Dominik Mikulaschek, geboren 1983 in Linz, ist bekannt für seine einfühlsamen Erzählungen über Freundschaft und Mut. In seinem Kinderbuch „Das Geheimnis, das uns trennt“ entführt er junge Leser in eine packende Mystery-Geschichte voller Spannung und emotionaler Tiefe. Mit feinem Gespür für die Ängste und Hoffnungen von Kindern erzählt er die Geschichte von Mia und ihren Freunden, die eines Tages einen rätselhaften Zettel in ihrem Spind finden: „Wenn ihr das ausgrabt, verliert ihr euch.“ Was als harmlose Neugier beginnt, wird schnell zu einer gefährlichen Suche nach der Wahrheit über ein altes Feuer, das vor Jahren fast einen kleinen Jungen das Leben gekostet hätte. Je tiefer die Clique gräbt, desto mehr Misstrauen schleicht sich in ihre Freundschaft, und sie müssen lernen, dass Wahrheit manchmal weh tut – aber auch heilen kann. Sein Buch ist ein bezauberndes Plädoyer für Zusammenhalt, Loyalität und die Kraft der Freundschaft, das zeigt, wie selbst das dunkelste Geheimnis durch Vertrauen und Mut ans Licht gebracht werden kann.
Dominik Mikulaschek
Das Geheimnis, das uns trennt
Freundschaft, Misstrauen und ein altes Geheimnis – ein spannendes Kinderbuch ab 10 Jahren
tredition GmbH
© 2026 Dominik Mikulaschek
Druck und Distribution im Auftrag des Autors:
tredition GmbH, Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Deutschland
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter: Dominik Mikulaschek, Holzwurmweg 5, 4040 Linz, Austria.
Kapitel 1 – Das Ding, das nicht existieren dürfte
Mittwochmorgen, sieben Uhr vierundvierzig, und Mia wusste schon jetzt, dass dieser Tag scheiße werden würde. Nicht weil irgendwas passiert war. Sondern weil nichts passiert war. Seit Tagen nichts. Seit dieser einen Sache mit Lina im Schulhof, über die keiner redete, aber die wie ein Stein in ihrer Tasche lag, den man ständig spürte, egal wie oft man die Hand reinsteckte, um nachzusehen, ob er noch da war. Sie schob das Fahrrad in den Ständer vor der Schule, drückte das Schloss zu, bis es klick machte, und atmete tief durch. Die Luft roch nach Herbst und den letzten Blumen, die irgendjemand in die Kästen vor dem Haupteingang gepflanzt hatte, rot und orange, als wollten sie beweisen, dass Sommer noch nicht ganz vorbei war. Dabei war er das. Vorbei. Wie so vieles. „Mia!“ Noah winkte von der Treppe, seine Tasche hing schief über einer Schulter, die Haare standen in alle Richtungen, als hätte er verschlafen und sich dann doch für Stil entschieden. Neben ihm Sam, die Hände in den Jackentaschen, den Blick aufs Handy gerichtet, aber das war bei Sam normal. Sam checkte immer alles dreimal. Wetter, Nachrichten, ob irgendwer was gepostet hatte, was man wissen musste. Sam wusste immer alles vor allen anderen. Mia zog die Schultern hoch und ging rüber. „Morgen.“ „Bisschen begeistert heute“, sagte Sam, ohne aufzublicken. „Krieg ich fast Gänsehaut vor Freude.“ „Lass sie“, sagte Noah und grinste. „Mia ist einfach ein Morgenmuffel. Aber ein sympathischer.“ „Bin ich nicht“, sagte Mia, aber sie grinste zurück, nur ganz kurz. „Wo ist Lina?“ Die Frage hing einen Moment zu lang in der Luft. Sam sah endlich vom Handy auf, Noah zuckte mit den Schultern, aber es war dieses Zucken, das zu schnell kam, zu gleichgültig sein sollte und es nicht war. „Keine Ahnung“, sagte Noah. „Vielleicht krank?