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Dr. Martina Stotz, eine der führenden Expertinnen für Geschwisterbeziehungen in Deutschland, weiß, wie turbulent das Leben mit mehreren Kindern sein kann. Streitereien um das Lieblingsspielzeug, ewige Diskussionen um "Wer darf zuerst?" oder das Gefühl, ein Kind käme zu kurz. In ihrem neuen Buch zeigt sie Eltern einfühlsam und praxisnah, wie sie solche Situationen meistern können. Mit liebevollen Rollenspielen, alltagstauglichen Tipps und einfachen Übungen hilft sie dabei, Streitigkeiten in achtsame Gespräche zu verwandeln und die Bindung zwischen Geschwistern zu stärken. Das Buch kombiniert die neuesten Forschungsergebnisse mit echten Lösungen für den Familienalltag – für mehr Harmonie, Respekt und Freude im Zusammenleben.
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Seitenzahl: 285
Veröffentlichungsjahr: 2025
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eBook: © 2025 GRÄFE UND UNZER VERLAG GmbH, Grillparzerstraße 8, 81675 München
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ISBN 978-3-8338-9943-0
1. Auflage 2025
GuU 8-9943 11_2025_02
DIE BÜCHERMENSCHEN HINTER DIESEM PROJEKT
Verlagsleitung: Eva Dotterweich
Projektleitung: Simone Kohl
Lektorat: Imke Rötger
Bildredaktion: Simone Hoffmann
Covergestaltung: Ki36 Editorial Design, Sabine Krohberger, München
eBook-Herstellung: Liliana Hahn
BILDNACHWEIS
Illustrationen: büro wünsch & stömer
Fotos: Saskia Bronner: Saskia; Flora Kelle; Nathanael Rings: Helena; Wolfgang Rudolph: Miriam; Katharina Steca: Portrait Cover, Kerstin; Stocksy: Covermotiv; Tobias Surburg: Jennifer; Bernd Wölfle: Lisa
Syndication: Bildagentur Image Professionals GmbH, Tumblingerstr. 32, 80337 München, www.imageprofessionals.com
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WARUM UNS DAS BUCH BEGEISTERT
Weil es Eltern stärkt, Geschwisterkonflikte liebevoll zu lösen – mit fundiertem Wissen, echten Alltagstipps und viel Herz.
Eva Dotterweich, Verlagsleitung
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ZUR AUTORIN
Dr. Martina Stotz, ist promovierte Pädagogin, staatsexamierte Grundschullehrerin, staatsexamierte Qualifizierte Beratungslehrerin für Kinder und Jugendliche sowie musikalische Früherzieherin in Kitas. An der LMU in München forschte sie viele Jahre im Bereich der Familien-, Geschwister- und Entwicklungspsychologie. Nach zahlreichen Erfahrungen mit Kindern jeder Altersstufe, gründete sie ihre Onlineunternehmen Mein Erziehungsratgeber, um Eltern über Onlinekurse und ihre Bindungsinsel regelmäßig zu begleiten. In ihrer Praxis in München und online berät sie Eltern in jeder Elternphase. In Zeitungen und Fernsehen wird sie regelmäßig als Geschwisterexpertin für Interviews eingeladen.
Matthias Riedl ist überzeugt, dass man die dramatischen Folgen hochverarbeiteter Lebensmittel nicht überbetonen kann - denn sie gefährden nicht nur unsere körperliche, sondern auch unsere psychische Gesundheit. Die aktuelle Studienlage gibt ihm recht.
Weitere Inhalte der Autorin:
Tägliche Impulse bei Instagram: @dr_stotz_kinderpsychologie Podcast LEUCHTTURM SEIN Kostenlose Ebooks und Webinar auf der Webpage: Besuche Martina Stotz auf: www.mein-erziehungsratgeber.de
Die Gedanken, Methoden und Anregungen in diesem Buch stellen die Meinung bzw. Erfahrung des Verfassers dar. Sie wurden vom Autor nach bestem Wissen erstellt und mit größtmöglicher Sorgfalt geprüft. Sie bieten jedoch keinen Ersatz für persönlichen kompetenten medizinischen Rat. Jede Leserin, jeder Leser ist für das eigene Tun und Lassen auch weiterhin selbstverantwortlich. Weder Autoren noch Verlag können für eventuelle Nachteile oder Schäden, die aus den im Buch gegebenen praktischen Hinweisen resultieren, eine Haftung übernehmen.
Geschwister sind füreinander da, lernen voneinander, streiten sich und verzeihen einander wieder. Liebe und Wut liegen in keiner Beziehung so nah beieinander wie in der Geschwisterbeziehung. DeswegenkönnenGeschwisterkinder oft nicht miteinander und auch nicht ohneeinander.
Sie geben einander als Verbündete Sicherheit und Halt. Zugleich sind sie Rivalen, die um das Wichtigste in ihrem Leben konkurrieren: die Liebe und Zuwendung ihrer Eltern.
Eine innige Geschwisterbeziehung kann eine große Ressource für die Entwicklung von Kindern sein und das Selbstvertrauen jedes Kindes stärken. Doch genauso kann eine konfliktreiche Geschwisterbeziehung belastend wirken und das Selbstwertgefühl von Kindern negativ beeinflussen. Zu viel Rivalität sowie der fehlende Schutz, wenn Geschwister gewalttätig werden, können das Selbstbild von Kindern nachhaltig beeinträchtigen.
