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Aus einem kleinen Bündel Feldpostbriefe wird die Geschichte eines jungen Mannes und seiner Familie aus Breslau vor, während und nach dem 1.Weltkrieg rekonstruiert. Ein spannendes Lesebuch und eine kleine Zeitreise für Geschichtsinteressierte und weitere Lesergruppen aus einer Epoche globaler Ereignisse.
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Seitenzahl: 372
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Geschichten vom Dachboden – Mit Spannung nehme ich das Paket entgegen, welches mir der Postbote heute Vormittag, den 14.März 2013, überbringt. Es ist der Feldpostnachlass eines Soldaten des 1.Weltkriegs, welchen ich bei einer Ebay-Auktion erworben habe. Anfang der 80er Jahre wächst mit dreizehn Jahren mein Interesse, mehr über die Geschehnisse rund um den 1.Weltkrieg zu erfahren. Die Erlanger Stadtbücherei liefert mir viel Lesestoff. Bücher über den chronologischen Verlauf des Krieges, die Erzählungen des roten Barons und die Entwicklung von Panzerfahrzeugen gehören genauso dazu, wie die Geschichte der deutschen Kolonien. Über zwei vorhandene Bände zum Kriegsverlauf aus dem Jahr 1923 lerne ich das Lesen der altdeutschen Druckschrift. Durch das Hobby Briefmarkensammeln, halte ich 1982 das erste Mal eine Feldpostkarte eines deutschen Soldaten in der Hand. Auf einem Flohmarkt bietet ein Trödler neben Briefmarken eine Kiste mit diverser Feldpost an. Auf einer Ansichtskarte von 1915 ist ein völlig zerstörtes französischen Dorf zu sehen, auf der Rückseite ein schwarzer Stempel mit der Aufschrift „Deutsche Feldpostexpedition“. Ins Auge fällt ein größerer, runder Stempel in violetter Farbe, auf dem „bayrisches Reserve-Fussartillerie-Bataillion Nr. 6“ zu lesen ist. Gerne würde ich lesen wollen, was der Absender der Karte schreibt, die altdeutsche Schreibschrift ist für mich aber kaum zu entziffern. Ich kaufe mir zwei Feldpostkarten, das Stück für 30 Pfennige, und zeige sie zu Hause meiner Mutter. Sie ist Jahrgang 1930 und hat die altdeutsche Schreibschrift noch in der Schule gelernt. Sie liest mir den Text der ersten Karte vor, in welchem ein Soldat seinen Eltern schreibt, dass hier in Frankreich an der Front alle französischen Dörfer derart zerstört sind wie auf seiner Ansichtskarte. In den nächsten Tagen lasse ich mir von meiner Mutter das Lesen der altdeutschen Schreibschrift beibringen. Sie schreibt mir hierzu das ABC in Groß- und Kleinbuchstaben auf, gibt mir einige selbstgeschriebene Texte und nach kurzer Zeit kann ich nun selbstständig das Geschriebene lesen. In der zweiten Karte berichtet derselbe Soldat, dass er nun im Quartier liegt. Gerne würde ich doch mehr über den Absender erfahren. Wie kam er nach Frankreich und was ist aus ihm geworden? Aber Anfang der 80er Jahre habe ich außer öffentlichen Bibliotheken kaum die Möglichkeit weitere Informationen zu erhalten. Wenn ich zu diesem Zeitpunkt schon hätte ahnen können, welche Recherchemöglichkeiten über das Internet eröffnet werden!
Zurück zu meiner Postsendung 30 Jahre später: Mein Interesse an den Geschehnissen des 1.Weltkriegs ist nach wie vor erhalten geblieben. Nach dem Öffnen des Postpaketes sehe ich auf den ersten Blick viele Feldpostbriefe und –karten, selbst eine Feldbrille und einige Orden liegen dazwischen. Der Karton und sein Inhalt riechen etwas muffig. Nach Entfernung des Staubs sehe ich, dass auch schon die Mäuse an einigen Belegen geknappert haben. Was erwartet mich diesmal vom Dachboden- oder Kellerfund, der 100 Jahre alt ist? Vielleicht die Geschichte eines Mannes und seiner Geschwister, Eltern und Großeltern, vielleicht auch Belege seiner Kameraden, Freunde oder Nachbarn. Meist ist nur die Feldpost erhalten geblieben, welche von der Front an die Lieben in die Heimat geschickt wurde. Die Antwortbriefe sind kaum noch vorhanden, da sie vom Frontsoldaten in der Regel als unnötiger Ballast weggeworfen und selten in die Heimat retour geschickt wurden. Wird das Konvolut fortlaufend den Werdegang des Mannes während des 1.Weltkrieges preisgeben oder sind im Laufe der Jahre bereits Teile entnommen worden oder verloren gegangen? Sind die Briefe und Karten überhaupt leserlich oder haben Feuchtigkeit bei der letzten Lagerung weite Teile zerstört? Und wenn sie lesbar sind, hat der Verfasser darin das Zeitgeschehen interessant erzählt, eventuell für mich ein Bestseller, ein Unikat, ein historisches Lesebuch, welches über Wochen und Monate fesselt? Oder enthalten seine Briefe und Karten nur die oft gelesenen Standardsätze „Wie geht es euch, mir geht es gut“ oder „Habe euer letztes Paket und den Brief erhalten, besten Dank!“? Wer ist der Soldat Alfred Schlenker, dessen Briefe ich gerade in Händen halte? - Es kann diesmal die Geschichte des 16-jährigen Schülers erzählt sein, der es mit Zustimmung des Vaters als Kriegsfreiwilliger 1914 gar nicht erwarten kann, in das „Abenteuer“ Krieg zu ziehen. Es kann aber auch ein 40-jähriger Landsturmmann der Absender der Briefe sein, welcher fest im Beruf stehend mit Unbehagen Frau und Kinder zu Hause zurücklassen muss. Die meisten Rekruten erhalten ihren Einberufungsbescheid zur Infanterie oder Artillerie. Aber auch die Pionier- oder Kavalleriekaserne oder andere Formationen können das unbekannte Ziel des Schreibers sein. Wohin verschlägt es den Soldaten im Laufe des Krieges? Nimmt er an den riesigen Materialschlachten im Westen, an der Flandernfront oder an der Somme teil? Wird er in die Tiefen des Russischen Reiches geschickt oder in die Hitze Mazedoniens? Kämpft er in Tirol Seite an Seite mit Österreichern gegen Italiener oder zieht er gar mit den türkischen Verbündeten an die Palästinafront? Auch die militärische Laufbahn und die damit verbundenen Aufgaben sind mit Spannung zu erwarten. So kann er während des ganzen Krieges im Bekleidungsamt hinter der Front tätig gewesen sein und Gefreiter bleiben, aber auch an allen möglichen Fronten und in verschiedenen Einheiten bis zum Oberleutnant befördert und mit Orden ausgezeichnet werden, dabei mehrere Schlachten schlagen und einige mehrwöchige Kurse und Weiterbildungen absolvieren. Was geschieht mit seinen Angehörigen und Freunden, die in der Heimat den sich ständig verschlechternden Lebensbedingungen trotzen müssen oder vielleicht selbst an der Front stehen? Und vor allem – welches Schicksal erwartet ihn selbst? Ist es ihm gut gesonnen und er überlebt den Krieg unbeschadet oder trifft ihn Verwundung, Gefangenschaft oder gar der „Heldentod“ fürs Vaterland?