“ „Lina ist nie krank“, sagte Mia. „Doch“, sagte Sam. „Letztes Jahr. Drei Tage. Halsschmerzen.“ „Das zählt nicht, das war im Mai.“ Mia schob sich zwischen den beiden durch zur Tür. „Kommt. Ich will nicht schon wieder zu spät kommen.“ Drinnen roch es nach Putzmittel und den fettigen Brötchen aus der Cafeteria, die eigentlich immer nur bis zehn Uhr morgens frisch waren, aber trotzdem irgendwie nie. Die Flure füllten sich, Rucksäcke schlugen gegen Schienbeine, irgendwo lachte jemand zu laut über irgendwas, das gar nicht lustig sein konnte. Mia liebte diesen Lärm normalerweise. Er war wie eine Decke, unter der man verschwinden konnte, einfach Teil von etwas sein, ohne auffallen zu müssen. Aber heute dröhnte er nur in ihrem Kopf. Sie checkte ihr Handy, während sie zum Spind ging. Keine Nachricht von Lina. Nicht seit gestern Abend, als Mia gefragt hatte, ob sie Mathe zusammen machen wollten, und Lina nur mit „Geht nicht“ geantwortet hatte. Kein Grund. Kein „vielleicht morgen“. Nur „Geht nicht“. Punkt. Mia steckte das Handy weg, tippte die Zahlenkombination ihres Schlosses, und der Spind sprang auf mit diesem metallischen Klack, den sie auswendig kannte. Sie warf ihre Jacke rein, zog das Mathebuch raus, und dann sah sie es. Ein Zettel. Er klebte an der Innenseite der Spindtür, genau auf Augenhöhe, als hätte jemand gewollt, dass sie ihn sofort sieht. Kleiner, gelber Notizzettel, die Sorte, die es im Lehrerzimmer in Blöcken gab, mit diesem Klebestreifen auf der Rückseite, der nach ein paar Stunden nie mehr hielt. Aber dieser hier hielt. Und darauf stand, mit schwarzem Kugelschreiber, in einer Schrift, die Mia nicht kannte: Wenn ihr das ausgrabt, verliert ihr euch. Mia starrte drauf. Ihre Finger waren noch am Jackenreißverschluss, aber sie bewegte sich nicht. Fünf Sekunden. Zehn. Der Lärm um sie herum war plötzlich ganz weit weg, wie durch eine dicke Glasscheibe. „Hey, alles okay?“ Noah stand hinter ihr, den Kopf schräg gelegt, und als sie nicht sofort antwortete, trat er näher und sah in den Spind. Sein Gesicht veränderte sich. Nicht viel, aber genug. Die kleine Falte zwischen seinen Augenbrauen, die immer kam, wenn er nachdachte, oder wenn ihm was nicht passte. „Was ist das?“ „Keine Ahnung“, sagte Mia. Ihre Stimme klang fremd. Zu ruhig. Sie zog den Zettel ab, ganz vorsichtig, als könnte er zerreißen oder sich in Luft auflösen. Auf der Rückseite war nichts. Nur dieser eine Satz, acht Wörter, die sich in ihren Kopf fraßen wie Tinte in Löschpapier. „Lass mich mal sehen.“ Sam war aufgetaucht, keine Ahnung wann, und hielt schon die Hand auf. Mia gab ihr den Zettel, und Sam drehte ihn hin und her, hielt ihn gegen das Licht, roch sogar dran. „Normaler Kleber. Normales Papier. Kuli, schwarz, billig. Keine besonderen Merkmale.“ „Du riechst an Zetteln?“, fragte Noah. „Manchmal. Wenn sie komisch sind.“ Sam sah Mia an. „Wann warst du das letzte Mal am Spind?“ „Gestern Nachmittag. Nach der sechsten Stunde. Hab mein Sportzeug rausgeholt und dann bin ich heim.“ „Und seitdem nicht mehr aufgemacht?“ „Nein. Wieso auch?“ Sam zuckte mit den Schultern und gab ihr den Zettel zurück. „Dann war es entweder gestern zwischen sechster Stunde und jetzt, oder heute früh. Spindschlösser knacken ist nicht so schwer, wenn man weiß wie. Aber warum sollte jemand deinen Spind knacken, um dir ’nen Zettel reinzulegen?