschaft betrieben haben. Schon in der Steinzeit gab es Austausch, Handel und Wanderungsbewegungen zwischen der Iberischen Halbinsel, Nordafrika und dem erweiterten Mittelmeerraum; das setzte sich auch in der Kupfer- und Bronzezeit fort. Wer aber wann, warum und wohin kam, ist noch weitestgehend ungeklärt. Und so liegt auch der Ursprung der Iberer im Dunkeln. Verschiedene Theorien verorten ihren Ursprung entweder im östlichen Mittelmeerraum oder in Nordafrika. Beide Theorien werden gestützt durch archäologische Funde und genetische Analysen. Demnach gelangten die Vorfahren der Iberer vor mehr als 5000 Jahren auf die Halbinsel und verbreiteten sich von Süden und Osten kommend in dem Gebiet. Dass sie dereinst als »Iberer« bezeichnet würden, war ihnen aber nicht bewusst – der Begriff wurde erst um 500 v. Chr. von griechischen Chronisten als Bezeichnung für die Bewohner des Ebrotals geprägt.
Aus der Zuwanderung entstand allerdings kein homogenes »Volk«, obwohl einige Gebräuche überregional verbreitet waren und die iberische Sprache und Schrift, die ab Mitte des ersten Jahrtausends v. Chr. in Teilen dokumentiert ist, gewisse überregionale Übereinstimmungen aufweist. Zwischen den einzelnen Clans und Stämmen gab es aufgrund der geographischen Gegebenheiten nur spärliche Kontakte.
Bis etwa 3000 v. Chr. lebten die Menschen auf der Iberischen Halbinsel nur selten in Gruppen zusammen, die mehr als ein Dutzend Personen umfassten. Unterkunft fand man immer noch zumeist in Höhlen, aber in geschützten Lagen entstanden auch kleine Siedlungen, die zu bestimmten Zeiten des Jahres bewohnt wurden. Diese temporären Siedlungen wurden allmählich zu dauerhaften Wohnorten, als die Menschen ihre Lebensweise den Erfordernissen von Landwirtschaft, Viehzucht, Bergbau und Metallverarbeitung anpassten. Am Ende der Steinzeit entstanden größere Siedlungen in den Vorgebirgen entlang der Flüsse, von denen viele befestigt waren.
Mit Beginn der Bronzezeit, also vor etwa 4500 Jahren, waren fast alle Bewohner der Iberischen Halbinsel sesshaft geworden, betrieben Landwirtschaft, bauten Mineralien und Erze ab und verarbeiteten diese. An einigen Orten entstanden komplexe gesellschaftliche und politische Strukturen und man begann damit, überregionale Handelsbeziehungen zu etablieren. Wahrscheinlich gab es in dieser Zeit auch Zuwanderungen aus Nordafrika und dem östlichen Mittelmeerraum. Diese Wanderbewegungen und Handelsbeziehungen sind durch viele Funde in ganz Europa belegt. Besonders deutlich wird dies bei dem »Glockenbecher-Phänomen«, das ab etwa 2500 v. Chr. seinen Ausgang auf der Iberischen Halbinsel hatte: Die dafür typischen Keramiken und Werkzeuge sind an vielen Orten in West- und Mitteleuropa gefunden worden. Der Südosten der Iberischen Halbinsel verzeichnete zwischen Jungsteinzeit und später Bronzezeit die dynamischsten Entwicklungen, wie sich anhand der frühesten klar definierten Kulturen auf der Halbinsel zeigt: Los Millares und El Argar.
Kupfer und Bronze wurden zuerst in Kleinasien und im Bereich des Kaukasus produziert. Die Basiskenntnisse der Metallgewinnung und -verarbeitung gelangten im Zuge von Handelskontakten und Wanderbewegungen nach Mesopotamien, in das Karpatenbecken, nach Westeuropa und in den Schwarzmeer- und Mittelmeerraum. Solche Wanderbewegungen und Handelsbeziehungen in vorgeschichtlicher Zeit sind durch viele Funde in ganz Europa belegt. Ab etwa 3000 v. Chr. ist die Kupfergewinnung fast auf dem ganzen europäischen Kontinent nachgewiesen; ab 2200 v. Chr. wurde auf der Iberischen Halbinsel auch Bronze (eine Legierung aus Kupfer und Zinn) hergestellt.
