Dominik Mikulaschek, geboren 1983 in Linz, ist bekannt für seine einfühlsamen Erzählungen über Freundschaft und Mut. In seinem Kinderbuch „Drachenblut und Hexenzahn – Das große Zauberfest“ entführt er junge Leser erneut in eine zauberhafte Welt voller Magie und Herzenswärme. Mit feinem Gespür für kindliche Ängste und Hoffnungen erzählt er die Geschichte des Mädchens Mila, das eines Morgens eine rätselhafte Einladung mit goldenem Rand erhält. Sie wird zur Gastgeberin eines magischen Festes ernannt, zu dem die ungewöhnlichsten Wesen erscheinen: Wichtel mit leuchtenden Laternen, Nixen aus dem Bach, der Sandmann, der Träume rieselt, und viele andere. Gemeinsam mit der chaotischen Hexe Hexenzahn und der sanften Drachenfrau Drachenblut bereitet Mila das Fest vor, doch bald gerät der Zauber außer Kontrolle. Girlanden verknoten sich von selbst, der Kuchen läuft davon, und ein wichtiger Gast bleibt verschwunden. Mila muss all ihren Mut zusammennehmen, sich allein in die dunkle Nacht aufmachen und das Geheimnis um den unsichtbaren Besucher lüften. Sein Buch ist ein bezauberndes Plädoyer für Toleranz, Mut und die Kraft der Freundschaft, das zeigt, wie selbst das einsamste Herz durch Vertrauen und Wärme neuen Mut fassen kann.
Dominik Mikulaschek
Drachenblut und Hexenzahn – Das große Zauberfest
Band 10
tredition GmbH
© 2026 Dominik Mikulaschek
Druck und Distribution im Auftrag des Autors:
tredition GmbH, Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Deutschland
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter: Dominik Mikulaschek, Holzwurmweg 5, 4040 Linz, Austria.
Kapitel 1 – Einladung mit Goldrand
Es war einmal ein kleines Dorf, das zwischen zwei Hügeln eingebettet lag und dessen Name so verschliffen war, dass ihn die meisten Menschen längst vergessen hatten, aber für die, die dort lebten, war es einfach nur das Dorf, und das genügte völlig. In diesem Dorf, in einem Haus mit einem schiefen Schornstein und Fensterläden, die aussahen, als hätte jemand vergessen, sie gerade zu hängen, wohnte ein Mädchen namens Mila. Mila hatte strohblondes Haar, das immer aussah, als wäre sie gerade gegen den Wind gelaufen, und Sommersprossen, die sich im Sommer vermehrten, als würden sie sich heimlich treffen. Sie war nicht besonders groß und nicht besonders klein, aber sie hatte eine Art, die Dinge zu betrachten, als ob sie darauf warten würde, dass sie anfingen zu tanzen. An diesem Morgen war es nicht anders. Sie saß am Küchentisch, die Knie unter dem Kinn, und starrte auf einen Brief, der vor ihr lag, als wäre er vom Mond gefallen. Die Sonne kroch gerade über die Fensterbank und malte einen goldenen Streifen auf das alte Holz, aber Mila sah nur den Umschlag. Er war dick und schwer, nicht aus diesem dünnen Papier, das man für Rechnungen oder traurige Nachrichten benutzte. Nein, dieses Papier fühlte sich an wie Stoff, wie etwas, das man anziehen könnte, und der Rand leuchtete in einem Gold, das nicht aufgemalt war, sondern wirklich da war, dünn und echt, als hätte jemand flüssiges Sonnenlicht darum gewickelt. Ihre Mutter war schon bei der Arbeit, der Vater holte Holz, und die Katze, die eigentlich schwarz war, aber immer grau aussah, weil sie sich im Staub wälzte, lag auf der Fensterbank und blinzelte faul. Mila rührte sich nicht. Der Brief war an sie adressiert, mit Tinte, die so schwarz war wie die Nacht ohne Sterne, und die Buchstaben tanzten ein wenig, als hätte der Schreiber eine wackelige Hand gehabt oder als hätten