“ „Vielleicht war’s nicht mein Spind“, sagte Mia langsam. „Vielleicht war’s einfach ein Spind. Und ich hab zufällig den erwischt.“ „Oder es war genau deiner“, sagte Noah. „Weil du du bist.“ Die Worte hingen zwischen ihnen. Mia wusste, was er meinte, aber sie wollte es nicht aussprechen. Seit Wochen war da dieses Gefühl, dass irgendwas nicht stimmte. Dass Lina anders war. Dass die Clique nicht mehr so funktionierte wie früher. Dass Gespräche plötzlich abgebrochen wurden, wenn sie dazu kam. Vielleicht bildete sie sich das ein. Vielleicht war es nur Herbst und Müdigkeit und diese blöde Phase, in der alle zwölf waren und sich irgendwie neu sortieren mussten. Aber vielleicht auch nicht. „Zeig her.“ Mia zuckte zusammen. Lina stand neben ihr. Keine Ahnung, wo sie plötzlich herkam, aber sie war da, und ihre Augen waren rot gerändert, als hätte sie schlecht geschlafen oder geweint oder beides. Lina nahm den Zettel, ohne zu fragen, und las den Satz. Einmal. Zweimal. Ihr Gesicht blieb völlig ausdruckslos. „Komisch“, sagte sie nur und gab ihn zurück. „Wegschmeißen.“ „Wegschmeißen?“, fragte Mia. „Ernsthaft? Da steht ‚Wenn ihr das ausgrabt, verliert ihr euch‘. Das ist doch keine Mathe-Hausaufgabe, die man wegschmeißt. Das ist eine Drohung. Oder eine Warnung. Oder beides.“ „Es ist ein Zettel“, sagte Lina. Ihre Stimme war flach. „Von irgendeinem Idioten, der sich einen Scherz erlaubt. Passiert ständig. Letzte Woche hat jemand ‚Tote Kellerkinder‘ an die Toilettentür gesprüht. War auch nur Farbe.“ „Das ist nicht dasselbe“, sagte Sam. „Das war Graffiti, anonym, für alle. Das hier ist persönlich. In Mias Spind. Gezielt.“ Lina zuckte mit den Schultern. „Dann hat’s halt jemand auf sie abgesehen. Was soll’s. Vergiss es einfach.“ Sie drehte sich um und ging den Flur runter, Richtung Klassenzimmer, ohne sich noch einmal umzusehen. Mia sah ihr nach. Das Herz klopfte ihr bis zum Hals, aber nicht vor Angst. Vor Wut. Lina hatte recht gehabt, irgendwie, es war nur ein Zettel, aber es war die Art, wie sie es gesagt hatte. Dieses kalte Schulterzucken. Dieses „Vergiss es einfach“, als wäre Mia ein kleines Kind, das sich über einen blöden Traum aufregt. „Was war das denn?“, fragte Noah leise. „Keine Ahnung“, sagte Mia. Sie steckte den Zettel in ihre Jackentasche, ganz tief runter, bis er den Stoff berührte. „Aber ich vergesse gar nichts.“ Die erste Stunde war Mathe, und Mathe war sowieso schon schlimm genug, aber heute war es Folter. Mia saß in der dritten Reihe, direkt hinter Lina, und die ganze Zeit starrte sie auf diesen Hinterkopf. Auf die Art, wie Lina sich nicht einmal umdrehte. Wie sie mit Sam redete, die neben ihr saß, aber so leise, dass Mia nichts verstand. Wie sie lachte, als Herr Brenner einen Witz über Parabeln machte, der überhaupt nicht lustig war. Mias Handy lag in ihrer Tasche, direkt unter dem Zettel. Einmal wollte sie es rausholen und Lina eine Nachricht schicken. Nur drei Worte: „Was ist los?“ Aber sie tat es nicht. Weil sie die Antwort schon kannte. Nichts. Gar nichts. Alles okay. Und das war es ja offensichtlich nicht. In der Pause setzte sie sich auf die Bank vor der Bibliothek, wo sie immer saßen, aber Lina kam nicht. Sam kam nicht. Nur Noah, mit zwei Apfeltaschen aus der Cafeteria, eine für sie, eine für ihn. „Sie ist auf dem Klo“, sagte er und setzte sich. „Lina, mein ich. Sam ist bei ihr.