Geschichten vom Dachboden 5 - Marc Brasil - E-Book

Geschichten vom Dachboden 5 E-Book

Marc Brasil

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Beschreibung

Ich freue mich nun die vierte Lebensgeschichte eines jungen Mannes und seiner Familie, welche die Zeit des großen Krieges erlebt haben, mit diesem Buch für die Nachwelt erhalten zu können. Durch die Auswertung verschiedenster Quellen kann Geschichte im Nachhinein lebendig erzählt werden. Diesmal verschlägt es den Ausgangspunkt des Geschehens hoch in den Norden des damaligen Deutschen Reiches: nach Hamburg, genauer gesagt Altona, das zur Zeit des Ersten Weltkrieges noch eine selbstständige, von Hamburg unabhängige Stadt war.

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Seitenzahl: 296

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Marc Brasil

Geschichten vom Dachboden 5

Ein Soldatenschicksal aus Hamburg-Altona im 1.Weltkrieg

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Vorwort

Die Familie

Vom Frieden in den Krieg

Die Ausbildung als Rekrut

An die Front

Abtransport von der Front

Eine neue Front

Im Westen

Nachwort

Personenregister

Quellenangabe

Impressum neobooks

Vorwort

Ich freue mich nun die vierte Lebensgeschichte eines jungen Mannes und seiner Familie, welche die Zeit des großen Krieges erlebt haben, mit diesem Buch für die Nachwelt erhalten zu können. Durch die Auswertung verschiedenster Quellen kann Geschichte im Nachhinein lebendig erzählt werden. Diesmal verschlägt es den Ausgangspunkt des Geschehens hoch in den Norden des damaligen Deutschen Reiches: nach Hamburg, genauer gesagt Altona, das zur Zeit des Ersten Weltkrieges noch eine selbstständige, von Hamburg unabhängige Stadt war. Wie ich finde eine gute Wahl für das Konvolut, welches ich über Ebay ersteigern konnte. Denn während die bereits erschienen Lebensgeschichten (Geschichten vom Dachboden 1 bis 4) aus Dortmund, Magdeburg und Breslau eher den mittleren Bereich Deutschlands von West nach Ost zur Zeit des Ersten Weltkriegs abdecken (siehe blaue Punkte auf der Karte unten), verschlägt es uns diesmal in den Norden (siehe roter Punkt in der Karte). Ich verspreche einen spannenden Einblick in die Ereignisse der damaligen Zeit, beruhend auf originale Zeitzeugenberichte, ergänzt mit recherchierten Berichten und Dokumenten aus dieser Epoche.

Der Nachlass einer Familie wurde in diesem Falle bedauerlicherweise wieder auf fünf Auktionen getrennt voneinander angeboten: ein Stapel Feldpost-Karten und –Briefe, ein Soldbuch, ein weiteres Soldbuch, ein Militärpass und diverse Ansichtskarten. Der Begleittext zu den Feldpost-Karten und –Briefen war recht dürftig: „Militär-Feldpostbriefe-Konvolut, über 150 Briefe. Zustand: gebraucht. Versand mit DHL Paket bis 2 kg.“ Vier Fotos sind der Auktion beigefügt, über die aber erkennbar ist, dass es mit großer Wahrscheinlichkeit der Nachlass aus einer Familie ist. Auf den Belegen der vier weiteren Auktionen ist ebenfalls der Familienname „Nissen“ zu lesen und so entschließe ich mich das Risiko eines eventuellen Fehlkaufes einzugehen und auf alle fünf Angebote zu bieten. Ich habe Erfolg und bin fünf Mal der Höchstbietende. 131 Euro zuzüglich Transportkosten bezahle ich für alles zusammen. Wie immer kann ich den Erhalt des Paketes mit den ersteigerten Papiersachen kaum erwarten, auch wenn die Trefferquote für ein wirklich interessantes Konvolut bekanntlich gering ist. An einem Freitag Ende Mai 2019 erhalte ich den kleinen Karton. Das Wochenende ist gerettet! Doch jetzt wird es spannend! In den meisten Fällen ist das Konvolut unvollständig. Bestimmte kleinere Lücken kann man vielleicht durch Recherche schließen, fehlen aber ganze Zeitabschnitte über mehrere Monate oder gar Jahre, so ist die Geschichte nicht rund. Es bleibt etwas offen. Und wenn das Konvolut durchgängig ist, stellt sich ja noch die Frage, ob es auch interessant ist. Beschreibt der Absender seine Eindrücke und Erlebnisse oder enthalten seine Briefe nur ein paar belanglose Sätze? Ich sehe mir nun nach Öffnen des Paketes den Inhalt an und kann bereits eine kleine Überraschung feststellen. Der Verkäufer hat freundlicherweise zusätzlich noch ein kleines Fronttagebuch und zwei Bücher, welche aus dem Besitz der betreffenden Familie stammen, mit beigelegt! Nach einem ersten durchsehen und sortieren zeigt sich nachstehendes Bild.

Ich erkenne daraus den Protagonisten meiner nächsten Geschichte: Er heißt Bruno Nissen und hat offensichtlich Briefe an seine Eltern und Geschwister geschrieben. Die Antwortbriefe der Eltern sind leider nicht erhalten, von den Geschwistern einige wenige. Darüber hinaus kann ich noch Post anderer Personen finden die an Bruno Nissen gerichtet sind. Teilweise stammen diese auch aus der Vorkriegszeit. Ich werde sehen, was es damit auf sich hat. Wahrscheinlich sind es Freunde, ehemalige Schulkameraden oder Arbeitskollegen. In drei Briefen von Bruno lese ich mich kurz ein. Sie sind sehr interessant geschrieben und ich beschließe die Transkription des Konvolutes zu beginnen. Der Stoff für mein fünftes Buch ist gefunden! Ich wünsche meinen treuen Lesern viel Freude beim Lesen!

Marc Brasil

29.Dezember 2025

Die Familie

Bruno Max Johannes Nissen wird am 10.08.1894 in Altona bei Hamburg als eines von acht Kindern des Ehepaars Gregers und Johanna Nissen geboren. Zwei weitere Geschwister sterben kurz nach der Geburt. Bruno kommt als vierter von acht Brüdern im 4.Stock eines Mehrfamilien-Wohnhauses in der Eimsbüttelerstraße in Altona zur Welt.