Bergbau wurde auf der Iberischen Halbinsel bereits vor fast 6000 Jahren betrieben, in teils beachtlich großen Minen: In Vicálvaro bei Madrid wurden 2500 Schächte gezählt, in denen Feuerstein abgebaut wurde; in Katalonien bestand eine 200 Hektar große Anlage, in der der Schmuckstein Variszit geschürft wurde. In Peñalosa bei Jaén lag die wichtigste Fundstätte für Kupfer, und die Zinn-Vorkommen im Nordwesten der Halbinsel gehörten zu den größten in Westeuropa. Diese vorzeitlichen Industrien bewirkten gesellschaftliche Veränderungen durch die Notwendigkeit der Arbeitsteilung. So entstanden in der Kupfer- und Bronzezeit gesellschaftliche Systeme, die das Funktionieren der Gemeinschaften ermöglichten.
Zu den eindrucksvollsten der frühen Gesellschaften zählt Los Millares in der Nähe von Almería, das 1891 entdeckt wurde. Die Siedlung war zwischen 3200 bis etwa 2000 v. Chr. bewohnt. Sie umfasste rund fünf Hektar und war mit drei Mauern schwer befestigt – die äußerste dieser Mauern ist mehr als zwei Meter dick. Zwischen 1000 bis 5000 Menschen lebten in einfachen runden Hütten. Zusätzlich gab es einige größere rechteckige Gebäude, in denen Spuren von Anlagen zum Schmelzen von Kupfer gefunden wurden. In der näheren Umgebung von Los Millares gab es eine Reihe von kleineren Siedlungen, die wahrscheinlich zur Versorgung und Verteidigung des Hauptorts angelegt wurden. Die große Kuppelgrabanlage in Los Millares mit ca. 100 Gräbern ist die größte Nekropole aus dieser Periode. Unter den Grabbeigaben fanden sich Waffen, Werkzeuge und Schmuck aus Stein und Kupfer, aber auch Gegenstände aus Elfenbein und Straußeneier-Schale, was auf Handelskontakte mit Nordafrika hindeutet. Die Funde aus Los Millares lassen den Schluss zu, dass hier eine hierarchisch organisierte Gesellschaft existierte, und die starken Befestigungsanlagen lassen vermuten, dass es wenigstens zeitweise kriegerische Konflikte gegeben haben muss. Wie weit der politische Einfluss von Los Millares reichte, ist noch nicht ermittelt, der kulturelle Einfluss war aber wohl weitreichend: Die für die Kultur typische Symbolkeramik ist im gesamten Süden der Iberischen Halbinsel verbreitet.
Dass Los Millares entstehen konnte, verdankt sich den damals günstigen klimatischen Bedingungen: Sowohl der Río Andarax als auch die Rambla de Huechar, die heute über weite Teile des Jahres ausgetrocknet sind, führten seinerzeit Wasser. Auch die Niederschläge in der Region waren deutlich ergiebiger als heute: Sowohl in Los Millares selbst als auch in den umliegenden Siedlungen wurden Zisternen gefunden. Ob und wie das darin gesammelte Wasser beim Anbau von Getreide, Wein und Oliven genutzt wurde, ist noch unbekannt. Ebenfalls unbekannt sind die Umstände des Endes von Los Millares. Eine Zerstörung durch Kämpfe ist nicht erwiesen, allerdings ist gesichert, dass das Klima sich ab etwa 2500 v. Chr. deutlich veränderte: Es wurde trockener und heißer, der Südosten der Halbinsel wurde zu dem »Wüstenrandgebiet«, das es auch heute noch ist. Dadurch ging den Menschen die Lebensgrundlage verloren, und im gesamten Süden der Iberischen Halbinsel wurden in dieser Zeit Siedlungen aufgegeben, darunter wohl auch Los Millares. An einigen Stellen ist nachgewiesen, dass die Menschen aus den Siedlungen wieder in Höhlen zogen.
Die Bronzezeit auf der Iberischen Halbinsel währte von etwa 2200 bis 900 v. Chr., und ihr Beginn fällt zusammen mit dem Zerfall der kupferzeitlichen Strukturen. Am Ende der Bronzezeit steht der Austausch mit Phöniziern und Griechen und deren koloniale Aktivitäten im Süden der Halbinsel und der Beginn der keltischen Zuwanderung im Norden.
