18,99 €
Die Sesshaftigkeit steht auf der schwarzen Liste der Sünden der heutigen Zivilisation. Sie ist eingezogen in die tiefsten Schichten unseres Denkens und Fühlens und sorgt dafür, dass möglichst wenig in Bewegung gerät. Einstweilen bewegen sich die erstarrten Manifeste des von uns Gedachten unheilvoll aufeinander zu. In seinem An-Denken gegen Bewegungslosigkeit und Stagnation, das auch ein "Aufstand gegen die Stühle" ist, hat der brasilianische Kulturtheoretiker Norval Baitello jr. ein Buch in achtzig Sprüngen vorgelegt. ›Gesetztes Denken‹ will die Gründe für unser so domestiziertes Leben aus der Sicht des Körpers verstehen – ausgehend von seiner Verbundenheit und Kommunikation mit der Umwelt und anderen Körpern. Aus dem Inhalt: Schwebende Kapseln: die präadamitischen Paradiese / Sitzen und sich setzen: unsere geknickten und gebrochenen Körper / Stühle und Bildmaschinen – eine maligne Verbindung / Können wir Bilder fressen? u.v.m. Mit einem Vorwort von Christoph Wulf.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 174
Veröffentlichungsjahr: 2023
Norval Baitello jr., Birke Mersmann (Übersetzung), Christoph Wulf (Geleitwort)
Gesetztes Denken
Gedankensprünge zu Pobacken, Stühlen und Bildern
ISBN (Print) 978-3-96317-334-9
ISBN (ePDF) 978-3-96317-890-0
ISBN (ePUB) 978-3-96317-931-0
© Norval Baitello jr., Geleitwort © 2022 Christoph Wulf
Erstveröffentlichung im brasilianischen Portugiesisch unter dem Titel O pensamento sentado. Sobre glúteos, cadeiras e imagens im Jahr 2012 bei der Editora Unisinos in São Leopoldo, Brasilien unter der ISBN 978-85-7431-509-6.
Copyright für die deutsche Fassung © 2023 Büchner-Verlag eG, Marburg
Sämtliche Übersetzungen ins Deutsche von Birke Mersmann.
Covergestaltung: DeinSatz Marburg | tn, Bildnachweis Cover: Hasegawa Tōhaku: Gemälde von Affen (Ausschnitt), 16. Jh.
Das Werk, einschließlich all seiner Teile, ist urheberrechtlich durch den Verlag geschützt. Jede Verwertung ist ohne die Zustimmung des Verlags unzulässig. Dies gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie, detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet über https://dnb.de abrufbar.
www.buechner-verlag.de
Inhalt
VorspannGeleitwortVor-Wort zum Sitzen und SpringenAchtzig Sprünge1. Springend denken, Sprünge denken, springend Sprünge denken2. Das Sitzfleisch3. Die Begegnung mit dem Boden, vor Millionen von Jahren4. Weiter im Text mit den Pobacken5. Noch etwas Sitzfleisch6. Sei wie der Wind7. Die drei Katastrophen8. Die Götter des Windes I9. Die Götter des Windes II10. Schwebende Kapseln: die präadamitischen Paradiese11. Herumbummeln, Experimentieren, Risiken eingehen12. Sitzen und Besitzen, Rechnen und Schreiben13. Schrift braucht Fläche14. Zurück auf die Fläche: der Boden und seine Repräsentanten15. Bilder tragen16. Die Wende zum Neonomadentum17. Vom Nomadentum zur häuslichen Gemütlichkeit (und ihren Mängeln)18. Das Sehen. Sinn für Abstand19. Horizonte als Quasi-Fenster20. Geburt des Fensters21. Fenster und Blicke22. Künstliche Fenster23. Fenster als Lockvögel und Fallensteller24. Die Welt der Rechtecke25. »Fenster-Aufgaben«26. Die Krise der Fenster-Aufgaben und das Leiden der Augen27. Vor dem Rechteck – archaische Zeichen, Bilderschriften, Alphabete28. Über Mittel, Mitten und Medien29. Gesten, Bilder und Zeichen – primäre, sekundäre