sie sich selbst hingesetzt. Sie drehte ihn um. Kein Absender. Nur ihr Name: Mila. Und dann, ganz klein, in der Ecke, ein Zeichen, das aussah wie ein Drache, der seinen eigenen Schwanz hielt, oder vielleicht war es eine Schlange, sie war sich nicht sicher. Ihr Herz klopfte gegen ihre Rippen, als wolle es auch lesen. Sie nahm den Brief, öffnete ihn mit einer Sorgfalt, als würde sie ein schlafendes Tier wecken, und zog ein Blatt heraus. Es war nicht weiß, sondern elfenbeinfarben, und als sie es berührte, fühlte es sich warm an, lebendig fast. Darauf stand, in genau denselben tanzenden Buchstaben: "Mila, du bist eingeladen. Komm allein. Komm heute. Komm, wenn die Sonne am höchsten steht, zum alten Hügel hinter der Mühle. Wir feiern. Und du darfst Gastgeberin sein." Darunter war kein Name, nur wieder das Drachen-Schlangen-Ding, und dann fiel ein zweites Blatt heraus, kleiner, mit einer Liste: "Girlanden, Kuchen, Musik, Feuerwerk, Gäste." Mila blinzelte. Die Liste bewegte sich, die Wörter tauschten die Plätze, als würden sie sich sortieren wollen, und dann stand da: "Alles muss bereit sein. Aber nichts wird, wie du denkst." Sie las es dreimal, dann fünfmal, dann steckte sie den Brief zurück in den Umschlag, so schnell, als hätte er sie gebissen. Die Katze auf dem Fensterbrett machte ein Geräusch, das wie ein Lachen klang, aber Katzen können nicht lachen, dachte Mila, oder doch? Sie stand auf, so plötzlich, dass der Stuhl hinter ihr kippte, und rannte nach draußen, den Brief in der Hand. Die Luft war frisch, nach dem kalten Morgen, und roch nach Gras und ein bisschen nach Kuh, weil der Bauer nebenan mistete. Mila lief über die Wiese, vorbei an den Hühnern, die erschreckt auseinanderstoben, und blieb erst stehen, als sie am Bach war, der hinter dem Dorf plätscherte. Sie setzte sich ins Gras, das noch nass war vom Tau, und zog den Brief wieder hervor. Vielleicht war es ein Traum? Aber der Umschlag war nass geworden an den Rändern, und das Gold glänzte immer noch, unberührt. Sie roch daran. Nach Vanille und ein bisschen nach Rauch, wie nach einem Lagerfeuer, bei dem man Stockbrot gemacht hatte. Ihr Magen knurrte, aber das war egal. Sie musste zu diesem Hügel. Sie musste wissen, wer das geschrieben hatte. Und dann, ganz leise, flüsterte sie in die Luft hinein: "Gastgeberin? Ich?" Die Luft antwortete nicht, aber der Bach plätscherte ein bisschen lauter, und Mila nickte, als hätte sie eine Antwort bekommen. Sie verbrachte den Vormittag damit, sich zu verstecken. Nicht vor jemandem, sondern vor der Zeit, die ihr nicht schnell genug verging, und vor den Gedanken, die in ihrem Kopf Purzelbäume schlugen. Sie half der Mutter beim Wäscheaufhängen, aber die Wäscheklammern fielen ihr aus der Hand, weil ihre Finger zitterten. Sie fütterte die Hühner, aber schüttete das Korn neben den Napf, und die Hühner pickten es trotzdem auf, Hühner sind nicht wählerisch. Sie versuchte zu lesen, aber die Buchstaben in ihrem Buch wollten sich nicht zu Wörtern fügen, sie sahen alle aus wie die tanzenden Buchstaben auf der Einladung. Als die Sonne endlich höher kroch und der Schatten des Hauses kürzer wurde, konnte sie nicht mehr stillsitzen. Sie sagte ihrer Mutter, sie würde zu Lina gehen, um zu spielen, aber das war nur halb gelogen, denn vielleicht, dachte sie, war das ja ein Spiel? Ein sehr seltsames Spiel? Sie lief los, den Weg zur alten Mühle hinauf, die schon seit Jahren nicht mehr gemahlen hatte und deren Flügel aussahen wie müde