Viele Fragen habe ich zu Alfred Schlenker, die vielleicht in den nächsten Monaten beantwortet werden können. Nicht selten konnte ich ein solches Feldpostkonvolut vor der Zerstörung retten. Die wohl bei Wohnungsauflösungen im Nachlass gefundene Feldpost wird meist nicht als zusammengehöriges Lot verkauft. Ganze Teilbereiche und besonders schöne Belege werden wegen der höheren Erlösaussichten herausgenommen, an verschiedenste Bieter einzeln verkauft oder für die eigene Sammlung einbehalten. Somit geht der Lebensweg des Soldaten für immer unwiederbringlich verloren, wie ein Buch aus dem man ganze Kapitel oder einzelne Seiten herauslöst und damit die Erzählung ihren Zusammenhang verliert. Zumindest einigen Lebensgeschichten während einer Zeit globaler Ereignisse konnte ich dieses Schicksal ersparen und der historische Gesamtwert des Konvoluts und nicht zu vergessen, das Schicksal einer Person und seine Kriegserlebnisse bleiben für Geschichtsinteressierte oder andere Lesergruppen erhalten. Über eigene Recherchen im Internet und weiteren Quellen ist es dabei nicht selten gelungen, nach mehr als 100 Jahren Lücken in der Geschichte des Menschen und seiner Familie zu schließen und die geschilderten Erlebnisse dadurch anschaulich und verständlich zu ergänzen. Dabei habe ich mich stets gefreut, wenn ich mit etwas Hartnäckigkeit und eines gewissen „detektivischen“ Geschicks Licht ins Dunkel bringen konnte.
Marc Brasil, 25.08.2016
Die preußische Residenzstadt Breslau in der Provinz Schlesien liegt im Osten des Deutschen Kaiserreiches und hat sich um die Jahrhundertwende mit knapp 500.000 Einwohnern zu einer der fünf größten Städte des Kaiserreiches entwickelt. Das Umland der Hauptstadt ist durch den Lößboden hervorragendes Ackerland, welches durch hoch entwickelten Ackerbau auch als die schlesische Kornkammer des Reiches bezeichnet wird. Neben Getreide werden Flachs, Tabak und Zuckerrüben in großen Mengen angebaut. Die schlesische Provinz ist reich an Steinkohle, Erzen sowie Marmor- und Granitvorkommen, wodurch der Bergbau aufblüht. Starke Industriezweige der Eisen-, Flachs- und Zuckerrübenverarbeitung entstehen und haben Breslau zu einer bedeutenden Handelsstadt heranwachsen lassen. Beeindruckende Bauwerke zieren das Stadtbild wie die Kaiserbrücke oder die Königin-Luise-Gedächtniskirche. Breslau, das etwa 100 Kilometer von der russisch-polnischen Grenze entfernt liegt, ist zu einer starken militärischen Garnisonsstadt ausgebaut worden und Standort mehrerer schlesischer Regimenter.
Um 1895 lernt der 26-jährige Breslauer Offizier Alfred Schlenker die junge Maria Wittke kennen. Der schneidige junge Alfred hat sich für eine militärische Laufbahn entschieden und dient als Berufssoldat im 1.schlesischen Feld-Artillerie-Regiment von Peucker Nr.6. Maria entstammt einer Arbeiterfamilie und wohnt mit ihren Eltern und ihrer Schwester Helene in der Ottostraße in Breslau. In seiner schicken Uniform beeindruckt der junge Schlenker Maria sehr und beide kommen sich bei den zahlreichen Spaziergängen im Scheitniger Park und den gemütlichen Cafes in der aufstrebenden Stadt näher. Ende des 19.Jahrhunderts heiraten Alfred und Maria Schlenker und beziehen eine kleine Wohnung in der Enderstrasse in Breslau. Am 23.9.1898 wird ihr Sohn Alfred Karl Hermann Schlenker in Breslau geboren, kurze Zeit später seine Schwester Käthe. Hermann Schlenker, Alfreds Bruder, übernimmt die Patenschaft für seinen Neffen Alfred junior und verbringt viel Zeit mit der Familie. Im Jahre 1903 tritt Alfred junior in die Vorschulklasse ein, 1904 kommt seine jüngste Schwester, die kleine Lotte zur Welt. Alfred junior wächst behütet mit seinen zwei jüngeren Schwestern auf. Im Jahr 1912 beendet Alfred Schlenker senior seinen aktiven Militärdienst und erhält 1913 eine Anstellung als Telegraphen-Assistent im Kaiserlichen Telegraphenamt in Breslau. Im gleichen Jahr kann die Familie an der Eröffnung der Jahrhunderthalle teilnehmen, zu dieser Zeit mit einem Kuppeldurchmesser von 65 Metern die größte freitragende Stahlbetonhalle der Welt, welche zum Gedenken an die Befreiungskriege gegen Napoleon gebaut wurde. Breslau ist mit einem modernen Straßenbahnnetz ausgestattet und Familie Schlenker kann bequem die großflächige Stadt befahren.
Alfred junior besucht seinen Onkel Hermann und seine Großeltern, das Ehepaar Wittke, die in der Ottostraße 32 in der Nähe der Schlenkers wohnen, so oft es geht. Insbesondere zu seinem Patenonkel Hermann entsteht eine tiefe Bindung. Aber auch Onkel Max Schlenker, der Abteilungsvorsteher in einem Breslauer Betrieb ist und ebenfalls im Stadtzentrum Breslaus wohnt, wird regelmäßig von Alfred und seinen Eltern besucht. Maria Schlenker, von ihrem Sohn Alfred liebevoll „Muttel“ genannt, kümmert sich um die Erziehung ihrer Kinder. In den letzten Jahren wird sie immer häufiger von starken Rückenschmerzen geplagt, weshalb Sie zum Bedauern Ihres Mannes und der Kinder an den Theaterbesuchen und Konzerten in der Jahrhunderthalle, sowie den Sonntagsspaziergängen durch den Scheitniger Park öfter nicht teilnehmen kann. Als Alfred Schlenker Anfang 1914 zum Ober-Telegraphensekretär befördert wird, kann sich die Familie vom Beamtengehalt des Vaters im Stadtzentrum Breslaus im 3.Stock der Sternstraße 106 eine größere Miet-Wohnung leisten. Von hier ist man in einigen Minuten am Hauptbahnhof und mit der Straßenbahn sind schnell alle Sehenswürdigkeiten der Stadt erreicht. Der botanische Garten liegt nur zwei Straßen weiter. Um die Ecke gibt es bei Kolonialwaren Josef Paul alles für den täglichen Gebrauch zu kaufen. Alfred Schlenker legt Wert auf eine musikalische Ausbildung seiner Kinder und Alfred junior erlernt während seiner Vorschulzeit das Klavier spielen. Ab der 5.Klasse besucht Alfred junior die städtische Oberrealschule in Breslau. An der neunjährigen Oberrealschule wird mit dem Abschluss des Reifezeugnisses in der 13.Klasse (Oberprima) für Alfred später ein Studium der Mathematik, der Naturwissenschaften oder der neuen Sprachen für das Lehramt möglich sein. Mit seinen Schulkameraden Kurt Eitner, Gerhard Nobel, Kurt Badestein, Konrad Ludwig, Erich Greulich, John und Kolde verbringt der junge Alfred seine Freizeit mit Wanderausflügen oder sie sehen sich gemeinsam Ruderveranstaltungen in Breslau an. Durch Nachhilfe-Unterricht in den unteren Jahrgangsstufen verdient sich Alfred etwas Taschengeld hinzu. Im März 1914 darf Alfred während der Osterferien mit seinem Freund Georg Saft einen zweitägigen Ausflug nach Schmiedeberg in das Riesengebirge unternehmen. Am 16.April 1914 beginnt mit einer Feierlichkeit im Schulsaal für die Schüler der