Dominik Mikulaschek, geboren 1983 in Linz, ist bekannt für seine einfühlsamen Erzählungen über Freundschaft und Mut. In seinem Kinderbuch „Geschichten aus der Welt der Pferde – Das Pferd, das sich im Wald verirrte“ entführt er junge Leser in eine bewegende Geschichte voller Abenteuer und Herzenswärme.
Mit feinem Gespür für kindliche Ängste und Hoffnungen erzählt er die Geschichte der mutigen Marie, die mit ihrem geliebten Pferd Odin einen verhängnisvollen Ausritt unternimmt. Als Odin durch ein plötzliches Geräusch im Wald erschrickt und davonrast, beginnt für Marie ein verzweifelter Kampf um die Rettung ihres Freundes. Tief im geheimnisvollen Wald muss sie sich ihren Ängsten stellen, findet unerwartete Hilfe bei einem alten Förster und dessen treuem Hund und lernt, dass wahre Freundschaft keine Grenzen kennt.
Sein Buch ist ein bezauberndes Plädoyer für Toleranz, Mut und die Kraft der Liebe, das zeigt, wie selbst das einsamste Herz durch Vertrauen und Wärme neuen Mut fassen kann. Die Geschichte entfaltet sich über zwanzig einfühlsame Kapitel, die von der tiefen Verbindung zwischen Mensch und Tier erzählen und junge Leser daran erinnern, dass man mit Mut und Entschlossenheit selbst die größten Hindernisse überwinden kann.
Dominik Mikulaschek
Geschichten aus der Welt der Pferde – Das Pferd, das sich im Wald verirrte
Band 10
tredition GmbH
© 2026 Dominik Mikulaschek
Druck und Distribution im Auftrag des Autors:
tredition GmbH, Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Deutschland
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter: Dominik Mikulaschek, Holzwurmweg 5, 4040 Linz, Austria.
Kapitel 1: Ein Ausritt am Morgen
Die Sonne war noch nicht ganz über die Baumwipfel gestiegen, als Marie den Stall betrat. Die erste Helligkeit des Tages färbte den Himmel in einem zarten Rosa. Dieses Licht fiel durch die kleinen, staubigen Fenster des Heubodens und warf lange, sanfte Bahnen auf den gepflasterten Boden des Mittelgangs. Es war diese besondere Stunde, in der die Welt noch still und unverbraucht dalag. Der Tau auf den Wiesen spiegelte das frühe Licht, und die Vögel probten ihr erstes, zaghaftes Lied. Marie liebte diese Stunde mehr als alles andere. Sie atmete tief den vertrauten Geruch von Heu, Leder und Pferd ein. Dieser Geruch bedeutete für sie Zuhause und Freiheit zugleich. Aus den Boxen hörte sie sanftes Schnauben und Scharren, als die Pferde sie bemerkten und wussten, dass der neue Tag beginnen würde. Ihr Pferd, ein stattlicher Fuchs namens Odin, stand mit gespitzten Ohren an der Boxentür. Er wieherte leise, als sie näherkam, ein weicher, melodiöser Laut, der nur ihr galt. Sie kraulte ihm die weiße Blesse auf der Stirn, die sich anfühlte wie Samt. Sie flüsterte ihm einen guten Morgen zu, während sie ihm das Halfter überstreifte und ihn aus der Box führte. Sein Hufschlag hallte gleichmäßig auf den Steinen. Draußen auf dem Hof putzte sie ihn mit einer Hingabe, die fast meditativ war. Jeder Strich der Bürste war fest und doch sanft, um das glänzende Fell noch mehr zum Leuchten zu bringen. Sie liebte das leise Zufriedenheitsschnauben, mit dem er ihre Bemühungen quittierte. Sie hob die einzelnen Hufe auf und klopfte sie mit dem Hufkratzer sauber. Mit einem geübten Blick prüfte sie, ob alles in Ordnung war, denn das Wohlergehen ihres Pferdes war ihr heiligstes