Arme. Hinter der Mühle, da stand es in dem Brief, und als sie um die Ecke bog, sah sie den Hügel. Es war nicht wirklich ein Hügel, eher eine dicke Erhebung im Feld, bewachsen mit Gras und ein paar löchrigen Löwenzahnblüten. Da war niemand. Nur der Wind, der das Gras strich, und weit weg eine Krähe, die rief. Mila setzte sich ins Gras, den Brief in der Tasche, und wartete. Sie wartete lange, so lange, dass sie anfing, Grashalme auszureißen und in kleine Stücke zu zupfen. Die Sonne brannte jetzt auf ihren Kopf, und sie überlegte schon, ob sie sich verlesen hatte, ob vielleicht ein anderer Hügel gemeint war, oder ein anderer Tag, als die Luft vor ihr anfing zu flirren. Nicht wie Hitze, sondern wie wenn man in ein Wasser blickt und die Steine auf dem Grund sich bewegen. Das Flirren wurde dichter, bekam Farben, Grün und Lila und ein Blau, das sie noch nie gesehen hatte, und dann standen sie da: zwei Gestalten. Die eine war klein und rundlich, mit einem Gesicht voller Runzeln und einer Nase, die aussah wie eine vergessene Kartoffel. Auf dem Kopf trug sie einen Hut, der viel zu groß war und von dem ständig etwas herunterrieselte, was wie Sternenstaub aussah oder vielleicht Schuppen. Die andere war groß und dünn, mit einer Haut, die schimmerte, als wäre sie mit feinem Goldstaub bestäubt, und Augen, die rot waren wie Rubin, aber freundlich, als hätte jemand zwei kleine Lampen hineingesetzt. Sie hatte Flügel, die eng am Körper anlagen, wie bei einer Fledermaus, aber durchsichtig am Rand, und als sie lächelte, zeigte sie Zähne, die ein bisschen spitz waren, aber nicht gefährlich. Mila sprang auf, so schnell, dass ihr Schuh davonflog. Sie starrte die beiden an, und die beiden starrten zurück. Dann machte die kleine Rundliche einen Knicks, der so tief war, dass ihr Hut fast von ihrem Kopf rutschte, und sagte mit einer Stimme, die klang wie knisterndes Papier: "Sei gegrüßt, Mila. Ich bin Hexenzahn. Und das da", sie zeigte mit einem krummen Finger auf die Große, "ist Drachenblut. Wir sind die, die dich eingeladen haben." Drachenblut verbeugte sich, und es raschelte, als ob trockene Blätter über Steine wehten. "Wir brauchen deine Hilfe", sagte sie, und ihre Stimme war tief und samtig, wie ein fernes Gewitter. "Wir wollen ein Fest feiern. Das größte Zauberfest seit hundert Jahren. Aber wir Zauberwesen, wir können nicht einfach so feiern. Wir brauchen einen Gastgeber. Einen Menschen. Jemanden, der das Fest zusammenhält, der dafür sorgt, dass der Zauber nicht überkocht. Und wir haben an dich gedacht." Mila schluckte. Ihr fehlte ein Schuh, ihre Haare klebten an der Stirn, und sie hatte das Gefühl, ihr Gehirn wäre zu Brei geworden. "Aber warum ich?", stammelte sie. "Ich kann doch nichts Besonderes. Ich wohne im Dorf, ich gehe zur Schule, ich ... ich hab noch nicht mal ein Haustier, das nicht normal ist." Hexenzahn kicherte, und es klang wie fallende Murmeln. "Eben deshalb. Du bist normal. Du bist der Anker. Wenn wir feiern, wird der Zauber wild, er will tanzen und springen und Purzelbäume schlagen. Aber wenn du da bist, mit deiner ruhigen Art, dann bleibt er freundlich. Dann wird aus Chaos ein Fest." Drachenblut nickte. "Es ist eine große Ehre. Aber auch eine große Aufgabe. Die Gästeliste ist lang, und nicht alle Gäste sind ... einfach. Der Kuchen neigt dazu, wegzulaufen, wenn man nicht aufpasst. Die Girlanden verknoten sich aus purer Bosheit. Und die Musik ... nun, die Musik lebt in einer Teetasse und kommt nur raus, wenn man den