Geschichten vom Dachboden 3 - Marc Brasil - E-Book

Geschichten vom Dachboden 3 E-Book

Marc Brasil

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Beschreibung

Dieses Buch ist die Fortsetzung von "Geschichten vom Dachboden 2 – Auf Spurensuch vor 100 Jahren". Motiviert durch mehr als 100 interessierte Leser für mein erstes Buch erzähle ich die Geschichte des Kriegsteilnehmers Wolfgang Schucht und seiner Familie in der Zeit des Ersten Weltkriegs weiter. Stets haben mich Berichte über archäologische Grabungen und Recherchen zu vergangenen Ereignissen und Menschenleben fasziniert. Wenn es durch wissenschaftliche Forschungsarbeiten gelang, Geschichte zu rekonstruieren, über welche sich längst der Schleier der Zeit gelegt hatte, so fesselte mich deren Publikation. Es entstand der Wunsch auch selbst dazu beitragen zu können, diesen Schleier ein wenig zu lüften. Mein Betätigungsfeld als Hobby-Historiker sind dabei die Lebensläufe von Personen und Familien, welche in der Zeit des Ersten Weltkriegs lebten. Menschen, die in einer ereignisreichen Zeit existierten, deren Vita mitreißende Höhen und Tiefen aufweisen und spannende Wendungen vollziehen und deren Namen doch niemand mehr kennt. Menschen, deren bescheidener Nachlass ein Bündel Papier ist, welches so oft in die Hände verschiedener Sammler zerstreut wird damit dieses letzte Zeugnis auslöscht. Kein Nachkomme existiert mehr, der sich für diese Ahnen interessiert, kein Grabstein steht in einem Friedhof und gibt letzte Kunde von deren Dasein, ein Leben wie viele andere Millionen Erdenbürger, die die Geschichte verschlungen hat und nie wieder ausliefern wird. Durch zeit- und kostenintensive Forschungsarbeit kann ich einigen Weltenbürgern dieses Schicksal ersparen. Deren bewegtes Leben wird durch Veröffentlichung als Buch und Archivierung in der Deutschen Nationalbibliothek mit Vergabe einer ISBN-Nummer auch noch in vielen Jahren interessierten Lesern zur Verfügung stehen.

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Seitenzahl: 410

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Vorwort

Ich freue mich außerordentlich, dass ich mein Versprechen, welches ich in „Geschichten vom Dachboden 2“ gegeben habe, einlösen kann. Und dies schneller als ich es für möglich gehalten habe. Kaum hatte ich im Mai 2017 mein zweites Buch veröffentlicht, bekam ich die Chance fast noch einmal genauso viele Briefe und Feldpostkarten der Familie Schucht von einem Händler erwerben zu können. Ich habe sofort zugeschlagen. Gespannt war ich auf das weitere Schicksal von Wolfgang und seiner Familie und deren Freunde und Bekannte. Ohne Hörde zu kennen, bin ich doch ein kleiner „Hörder“ geworden und erhalte Gelegenheit, noch einmal 100 Jahre zurückzureisen in das kleine Städtchen. Wie geht es Wanda und Professor Schucht, wie geht es auf dem Realgymnasium, was machen Direktor Adams und die anderen Lehrer? Ich stelle mir die umliegenden Geschäfte vor. Wanda Schucht besorgt Wolfgangs Fotosachen in der Drogerie von August Piel, holt sich die Backwaren bei August Gockel und Heinrich Schucht sucht für sich und Wolfgang interessante Bücher in der Buchhandlung bei Louis Halbach aus. Und wie geht es mit Wolfgang und seinen ehemaligen Mitschülern und Freunden in den zunehmend verlustreichen Kriegsjahren weiter? Überleben sie den Krieg? Ich habe mich umgehend Tag und Nacht an die Transkription des Konvolutes gemacht. Nach erster Sichtung konnte ich erkennen, dass es überwiegend Briefe und Karten von Wolfgang Schucht an seine Eltern und einige Korrespondenz seiner Eltern an Wolfgang waren. Der zweite Teil des Konvolutes schließt lückenlos an den ersten Teil an, welcher mit einem Telegramm aus dem Elsaß vom 1.8.1916 endete und die Abreise Wolfgangs mitteilte. „Geschichten vom Dachboden 3“ ist somit die Fortsetzung meines zweiten Buches. Aber lassen wir Familie Schucht ihre Geschichte selbst weitererzählen. Ich kann versprechen, dass es sehr spannend wird.

20.Oktober 2017

Marc Brasil

Auf Bahnfahrt gen Süden

Während Wolfgang Schucht seinen Urlaub bei seinen Eltern in Hörde verbringt, wird im Juli 1916 der Schallmeßtrupp 5 aus Flandern abgezogen. An der Front in Belgien zurück, wird Wolfgang mit weiteren Kameraden, welche den Abzug Ihres Truppenteils versäumt haben, nach Hagenau ins Elsaß versetzt. Dort erhält er am 1.August 1916 den Befehl zu seiner Einheit zurückzukehren. Inzwischen hat man ihm auch mitgeteilt, dass der Schallmeßtrupp 5 in Mazedonien liegt und Wolfgang freut sich, endlich dem tristen Alltag in Belgien entflohen zu sein, wo er nun bald zwei Jahre stand. Er möchte andere Länder und Kulturen kennenlernen und macht sich mit Neugier auf die lange Bahnfahrt. In Hagenau hatte er noch etwas Zeit gefunden, sich durch Kameraden und in diversen Zeitungen über die Südfront zu informieren. Bulgarien war auf Seiten der Mittelmächte am 14.Oktober 1915 in den Krieg eingetreten. Zusammen mit den deutschen und österreichisch-ungarischen Verbündeten war ein Feldzug gegen Serbien erfolgt, der zum Fall Serbiens, der Besetzung des Landes und insbesondere zu einer Öffnung einer Landverbindung zur verbündeten Türkei geführt hatte. Die Allierten versuchten durch Anlandung englischer und französischer Kräfte in Saloniki in Griechenland, die Serben durch einen Vorstoss nach Norden militärisch zu unterstützen. An der griechischen Grenze war so ein neuer Frontabschnitt entstanden, der sich wie an der Westfront bald zu einem Stellungskrieg mit Laufgräben, Artillerie- und Beobachtungsstellen sowie kleinen Bunkern entwickelte. Wolfgang freut sich auf den geschichtsträchtigen Balkan, welchen er aus den Erzählungen im Erdkunde- und Geschichtsunterricht kennt. Aber auch auf die Bahnfahrt, welche über mehrere Länder, durch Städte und Landschaften gehen wird, ist Wolfgang gespannt als er in den Zug in Richtung Süden steigt.

1.8.16, Frankfurt

Lieber Alter!

Auf der Durchreise nach Dresden sende ich viele Grüße aus Frankfurt. Wolf.

3.8.16, Budapest

Aus der ungarischen Hauptstadt sendet viele Grüße, Wolf.

8.8.16

Mein lieber Vater!

Also endlich bin ich über Belgrad, Nisch, Üsküp auch glücklich in Mazedonien angelangt. Ich liege beim Doiran-See in der Nähe von Valandonso und Udowa mitten im Gebirge. Die Bevölkerung ist durchwegs türkisch. Ich habe bereits wunderschöne Bilder gemacht. Näheres demnächst! Anschrift: durch Feldpoststation A.O.K. 11 (Balkan). Herzlichen Gruß auch an Mutter. Wolf. In Päckchen nur Dauersachen schicken, sind bis zu acht Tagen unterwegs.

10.8.16

Lieber Vater!