Anliegen. Während sie ihn striegelte, sprach sie leise mit ihm. Sie erzählte ihm von dem Traum, den sie gehabt hatte. Sie erzählte ihm von dem Ausritt, den sie heute ganz allein unternehmen wollten, um die Ruhe des Morgens in vollen Zügen zu genießen. Es würde schön sein, einmal ohne die quirlige Gesellschaft der anderen Reitschüler unterwegs zu sein. Dann holte sie die Satteldecke, eine dicke, blaue, die sie von ihrer Großmutter bekommen hatte. Sie legte sie ihm behutsam auf den Rücken und glättete sie mit einer liebevollen Bewegung, bevor sie den Sattel hob und ihn langsam aufsetzte. Sie achtete darauf, dass er nirgends drückte oder scheuerte. Sie ließ den Sattelgurt vorsichtig unter seinem Bauch durchgleiten und zog ihn nur so weit an, dass der Sattel hielt. Nicht zu fest, denn sie wusste, dass sie ihn später, kurz vor dem Aufsteigen, noch einmal nachziehen würde. Odin stand geduldig da. Nur hin und wieder schlug er mit dem Schweif nach einer lästigen Fliege, die sich in der frühen Morgenluft schon verirrt hatte. Seine ganze Haltung drückte Vorfreude aus. Als der Sattel saß, nahm Marie die Trense von ihrem Haken. Sie löste geschickt das Halfter und führte das Gebiss in Odins Maul. Dieser Vorgang war so selbstverständlich und fließend, als wäre es ein einziger gemeinsamer Atemzug. Sie schob die Ohren unter das Genickstück, schloss den Kehlriemen und den Nasenriemen. Dann trat sie einen Schritt zurück und betrachtete ihn voller Stolz. Dieses wunderbare Geschöpf war für sie das Allerschönste auf der Welt. Sie führte ihn aus dem Stallhof auf den kleinen Vorplatz, wo das Licht der Sonne nun schon kräftiger die ersten Steine erwärmte. Dort zog sie den Sattelgurt noch einmal kräftig an, während Odin aus alter Gewohnheit ein wenig den Bauch einzog, um ihn später wieder herauszulassen. Sie lachte leise, gab ihm einen freundschaftlichen Klaps auf den Hals und bedeutete ihm, brav zu sein. Dann schwang sie sich mit einem geschmeidigen Schwung in den Sattel. Das vertraute Gefühl des Leders unter sich, die warmen Flanken des Pferdes zwischen ihren Beinen, und für einen Moment war sie einfach nur glücklich und vollkommen zufrieden. Sie nahm die Zügel auf und gab einen leichten Druck mit den Fersen. Odin setzte sich willig in Bewegung, erst im Schritt, die Hufe klackerten auf dem Pflaster. Dann, als sie die Hofeinfahrt erreichten, ging es im leichten Trab weiter, hinaus auf den Feldweg, der sich zwischen saftigen grünen Wiesen dahinschlängelte. Der Weg führte sie an blühenden Obstbäumen vorbei, deren Blütenblätter wie Schnee auf dem Gras lagen. Sie kamen an einem kleinen Bach entlang, der leise plätschernd neben ihnen herfloss und dessen Wasser in der Sonne glitzerte. Die Luft war klar und frisch, erfüllt vom Gesang der Lerchen, die hoch über ihnen in den Himmel stiegen. Marie ließ die Zügel lang, damit Odin den Kopf senken und das frische Gras am Wegrand kosten konnte. Es war eine kleine Belohnung für seine Geduld. Sie genoss die Wärme der Sonne auf ihrem Rücken und das leichte Schaukeln der Pferdebewegung. Sie genoss die Stille, die nur von den Geräuschen der Natur unterbrochen wurde. Nach einer Weile, als sie an eine alte, steinerne Brücke kamen, entschied sie sich, das Tempo ein wenig zu erhöhen. Sie trieb Odin in einen leichten Galopp an. Er gehorchte sofort. Seine