Geburtsurkunde von Bruno Nissen (Quelle: Archiv Familie Nissen)

Während sein älterer Bruder Hans bereits 1889, ein Jahr vor der elterlichen Hochzeit zur Welt kommt, werden nach der Vermählung der Eltern am 27.5.1890 im Juli 1892 bzw. im August 1894 die Kinder Georg und Bruno geboren. Als fünf weitere Brüder in den nächsten Jahren hinzukommen, reicht der Platz in der zu klein gewordenen Wohnung für die junge Familie nicht mehr aus und der Vater beschließt 1903 eine größere Wohnung im 1.Stock eines Wohnhauses in der Fischersallee in Altona anzumieten.

Das Wohnhaus in der Fischersallee (Quelle: Archiv Familie Nissen)

Brunos Vater Gregers Nissen hat eine bewegte Vergangenheit. Er wird am 03.05.1867 in Soholm in Nordfriesland geboren und lernt früh auf dem elterlichen Bauernhof mitzuarbeiten.

Im Alter von sieben Jahren verliert er zugleich Vater und Mutter, die schwer an Tuberkulose erkranken und kurze Zeit später sterben. Der Lehrer und Organist Hans Carl Carstensen aus dem nahegelegenen Ort Leck erfährt von dem Schicksal des Jungen und nimmt ihn zu sich. Carstensen zieht Gregers Nissen wie einen eigenen Sohn auf und lässt ihn, nach Verkauf dessen elterlichen Hofes, ab 1885 in Eckernförde studieren. Bereits dort interessiert sich der junge Gregers fürs Radfahren und kauft sich sein erstes Hochrad, mit dem er in seiner Freizeit weite Touren im Umland und darüber hinaus unternimmt. Mit anderen Gleichgesinnten gründet er 1887 den Radfahrverein Eckernförde. Nach Abschluss des Studiums wird Nissen Volksschullehrer und heiratet am 27.05.1890 in Leck Johanna Carstensen, die Tochter seines Ziehvaters. Im gleichen Jahr erfolgt seine Versetzung an die Volksschule nach Altona und der Umzug dorthin.

Altona hat sich zu Beginn des 20.Jahrhunderts von einer Hafen- und Gewerbestadt zu einer Industriestadt gewandelt. Neben dem Kohle- und Fischereihafen und ihren anliegenden Arbeitervierteln entstehen für die wachsende bürgerliche Bevölkerung Vergnügungsparks und Konzertsäle. Die kleine, eigenständige Stadt Altona tritt zunehmend aus dem Schatten der großen Nachbarstadt Hamburg, welche als zentraler Umschlagplatz für Waren aus den Kolonien und der ganzen Welt führend ist. Die Zusammenlegung Altonas mit dem benachbarten Ort Ottensen und der Bau der Viktoria-Kaserne für das Infanterie-Regiment „Graf Bose Nr. 31“ werten die Stadt weiter auf. Durch den Eisenbahnanschluss und die Niederlassungen weiterer Industriebetriebe werden zusätzlich zu den Arbeitervierteln zahlreich bürgerliche Wohnviertel gebaut. Bis Anfang 1914 steigt die Einwohnerzahl auf 175 Tausend Menschen.

Gregers Nissen 1930 zwischen zwei Freunden beim Wanderfahren in Österreich (Quelle: Archiv des Altonaer Bicycle-Clubs von 1869/80)

Gregers Nissens viertältestes Kind Bruno besucht seit Herbst 1901 die Knaben-Mittelschule in Altona. Mit seinen Eltern und Geschwistern feiert er am 10.August 1902 seinen achten Geburtstag in der Eimsbüttelerstraße in Altona. Von seiner Tante und Großmutter, welche in Leck westlich von Flensburg wohnen, erhält er eine Glückwunschkarte.

Leck, 15.08.1902

Lieber Bruno!

Nachträglich zu deinem Geburtstag die herzliche Gratulation und auch für Sophies Geburtstag, der ist heute, aber ich weiß nicht die Adresse. Großmutter sagt, Vater oder Mutter könnten auch gerne mal schreiben. Herzlichen Gruß an alle von Großmutter und Tante Neideke!

1911 tritt Bruno Nissen von der Grundschule in die 1897 in Altona-Ottensen neu erbauten Oberrealschule mit handelswissenschaftlichem Unterricht über. Die im Stadtteil Ottensen an der Kreuzung der Fischers-Allee und Treskow-Allee als Eckbau errichtete Schule, wird von Direktor Geheimrat August Strehlow geführt. Dieser bewohnt im Erdgeschoss und Obergeschoss der Oberrealschule eine Dienstwohnung. Bruno und seine Mitschüler Walter Borck, Hans Bohnstorff, Arthur Harms, Otto Schwarck und Jakob Witt gehen gerne in das moderne Schulgebäude. Die Klassenzimmer haben eine ausgiebige Beleuchtung erhalten und im Erdgeschoss befindet sich eine umfangreiche Bibliothek, welche vor allem von Bruno gerne genutzt wird. Auch der Zeichensaal und der Naturlehrsaal sind mit je zwei zusammenhängenden Räumen zur Unterbringung von Modellen und Zeichenvorlagen bzw. Apparaten und Laboratorium großzügig ausgestattet. Die Klassenzimmer der Schüler verteilen sich zwischen Erdgeschoss und zweitem Obergeschoss, wobei in Letzterem die große Aula mit Orgel untergebracht ist. An der Fischersallee wurde zusätzlich ein Turnhallengebäude errichtet und durch einen überdachten Gang mit dem Schulhaus verbunden.

Anfang 1909 ist Bruno Schüler in der Untersekunda (10.Klasse) und erhält Religionsunterricht durch Direktor Strehlow. Bei Oberlehrer Prof. Dr. Oscar Scholz wird den Schülern Erdkunde, Geschichte und Deutsch gelehrt. In diesem Jahr werden dabei insbesondere die Werke von Friedrich Schiller und das Thema Friedrich der Große behandelt. Zudem wird ein Aufsatz über die europäischen Mittelmeerhalbinseln geschrieben. Weitere Lernfächer werden in Chemie und Turnen durch Oberlehrer Prof. Dr. Albert Küsel und in Englisch und Französisch durch Oberlehrer Prof. Dr. Hermann Schmidt vermittelt. Bruno ist besonders in Mathematik begabt, was neben Physik und Zeichnen durch Oberlehrer Prof. Dr. Alfred Köpcke gelehrt wird. Otto Schwarck, welcher im Klassenzimmer in der Reihe vor Bruno sitzt, kann manches Mal von Brunos Mathematikwissen profitieren.