Endlich komme ich mal dazu ausführlicher zu schreiben und zwar ganz tropenmäßig im Zelt bei miserabler Beleuchtung und sternklarem Himmel auf miserablem Papier. Zuletzt habe ich aus Pest geschrieben. Angekommen? Ganz zuletzt allerdings bereits einmal von hier. Bereits in Üsküp fängt das orientalische Leben an. Ich hatte immer das Gefühl, als säße ich bei Hagenbeck. Dann ging es den Varder hinab bis Hudowa, von dort links ab mit der Bahn noch eine Stunde bis Dedeli, von wo man dann auf Saumpfaden nach 2 ½ stündigen Marsch durchs Gebirge per Esel oder per pedes apostilorium [lat. „zu Fuß“ - Anm. d. Verf.] ein türkisches Kaff, Bakze genannt, erreicht, wo wir vorläufig liegen, dicht am Dorijan See. Bezeichnend für die Kleinheit des Dorfes ist es, dass nicht mal eine Moschee da ist und die Leute hier sind noch dümmer, pardon, ich wollte sagen religiöser, als in Flandern, wo doch auch alle naselang eine Kirche steht anstatt einer Schule oder Sparkasse. Zur Abwechslung lerne ich türkisch: salem aleikum [türk. „Friede sei mit euch!“ - Anm. d. Verf.]. Vergangene Woche betrug die Temperatur noch bis zu 45 Grad Celsius im Schatten, in der Sonne 73 Grad. Also, wenn ihr mal hier zu kochen habt -- ! Wir gehören zur 2.bulgarischen Division, überhaupt liegen hier von uns Deutschen nur technische Truppen und sehr wenig schwere Artillerie. Alles andere: Bulgarski (nebenbei, ich lerne natürlich auch bulgarisch, kaufen heißt kuzi und Tabak Titün). Ich sage dir, schlimmer als die Russen oder Kosaken. Ich stelle mir die Hottentotten ähnlich vor, wenn auch nicht dem Wuchse nach. Von höheren Kuppen sieht man das Meer und den Busen von Saloniki, sowie den Thersones, ein wunderschönes Bild. Es muss dasselbe sein, wie es die 10.000 Griechen aus dem armenischen Gebirge heraus hatten. Abgesehen von der Hitze, die jetzt übrigens erheblich nachgelassen hat, ist die Gebirgsluft rein und gesund. Glücklicherweise haben wir Gelegenheit im herrlichen Gebirgsbach zu baden (Aufnahmen folgen). Nun sollen wir allerdings in die Nähe des obengenannten Sees kommen in sehr ungesundes Klima. 75% erkrankten dort an Malaria trotz der bei uns Deutschen eingeführten Chininprophylaxe, das heißt alle 5 Tage wird angetreten und unter Aufsicht des Doktors Chinin geschluckt mit Todesverachtung. Wenn ich nun bedenke, dass eine Menge von uns jetzt schon rumschleichen wie die Mumien vor lauter Hitze und Durchfall, so sind die Aussichten trübe. Allein ein Trost ist es immerhin, dass ich kerngesund bin und den mit Malariadünsten und giftigen Wespen behafteten See werde ich schon auch noch verdauen. Krieg ist hier weniger. Die Bulgaren möchten gerne, allzu gerne ran an den Speck, dürfen aber nicht. Vielleicht Griechenlands halber und die Engländer haben zurzeit die Cholera in Saloniki und können weder vorne noch hinten hoch. Über Verpflegung kann ich nicht klagen, vorallem gibt es auch mal Obst, Melonen usw. Was dich sonst noch interessiert frage. Geld brauche ich jetzt keines mehr, ich habe auch keines bekommen. Ich lebe nun hier im Lande des guten Tabaks und der selbstgedrehten Zigaretten, da möchte ich dann um so ein Kautschukschächtelchen für Zigarettentabak und Papier bitten. Ferner um einige Päckchen Zigarettenpapier und eine Spitze. Du kannst die Schachtel ja auch mit Tabak füllen um das Gewicht herauszufinden. Dann bitte ich um eine jener Armeearmbanduhren mit Leuchtzifferblatt für 3 Mark vielleicht. Denn jeder Türke, sofern er eine Uhr besitzt, würde sie mir gegen so eine moderne Errungenschaft umtauschen und zwar sind die türkischen Uhren durchwegs aus Silber, wenn sie auch noch altertümlicherweise mit Schlüssel aufgezogen werden. Es wäre doch eine schöne Erinnerung. Vor allem Leuchtziffern imponieren den sonst so gerissenen Muselmännern kolossal. Endlich brauche ich noch Seife und Streichhölzer (auch ein Luntenfeuerzeug), ein paar hier gänzlich unbekannte Artikel. Esswaren, zum Beispiel Kuchen zu schicken, hat keinen Zweck. Trotzdem würde ich ein paar Bismarckheringe oder ein Stück Speck niemals verachten, denn gerade was den Speck anbetrifft bin ich leider Gottes unter die Muselmanen geraten, denen er verpönt ist. Mit Kriegsgruß, Wolf.

23.8.16

Lieber Papa, liebe Mutter!

Also vor drei Tagen habe ich Vaters ersten Brief, 4 Mark und das Schreibpapier bekommen, außerdem 3 Päckchen (Kuchen, Mirabellen und allerlei Schokolade usw.). Gestern kam der zweite Brief von Vater und zwei Päckchen mit Streichhölzern und all den anderen Sächelchen. Die Uhr ist sehr, sehr schön, vielleicht behalte ich sie sogar. Auch alles andere war sehr zu meiner Zufriedenheit, zum Beispiel auch die schöne Spitze. Nur die Zigarren im ersten Päckchen waren miserabel. Ich rauchte erst eine und dachte, dass es vielleicht an mir liegt. Als aber die zweite auch so war, da habe ich sie mal seziert. Na das Deckblatt sieht ja hochnobel aus, auch innen das erste Tabakblatt noch, aber was dann kam, war der reinste Hexel. Sogar Stroh habe ich darin gefunden und alles Mögliche. Unsere Schweine haben wir für das doppelte verkauft, soviel haben wir noch rausgeschlagen. Na, ich meine an Tante Lisbeth könntest du doch ruhig mal schreiben. Die Agrarier haben doch noch immer alles da, auch Speck. Wir werden auf der Reise hauptsächlich auf den Bahnhöfen verpflegt, außerdem empfängt jeder Brot und Hartwurst. Und dann hier links vom See sind die meisten Berge über 1500 Meter hoch. Da soll man bei ganz klarem Wetter sogar den Olymp sehen können. Da gibst du doch wohl zu, dass man die lumpigen 65 Kilometer bis zur See selbst bei nicht ganz klarem Wetter sehen kann. Das ist doch so was Fürchterliches nicht, 60 Kilometer weit. Eine Art Tropenzeug haben wir alle bekommen, ferner solche Lappen, die den Nacken gegen die Sonne schützen. Sie werden an die Mütze gemacht. Außerdem Bergschuhe und Wickelgamaschen. Natürlich haben wir auch Tragtiere, kurz und gut alles Mögliche. Du schreibst ein Breites über Religion, als wenn jemand das angezweifelt hätte. Was hat das unsinnige Kirchenbauen mit Religion zu tun? Platten und Films, auch die flandrischen bringe ich mit, wenn ich auf Urlaub komme. Übrigens war der letzte Filmpack sehr schlecht. Die meisten der guten Bilder sind auf Hauffplatten ultraregid gemacht, die ich bei mir zu Hause noch gefunden habe. Davon schick mir mal bitte ein Dutzend gelegentlich. Eine elektrische Lampe habe ich schon längere Zeit keine mehr. Ich wollte mir selbst eine im Urlaub kaufen, das ist nun leider Essig geworden. Diese letzte war jedenfalls trotz Patent sehr unpraktisch. Wäsche habe ich massenhaft, Sardinen gibt es hier auch zu kaufen. Ich lege keinen sehr großen Wert mehr drauf, na, aber Speck. Und dann mal bitte etwas Alkohol, überhaupt möchte ich als eisernen Bestand ein Fläschchen Cognac im Tornister haben. Bei uns sind schon eine ganze Menge teilweise sehr schwer krank mit Thyphus und Malaria. Da braucht man mal so etwas, eventuell auch mal Magenbitter. Die Bulgaren sind sehr unpraktisch und verfertigen sehr wenig. Ich wüßte nicht, was man da mitbringen könnte. Aber wenn ich in Urlaub komme, will ich mal so ein paar türkische Pantöffelchen aus buntem Leder mitbringen und eine kleine Schildkröte, die es hier massenhaft gibt und dergleichen. An Gemüse gibt es hier viel Melonen, Tomaten, Zwiebeln, auch Mais, der am Kolben geröstet wird und dann viel Wein. Eine Skizze der Gegend will ich noch ein andermal machen. Steht denn auch im Lexikon außer Valandowa weiter nichts drauf? Voriges Jahr müssen die Engländer hier wohl schwer geblutet haben in diesen gottverlassenen Tälern. Die Bulgaren, von denen viele deutsch können, erzählen mit einer grimmigen Genugtuung immer wieder davon. Was soll ich mit dem Französischen hier? Meine eigenen Sachen habe ich alle wieder. Leider darfst du mir jetzt keine Bücher mehr schicken. Es wäre mir hier zu schade drum. Ich könnte sie nicht so halten, wie ich es sonst zu tun pflege, auch auf Little Puck verzichte ich vorläufig. Woher weiß man den auf einmal, dass Paul Notz gefallen ist? Nun noch zum Schluss etwas Unangenehmes, das heißt unangenehm ist es nur für mich. Ich habe meine Schnürschuhe verbummelt und möchte sie ersetzen. Besorge doch bitte für mich ein paar ganz gewöhnliche, naturfarbene Lederschuhe, in der Mitte zum Schnüren. Ihr habt mir als Rekrut in Köln schon mal solche Bergmannsschuhe gesandt, das heißt Nägel brauchen diesmal keine drunter sein und bezahlen werde ich sie. Da dürft ihr mir nicht dreinreden. Vorläufig sende ich 10 Mark. Das andere kommt, wenn sie hier sind. Schickt sie bitte bald, mehr wie 25 Mark werden sie doch wohl nicht kosten. Herzlichen Gruß an euch beide, euer Wolf.