Muskeln spielten unter der Haut, seine Mähne flatterte im Wind. Marie spürte dieses unbeschreibliche Gefühl von Freiheit und Einheit, wenn Pferd und Reiter eins zu werden scheinen. Für einen Augenblick schien die Welt um sie herum stillzustehen. Sie galoppierten über eine weite, sanft ansteigende Kuppe. Von dort hatte man einen herrlichen Blick auf das gesamte Tal. Sie sah die Dächer des kleinen Dorfes, aus dem sie kam, und den Kirchturm, dessen Glocken gerade die sechste Stunde läuteten. Sie sah den dunklen Wald, der sich am Horizont wie ein grünes Band ausbreitete. Es war dieser Wald, der es ihr seit jeher angetan hatte. Es war ein großer, geheimnisvoller Mischwald, der sich über die Hügel jenseits des Tals erstreckte. Für sie war es das Größte, in diesen Wald hineinzureiten. Bisher war sie immer nur die ersten hundert Meter entlang der breiten, sandigen Wege geritten, die von den Förstern und Spaziergängern genutzt wurden. Aber heute, so hatte sie beschlossen, würde sie tiefer hineinreiten. Sie wollte die schmaleren Pfade erkunden, die sie vom Hörensagen kannte. Man erzählte sich, dass diese Pfade zu versteckten Lichtungen und uralten Bäumen führten. Sie fühlte sich mutig und abenteuerlustig. Odin, der ihre Erregung spürte, tänzelte leicht unter ihr, als wolle er sagen, dass auch er bereit für ein neues Abenteuer sei. Sie ritt im Schritt weiter, als der Weg sich dem Waldrand näherte. Der Übergang war wie ein Eintauchen in eine andere Welt. Die Luft wurde sofort kühler und feuchter. Der helle Sonnenschein draußen wich einem gedämpften, grünlichen Licht, das durch das dichte Blätterdach fiel und auf dem moosbewachsenen Boden tanzte. Es roch nach feuchter Erde, nach Pilzen und nach Harz. Es war ein intensiver, erdiger Duft, der ihr in die Nase stieg. Die Vögel sangen hier anders, tiefer und verhaltener. Das Knarren der alten Äste im Wind klang wie das Flüstern uralter Wesen. Marie verlangsamte das Tempo und ließ Odin sich in der neuen Umgebung zurechtfinden. Seine Ohren zuckten unablässig hin und her, um jedes Geräusch aufzunehmen. Aber er zeigte keine Scheu. Er schien ebenso neugierig auf diese Welt wie sie selbst. Sie folgte dem Hauptweg ein Stück, bis sie links einen schmaleren Pfad entdeckte. Dieser Pfad führte zwischen Farnen und Brombeerranken in die Tiefe des Waldes. Es schien, als sei hier kaum ein Mensch gegangen. Sie zögerte einen kurzen Moment. Aber dann gab sie Odin einen leichten Schenkeldruck und lenkte ihn hinein. Der Pfad wand sich mal links, mal rechts. Er führte über kleine Hügel und an moosbewachsenen Felsbrocken vorbei. Das Dickicht wurde mit jedem Meter dichter. Die Zweige der Bäume trafen sich über ihrem Kopf zu einem fast undurchdringlichen Dach. Die Farnwedel streiften Odins Beine und ihren Steigbügel. Es war ein Gefühl der Abgeschiedenheit, das Marie mit einer Mischung aus Ehrfurcht und leiser Beklemmung erfüllte. Sie war ganz allein, tief im Wald. Niemand wusste genau, wo sie war. Diese Erkenntnis legte sich wie ein feiner, kühler Schleier über ihre anfängliche Ausgelassenheit. Aber sie schob den Gedanken beiseite. Sie war doch eine erfahrene Reiterin, und Odin war ein kluges und verlässliches Pferd. Was sollte ihnen schon geschehen? Sie ritten weiter, tiefer und tiefer hinein. Marie begann, die Umgebung bewusster wahrzunehmen. Sie sah die