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Nun kann ich schon die dritte Geschichte eines jungen Menschen erzählen, dessen Schicksal sich während des 1.Weltkriegs entscheiden wird. Ermutigt durch den Erfolg meines ersten Buches, dass immerhin im dreistelligen Bereich interessierte Leser gefunden hat, ohne dafür auch nur in irgendeiner Form Werbung gemacht zu haben, bin ich auf den Geschmack gekommen. Spannend, wendereich und erschütternd wird es auch diesmal wieder werden. Nach über 100 Jahren greife ich Hans unter die Arme und mit meiner Unterstützung erzählt er seine Geschichte, die nun historisch interessierten Lesern erhalten bleiben wird.
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Seitenzahl: 285
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Sommer 2013 - Spät in der Nacht suche ich wieder einmal in Ebay nach Feldpostkonvoluten, welche mir das Schicksal eines Menschen, seiner Familie und vielleicht auch seiner Freunde und Bekannten während der Zeit des Ersten Weltkriegs eröffnen. Mit Spannung freue ich mich nach einem Kauf dann auf den Erhalt der Belege und sortiere sie zuerst nach Datum und Absender. Schon hier sieht mein geschultes Auge, ob sich mir eventuell eine neue Geschichte eröffnet, die mich vielleicht in den nächsten Wochen beschäftigen wird. Schnell kann ich erkennen, ob das Bündel Feldpost auch wirklich zu einer zusammengehörenden Korrespondenz gehört und ob bestimmte Monate oder gar Jahre des Briefwechsels abhanden gekommen sind. Fällt die erste Durchsicht positiv aus, steigt die Spannung und stichprobenartig sehe ich nach, ob der Absender interessant und ausführlich von den damaligen Begebenheiten erzählt oder ob er stets nur kurze „Lebenszeichen“ an seine Angehörigen in die Heimat schickt. Die Trefferquote ist oftmals gering, ich würde sie ungefähr im Verhältnis 1:15 angeben. Heute finde ich zwei Konvolute, die mein Interesse wecken. Das erste Konvolut zeigt ca. 100 Feldpostbriefe und –karten, auch einige Fotos liegen dazwischen. Laut Beschreibung stammt alles aus einer Familie. Ein kleines Foto zur Auktion, welches einen ca. 7 cm hohen Stapel von Feldpost zeigt, gibt wenig detaillierte Auskunft. Da fällt mir ein zweites Konvolut ins Auge. Einwandfrei die Geschichte eines jungen Soldaten. Erhalten ist ein Tagebuch, die gesamte Feldpost an die Familie und zum Teil die Feldpost an oder von Freunden und viele weitere Dokumente aus seiner Militärzeit. Mit Schrecken muss ich aber erkennen, dass der Versuch der Gewinnoptimierung durch den Verkäufer des Konvoluts in diesem Fall auf die Spitze getrieben wurde. Die Feldpost ist auf mindestens 50 Einzelauktionen verteilt, schön geordnet nach den vermeintlichen Sammelgebieten der Käufer. Die Dokumente wie Telegramme, Urkunden, Bescheinigungen und Fotos sind zusätzlich alle getrennt voneinander in weiteren Auktionen angeboten. Einen Frevel stellt aus meiner Sicht das Angebot des dazu gehörigen Tagebuchs des Soldaten dar. Es reichte nicht, dass es einzeln vom Rest der anderen Belege angeboten wird. Nein, das Tagebuch wurde in 5 Teile zerlegt, welche nach Kriegsjahr zu je 15 bis 30 Blatt getrennt voneinander angeboten werden. Ich kann nicht anders, als in diesem Falle den Verkäufer unter dem Hinweis der historischen Einmaligkeit des Konvoluts anzuschreiben, mit der Bitte mir doch ein Angebot über das Gesamtkonvolut zu machen. Der Verkäufer lehnt freundlich aber bestimmt mit dem Hinweis ab, dass er dies ja nur als Kommissionsware anbiete und den Auftrag so erhalten hätte. Ein Blick in seine Verkaufshistorie zeigt mir jedoch, dass dieses Verkaufsmodell System hat. Es werden Konvolute zu günstigen Preisen aufgekauft, in einzelne Bestandteile zerlegt und anschließend möglichst gewinnbringend verkauft. Wenn dazu Fotoalben zerschnitten, Tagebücher zerlegt oder Korrespondenzen getrennt werden müssen, ist dies nur recht. Ich schreibe den Verkäufer nochmals an, dass hiermit historisch gesehen maximale Zerstörung betrieben wird. Der Verkäufer teilt nur noch mit, dass er eben auch sehen müsse, wie er zu seinem Geld komme.
Für welches Konvolute entscheide ich mich nun beim bieten? Es fällt mir außerordentlich schwer eine Wahl zu treffen.
Hans Bierbach auf obenstehendem Foto gehört zu dem umfangreichen, auf viele Einzel-Auktionen verteilten Konvolut. Das Foto nachstehend zeigt Hans Bernsdorf, dessen Nachlass in der anderen Auktion angeboten wird.
Es kommt mir vor, als wenn beide mich auffordern ihre Geschichte zu erzählen. Die Wahrscheinlichkeit, die Korrespondenz von Hans Bernsdorf mit ca. 100 Belegen zu ersteigern, schätze ich als gut ein. Gewinne ich diese Auktion, dann kommt es eben (nur) noch auf die oben beschriebenen Kriterien, wie Vollständigkeit, Ausführlichkeit der Erzählungen des Absenders, etc. an. Vermutlich ist der Nachlass auch nicht vollständig, da 100 Belege für ein Soldatenleben, welches sich über mehrere Jahre erstreckt, doch relativ wenig sind. Das zweite Konvolut von Hans Bierbach, auf 50 Einzelauktionen verteilt, werde ich kaum zusammengehörig ersteigern können. Extrem hoch wären die Kosten aufgrund der Gebote vieler „Spezialsammler“. Andererseits kann man in den Einzelauktionen erkennen, dass die Briefe und Tagebuchauszüge des Soldaten chronologisch zusammenhängend und zudem äußerst detailliert und interessant von den damaligen Geschehnissen berichten. Eine Geschichte, die alles beinhalten wird, was man für ein historisches Lesebuch benötigt und für dessen Erhaltung es keine zweite Chance gibt. Ich hadere eine Woche und muss dann aufgrund der bevorstehenden Auktionsende beider Konvolute eine Entscheidung treffen. Wessen Geschichte kann ich vielleicht aus dem Dunkel ins Licht führen?