24.8.16

Liebe Eltern!

Ich schreibe noch einmal besonders der Schnürschuhe halber. Am besten gehen sie wohl im großen Paket über irgendeine Sammelstelle. Über die Beschaffenheit schrieb ich schon im anderen Brief. Mit Kriegsgruß, euer Wolf.

31.8.16, am Doiran See

Liebe Eltern!

Briefliche Nachricht habe ich zwar noch keine wieder bekommen, na, das geht eben nicht so schnell wie nach Flandern, aber zwei Päckchen kamen gestern an, über die ich mich unheimlich gefreut habe. Hier lernt man noch die Sächelchen aus der Heimat wieder schätzen, besonders Klümpchen und Likör waren eine wahre Erquickung für mich. Das bulgarische Büchlein hat mich auch sehr gefreut. Am Anfang macht einem die Schrift allerdings Schwierigkeiten. Schickt mir doch bitte noch einen anständigen Kopierstift und feste Hosenträger, meine gehen wieder mal zu Ende. Dass die Post hier schlecht wäre, habe ich noch nicht gemerkt, bisher ist noch immer alles angekommen. Wenn es geht, möchte ich öfters mal um Erfrischungen bitten, Saft oder Brausebonbons, auch mal was Süßes oder Alkohol. So etwas gibt es hier einfach nicht. Bier zum Beispiel habe ich seit meinem Urlaub keines mehr gesehen. Dafür dürfen wir Chinin schlucken zum Verrecken. Ich habe auch einen ganz leichten Malariaanfall gehabt, der aber nur 3 Tage gedauert hat. Jetzt bin ich ans Klima gewohnt. Übrigens die Malaria wünsche ich meinem schlimmsten Feinde nicht, das ist eine ganz verteufelte Sache. Bilder habe ich diesmal leider keine, na, immer langsam voran. Wie haben dir die letzten gefallen? Und Rumänien hat nun auch noch den Krieg erklärt. Wie lange soll das verfluchte Handwerk noch dauern? Es ist ja noch gar kein Ende abzusehen. Was macht mein Browning? Ich stelle mir Süd-Westafrika ähnlich vor wie diese Hundegegend hier, so ungesund, wasserarm und steinig. Wie geht es Assesor Schröder? Hat er euch besucht? Tante Sophie schrieb mir eine Karte. Die könnte auch ruhig mal eine Tafel Schokolade schicken, so schlecht wird es ihr noch nicht gehen. Emmy Feldheim sandte mir neulich ein Päckchen mit einer 1a Braunschweiger Wurst. Übrigens für die Jugendnummern danke ich auch noch. Dass du Paul Schwarz Brief gelesen hast, wundert mich zwar ein wenig, hat mich aber andererseits auch wieder gefreut, sonst setzt du dir auch womöglich noch solche Würmer in den Kopf wie Mutter. Wenn ich auch mal mit Martha Boos lustig bin, sie ist doch auch ein ganz nettes Mädel, dann braucht man doch nicht andauernd solche dummen Anzapfungen zu machen, wie Mutter am letzten Tag. Da soll sich der Teufel nicht drüber ärgern. Mit Seife und Streichhölzern bin ich jetzt gottlob genügend versehen und auch mit Zigaretten. Übrigens, wenn ich auch hier Tabak in guter Qualität bekomme, man hat doch nicht immer Zeit welchen zu besorgen. Bitte schickt mir deshalb ab und zu mal welchen (Zigarettentabak). Ich lege demnächst auch mal eine Probe bei von hier. Die Aufnahmen zu Hause sind alle kaputt gegangen, wohl durch die Hitze. Auch der neue Filmpack war miserabel, das muss aber an den Films gelegen haben, denn mal war ein guter dazwischen, während die meisten Lichthöfe, Flecken und dergleichen hatten. Die Haufplatten hingegen liegen schon den ganzen Krieg bei mir in Vetikow und sind noch tadellos. Ich für meine Person muss wohl eine ganz gute Anpassungsfähigkeit haben, denn von meinem Trupp liegen viele schwer darnieder an Thyphus und Malaria. Kerls die am Mittag noch mit Appetit verzehrt haben, lagen abends mit über 40° Fieber und phantasierten. Und dann gibt es hier keine Straßen. Wir mussten die Kränksten erst zwei Stunden durchs Gebirge tragen, ehe sie in ein Auto geladen werden konnten. Wer hier bloß halbtot ist, der muss ins Lazarett unweigerlich zu Fuss laufen. Dazu kommt das viele Ungeziefer, vorallem Flöhe. Ein Mittel gibt es wohl nicht dagegen? Am Tage kann man der Hitze halber nicht schlafen und nachts fressen einen diese Biester auf. Die griechischen Helden verblassen immer mehr vor mir, wenn ich mir den seeligen Alexander oder Achilles vorstelle, wie er abends vor seinem Zelt oder Hottentottenkraal (ein Unterschied wird wohl nicht gewesen sein) sitzt, und Flöhe fängt. Überhaupt diese sogenannten klassischen Länder scheinen mir alle ein bischen, wie soll ich sagen, klebrig zu sein, dreckig und speckig. Dagegen Länder wie Flandern zum Beispiel, wo man an plumpes und dummes Bauernvolk denkt, entpupt sich als sauber und reinlich. Na alles in allem werdet ihr euch schwerlich eine Vorstellung hier von den Strapazen machen können und wir malen es uns schon immer aus, wie wir später in schönen friedlichen Zeiten sagen werden, nicht etwa, ich wollte, du wärst, wo der Pfeffer wächst, sondern ich wollte, du wärst in Mazedonien. Na aber wenn ich von hier auf Urlaub komme, das wird wenigstens ein richtiger Erholungsurlaub werden. Was ihr sonst noch wissen wollt fragt. Augenblicklich weiß ich nichts mehr. Herzlichen Gruß, euer Wolf. Ich bitte noch um 2 Paar Fusslappen, nicht zu dick. Die letzten Zigarren waren schön. Wenn es dieselbe Marke war von der ich zuletzt schrieb, dass sie so schlecht wäre, dann lag es an mir. Ich war zu der Zeit gerade ein paar Tage leicht erkrankt. Oder war es eine andere Sorte? Bitte auch noch mal Kekse, die Leibnitz haben mir großartig geschmeckt, auch das schöne Gelee. Anbei noch eine schlechte, aber verhältnissmäßig Detailreiche Karte hier von der Gegend. Du siehst Hudowa, über das die Bahnstrecke nach Saloniki geht. Jetzt ist für uns Endstation Gjiwyjski. Ich muss in Hudowa umsteigen und fahre die erst seit kurzem im Betrieb befindliche Strecke bis Dedeli, das Endstation ist. Von dort geht es 3 Stunden zu Fuss nach Bakze, wo unsere Bagage, Schreibstube und Offiziersquartier ist. Ich habe einen Punkt in der Karte gemacht. Von Bakze, wo auch die meisten Bilder gemacht sind, bis nach vorn sind weitere 2 ½ Stunden, wo ich dicht bei Slikolik am See liege. Herzlichen Gruß, euer Wolf.