filigranen Spinnweben zwischen den Grashalmen, die mit Tautropfen besetzt waren und wie kleine Diamanten funkelten. Sie hörte das leise Rascheln eines Eichhörnchens, das geschickt einen Baumstamm hinaufhuschte. Sie atmete die frische, würzige Luft in vollen Zügen ein. Nach einer Weile, die ihr wie eine kleine Ewigkeit vorkam, lichtete sich der Wald ein wenig. Sie erreichten eine kleine Lichtung. Auf der Lichtung lagen umgestürzte Baumstämme, die von Moos überwuchert waren. Sie sahen aus wie schlafende Riesentiere. In der Mitte der Lichtung stand ein einzelner, gewaltiger Baum. Es war eine uralte Eiche, deren Stamm so dick war, dass mehrere Menschen ihn nicht hätten umfassen können. Ihre weit ausladenden Äste bildeten ein Dach über dem ganzen Platz. Marie war überwältigt von der Schönheit und der friedlichen Kraft dieses Ortes. Sie hielt Odin an und saß einen Moment lang einfach nur da. Sie lauschte der tiefen Stille, die nur vom leisen Zirpen einiger Insekten durchbrochen wurde. Sie fühlte sich winzig und doch irgendwie geborgen in dieser urwüchsigen Natur. Sie beschloss, hier eine kleine Pause zu machen, um die Stille und die Atmosphäre dieses magischen Ortes in sich aufzunehmen. Sie ließ sich aus dem Sattel gleiten. Ihre Beine waren ein wenig steif vom langen Reiten, aber es war ein gutes Gefühl, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Sie band Odin nicht an. Sie hielt die Zügel locker in der Hand, während er sofort begann, neugierig an den Farnen und Gräsern am Rand der Lichtung zu knabbern. Sie lehnte sich gegen einen der warmen, sonnenbeschienenen, moosbewachsenen Baumstämme. Für einen Moment schloss sie die Augen, um den Frieden dieses Augenblicks vollkommen auszukosten. Es war eine Stille, die so tief und vollkommen war, dass Marie das eigene Blut in den Ohren rauschen hörte. Sie hatte das Gefühl, als sei die Zeit stehen geblieben. Als sei dieser Ort für immer und ewig so gewesen, unberührt und zeitlos. Odin stand ruhig neben ihr. Nur hin und wieder raschelte es leise, wenn er nach einem besonders saftigen Halm griff. In diesem Moment der vollkommenen Harmonie zwischen Mensch, Tier und Natur geschah es. Ein plötzliches, lautes und völlig unerwartetes Geräusch zerriss die Stille wie ein Peitschenhieb. Es war ein heftiges Rascheln und Krachen im dichten Unterholz am anderen Ende der Lichtung. Es war ein Geräusch, das von einem großen Tier zu stammen schien, das sich schnell und ohne Rücksicht auf die Zweige und Blätter einen Weg bahnte. Marie riss die Augen auf, und ihr Herz setzte für einen Schlag lang aus. Ihr ganzer Körper spannte sich augenblicklich an. Was war das? Ein Wildschwein? Ein Reh? Oder etwas anderes, etwas, das sie nicht kannte? Bevor sie überhaupt einen klaren Gedanken fassen konnte, hatte Odin bereits reagiert. Seine Ohren, die eben noch entspannt nach vorne gerichtet waren, zuckten blitzartig herum. Sein Kopf schoss in die Höhe, die Nüstern weit aufgebläht, um die Witterung aufzunehmen. In seinen Augen flackerte panische Angst auf. Das Krachen im Gebüsch wurde lauter, kam näher. Dann brach etwas Dunkles, Großes aus dem Unterholz hervor. Es war nur ein Reh, eine schreckhafte Ricke, die wohl selbst von etwas aufgeschreckt worden war. Mit einem mächtigen Satz setzte sie über einen umgestürzten Baumstamm, rannte quer über die andere