Oberrealschule das neue Schuljahr. Alfred junior ist 15 Jahre alt und tritt nun in die 11.Klasse der Oberstufe (Obersekunda) ein. Herr Direktor Dr. Fox stellt den neuen Oberlehrer Dr. Langwitz vor und wünscht in seiner Ansprache allen Lehrern und den knapp 600 Schülern ein erfolgreiches Schuljahr. Alfreds Schulkamerad Kurt Eitner ist wie Alfred gebürtiger Breslauer und beide verbindet eine tiefe Freundschaft. Beide lieben das Freihandzeichnen bei Zeichenlehrer Kik. Oberlehrer Biehler unterrichtet sie vier Stunden in der Woche in Deutsch. Für dieses Schuljahr kündigt er als Aufsatzthemen das althochdeutsche Hildebrandlied, Parzival der Gralsucher und den vaterländischen Dichter Walther von der Vogelweide an. Oberlehrer Suckel gibt Englisch- und Erdkundestunden. Als fremdsprachlichen Lesestoff möchte er mit der Klasse in diesem Jahr „Tom Brown’s Schooldays“ von Hughes lesen. Als zweite Fremdsprache unterrichtet Oberlehrer Dr. Steinwender vier Stunden Französisch pro Woche und gibt als Aufsatzthemen „Le Gendre de M. Poirier“ und „Grève de Forgerons“ von François Coppée vor. Der zweistündige Lateinunterricht wird durch Professor Dr. Tiete gelehrt. Weniger angenehm sind die Chemie-, Physik- und Mathestunden bei Professor Dr. Glatzel und Oberlehrer Dr. Kochan. Den dreistündigen Turnunterricht in der Schulturnhalle bei Turnlehrer Römsch schätzt der eher zierlich gebaute Alfred weniger als sein Freund Kurt Eitner. Am Samstag, den 18.Mai 1914, nehmen alle Klassen bei herrlichem Frühlingswetter am allgemeinen Schulausflug teil und Alfreds Klasse fährt mit der Bahn ins ca. 80 Kilometer entfernte Eulengebirge. Dort wird unter anderem die Festung Silberberg und der Bismarckturm auf der „Hohen Eule“ besichtigt. Für die Oberstufenklassen wird der Ausflug auch auf den folgenden Sonntag ausgedehnt. Am 15.Juni erhält die Oberrealschule hohen Besuch des Kultusministeriums. Der Geheime Regierungsrat Professor Dr. Klatt besichtigt die Schule und wohnt auch dem Unterricht in Alfreds Klasse bei.
Am 28.Juni 1914 nimmt die europäische Krise mit dem tödlichen Attentat auf den österreichisch-ungarischen Thronfolger Erzherzog Franz-Ferdinand in Sarajevo seinen verhängnisvollen Lauf. Alfred genießt mit seinen Freunden seit 3.Juli noch die Sommerferien, als sich die politischen Ereignisse überschlagen und das Deutsche Reich am 31.Juli 1914 um ein Uhr mittags den „Zustand der drohenden Kriegsgefahr“ erklärt. Am darauf folgenden Tag wird die Mobilmachung für Heer und Flotte angeordnet und mit der Kriegserklärung an Russland beginnt für Deutschland der 1.Weltkrieg. Durch die gegenseitigen Bündnisverpflichtungen der europäischen Staaten erfolgen in den nächsten Tagen weitere gegenseitige Kriegserklärungen, die Frankreich, England und weitere Länder zu Kriegsgegnern des Deutschen Reiches und seiner Verbündeten machen. In Breslau herrscht in diesen Tagen ein hektisches Treiben. Zehntausende Männer aus Breslau und der Umgebung werden einberufen oder melden sich als Kriegsfreiwillige in den Regimentskasernen der Stadt. Alfred Schlenker senior, der nun 43 Jahre alt ist, wird nicht zum Heeresdienst eingezogen, da er im Kaiserlichen Telegraphenamt eine wichtige Stelle einnimmt. An seinem Arbeitsplatz wird eine Überwachungsstelle eingerichtet und mit seinen Kollegen überprüft er im Schichtdienst die vom 7.Armeekorps im Durchgang befindlichen Telegramme auf Zulässigkeit und verdächtigem Inhalt. Für die Unterbringung der ungeheuren Menschenmengen werden von der Militärverwaltung umgehend viele öffentliche und private Gebäude in Breslau beansprucht. Alfreds Schule muss bereits ab 1.August für die Aufstellung einer Sanitätskompagnie dienen. Direktor Fox gibt bekannt, dass die dreisemestrigen Unterprimaner (12.Klasse) und die Oberprimaner (13.Klasse), welche in das Heer eintreten wollen, auf Anordnung des Ministers sofort ihre Reifeprüfung machen dürfen. Auch Alfreds Patenonkel Hermann Schlenker muss an diesem Tag abreisen. Er hat seine Einberufung ins schleswig-holsteinische Füsilier-Regiment Nr. 86 erhalten und muss sich bereits am 2.August in der Garnison in Flensburg melden. Der Abschied fällt schwer und er verspricht Alfred oft zu schreiben. Am 3.August teilt der Schuldirektor auf Anordnung der vorgesetzten Behörde mit, dass Schüler, welche aufgrund der Einberufung ihrer Väter vermehrt bei den Erntearbeiten helfen müssen, vom Unterricht freigestellt werden. Einige Tage später werden die Schulräume der Oberrealschule als Kaserne für die Aufnahme eines Rekrutendepots des Landwehr-Infanterie-Regiments 10 genutzt. Da außerdem auch noch das Amtszimmer des Direktors und ein weiterer Raum für die Einrichtung des Festungsschirrhofs beansprucht werden, entwickelt sich im Schulhaus ein derart lebhaftes militärisches Treiben, das ein Schulbetrieb kaum noch möglich ist. Hinzu kommt, dass 12 Mitglieder des Lehrerkollegiums zum Heeresdienst eingezogen werden oder sich freiwillig melden, darunter Alfreds Physik- und Mathelehrer Professor Dr. Glatzel, sein Französisch-Lehrer Oberlehrer Dr. Steinwender und Oberlehrer Biehler, welcher Deutsch lehrt. Trotzdem wird der Versuch gemacht in den verbleibenden sechs Schul-Räumen Unterricht abzuhalten. Der wissenschaftliche Unterricht wird um eine Wochenstunde gekürzt und der technische Unterricht, Zeichenunterricht und Turnen entfallen ganz. Die Schüler werden nun zum Teil vormittags und zum Teil nachmittags für drei bis vier Stunden unterrichtet. Direktor Dr. Fox gibt bekannt, dass die Schüler der Untersekunda, Obersekunda und Unterprima (10. bis 12.Klasse), welche ihre Annahme zum Heeresdienst nachweisen, sofort versetzt werden, um möglichst zügig ihren Regimentern zugeführt werden zu können. Insgesamt 64 Schüler der Oberrealschule werden von der patriotischen Stimmung mitgerissen und melden sich als Kriegsfreiwillige in verschiedene Regimenter. Darunter auch geschlossen beide Oberprimaner-Klassen, für die noch am 8. und 15 August 1914 eine schnell vorbereitete Notreifeprüfung absolviert wird. In Deutsch muss ein Aufsatz zum Thema „Deutsche Treue in Geschichte und Dichtung“ abgegeben werden, zudem werden die Fächer Französisch, Englisch, Mathematik und Physik geprüft. Alle Absolventen bestehen die vorgezogenen Prüfungen und rücken als Rekruten in ihre Regimenter ein. Die je zwei Klassen der Unterprima und Obersekunda, letztere besucht Alfred, können aufgrund der Austritte zu je einer Klasse zusammengelegt werden. Viele der kriegsfreiwilligen ehemaligen Schüler werden ins Landwehr-Infanterie-Regiment 10 aufgenommen und wohnen nun als Soldaten in denselben Räumen, die sie eben noch als Schüler besucht hatten.