Am Samstagabend biete ich – auf beide Konvolute. Zuerst enden die Auktionen von Hans Bierbach. Ich kann den ersten Teil des Tagebuches für 23 Euro ersteigern, auch ein erstes Foto und ein Brief für je zwei Euro. Ein Telegramm kommt auch noch für 12 Euro in meinem Besitz. Die Hoffnung steigt, vielleicht alles ersteigern zu können. Doch dann werden End-Preise für die weiteren Auktionen geboten, die ich nicht mehr überbieten möchte. Zum Beispiel wird alleine für Teil 2 des Tagebuches 48 Euro geboten und zwei ausführliche Briefe des Jägers Bierbach aus Italien, welcher beim bayrischen Schneeschuhbataillon diente, gehen für zusammen 45 Euro weg. Und dies setzt sich mit den nachfolgenden Auktionen dieses Konvoluts so fort. Enttäuscht biete ich auf das Konvolut des Hans Bernsdorf. In der Auktion ist ein schlechtes Foto hinterlegt, welches einen Stapel Papier zeigt. In der Beschreibung steht „Etwas mehr als über 100 Feldpostbriefe, Feldpostkarten und Fotos“. Es ist nicht zu sehen, bei welchem Regiment oder welcher Einheit der Soldat diente. Ich steigere und gewinne das Konvolut für 36 Euro und werde mich überraschen lassen.
Bereits 1882 zählt Magdeburg mehr als 100 Tausend Einwohner und ist zu einer Großstadt im Deutschen Reich herangewachsen. Eine große Anzahl Industriebetriebe, insbesondere aus der Maschinenbaubranche, haben sich in den letzten Jahren in und um Magdeburg angesiedelt. Das Eisenbahnnetz wird ständig erweitert und die Elbe bietet gute Transportmöglichkeiten in Richtung Hamburg zur Verschiffung der produzierten Güter. Ein kalter Tag ist der 19.Oktober 1889, als Paul Bernsdorf früh am Morgen in der Martinistraße in Buckau bei Magdeburg seinen Hochzeitsanzug aus dem Schrank nimmt. 10 Grad hat es gerade, noch ein wenig kälter als in den letzten Tagen. Paul sieht an diesem Samstag aus dem Fenster seines Zimmers. Große Wolken ziehen am Himmel vorüber, aber zumindest regnet es heute nicht wie schon an allen vorhergehenden Tagen der Woche. Paul holt die neuen Schuhe aus der Kommode, die er sich letzte Woche gekauft hat und nimmt sich Geld aus der Schreibtischschublade. Heute soll es seiner Luise und den geladenen Gästen an nichts fehlen. Und – er kann es sich leisten. Seine Kaufmannslehre hat er vor einigen Jahren abgeschlossen und seinem Arbeitgeber, der Maschinenbaufabrik R. Wolf in Buckau geht es wirtschaftlich blendend. Die ursprüngliche Belegschaftszahl ist von 100 Mitarbeitern im Jahre 1880 auf inzwischen 700 angestiegen, das Werksgelände wird ständig durch neue Bürogebäude und Fabrikhallen erweitert. Dort werden neben Kesseln, Schiffsschrauben, Dampfmaschinen und Tiefbohranlagen vor allem Lokomobile hergestellt. Die Waren des Unternehmens werden bis nach China und Chile exportiert. Durch die Eingemeindung der Stadt Buckau im Jahre 1887 mit ihren zahlreichen Maschinenbaufabriken sowie Messgeräte- und Armaturenwerken, gelangt Magdeburg bald in den Ruf als „Stadt des Maschinenbaus“.
Paul Bernsdorf profitiert als kaufmännischer Angestellter auch vom sozialen Engagement des Firmengründers und Unternehmensleiters Rudolf Wolf. Dieser führt frühzeitig eine Pensions-, Witwen- und Waisenkasse und weitere Vergünstigungen für seine Mitarbeiter ein.
Elisabeth und Gustav Bernsdorf, Pauls Eltern, klopfen in diesem Moment an seine Tür und drängen Paul zum Aufbruch. Es geht in das benachbarte Sudenburg, einem Ortsteil Magdeburgs. Heute gönnt sich Familie Bernsdorf eine Fahrt mit der Pferdebahn zum Sudenburger Standesamt, woselbst sie Pauls zukünftige Ehefrau Luise und ihre Mutter erwarten. Luise Henniges hatte nur einen kurzen Fußweg und wartet bereits aufgeregt vor dem Gebäude, als Paul mit seinen Eltern vorfährt. Luises Vater Friedrich ist bereits vor einigen Jahren verstorben. Luise verdient als gelernte Verkäuferin nicht viel und mit ihrer Mutter kommt sie in der gemeinsamen Wohnung in der Braunschweigerstraße in Sudenburg gerade so über die Runden. Paul Bernsdorf wurde bisher nicht zum Militärdienst eingezogen und hofft als Ersatz-Reservist weiterhin seinen Zivilberuf nachgehen zu können. Das junge Familienglück ist perfekt, als Luise Bernsdorf am 5.November 1890 in der gemeinsamen Wohnung in der Martinistraße in Buckau ihren Sohn Hans zur Welt bringt. Auch wirtschaftlich geht es der Familie zunehmend besser. Pauls Arbeitgeber expandiert weiter. 1891 wird ein neues größeres Verwaltungsgebäude eröffnet, weitere Maschinenhallen, Zweigstellen und Auslandsvertretungen der Firma R. Wolf entstehen. Man beteiligt sich an der internationalen Elektrotechnischen Ausstellung in Frankfurt am Main und an der Weltausstellung in Chicago. Paul Bernsdorf kann es sich von seinem guten Gehalt leisten in seiner Freizeit in den umliegenden Wäldern zur Jagd zu gehen und das junge Ehepaar Bernsdorf nimmt 1894 mit Freuden das Angebot von Luises Mutter an, die größere Mietwohnung in der Braunschweigerstraße zu übernehmen. Dort kommt im Mai 1894 Tochter Else zur Welt. Indessen setzt sich der wirtschaftliche Aufschwung und das Wachstum der Fabrik weiter fort. Allein 1897 werden 500 Lokomobile ausgeliefert. Das Fabrikgelände wird um eine vierstöckige Werkstatt und eine Schlosserei erweitert und die Belegschaftszahl steigt auf 1200 Beschäftigte.