6.9.16, am Doiran See

Lieber Vater!

Gestern kam Mutters Brief aus Meinerzhagen und heute die beiden Alkohols und zwei schöne Ansichtskarten. Deinen Brief vom 28ten besitze ich schon länger. Für alles meinen herzlichsten Dank. Dass mein Brief solange unterwegs war, ist Pech, jedenfalls habe ich zeitig geschrieben. Vor diesem Brief läuft noch ein anderer, hoffentlich ist er angekommen. Mir ist noch nichts verloren gegangen. Patschkes Speck war sehr schön. Ich habe ihm sofort gedankt. So hat mir noch kein Speck geschmeckt. Die Uhr habe ich noch nicht vertauschen können, da ich dauernd hier vorne liege. Aber wenn ich mal zur Etappe gehe, vorläufig geht das noch nicht, werde ich mal sehen. Deshalb muss August Piel auch erst mal warten. Schröder ist ein sehr netter Kerl, wenn er auch wie Ernst Rode nach den ersten 4 Wochen Rekrutenwesen die Flinte ins Korn geworfen hat. Er war ja auch schon ein ziemlich alter Knabe und wohl sicher nicht gewöhnt, solche Unverschämtheiten zu hören wie in Köln auf dem Zugweg. Urlaub ist hier vorläufig gesperrt. Wenn du eine Zeitung weiter halten willst, so bitte Little Puck, schicke sie mir aber vorläufig noch nicht, bis ich schreibe. Geschrieben habe ich bereits an alles Gebein, auch mal wieder an Wendland. Das mit dem Glas ist eine großartige Idee, ich hätte schon gerne eins gehabt, wagte aber nie darum zu schreiben. Überhaupt hier im Gebirge, wo der Blick in ungemessene Weiten schweift und der See wie ein Entenpütt vor einem liegt, während er auf der Karte doch ein ganz netter Klecks ist, ist das ein brauchbares Attribut, abgesehen von all den späteren Verwendungsmöglichkeiten. Also ich bitte nochmals herzlich darum und danke von 1000 Malen bereits einmal im Voraus, nur – hm – Weihnachten ist noch eine lange Zeit. Ich dachte mir, 1914 kam das Geschenk, der Foto, 2 Monate zu spät, wie wäre es mal mit dem zu früh kommen, natürlich nur der ausgleichenden Gerechtigkeit halber. Schicke mir kein Geld, im Gegenteil, ich werde Geld nach Hause schicken, wenn ich mal einen Extrawunsch habe. Anbei 5 Mark Schuhgeld. Abgezahlt wird, langsam aber sicher, sonst fühle ich mich moralisch nicht wohl. In den nächsten Tagen gibt es außer der Löhnung noch alle möglichen Seuchen- und Kontributionsgelder, da kommen weitere 10 Mark. Dann musst du vorläufig erst mal schreiben, ob die 25 Mark gelangt haben. Nun habe ich noch einige Sachen. Da wir jetzt alle vorn liegen und uns einbauen (in Tätigkeit sind wir noch nicht getreten) bin ich von meinem Kompagnon getrennt worden, deshalb möchte ich mal anfragen, ob sich nicht die Utensilien zum Entwickeln (zwei Schalen und eine rote Lampe) in zusammenbiegbarer oder ineinanderlegbarer Form auftreiben lassen, die Lampe nicht mit Glas, sondern roten Stoff und für Kerze zum brennen. Kerzen habe ich noch Massen. Dann möchte ich darum bitten, ferner 2 Kopierrahmen in flacher Form, leicht, aus Blech oder Aluminium, wenn es die nicht gibt, bitte ich um eine Hölzerne. Ich darf meine Bagage nämlich nicht zu sehr belasten, die Hölzernen sind nämlich zu plump. Ferner einige Gaslichtkarten oder Papier, wenn möglich eine hart arbeitende und eine normale Sorte. Um Entwickler bat ich ja bereits. Wenn es geht, hätte ich auch gerne ein Beutelchen für Tabak, Leder wird sich ja wohl nicht auftreiben lassen, einliegend eine Prise türkischer Tabak. Was er eigentlich kostet weiß ich nicht. Für eine Hand voll Salz bekomme ich massenhaft. Für die nächsten Freßpäckchen möchte ich auch Mutter einen Wink geben, vielleicht mal Marmelade oder Kunsthonig, Limburger mit Kümmel oder Mainzer, Früchte und wenn es geht mal ein Döschen kondensierte Milch. Kann Piel die nicht besorgen? Die esse ich zu gerne. Es hat hier in der Kantine auch mal welche gegeben, das war aber ein Lichtblick. Jetzt ist schon lange nichts mehr zu wollen. Noch eins, was den Entwickler anbetrifft, so dürfen es auch die Agfa Metol-Hydrochinon-Patronen sein, das ist egal. So, nun ist mein Bogen auch voll, die letzte Seite bleibt immer noch für Nachträge. Wie wär es, wenn ihr mal ein Päckchen zum Puddingmachen schicktet, also ein Pulver rote Grütze, etwas Zucker, etwas Saft oder kondensierte Milch? Und wenn Mutter mal Kuchen backen sollte, möchte ich gerne mal wieder etwas. Ich habe hier immer einen Heidenappetit auf Süßigkeiten. Mit Marzipan ist es wohl endgültig vorbei, wie? Das will ich nun natürlich nicht alles haben, sondern nach und nach, mal das eine, mal das andere, damit ihr ungefähr wißt, wie hier der Geschmack ist. Herzlichen Gruß, Wolf.

Wolfgang hat sich so langsam in Mazedonien eingelebt. Die kriegerischen Handlungen sind doch deutlich geringer als an der Westfront. Nachrichten aus der Heimat freuen Wolfgang ganz besonders und endlich erhält er auch wieder einmal Post von seinem besten Freund Paul Schwarz.

10.September 1916

Mein lieber, alter Wolf!