Mit großer Freude erhält Alfred unterdessen die erste Post von Onkel Hermann, der ihm mitteilt, dass er mit seinem Regiment sofort an die Westfront transportiert wurde und im Verbund der 35.Infanterie-Brigade in Belgien einmarschiert ist. In der Zeitung liest Alfred, dass die russische 1.Armee am 17.August in Ostpreußen eingefallen ist. Seine Eltern befürchten, dass die Russen auch nach Schlesien einmarschieren könnten. Alfred und seine Schulkameraden, die noch zu jung für den Heeresdienst sind, versuchen in den Tagen der Mobilmachung sich anderweitig in den Dienst der Allgemeinheit zu stellen. So helfen sie als Straßenbahnschaffner, Briefträger, auf Bahnhöfen oder unterstützen als Erntehelfer auf dem Land. Die Schüler organisieren eine Spendensammlung für den schlesischen Landsturm, der über 200 Mark einbringt. Ebenso wird die Goldsammlung der Schule eifrig unterstützt, bei welcher Gold im Gesamtwert von 10.000 Mark gespendet und der Reichsbank übergeben wird. Ab 23.August wird der Unterricht der Oberrealschule aufgrund der unhaltbaren Zustände im Schulgebäude in das Hauptgebäude der Technischen Hochschule verlegt, was eine Fortführung des Unterrichts wieder im größeren Rahmen ermöglicht, auch wenn Turnen nur noch am städtischen Spielplatz im Stadtteil Grüneiche und in der Turnhalle der benachbarten Viktoriaschule abgehalten werden kann.
In der Schule beherrschen nun in allen Fächern und an wöchentlichen Treffen Mitteilungen von der Front das tägliche Geschehen. Insbesondere Schulfestlichkeiten, wie der Sedantag am 2.September 1914, werden für patriotische Ansprachen genutzt. Alfreds Klasse begeistert besonders eine Ansprache von Direktor Dr. Fox, in der er eindrucksvoll die Ereignisse um die gewonnene Schlacht bei Tannenberg im Zeitraum vom 26.8. bis 30.8.1914 und den bisherigen Kriegsverlauf erläutert. Mitte September wird an der Schule bekannt, dass Oberlehrer Bestgen, der als Leutnant der Reserve in einem Infanterie-Regiment an der Westfront dient, schwer verwundet wurde. Am 30.September 1914 erliegt er im Lazarett seinen schweren Verletzungen. Zu seinen Ehren hält Alfreds Englischlehrer Suckel in der Aula der Viktoriaschule vor dem Kollegium und den Schülern eine bewegende Trauerrede. Mit zunehmendem Kriegsverlauf werden immer mehr Lehrkräfte zum Heeresdienst eingezogen. So verlässt auch Alfreds Zeichenlehrer Kik die Oberrealschule und die einrückenden Lehrkräfte werden durch junge, angehende Lehrer, sogenannte Probekandidaten, ersetzt. Die zunehmend verlustreichen Schlachten an der West- und Ostfront sind auch bei Alfred und seinen Freunden Gesprächsthema. Am 22.November 1914 fällt als erster ehemaliger Schüler der Oberrealschule der Kriegsfreiwillige Kurt Wolff bei einem Sturmangriff des Landwehr-Infanterie-Regiments 10 in Polen. Direktor Dr. Fox lässt in der Schule einen Brief verlesen, den Kurt Wolff vor seinem Ausmarsch ins Feld aufsetzte und im Falle seines Ablebens von seinem Vater an den Direktor überbracht haben wollte: „Sehr geehrter Herr Direktor! Wenn diese Zeilen in Ihre Hände gelangen, dann weile ich nicht mehr unter den Lebenden. Dann ist es mir vergönnt gewesen, mein junges Leben fürs Vaterland opfern zu dürfen. Ich bitte Sie ergebenst, diejenigen von meinen Büchern, die noch verwendbar sind, der Unterstützungsbücherei zuzuweisen. Vielleicht finden Sie auch Verwendung für beiliegende Sammlung von Farbenphotographien aus unseren Kolonien. Mit besten Grüßen an Sie und meine hochverehrten Lehrer verbleibe ich Ihr Kurt Wolff.“ Der Direktor schließt mit den Worten, dass der Geist aufopfernder Vaterlandsliebe, der den jungen Helden Wolff beseelte, den zukünftigen Schüler ein hohes Vorbild bleiben solle. Als Anfang Februar 1915 das Rekrutendepot des Landwehr-Infanterie-Regiments 10 aus den Gebäuden der Oberrealschule ausquartiert wird, können am 8.Februar 1915 zur Freude des Kollegiums und der Schüler die alten Unterrichtsräume wieder bezogen werden. Am 7.März 1915 fällt ein weiterer ehemaliger Schüler, der Kriegsfreiwillige Hellmut Pollack, der bei einem Gefecht als Gefreiter im Grenadier-Regiment 3 in Galizien tödlich getroffen wird. Oberlehrer Professor Dr. Urbat wird in Russisch-Polen schwer am Hinterkopf verwundet. Ebenfalls wird die Verwundung von Oberlehrer Dr. Hildebrand und Alfreds ehemaligen Deutschlehrer Oberlehrer Biehler bekannt, die beide im Lazarett liegen. Im März geht das turbulente Kriegsschuljahr dem Ende entgegen. Alfreds Mitschüler Gerhard Nobel und Erich Greulich erhalten für ihre guten schulischen Leistungen eine Auszeichnung von Direktor Dr. Fox überreicht. Erich Greulich, der älter ist als Alfred, hat um den Eintritt zum Heeresdienst gebeten. Er wird angenommen und verabschiedet sich im April 1915 von seinen Schulkameraden. Ende des Schuljahres 1915 machen sich erstmals Lieferengpässe bei der Lebensmittelversorgung, insbesondere der städtischen Bevölkerung, bemerkbar. Die im Felde stehenden Truppen benötigen große Mengen an Nachschub, der durch die seit 1914 eintretende englische Seeblockade immer schwerer zu gewährleisten ist. Alfred schreibt eifrig seinem Onkel Hermann. Er schickt ihm neben Briefen einen selbstgebackenen Kuchen und will von ihm mehr von den großen heldenhaften Ereignissen an der Front erfahren, die er den täglichen Kriegsberichten in der Schlesischen Zeitung entnimmt und die seine Lehrer im Unterricht begeisternd erzählen. Ein Bericht über das Regimentsjubiläum des schleswig-holsteinischen Füsilier-Regiments 86, welches am 27.09.1915 im Feld stattfindet und über das die schlesische Zeitung in einem patriotischen Zeitungsartikel schreibt, beeindrucken Alfred besonders. Sein Onkel hat in den zahlreichen Briefen gar nichts von den vielen Liebesgaben, dem Festessen und der Verleihung von Eisernen Kreuzen am Jubiläumstag erwähnt. Alfred schneidet den Artikel aus der Zeitung und schickt ihn mit einem Brief an seinen Onkel ins Feld. Mit Spannung erwartet er die Antwort Onkel Hermanns, welche Ende Oktober 1915 bei ihm eintrifft.
Hermann Schlenker, Alfreds Patenonkel, zieht mit dem schleswig-holsteinischen Füsilier-Regiment 86 in den Weltkrieg. Er kämpft im Oktober 1915 mit seinem Regiment in der Champagne-Schlacht an der Westfront.