“ „Seit wann gehen Sam und Lina zusammen aufs Klo?“ Noah zuckte mit den Schultern und biss in seine Tasche. „Keine Ahnung. Vielleicht Mädchenkram.“ „Sam ist nicht ‚Mädchenkram‘-Typ.“ „Sam ist nicht viel Typ“, sagte Noah. „Aber vielleicht ist ja wirklich was. Mit Lina, mein ich. Vielleicht ist sie krank oder so. Oder Streit zu Hause. Sowas.“ Mia sah ihn an. „Du glaubst das nicht mal selbst.“ Noah kaute langsamer. Dann schluckte er. „Nein. Aber ich will nicht immer denken, dass was Schlimmes ist. Das macht müde.“ „Manchmal ist was Schlimmes.“ „Ja. Aber manchmal auch nicht.“ Er sah sie an, und in seinen Augen war dieser Blick, den Mia nicht ausstehen konnte, weil er so verdammt verständnisvoll war. „Du hast den Zettel noch?“ Mia nickte und zog ihn aus der Tasche. Sie hatte ihn mehrmals gefaltet, damit er nicht verknitterte, aber jetzt glättete sie ihn auf ihrem Knie. Die Buchstaben waren immer noch da. Immer noch schwarz. Immer noch dieser Satz. „Wenn ihr das ausgrabt, verliert ihr euch“, las Noah leise. „Was könnte das heißen? Was graben wir aus?“ „Keine Ahnung. Vielleicht ist es nur so ein Spruch. So ein cooler Satz, den irgendwer cool findet.“ „Zu cool für unsere Schule“, sagte Noah. „Hier schreibt doch keiner cool. Hier schreiben sie an die Wände, wenn überhaupt.“ Musste sie ihm recht geben. Die Graffitis an der Schultoilette waren entweder Namen mit Herzen oder Beleidigungen oder dieser eine Typ, der seit zwei Jahren überall „Fussel“ hinschmierte, weil sein Spitzname wohl Fussel war oder weil er Fussel cool fand, niemand wusste es genau. Aber sowas wie diesen Zettel, mit dieser Schrift, diesem Satz, das hatte sie noch nie gesehen. „Wir könnten fragen“, sagte Mia langsam. „In der Klasse. Ob noch jemand so einen Zettel bekommen hat.“ „Und dann? Dann weiß es jeder, und es wird noch komischer.“ „Oder wir finden raus, wer es war.“ Noah seufzte. „Mia, es ist ein Zettel. Kein Detektivfall. Vielleicht hat Lina echt recht. Vielleicht ist es wirklich nur ein blöder Scherz.“ „Glaubst du das?“ Er antwortete nicht. Das war Antwort genug. Nach der vierten Stunde, direkt vor Bio, fing Sam sie auf dem Flur ab. Ihr Gesicht war ernst, aber das war es ja immer, nur heute war da noch was anderes. Eine Spannung in den Schultern, ein Zucken im Kiefer, das Mia noch nie gesehen hatte. „Komm mit“, sagte Sam. Keine Frage. Nur diese zwei Worte. „Wohin?“ „Bibliothek. Ich muss dir was zeigen.“ Mia wollte fragen, warum, wollte sagen, dass Bio in fünf Minuten anfing und Herr Weber sie hasste, wenn sie zu spät kam, aber Sam war schon losgegangen, also folgte sie ihr einfach. Durch den Flur, die Treppe runter, vorbei an der Cafeteria, wo es nach Pommes roch, die niemand mehr wollte, weil sie schon seit einer Stunde unter der Wärmeleuchte lagen. Die Bibliothek war am Ende des Gangs, eine alte Glastür mit Milchglas, durch die man nur Schatten sah. Sam drückte sie auf, und drinnen war es still und roch nach Papier und diesem speziellen Bibliotheksgeruch, den Mia immer mochte, weil er nach Geheimnissen roch. Hinter dem Tresen saß Frau Chen, die Bibliothekarin, und sortierte Bücher in einen Stapel. Sie sah auf, als die beiden reinkamen, aber Sam winkte nur kurz und ging weiter nach hinten, in die Ecke, wo die alten Zeitungen lagen. Die, die niemand mehr lesen wollte, weil alles online stand, aber die aus irgendeinem Grund immer noch aufbewahrt wurden, in dicken, schweren Ordnern, die nach Staub rochen. „Hier“, sagte Sam und zog einen dieser Ordner raus. „Lokales, von vor fünf Jahren. Guck dir das an.