Reife-Zeugnis der Oberrealschule zu Altona, welche Bruno am 20.Februar 1914 abschließt (Quelle: Archiv Familie Nissen)

Altonas Nachbarstadt Hamburg hatte sich durch den Umbau des Hafens zu einem Überseehafen, die Fertigstellung der Speicherstadt zur Lagerung der wertvollen und empfindlichen Waren aus dem Überseehandel und Verladeschuppen mit Anschluss an ein weitreichendes Eisenbahnnetz nach der Jahrhundertwende zu einer modernen Überseehandelsmetropole von Weltgeltung entwickelt. In Hamburg und Umgebung entstanden im Zuge des Kolonialwarenhandels weitreichende Industrie- und Handelszweige. In Hamburg-Harburg war Europas größtes Zentrum zur Verarbeitung von Kautschuk und Palmöl entstanden und die umliegenden Städte Altona und Wandsbek profitierten von ihren Kakao-, Tabak- und Palmölindustrien zur Herstellung von Margarine. In Hamburg und Altona treffen sich Kaufleute und Seeleute aus Europa und der ganzen Welt und weckt bei den Einwohnern das Interesse auch selbst andere Länder und Kontinente kennenzulernen. Während des Sommerhalbjahres 1909 wird an Brunos Oberrealschule Prof. Dr. Roll beurlaubt, um eine Studienreise nach England zu machen. Zu diesem Zweck erhält er ein staatliches Reisestipendium von 1000 Mark. Bruno Nissen und seine Schulkameraden träumen ebenfalls davon in die Welt hinauszuziehen und andere Länder und Kulturen kennenzulernen. 1911 darf Brunos Mitschüler und Freund Jakob Witt ein Schuljahr in England verbringen. Seine Eltern finanzieren das Auslandsschuljahr am berühmten Eton-College in London. Jakob sendet von dort eine Ansichtskarte an Bruno, der inzwischen in der Obersekunda, der 11.Klasse, der Oberrealschule zu Altona-Ottensen vorgerückt ist.

London, 13.Juli 1911

Einen freundlichen Gruß von hier sendet dein Mitschüler Jakob Witt!

Weitere Schulkameraden von Bruno entscheiden mit Erlaubnis der Väter als Schiffsjungen auf eines der großen Handelsschiffe anzuheuern, um damit in die Welt hinauszufahren. Bruno, welcher selbst weiter in Altona die Schulbank drückt, bleibt mit seinen ehemaligen Schulkameraden in regen Briefkontakt und erhält deren Grüße aus aller Welt. Im März 1912 erhält er eine Ansichtskarte von Emil Dreyer aus Maracaibo in Venezuela.

Maracaibo, 17.3.1912

Lieber Bruno!

Ich bekam eine Karte von dir und freue mich, dass du auch an mich gedacht hast. Mit geht es tadellos und hoffe Mitte Mai wieder zu Hause zu sein. Mit herzlichen Grüßen dein lieber Freund Emil.

Ernst Seifert, ein weiterer guter Schulfreund von Bruno, hat ebenfalls 1912 die Schule verlassen und als Schiffsjunge auf einem Handelsschiff angeheuert. Er schreibt Bruno aus den Häfen Penarth in Westengland und anschließend aus Antofagasta in Chile.

Penarth, Windsor Gardens, 8.Februar 1912

Lieber Bruno!

Nachdem ich nun schon die zweite Karte von dir erhalte, wird es auch Zeit, dass ich antworte. Also erstmal besten Dank! Penarth ist ein kleines Nest oben auf einen Felsen, im Sommer ist es sehr hübsch. Mit Gruß, Ernst.

Antofagasta, 16.August 1912

Lieber Freund!

Viele Grüße aus Antofagasta sendet dein Freund Ernst. Habe deinen Brief dankend erhalten!

1912 eröffnet in Altona an der Binnenalster unter großem Andrang der Bevölkerung das Warenhaus Hermann Tietz. Auf 24.000 Quadratmetern und über sechs Etagen erstreckt sich das exklusive Angebot des Geschäfts. Neben Luxusgütern wie extravaganten französischen Hüten, Stoffen aus reiner Seide und Orientteppichen, kann man in den vielen Warenabteilungen nahezu jeden Gebrauchsgegenstand finden. Zahlreich werden die Geschäftsräume von den Einwohnern Altonas und den umliegenden Orten besucht und staunend das umfangreiche Angebot begutachtet. Auch Familie Nissen geht dort gerne zum Einkaufen. Bruno kauft bei Tietz neben Bekleidung auch sein Schreibpapier und die Schreibfedern für die Schule.

Bruno am 20.6.1913 (Quelle: Archiv Familie Nissen)

Nach bestandener Reifeprüfung im Februar 1914 entschließt sich Bruno eine Beamtenlaufbahn in der Vereinsbank Hamburg anzustreben. In der Hafenabteilung der Vereinsbank erhält er einen Ausbildungsvertrag für eine Banklehre und unterstützt seinen Filialleiter Ludwig Wolff bei allen anfallenden Bankgeschäften. Insbesondere werden die täglich umgeschlagenen Waren der einlaufenden Schiffe aus aller Welt verbucht und diverse Schreiben und Quittungen für die Geschäftskunden erstellt. Sehr arbeitsintensiv ist der in den ersten beiden Januarwochen durchzuführende Jahresabschluss, bei dem Bruno seinen Filialleiter maßgeblich unterstützt. Einen Teil seines Gehaltes legt Bruno für spätere Anschaffungen auf ein Sparkonto bei der örtlichen Sparkasse an.

Kurz nach Beginn seiner Lehre erhält der 20-jährige Bruno Nissen 1914 seinen Musterungsbescheid. An eine drohende Kriegsgefahr ist zu dieser Zeit noch nicht zu denken. Mit seinem Vater und seinen Freunden diskutiert er darüber, ob er sich als Einjährig-Freiwilliger anmelden und eine Offiziers-Laufbahn anstreben soll, aber entscheidet sich nach reiflicher Überlegung dagegen.