Grundsätzlich unterteilt sich die Periode in drei Phasen: Bis etwa 1550 v. Chr. setzt sich die Glockenbecher-Kultur in großen Teilen der Iberischen Halbinsel fort; einen klaren Bruch gab es lediglich im Südosten. In dieser Zeit wurden auch Ackerbau und Viehzucht intensiviert; neuartige Mühlsteine erhöhten die Effizienz der Getreideverarbeitung. Die Herstellung von Bronze in größeren Mengen wurde möglich, als ab etwa 2200 v. Chr. im Nordwesten der Halbinsel, im heutigen Galicien und Nordportugal, die dortigen Zinnvorkommen erschlossen wurden. In Verbindung mit den reichen Kupfervorkommen fanden sich im weiteren Verlauf der Geschichte ideale Voraussetzungen für die Bronzeherstellung. Mit der Entwicklung der dazu nötigen Produktionsweisen und Techniken gingen auch Entwicklungen in Wirtschaft und Gesellschaft einher: Rohmaterialien aus den Minen und Werkzeuge zu deren Verarbeitung wurden über größere Distanzen zu zentralen Lagereinrichtungen und Werkstätten transportiert. Gleichzeitig gibt es deutliche Anzeichen für Expansion und Aggression, die politische Kontrolle auf lokaler bzw. regionaler Ebene stand als Instrument der Machtausübung jetzt im Zentrum.
In der Zeit bis etwa 1300 v. Chr. kam es in vielen Regionen zu einem Rückgang permanenter Siedlungen, wahrscheinlich ausgelöst durch Nahrungsmittelknappheit infolge von Übernutzung der Böden. In den folgenden rund 400 Jahren intensivierten sich die Binnenkontakte der Gemeinschaften auf der Halbinsel, was an der Verbreitung von regional zuordenbaren Objekten aus Metall und Keramik sichtbar ist. Auch die Kontakte zu Kulturen außerhalb der Halbinsel nahmen in dieser Zeit zu.
Besonders der Südosten der Iberischen Halbinsel war zu Beginn der Bronzezeit relativ dicht besiedelt. Dort bestanden, vor allem entlang der Wasserläufe, viele kleinere Ansiedlungen im Abstand von wenigen Kilometern, die teilweise über Jahrhunderte genutzt wurden. In der Zeit zwischen 2200 und 1500 v. Chr. bestanden deutliche Unterschiede zwischen dem ärmlichen Südwesten und dem sehr viel wohlhabenderen Südosten der Halbinsel. Hier entstand im Gebiet zwischen Granada und Alicante ab etwa 2200 v. Chr. eine Kultur, die über rund 700 Jahre hinweg existierte: El Argar, so benannt nach dem ersten Fundort in den Bergen nordöstlich von Almería.
El Argar folgte zwar zeitlich relativ dicht auf Los Millares und war auch räumlich nicht weit davon entfernt, allerdings unterschieden sich die beiden frühen Kulturen deutlich. So lagen in El Argar die wichtigen Siedlungen durchwegs auf Anhöhen, die Aussicht über die Umgebung boten und damit auch die Möglichkeit, das Gelände und die Verbindungswege zu kontrollieren. In Los Millares hingegen fanden sich bedeutende Siedlungen auch in der Ebene, zudem waren sie lockerer bebaut, mit runden Hütten und offenen Plätzen. Auch bei den Begräbnissen ist der Unterschied gravierend: In Los Millares finden sich kollektive Gräber außerhalb der Siedlungen, typisch für El Argar sind dagegen individuelle Grabstätten unter den Fußböden der Wohnhäuser. Die El Argar-Kultur hatte mehrere regionale Zentren: Neben El Argar selbst waren dies La Bastida de Totana und La Almoloya. Die meisten der Orte waren circa ein bis zwei Hektar groß, einige wenige waren größer. Einige der Siedlungen hatten bis zu 1000 Einwohner; für die damalige Zeit ist das eine beeindruckende Größe. Dazu kommen dutzende kleinerer Orte, die der Versorgung und wohl auch der Verteidigung der Zentren dienten. Ab etwa 1950 v. Chr. prägte sich eine weitgehend identische, kompakte Struktur dieser zentralen Orte aus, mit massiv gebauten Wohnhäusern und mehrgeschossigen Funktionsgebäuden, die als Lager und Werkstätten dienten für die Herstellung und Reparatur von Metallgegenständen, für die Getreideverarbeitung und Textilproduktion. Daneben gab es Zisternen, Ställe, sowie Befestigungsanlagen mit massiven Mauern und Türmen. Dabei waren die Siedlungen zumeist sehr eng bebaut, offene Plätze waren selten.