Den 18.10.15
Mein lieber Alfred!
Soeben liege ich in meinem Zelt, es ist gerade Mittagszeit, und will die kurze Ruhepause dazu benutzen um dir zu schreiben. Recht sehr danke ich dir für die Zusendung deines Kuchens, er schmeckte ausgezeichnet. Auch danke ich dir für deinen Brief und dem Zeitungsausschnitt. Ich erhielt alles einen Tag vor unserem Abmarsch. Den Inhalt des Zeitungsausschnitts wirst du wohl noch in deinem Gedächtnis haben. Nun will ich dir darauf antworten und warum ich nichts in meinen Briefen erwähnte. Von den großen Kisten Liebesgaben erhielt ich ein kleines Notizbuch und die kleine Tabakpfeife, welche ich meinem Vater zuschickte. Sonst habe ich von dem Regimentsjubiläum nichts gemerkt. Gemeinschaftliches Essen hatten wir, so wie jeden Tag, denn wir essen doch immer unser Feldküchenessen gemeinsam. Dienst war wie immer. In unserer Kompagnie wurden keine Eisernen Kreuze verteilt. Das ist, was ich von dem Jubiläum weiß. Das ist etwas anders, als die Zeitung es so schön erzählte. Mein lieber Alfred, du willst gern von den kriegerischen Ereignissen von hier draußen etwas wissen. Ja, ich darf dir doch nicht alles schreiben, denn eine klare Schilderung darf ich nicht geben. Von der französischen Offensive in der Champagne hast du ja gelesen. Wir lagen weiter nördlich und es herrschte auf unserem Teil der Front ziemlich Ruhe, denn der Franzmann schien seine Artillerie von uns weggezogen zu haben. Allerdings waren verschiedene Kompagnien unseres Regimentes auch zur Unterstützung dort und hatten ziemliche Verluste. Meine Kompagnie lag gerade im vordersten Schützengraben. Am 10ten des Monats sind wir nun abtransportiert worden. Nach einer mehrstündigen Bahnfahrt und drei beschwerlichen Tagesmärschen, gelangten wir am 17ten des Monats hier, in der Champagne an. Noch ist der Kampf hier ziemlich heftig im Gange, noch donnern unaufhörlich Tag und Nacht die Kanonen. Unser ganzes 9.Armeekorps ist noch hier. Wir liegen gegenwärtig in einem Wald in Biwak in Zelten. Die Nächte sind recht kalt. Die Gegend ist nicht sehr schön, wir haben kein Wasser und das nötige Wasser für Feldküche wird des Abends mit dem Wagen hierher gefahren. Es herrscht hier eine riesige Fliegertätigkeit. Deutsche und französische Flieger schweben in den Lüften und bekriegen sich hoch oben. Ein traurig-schönes Schauspiel zu beobachten, wenn wir unter Bäumen in Deckung liegen. Bei unserem letzten Marsch erhielten wir unterwegs auch einige Fliegerbomben, glücklicherweise ohne jemand zu verletzen. Wohl wüsste ich dir noch sehr viel zu schreiben, doch die Zeit ist zu kurz, so nimm mit diesen wenigen Worten vorlieb. Sei herzlich gegrüßt von deinem Onkel Hermann. Grüße deine lieben Eltern und Schwestern.
Ende 1915 werden in der Provinz Schlesien Brot- und weitere Bezugsmarken eingeführt und Anfang 1916 erhält man vermehrt selbst dafür keine Ware mehr. Im Juli 1916 wird Familie Schlenker und besonders Alfred durch eine Todesnachricht erschüttert. Sein geliebter Patenonkel Hermann Schlenker fällt am 20.Juli 1916 als Soldat des schleswig-holsteinischen Füsilier-Regiments 86 in der Champagne. Alfred erhält mit seiner Mutter Maria die schockierende Todesnachricht zu Hause mit der Post und überbringt sie seinem von der Arbeit heimkehrenden Vater.
In der Schule hat Alfred eher mittelmäßige Leistungen, weshalb es öfter Schelte durch den Vater gibt. Mit Schwester Käthe gibt es mehrmals heftigen Streit, den Alfreds Vater nur mit Mühe schlichten kann und dann an die Vernunft seiner Kinder appelliert. Sorgen bereiten Alfreds Vater auch die Rechtschreibprobleme von Tochter Käthe und insbesondere Lottes mangelhafte schulische Leistungen, die sogar eine Versetzung in die nächste Klasse fraglich machen. Im Schuljahr 1916 muss auch Alfreds Physik- und Mathelehrer Dr. Kochan einrücken und Alfred und seine Klassenkameraden erhalten gegen Ende des Jahres ihre Musterungsbescheide. Bei der Musterung wird Alfred als physisch wie psychisch geeignet eingestuft. Die Musterungskommission bescheinigt ihm den Status KV für „kriegsverwendungsfähig“, auch wenn Alfred mit gerade 51 kg Gewicht bei 1,69 m Körpergröße eher von zarter Natur gebaut ist. Er weiß, dass die stark zunehmenden Verluste am westlichen Kriegsschauplatz und der damit verbundene immense Bedarf an neuen Rekruten dazu geführt haben, dass nahezu jeder gemusterte Mann im Kaiserreich als kriegstauglich befunden wird. Reklamationen, welche zur Ausmusterung oder Zurückstellung des Wehrpflichtigen führen, werden kaum noch berücksichtigt. Alfred berät sich mit seinem Vater wie es nach der Reifeprüfung weitergehen soll, die er schon im Januar 1917 ablegen muss. Die Hoffnung an einen schnellen Friedensschluss haben beide aufgegeben, weshalb sie die Entscheidung treffen, Ende 1916 ein Gesuch an das Bezirkskommando in Breslau zu stellen. Alfred möchte als Rekrut zum ehemaligen Regiment seines Vaters, dem 1.schlesischen Feld-Artillerie-Regiments von Peucker Nr.6 als Rekrut einberufen werden. Enttäuscht erhält er einige Wochen später die Ablehnung des Gesuches. Am 5.1.1917 legt Alfred mit seinen Klassenkameraden erfolgreich die Reifeprüfung an der städtischen Oberrealschule in Breslau ab. Alfreds Schulkameraden Kurt Eitner, Konrad Ludwig, Gerhard Nobel, Kurt Badestein, Georg Scholz wie auch Kolde erhalten umgehend nach bestandenem Abitur ihre Einberufung und ziehen noch Mitte Januar 1917 in die Rekrutendepots ihrer Regimenter ein. Die Freunde versprechen sich gegenseitig zu schreiben. Alfred und seinen Vater verwundert, dass Alfreds Freunde Kurt Badestein und Georg Scholz mit größter Euphorie ins Feld ziehen. Der Ausblick auf die Einberufung erweckt bei Alfred zwar Neugierde, aber längst nicht mehr die Begeisterung, die vielleicht noch zu Kriegsbeginn bei vielen jungen Abiturienten vorhanden war. Der Krieg ist im dritten Jahr und massiv sind bereits auch in Alfreds Familie die Entbehrungen spürbar, die sich durch die stark zunehmenden Lebensmittel- und allgemeine Güterknappheit bemerkbar machen. Die tägliche Sorge um genügend Nahrungsmittel beschäftigt vor allem Alfreds Vater stark. So unternimmt er mit seinen Kindern per Rad oder mit der Bahn „Hamsterfahrten“ auf das Breslauer Umland, wo zum Teil noch Obst, Milch, Käse, Eier und manchmal sogar Fleisch ohne Lebensmittelmarken zu erhalten sind. Auch die immensen Menschenverluste, insbesondere in den Abnutzungsschlachten an der Westfront, sind an der Familie nicht spurlos vorüber gegangen. Tod und Verwundung von Lehrern, Mitschülern und Bekannten als auch der Verlust von Alfreds geliebtem Patenonkel Hermann prägen nahezu täglich die Gespräche. Die Friedensaussichten sind nach wie vor ungewiss und an ein Studium ist aufgrund des unweigerlich bevorstehenden Einberufungsbescheids vorerst nicht zu denken. Dies stellt den 18-jährigen Alfred vor eine erste große Entscheidung, die sich nachhaltig auf sein weiteres Leben auswirken wird.