Bruno Nissen genießt sein junges Leben und an den Wochenenden geht er gerne mit Freunden oder seiner Familie am Elbstrand in Altona-Oevelgönne spazieren. An schönen Tagen treffen sich die Einwohner Altonas dort in großer Anzahl, um am Strand die Sonne zu genießen oder um in einem der Strandcafés gemütlich Kaffee zu trinken. Meist hat aber Mutter Johanna zum Nachmittag Kuchen gebacken und die Familie macht es sich bei einer guten Tasse Kaffee zu Hause gemütlich. Vater Gregers und seine Söhne lesen dann gemeinsam Zeitung und diskutieren über die lokalen Ereignisse in Altona und Umgebung, die sie den Altonaer Nachrichten entnehmen oder über das Weltgeschehen in der Neuen Hamburger Zeitung.

Besonders aber schätzt Bruno im Sommer die sonntäglichen Familienausflüge nach Finkenwerder an die Elbe. Mutter Johanna hat dann Grütze und Pudding vorbereitet und Gregers Nissen nimmt sich mit seinen größeren Jungs ein Segelboot um die Unterelbe hinunter zu segeln. Ansonsten verbringt der kontaktfreudige junge Bruno seine Freizeit meist mit seinen ehemaligen Klassenkameraden und anderen Freunden in Altona und Umgebung. Mit seinen besten Freunden Hans Bohnstorff, Walter Borck und Ludwig Essmann, den Freundinnen Anni und Mide, erlebt er viele schöne Stunden beim Schlittschuhlaufen oder besucht eines der neuen Kinematographentheater (Kinos) in Altona. Mit seinen älteren Brüdern und Freunden unternimmt er zudem durch den Vater angeregt Ausflüge mit dem Fahrrad in der Altonaer Umgebung.

Zum 250-jährigen Stadtjubiläum eröffnet Altonas Oberbürgermeister Bernhard Schnackenburg am 15.Mai 1914 unter großer Anteilnahme der Bevölkerung und Gästen aus dem gesamten Reich die für sechs Monate angesetzte Deutsche Gartenbauausstellung.

Unter der Schirmherrschaft von Kaiserin Auguste Viktoria werden am Elbufer und weiteren Freiflächen der Stadt zahlreiche Holzgebäude, Ausstellungshallen, Lauben, Restaurants und Tanzlokale errichtet. Bei der Eröffnungsrede der Ausstellung wird auch an die Befreiung Altonas von der dänischen Herrschaft vor 50 Jahren erinnert. Im Anschluss können die vielen Besucher für 1,10 Mark Eintrittsgebühr die wunderbar mit Rosen, Tulpen und Chrysanthemen angelegten Parks besichtigen und sich bei den vielen Kleinveranstaltungen vergnügen.

Der Kaiser ruft zur Gartenbau-Ausstellung (Quelle: Archiv Familie Nissen)

Vom Frieden in den Krieg

Am Sonntag, den 28.Juni 1914 ist Bruno Nissen mit Anni Dücker, einer Freundin, früh morgens aufgebrochen, um in Altona einen umfangreichen Spaziergang durch die Gartenbauausstellung zu unternehmen.

Nach dem Besuch des Teehauses und dem wunderbar angelegten Sondergarten, treten die beiden am Nachmittag den Rückweg an, kehren aber noch in ein Café in der Holstenstraße ein. Bruno möchte den restlichen freien Tag genießen, bevor es am Montag zurück zur Arbeit in die Bank geht. Plötzlich versammeln sich auf der Straße Menschen und diskutieren aufgeregt miteinander.

Nach einiger Zeit macht ein Zeitungsjunge laut rufend auf ein Extrablatt der Altonaer Nachrichten aufmerksam und Bruno lässt sich interessiert ein Blatt geben. Er erfährt, dass bei einem Attentat der österreichisch-ungarischen Thronfolger Erzherzog Franz-Ferdinand und seine Gemahlin Sophie Herzogin von Hohenberg in Sarajevo tödlich verletzt worden sind. Bruno Nissen diskutiert noch eine Weile mit Anni, welche Folgen die Ermordung des Ehepaars für den Weltfrieden haben könnte, bevor er die Feundin nach Hause bringt. Mit seinem Vater und seinen Brüdern tauscht Bruno im Anschluss daheim die Neuigkeiten über die heutigen Ereignisse aus. Nach einigen Tagen erlischt in Teilen der Bevölkerung vorerst das Interesse an den nun einsetzenden gegenseitigen politischen Provokationen der europäischen Nationen. Allerdings heizt sich die politische Stimmung im Verlaufe des Monats Juli weiter auf und am 23. Juli 1914 stellt Österreich-Ungarn an Serbien ein äußerst scharfes, auf 48 Stunden befristetes Ultimatum. Das Bürgertum im Deutschen Reich teilt sich einerseits in überwiegend kriegsbegeisterte „Hurra“-Patrioten und andererseits in Antikriegsdemonstranten, welche vor einer bevorstehenden Katastrophe warnen. Insbesondere junge Menschen, darunter zahlreiche Schüler und Studenten, versammeln sich in diesen Tagen in den Straßen und erklären sich patriotisch mit dem Kaiser und den verbündeten Staaten. Als am 28.Juli 1914 Österreich-Ungarn an Serbien den Krieg erklärt, können Bruno, seine Brüder und sein Vater Gregers nicht verstehen, weshalb gerade in Altona, Wandsbek und Hamburg Demonstrationen gegen einen Kriegseintritt des Deutschen Reiches stattfinden, auch wenn diese dem kriegsbegeisterten Anteil der Bevölkerung auf den Straßen der Städte zahlenmäßig nachstehen. Als Russland am 30. Juli 1914 die Mobilmachung von Heer und Marine anordnet, reagiert das Deutsche Reich mit scharf formulierten Ultimaten zur Einstellung dieser Maßnahmen. Am Freitag den 31.Juli verstreicht das 12-stündige Ultimatum des Deutschen Reiches an Russland ergebnislos, worauf Kaiser Wilhelm II um 1 Uhr mittags den „Zustand der drohenden Kriegsgefahr“ erklärt. Am darauffolgenden Tag wird die Mobilmachung für Heer und Flotte befohlen und mit der Kriegserklärung an Russland beginnt für Deutschland der Erste Weltkrieg. Durch die gegenseitigen Bündnisverpflichtungen der europäischen Staaten erfolgen in den nächsten Tagen weitere gegenseitige Kriegserklärungen, die Frankreich, England und weitere Länder zu Kriegsgegnern des Deutschen Reiches und seiner Verbündeten machen.