Anders als in Los Millares lässt sich in El Argar von Beginn an ein klares Expansionsstreben feststellen. Zum Zeitpunkt der größten Ausdehnung kontrollierten die Gesellschaften von El Argar einen Raum von ca. 35 000 Quadratkilometern, das entspricht ungefähr der Größe von Baden-Württemberg. Insgesamt, so die Vermutung, haben seinerzeit bis zu 150 000 Menschen in diesem Gebiet gelebt. In technischer Hinsicht war die Zivilisation von El Argar äußerst fortschrittlich: In La Bastida de Totana existierte ein Wasserspeicher, der ca. 35 000 Liter fasste. Dafür wurde ein Damm errichtet, der einen Bach staute und der Wasserversorgung diente – das gab es zu dieser Zeit nirgendwo sonst auf der Halbinsel.
Grundlage der Existenz der El Argar-Kultur war die effiziente Landwirtschaft. Gerste war das Hauptprodukt und stellte das Grundnahrungsmittel dar. Rund 90 Prozent der genutzten Fläche wurden dafür verwendet. Viehzucht, vor allem von Rindern, Schafen und Ziegen, war verbreitet. Jagd und Fischerei spielten hingegen keine bedeutende Rolle. Obwohl Kupfer in der Region von El Argar reichlich vorhanden ist, wurde es nur an wenigen Orten abgebaut. Die wichtigste Mine bestand in Peñalosa bei Jaén. Dort finden sich Nachweise für den Abbau sowie das Schmelzen und Gießen des Metalls. Die Weiterverarbeitung fand aber in den größeren Siedlungen statt. Wie auch bei den landwirtschaftlichen Erzeugnissen war die Herstellung und Verteilung von Metallgegenständen strikt kontrolliert, dies galt auch für Werkzeuge wie Mühlsteine, Hämmer oder Wetzsteine.
Durch seinen wirtschaftlichen Erfolg erlangte El Argar eine dominante Stellung im Süden der Iberischen Halbinsel: Funde bei Sevilla, Huelva und Málaga weisen darauf hin, dass die dortigen Eliten sich offensichtlich an dem dominanten Nachbarn orientierten, sich assimilierten oder sich auch als unterschiedlich definierten. Auch nördlich des eigentlichen Kerngebiets von El Argar zeigen sich die Einflüsse in Ähnlichkeiten der Architektur und bei der Anlage der Siedlungen auf Anhöhen. El Argar war nicht die einzige bedeutende bronzezeitliche Kultur auf der Iberischen Halbinsel, allerdings ist sie heute die am intensivsten erforschte, obwohl die systematischen Arbeiten erst Mitte der 1980er-Jahre begonnen haben. Dagegen steht die Erforschung der Valenciano- und Mancha-Kulturen, die etwa gleichzeitig mit El Argar bestanden, noch am Anfang. Auffällig in der Mancha sind die vielen in Abständen von rund fünf Kilometern angelegten motillas, Siedlungen auf künstlichen Hügeln, die sowohl als Verteidigungsstellungen wie auch als Wasserspeicher dienten. Im Norden und im Zentrum der Halbinsel, besonders entlang Duero und Tajo, kamen die dortigen Gesellschaften kaum im Kontakt mit dem Südosten. Hier lebte man zum großen Teil in temporären Siedlungen, die selten mehr als 20 Einwohner zählten. Man lebte mit den Jahreszeiten, wechselte mit ihnen den Wohnort und konzentrierte sich auf die Viehzucht; Getreideanbau wurde nur vereinzelt festgestellt.