Unter welchen Bedingungen soll Alfred eingezogen werden?
Wehrpflichtiger
Grundsätzlich war im Deutschen Kaiserreich jeder Deutsche vom vollendeten 17. bis zum vollendeten 45. Lebensjahr wehrpflichtig. Mehrere ehemalige Klassenkameraden Alfreds sind bereits in die Rekrutendepots verschiedener schlesischer oder preußischer Regimenter eingerückt und es ist absehbar, dass auch er in Kürze den Gestellungsbefehl erhalten wird. Er kann es nun dem Schicksal überlassen, zu welchem Truppenteil er als Wehrpflichtiger eingezogen wird.
Einjährig-Freiwilliger
Eine Alternative wäre, sich für den einjährig-freiwilligen Dienst (kurz „Einjähriger“) zu bewerben. Einjährig-Freiwillige waren bis zum Beginn des 1.Weltkrieges Wehrpflichtige, die auf Grund ihrer höheren Schulbildung statt zwei Jahren, nur ein Jahr zu dienen brauchten, wenn sie sich freiwillig meldeten. Auch wenn zu Kriegszeiten das Privileg nur ein Jahr zu dienen nicht mehr vorhanden war, so ergab sich für manchen dennoch der attraktive Umstand, sich beim Einjährig-Freiwilligen-Dienst seinen Truppenteil selbst wählen zu dürfen, insofern keine körperlichen Einschränkungen vorlagen. Die körperliche Eignung wurde anschließend von demjenigen Truppenteil überprüft, für den sich der Bewerber entschieden hatte. Für die Zulassung musste ein Berechtigungsschein beantragt werden, welcher unter Vorlage des Geburtszeugnisses, des Nachweises der höhere Schulbildung und eines Unbescholtenheits-Zeugnisses bei einer Prüfungskommission eingereicht wurde. Allerdings ergab sich bei einer Annahme auch der Nachteil, dass neben der Einwilligung des Vaters auch dessen Erklärung vorliegen musste, dass aus seinem Vermögen während dieser Zeit die Kosten für Bekleidung und Ausrüstung, Wohnung und Unterhalt bestritten werden sollen. Der Einjährigen-Freiwilligen-Dienst war also mit nicht unerheblichen Unkosten für eine Familie versehen und deshalb eher den oberen Gesellschaftsschichten vorbehalten.
Welche Truppengattung soll Alfred wählen?
Alfred entschließt sich in Absprache mit seinen Eltern für eine Bewerbung zum einjährig-freiwilligen Dienst. Er erhält den Berechtigungsschein, wird Einjährig-Freiwilliger und kann somit die bevorzugte Truppengattung wählen.
Die Infanterie trug die Hauptlast des Kampfes an allen Fronten. Relativ leicht war die Ausbildung eines Infanteristen an der Waffe durchzuführen. Umso größer waren oft die Anforderungen an den Infanteristen selbst, die in Ausdauer und Kraft unter extremen Bedingungen wie Kälte, Hitze und Hunger gestellt wurden. Die Artillerie war während des ersten Weltkrieges längst aus ihrer Rolle als Hilfswaffe für die Infanterie herausgewachsen. Die Entwicklung neuer Techniken für Geschütze und Munition war sprunghaft fortgeschritten. Neben der Feldartillerie, wurde Fußartillerie (schwere Geschütze) und Gebirgsartillerie an den Fronten eingesetzt. Die Kavallerie als frühere Eliteeinheit der Armee verlor im 1.Weltkrieg zunehmend an Bedeutung. Kavallerieattacken waren durch die Verbreitung des Maschinengewehrs kaum mehr durchzuführen. Meist konnten Kavallerieeinheiten nur noch zu Aufklärungs-tätigkeiten, insbesondere am östlichen Kriegsschauplatz eingesetzt werden.
Von Breslau zur Gebirgsartillerie
Alfred hat sich entschieden wie sein Vater Artillerist zu werden. Er möchte aber explizit zur Gebirgsartillerie, erhält auch kurz darauf den Einberufungsbescheid und verabschiedet sich am Freitag, den 2.3.1917 am Freiburger Bahnhof in Breslau von seinen Eltern, Geschwistern und Großeltern. Mit mehreren gleichfalls eingezogenen Rekruten tritt er die mehrstündige Bahnfahrt in die kleine Garnisonsstadt Schmiedeberg im Riesengebirge an. Er hat sich mit weiteren wehrpflichtigen und einjährig-freiwilligen jungen Männern des Jahrgangs 1898 in der Kaserne in Schmiedeberg einzufinden. Dort befindet sich das Rekrutendepot der Gebirgs-Kanonen-Ersatz-Abteilung 1 und 2. Hier erzählt Alfred seine Geschichte in seinen Feldpostbriefen und -karten selbst weiter.
Hirschberg, Transport nach Schmiedeberg, den 2.3.17
Liebe Eltern!
Nach einer sehr gemütlichen Fahrt von mehr als vier Stunden sind wir soeben in Hirschberg eingetroffen, um nach einem Aufenthalt von 1 ½ Stunden nach unserem Bestimmungsort weiter zu fahren, wo wir etwa um 3 Uhr ankommen werden. Meine Essvorräte haben sich während der Fahrt bis auf die beiden Butterschnitten und Eier erschöpft. Wir haben eine wunderbare Winterlandschaft durchquert. Überall liegt der Schnee noch so wie in Breslau vor etwa drei Wochen. Das Riesengebirge liegt nun in seiner ganzen Pracht vor uns. In zwei Stunden sind wir am Fuße der Schneekoppe. Seid unterdessen alle recht herzlich gegrüßt von eurem dankbaren Sohn.
Schmiedeberg, den 2.3.17
Liebe Großeltern!
Nach einer sehr schönen Fahrt von 6 Stunden sind wir glücklich in unserem Garnisonsort angelangt. Vorläufig werden wir noch einige Tage in Zivil sein. Hier ist es noch recht winterlich. Als Transportmittel dienen hier nur Schlitten. Ich sitze gegenwärtig in unserem Gasthause, wo wir vorläufig untergebracht sind, zusammen mit einem ehemaligen Schulkameraden, der seit gestern bei meiner Batterie ist. Ich bin sehr froh, dass ich mit einem guten alten Bekannten zusammen bin. Seid herzlich gegrüßt von eurem Fred.
Schmiedeberg, den 2.3.17
Liebe Eltern!
Planmäßig um 3.07 Uhr sind wir an unserem Ziele angelangt. Da uns niemand abholte, mussten wir uns durchfragen, bis wir nach etwa einer viertel Stunde das Geschäftszimmer der Abteilung fanden. Wir mussten sofort unsere Kriegsbeorderungen abgeben. Bis jetzt hat kein Mensch auf die polizeiliche Abmeldung geachtet. Ihr könnt also vorläufig beruhigt sein. Der Wachtmeister der 1.Batterie, der zufällig im Geschäftszimmer anwesend war, suchte sich die acht stärksten Leute, darunter auch den gemütlichen Klempner für seine Batterie aus. Ich bin mit den übrigen zur 2.Batterie gekommen. Wir liegen in dem Tanzsaal desselben Gasthauses, indem ich vor drei Jahren mit Georg Saft zusammen übernachtete. Soeben habe ich bei meiner Batterie meinen ehemaligen Schulkameraden John getroffen. Stellt euch vor welche Freude! John ist von Striegau aus hier gestern eingetroffen. Wir sitzen jetzt bei einem Glas Bier und gedenken euer. Viele Grüße und Küsse von eurem Fred.