Keine andere Beziehung ist so ambivalent und innig zugleich. Und darum kommen Eltern oft an ihre Grenzen, wenn ihre Geschwisterkinder streiten.
In der Forschung herrscht Einigkeit darüber, dass Eltern die Qualität der Geschwisterbeziehung maßgeblich beeinflussen. Eltern wirken durch ihr Verhalten und das Umfeld, das sie erschaffen, auf die Geschwisterbeziehung. Das Temperament der einzelnen Kinder hat ebenfalls einen großen Einfluss. Je ähnlicher sich Geschwister physisch und persönlich sind, desto mehr vergleichen sie sich miteinander. (Theorie des sozialen Vergleichs).1
Doch der Altersabstand, die Geschlechtskonstellation oder die Anzahl der Geschwister sind laut Untersuchungen viel weniger einflussreich als vermutet. Trotzdem empfehlen viele Experten einen Altersabstand von ca. 3 bis 4 Jahren. Das ältere Kind kann dann mehr und mehr die Perspektive des Babys übernehmen und wird durch die Autonomiephase immer selbstständiger. Es kann sich schon besser selbst beschäftigen, hat vielleicht auch schon Erfahrungen mit weiteren vertrauten Bezugspersonen gemacht und kann kognitiv besser verstehen, warum das Baby viel Zuwendung braucht. Sowohl körperlich auch als auch emotional sind viele Mütter laut Befragungen auch erst dann wieder bereit für ein weiteres Kind.2
Rivalität und Konflikte sind nicht per se schlecht für Geschwisterkinder. Wenn Eltern ihre Kinder kompetent durch Streitigkeiten begleiten, können diese sogar als Geschenk betrachtet werden.
Warum? Weil sie dann durch die Hilfe ihrer Eltern lernen, konfliktfähig zu werden. Weil sie lernen, Streit ohne Schlagen, Hauen, Schubsen oder Drohen und Schimpfen zu lösen. Weil sie dann lernen können, mit den unangenehmen Gefühlen Frust, Wut, Neid und Enttäuschung, die das Geschwisterchen auslöst, umzugehen. Und weil sie dann lernen, dass andere Menschen Bedürfnisse haben und es trotzdem sinnvoll ist, für sich und seine Grenzen einzustehen.
Die Geschwisterbeziehung kann dann ein wunderbares Trainingsfeld für Kinder sein, um täglich friedvolle Lösungen zu finden, die für alle okay sind. Und genau das brauchen wir in unserer Gesellschaft so dringend: Menschen, die Konflikte ohne Gewalt lösen und Verantwortung für Frieden auf unserer Welt übernehmen. Und wo könnten Kinder das besser lernen als in ihren Primärbeziehungen – der Eltern-Kind-Beziehung und der Geschwisterbeziehung.
Die aktuelle Forschungslage zeigt, dass die Geschwisterbeziehung genauso bedeutsam für die kindliche Entwicklung ist wie die Beziehung zu den Eltern.
Es ist mir ein Herzensanliegen, Eltern zu stärken, damit sie ihre Geschwisterkinder voller Selbstvertrauen und Liebe kompetent, bindungsorientiert und bedürfnisorientiert begleiten können – vor allem dann, wenn es zu Herausforderungen und Streit im Alltag kommt.
Dieses Buch ist viel mehr als ein Ratgeber für Eltern. Dieses Buch soll für dich wie ein Leuchtturm sein, der dir im Umgang mit deinen Geschwisterkindern einen Weg zeigt – auch wenn es mal stürmisch wird und du als Kapitän oder Kapitänin die Orientierung verlierst.
Seit vielen Jahren begleite ich Eltern als Geschwisterforscherin und Elternberaterin und mir wird immer wieder klar: Kinder brauchen Eltern, die bei Geschwisterkonflikten das Steuer fest in ihren Händen halten. Denn nur dann fühlen sich Kinder sicher, wenn es stürmt und der Wellengang stark ist.
Doch vielleicht geht es dir auch oft so wie Tausenden von Eltern, die ich bereits in meinem Geschwister-Onlinekurs begleiten durfte? Du lässt das Steuer bei Geschwisterkonflikten aus Überforderung und Verzweiflung öfter mal los. Du schreist deine Kinder an, erstarrst oder würdest am liebsten flüchten. Du bist unsicher, wie du reagieren sollst, wenn eines deiner Kinder das andere Kind schlägt oder ausschließt. Noch schwerer ist es dann für dich, dieses Kind nicht zu verurteilen, und du gerätst ins Schimpfen und Schreien, obwohl du das vielleicht gar nicht möchtest. Und das ist kein Wunder, denn nur die wenigsten können auf liebevolle Erziehungsvorbilder aus der Kindheit zurückgreifen. Nur die wenigsten lernten in ihrer Kindheit, friedvolle Lösungen bei Streit zu finden.
Deshalb habe ich ergänzend zu meinem großen Geschwisterkurs dieses Buch geschrieben. Ich möchte dir zeigen, dass Geschwisterkonflikte und Herausforderungen mit Geschwistern ohne ständige Überforderung, Drohen, Härte und ohne Machtkämpfe gelöst werden können.
Ich möchte mit dir teilen, wie euer Familienalltag harmonischer wird, wie du liebevoll und kompetent Konflikte begleiten kannst und wie du deinen Kindern deine Familienwerte vermittelst.