Die stark befestigten Siedlungen von El Argar lassen den Schluss zu, dass Plünderungen und kriegerische Auseinandersetzungen häufig waren. Diese auf Kämpfe angelegten gesellschaftlichen Strukturen ermöglichten die Herausbildung einer Elite, die durch ihre kriegerische Rolle definiert war. Diese Elite kontrollierte fortan auch die Ressourcen wie Wasser, Saatgut, Vieh und Ländereien bis hin zu den Minen und Werkstätten. Ob die El Argar-Kultur indigenen Ursprungs war oder ein Ergebnis von Zuwanderung, wird kontrovers diskutiert. Anlass dazu gibt es: So erinnern die im Westen Europas einzigartigen Stadtmauern von La Bastida, die bis zu drei Metern dick waren und Wehrtürme hatten, mit ihrer Bauweise aus aufeinander geschichteten großen Steinblöcken an Anlagen, die aus dem östlichen Mittelmeerraum bekannt sind. Tatsächlich gab es im östlichen Südeuropa zu Beginn des dritten Jahrtausends v. Chr. eine Wanderungsbewegung, die bis nach Westeuropa und Nordspanien nachgewiesen ist. Dass sich diese Wanderung in den Südosten der Halbinsel fortsetzte, ist bisher allerdings nicht belegt. Archäologische Funde, die eindeutig auf einen Ursprung außerhalb der Iberischen Halbinsel verweisen würden, sind bisher jedenfalls nicht gemacht worden.
Die funktionale Hierarchie der Ansiedlungen und die zentralen Lager und Werkstätten lassen vermuten, dass die Gesellschaft von El Argar streng hierarchisch organisiert war. Diese Annahme wird durch Grabfunde und die Analyse von Skeletten erhärtet. Man geht davon aus, dass eine Elite, die nicht mehr als zehn Prozent der Bevölkerung umfasste, die Gesellschaft kontrollierte. Die Angehörigen dieser Elite waren durchwegs besser ernährt als ihre Zeitgenossen: Im Gegensatz zur Masse konsumierte die Elite auch Fleisch in größeren Mengen. Im Laufe der Zeit wird die Sonderstellung auch durch die Grabbeigaben deutlich: Häufig wurden Gegenstände aus Metall den Toten mitgegeben, dazu kamen Gebrauchsgegenstände aus Keramik sowie vereinzelt Objekte aus Elfenbein oder den Schalen von Straußeneiern. Die meisten Grabbeigaben waren zunächst aus Kupfer gefertigt, ab ca. 1800 v. Chr. tauchen auch Objekte aus Bronze auf. Männer aus der Elite erhielten stets Langschwerter, Frauen stets Diademe. Nur in den Gräbern der Elite wurden auch Objekte aus Silber gefunden, das sich, im Gegensatz zum Rest der Halbinsel, hier großer Wertschätzung erfreute. Unterhalb dieser Elite gab es eine Mittelschicht von gut 50 Prozent der Menschen, die ein gewisses Vermögen ansammeln konnte. In ihren Gräbern finden sich Metallgegenstände als Beigaben. Der Rest der Gesellschaft bestand aus einer Unterschicht, in deren Gräbern lediglich Beigaben aus Ton zu finden sind. Um 1700 v. Chr. änderte sich die Art der Begräbnisse: Waren die Toten bis dahin in Steinkisten bestattet worden, wurden in späterer Zeit oft mehr als menschengroße Tongefäße verwendet. Solche píthoi waren im gesamten Mittelmeerraum verbreitet, aber vor allem in Griechenland wurden sie neben der Vorratshaltung auch für Bestattungen verwendet. Dies wird als weiterer Hinweis auf verstärkte Außenkontakte nach Osten gewertet.
El Argar hatte mehr als 700 Jahre Bestand, dann verschwand die Kultur, ohne dass es eine Invasion von außen gegeben hätte. Ab etwa 1500 v. Chr. gibt es keine Funde, die auf ein Fortbestehen der Gesellschaft verweisen würden. Als Ursache für den Untergang von El Argar wird oft die fortschreitende Verschlechterung der Ernährungssituation genannt. Ab etwa 2000 v. Chr. gingen die Niederschläge deutlich zurück, und die Situation wurde verschärft durch die extensive Landwirtschaft und die Rodung von Wald- und Macchiaflächen (anthropogener Buschwald). Ab etwa 1750 v. Chr. war die Situation krisenhaft, ab dieser Zeit finden sich bei Grabfunden häufig Hinweise auf Mangelernährung und eine hohe Kindersterblichkeit. Dies könnte Aufstände der Bevölkerung ausgelöst haben. So finden sich In La Bastida um 1550 v. Chr. Brandspuren, die auf eine Rebellion der hungernden Bevölkerung hindeuten. Innerhalb weniger Jahre wurden auch die meisten anderen Siedlungen niedergebrannt. In den verschiedenen Regionen wurden zwischen 50 und 100 Prozent der permanenten Siedlungen aufgegeben, teilweise kehrten die Menschen zum Nomadendasein zurück. In den verbleibenden Siedlungen änderte sich die Lebensweise: Statt Gerste konsumierten die Menschen vorwiegend Hülsenfrüchte oder Nüsse; die für El Argar typischen Bestattungen unter den Fußböden der Häuser verschwanden, ebenso die großen Lager und Werkstätten.