Am 24.Oktober 1897 kommt Töchterchen Charlotte zur Welt. Die Familie beschließt ein weiteres Mal umzuziehen. Es geht wieder zurück nach Buckau, wo man in der Fährstraße, nicht weit entfernt von Pauls Arbeitsstelle, eine größere Mietwohnung nur wenige Meter von der Elbe gelegen beziehen kann.
Mit seinen beiden jüngeren Schwestern Else und Charlotte wächst Hans Bernsdorf in gutbürgerlichen Familienverhältnissen in Buckau auf. Im März 1900 darf der 10-jährige Hans das erste Mal während der Schulferien mit seinem Vater zur Jagd gehen. Im Wohnzimmer hängen bereits viele Jagdtrophäen des Vaters und heute darf er selbst das Jagdgewehr anlegen. Ein dutzend Hirschgeweihe schmücken die Wand zu Hause in Buckau über dem Sofa und Hans würde gerne sein erstes selbstgeschossenes hinzuhängen. Aber Hans liebt auch die Kartenpartien, welche er mit seiner Mutter und den Geschwistern jedes Wochenende spielt. Morgen wird er dann mit seinen Eltern und Schwestern zur Elbe hinunter spazieren, um den Ruderern des Magdeburger Rudervereins bei ihren Übungen zuzusehen. Am 15.März 1901 enden die Ferien und Hans Bernsdorf wechselt von der Grundschule auf die Guerickeschule, einer Oberrealschule mit Realgymnasium. Am Dienstag, den 16.März beginnt der Schultag in der Oster-Sexta B, einer von 25 Klassen an der Schule. Zur Freude der Eltern hat er den Sprung auf die höhere Schule erreicht und teilt sich in der fünften Klasse mit 49 Mitschülern ein Klassenzimmer. Nach Abschluss der 7.Klasse, der Untertertia, wird sich Hans dann entscheiden müssen, ob er den Zweig der Oberrealschule oder des Realgymnasiums einschlagen möchte. Zunächst stellen sich die Lehrer ihren neuen Schülern vor und erklären die Unterrichtsthemen. Klassenleiter wird Lehrer Behnstedt, welcher im evangelischen Religionsunterricht im ersten Halbjahr in drei Unterrichtstunden pro Woche die biblischen Geschichten des Alten Testaments von Moses Tod bis zur Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft behandeln möchte. Dabei soll das 9. und 10.Gebot und der Beschluss mit Luthers Erklärung erlernt und mit den Schülern das Lied „Lobt Gott, ihr Christen“ einstudiert werden. Im Deutschunterricht werden in vier Schulstunden prosaische und poetische Lektüren gelesen und mündliche Übungen im Erzählen von Märchen und Sagen durchgeführt. Die Kinder sollen einige Gedichte erlernen und diese im Kanon der Klasse vortragen können. Darunter sind: Siegfrieds Schwert, Friedrich Barbarossa, Der reiche Fürst, Heinrich der Vogelsteller und das Waldlied von Hoffmann. Auch die Grammatik soll nicht zu kurz kommen. Geübt und gefestigt wird die Konjugation des Aktivs und Passivs, besonders der Konjunktiv-, Imperativ-, Infinitiv- und Partizipialformen. Wiederholt werden das reflexive Verb, das Adverb, das Zahlwort, die Präpositionen mit Genitiv, die wichtigsten Bindewörter und Interjektionen. Die Adverbialen Bestimmungen und die Interpunktionslehre schließen den Themenschwerpunkt ab. Ordinarius Behnstedt fährt mit dem Rechnen fort: Fünf Stunden die Woche werden die deutschen Maße, Gewichte und Münzen in der dezimalen Schreibweise mit Rechnungen eingeübt. In zwei Stunden Geographieunterricht werden die geographischen Grundbegriffe vermittelt und in der Geschichtsstunde „Lebensbilder aus der vaterländischen Geschichte“ besprochen. Im zweistündigen Fach Naturbeschreibung sollen die Schüler die Beschreibung vorliegender Blütenpflanzen beherrschen lernen und die Formen und Teile der Wurzeln, Stengel, Blätter, Blüten, Blütenstände und Früchte erklären können. In der Tierwelt sollen wichtige Säugetiere und Vögel in Bezug auf Gestalt, Farbe und Größe nebst Lebensweise, Nutzen oder Schaden beschrieben werden. Im ebenfalls zweistündigen Fach Schreiben werden die deutsche und die lateinische Schrift sowie die Zifferformen eingeübt. Hierzu stehen Schönschreibhefte zur Verfügung. Als Hauptfach lehrt Behnstedt seinen Schülern sechs Stunden Französisch in der Woche. Dabei werden grammatikalische Übungen und der mündliche Gebrauch der Sprache durch ein wöchentliches Diktat gefestigt. Die körperliche Ertüchtigung soll auch nicht zu kurz kommen. Am 13.Juni macht Hans Klasse mit der Bahn einen Ausflug nach Schöningen, um von dort aus nach Esbeck, Warberg und dem Gasthof Elmhaus zu wandern.