Ich werde dir in diesem Buch zeigen, wie du fürsorglich, standhaft und selbstsicher das Steuer halten kannst, wenn das Boot ins Wackeln gerät. Jedoch auch, wie du mit Leichtigkeit und Humor reagieren kannst, wenn sich an Bord zwischen deinen Kindern die Fronten verhärten.
Ich durfte erfahren, wie Eltern durch den Wandel ihrer inneren Einstellung und durch praktische Handlungsstrategien sowie konkrete Formulierungshilfen und Rollenspiele ihr Familienleben revolutionierten. Ich bin zutiefst gerührt, wie viel Bereitschaft Eltern zeigen, sich weiterzuentwickeln, und wie viel Harmonie sie darüber in ihre Familie trugen.
Und das wünsche ich mir auch für dich und eure Familie.
In diesem Buch stecken all meine Erkenntnisse als Geschwisterforscherin sowie meine vielseitigen Erfahrungen als Elternberaterin und mit Tausenden von Eltern in meinem Geschwister-Onlinekurs und aus meinen weiteren Kursen. Dieses Wissen vermittle ich dir in Verbindung mit vielen emotionalen Geschichten aus meiner geliebten Arbeit als Elternberaterin, um dir auch die Theorie leicht zugänglich zu machen.
Der umfangreichere Praxisteil macht das Buch zu einem besonderen Schatz. Du findest hier typische und realistische Geschwisterkonflikte direkt aus dem Alltag von zahlreichen Müttern, die dieses Buch dankenswerterweise mitgestaltet haben. Eltern mit mehreren Kindern, Mehrlings- und Zwillingseltern und Patchworkeltern erzählten mir vom täglichen »Wahnsinn« mit Geschwisterkindern. Daraus durfte ich schließlich die häufigsten Herausforderungen mit Geschwisterkindern kategorisieren und Lösungen anbieten, die dich im Falle eines solchen Konfliktes sofort entlasten.
Diese passenden und praxisnahen Lösungen wurden vielfach erfolgreich von Eltern angewandt, denn ich erläutere genau, welche innere Haltung dir in der spezifischen Situation helfen kann sowie was du tun und was du sagen kannst. Mein Herzenswunsch ist es, dass du schon bald erste Erfolgserlebnisse hast, dich kompetent erlebst und mehr Liebe, Freude und Harmonie in deine Familie trägst.
Ich wünsche dir nun viel Freude beim Lesen, Ausprobieren, Lernen und Wachsen.
Strategielisten und Meditation zum Download
Gleich runterladen, ausdrucken und damit arbeiten!
Leuchtturm-Tipp
Sei geduldig mit dir und erlaube dir, meine empfohlenen Strategien erst mal auszuprobieren. Der bindungs- und bedürfnisorientierte Weg, den ich vermittle, fühlt sich für dich vielleicht manchmal noch wie eine völlig neue Sprache an, die du zunächst Schritt für Schritt lernen und üben darfst. Denke dabei daran: Eine neue Sprache lernen wir dann am besten, wenn wir uns trauen, sie zu sprechen, auch wenn wir sie noch nicht perfekt beherrschen – wenn wir sie ausprobieren und uns erlauben, Fehler zu machen.
Ich wünsche dir von Herzen, dass du deine zweifelnde und kritische innere Stimme immer wieder liebevoll zur Ruhe bringst und du voller Mut in ein Meer voller liebevoller und mutiger Erfahrungen mit deinen Kindern eintauchst – die unperfekt sein dürfen und die es manchmal erfordern, dass du deine Komfortzone verlässt.
Denn so lernen Geschwisterkinder an deinem Vorbild, dass ihr in eurer Familie unperfekt sein dürft und dass ihr mit Liebe jeden Streit lösen könnt.
Auf Eltern lastet unbewusst ein großer Druck, denn sie tragen in großen Teilen die Verantwortung für die Beziehung ihrer Kinder untereinander. Geschwister sollen ein gutes Team werden und sich doch nicht zu sehr ähneln. Sie sollen kooperativ sein und sich an anderer Stelle voneinander abgrenzen. Einerseits sollten sie einander Loyalität zeigen, andererseits sollten sie nicht zu viel Verantwortung füreinander übernehmen.
All diese Erwartungen tragen mit dazu bei, dass es sehr anspruchsvoll ist, Geschwister zu begleiten. Denn die Dynamik in Geschwisterbeziehungen ist höchst ambivalent und manchmal äußerstwidersprüchlich und konfliktbehaftet. Sehr harmoniebedürftige und ruhebedürftige Eltern sind durch diese Dynamik besonders herausgefordert. Vor allem an Erwachsene, die als Kind Streit als Bedrohung empfunden haben, da Streit von den Eltern unterdrückt, abgewertet oder bestraft wurde, stellt dies hohe Ansprüche.
So spielen Geschwister in dem einen Moment friedlich miteinander und im nächsten beginnt ein hitziger Streit um das Spielzeug oder sie schließen sich gegenseitig aus. Oder ein Kind läuft wie aus dem Nichts an einem anderen vorbei und schubst es vermeintlich ohne Grund um, obwohl beide wenige Sekunden davor noch Spaß zusammen hatten. Nicht selten artet Toben in einen Kampf aus, in welchem die Kräfte gemessen werden und die jüngeren Geschwisterkinder oft den Kürzeren ziehen. Es klingelt dir wahrscheinlich schon in den Ohren, wenn du am Tag zum x-ten Mal hörst, wer schneller oder besser war. Wenn du abends eine Gutenachtgeschichte vorliest, reagiert ein Kind mit lautem Protest und wird handgreiflich, sobald der Bruder oder die Schwester sich auch an die Mama oder den Papa kuscheln möchte.