Seite der Lichtung und verschwand sofort wieder im Dickicht. Aber für Odin, in seiner angespannten Wahrnehmung, war dieser Anblick zu viel. Er registrierte nur die plötzliche Bewegung, das unerwartete Geräusch und den fremden, wilden Geruch. Seine instinktive Fluchtreaktion, die in jedem Pferd tief verwurzelt ist, überlagerte für einen Moment jede Erziehung, jedes Vertrauen und jede Bindung zu Marie. Er machte einen gewaltigen Satz zur Seite. Die Zügel, die Marie locker in der Hand gehalten hatte, rutschten ihr schmerzhaft durch die Finger, bevor sie überhaupt begriff, was geschah. Sie schrie seinen Namen, ein schriller, angstvoller Laut. „Odin! NEIN!“ Aber ihre Stimme ging unter in dem plötzlichen Chaos aus Hufschlag und brechenden Ästen. Odin bäumte sich für den Bruchteil einer Sekunde auf, die Vorderhufe schlugen wild in die Luft. Dann machte er kehrt und raste, getrieben von blanker Panik, direkt zurück auf den schmalen Pfad, den sie gekommen waren. Er riss Marie die Zügel vollends aus der Hand. Der Lederriemen brannte auf ihrer Haut, und sie konnte nichts dagegen tun. Sie stolperte einen Schritt hinterher, wollte ihn noch greifen, sein Halfter, seine Mähne, irgendetwas. Aber er war schon zu weit weg. Sie sah nur noch seinen Schweif und seine Hinterbeine, die sich im wilden Galopp überschlugen. Sie hörte das Donnern seiner Hufe auf dem weichen Waldboden, das immer leiser wurde. Sie hörte das Krachen von Ästen, wenn er um eine Biegung preschte. Und dann war da nur noch Stille. Eine vollkommene, furchtbare Stille, die sich wie eine Bleidecke über die Lichtung legte. Marie stand da, wie angewurzelt. Die leeren Zügel hingen noch in ihrer zitternden Hand. Ihr Atem ging in flachen, schnellen Stößen. Ihr Herz raste so heftig, dass es ihr den Hals zuschnürte. Sie konnte es nicht fassen. Odin war weg. Ihr Pferd, ihr bester Freund, war einfach in den Wald hineingaloppiert, verschluckt von den Bäumen und dem Unterholz. Die friedliche Idylle des Morgens war mit einem Schlag zerstört. Zurück blieb nur das nackte Entsetzen und die dröhnende Leere. Der Schrecken hatte sie wie gelähmt. Sie stand reglos da, die Hand noch ausgestreckt, als könnte sie Odin so zurückholen. Aber es rührte sich nichts mehr. Nur das leise Zirpen der Insekten setzte wieder ein, als wäre nie etwas gewesen. Maries Gedanken überschlugen sich in einer wilden Kakophonie aus Angst, Schuldgefühlen und Unglauben. Wie konnte das passieren? Warum hatte sie die Zügel nicht fester gehalten? Warum war sie hierher geritten, in diesen tiefen, unbekannten Wald? Tausend Fragen, auf die es keine Antwort gab. Dann, nach einer Ewigkeit, die vielleicht nur Sekunden dauerte, begann ihr Verstand wieder zu arbeiten. Der Überlebensinstinkt und die Sorge um ihr geliebtes Pferd verdrängten die lähmende Starre. Sie musste ihm folgen, sofort. Sie durfte keine Zeit verlieren. Wer wusste, wie weit er laufen würde? In welche Gefahren er hineingeraten konnte? Der Wald war voller umgestürzter Bäume, voller dichter Dickichte, voller steiler Abhänge. Ein Pferd in Panik hatte keinen Blick für solche Hindernisse. Sie ließ die leeren Zügel fallen. Sie waren jetzt nutzlos. Dann rannte sie los, so schnell sie ihre zitternden Beine trugen, in die Richtung, in die Odin verschwunden war. Sie rannte den schmalen Pfad entlang. Ihre Reitstiefel