Turnen wird in diesem Jahr in der schuleigenen Turnhalle und einem kleineren mit Geräten ausgestatten Platz abgehalten. Den Schülern wird dort Geräteturnen und Ballsport ermöglicht. Im Sommer gibt es außerdem Angebote für Rudern, Schwimmen und Radfahren.
Im laufenden Schuljahr finden wie gewohnt die vorschriftsmäßigen Feiern statt. Der Sedantag wird am 2.September in den Klassenräumen gefeiert. Das Reformationsfest begehen Lehrer und Schüler in der ersten Vormittagsstunde des 31.Oktober in der Aula. Die Ansprache soll Oberlehrer Klemming über Luthers Beziehungen zu Magdeburg halten. Zum Schulschluss an Weihnachten ist eine Feier mit einer Liturgie unter Mitwirkung des Chors angesetzt. Besonders gründlich hat Direktor Professor Dr. Ifensee die Abhaltung der Feierlichkeiten zum Geburtstagfest Seiner Majestät des Kaisers und Königs Wilhelms II für Sonnabend den 25.Januar 1902 vorbereitet. In der Aula wird eine öffentliche Veranstaltung stattfinden, an der auch Hans Eltern Luise und Paul und seine Schwestern Else und Charlotte teilnehmen werden. Die Feierlichkeiten beginnen mit einer Einlage des Chors mit dem Lied „Ein Festchor in vier Sätzen“ von Josef Stein, bevor der Oberlehrer Dr. Danckwortt die Festrede hält. Er führt dabei die Bedeutung von Deutschlands Flotte und deren Taten und Geschicke zur See aus, worunter er dem Untergang des Kanonbootes Iltis besondere Aufmerksamkeit schenkt: „Am 23.7.1898 war das Kanonenboot S:M.S. Iltis in China am Kap Schantung nördlich des Promontory-Leuchtturms in einen schweren Taifun geraten. Als das Boot strandet und zerbricht, versuchen sich die Besatzungsmitglieder auf den Wrackteilen zu retten. Als jede Hoffnung vergeblich scheint stimmen die Matrosen das Lied „Stolz weht die Flagge schwarz-weiß-rot“ an. Nur drei der Männer können sich an Land retten. Erst am 25.7. beruhigte sich die See, so dass Chinesen und der deutsche Leuchtturmwärter weitere 11 Überlebende aus dem Wrack bergen können. Der ehrenhafte Kapitän Braun, alle tapferen Offiziere und 64 Matrosen ertranken in den Fluten und die 27 angetriebenen Leichen erhielten auf dem neu angelegten Friedhof beim Promontory-Leuchtturm ihre letzte Ruhestätte. Zum Gedächtnisse an die ertrunkenen Besatzungsmitglieder beschlossen die in China wohnhaften Deutschen ein Denkmal in Schanghai zu errichten, welches am 21. November 1898 in Gegenwart Seiner Majestät des Prinzen Heinrich feierlich enthüllt wurde. Dreiundsechzig deutsche Matrosen und Marinesoldaten umstanden das Denkmal, die vor Anker liegenden österreichischen, italienischen, russischen, englischen und amerikanischen Kriegsschiffe hatten Abordnungen entsandt, das deutsche Freiwilligenkorps war aufmarschiert und die fremde wie die einheimische Bevölkerung war in überraschender Zahl erschienen - nicht aus Neugier, sondern aus Mitgefühl. Nach einer tiefempfundenen Ansprache des Generalkonsuls Dr. Stübel fiel die Hülle, und das nach einer Skizze des Kapitän Müller von Bildhauer Kraus modellierte, seinem Zweck überaus geschickt angepasste Denkmal zeigte sich den Augen der Menge. Auf granitnem Unterbau erhob sich ein zersplitterter, sechs Meter hoher Mast aus Bronze, an dessen Fuß die deutsche Fahne und ein Lorbeerkranz lehnen." Dr. Danckwortt schließt seine Ausführungen über die kolonialen Bestrebungen Deutschlands mit einem Hoch auf den Kaiser und stimmt den gemeinschaftlichen Gesang des Liedes „Heil dir im Siegerkranz“ an, wonach die Veranstaltung endet.
Die Gedenktage an die „hochseligen“ Kaiser Wilhelm I und Friedrich III schließen durch Erinnerung in der Morgenandacht in den einzelnen Klassen und durch eine gemeinsame Feier in der Aula das Schuljahr ab.
Mit seinen Vater Paul verbindet Hans die Jagd in den umliegenden Wäldern. Bald schenkt ihm sein Vater ein eigenes Jagdgewehr und Hans lernt dabei den Umgang mit der Waffe. Im Februar 1907 besucht Hans in der Guericke-Schule die Untersekunda (10.Klasse) der Oberrealschule. In seinem letzten Schuljahr wird Hans Bernsdorf 30 Stunden Unterricht in der Woche haben. Die Klassenführung übernimmt Professor Dr. Duchâteau, der sogleich den Stoff für die nächsten Monate bekanntgibt. In Religion wird Bibellektüre gehalten, namentlich Hiob, Psalmen, Propheten und Lukas gelesen, anschließend der Katechismus wiederholt. In den drei Stunden Deutsch schreibt der Lehrplan die poetische und prosaische Lektüre vor, wobei eine Auswahl an Schillers Gedichten und Balladen auswendig gelernt werden sollen. Die Aufsatzthemen stehen auch bereits fest:
1. Wer trägt im Streite des Agamemnon und Achilles die größere Schuld?
2. Friedrich der Große als Regent
3. Theodor Körner, ein Sänger und ein Held
4. Was erfahren wir in der Rütliszene über die Vorgeschichte der Schweizer?
5. Wodurch wird Rudenz Sinnenänderung erwirkt?
6. Was erfahren wir im Prolog der Jungfrau von Orleans über die Lage Frankreichs?
7. König Karl der VII und sein Hof
8. Die vermittelnde Rolle des Pfarrers und des Apothekers in Hermann und Dorothea
Französisch wird in fünf Unterrichtsstunden gelehrt, dabei die gesamte Grammatik wiederholt und eine französische Lektüre gelesen. Ähnlich sollen in Englisch die Grammatik und Vokabeln wiederholt und Übersetzungen vorgenommen werden. Alle 14 Tage findet hierzu eine schriftliche Klassenarbeit statt. Die fünf Stunden Mathematik beinhalten in der Arithmetik die Logarithmen, Exponentialgleichungen und Quadratische Gleichungen, in der Trigonometrie die Berechnung von rechtwinkligen, gleichschenkligen und schiefwinkligen Dreiecken und in der Stereometrie die Berechnung der Oberflächen und kubischen Inhalte von Körpern. Der Lernerfolg wird durch monatliche schriftliche Übungen überprüft. In Geschichte geht es um die deutsche und preußische Geschichte vom Regierungsantritt Friedrichs des Großen bis zur Gegenwart und in Erdkunde um die Hervorhebung der wichtigsten Handelsprodukte und Fabrikate der europäischen Länder sowie der bekanntesten Verkehrs- und Handelswege der Gegenwart. Physik behandelt in diesem Jahr Magnetismus, Elektrizität, Akustik und Optik, das Fach Chemie und Mineralogie die Behandlung der Metalloide und Metalle nach ihren wichtigsten Eigenschaften und Verbindungen. Desweiteren werden in zwei Stunden Naturbeschreibung pro Woche die Anatomie und Physiologie der Pflanzen durchgenommen, sowie Pflanzenkrankheiten besprochen. In Zeichnen wird insbesondere das Freihandzeichnen einstudiert, indem Gebrauchsgegenstände, Waffen, Musikinstrumente, Pflanzenknospen und Blüten gezeichnet werden. Turnen wird wie gewohnt in der angeschlossenen Turnhalle und dem neben der Turnhalle gelegenen Spielplatz abgehalten. Die Schüler betreiben vor allem die Ballsportarten Tamburinball, Faustball, Rollball und Schlagball oder betätigen sich bei Laufspielen wie dem Barlauf.
Hans Bernsdorf gefallen die Erzählungen seines Vaters von den großen Dampfmaschinen, welche die Magdeburger R. Wolf-Fabriken über Auslandsniederlassungen in alle Welt liefern. Weit über 10.000 Lokomobile hat die Firma schon in alle Welt geliefert. Aber Hans möchte nicht wie sein Vater als Kaufmann in der Schreibstube arbeiten, sondern selbst den Maschinenbau erlernen. Er entschließt sich nach dem Schulabschluss an der Magdeburger Maschinenbauschule ein Studium für Maschinenbauingenieure zu beginnen.
Oben: 1910 - Kommilitonen der Magdeburger Maschinenbauschule; Hans steht in der hinteren Reihe als Dritter von rechts
Hans Bernsdorf wird sich während des Studiums mit seinen Freunden besonders dem Rudern widmen. Er findet zunehmend Gefallen an dem Sport und wird aktives Mitglied im Magdeburger Ruderverein M.R.V. Arbeiter werden von der Teilnahme an Wettkämpfen ausgeschlossen. "Wer seinen Lebensunterhalt mit seiner Hände Arbeit verdient, gilt nicht als Amateur", so dass Rudern den höheren, gebildeten Schichten vorbehalten bleibt. Gerne begleiten die Eltern und die beiden Schwestern Hans zu den Wettkampfveranstaltungen seines Vereins, welche auf der Elbe in Magdeburg stattfinden. Auch sonst bieten Theaterveranstaltungen, Museen und Konzerte Familie Bernsdorf ein kulturell angeregtes Leben und sonntags bestaunt man bei Spaziergängen den Magdeburger Dom, der bis 1910 durch ein neues Orgelwerk und die Farbverglasung von 73 Fenstern deutschlandweit Berühmtheit erlangt.
Oben: Hans im Vierer mit Steuermann bei einem Ausflug nach Niedersachsen im Frühjahr 1911; mit Steuermann Baumeister und der Rudergruppe Sache, Bernsdorf, Baumeister und Wachter bei einer Frühstücksfahrt auf dem See Taube Elbe bei herrlichem Wetter, das Boot haben sie „Auguste Viktoria“ getauft
Oben: die gleiche Rudergruppe während einer Pause am Ufer des Sees; Hans Bernsdorf sitzt hinten links
Eine weitere Tagesfahrt führt Hans Bernsdorf am 8.10.1911 mit seinen Ruderfreunden nach Barby, einem kleinen Städtchen am linken Ufer der Elbe, ca. 25 Kilometer südlich von Magdeburg gelegen. In Buckau ist die Rudergruppe mit dem Achterboot „Neptun“ und einem Steuermann früh morgens um 7 Uhr aufgebrochen. Nach dreiviertel der Strecke müssen sie wegen allzu stürmischen Wetter bei Dornburg die Fahrt unterbrechen. Abends gegen 8 Uhr kehren sie zum Buckauer Bootshaus zurück.
Oben: Hans rechts sitzend mit Ruderer Sachse bei Kilometer 301 in der Nähe von Dornburg
Oben: Die Rudergruppe auf der Elbe im Achter mit Steuermann
1912 unternimmt Hans mit seinen Freunden Agte und Gephard einen Ruderausflug auf der Elbe, der sie bis ins 20 Kilometer südlich von Magdeburg gelegene Glinde führt. Von seiner Schwester Else kann er sich wie schon so oft für die Unternehmung deren Fotoapparat leihen, um einige Erinnerungsfotos zu machen. „Elschen“ besitzt seit einigen Jahren einen eigenen kleinen Apparat und macht in Ihrer Freizeit gerne Familienfotos.