“ Mia beugte sich über den Ordner. Oben drauf lag eine Zeitungsseite, vergilbt an den Rändern, mit einem Artikel, der halb markiert war. Jemand hatte mit gelbem Textmarker ein paar Zeilen angemalt. Mia las. Schulfest endet im Chaos – Feuer im Geräteschuppen Stadt, 15. September. Was als fröhliches Schulfest begann, endete gestern Abend in einem Großeinsatz der Feuerwehr. Gegen 20 Uhr brach im alten Geräteschuppen auf dem Schulgelände ein Feuer aus, das schnell auf die angrenzende Gartenlaube übergriff. Verletzt wurde niemand, doch die Polizei ermittelt wegen des Verdachts der Brandstiftung. Erste Zeugenaussagen deuten auf mehrere Jugendliche hin, die sich kurz vor dem Ausbruch des Feuers in der Nähe aufgehalten haben sollen. Die Schulleitung zeigte sich bestürzt und kündigte Konsequenzen an. Weitere Ermittlungen dauern an. Mia sah auf. „Und?“ „Lies weiter“, sagte Sam. Sie klang anders. Presste die Worte raus, als würde sie sich zwingen. Mia las weiter. Der Artikel war nicht lang, aber am Ende stand ein Name. Ein einziger Name, in einem Satz über die Zeugenaussagen. Eine Schülerin, die anonym bleiben möchte, gab an, kurz vor dem Feuer eine Auseinandersetzung zwischen mehreren Jugendlichen beobachtet zu haben. Laut ihrer Aussage soll dabei der Name „Lina“ gefallen sein. Mias Finger auf der Seite wurden ganz kalt. Sie starrte auf den Namen, auf diese vier Buchstaben, die da standen, schwarz auf vergilbtem Papier, als hätten sie dort immer schon sein sollen. Als hätten sie nur darauf gewartet, gefunden zu werden. „Lina?“, flüsterte sie. „Unsere Lina?“ Sam nickte langsam. „Sie war damals sieben. Oder acht. Aber sie war da. Auf dem Schulfest. Mit ihrer Familie, wahrscheinlich. Und irgendwas ist passiert. Irgendwas mit diesem Feuer.“ „Das ist doch Jahre her. Das kann nichts mit heute zu tun haben.“ „Kann es nicht?“, fragte Sam. Sie sah Mia an mit diesem Blick, der alles wusste, bevor man es selbst wusste. „Dann erklär mir, warum heute Morgen plötzlich ein Zettel in deinem Spind auftaucht, auf dem steht, wir sollen nichts ausgraben. Und warum Lina sich verhält, als hätte sie Angst. Und warum dieser Artikel genau den gleichen gelben Marker hat wie der, den wir letzte Woche im Kunstunterricht benutzt haben, als wir diese Collagen gemacht haben. Weißt du noch? Lina hatte so einen. Sie hat damit ihre Fotos markiert.“ Mia sah auf die Seite. Der gelbe Marker leuchtete wie eine Warnung. Wie eine Spur, die jemand gelegt hatte. Absichtlich. Damit sie gefunden wurde. „Wer hat dir das gezeigt?“, fragte Mia. „Wer hat diesen Ordner hierher gelegt?“ „Das ist es ja“, sagte Sam. Ihre Stimme zitterte, nur ganz leicht. „Niemand. Der Ordner lag einfach da. Auf dem Tisch, in der Ecke. Aufgeschlagen. Genau auf dieser Seite. Als hätte jemand gewollt, dass wir ihn finden.“ Mia spürte den Zettel in ihrer Tasche. Fühlte sein Gewicht, dieses leichte, dünne Papier, das plötzlich tonnenschwer war. Sie dachte an den Satz. Wenn ihr das ausgrabt, verliert ihr euch. Zu spät. Sie hatten schon angefangen. Und jetzt war die Frage nicht mehr, ob sie weitermachten. Sondern was sie finden würden, wenn sie nicht aufhörten.
Kapitel 2 – Ein Name im Schatten