machten dumpfe Schläge auf dem weichen Boden. Zweige peitschten ihr ins Gesicht und rissen an ihrer Kleidung, aber sie spürte es kaum. Sie sah nur den Wald vor sich, der ihren Odin verschluckt hatte. Sie musste ihn finden, koste es, was es wolle. Der Ausritt am Morgen, der so friedlich und schön begonnen hatte, war zu einem Albtraum geworden, aus dem sie verzweifelt zu erwachen hoffte. Aber sie war wach. Und ihr Pferd war fort. Sie rannte weiter, so schnell sie konnte, aber der Waldboden war uneben und von Wurzeln durchzogen. Mehrmals stolperte sie und musste sich an einem Stamm oder einem Ast festhalten, um nicht zu fallen. Der Pfad verzweigte sich, und sie musste immer wieder anhalten, um nach Spuren zu suchen. Sie suchte nach frischen Hufabdrücken im weichen Moos, nach abgeknickten Zweigen, nach irgendeinem Zeichen, das ihr verriet, welchen Weg Odin genommen hatte. Ihre Brust brannte vom schnellen Laufen und von der aufsteigenden Panik. Sie schrie seinen Namen in den Wald hinein, immer wieder. „Odin! Odin! Komm zurück!“ Aber der Wald schien ihre Rufe zu schlucken. Kein Wiehern antwortete ihr, kein Hufschlag war zu hören. Nur das Echo ihrer eigenen verzweifelten Stimme, das zwischen den Bäumen verhallte. Sie erreichte eine Stelle, wo der Pfad besonders matschig war. Dort waren sie deutlich zu sehen: die tiefen Eindrücke von Hufen, die im wilden Galopp in den weichen Boden gestampft worden waren. Ihre Spur. Ihr Herz machte einen Hoffnungssprung. Sie folgte ihnen, so schnell sie konnte. Die Abdrücke führten weiter in den Wald hinein, weg von jedem bekannten Weg, immer tiefer ins Ungewisse. Die Bäume wurden größer, das Unterholz dichter. Das Licht wurde spärlicher, obwohl es draußen längst heller Morgen sein musste. Hier drinnen herrschte eine ewige Dämmerung. Marie rannte weiter, bis sie nicht mehr konnte. Sie musste anhalten, sich gegen einen Baum lehnen, um nach Luft zu ringen. Ihre Beine zitterten unkontrolliert, und der Schweiß stand ihr auf der Stirn, obwohl die Luft kühl war. Sie lauschte angestrengt in die Stille hinein. Nichts. Nur das Rauschen des Blätterdachs im Wind und das ferne Klopfen eines Spechts. Wo war er nur? Wie weit war er gerannt? Hatte er sich beruhigt? Oder raste er immer noch in seiner blinden Panik durch den Wald? Die Vorstellung, dass er sich verletzen könnte, vielleicht sogar schwer, trieb ihr die Tränen in die Augen. Sie durfte jetzt nicht aufgeben. Sie musste weiter. Sie zwang sich, wieder aufzustehen und weiterzugehen, den Hufspuren folgend, die hier im Laub und Moos noch deutlich zu erkennen waren. Plötzlich hörte sie etwas. Ein Geräusch, das nicht in den Wald gehörte. Es war ein leises, hohes Winseln. Ihr Herz setzte aus. War das Odin? Aber Pferde winseln nicht. Das Geräusch kam von links, aus einer dichten Ansammlung von Farnen und Brombeersträuchern. Sie zögerte. Sollte sie den Spuren weiter folgen oder diesem Geräusch nachgehen? Das Winseln ertönte wieder, kläglicher diesmal. Es klang verletzt, verängstigt. Vielleicht war es ein Tier in Not. Aber sie hatte keine Zeit, sie musste Odin finden. Doch ihr Gewissen ließ es nicht zu, einfach weiterzugehen. Sie bahnte sich einen Weg durch die Farnwedel und suchte nach der Quelle des Geräuschs. Hinter einem großen, moosbewachsenen Felsen fand sie es. Es war ein Hund, ein mittelgroßer, struppiger