In den Kasernen treffen Telegramme ein, welche den 2.August als ersten Mobilmachungstag festlegen und ein hektisches aber geplantes Einleiten umfangreicher Maßnahmen auslösen. Für Bruno, seine Brüder und seine Freunde steht fest, dass sie ihr Vaterland verteidigen werden. Möglichst schnell wollen sie an die Front gelangen, bevor der Krieg bereits zu Deutschlands Gunsten entschieden und Frankreich besiegt ist. Brunos ältere Brüder Hans und Georg haben ihren Gestellungsbefehl schon erhalten. Während Georg als Reservist Anfang August ins Infanterie-Regiment Graf Bose Nr. 31 einzieht, welches seinen Garnisons-Standort direkt in Altona in der Viktoria-Kaserne hat, wird Bruder Hans als Kraftwagenfahrer einer Kraftfahrabteilung zugewiesen. Bruno möchte nach Anraten seines Vaters lieber zur Artillerie eingezogen werden und sucht mit seinen Freunden die Artillerie-Kaserne auf, die im gerade einmal zwei Kilometer entfernten Bahrenfeld liegt, um sich als Kriegsfreiwilliger anzumelden. Dort befindet sich der Garnisons-Standort eines Rekrutendepots des Lauenburgischen Feldartillerie-Regiments Nr. 45, indem sich bei Brunos Ankunft bereits Hunderte von eingezogenen Wehrpflichtigen und Kriegsfreiwilligen eingefunden haben. Neben seinem Freund Hans Bohnstorff, den Brüdern Harms, Burschik, Lotte, Jessen und Schramm sieht Bruno viele weitere ehemalige Mitschüler und Bekannte im überfüllten Kasernenhof, welche sich alle zur Fahne melden wollen. Schnell verliert man sich im Gemenge aus den Augen. Bruno lässt sich bei der Einschreibung als Kriegsfreiwilliger registrieren und reicht zugleich nachträglich kurzentschlossen seine Bewerbung als Einjährig-Freiwilliger (kurz „Einjähriger“) ein. Einjährig-Freiwillige waren bis zum Beginn des 1.Weltkrieges Wehrpflichtige, die auf Grund ihrer höheren Schulbildung statt zwei Jahren, nur ein Jahr zu dienen brauchten, wenn sie sich freiwillig meldeten. Auch wenn zu Kriegszeiten das Privileg je nach Dauer des Krieges nur ein Jahr zu dienen nicht mehr vorhanden war, so ergab sich für manchen Wehrpflichtigen dennoch der attraktive Umstand, sich beim Einjährig-Freiwilligen-Dienst seinen Truppenteil selbst wählen zu dürfen, insofern keine körperlichen Einschränkungen vorlagen. Für die Zulassung beantragt Bruno einen Berechtigungsschein, welcher unter Vorlage seines Geburtszeugnisses, des Nachweises der höheren Schulbildung und eines Unbescholtenheits-Zeugnisses bei einer Prüfungskommission eingereicht wird. Weiterhin erwirbt Bruno als „Einjähriger“ die Möglichkeit Offiziersaspirant zu werden, um nach weiteren Prüfungen sogar bis zum Dienstgrad des Leutnants der Reserve aufzusteigen. Allerdings ergibt sich bei einer Annahme zum Einjährig-Freiwilligen der Nachteil, dass neben der Einwilligung des Vaters auch dessen Erklärung vorliegen muss, aus seinem Vermögen während dieser Zeit die Kosten für Bekleidung und Ausrüstung, Wohnung und Unterhalt zu bestreiten. Der Einjährigen-Freiwilligen-Dienst ist also mit nicht unerheblichen Unkosten für die Familie versehen und deshalb eher den oberen Gesellschaftsschichten vorbehalten. Brunos Vater kann seinem Sohn ohne Weiteres diese finanzielle Zusicherung geben, weshalb Bruno wie viele seiner Freunde und ehemaligen Klassenkameraden den Einjährig-Freiwilligendienst beantragen. Aufgrund des Andrangs wird er wie die meisten anderen junge Männer nach der Registrierung seiner Personaldaten zunächst nach Hause geschickt. Am nächsten Tag erfährt Familie Nissen aus der Zeitung von der Kriegserklärung Deutschlands an Frankreich und einen Tag später verbreitet sich in Altona unter großer Aufregung die neueste Nachricht von der Kriegserklärung Großbritanniens an Deutschland. Inzwischen tritt Brunos älterer Bruder Georg in sein Regiment in der Viktoria-Kaserne ein. Das Infanterie-Regiment Graf Bose macht vom 2.August bis 6.August mobil und marschiert am 6.August unter großer Anteilnahme der Bevölkerung zum Altonaer Hauptbahnhof. Georg nimmt am Bahnsteig Abschied von seinen Eltern und Geschwistern, bevor der Zug in Richtung Westen abfährt.

Bruno und seine Brüder verfolgen in den nächsten Tagen in der Presse den schnellen Vormarsch der deutschen Truppen, die gemäß des Schlieffen-Planes nach Belgien und Luxemburg einfallen, um gemäß des Planes in einer Bogenbewegung anschließend Frankreich einnehmen zu können. Bis zum 7.August kann nach schweren Kämpfen die belgische Stadt Lüttich besetzt werden und bis zum 16.August fallen auch alle Forts in deutschen Besitz, welche als uneinnehmbar galten und in einem Gürtel um die Stadt angelegt wurden.