»Das ist unfair!«, ist wohl der Satz, den Eltern von Geschwisterkindern besonders häufig hören, und als Beraterin kann ich dir sagen: Da können Eltern sich noch so sehr bemühen und auf den Kopf stellen – sie werden es nicht schaffen, dass sich ihre Kinder zu jeder Zeit fair behandelt fühlen. Viele Eltern berichten mir, dass sie von Geschwisterkonflikten extrem gestresst sind. Sie sehnen sich im anspruchsvollen Alltag ganz besonders nach Ruhe und Harmonie. Momente der Geschwisterliebe, die dein Elternherz höherschlagen lassen, rücken dann manchmal in den Hintergrund. Denn Menschen neigen dazu, den Fokus auf die negativen Momente im Familienalltag zu richten, weil sie intensiver erlebt werden.
Deshalb nutze gerade jetzt mal den Augenblick und erinnere dich an Momente, in welchen deine Kinder in Verbindung miteinander sind.
Vielleicht beobachtest du oft, wie ein Kind das andere tröstet und ihm sein Kuscheltier holt, wenn es frustriert ist. Oder wenn du aus dem Mund deines Kindes tröstende Worte hörst, die es von dir gelernt hat: »Oh, du hast dir wehgetan. Es ist okay, wenn du traurig bist. Ich bin für dich da! Heile, heile Segen«, singt der 4-jährige Luis und tröstet seine 2-jährige Schwester. Er ahmt dabei seine Mama nach und ihr Herz schlägt höher, als sie ihren Sohn beobachtet.
Du erlebst vermutlich Momente, in denen deine Kinder einander helfend zur Seite stehen. Wenn das Geschwisterchen sich morgens in der Kita nicht von der Mama/dem Papa trennen kann oder sich in der Eisdiele noch nicht traut, alleine ein Eis zu bestellen. Ich kenne Kinder, die ihrem Geschwisterchen sogar ein Kissen anbieten, in das sie bei Wut hineinschlagen oder hineinschreien dürfen, wenn es wütend wird, um ihm zu zeigen: Alle Gefühle dürfen sein! Ich helfe dir!
Ich erinnere mich auch gerne an all meine Grundschulkinder, die an Geburtstagen in der Klasse völlig selbstverständlich zwei Muffins einpackten: »Einen für mich und einen für meine Schwester/meinen Bruder!« Gerne denke ich auch daran, wie stolz so viele Kinder mir im Erzählkreis davon berichteten, wenn ihre Schwester/ihr Bruder ein Fußballturnier gewonnen hatte. So sehrfühlen Kindersich mit ihren Geschwistern verbunden.
Da diese besonderen Momente der Geschwisterliebe im Alltag oft verblassen, möchte ich dich an dieser Stelle einladen, dir ein wenig Zeit zu nehmen und konkrete Beispiele aufzuschreiben, wie sich deine Kinder ihre Liebe zeigen. Denn genau diese Momente geben dir Zuversicht und Kraft, beim nächsten Geschwisterkonflikt wieder das Steuer auf stürmischer See in die Hand zu nehmen und deine Kinder souverän durch Konflikte zu begleiten. Es lohnt sich!
Lege also jetzt das Buch kurz zur Seite und notiere drei zauberhafte Geschwisterliebe-Momente.
An solchen Momenten der Geschwisterliebe kannst du erkennen, wie viele Bedürfnisse Geschwisterkinder sich gegenseitig erfüllen. Bedürfnisse wie Sicherheit, Nähe, Schutz, Lernen, Gleichheit, Zugehörigkeit, Gemeinschaft, Spielen und Spaß haben, Fürsorge und Bindung.
Und doch geht es insbesondere in der Kleinkindphase, in welcher Kinder noch sehr ichbezogen sind, darum, möglichst viel von Mamas/Papas Zuwendung, Zeit und Liebe für sich zu gewinnen. Denn die Bindung zum Elternteil ist für alle Kinder genauso wichtig wie Nahrung und Schlaf. Darüber sind sich Bindungsforscher inzwischen einig. Und da Kinder gut für sich sorgen, konkurrieren und wetteifern sie, was das Zeug hält, um ausreichend Bindung zu erfahren. Ziemlich schlau ist dieses kindliche Verhalten eigentlich – und zugleich so herausfordernd für Eltern.
Spannend ist jedoch: Die Kinder konkurrieren niemals aus böser Absicht, sondern eigentlich nur, weil sie Angst haben. Die Angst, sie könnten durch das Geschwisterchen weniger geliebt werden, weniger dazugehören oder weniger wichtig sein. Hinzu kommt, dass Kinder manchmal tiefe Trauer empfinden. Sie sind traurig, weil sie Mama/Papa nicht mehr für sich alleine haben.
Da Bindung ein überlebenswichtiges Bedürfnis ist, bezeichne ich diese Angst als Überlebensangst. Sie erklärt, warum Macht, Konflikte, Rivalität und Wettkampf unter Geschwistern dazugehören und warum sich hinter den Gefühlen von Eifersucht oder Neid häufig Angst verbirgt.
Diese Ambivalenz und Komplexität, die sich in jeder Geschwisterbeziehung versteckt, braucht kompetente Begleitung durch ihre Eltern.