und tertiäre Medien30. Noch einmal zu den Rätseln der Schrift, der Zahlen und des Entzifferns31. Die Treppe ins Nichts32. Steine, Wüsten, Dürre33. Die Wissenschaft der Bilder, die Archäologie des Blicks34. Die Dürre und das Sitzfleisch. Die Wüste als Wiege des Westens35. Sitzen und sich setzen: unsere geknickten und gebrochenen Körper36. Nomadische Intelligenz I37. Nomadische Intelligenz II38. Die Seele des Stuhls39. Jeca Tatu der Hockende, und Häuser ohne Stühle40. Vom güldenen Thron zum Plastikstuhl – Geschichte einer Invasion41. Die unglaubliche Menge von Stühlen pro Erdbewohner42. Stühle und Bildmaschinen – eine maligne Verbindung!43. Der Mensch zu Pferd und der Mensch im Auto, oder: Reiter und Chauffeure44. Das Auto und das Auge45. Was sind Bilder?46. Woher kommen die Bilder?47. Eine doppelte Abhängigkeit48. Das Bild als das große Andere des Körpers49. Eine Welt ohne Bilder – die Dunkelbar50. Zu einer Anthropologie des Bildes51. Können Bilder töten?52. Das Bild und der Tod I: Auf dem Grund unserer Ängste53. Das Bild und der Tod II: Portraits und Abbildungen54. Das menschliche Gesicht – eine große Bedrohung55. Bild und Angst56. Worin besteht die Macht der Bilder?57. Am Anfang war der Körper. Und jeder Körper braucht einen anderen Körper58. Gesichter in unserer Zeit der Gesichter59. Zur Geschichte und Archäologie des Bildes60. Endogene und exogene Bilder61. Medien pur62. Endogene Bilder und sinnliche Wahrnehmung63. Bilderstraßen64. Bildbehälter65. Bilderstapel66. Rohre, Drähte, Wireless67. Fressen wir Bilder?68. Bild und Wind69. Wind, Pferde, Mythen70. Können wir wirklich von Bildern aufgefressen werden – können Bilder uns wirklich fressen?71. Fressen sie uns wirklich?72. Das vereinfachte Leben … wo bleiben Geschmack, Gespür, Gefühl, eigene Erfahrungen?73. Der drei-, zwei-, ein- und nulldimensionale Mensch74. Die Welt mit Fotos auffressen75. Die Verführung der Vereinfachung76. Aufstand gegen die Stühle77. Zurück zum Körper, zu den Anfängen des Denkens78. Erziehung und Sedierung. Sedierung und Reduktion. Zerstückelungen und Vereinfachungen79. Aus der Welt der Sprünge in die Welt der Füße … (und aus der Welt der Füße in die Welt der Augen)80. Zu guter Letzt …AnhangBiografienAby Warburg (1866–1929)Dietmar Kamper (1936–2001)Harry Pross (1923–2010)James Hillman (1926–2011)Tetsurō Watsuji (1889–1960)Vilém Flusser (1920–1991)LiteraturEndnotenErgänzende BildnachweiseZu den AutorenDie Sprünge und Bewegungen Norval Baitellos bringen das »gesetzte Denken« in Bewegung. Sie reißen es aus seinem Phlegma, wirbeln es durcheinander und lassen neue Erkenntnisse aufblitzen. Ungeahnte Zusammenhänge werden sichtbar und regen an, das Neu-Gedachte weiterzudenken. Bekannte Referenzrahmen zersplittern. Neue Verbindungen werden sichtbar. Die Welt erscheint voller unbekannter Beziehungen und Rätsel. Was bedeutet diese Erschütterung und Verschiebung der Grundlagen des Denkens? Besteht ein Zusammenhang zwischen der globale Ausbreitung des Sitzens und der Beschleunigung der Bilder? Wie wirken sich die unendlichen Bilderströme auf die Menschen und ihr Handeln aus? Norval Baitello jr. greift Beobachtungen und Erfahrungen aus Literatur, Wissenschaft und Leben auf und verknüpft sie so miteinander, dass ein neues Verständnis unserer alltäglichen Lebenswelt im Anthropozän entsteht.