Verzeih, wenn ich in diesem Brief zunächst mal rührend viel von mir selbst zappele, aber mir ist so komisch um die Leber und ich glaube ich muss da irgendwas herunterreden. Bloß weiß ich nicht was. – Wohlmal packts mich mit ungeheurer Sehnsucht nach einer Tippelei durch Wald und Berge. Wenn ich einer solchen Strömung nachhänge, wird’s gefährlich. Entweder nach rechts oder links, das heißt entweder ich fange an zu träumen von irgendwo, wo es schön ist, oder es geschieht das Gegenteil und mich packt die helle Wut. Dann könnt ich wohlmal in solchen Augenblicken „Sturmangriff“ machen um meine Wut an irgendeinem loszulassen. – Aber auch sonst geht vieles quer. Mit Friede Roos ist auch was los. Aber nicht von ihr sondern mir aus. Ich weiß noch nicht was das werden soll. Zweifellos fühle ich mich dem Mädel geistig so nah, so verwandt, dass ich innerlich eine klaffende Leere empfinde, wenn ich nichts von ihr höre oder lange Zeit auf einen ihrer inhaltsreichen Briefe warten muss. So ging es mir auch früher schon. Ich konnte lange Zeit nicht ohne eine Zusammenkunft aushalten. Aber sonst…Wenn mich ein hübsches Mädchen – ich will von exemplis nicht reden – auf Abwege bringt, wo solls hinaus? Brrr! So schal komme ich mir oft vor. Dann möchte ich mich grußeln. Jetzt habe ich für den Augenblick genug geschrapft. Nachher weiter! 14. Oder 15.September: Lieber Wolf! Was einem hier im Kriege fehlt ist Arbeit! Eigentlich hat man ja genug zu tun. Ich meine die Zeit ist ausgefüllt, aber das befriedigt mich nicht. Und wenn man nicht den Zweck der Sache heilig wäre, würde es mich verdrießen. Doch was soll ich von meiner Arbeit erzählen, die du ohnehin kennst. Deshalb ist es auch garnicht verwunderlich, wenn sich in einem mahlig eine Leere kundtut. Und noch mehr: das Verlangen nach kräftiger, geistiger Arbeit. Aber keine Arbeit, die man sich selbst sucht. Eine Arbeit, die Disziplin verlangt. Von der man am Abend ermüdet in die Federn sinkt und am anderen Morgen erwacht um aufs Neue sich hineinzuhängen. Ich glaube solch eine Kur hat man nach dem Kriege zunächst nötig, ehe man das vorgeschriebene Geleise des Studiums betritt. Man muss erst wieder Arbeit kennen lernen. Nun musst du nach diesem Erguss nicht auf den Gedanken verfallen, dass ich wie ein Griesgramm hier auf dem Pfefferrücken sitze und Essigwasser koche. Man muss eben jedweden Ding die beste Seite abzugewinnen suchen, deshalb lese ich viel. Allen möglichen Senf habe ich schon geschluckt und ich glaube ich unterscheide gute und minderwertige Bücher nur noch am Einband. Dann habe ich mich sehr aufs lukullische Leben zugeschnitzelt. Früher hätte ich nicht solche Portionen vertilgt und wenn der Krieg noch lange dauert, wird ein Schmerbäuchlein nicht mehr fern von mir sein. – Wir haben hier eine ganz nette Stellung, ein bischen dicke Luft ab und zu. So etwa 15 bis 50 Meter vom Franzmann. – So, nun schreib du mal wieder von dir, alter Junge. Meinen letzten Brief mit den Berichtigungen, von wegen Augurenlächeln und Älteren herauskehren, hast du dir wohl so zu Herzen genommen, dass du keine Antwort darauf fandest. Bist du jetzt in der Dobrudscha oder vor Saloniki? Sei tausendmal gegrüßt! Heil und Sieg! Dein „alter“ Freund Paul. Ich bin gespannt, wo ich endlich einen Briefumschlag für diesen Brief auftreibe. Spinnst du auch Zukunftsträume, etwa von der Art, was oder ob du studieren willst, wann, wo, aktiv, usw.? Burschen-Landsmannschaft oder wild? Paul Schwarz; Infanterie-Regiment 159

16.9.16

Mein lieber Vater, liebe Mutter!

Gestern bekam ich eure beiden Briefe vom 8ten, nach langer Zeit endlich mal ein Lebenszeichen, dazu zwei Päckchen 11 und 12. Es fehlen also noch eine ganze Menge. Besonders für den Cognac meinen herzlichsten Dank, für Speck und Süßigkeiten natürlich nicht minder. Meinen anderen Brief habt ihr jetzt sicher auch. Ich konnte beim besten Willen diesmal nicht eher schreiben, Brief folgt natürlich in 1 bis 2 Tagen. Morgen besuche ich früh Vesterling, der nur zwei Stunden von mir liegt. Und dann, meine „schreckliche“ Krankheit war nur ein ganz leichtes Unwohlsein, der Malariateufel hat sich gründlich angeschmiert als er mich pisacken wollte. Nur drei Tage war der Mozzel krank. Aus der flohreichen Pionierschlucht am Nordrand des Sees bin ich gottseidank raus. Wir haben jetzt am Westufer in schöner frischer Luft Zelte bezogen, Bilder werden demnächst folgen. Die Verpflegung ist knapp! Herzlichen Gruß, euer Wolf. Auf die Briefe komme ich zurück!

20.9.16

Liebe Eltern!