An der deutsch-französischen Grenze halten sich die deutschen Truppen zunächst zurück, worauf die französische Armee am 7.August die zweitgrößte Stadt im Elsass, Mühlhausen, einnehmen kann. Nach deren Rückeroberung gelingt es deutschen Truppen bis 24.August nahezu die gesamten elsässischen Gebiete zurück zu erobern. Inzwischen wird das Regiment Graf Bose am 9.August in Aachen ausgeladen und passiert nach zweitägiger Wartezeit die belgische Grenze in Richtung Lüttich. Georg schreibt seiner Familie vom ersten Gefecht auf dem Wege nach Tirlemont in Belgien. Ab 25.August marschiert das Regiment kämpfend nach Frankreich ein und Bruno und seine Brüder lesen gespannt von den Kriegserlebnissen ihres Bruders in seinen Feldpostbriefen und –karten.

Der Zeitung kann Bruno entnehmen, dass die deutschen Armeen in einer Umfassungsbewegung im Norden durch Belgien nach Frankreich einschwenken. Schnell wird die belgische Hauptstadt Brüssel und fast ganz Belgien besetzt. Bis Ende August 1914 gelangen die deutschen Armeen kämpfend über Belgien nach Nordfrankreich hinein und nähern sich Paris soweit, das sich die französische Regierung am 2.September veranlasst sieht, die Stadt zu verlassen.

Bruno Nissen, der täglich seinen Einberufungsbescheid erwartet, sieht seit Anfang August jeden Morgen enttäuscht in den Briefkasten. Sein brauner Handkoffer ist längst mit Wäsche, Putzzeug, Waschlappen, Schreibpapier und sonstigen nützlichen Gegenständen gepackt und steht griffbereit in seinem Zimmer. Am 10.August feiert er im kreise seiner Familie seinen 20.Geburtstag und denkt an seine Freunde und ehemaligen Schulkameraden. Viele von Ihnen haben sich wie er freiwillig zur Fahne gemeldet und Ihren Gestellungsbefehl schon längst erhalten. Bruno befürchtet, dass der Krieg zu Ende sein könnte, bevor er eingezogen wird. In der Bevölkerung gilt nach wie vor die Überzeugung, dass bis Weihnachten der Krieg vorbei ist und die Soldaten vor dem Jahreswechsel in die Heimat zurückkehren. Bis Mitte September 1914 ändert sich allerdings die militärische Lage im Westen. Durch die französischen und englischen Gegenangriffe Anfang September und die strapaziösen Gewaltmärsche der deutschen Truppen, kommt der Vormarsch des erschöpften deutschen Heeres vor Paris zum Erliegen, was aber den Altonaer Nachrichten kaum zu entnehmen ist. Dort wird insbesondere vom großen Sieg an der Ostfront gegen die eingedrungenen Russen berichtet. Nur zwei Wochen nach Kriegsbeginn waren zwei russische Armeen tief nach Ostpreußen einmarschiert. In der Schlacht bei Tannenberg gelingt es Generaloberst von Hindenburg bis Ende August die Sicherung Ostpreußens einzuleiten. Zunächst kann mit zahlenmäßig unterlegenen Truppen die russische 2.Armee eingeschlossen und vernichtet und anschließend in der Schlacht bei den Masurischen Seen bis 15.September 1914 die 1.russische Armee geschlagen werden. Ostpreußen ist wieder in deutscher Hand.

Die Ausbildung als Rekrut

Am Montagmorgen, den 14.September 1914 findet Bruno endlich den ersehnten Bescheid im Briefkasten vor. Er erhält eine Postkarte mit dem Gestellungsbefehl zum Rekrutendepot des Lauenburgischen Feldartillerie-Regiments 45 nach Bahrenfeld. Bereits am nächsten Morgen, Dienstag den 15.September hat er sich in der Kaserne in Altona-Bahrenfeld zu melden. Nachdem er aufgeregt seinen Eltern und Brüdern die Nachricht mitgeteilt hat, fährt er freudig zur Vereinsbank Hamburg und berichtet seinem Vorgesetzten Herrn Wolff und den Kollegen darüber, dass heute sein vorerst letzter Arbeitstag ist. Am Nachmittag sucht er Anni, Mide und weitere Freunde auf, um ihnen die Neuigkeiten mitzuteilen und sich zu verabschieden. Dann geht er mit seinen Eltern noch einmal den Inhalt seines braunen Handköfferchens durch und gemeinsam ergänzen sie noch das eine oder andere vermutlich brauchbare Stück.

Altona-Bahrenfeld, den 13.September 1914

Sie wollen sich zum Diensteintritt als Kriegsfreiwilliger am 15.September des Jahres, 10 Uhr vormittags auf dem Kasernenhof der 2.Abteilung Feldartillerie-Regiment 45 in Altona-Bahrenfeld einfinden.

Vereinigtes Rekrutendepot Feldartillerie-Regiment Nr. 45

Es ist Dienstagmorgen. Bruno hat seine vorerst letzte Nacht zu Hause kaum geschlafen und muss sich nun von seinen Eltern und Brüdern verabschieden. Bei seiner Mutter Johanna fließen Tränen, da nun neben Hans und Georg ein weiterer Sohn in den Krieg zieht. Ihr Mann Gregers kann ihr trotz der Hoffnung auf ein schnelles Kriegsende die große Angst um Bruno nicht nehmen. Brunos Vater hat stets befürchtet, dass Bruno eine Gestellung zur verlustreichen Infanterie erhält und versucht mit wenig Erfolg seine Frau mit dem Hinweis auf den Eintritt der nicht direkt im vordersten Schützengraben stehenden Artillerie zu beruhigen. Gregers Nissen ist Patriot und überzeugt, dass das Deutsche Reich den Krieg gewinnen wird. Er wünscht seinem Sohn viel Glück und eine gesunde Wiederkehr. Auch Brunos Freundinnen Anni und Mide sind gekommen und versprechen, ihm in Bahrenfeld regelmäßig zu schreiben oder gar zu besuchen. Bruno drückt seine Eltern und jüngeren Geschwister ein letztes Mal, dem kleinen Felix muss er versprechen nach Möglichkeit Briefmarken und Münzen aus dem Feindesland zu senden. Durch die örtliche Nähe der Kaserne wird Bruno die Familie bis zu seiner Entsendung ins Feld vielleicht sogar täglich besuchen können. Als Einjährig-Freiwilliger darf er außerhalb der Kaserne wohnen, weshalb er, insofern es der Dienst erlaubt, fast jeden Abend nach Hause kommen kann. Bruno nimmt sein braunes Handköfferchen und macht sich zu Fuß auf den Weg in die nur zwei Kilometer von zu Hause entfernte Neue Artilleriekaserne nach Bahrenfeld. Dort angekommen herrscht ein emsiges Treiben. Die Personaldaten der einberufenen Kriegsfreiwilligen werden aufgenommen und die Rekruten auf die Stuben der Kasernengebäude verteilt. Bruno hofft auf eine zügige Grundausbildung um schnell eine Überweisung an das in Frankreich stehende Feldartillerie-Regiment 45 zu bekommen. Am nächsten Morgen, den 16.September, beginnt der Kasernendienst um 8 Uhr und endet nach vielen Formalitäten und Instruktionen am Nachmittag um 15 Uhr.