Wer wissen möchte, welche Rolle das Sitzen für das Verständnis der Welt und unser Selbstverständnis spielt, dem sei dieses Buch nachdrücklich empfohlen. Seine Lektüre überrascht und vermittelt ungeahnte Einsichten. Die alltägliche und scheinbar banale Praxis des Sitzens hat vielfältige Auswirkungen auf unsere Emotionen und unser Verhalten. Wir verbringen immer mehr Lebenszeit im Sitzen. Wir stehen morgens auf, um uns sofort wieder hinzusetzen, zum Frühstück, zur Fahrt zur Arbeit, am Arbeitsplatz, zum abendlichen Fernsehen. In den modernen Gesellschaften ist Sitzen zu der alles bestimmenden Körperhaltung und Lebensform geworden. Immer weiter wächst die Zahl der Aktivitäten, die im Sitzen erledigt werden.
Sitzen ist als Form des Lebens kaum älter als zehntausend Jahre. Die frühen Vorfahren des Menschen haben sich in den Baumgipfeln des Dschungels bewegt; später haben sie in der Savanne gelebt. In diesen beiden für die Evolution des Menschen so wichtigen Lebensumwelten spielt das Sitzen keine Rolle. Erst vor ein paar tausend Jahren begannen die Menschen sich niederzulassen, Land in Besitz zu nehmen und es für Agrarwirtschaft und Viehzucht zu nutzen. Eine Arbeitsteilung bildete sich allmählich heraus. Auf dem »besetzten« Land entstand allmählich eine Kultur des Sitzens, zunächst des sakralen Herrschers auf dem Thron. Dann verbreitete sich das Sitzen, bis es in unserer Zeit zu einer Voraussetzung und Grundform sozialen und kulturellen Handelns geworden ist. Setzen, sitzen, besitzen, die Bewegungen des Körpers und des Geistes zur Ruhe zu bringen, Gefühle und Gedanken zu sedimentieren ist heute die Regel.
Im Sitzen wird der Körper stillgestellt. In dieser Haltung nehmen wir die Welt und uns selbst anders wahr als in der Bewegung des Gehens. In der griechischen Antike wurde im Gehen und Sprechen philosophiert, in der Moderne im Sitzen und Schreiben. Auch heute berichten viele Schriftsteller vom Entstehen ihrer Gedanken nicht nur beim Reden, sondern auch beim Gehen. Im Gehen bewegen wir uns zu den Dingen; im Sitzen verweilen wir ohne Bewegung; wir sitzen auf Stühlen vor Fernsehern, Computern und anderen Medien, und sehen die Dinge als Bilder. Beim Gehen zu den Dinge spüren wir ihre dreidimensionale Materialität. Beim Sitzen nehmen wir alles in Form von Bildern zweidimensional wahr. Die Mehr-Dimensionalität der Welt wird auf die Zweidimensionalität der Fläche reduziert. Still und bewegungslos sitzen wir vor den Geräten und empfangen die Abbilder der Welt. Ohne uns Erfahrungen zu vermitteln, füllen diese Abbilder unsere Vorstellungswelt.
Bereits Fenster schaffen die Möglichkeit ein Außen wahrzunehmen. Sie wählen und bestimmen die Ausschnitte, in denen wir die Welt sehen, und dirigieren unsere Wahrnehmung. Fenster schneiden Teile aus Raum und Zeit heraus und vereinfachen das Sehen. Sie pressen die Welt in Rechtecke, verkleinern und filtern sie und reduzieren ihre Bedrohlichkeit. Je mehr sie vorgeben, die Wahrnehmung der Welt zu ermöglichen, desto eher verbergen sie deren Geheimnisse. Mithilfe von Ausschnitten und Abbildungen bieten Bilder auch einen Blick in die Welt. Die Bildschirme der Fernseher und Smartphones verdeutlichen die Krise der Sichtbarkeit. Sie zeigen eine von außen nach innen drängende zurechtgestutzte Bilderwelt. Ihr Bilderstrom fließt in die Welt der Vorstellung und besetzt sie in vielfältigen Formen und Schichten. Das Imaginäre der Menschen wird zu einem Archiv von Bildern. Diese Bilder bestimmen die Wahrnehmung der Welt und der anderen Menschen. Auch die menschliche Selbstwahrnehmung verdankt sich Bildern. Bilder und Schrift brauchen zu ihrer Entfaltung Flächen. Dies wird auf den beschriebenen und bemalten Felswänden, Tierhäuten, Pflanzenfasern sichtbar. Menschen zeichnen auf ihnen und bemalen sie. Bilder besetzen in kaum vorstellbarem Ausmaß die Städte und Lebenswelten der Menschen und üben Gewalt aus. Auch vor der Verschmutzung durch Bilder gibt es keinen Ausweg. Anders verhält es sich mit den menschlichen Körpern. Sie entfalten sich in Bewegungen im Raum, im Gehen und Wandern, Spielen und Springen. Im Unterschied zu den mit virtuellen Bilderströmen überzogenen sitzenden Körpern »moderner« Menschen erschließen sich die bewegten Körper der frühen Kindheit die Welt und werden zugleich von ihr erschlossen.