Denn erst nach ca. 18 bis 20 Monaten entwickeln Geschwisterkinder eine Beziehung zueinander, die unabhängiger von den Eltern wird. Dann sind sie zunehmend in der Lage, Streit auch mal selbst auf ihre Weise zu lösen. Beobachtet werden konnte, dass Geschwisterkinder dann sogar liebevoller miteinander umgehen, wenn die Bezugsperson nicht im Raum ist. Geschwister kümmern sich dann rührend umeinander und schenken sich auf diese Weise Sicherheit.
Leuchtturm-Tipp
Versuche, JA zu sagen zu Konflikten, Rivalität, Eifersucht und Neid in der Geschwisterbeziehung und würdige Momente der Geschwisterliebe, indem du das explizit ausdrückst.
Für Kinder ab ca. 3 bis 4 Jahren könntest du es so ausdrücken:
»Ich bin so gerührt, zu sehen, wie ihr einander helft!«
»Ich freue mich mit euch, dass ihr das als Team geschafft habt.«
»Ich bin glücklich, dass wir den Streit mit Worten lösen konnten!«
Die Geschwisterbeziehung ist durch Macht, Wettkampf und Rivalität gekennzeichnet. Allein durch die natürliche Hierarchie in einer Geschwisterbeziehung, die sich durch die Geburtenfolge ergibt, entsteht ein Machtgefälle zwischen Geschwisterkindern. Diese Macht ist durch die Geburtenreihenfolge gegeben. Die Aufgabe der Eltern ist es, dass diese Macht in Form von körperlicher, sozialer, emotionaler, kognitiver und sprachlicher Überlegenheit unter Geschwistern nicht gewaltvoll ausgelebt wird. Ein älteres Kind lebt seine Machtposition jedoch niemals in böser Absicht aus, sondern lediglich, um sich um sich zu kümmern. Kinder können ihre Macht noch nicht einschätzen, wissen noch gar nicht, wie ihre Macht auf das Geschwisterchen wirken kann, und brauchen manchmal Hilfe dabei, ihren Körper zu kontrollieren.
Deshalb sagen Eltern auch immer wieder: »Ich kann sie nicht eine Sekunde lang aus den Augen lassen, weil ich Sorge habe, dass sie sich wehtun!«
Rivalität in Verbindung mit Wettkampf ist ebenfalls ein typisches Merkmal der Geschwisterbeziehung. »Ich bin schneller als du! Ich bin besser als du! Ich kann das schon, du kannst das noch nicht! Ich darf zuerst! Ich will mehr haben als du!« So zeigen ältere Kinder, dass sie stärker, schneller und besser sind, weil sie als ältere Kinder angenommen und anerkannt werden möchten. Die jüngeren Kinder eifern den Älteren nach, lernen im besten Fall, sich abzugrenzen und für sich einzustehen. Manchmal brauchen sie dafür den Schutz ihrer Eltern.
Rivalität und Wettkampf unter Kindern entsteht, weil sich Kinder darüber Bedürfnisse erfüllen. Dies wird im Vergleich mit der Tierwelt deutlich: Auch kleine Tierbabys kämpfen spielerisch miteinander und trainieren dabei ihre Muskeln. Zugleich zeigen sie dabei, welchen Platz sie im Rudel einnehmen.
Durch Wettkampf und Rivalität können zahlreiche Bedürfnisse erfüllt werden: Verbindung, spielen und Spaß haben, Weiterentwicklung, Grenzen setzen, gesehen werden usw.
Ein Übermaß an Rivalität und Wettkampf kann jedoch belastend auf die Geschwisterbeziehung wirken. In meiner Forschungszeit prägte ich die Begriffe der natürlichen und unnatürlichen Rivalität: Von natürlicher Rivalität wird gesprochen, wenn Kinder nicht nur in Konkurrenz zueinander stehen, sondern auch miteinander spielen, sich umeinander kümmern und voneinander lernen. Unnatürlich wird es erst, wenn Kinder fast nur noch oder ausschließlich feindseliges Verhalten zeigen.
Die Abbildung verdeutlicht, dass es für natürliche Rivalität, die entwicklungsförderlich ist, eine Waage braucht, die immer wieder ins Gleichgewicht kommt.
Natürliche Rivalität zwischen Geschwistern
Ein Nährboden für unnatürliche Rivalität kann entstehen, wenn Eltern ihre eigene Kindheitsgeschichte nicht reflektieren und sie eigene Verletzungen verdrängen. Dann kann es geschehen, dass sie ein Kind ablehnen und das andere bevorzugen, ein Kind abwerten, es aus bestimmten Situationen ausschließen, ihm keine Wertschätzung entgegenbringen, es weniger Wärme und Geborgenheit erfahren lassen und es seinen Bezugspersonen nichts anvertrauen kann. Unnatürliche Rivalität entsteht auch, wenn Wettkampf künstlich unterdrückt oder Eifersucht kleingeredet oder ein Kind dauerhaft zum Sündenbock abgestempelt wird.