Also endlich komme ich mal wieder zum Schreiben. Von zu Hause bekam ich inzwischen die vier gleichzeitig abgeschickten Päckchen und Nr.17 mit Fußlappen, etc. Ob das eine Hörder Päckchen einen oder mehrere Tage später kam, kann ich nicht sagen, weil es hier nur alle paar Tage Post gibt; so kommt es dass manchmal eine Postsache vom 7ten zur Beförderung ebenso früh da ist, wie eine vom 10ten. Im Quartier gibt es natürlich jeden Tag Post, wir aber haben doch einen ziemlich beschwerlichen Marsch durchs Gebirge dorthin und holen nicht jeden Tag den Krempel ab. Für all die Süßigkeiten vielen Dank, sie waren sehr schön, desgleichen Hosenträger und Tabak. Ori ist noch nicht in Gebrauch, hier im Biwak haben wir noch keine Flöhe. Fußlappen habe ich nun genug, die Ulrichsburgzigarren sind sehr schön. Sind Taschenlampe und Platten im großen Paket? Dass mich nun 8 Tage nur noch verhältnismäßig wenig Flöhe gebissen haben, ist eine wahre Erholung gewesen. Ich bin in dieser Sache wirklich nicht empfindlich und kann es auch aushalten, wenn ich Flöhe habe, aber so wie hier, wo die Flöhe einen haben, das ist nicht mehr zum aushalten. In der Pionierschlucht hatten wir keine Flöhe, die Flöhe hatten uns schon! Dass Sophie geizig ist, hat noch nie ein Mensch behauptet und dass ich Paul Schwarz Brief „ostentativ“ [dt. „bewusst herausfordernd“ - Anm. d. Verf.] liegen ließ, wird wohl nicht mal der liebe Gott gesehen haben. Und was das Verloben mit Martha anbetrifft, das ist eine dumme Redensart, die mir verflucht endlich zum Halse heraushängt und die du glücklich endlich auch von Mutter aufgeschnappt hast. Ich glaube tatsächlich, dass uns die Engländer wie in vielen so auch in diesem Punkt voraus sind, das ist nämlich die richtige Kleinlichkeit und Pedanterie, vorzügliches Gesprächsthema für alte Jungfern. Mit ist die Sache zu dumm und ich habe ihr nichts mehr hinzuzufügen. Jedenfalls weiß ich, was ich in künftigen Fällen zu tun habe. Diesen Klatsch hat man nun von seiner einem warm anempfohlenen Offenheit. Was heißt „höhere Ziele“? Du meinst 500.000 Mark Mitgift? Glaub nur, die Sache werde ich später schon einmal zu regeln wissen. Den Browning hole ich mir selbst. Hat die Reparatur etwas gekostet? Wenn ja, dann Krach schlagen! Anbei schicke ich etwas „mehr“ Tabak, ihr müsst natürlich berücksichtigen, dass er mit der Hand geschnitten ist und längst nicht so fein ist, wie in Deutschland gekaufter. Metoula türk ist sehr schön, vielen Dank. Wozu die Augenwerte? Die ist doch an jedem Glas zum stellen auf verschiedene Weiten. Wie wäre es, wenn Mutter den Zinkbüchsenverkehr mit Eingekochtem wieder aufnähme? Selbstverständlich würde ich nun die Büchsen sämtlich zurückschicken. Statt der Glasflaschen wären auch Blechflaschen praktischer, die sind leichter und gehen nicht entzwei. Mir ist so ein Malheur ja noch nicht passiert, es könnte aber doch. Wenn du was Lesbares schicken willst, bitte ich zunächst mal um Gerstäcker (die angestrichenen kenne ich) und irgendeinen Detektivschmöker vielleicht aus der Luzsammlung, ferner um ein nicht zu ausführliches Kompendium der deutschen Geschichte. Man ist doch zu bodenlos darin. Könnt ihr bei Rodewold, dem alten Freund und Gönner oder bei Aujusten kein Sacharin auftreiben? Ich weiß ja, dass es beschlagnahmt ist und verboten womöglich zu verkaufen, aber es lässt sich noch alles machen mit einem obligaten Augurenlächeln [dt. „verständnisinniges Lächeln unter Eingeweihten“ - Anm. d. Verf.], oder nicht? Unser Zahlmeister hat Malaria und es gibt schon drei Wochen kein Geld mehr, neulich ist das Proviantamt abgebrannt und es gibt seit vier Tagen nichts mehr zu essen. Ich sage ja, wenn das so weiter geht und die Rumänen uns noch die Post abschneiden, können wir uns alle aufhängen. Also Geld kommt erst im nächsten Brief, plenty [engl. „reichlich“ - Anm. d. Verf.]. Wie ist das mit kondensierter Milch, ist die aufzutreiben? Ich habe in Bessingen 80 Pfennig für eine Büchse bezahlt, noch vor kurzem. Gerade wo es hier so gut wie gar kein Fett gibt, ist so etwas immer eine schöne Sache. Ich will ja auch gerne Geld nach Hause schicken, hier bekommt man nichts. Also wenn möglich schickt mal Milch ὡς μάλιστα [griech. „so viel ihr könnt“ - Anm. d. Verf.]. Wie ist das, soll ich mal eine Schildkröte schicken? Der hier auftretende Typ ist die griechische Landschildkröte, ich habe ja noch die Blechdose von den Streichhölzern. Vesterling habe ich leider noch nicht besuchen können, es kam etwas dazwischen. Wir haben überhaupt viel zu tun uns für den Winter einzubauen. Nun will ich in zwei Tagen mal hin. Was willst du die Bilder vervielfältigen lassen? Das sind doch unnötige Kosten. Ich bringe, wenn ich auf Urlaub komme, den ganzen Kram mit. Onkel Ganske und Tante Emma schrieben mir heute auf meine Karten. Von Lisbeth Patschke kam eine Karte an vom 23ten vorigen Monats, sonst habe ich auf meine Kartenbriefe noch keine Antwort. Ich will heute mal wieder schreiben. Wendland schrieb mir einen langen Brief und sonst Limburg eine Karte. Sonst geht es mir gut, obwohl der Körper hier das Zehnfache durchmacht wie in Flandern. Diesmal freue ich mich auf die Butter, wenn ich in Urlaub komme. Als ich aus Flandern kam, da freute sich Mutsch drauf, dass ist nun gerade umgekehrt. Ich wage nicht mal davon zu träumen. Zu Weihnachten oder zu Kaisers Geburtstag müsst ihr mir unbedingt ein Viertelpfündchen schicken (ihr kennt doch den Witz: „Nur ein Viertelpfündchen“?). Und dann tut doch bitte Gelee und Mus und dergleichen in Büchsen, es lässt sich so schlecht aus dem Papier rausbringen. Ha, nun sind wir bald im letzten Viertel des Jahres und dann kommt ein neues mit der bombensicheren Aussicht auf keinen Frieden. Weißt du, allmählich hängt einem die Sache zum Halse heraus, nicht wegen Strapazen, dicker Luft oder Ähnlichem, sondern wegen der Eintönigkeit des Stumpfsinnes halber. Und noch nicht mal die Schlappsten, Italien und Frankreich denken daran, Schluss zu machen. Wie lange sollen wir da noch für ein Nichts kämpfen, den wir bis ganz zu Ende, bis England am Boden liegt, durchhalten müssen? Das Beste wäre noch ein Heimatschuss, ein kaputter Arm, na, Schwamm drüber. Herzlichen Gruß, Wolf.

28.9.16

Mein lieber Vater!