Oben: Die Ruderfreunde Bernsdorf (links) und Gephard am Elbufer bei Schönebeck auf dem Weg nach Glinde. Bei stürmischem Wetter wird eine Frühstückspause eingelegt, bevor es weiter zum Tagesziel, dem kleinen Ort Glinde an der Elbe geht.
Oben: Hans Bernsdorfs Begleiter auf der Tagesfahrt nach Glinde, die Ruderfreunde Agte und Gephard, beim Einholen der Vereinsfahne des Rudervereins M.R.V. Die Rückfahrt nach Buckau steht ihnen noch bevor.
Luise und Paul Bernsdorf unterstützen ihren Sohn während dessen Ingenieurstudium an der Maschinenbauschule so gut sie können. Für den Kaufmann Paul Bernsdorf läuft es beruflich weiterhin recht gut. Die R. Wolf beschäftigt 1912 knapp 3500 Mitarbeiter in den verschieden Werken in Buckau und der Umgebung. Zusätzliche Gebäude für eine eigene Eisengießerei, eine größere Kesselschmiede und Modelltischlerei, ein erweiterter Verwaltungstrakt mit geräumiger Kantine und Speisesälen, ein eigenes Laboratorium und eine Materialprüfungsanstalt werden auf dem Werksgelände errichtet.
Allein über 15.000 Lokomobile haben seit Firmengründung die Magdeburger Werke verlassen, dabei gehen die Hälfte der produzierten Maschinen in den Export. Man unterhält 35 Auslandsvertretungen und schaltet Anzeigen in 300 ausländischen Zeitungen. Für die Erschließung der internationalen Märkte beteiligt sich das Unternehmen an Maschinen-Ausstellungen in aller Welt, die Geschäftspost wird in sieben Sprachen geführt und pro Jahr halten die Angestellten in der Firmenzentrale 4000 Ferngespräche ins Ausland. 1913 erfolgt die Umwandlung des Unternehmens in eine Aktiengesellschaft, der Firmenname ändert sich auf R. Wolf AG. Hans Bernsdorf kann in dieser Zeit sein Ingenieurstudium abschließen und wird zur Freude seiner Eltern bei der R. Wolf AG tätig. Allerdings verschlechtert sich der Gesundheitszustand seiner Mutter Luise. Magen- und Rückenprobleme plagen sie in letzter Zeit häufiger, so dass die Töchter Else und Charlotte zunehmend bei den Haushaltsarbeiten unterstützen müssen. Anfang 1913 macht sich Hans Bernsdorf mit seinem Vater auf den gemeinsamen Jagdausflügen Gedanken um seine Zukunft. Da sein Studium seit einigen Monaten beendet ist, muss er davon ausgehen, bald zum Militärdienst eingezogen zu werden.
Oben: 1913 - Hans Bernsdorf mit seinem Jagdgewehr im elterlichen Wohnzimmer bei den Vorbereitungen zu einem Jagdausflug. Sein Fernglas steht auf dem Tisch und im Hintergrund sind die Jagdtrophäen zu sehen, die er mit seinem Vater gesammelt hat.
Grundsätzlich war im Deutschen Kaiserreich jeder Deutsche vom vollendeten 17. bis zum vollendeten 45. Lebensjahr wehrpflichtig und für Hans Bernsdorf ist es absehbar, dass auch er in Kürze den Gestellungsbefehl erhalten wird. Drei Jahre beträgt die Wehrpflicht im Deutschen Reich, doch es gibt eine Alternative. Hans kann sich auf Grund seiner höheren Schulbildung für den Einjährigen-Freiwilligen Dienst (kurz „Einjähriger“) bewerben. Anstatt dreijähriger Wehrpflicht hat er dann nur ein Jahr zu dienen und zusätzlich das Privileg den Truppenteil selbst wählen zu dürfen, insofern keine körperlichen Einschränkungen vorliegen. Die körperliche Eignung wird anschließend von demjenigen Truppenteil überprüft, für den sich der Bewerber entschieden hat. Für die Zulassung muss Hans einen Berechtigungsschein beantragen, welcher unter Vorlage des Geburtszeugnisses, des Nachweises der höhere Schulbildung und eines Unbescholtenheits-Zeugnisses bei einer Prüfungskommission eingereicht wird. Allerdings ergibt sich bei einer Annahme auch der Nachteil, dass der Einjährig-Freiwillige während seiner Dienstzeit sämtliche Kosten für Bekleidung, Ausrüstung, Wohnung und Unterhalt selbst tragen muss. Der Einjährigen-Freiwilligen-Dienst ist daher mit nicht unerheblichen Unkosten für eine Familie versehen und deshalb eher den oberen Gesellschaftsschichten vorbehalten. Doch Paul Bernsdorf gibt seinem Sohn gerne die Unterstützung und willigt ein, aus seinem Vermögen den Unterhalt während dieser Zeit zu gewähren. Hans bewirbt sich daraufhin als Einjährig-Freiwilliger beim
1.Magdeburger Infanterie-Regiment Nr.26 Fürst Leopold von Anhalt-Dessau. Er wird bei einer positiven Entscheidung der Kommision in Magdeburg bleiben können. Das Militärleben ist der Familie wohl bekannt, da Magdeburg seit 1866 Sitz des IV.Armeekorps ist, welchem bis 1911 Paul von Hindenburg als kommandierender General vorstand. Mehrere Regimenter haben Magdeburg als heimatlichen Garnisonsstandort ausgewählt und Soldaten gehören zum alltäglichen Stadtbild. Hans wird nach diversen Prüfungen und Untersuchungen von der Prüfungskommision zur Freude seiner Eltern und Geschwister als geeignet eingestuft und beim 1.Magdeburger Infanterie-Regiment Nr.26 eingestellt. Am 1.Oktober 1913 hat er in der Kaserne des Regiments seinen Dienst anzutreten. Doch bis dahin sind noch einige Monate Zeit, die Hans mit seinen Ruderfreunden des M.R.V. verbringen möchte. Für den 13.Juli 1913, kurz vor Hans Bernsdorfs Einberufung, planen sie ihre bis dahin weiteste Tagesfahrt nach Klein-Rosenberg, ca. 50 Kilometer südlich von Buckau gelegen. Dabei rudern sie die Elbe hinunter und zweigen dann auf die Saale ab.