Viele Forscher bezeichnen El Argar als eine der ersten europäischen Hochkulturen, vielleicht sogar den ersten europäischen Staat. Tatsächlich sind die grundlegenden Voraussetzungen, um ein Gemeinwesen als »Staat« zu bezeichnen, erfüllt: Die Wirtschaft war auf die Produktion von Überschüssen ausgerichtet. Dadurch war es möglich, öffentliches und privates Eigentum zu schaffen. Es bestand ein Abgabewesen, ebenso eine zentralisierte Verwaltung, dazu eine offensichtliche Hierarchisierung der politischen Macht. Nach dem Ende von El Argar gelang es über rund 1000 Jahre keiner der Bevölkerungsgruppen auf der Iberischen Halbinsel, eine ähnlich strukturierte Kultur und Gesellschaft aufzubauen.
Zwar bestanden nach dem Niedergang von El Argar über lange Zeit keine sonderlich entwickelten Kulturen auf der Iberischen Halbinsel, die eine Herrschaftsform herausbildeten. Aber die bestehenden Clan- und Stammesgesellschaften entwickelten durchaus beachtliche wirtschaftliche Aktivitäten, die die Region in den Blick der seinerzeit dominierenden Handelsmächte im Mittelmeerraum rückten: Phönizien und Griechenland.
Der griechische Historiker Strabo berichtet, dass die Phönizier sich aufgrund eines Orakelspruchs auf den Weg nach Westen machten: Bei den »Säulen des Herakles« sollten sie eine Kolonie errichten, was sie auch taten. Ab etwa 1000 v. Chr. entstanden erste Handelsposten und Kolonien im Süden des heutigen Spaniens, wohl beginnend mit Gadir, dem heutigen Cádiz. Der Name der Stadt leitet sich wohl von dem phönizischen Wort gdr (Festung) ab. Auch Málaga und Huelva, ebenso wie die portugiesische Hauptstadt Lissabon, gehen auf die Phönizier zurück. Auch der Landesname »Hispania« geht auf das Phönizische zurück: Die Phönizier hatten die vielen Hasen, die sie in Spanien sahen, für die ihnen aus Nordafrika bekannten Schliefer gehalten und die Gegend nach diesen benannt: ī shāpān-i (ausgesprochen I-Span-ia), »Insel (oder Küste) der Schliefer«. Noch in der Römerzeit wurden Münzen geprägt, die neben dem Namen »Hispania« auch einen Hasen zeigten.
Mit der Ankunft der Phönizier wurde die Iberische Halbinsel in den Warenaustausch zwischen Atlantik und Orient eingebunden. Mit der Gründung von permanenten Kolonien signalisierten die Ankömmlinge, dass ihr Interesse dauerhaft war. Beide Seiten profitierten: Die Einheimischen lieferten das Wissen um die vorhandenen Rohstoffquellen und die Arbeitskräfte zu deren Ausbeutung, und die Phönizier hatten Prestigeobjekte aus dem östlichen Mittelmeerraum anzubieten wie Keramik, Purpur und vor allem Wein, die dankbar abgenommen wurden. Von Huelva aus erfolgte im 8. Jahrhundert v. Chr. die allmähliche Kolonisierung des Südens der Iberischen Halbinsel. Wichtigstes Motiv der Phönizier für ihre Aktivitäten auf der Iberischen Halbinsel waren die enormen Vorkommen an Metallen. Davon schwärmen auch die Chronisten: Laut Strabo gab es nirgendwo sonst Eisen, Kupfer, Silber und Gold in solcher Menge und Qualität, und Diodoros berichtet, dass die Phönizier die Bleianker ihrer Schiffe durch solche aus Silber ersetzten, weil ihnen der Stauraum für das Edelmetall ausging. Heutige Schätzungen gehen davon aus, dass in der Region zwischen dem östlichen Portugal und Sevilla mehr als 6,5 Millionen Tonnen Erz abgebaut wurden.