richtigen Ton trifft." Mila musste lachen. Es war ein nervöses Lachen, aber es war ein Lachen. "Das klingt ja, als wäre das Fest schon jetzt ein einziges Chaos." "Oh, das wird es auch", sagte Hexenzahn fröhlich. "Aber ein schönes Chaos. Ein fröhliches. Und du wirst die Mitte sein, um die alles kreist." Sie zog ein zusammengerolltes Blatt aus ihrem Hut, das viel zu groß war, um da hineingepasst zu haben. "Hier ist die Liste. Lies sie. Aber beeil dich. Das Fest ist heute Nacht, wenn der Mond aufgeht." Mila nahm das Blatt. Es war schwerer als der Brief, und als sie es aufrollte, sah sie Namen, die sich bewegten, Dinge, die auf- und abtauchten: "Drei Wassernixen aus dem Mühlteich, ein Rudel Wichtel aus dem Wurzelwerk, der Sandmann (nur bis Mitternacht), die sieben Winde, ein vergessener Riese (er schläft meist, weckt ihn nicht), und viele viele mehr." Drachenblut beugte sich zu ihr herunter, und ihr Atem roch nach Minze und heißer Luft. "Fang mit den einfachen Dingen an. Die Girlanden, den Kuchen. Das Feuerwerk übernehme ich, das ist meine Spezialität. Aber pass auf, dass Hexenzahn nicht zu viel plant. Sie neigt dazu, sich zu verzetteln." "Ich höre dich!", rief Hexenzahn empört, und ihr Hut rieselte noch mehr Staub. "Ich plane genau richtig. Ein Fest braucht Struktur. Ohne mich würde alles drunter und drüber gehen." "Es wird trotzdem drunter und drüber gehen", sagte Drachenblut gelassen. "Aber es wird unser Drunter und Drüber sein." Mila stand da, die Liste in der Hand, und fühlte sich, als wäre sie in ein Bilderbuch gefallen. Vor einer Stunde hatte sie noch Wäsche aufgehängt, und jetzt stand sie hier, zwischen einer Hexe und einem Drachen, und sollte ein Zauberfest organisieren. "Okay", sagte sie leise, und dann lauter: "Okay. Ich mach das. Aber ihr müsst mir helfen. Ich hab noch nie eine Girlande gemacht, die nicht aus Papier war. Und Kuchen, der davonläuft? Wie fängt man den?" Hexenzahn strahlte, und ihre Runzeln wurden zu kleinen Lachen. "Das ist die richtige Einstellung! Keine Angst, wir lernen zusammen. Komm, setz dich. Wir machen einen Plan." Sie ließen sich alle drei ins Gras fallen, und Drachenblut faltete ihre Flügel wie einen Mantel um sich. Die Sonne stand jetzt genau über ihnen, und Mila vergaß ihre nasse Hose und den fehlenden Schuh. Sie vergaß das Dorf und die Hühner und die Wäsche. Sie tauchte ein in eine Welt, die sie bisher nur aus Büchern kannte, und merkte gar nicht, wie die Zeit verging. Hexenzahn holte ein Stück Kreide aus ihrer Tasche und malte Kreise ins Gras, die aussahen wie Pläne, und Drachenblut flüsterte ihr ins Ohr, wie man Feuerwerk macht, das nicht knallt, sondern singt. Und Mila, die ganz normale Mila aus dem vergessenen Dorf, hörte zu, fragte nach, und in ihrem Kopf begann ein Fest Gestalt anzunehmen, das größer war als alles, was sie sich je erträumt hatte. Sie wusste noch nicht, dass der Kuchen nicht nur davonlaufen, sondern auch frech werden würde. Sie wusste noch nicht, dass die Girlanden sich nicht nur verknoten, sondern auch kichern konnten. Sie wusste noch nicht, dass ein wichtiger Gast fehlen würde und dass sie mitten in der Nacht suchen gehen müsste, allein, mit nichts als einem leuchtenden Stein in der Hand. Aber das alles würde sie bald lernen. Denn das Fest hatte bereits begonnen, noch bevor der erste Gast kam. Der Zauber war in der Luft, man konnte ihn schmecken, süß und ein bisschen scharf, und Mila atmete tief ein. Sie war bereit. Oder zumindest dachte sie das.