Oben: Am 13.7.1913 am Saalestrand hinter Klein-Rosenburg beim Abkochen. Bei herrlichem Wetter machen die Ruderfreunde Bernsdorf (links), Sill und Schulze auf der lange geplanten Tagesfahrt mit dem Boot „Neptun“ eine Ruhepause.
Oben: Nach der Rückfahrt von Klein-Rosenburg mit den Ruderfreunden in Buckau beim M.R.V. Hans Bernsdorf sitzt ganz rechts.
Anfang August 1913 finden in Magdeburg eine große Anzahl Festlichkeiten in der Stadtmitte, den Gasthäusern und den Kasernengebäuden des Infanterie-Regiments 26 statt. Nach einjähriger Vorbereitung wird die Hundertjahrfeier des Regiments begangen. Zahlreiche Gäste, ehemalige Angehörige des Regiments und Bürger nehmen an den meist öffentlichen Veranstaltungen teil. Auch Hans Bernsdorf und seine Familie gehören zu den in großer Zahl anwesenden Zuschauern. Hans möchte sich einen ersten Eindruck seines Regiments machen, bei welchem er in acht Wochen seinen Dienst antreten wird. Am 1.August beginnen die Feierlichkeiten mit einem Begrüßungsabend für die ehemaligen Unteroffiziere und Mannschaften im Gasthaus „Hofjäger“, während das Offizierskorps seine früheren Angehörigen mit ihren Damen und den geladenen Gästen am Scharnhostplatz im Gasthaus „Harmonie“ empfängt. Bei einer großen Tanzveranstaltung kann sich die Jugend an dem Feste beteiligen. Am 2.August steht das Regiment nach einem Festgottesdienst im Dom und der St. Sebastianskirche in Paradeaufstellung auf dem Domplatz. Dabei bilden weit über 10.000 ehemalige Angehörige des Regiments ein offenes Viereck. Familie Bernsdorf und Tausende von interessierten Gästen und Bürgern Magdeburgs halten inne, als um 11 Uhr der kommandierende General Exzellenz Sixt von Arnim eine an das Regiment gerichtete Kabinettsorder von Seiner Majestät Kaiser Wilhelm II verließt: „Ich entbiete dem Regiment zu seiner Jubelfeier meinen Glückwunsch und spreche ihm gerne meinen Königlichen Dank aus für die treuen Dienste, die es mir, meinen erhabenen Vorfahren und dem Vaterlande während seines Bestehens geleistet hat. Ich freue mich, meiner gnädigen Anerkennung durch Verleihung der Säkular-Fahnenbänder in dem Vertrauen Ausdruck geben zu können, dass das Regiment in vielen Kämpfen bestätigte Hingebung und Tapferkeit weiter bis in die fernste Zukunft bewahren wird. Bergen, an Bord der Yacht Hohenzollern, den 2.August 1913, gezeichnet Wilhelm II.“ Nach minutenlangen „Hoch lebe Kaiser Wilhelm – Rufen“ wird eine Reihe von Auszeichnungen bekannt gegeben und überreicht, bevor sich das Regiment in einem Parademarsch in Bewegung setzt und in die Lokale der einzelnen Kompagnien abrückt, in welchen anschließend die Festessen stattfinden. Als Abendfestlichkeiten werden den Magdeburgern Konzertvorträge und Theateraufführungen angeboten, ein Ball hält viele bis in die Morgenstunden des 3.August 1913 beisammen. Hans Bernsdorf spaziert mit seinen Schwestern „Elschen“ und „Lottchen“ um 11Uhr vormittags zur Abschlussfeier in die Kaserne Mark, wo Turnübungen und Turnspiele vorgeführt werden.
Am 1.Oktober 1913 meldet sich Hans Bernsdorf nach Verabschiedung bei seinen Eltern, Geschwistern und Freunden früh morgens um 7 Uhr in der Kaserne des 1.Magdeburger Infanterie-Regiments Nr.26 Fürst Leopold von Anhalt-Dessau zum Antritt seines Einjährigen-Freiwilligen-Dienstes. Nach mehrwöchiger, schweißtreibender Grundausbildung findet ein großes Manöver in der Altmark statt. Dabei nimmt an den Übungen eine neu gebildete Maschinen-Gewehr-Kompagnie teil. Hans ist selbst einer Ersatz-Kompagnie im 2.Bataillon des Regiments zugeteilt. Seine Familie kann Hans zumindest am Wochenende besuchen und sich dort von den schweren Plagereien seiner militärischen Ausbildung etwas erholen. Am 27.Januar 1914 wird in der Kaserne der Kaisergeburtstag gefeiert und am 21.Februar 1914 findet ein Regimentsball für die Mannschaften und Offiziere statt. Hans Bernsdorf hat nun bereits die Hälfte seines Militärdienstes absolviert. Anfang Juni 1914 erhält das Infanterie-Regiment 26 Befehl zu einem Manöver nach Ohrdruf, einem groß ausgebauten Truppenübungsplatz ca. 200 km südlich von Magdeburg gelegen, aufzubrechen. Der Transport zu der achtwöchigen Übung erfolgt mit der Bahn. Hans ist inzwischen der 6.Kompagnie des Regiments zugeteilt und zum Unteroffizier befördert worden.