Doch auch die natürliche, nicht bedenkliche Rivalität löst in Geschwisterkindern unangenehme Gefühle aus wie zum Beispiel starke Angst, die sich als Eifersucht oder Neid verkleidet hat. Vielleicht hilft es dir, dein Kind mit seiner Eifersucht oder mit seinem Neid anzunehmen, wenn du ab sofort weißt, dass sich dahinter Angst oder sogar Traurigkeit verbirgt. Vielen Eltern fällt es leichter, für ihre Kinder da zu sein, wenn diese ängstlich oder traurig sind, und empfinden Abneigung bei Eifersucht und Neid, da diese Gefühle oft negativ behaftet sind. In der Fachsprache wird deshalb von Angst als primärem Gefühl und von Eifersucht und Neid als sekundärem Gefühl gesprochen.
Jetzt denkst du vielleicht: Ich muss meinem Kind einfach nur genug Liebe und Sicherheit geben, dann hat es keine Angst, zu kurz zu kommen. Doch das ist ein Denkfehler, denn durch die Geburt eines weiteren Kindes durchlebt jedes ältere Kind eine sogenannte nachgeburtliche Geschwisterkrise. Diese Krise zeigt sich nicht immer sofort nach der Geburt, sondern kommt manchmal auch verspätet, wenn das Geschwisterkind mehr Raum einnimmt.
Plötzlich kommt da noch ein weiteres Familienmitglied in die Familie, das sich das ältere Kind nicht aussuchen durfte und das sehr viel Zuwendung und Liebe der Eltern in Anspruch nimmt.
Stell dir vor, dein Mann/deine Frau bringt plötzlich einen weiteren Partner/eine Partnerin mit nach Hause, der/die ab sofort bei euch wohnen soll. Wie fühlst du dich? Mit Sicherheit entstehen dann auch bei dir Verlustängste und sogar Existenzängste.
Wenn Kinder ängstlich sind und dies auch in Form von Eifersucht oder Neid zeigen, brauchen sie von ihren Eltern dringend Sicherheit und die Bestätigung ihrer Bindung zu ihren Eltern.
Es ist also nicht deine Aufgabe, die unangenehmen Gefühle deines Kindes sofort wegzuzaubern. Im Gegenteil: Es geht darum, dein Kind mit seinen Gefühlen anzunehmen und ihm Sicherheit und Bindung zu schenken.
Deine liebevolle innere Haltung
»Ich sehe dich mit deinen Gefühlen und bin für dich da! Ich umarme deine Angst, deine Eifersucht, deinen Neid. Und ich versuche mein Bestes, dir jedes Mal Sicherheit und Bindung zu schenken, wenn du sie von mir brauchst. Mir ist bewusst, dass deine Angst immer wieder kommen wird. Ich will sie nicht wegzaubern, sondern sehe sie wie einen Wegweiser, der mir zeigt, was du brauchst.«
Kinder versuchen, sich gut um sich zu kümmern und sich durch ihr Verhalten das zu holen, was sie brauchen. Diese Verhaltensweisen können für Eltern herausfordernd sein, und das führt oft dazu, dass Eltern genervt sind und schimpfen.
Ein Beispiel: Mira haut Leo
Mira braucht eigentlich Zuwendung oder eine liebevolle Grenze, wenn sie ihren Bruder haut, doch bekommt sie diese nicht. Gleichzeitig spürt sie, dass sie durch ihr Verhalten Mamas/Papas Zuwendung bekommt – auch wenn diese negativ in Form von Schimpfen ist. Mira erlebt sich zumindest wirksam und haut aus zwei Gründen noch mal.
1. Grund: Wenn ich haue, reagieren Mama/Papa sofort. Sie schimpfen zwar, doch zumindest wenden sie sich mir zu. Ich bin wenigstens wirksam. Deshalb lachen Kinder auch manchmal, wenn sie etwas »Verbotenes« getan haben. Es macht ihnen Freude, dass sie etwas bewirken konnten. Die Fähigkeit, sich in das verletzte Geschwisterchen einzufühlen, fehlt in diesen Momenten meist noch.
2. Grund: Wenn Mama/Papa schimpfen, wird mein Bedürfnis nicht erfüllt. Deshalb mache ich weiter, so lange, bis es erfüllt ist. Ich probiere viele originelle Strategien aus, damit Mama/Papa das machen, was ich brauche. Ich weiß noch nicht, dass ich ihnen meine Bedürfnisse auch einfach sagen oder zeigen könnte:
»Mama/Papa, ich will kuscheln!«
»Mama/Papa, mir ist langweilig!«
»Mama/Papa, ich will mit meinem Geschwisterchen spielen!«
Wenn Kinder etwas Unerwünschtes tun und Eltern genervt sind und schimpfen, entstehen Wirksamkeits-Teufelskreise. Die Abbildung auf der vorherigen Seite zeigt dir, wie ein solcher Teufelskreis in einen Engelskreis umgewandelt werden kann.
Das Konzept der 6 Bindungsstufen nach Gordon Neufeld erleichtert es, rivalisierendes Verhalten von Geschwisterkindern in unterschiedlichen Entwicklungsphasen zu verstehen. Der kanadische Entwicklungspsychologe orientierte sich an Forschungsergebnissen des berühmten Bindungsforschers John Bowlby und spricht von sechs Bindungsstufen, die ein Kind Schritt für Schritt durchläuft, um sich immer tiefer mit seiner Bezugsperson zu verbinden und sich im Familiensystem und auf der Welt anzubinden.
Diese Stufen durchläuft ein Kind in seinem eigenen Tempo. Gordon Neufeld geht davon aus, dass jede Stufe nachgenährt werden kann, wenn sie nicht vollständig durchlaufen wurde.