Schmiedeberg, den 4.3.17
Liebe Eltern!
Hoffentlich habt ihr meine sämtlichen Briefsachen (2 Karten und 1 Kartenbrief) erhalten. Ich will euch heute etwas ausführlicher über mein Schicksal berichten. Wie ich euch bereits kurz mitgeteilt habe, ging es während unserer Bahnfahrt äußerst gemütlich zu. Unter dem Gesange von „Mussi denn..“ verließen wir den Freiburger Bahnhof. Auch später wurde noch sehr viel gesungen, wobei uns der Klempner auf der Mundharmonika begleitete. In Hirschberg hatten wir 1 ½ Stunden Aufenthalt. Während dieser Zeit saßen wir bei einem guten Glase Bier im Wartesaal des dortigen Bahnhofs, bis wir um 2.30 Uhr unsere Fahrt nach Schmiedeberg fortsetzten. Pünktlich zur festgesetzten Zeit kamen wir glücklich hier an. Da sich niemand zu unserem Empfang eingefunden hatte, mussten wir unter fortwährendem Fragen den Weg nach der Kaserne zurücklegen, die etwa eine viertel Stunde vom Bahnhof entfernt liegt. Während wir unter Scherzen und Lachen in die Stadt einzogen, änderte sich die Stimmung mit einem Schlage, als wir in die militärische Umgebung hineinkamen. Bei unserer Ankunft wurden uns sofort von einem Abteilungsschreiber die Kriegsbeorderungen und sonstigen Militärpapiere abgenommen. Nach der Brotmarkenabstempelung hat bis jetzt noch niemand gefragt. Der betreffende Schreiber achtete gar nicht darauf. Ich hoffe, dass die Sache noch glücklich ablaufen wird. Der Wachtmeister der 1.Batterie, der bei unserer Ankunft im Geschäftszimmer anwesend war, suchte sich sofort die acht kräftigsten Leute für seine Batterie aus. Die übrigen sieben Mann, zu denen auch ich gehöre, sind der 2.Batterie zugeteilt worden. Diese sieben Mann wurden sofort unter Begleitung eines Kanoniers in die Kaserne der 2.Batterie geführt, die sich in einer alten Schürzenfabrik befindet. Die einzelnen Batterien liegen nämlich getrennt voneinander. Ganz abseits von den Kasernen liegen die Ställe. Meine Batterie ist augenblicklich in dem Theatersaal von Schreibers Hotel untergebracht, da die Kaserne erst gereinigt, oder besser gesagt, entlaust werden muss. Es ist dasselbe Gasthaus, indem ich mit Georg Saft zusammen am 13.Juli 1914 übernachtete. Wer hätte damals geahnt, dass ich heute unter diesen Umständen hier sitzen würde? Ich werde es nächstens dem Saft schreiben. Er wird ganz erstaunt sein. Bei meiner Batterie waren schon tags zuvor 55 Rekruten, meist Gebirgsleute aus Waldenburg, Glatz und Halberstadt (Harz) eingetroffen. Wir Breslauer bekamen, da wir erst am zweiten des Monats angekommen sind, außer etwas Kaffee und Hochheimer Marmelade, kein Abendbrot. Mein Freund John, der als Einwohner von Deutsch-Lissa von Striegau aus eingezogen worden ist, hat mir aus Mitleid etwas von seinem Brote gegeben. Sonst hätte ich hungrig zu Bett gehen müssen. Unsere Schlafstelle ist sehr primitiv eingerichtet. Sie besteht aus notdürftig zusammengezimmerten Betten mit je einem Strohsack und je zwei wollene Decken. In der ersten Nacht habe ich fast gar nicht geschlafen. Stellt euch, liebe Eltern, einen großen Saal vor, indem ungefähr 100 Mann liegen, in dem eine Gasflamme während der ganzen Nacht brennt und indem ein Posten mit Helm, Karabiner und schweren Gebirgsschuhen fortwährend auf und ab geht. So sieht es bei uns des Nachts aus! Vorige Nacht habe ich fast ununterbrochen von 7 Uhr abends bis 6 Uhr früh geschlafen. Man gewöhnt sich eben an alles. Mein Freund John liegt neben mir. Ich habe bewirkt, dass er zu mir in die 1.Korporalschaft gekommen ist. Die Verpflegung und Behandlung lassen bisher nichts zu wünschen übrig. Gestern haben wir unser erstes Kommissbrot (3 Pfund schwer) erhalten, womit wir 3 Tage auskommen sollen. Gestern Mittag gab es Kohlrüben mit Leberwurst, heute Gulasch (ich hatte nur 2 Bissen), Kartoffeln und viel Sauerkraut. Gestern zum Abendbrot bekamen wir Häckerle [eine Art Heringssalat – Anm. d. Verf.] und Tee. Das Essen schmeckt vorzüglich. Mir gefällt es überhaupt hier sehr gut. Wir haben vorläufig überhaupt noch keinen Dienst. Heute dürfen wir sogar ausgehen, da wir noch in Zivil sind. Morgen um 1 Uhr beginnt die Untersuchung. Hierauf werden wir wahrscheinlich unsere Uniform erhalten. Die Rekruten der 1.Batterie sind heute schon eingekleidet worden, haben dafür aber keinen Ausgang. Ich will heute auch noch etwas ausgehen und daher Schluss machen für heute. Seid alle, liebe Eltern und Geschwister, recht herzlich gegrüßt und geküsst von eurem treuen Sohn und Bruder Fred. Sobald ihr das Paket mit den Taschentüchern wegsendet, schickt mir bitte auch die noch fehlenden Sachen (Bürsten, Wäsche, Putzlappen, usw.) mit. Einen Topf werde ich mir hier kaufen.
Schmiedeberg, den 6.3.17
Liebe Eltern!