Tag und Nacht werden die Soldaten in anstrengenden Geländeübungen, Gewaltmärschen und im Scharfschießen gedrillt, als am 28.Juni 1914 durch eine Nachricht große Aufregung unter den Soldaten und Offizieren des Regiments eintritt. Bei einem Attentat auf den österreichisch-ungarischen Thronfolger Erzherzog Franz-Ferdinand und seiner Gemahlin Sophie, Herzogin von Hohenberg, werden beide in Sarajevo tödlich verletzt. Bei Hans Bernsdorf und seinen Kameraden flacht nach einigen Tagen das Interesse an den diplomatischen Vorgängen, welche nun aufgrund des Attentats bei den europäischen Großmächten eintreten, ab. Das Manöver wird in unverminderter Härte weitergeführt, da in 14 Tagen eine große Regimentsbesichtigung eingeplant ist. Doch Hans Bernsdorf trägt die Anstrengungen mit Fassung. Die baldige Rückkehr in die Magdeburger Kaserne ist absehbar und Hans geht davon aus, dass er in nur drei Monaten seinen Militärdienst beenden wird und anschließend in seinen Zivilberuf als Maschinenbauingenieur bei der R. Wolf AG zurückkehren kann. Am 11.Juli schreibt er zwei Wochen vor dem planmäßigen Rücktransport vom Truppenübungsplatz Ohrdruf einen Brief an seine Familie in Buckau. Einige von Hans Kameraden grüßen Familie Bernsdorf am Ende des Briefes mit eigener Unterschrift.
Ohrdruf Übungsplatz, den 11.7.14
Liebe Eltern!
Herzliche Grüße von hier. Es ist der erste Tag an dem wir mal zur Besinnung kommen, denn morgen ist Regimentsbesichtigung und heute Nachmittag Ruhe. Also, alles ist fort, wenn es wieder nach Hause geht, denn diese blödsinnige Rennerei, diese Hetzerei, dieses unbequeme Leben usw. haben wir alle satt. Gleich am Dienstag hatten wir nicht weniger als 17 Stunden Dienst und so geht es fast alle Tage. Wir kommen überhaupt nicht mehr zur Besinnung. Meine Esswaren liegen noch fast unberührt hier. Die Umgebung ist herrlich. Viele Berge und viele Steine, und was für welche, spitz wie die Nadeln. Unsere Körper sehen schon aus wie Blaubeeren. Brrrrr! Ein Segen ist, dass unser Hauptmann sich beinahe das Genick gebrochen hat, jetzt im Bett liegt und uns nicht prügeln kann. Das ganze Lager gleicht einer Villenkolonie. Jede Kompagnie bewohnt eine Villa für sich. Wasserleitung und elektrisches Licht sind ebenfalls vorhanden. Über den Knüppel wird hier nicht gemacht. Jeder hat seinen Lokus für sich und dann noch mit Wasserspülung. Das ganze Lager ist mit einem Zaun umgeben. Niemand darf dasselbe verlassen. Am Sonntag haben wir mit Ach und Krach Urlaub nach dem 20 Minuten vom Lager gelegenen Städtchen Ohrdruf erhalten. Unsere Mahlzeiten nahmen wir auf unseren Märschen meistens in den umliegenden Dörfern ein. Übrigens sind die Übungen in größeren Verbänden sehr interessant. Gestern hatten wir Kompagnieschießen gehabt. Trotz der sehr schlecht erkennbaren Ziele haben wir gute Resultate gehabt, bloß unser Hauptmann hat einen gehörigen Anpfiff bekommen. Die Leute sind gelobt worden. In der Kompagnie vertrete ich jetzt einen sehr wichtigen Posten. Beim Gefecht und bei Gefechtsverlusten, bei denen die gesamten Korporäle und die Führung tot gerechnet sind, muss ich die Kompagnie führen. Na, was da raus kommt, könnt ihr euch denken. Knochen habe ich überhaupt nicht mehr. Schluss und Nachricht folgt! Am Anfang der nächsten Woche bitte ich um Übersendung von 10 Mark, der letzten Rate für Ohrdruf. Herzliche Grüße euer Hans.
Freundliche Grüße unbekannterweise Klarmann, freundlichen Gruß Paul Brecht, freundlichen Gruß Paul Butzmann, besten Gruß Beßelme, Kent Wilhelm
Die politische Stimmung heizt sich im Verlaufe des Monats Juli weiter auf und am 23. Juli 1914 stellt Österreich-Ungarn an Serbien ein äußerst scharfes, auf 48 Stunden befristetes Ultimatum. Das Infanterie-Regiment 26 wird umgehend in die Kaserne nach Magdeburg zurückbeordert. Am 28.Juli 1914 erklärt Österreich-Ungarn an Serbien den Krieg. Als Russland am 30. Juli 1914 die Mobilmachung von Heer und Marine anordnet, reagiert das Deutsche Reich mit scharf formulierten Ultimaten zur Einstellung dieser Maßnahmen. Am Freitag den 31.Juli verstreicht das 12-stündige Ultimatum des Deutschen Reiches an Russland ergebnislos, worauf Kaiser Wilhelm II um ein Uhr mittags den „Zustand der drohenden Kriegsgefahr“ erklärt. Am darauf folgenden Tag wird die Mobilmachung für Heer und Flotte befohlen und mit der Kriegserklärung an Russland beginnt für Deutschland der Erste Weltkrieg. Durch die gegenseitigen Bündnisverpflichtungen der europäischen Staaten erfolgen in den nächsten Tagen weitere gegenseitige Kriegserklärungen, die Frankreich, England und weitere Länder zu Kriegsgegnern des Deutschen Reiches und seiner Verbündeten machen.