Sagenumwoben bei den Völkern des Mittelmeerraums war Tartessos, dessen großartiger Reichtum immer wieder gerühmt wird; selbst im Alten Testament wird »Tarshish« an mehreren Stellen als Hort von Reichtümern genannt. Tartessos/Tarshish existierte tatsächlich, seine Lage aber ist unbekannt. Heute wird die Kultur, die ab etwa 1000 v. Chr. bis ins 6. Jahrhundert v. Chr. zwischen der Sierra Morena im Norden, dem Guadiana im Westen und dem Cabo de la Nao im Osten existierte, als »tartessisch« bezeichnet. Sie gilt, neben den proto-keltischen Urnenfeldern im Nordwesten der Halbinsel, als bedeutendste Kultur dieser Zeit. Hier entstand im Kontakt mit den Phöniziern die »Südwestliche Paleo-Hispanische Schrift«, die älteste bekannte westeuropäische Schrift.
Für die Phönizier waren die iberischen Kolonien überaus profitabel. Besonders die großen Silbervorkommen erwiesen sich als hilfreich, war man doch in der alten Heimat tributpflichtig gegenüber den Assyrern geworden. Neben anderen Gütern mussten in jedem Jahr fünf Tonnen Silber abgeliefert werden, das entspricht einem heutigen Wert von 150 Millionen Euro. Das iberische Silber löste dieses Problem, mehr noch: Die phönizischen Schiffe schafften deutlich mehr als die geforderten Mengen nach Osten. Die Region wurde mit Silber überschwemmt, das zu der Zeit das gängige Zahlungsmittel in Mesopotamien war. Es kam zum Verfall des Silberpreises mit anschließender Wirtschaftskrise.
Dass Tartessos bereits vor der Ankunft der Phönizier Teil des Handelsnetzwerks im Mittelmeerraum war, zeigt sich an Funden wie Keramik aus Mykene oder Schmuckfibeln aus Zypern. Ohne die Phönizier hätte es aber die Entwicklung der tartessischen Kultur nicht geben können; das zeigt sich an zahlreichen Funden, die einen starken Einfluss der Kultur der Kolonisatoren erkennen lassen. Mit ihnen kam die Töpferscheibe auf die Iberische Halbinsel und, wichtiger noch, die Eisengewinnung und -verarbeitung. Durch den Gebrauch von Pflugscharen aus Eisen wurde die Produktivität der Böden erheblich gesteigert. Dazu kamen neue Produkte wie Oliven und Wein, die noch heute ein Rückgrat der iberischen Agrarwirtschaft darstellen. Gleichzeitig hätten die Phönizier ohne die Einheimischen und ihre Mitarbeit beim Abbau und der Verarbeitung von Erzen, bei der Salzgewinnung, der Purpurherstellung und in der Landwirtschaft ihre wirtschaftlichen Erfolge nicht einfahren können.
Für die Kolonisation waren die phönizischen Tempel von entscheidender Bedeutung. Sie dienten kultischen Zwecken, waren aber auch »Filialen« des phönizischen Geschäftslebens. Sie fungierten als Märkte ebenso wie als Lager und Werkstätten. Über die meiste Zeit lebten Einheimische und Kolonisatoren friedlich zusammen, nur sehr wenige der phönizischen Kolonien hatten Befestigungen. Erst gegen Ende sowohl der tartessischen Kultur wie auch der phönizischen Präsenz gibt es Anzeichen für Auseinandersetzungen. Was das Verschwinden von Tartessos letztlich ausgelöst hat, ist bis heute ungeklärt, allerdings kamen im 6. Jahrhundert v. Chr. mehrere Krisensituationen zusammen: Im Laufe des Jahrhunderts verschwindet weitgehend die Silberverarbeitung, was auf eine Erschöpfung der Minen schließen lässt. Gleichzeitig gab es einen Bevölkerungsrückgang, möglicherweise als Folge von Erosion der Böden durch die intensive Landwirtschaft und Abholzung der Wälder. Die phönizischen Kolonien verloren durch die Eroberung ihrer Heimat im heutigen Libanon durch die Perser im Jahr 539 v. Chr. ihren wichtigsten Absatzmarkt, und der Außenhandel wurde im Laufe der Zeit von Griechen und der phönizischen Kolonie Karthago dominiert. Im Zuge dieser Entwicklungen wurden die allermeisten phönizischen Kolonien aufgegeben oder gelangten in andere Hände, ebenso verschwand ein Großteil der tartessischen Ansiedlungen.