Also jetzt will ich deinen Brief vom 14ten beantworten und Mutters Kärtchen vom 17ten. Die Päckchen 20, 21, 22 und 24 sind gut angekommen, während ich auf Gelee und Kunsthonig noch mit Schmerzen warte. Ich esse doch so schrecklich gerne was Süßes. Ja, vor einem Jahr ungefähr kamen immer die schönen Sendungen von Mutsch mit Marzipan, Morsellen und Schokoladenkonfekt. Ist es denn damit denn nun endgültig vorbei? Ich kann es gar nicht fassen, ich sage euch, ein Stückchen Marzipan würde ich mir mit einem Gefühl auf die Zunge legen, als wäre es ein Stück Gold. Back mir doch wenigstens mal einen Kriegs- oder Grieskuchen, dann revanchiere ich mich mit türkischem Tabak. Und dann fügt doch immer zu, was die Sachen so in Deutschland kosten, das interessiert mich. Die fotografischen Artikel waren alle sehr schön und zweckmäßig, ebenso das Tabakstäschchen. Riesig gefreut hat mich die Milch, sowas ist hier nicht aufzutreiben. Du musst denken, jetzt, wo wir vorne liegen (dauernd) kommen wir mit der Bevölkerung so gut wie gar nicht zusammen. Die Trümmerschokolade war gut, aber wenig, ebenso die Cakes (deutsch: Knusperchen). Dass du übrigens die berühmte Sache mit der Cremeschokolade von Sophie immer noch in dieser totalen Verdrehung aufs Tapet bringst, ist nicht schön von dir. Dass ich geizig gewesen bin früher, kann wohl kein Mensch behaupten. Aber ich fühlte mich gerechter Weise gekränkt, wenn Mutter, die eine noch viel schwächere Seite für das Süße und namentlich für das Verteilen davon hatte, mit dem Paket, dass an mich adressiert war, in eine Ecke schob und dann für sich alleine anfing auszupacken. Als ich mich auch wenigstens schüchtern beteiligen wollte, ging die übliche Knufferei los, dann kam das große Geseire [umgangsspr. „wehleidiges Klagen, überflüssiges Gerede“ - Anm. d. Verf.] und mittags wurde dann gewöhnlich, als Vortisch, der Alte, wenn er aus der Schule kam, sofort brühwarm mit diesem Kriminalfall überfallen. Und weil der doch gewöhnlich schon mit dem Schulärger genug hatte, bekam ich dann noch obendrein meine Prügel, ohne dass der berühmte Spruch „audiatur et altera pars“ [lat. „Man höre auch die andere Seite!““, ein Grundsatz des römischen Rechts; - Anm. d. Verf.] irgendwie seine Anwendung fand, eben nur, um die Sache schnell zu erledigen. Ich hatte meine Prügel und war im Bann (von der Cremeschokolade ausgeschlossen), der Alte hatte seine Ruhe vor Mutters Geschrei und Mutter hatte ihre Cremeschokolade allein. Glaub nur, als Kind hat man für das geringste Unrecht ein kolossales Gedächtnis. In wieviel Fällen ist es mir genau in der gleichen Weise gegangen, wie in diesem, der den typischen Verlauf so einer Sache kennzeichnet. Hätte Mutter damals mich das Paket öffnen lassen, ich bin fest überzeugt, ich hätte ihr großmutig nicht das halbe, nein das ganze Zeug „zum Verwahren“ überlassen. Man wird in den Jahren eben vielfach einfach für gefühllos gehalten. Man bezieht seine Senge und damit basta. Wie oft habe ich so in einer Ecke gesessen und habe darüber nachgedacht, und weil ich beim Vergleichen dann fand, dass es meinem Freunde Tom Sawyer ebenso gegangen ist, dachte ich mir, es müsste so sein und setzte mich darüber hinweg. Aber nicht jeder hat diese Eigenschaft. Jedenfalls stehen alle diese Fälle noch mit überraschender Klarheit vor mir. Der Boonekamp [dt. „Typ eines Magenbitters“ - Anm. d. Verf.] war von der alten Güte, ich habe mir den größten Teil für künftige Fälle aufbewahrt. Vorläufig also bitte keinen mehr schicken, auch Seife habe ich jetzt reichlich. Hauptsächlich bitte ich immer noch um Süßes und um Essbares, Lebensmittel. Hoffentlich kommt bald mal wieder Speck von Lisbeth. Die Milch kam mir auch zum Pudding sehr gelegen, leider mangelte es an Zucker. Auch Saft ist immer noch erwünscht. Der Urlaub ist immer noch gesperrt. Der Käse war sehr schön, nun darfst du ihn nicht feucht einwickeln Mutsch, denn er war schon ringsum angeschimmelt. Schick mir doch mal wieder einen Limburger oder Harzer. Kann man Frau Gockel nicht in Buttersachen bestechen, ich würde ihr nötigenfalls auch gerne selbst mal schreiben. Hier hat man das Geld und kann es nicht ausgeben. Mir, als alten Fußartilleristen, lieber Papa, brauchst du auch keine Gebrauchsanweisung für Gläser etc. schicken, da habe ich schon alles, was auf dem Gebiete existiert, in den Fingern gehabt, bis zum Entfernungsmesser und zum 40-fach vergrößertem Marineglas. Ergo - ! Zum Browning hätte ich gerne ein kleines Reinigungszeug mit Schraubenzieher ohne Holzgriff und einen Mündungsdeckel oder Schoner. Das gehört doch überhaupt dazu, mach mal Krach beim Zeller. Und dann frage doch mal bitte bei Augusten oder wo du das Stativ gekauft hast, ober der nicht ein oder zwei Reservestifte unten für die Birne hat, ich meine diese einschraubbaren stählernen Spitzen. Ich habe da eine verloren, die Größe ist wohl für alle Stative dieselbe. Für Bonbons und Tabak danke ich dir noch mal persönlich, liebe Mutsch, war beides sehr schön. Wo hast du nur die schönen Klümpchen aufgetrieben? Von den großen Paketen ist leider noch keines hier. Tabak habe ich im Brief (vorhergehenden) mit 10 Mark geschickt, hoffentlich reicht es diesmal zu ein paar Zigaretten. Wenn ich nächstens Zeit habe, schicke ich ein ganzes Päckchen. Zwei Schildkröten sind auch unterwegs. Ich warte schmerzlich auf Platten. Die Films sind durchwegs unbrauchbar. In diesen Tagen schicke ich Platten nach Hause. Den Entwickler vom 10.Juli habe ich erhalten. Und auch noch etwas davon da. Fixiersalz bitte ich bei Gelegenheit zu senden. Klein, Dortmund kenne ich sehr gut. Anbei der Pupillenabstand, für mich kommt nur 1/16 Strichplatte in Betracht (Fußartillerie). 1/16 verlegt auf 1000 Meter um 1,1 Meter, nämlich den Treffpunkt auf 2000 Meter um 2,2 Meter usw. Seit wann ist eigentlich das erste große Paket unterwegs? Was ist das, Sahne sterilisiert? Da freue ich mich schon besonders drauf? Kostenpunkt dafür? Was kostet jetzt eine Dose Nürnberger Lebkuchen zu Hause oder eine Packung Aachener Schokoladenprinten? Bitte alle Fragen genau beantworten. Hoffentlich kommt bald mal wieder Milch. Zigarren habe ich lange nicht mehr gesehen. Anbei zwei Bilder von unserem letzten Zeltlager und vom 21 cm Mörser (Filmaufnahme). Diese letzte Aufnahme wiederhole ich, sobald Platten da sind. Paul Schwarz schrieb mir vor ein paar Tagen einen langen Brief. Der ist mal wieder ganz kleinlaut und hat den Krieg auch ziemlich satt. Tante Emma schrieb mir auch kürzlich. Sie ist jetzt ja auch wieder nach Königsberg gesiedelt. Von Großmutter habe ich noch nichts gehört. Augenblicklich sitze ich hier irgendwo zwischen den Felsen und warte auf das Mittagessen. Ich habe gestern eine Menge Krebse gefangen, die kommen der Suppe heute zugute. Aber eines ist merkwürdig, weißt du man kann hier die schönsten Sachen haben und den größten Aufwand machen, es schmeckt doch alles fade. Man betrachtet das Essen doch nur als Dienst, damit sich die Maschine mal wieder mit Ach und Krach weitere 24 Stunden schleppt. Es geht nichts über ein Mittag zu Hause bei Muttern. Das schreibe ich nur, weil du von zwei Eiern in Senfsauce redetest und weil mir das so ein klein wenig nach Unzufriedenheit aussah. Glaub mir, mir lief ordentlich das Wasser im Munde zusammen bei dem Gedanken daran und an Gurkensalat und Petersilienkartoffel. Was habe ich nun hier von den Krebsen? Sie schmecken mir doch nicht, es fehlt einem so viel um richtig zu kochen. Alles zusammen hat man nie da, da fehlt einem mal der Pfeffer, dann mal wieder Lorbeer, immer wieder was anderes, ja und zu Hause wäre Krebssuppe eine Delikatesse. Vorallem fehlt einem aber das schöne weiße Tischtuch und die lieben alten Gesichter von den beiden Alten. Hier würgt man alles bloß so runter, ich weiß nicht wie. Na ich sage mir alles in allem hat auch der Krieg sein Gutes, er macht einen zu einem anspruchslosen und ernsten Menschen, jedenfalls sehe ich ein, dass der schönste Teil des Lebens auch für mich vorbei ist, die Zeit von Tertia und Sekunda. Für künftige Sendungen lege ich nochmal den größten Wert auf Süßes (auch Saft), Milch und Lebensmittel, auch mal eine Zigarre. Bitte denkt doch daran, unsere Entbehrungen hier sind sehr, sehr groß im Verhältnis zur Westfront. Später werde ich euch alles mündlich erzählen. Herzlichen Gruß, euer Wolf.

Wanda Schucht verbringt in der Heimat einen großen Teil ihrer Zeit damit, Lebensmittel für Wolfgang zu besorgen und diese für den Versand vorzubereiten. Die Beschaffung von Grundnahrungsmitteln wird dabei immer schwerer, da sämtliche Lebensmittel nur noch gegen Essensmarken ausgegeben werden dürfen und deren Vergabe streng reglementiert ist. Die Briefe ihres Sohnes erwartet sie sehnsüchtig und ermahnt ihren Sohn auch immer wieder an das regelmäßige Schreiben. Heinrich Schucht macht sich Gedanken um die weitere Ausbildung seines Sohnes nach dem Krieg. Gerne möchte er seinen Sohn bei der Entscheidung unterstützen, welches Studium dieser an welcher Universität im Falle eines Kriegsendes aufnehmen möchte.

Hörde, den 30.September 1916

Mein lieber Junge!