Am 20.September geht bei Familie Nissen in der Fischersallee eine Feldpostkarte von Georg Nissen an seinen Bruder Bruno ein. Georg, welcher mit dem Infanterie-Regiment 31 weiterhin in Nord-Frankreich steht, hat im Felde die Nachricht von Brunos Einberufung noch nicht erhalten.

Coucy-le-Château, 17.9.1914

Gestern wurde wieder ein französischer Flieger runter geschossen. Heute warf ein anderer eine Bombe, hat aber keinen Schaden angerichtet. Die Artillerie befeuert die französischen Stellungen fortgesetzt mit unerhörter Heftigkeit. Es donnert auf der ganzen Linie in einem fort. Wir haben aber auch genug Munition, denn die Bahn fährt sie direkt bis hier her. Ganze Züge voll! Viele Grüße an euch alle und Fräulein Dechow, euer Georg.

In den nächsten Tagen werden Bruno und alle neu eingezogen Rekruten untersucht und eine Personal-Beschreibung für das Soldbuch sowie die Kriegsstammrolle durchgeführt. Bruno ist mit 1,82 Metern groß gewachsen, von schlanker Gestalt und hat blondes Haar. Besondere äußerliche Kennzeichen an Nase, Mund, Kinn oder sonstige Auffälligkeiten wie Narben werden nicht festgestellt. Bruno erhält die Truppenstammrollen-Nummer 2059. Später erfolgt eine erste Einkleidung der Rekruten. Bruno bekommt Stiefel der Größe 30 ½. Der Dienst beginnt nun seit dem zweiten Tag um 7 Uhr morgens und endet um 17 Uhr. Insbesondere werden am Kasernengelände Turnübungen und das Fußexerzieren durchgeführt.

Am 3.Oktober erhalten Bruno und seine Kameraden Impfungen gegen Pocken, Typhus und Cholera. Am 15.Oktober erfolgt im Kasernenhof die Vereidigung der Rekruten auf das Geschütz. Bruno und seine Kameraden sind nun Kanoniere bzw. Fahrer der Feldartillerie. Die Ausbildung und Instruktion an Pferden, Geschützen und das Exerzieren werden von Oktober bis Dezember fortgesetzt. Weihnachten und Neujahr darf Bruno noch in Bahrenfeld bzw. daheim bei seinen Eltern in Altona verbringen. Am 19.Januar 1915 erhält Bruno Befehl am nächsten Tag, den 20.Januar marschbereit früh morgens für den Bahntransport nach Güstrow anzutreten. Güstrow liegt gut 200 Kilometer östlich von Altona entfernt. Er wird mit weiteren Kameraden zur Ersatz-Abteilung des Holsteinischen Feldartillerie-Regiments 24 versetzt, welches in Güstrow seinen Garnisonsstandort hat. Am frühen Morgen machen sich die Kanoniere auf, um zum Altonaer Hauptbahnhof zu marschieren. Dort haben Brunos Eltern, seine Geschwister und Freunde noch einmal Gelegenheit sich bei ihm zu verabschieden. Dann begibt sich Bruno auf die mehrstündige Eisenbahnfahrt nach Güstrow.

Nachdem sich Bruno am 20.September in der Güstrower Garnison gemeldet hat, wird er mit weiteren Kanonieren auf die Stuben der Kasernengebäude verteilt. Am 21.September erhält er die Zuteilung zur 4.Fahrerbatterie und muss sich zunächst um die Pferde der Batterie kümmern. Er erhält ein neues Soldbuch und in den nächsten Tagen auch eine Gasschutzmaske. Von nun an erzählt Bruno Nissen seine Geschichte über seine Feldpostbriefe und –karten und ein kleines Tagebuch selbst weiter.

Bruno als Rekrut im November 1914 (Quelle: Archiv Familie Nissen)

Güstrow, 23.1.1915

Liebe Eltern!

Euer Paket habe ich mit viel Dank erhalten. Es fehlen mir jetzt noch ein Kamm und eine blaue Schürze, die Georg beim Kommiss [umgangsspr. für „Militär“ - Anm. d. Verf.] gehabt hat. Ich glaube, sie liegt in Georgs Kommode. Wenn ihr die nicht findet, so braucht ihr mir keine zu schicken. Morgen Abend schicke ich den braunen Handkoffer nach Hause. Ich habe darin: Hose, Rock, Koppel und Wäsche, denn in Hose und Rock ist der Stempel der 45er drin und weißes Lederzeug darf hier nicht getragen werden. Der ganze Dienst wird hier überhaupt viel strenger genommen als in Bahrenfeld. Im Übrigen fühle ich mich bei den Pferden ganz mollig. Es ist alles nur halb so schlimm als es aussieht. Wenn der Stall auch mit den Händen ausgemistet wird, so hat das nichts zu sagen, denn Wasser ist gut. Die Unteroffiziere greifen auch oft selbst mit an. Ich habe augenblicklich einen schönen, ruhigen Braunen zu bearbeiten. Morgens von 6 Uhr bis 7 Uhr ist Stalldienst: Pferdeputzen, dann kommt Reiten und Fußexerzieren. Von 11 Uhr bis 1 Uhr ist Mittag. Das Essen ist hier weit besser als in Bahrenfeld, ebenso der Kaffee. Von 1 Uhr bis 2 Uhr und von ½ 6 Uhr bis ½ 7 Uhr ist wieder Stalldienst: Ausmisten, Füttern und Tränken. Sonntags ist nur Stalldienst: Von 6 Uhr bis 7 Uhr und von 5 Uhr bis 6 Uhr abends. Morgen geht es auch zur Kirche. Also im Großen und Ganzen sehr wenig Zeit zum Spazierengehen, außerdem darf man auch nicht mit aus der Garnison rausgehen, nicht einmal nach dem eine halbe Stunde entfernten Gefangenenlager. In dem Brief schicke ich zugleich den Schlüssel zum Koffer. Das nächste Paket schickt mir zum Mittwoch über acht Tage, eher brauche ich die neue Wäsche nicht. Zu essen kaufe ich mir hier ebenso gut und billig als dort. Also sparen wir uns die Schickerei. Ich kann noch zwei Waschlappen gebrauchen, ebenfalls die Hälfte meines Schreibpapiers, welches in meiner untersten Schublade liegt. Dann ebenfalls meine weiße Wolljacke mit den Ärmeln. Die kann ich gut für den Stall gebrauchen. Das Tau, welches um den Koffer gebunden ist, könnt ihr mir wieder herschicken.