In der Regel durchläuft ein Kind diese Stufen bis zum sechsten oder achten Lebensjahr, je nach individuellem Entwicklungstempo. Wenn ein Kind länger in einer Stufe bleibt, kann dieser Prozess auch länger dauern.Die folgende Abbildung zeigt dir alle Bindungsstufen auf einen Blick:
Während ein Kind die Bindungsstufen durchläuft, zeigen sich Macht, Wettkampf und Rivalität in unterschiedlichen Verhaltensweisen.
Der beste Weg, unnatürlicher Rivalität vorzubeugen, ist, die spezifischen Bindungsbedürfnisse jedes Kindes in den einzelnen Stufen zu erfüllen.
Die theoretischen Hintergründe zu den sechs Bindungsstufen erläutere ich dir nun aus der kindlichen Perspektive.
»Mama/Papa waren bisher nur für mich da und jetzt ist da plötzlich noch eine Person, die ich mir gar nicht ausgesucht habe! Ich befinde mich in einer Entwicklungsphase, in der ich noch stark davon abhängig bin, dass ich ausreichend Bindung und Zuwendung in Form von körperlicher Nähe und Präsenz von Mama/Papa brauche. Meine engste Bezugsperson bringt mich plötzlich abends nicht mehr ins Bett und gestillt werde ich auch nicht mehr. Getragen werde ich auch nicht mehr so häufig. Wenn in dieser Phase schon ein Geschwisterchen kommt, kämpfe ich dafür, dass ich ausreichend körperliche Nähe bekomme. Ich will in der Nähe von Mama/Papa sein und NEIN! Ich will mich nicht alleine beschäftigen. Deshalb schubse ich das Baby weg oder kann es schwer aushalten, wenn es gestillt wird und es mehr körperliche Nähe bekommt als ich. Durch mein Verhalten kämpfe ich dafür, die erste Bindungsstufe zu durchlaufen. Ich will nachts wieder bei Mama/Papa sein, so wie das Baby, und ich will am liebsten auch noch getragen werden. Deswegen jammere ich auch oder spreche mit Babystimme. Vielleicht sehen Mama/Papa dann, was ich brauche.
So verhalte ich mich manchmal, damit ich das bekomme, was ich brauche:
Ich haue das Baby, wenn es gestillt wird.
Ich will auch wieder getragen werden!
Ich will plötzlich wieder eine Windel.
Ich will nachts auch so nah bei der Mama/beim Papa sein wie das Baby.
Ich spiele Baby und spreche in Babysprache.«
»Mein Wunsch: Ich brauche viel Körperkontakt. Kuschelt mit mir und bleibt in meiner Nähe!«
»Um mich anbinden zu können, ahme ich jetzt alles nach, was Mama/Papa machen. Ich will auch mal so werden wie meine Eltern, wenn ich groß bin. Deshalb will ich überall dabei sein und das machen, was Mama/Papa machen. Ich lerne an ihrem Vorbild und vor allem in der Interaktion mit Mama und Papa. Doch seit das Geschwisterchen da ist, haben sie nicht immer sofort Zeit für mich. Außerdem gibt es kaum noch eine Zeit, in der sich Mama/Papa nur mit mir beschäftigen.
Deshalb kümmere ich mich um mich und zeige folgendes Verhalten, weil ich noch keine andere Strategie habe:
Ich will alle Spielsachen für mich behalten!
Ich will alleine mit Mama/Papa spielen!
Ich will Mama/Papa alleine helfen!
Ich will, dass Mama/Papa sehen, dass ich groß bin!«
»Mein Wunsch: Nehmt euch weiterhin Zeit zum Spielen, bindet mich in Erwachsenenaufgaben ein und zeigt mir, dass ich schon groß bin.«
»Wenn ich die ersten beiden Bindungsstufen durchlaufen habe, binde ich mich durch Zugehörigkeit und Loyalität. Mama/Papa sollen mir in dieser Zeit zeigen, dass wir als Familie zusammengehören und eine eingeschworene Gemeinschaft sind, die als Team alles schaffen kann. In dieser Phase behaupte ich mich und zeige meinem Geschwisterchen, wo mein Platz ist. Ich war schließlich zuerst da und will auch weiter dazugehören. Ich habe Angst davor, durch die Geburt des Geschwisterchens meine Stellung zu verlieren oder sogar ausgegrenzt zu werden. Deshalb passt gut darauf auf, dass ich auch diese Bindungsstufe schaffen kann. Zeigt mir, dass wir jetzt alle eine Familie sind, und gebt mir Zeit, meinen Platz zu finden.
Es wäre auch sehr hilfreich, wenn ihr mich nicht dafür verurteilt, dass ich für meinen Platz einstehe! Schließlich war ich zuerst da. Das brauche ich für meine Entwicklung. So sorge ich für mich. Am liebsten würde ich zum Baby sagen: ›Mama/Papa gehören mir! Die nimmst du mir nicht weg!‹ Irgendwann verstehe ich dann auch, dass mein Geschwisterchen auch dazugehört. Dafür brauche ich Zeit und eure Geduld.
Als Kind von Mama/Papa bin ich uneingeschränkt loyal. Ich hinterfrage nicht, was Mama/Papa machen, und ich will, dass sie mich lieb haben. Deswegen lasse ich meine unangenehmen Gefühle auch manchmal heimlich am jüngeren Geschwisterchen aus. Wenn sie nicht hinschauen, zeige ich dem Baby, dass ich es gerade doof finde, weil es durch sein Dasein so viele unangenehme Gefühle in mir auslöst. Dieses Verhalten zeige ich in dieser Phase, weil ich noch keine andere Strategie habe:
Ich sage, dass Mama/Papa mir gehören, mir allein!