Köter mit braunem Fell, der sich in den Brombeerranken verfangen hatte. Die Dornen hielten ihn gefangen, und je mehr er sich wehrte, desto tiefer bohrten sie sich in sein Fell und seine Haut. Er sah Marie mit großen, angstvollen Augen an und winselte leise. Er zog den Schwanz ein und drückte sich flach auf den Boden, als er sie sah, aber er konnte nicht fliehen. Marie zögerte nur einen kurzen Moment. Dann kniete sie nieder und begann, vorsichtig die Ranken zu lösen. Der Hund zuckte zusammen, als ein Dorn seine Haut berührte, aber er knurrte nicht, er biss nicht. Er schien zu verstehen, dass sie ihm helfen wollte. Mit geduldigen, langsamen Bewegungen befreite sie ihn Stück für Stück aus seinem dornigen Gefängnis. Ihre Hände wurden von den spitzen Dornen zerkratzt, aber sie spürte den Schmerz kaum. Sie war ganz auf den Hund konzentriert. Als die letzte Ranke nachgab, machte der Hund einen Satz nach vorne, weg von den Brombeeren. Dann blieb er stehen, drehte sich um und sah Marie an. Er winselte wieder, aber diesmal klang es anders. Es klang dankbar. Er kam zögernd auf sie zu und leckte ihr kurz über die Hand. Marie musste lächeln, trotz allem. „Bist du jetzt wieder frei?“, fragte sie leise. Der Hund wedelte schwach mit dem Schwanz. Dann drehte er sich um, schnupperte in die Luft und trottete davon, blieb aber nach ein paar Metern wieder stehen und sah sich nach ihr um. Er schien zu warten. Marie seufzte. Sie hatte einen Hund befreit, aber ihren Odin noch nicht gefunden. Sie stand auf und wollte sich wieder auf die Suche machen. Aber der Hund kam ein Stück zurück, winselte und trottete dann wieder ein paar Schritte in die Richtung, aus der Marie gekommen war. Er sah sie an, als wolle er sagen: „Komm mit!“ Sie zögerte. Der Hund schien etwas von ihr zu wollen. Er führte sie nicht tiefer in den Wald, sondern zurück in die Richtung, aus der sie gekommen war. Vielleicht, dachte sie, gehörte er jemandem. Vielleicht gab es in der Nähe einen Wanderer, der helfen konnte. Jede Hilfe war willkommen. Also folgte sie dem Hund, der immer wieder stehen blieb, um sich zu vergewissern, dass sie ihm auch folgte. Er führte sie durch ein Stück Wald, das sie nicht kannte, über einen kleinen Bach, der über glatte Steine plätscherte, und schließlich zu einem schmalen, aber deutlich erkennbaren Weg. Auf diesem Weg, der breiter war als die Pfade, die sie zuvor gegangen war, blieb der Hund plötzlich stehen und begann, aufgeregt zu bellen. Marie lauschte. Zuerst hörte sie nichts. Aber dann, ganz schwach, hörte sie es. Ein Geräusch, das ihr das Blut in den Adern gefrieren ließ. Es war ein schrilles, angstvolles Wiehern. Es war Odin. Sie kannte sein Wiehern unter tausenden. Es war ein Laut der Verzweiflung, der Angst. Ihr Herz raste. Sie rannte los, dem Klang entgegen, der Hund bellte aufgeregt neben ihr her. Der Weg machte eine Biegung, und dann sah sie ihn. Odin stand am Rand einer kleinen Lichtung, eingeklemmt zwischen zwei dicken Baumstämmen, die umgestürzt waren und sich gegenseitig blockierten. Er musste in seiner Panik genau in diese Falle hineingerast sein und steckte nun fest. Er zitterte am ganzen Leib, der Schweiß stand ihm auf dem Fell, und in seinen Augen war nackte Angst. Als er Marie sah, wieherte er wieder, ein herzzerreißender Laut der Erleichterung und des Flehens.