Den wirtschaftlichen und kulturellen Höhepunkt erreichte die phönizische Präsenz auf der Iberischen Halbinsel im 7. Jahrhundert v. Chr. In dieser Zeit tauchte allerdings unliebsame Konkurrenz auf: Die Griechen streckten ihre Fühler in die Region aus. Jetzt entstanden die ersten griechischen Niederlassungen im westlichen Mittelmeerraum. Besonders die um 620 v. Chr. gegründete Kolonie Massalia, das heutige Marseille, wurde über die nächsten Jahrhunderte zu einem bedeutenden Wirtschaftszentrum. Mainake, im Gebiet von Málaga gelegen, wurde zum ersten griechischen Stützpunkt im Süden der Halbinsel. Das Verhältnis zwischen Phöniziern und Griechen war zunächst entspannt, die Neuankömmlinge wurden über einen längeren Zeitraum als Dienstleister beim Export in Richtung der iberischen Mittelmeerküste und dem heutigen Südfrankreich eingesetzt. Gleichzeitig nahmen die Importe aus Kleinasien zu. Die Griechen stießen aber rasch ins Innere der Iberischen Halbinsel vor. Dort machten sie den etablierten Kräften Konkurrenz im Bergbau und Handel.
Die Dominanz im Handel wurde um 600 v. Chr. mit der Gründung der Kolonie Emporion (Ampurias) in Katalonien gefestigt. Es folgten gut ein Dutzend weiterer Kolonien, vor allem an der östlichen Mittelmeerküste, aber auch in der Gegend von Málaga und Cádiz. In der Folge wurden die bis dahin verwendeten phönizischtartessischen Transportgefäße fast vollkommen ersetzt durch Amphoren griechischen Ursprungs. Zusätzlich betrieben die Griechen in großem Ausmaß Piraterie, die meisten ihrer Opfer waren phönizische, karthagische und etruskische Handelsschiffe. Dies führte im Verlauf der Jahrhunderte immer wieder zu kriegerischen Auseinandersetzungen mit wechselndem Ausgang.
Von den Iberern und Kolonisatoren im Süden der Halbinsel zunächst unbemerkt begann um etwa 900 v. Chr. die Zuwanderung von Kelten. Wahrscheinlich aus dem Gebiet der heutigen Schweiz stammend, kamen sie in wenigstens zwei Wellen über die Pyrenäen. Sie brachten ihre Sprache und Lebensgewohnheiten mit und ließen sich vorwiegend im Norden und im Westen nieder. Die Gebirgszüge stellten natürliche Hindernisse dar und standen Kontakten kultureller oder wirtschaftlicher Art oft im Wege. Entsprechend gab es lokal sehr unterschiedliche Ausprägungen der Kontakte, heute werden die Ethnien säuberlich unterteilt in Kelten, Iberer und Keltiberer.
Die Iberer, die als Bewohner des Ebrotals mit den Griechen in Kontakt gekommen waren und von diesen ihren Namen erhielten, lebten zur Zeit der keltischen Einwanderungen in semi-urbanen Siedlungen, die zumeist stark befestigt auf Anhöhen angelegt und dadurch leicht zu verteidigen waren. Archäologische Funde deuten auf starke kulturelle Einflüsse aus dem östlichen Mittelmeerraum hin, die auf Kontakte mit den Griechen zurückgingen. Die Keltiberer betrachteten sich als eigenständige Gruppe. Allerdings dominierten in ihrer Kultur keltische Elemente, auch ihre Sprache war ein keltischer Dialekt, der sich aber deutlich unterschied von dem, was die keltischen Gruppen auf der Halbinsel sprachen. Ab dem 3. Jahrhundert errichteten die Keltiberer ihre Siedlungen als Oppida nach keltischem Vorbild.