Heute kam endlich dein lang versprochener Brief! Herzlichen Dank, auch für den Tabak. Ich musste gleich nach der Schule Vater eine Zigarette davon klopfen. Das Geld, 10 Mark sind auch gut angekommen. Dafür kauft dir wohl Vater irgend etwas, falls du mal einen Extrawunsch hast. Wir waren dieses Mal sehr traurig, als wir hörten, dass eure Versorgung so schlecht und knapp ist! Unsere tapferen Soldaten, die verdienen wohl, dass für sie gut gesorgt wird. Daher schmerzt es uns doppelt zu hören, dass dem nicht so ist. Mein lieber Junge, du bittest mich dir wieder Fleisch in Büchsen einzukochen, wie früher. Wenn ich es bekäme, und wenn es drei Mark das Pfund kostete, herzlich gerne, aber da ist der wunde Punkt. Es ist ja so schrecklich wenig da. Seit heute sind nun auch die Reichsfleischkarten in Kraft getreten, da bekommt jeder nur die ihm zugedachten 125 bis 150 Gramm pro Nase – für eine ganze Woche!!! Seit Wochen essen wir nur einmal in der Woche Fleisch, bis dahin hat mir allerdings Frau Tischbein dann 1 bis 2 Pfund (gegen die Verordnung) gegeben. Jetzt hat aller Schmuggel aufgehört, ebenso mit Butter, Margarine (60 Gramm beides zusammen die Woche pro Person). In diesen Tagen wird auch die Milch sämtlich beschlagnahmt, nur Säuglinge, Wöchnerinnen und Kinder bis zu einem Jahr bekommen solche, sonst nur Schwerkranke. Eier gibt es auch nur auf Karten, zwei Stück für uns die Woche. Ich habe mir gottlob einige Eier, 80 Stück, eingelegt. Daher konnte ich dir vor vier Tagen ein paar Sooleier nebst einem Töpfchen Senf schicken. Damit du wenigstens nicht ganz trockenes Brot essen brauchst, habe ich dir heute ein Büchschen mit guter Margarine geschickt. Ich bin ja immer zu deinem und Vaters Spott fürs „Sparen“ gewesen, fürs „Verwahren“ und jetzt bin ich fein raus. Ich hatte mir fast zwei Pfund Margarine zusammengespart, auch ein paar Fleischbüchsen „Rindfleisch in Brühe“, damit wenn du zu Hause bist, dich mal satt essen kannst. Nun kann ich dir wenigstens davon gottlob was schicken. Ich habe schon abgeschickt, Dose Rindfleisch, Dose Wachsbohnen, Päckchen mit Margarine, Päckchen mit Apfelgelee (in Büchse), Cakes, Schokolade, Dose kondensierte Milch (Päckchen 29, 30, 31, 32, 33). Ich bitte dich aber, die Blechdosen (von Margarine und Gelee) mir zurückzuschicken, damit ich dir wieder etwas schicken kann. Wegen Fleischbüchsen will Vater zum Bürgermeister gehen und ihn bitten, dass er uns doch wöchentlich eine Dose für unsere Soldaten zukommen läßt. Eier schicke ich dir auch mal wieder, auch Honigkuchen selbstgebacken. Ich will mir Mühe geben, dass ich doch etwas für dein körperliches Wohl besser sorgen kann. Gelee koche ich noch mehr ein, auch Pflaumenmus bekommst du. Nun aber, alter Junge, gibt es eine Pauke! Wo bleiben die zu beantwortenden Fragen? Ich schrieb dir doch vor einiger Zeit einen Brief, indem ich allerlei von dir wissen wollte, zum Beispiel: Was du so täglich zu essen bekommst, wie dein Dienst und die freie Zeit eigentlich ist, wer dir etwas geschickt hat, wann du wohl in Urlaub kommst, ob du die Lederweste bald haben willst, wie ihr euch mit der Bevölkerung versteht, usw., usw. Eine Schildkröte hätte ich sehr gerne. Wie soll ich sie denn taufen? Und was muss ich sie füttern? Und wie muss ich sie behandeln? Vater macht heute einen Ausflug mit seiner Klasse und lässt dich vielmals grüßen. Haben Vesterlings dir was geschickt? Sie wollten es tun. Die drei Mädels von Feldheims lassen dich grüßen, ich traf sie gestern. Hast wohl inzwischen ihr Päckchen mit Kuchen erhalten? Beantworte mir schön alles, kannst dir ja mal einen Stoß geben und an deine alte Mutsch auch mal schreiben. Ich freue mich dann besonders! So nun lebe wohl, lieber Junge. Hungern sollst du nicht, ich werde schon sehen, wo ich noch was herkriege. Mit herzlichem Gruß, deine Mutter. In dem großen Paket sind Schuhe, Taschenlampe, Batterie, Platten. Bitte also die zwei Dosen zurück!

Hörde, 3.10.1916

Min ol leiw Jung!

Endlich kam wieder ein Lebenszeichen von dir, wie immer zu unserer großen Freude. Schreibe doch so oft du kannst, wer weiß, wie lange wir uns noch haben. Das ist doch ein in Kriegszeiten so sehr naheliegender Gedanke. Inzwischen wollen wir es als unverdiente Gnade preisen, dass du im dritten Kriegsjahre noch heil und gesund bist – das ist die Hauptsache. Und wenn Mühe und Not auch zeitweise die Stimmung etwas (sinken machen) senken, so wird echter Mannessinn immer doch mit neuer Spannkraft der Forderung des Tages genügen. Si fractus illabatur orbis, impavidum ferient ruinae [lat. „Wenn die Welt geborsten einstürzt, auf einen Unerschrockenen werden die Trümmer niederfallen“ - Anm. d. Verf.]. Tröste dich auch über den Stumpfsinn: Du weißt jetzt was der Kulturmensch nötiger hat als Essen und Trinken, und wenn ihr reichen Krieger einst als Studenten auf die universitas litterarum [lat. „Universität der grundlegenden wissenschaftlichen Bereiche“ - Anm. d. Verf.] zieht, werden euch diese Jahre ein einziges hohes Fest des Geistes sein, nicht eine stumpfsinnige Reaktion mit Bier und Tabakqualm auf den Drill der Schule. Wir hier daheim wollen gern alles tun, um euch Soldaten das Durchhalten zu erleichtern. Das wird aber jetzt auch schwer. Morgen kommt eine Büchse Kohl mit Speck – einfach anwärmen. Schreibe wie es geschmeckt hat. Ich war deswegen beim Bürgermeister, der mir ein paar Büchsen bewilligte – also vorläufig alle acht Tage. Inzwischen wirst du ja auch wieder eine Reihe Päckchen erhalten haben und hoffentlich auch die Stiefel. Wie gefallen sie dir? Der Tabak hat uns als greifbares Zeichen deiner makedonischen Tätigkeit sehr erfreut, schmeckt gut, scheint mir aber schwer. Auf die Schildkröte freuen wir uns, hoffentlich wohnt sie bei uns in multos annos! [lat. „auf viele Jahre“ - Anm. d. Verf.]. Die Taschenlampe und die Platten wirst du nun auch im großen Paket erhalten haben. Flöhe? Ja, Junge – „orientalische Nächte“ klingt heiß und verlockend für ein dichterisch schwärmendes Gemüt, wenn nur nicht der harte Realismus in Gestalt vielbeinigen Kleinzeuges einen dicken Strich durch diese Träume machte. Bei deiner Offenheit bleibe nur, mein lieber, alter Junge; nimm mir aber auch meine gelegentlich nicht übel. Du weißt ja, wie ichs meine. Soll ich dir den Brief von Schwarz nicht schicken? Unter höheren Zielen verstehe ich keine hohe Mitgift, wie ich durch mein Leben bewiesen habe, sondern ein echtes, fröhliches, gewissenhaftes Weib oder negativ gesprochen keine herzlose Zierpuppe. Toni Boos, unter uns gesagt, habe ich sehr gern gehabt und uns alleine hat sie ihren netten Bräutigam zu verdanken. Vor ihrer Verlobung beklagte sie sich über einen jungen Ingenieur, der sich an sie dränge und den sie nicht loswerden könne, ebenso wie die Mutter klagte, dass der zudringliche Kopfermann nicht loszuwerden sei. Ich sagte schon damals, wenn ein junges Mädchen einen nicht möge, sei es ihr eine Kleinigkeit, einen jungen Mann loszuwerden. Und was geschieht jetzt? Jetzt trifft sich Toni jeden Vormittag mit dem Ingenieur, koketiert in sehr auffälliger Weise auf offenem Markt. Wenn du das schön findest, Geschmackssache. Sowas kann