Soeben habe ich bei der Befehlsausgabe meine erste Post, euren Brief vom 5ten des Monats und eine Karte von Magda, erhalten. Ich habe mich riesig darüber gefreut, zumal ich schon so lange auf eine Nachricht aus der Heimat gewartet hatte. Zu meinem nicht geringen Erstaunen höre ich, dass Vatel einen Brief am 4ten des Monats abgesandt hat. Ich habe ihn bis jetzt noch nicht erhalten. Ich werde mich morgen gleich danach erkundigen. Dass ihr, liebe Eltern, das Paket mit dem Gewünschten bereits abgeschickt habt, ist mir recht lieb. Wir haben nämlich heute unsere Uniform erhalten, alles alte Röcke vom Feld-Artillerie-Regiment 57. Ich habe einen ziemlich leidlichen, wenngleich auch etwas schillernd blauen Rock bekommen, nachdem ich etwa 20 – 30 verschiedene Röcke anprobiert hatte, die mir alle zu groß waren. „Ausgenommener Hering“ und „Püppchen“ waren die Ehrentitel, die mir der Quartiermeister gab. Die Röcke sind nun so schmutzig und mitgenommen, dass man gleich mit Knöpfe, Putzen, Ausklopfen und Flicken beginnen musste. Besonders das Annähen einer Kokarde an meine schäbige Feldmütze machte mir Schwierigkeiten. Ich werde es aber schon lernen. Morgen Abend haben wir die erste Flick- und Putzstunde. Ich habe außerdem ein Paar feldgraue Hosen erhalten, die schon dutzendmal geflickt sind, her mal ein paar gute Schuhe, die mir aber viel zu groß sind. Ich werde mir morgen zwei Paar wollene Strümpfe anziehen, vielleicht sitzen sie dann besser. Es ist nämlich hier noch furchtbar kalt. Heute konnte ich mich gar nicht waschen, da das Wasser eingefroren war. Auf den Straßen verkehren hier nur Schlitten. Ich habe mir schon bei dem stundenlangen Stehen in dieser Kälte einen leichten Schnupfen geholt. Ich bin auch etwas heißer, das ist aber gar kein Wunder, denn wir müssen unser Essen im Freien einnehmen, da, wie ich euch bereits mitgeteilt habe, unsere Kaserne gereinigt wird. Morgen oder übermorgen werden wir wahrscheinlich ausziehen. Jetzt, wo wir eingekleidet sind beginnt eigentlich erst der Dienst. Bis jetzt haben wir nur einige Vorträge über unser Verhalten angehört. Während wir bis jetzt erst immer um 6 Uhr aufstanden, ist Morgen um 5 Uhr wecken, von 6.30 bis 7 Uhr Kaffeepause, hernach Kasernenreinigen, von 8 bis 9 Uhr Vortrag, von 9 bis 11 Uhr Fußexerzieren, 11.30 Uhr Essen, nachmittags Geschützexerzieren, 6.30 Uhr Abendessen und abends Putz- und Flickstunde. Also es wird ernst! Wir haben sehr anständige Vorgesetzte, besonders unser Leutnant (Feldwebel-Leutnant) namens Roth ist das Muster eines guten Vorgesetzten. Auch unser Wachtmeister Wickenhäuser scheint sehr anständig zu sein. Unseren Batterieführer Leutnant Frey habe ich noch nicht zu sehen bekommen. Alles in allem bin ich zufrieden, dass ich zur 2.Batterie gekommen bin. Die 1.Batterie soll ganz gemeine Vorgesetzte haben. Die Rekruten der 1.Batterie dürfen schon lange nicht mehr ausgehen, während wir erst jetzt, wo wir in Uniform sind, in unserer Bewegungsfreiheit etwas gehemmt sind, aber nur solange als wir noch nicht die Ehrenbezeugungen können. Wenn alles gut geht, dürfen wir nächsten Sonntag schon wieder ausziehen. Gestern zu Mittag gab es Hirse mit Backpflaumen (großartig), heute Kohlrüben. Zum Abend bekamen wir gestern Schellfisch in Gelee, welches mir so gut schmeckte, dass ich mir zweimal geben ließ (das darf natürlich nicht sein). Heute Abend bekamen wir Häckerle und eine saure Gurke (besser als von Lux!). Außerdem gibt es abends immer noch warmen Kaffee oder Tee. Ich kann mich über diese Kost nicht beklagen. Nur müsste das Brot etwas reichlicher sein. Es muss wirklich interessant aussehen, wenn ich hier das trockene Kommissbrot reinhaue. Wie geht es euch liebe Eltern? Hoffentlich seid ihr doch alle gesund. Wir wurden gestern sehr eingehend untersucht, natürlich alles k.v. (kriegsverwendungsfähig) geschrieben. Ob wir alle für die Gebirgsartillerie tauglich sind, wurde uns nicht gesagt. Zu mir sagte der Arzt, ich müsste beim Militär vom Kommissbrot (!) noch etwas stärker werden. Es wäre aber bei meiner bisherigen garstigen Lebensweise kein Wunder, dass ich so schwächlich gebaut bin. Ich wiege 51 Kilo, habe also seit der Musterung um zwei Pfund zugenommen, bin 1,69 Meter groß, habe 76 bzw. 82 Brustweite. Wegen meiner Augen werde ich später besonders untersucht werden. Im Anschluss an die Untersuchung wurden wir auf den linken Oberarm auf Pocken geimpft. Ich muss leider schließen, es ist ½ 9 Uhr. Ich muss noch meine Feldmütze auswaschen, um sie morgen beim Apell sauber vorzuzeigen. Hoffentlich trifft das Paket recht bald ein, denn wir werden wohl diese Woche noch unser sämtliches Putzzeug vorzeigen müssen. Wenn es nicht zur rechten Zeit da ist, werde ich es melden. Unsere Vorgesetzten lassen schon mit sich reden. Es ist mir sehr lieb, dass du liebe Mutter, mir einen Sweater besorgt hast. Ich kann ihn bei dieser Kälte sehr gut gebrauchen, besonders da wir hier keine Mäntel haben. Die Meisten haben auch so etwas mit. Was mir dann noch fehlt, werde ich mir hier kaufen. Seid, liebe Eltern und Geschwister, recht herzlich gegrüßt und geküsst von eurem dankbaren Sohn und Bruder Fred. Entschuldigt bitte meine schlechte Schrift, es muss sehr schnell gehen.
Schmiedeberg, den 7.3.17
Liebe Eltern!
Heute Abend habe ich euer liebes Paket mit dem gewünschten Inhalt erhalten. Es kam mir gerade zur rechten Zeit. Wir haben soeben unsere erste Putzstunde gehabt. Auch die Pulswärmer und Taschentücher kommen mir sehr von statten. Der Winter macht sich hier noch einmal von seiner unangenehmen Seite bemerkbar. Habt ihr in Breslau auch so strengen Frost? Ich hätte die Pulswärmer schon heute sehr gut gebrauchen können. Bei dieser Kälte ohne Mantel im tiefen Schnee zu exerzieren, ist wahrlich für uns ungeübte Rekruten keine Kleinigkeit. Unser Exerzierplatz liegt nahe am Fuße des Riesengebirges. Heute Nachmittag hatten wir zwei Stunden Vortrag an der 7,5 cm Gebirgskanone L14 leichten Typs (Schnellfeuergeschütz). Jetzt wird die Sache erst interessant. In Anbetracht der großen Kälte findet der Unterricht im Stall statt. Im Anschluss daran wurden wir ins Bad geführt, dann gab es ein kräftiges Abendbrot: Nudelsuppe. Am meisten habe ich mich natürlich über die Esswaren gefreut, besonders über die Wurst. Ich danke euch vielmals dafür! Herzlichen Gruß, euer Sohn.
Geht es an das Geschütz oder zu den Fahrern?
Bei der Artillerie können verschiedene Qualifikationen erlernt werden. So werden zum Beispiel Beobachter benötigt, welche das Feuer der Geschütze leiten, und Telefonisten, die zwischen Beobachtungsposten, den verschiedenen Batterien und dem Abteilungsstab die Kommunikation aufrecht erhalten. Auch am Geschütz selbst gibt es verschiedene spezialisierte Aufgaben zu erledigen. Der Richtkreiskanonier ist für die Ausrichtung des Geschützes verantwortlich, während der Ladeschütze für die Munitionierung zuständig ist. Gute Fahrer und Reiter benötigt man, um die Geschütze mit dem Pferdegespann auch in unwegsamem Gelände sicher in die Feuerstellung zu transportieren und um ständig mit dem Fuhrpark für Munitionsnachschub zu sorgen. Die Geschütztechnik weckt Alfreds Interesse. Gerne würde er mehr über die Bedienung eines Geschützes lernen. Wenn Alfred Fahrer werden könnte, so würde sein Wunsch in Erfüllung gehen, das Reiten zu erlernen.
Schmiedeberg, den 9.3.17
Liebe Eltern!