Ich zeige meinem Geschwisterchen, dass ich größer und stärker bin.
Ich spüre Angst, ausgeschlossen zu werden, und tue deshalb manchmal heimlich meinem Geschwisterchen weh.
Ich schließe mein Geschwisterkind aus.«
»Mein Wunsch: Zeigt mir, dass ich weiterhin dazugehöre und ich meinen Platz einnehmen darf.«
»Nachdem ich mich durch die Zugehörigkeit noch enger mit euch verbunden fühle, brauche ich jetzt besonders eure Anerkennung und Wertschätzung, damit ich mich weiter anbinden kann. Deshalb nervt es mich richtig, wenn ihr nur Augen für das Baby habt. Ich will gesehen und angenommen werden, genau so, wie ich bin! Wundert euch also nicht, wenn ich alles dafür tue, dass ihr mich wahrnehmt. Ich rufe ununterbrochen: ›Mama/Papa, schau mal! Guck mal!‹ Wenn ihr mit mir schimpft, ist das ganz schwer für mich, denn ich will doch einfach nur, dass ihr mich seht und hört. Schimpfen führt dazu, dass ich mit aller Kraft versuche, euch zu zeigen, dass ich eure Anerkennung brauche. Zeigt mir, dass ihr mich liebt, und zwar genau so, wie ich bin. Begegnet mir auch liebevoll, wenn ich mal etwas mache, was euch nicht gefällt. Es hilft mir, wenn ihr mir dann eine Grenze zeigt. Zeigt sie mir mit Wärme und Liebe, dann gibt sie mir Halt und ich fühle mich trotzdem anerkannt und geliebt. Ich will spüren, wie sehr ihr mich als Mensch mit meiner Persönlichkeit schätzt und liebt.
Ach ja, und wisst ihr eigentlich, wie doof es ist, dass ich immer warten muss, wenn ich euch etwas zeigen oder sagen will? Es hilft mir, wenn ihr sagt: ›Ich weiß, es ist schwer für dich zu warten. Das sehe ich. Du kannst dich so lange zu mir kuscheln.‹ Mit der Zeit, ab ungefähr vier Jahren, lerne ich dann, Frust besser auszuhalten. Wenn ich merke, dass ihr genervt seid, fühle ich mich abgelehnt und zeige weiter mein unerwünschtes Verhalten (Wirksamkeits-Teufelskreis).
Dann rufe ich durch mein Verhalten laut um Hilfe und mache Sachen, die euch vielleicht nicht gefallen, damit ihr euch schnell um mich kümmert:
Ich kreische laut.
Ich haue euch oder das Baby!
Ich spucke irgendwohin!
Ich pinkle irgendwohin, obwohl ich schon auf die Toilette gehen kann.«
»Mein Wunsch: Schaut und hört mir zu und zeigt mir, dass ich gut bin, so wie ich bin. Einfach, weil ich ich bin, nicht weil ich etwas leiste.«
»In dieser Phase öffne ich mein Herz und sauge eure Liebe in mich auf. Es hilft mir, wenn ihr mir sagt und zeigt, wie sehr ihr mich liebt. Es ist mir in dieser Phase auch wichtig, meine Zuneigung klar zum Ausdruck zu bringen. Hör mir zu, Mama/Papa, wenn ich dir sage, dass ich dich liebe, und erwidere meine Liebe.
Nun bin ich im Kindergartenalter und wohl auch in der magischen Phase, in der es mir schwerfällt, meine Fantasie von der Realität zu unterscheiden. Diese Phase beginnt mit ca. 3 Jahren und kann bis zum siebten Geburtstag andauern. Manchmal erfinde ich deswegen Geschichten. Das sind keine Lügen. Ich sehe magische Wesen wie Monster oder Hexen, obwohl es die gar nicht gibt. Darum bin ich ängstlicher als sonst. Vielleicht habe ich auch einen imaginären Freund oder einen Löwen als Haustier. Da ich eine blühende Fantasie habe, sind kreative Rituale hilfreich, die mich mit Liebe füllen. Zaubere Liebe in einen Stein oder sage mir, dass unsere Herzen durch ein unsichtbares Band miteinander verbunden sind. Nimm einen Zauberstab und zaubere überall Liebe um mich rum, bevor ich morgens in die Kita oder Schule gehe, während mein Geschwisterchen zu Hause bleiben darf. Dann spüre ich deine Liebe auch noch, wenn du weg bist. Die Türen meines Herzens sind offen und gleichzeitig bin ich in dieser Phase sehr verletzlich.
Wenn du dich mit meinem jüngeren Geschwisterchen beschäftigst oder liebe Worte zu ihm sagst, möchte ich diese Worte am liebsten für mich haben. So zeige ich euch dann, dass ich eure Emotion und bedingungslose Liebe brauche:
Wenn du etwas Nettes zum Baby sagst, frage ich: ›Und was ist mit mir? Wie lieb hast du mich?‹
Ich will auch zu Hause bleiben. Ich will nicht in die Kita.
Ich habe Angst, wenn du den Raum verlässt.«
»Mein Wunsch: Sage mir, wie sehr du mich liebst, und wende dich mir zu, wenn ich dir meine Liebe zeige.«