24.1.15

Heute war die Kirche eine Schlafstube. Der Priester war nicht zu verstehen. Sein Sprechen war mehr Singen als sonst was. Von morgen Mittag bis übermorgen Mittag soll ich Stallwachthabender spielen, obgleich ich keine Ahnung davon habe. Bei dem Dienst habe ich nichts anzuordnen und aufzupassen, anfassen brauch ich nicht mit, also ein ganz gemütlicher Posten. Von 9 Uhr bis 5 Uhr nachts kann ich noch schlafen. Sonst weiß ich nichts Neues mehr. Unangenehm ist nur, dass man nichts aus der Zeitung erfährt. Wenn es geht, könnt ihr das Hauptblatt der Altonaer regelmäßig alle Woche herschicken. Dann habe ich zugleich etwas zu lesen.

Mit den besten Grüßen! Euer Bruno

Viele von Brunos Freunden und ehemaligen Schulkameraden befinden sich als Rekruten in einer der zahlreichen Rekrutendepots oder bereits an den Fronten im Westen oder Osten des Deutschen Reiches. Durch die vielen Eindrücke in der neuen Situation als Soldaten und den gegenseitig unbekannten Feldpostadressen verlieren sie sich zunächst aus den Augen. Bruno nutzt nun die verbleibende freie Dienstzeit, um Freunden und Bekannten von seinem neuen Aufenthaltsort zu schreiben. Ende Januar erhält er eine Feldpostkarte seines Freundes und ehemaligen Mitschülers Otto Schwarck, welcher noch nicht weiß, dass Bruno nach Güstrow kommandiert wurde. Otto ist als Fahrer bei der 2.Artilleriemunitionskolonne der 4.Ersatz-Division an der Yser im Grenzgebiet zwischen Französisch- und Belgisch-Flandern eingesetzt. Auch dort ist der Bewegungskrieg erstarrt und die gegenüberstehenden Armeen haben sich in Schützengräben verschanzt.

25.1.15

Lieber Bruno!

Wie geht es in Bahrenfeld? Ich bin bei der Artillerie-Munitions-Kolonne, die augenblicklich still liegt. Wir haben hier nichts auszustehen, die Verpflegung ist gut. Die alten Landwehrleute sind feine Kerls. Man merkt hier wenig vom Krieg. Schreib mal wieder deinem Otto Schwarck.

Ende Januar 1915 schreibt Bruno an seine Eltern eine Karte mit Ansicht der Güstrower Kaserne.

Güstrow, 28.1.1915

Liebe Eltern!

Kurts Karte habe ich heute erhalten. Ich habe bis jetzt erst ein Paket erhalten mit Marmelade, Strümpfe und Rasierpinsel. Ein zweites, wie ich aus der Karte lese, ist wohl noch nicht von euch abgeschickt. Das Beste ist, wenn ihr alle Pakete der Reihe nach nummeriert. Mir fehlt noch eine kleine Schere (Hans seine) und ein Fingerhut. Außerdem schickt mir nicht mein Briefpapier, sondern kauft mir bei Herrn Tietz zwei Block Kartenbriefe („kurze Zeilen“) à 55 Pfennige. Mit bestem Gruß, euer Bruno. Abs. Bruno Nissen, Holsteinisches Feld-Artillerie-Regiment 24, Fahrer Batterie 4

Heute haben wir Karabiner-Scharfschießen gehabt, ich schoss 29 Punkte (8, 10, 11).

Auch von seinem Bruder Georg bekommt Bruno in diesen Tagen zu seiner großen Freude ein Lebenszeichen. Er erhält bei der Verteilung der Post in der Kaserne in Güstrow eine Karte aus Blérancourt. Das Infanterie-Regiment 31 hat sich inzwischen in den kleinen Ort, 15 Kilometer westlich von Coucy-le-Château zurückgezogen. Der Bewegungskrieg hat sich in einen Stellungskrieg gewandelt.

Blérancourt, geschrieben den 26.Januar 1915

Lieber Bruno!

Für deine Karte vom 22.1. besten Dank! Gerade gestern kam hier ein Pferdetransport von den 45ern aus Bahrenfeld an. Ich sprach mit dem Fahrer Hülseberg. Du kennst ihn, er lässt dich grüßen. Von hier lässt sich nicht viel berichten. Es ist ebenfalls kalt hier, es hat aber noch keinen ordentlichen Schneefall gegeben. Schließlich kann man ja auch noch mit zwei Monaten Winter rechnen und wird manches Mal frieren müssen, denn wir heizen nur mit Holz. Mitunter finden wir auch etwas Kohlen, die halten ja aber nicht lange vor. Zu Kaisers Geburtstag gibt es hier sicher wieder Mittagskonzert bei der Division. Die Villa wird schon mit Girlanden u. s. w. geschmückt. Viele Grüße, dein Bruder Georg.

Ludwig Wolff war in der Hafenabteilung der Vereinsbank Hamburg Brunos Vorgesetzter und schreibt ihm einen Brief in die Kaserne nach Güstrow. Bruno hatte vor einigen Tagen aus der Garnisonsstadt eine Grußkarte an Herrn Wolff gesandt.

Hamburg, den 28.Januar 15

Mein lieber Herr Nissen!