Neue Erkenntnisse entstehen nicht nur durch die lineare Weiterentwicklung von Wissen. Oft sind sie eher das Ergebnis von Sprüngen, Verschiebungen und Rissen, aus denen sie überraschend emergieren. Sie tauchen auf in den Rhythmen der Imagination. Ohne den Anspruch auf Vollständigkeit bringen sie sich ein und beeindrucken gerade dadurch. Dieses Buch ist das Ergebnis eines unorthodoxen fruchtbaren Denkens. Mit Rückgriffen auf die wirkungsmächtige Vorgeschichte des Menschen liefern die zahlreichen Abschnitte einander ergänzende Erkenntnisse über den Menschen, der trotz seiner globalen Mobilität in Gefahr ist, seine Beweglichkeit zu verlieren. In diesem auch in der sprachlichen Gestaltung faszinierenden Buch spiegelt Norval Baitello jr. seinen Lesern die Welt und erzeugt ein neues Verständnis des alltäglichen Lebens.
Birke Mersmann, Berlin im November 2022
Norval Baitello jr., Professor an der PUC Sao Paulo, Kommunikationswissenschaftler und Schriftsteller, nimmt uns in den achtzig Kapiteln seines kleinen Buchs über das Sitzen (oder ist es eines der ganz großen Bücher über die Katastrophen der Menschheit?) mit auf eine Abenteuerreise, von der wir nicht etwa beruhigt und erkenntnisgesättigt heimkehren können, um uns nun endlich mit gutem Gewissen »vor Ort« und »im Hier und Jetzt« niederzulassen, im Gegenteil … wir haben uns beim Springen und Hüpfen mit Neuem erfüllt, wobei das Neue eigentlich ein wunderbar durcheinander gewirbeltes Altes ist, und dabei haben wir uns angewöhnt, beständig in Bewegung zu bleiben.
In Bewegung zu sein – das hat bei den Menschen eine lange Tradition. Fast könnte man sagen, dass über Jahrmillionen hinweg Bewegung geradezu das Beständigste an den Menschen war. Aber wie schaut es mit diesem vitalen Paradoxon heute aus? Unsere Ur-Vor-Fahren hatten ihre beständige Bewegung in und mit den Baumkronen. Auch nach dem Sturz aus diesen frühen Paradiesen (die wir dann sehr – sehr! – viel später zu zwiespältigem Trost in der adamitischen Retropie neu erfanden) blieben wir über unsere nomadischen Jahrmillionen beständig in Bewegung. Doch dann kam ein anderes Beständiges, das mit Anhalten und Stehen(bleiben) und vor allem mit Beständen und Bestandssicherung zu tun hat: Wir wurden »sesshaft«. Damit komme ich zu dem Anfang des Buchs, nämlich zu seinem Titel. »O Pensamento sentado« heißt wörtlich »Das sitzende Denken« beziehungsweise »Sitzendes Denken«. Genau genommen ist »Gesetztes Denken« also nicht ganz korrekt, lässt sich aber im Deutschen sowohl aktiv wie auch passiv verstehen, und so landen wir von Anfang an bei einer der vielen (ge- oder erfundenen) Mehr- oder »Neben«deutigkeiten, die sich nicht nur immer wieder in Norval Baitellos vielfältigen sprachgeschichtlichen Rückgriffen anbieten, sondern die mir auch erlaubt haben, selbst hier und da mit den Variationen und Verflechtungen in und zwischen den Sprachen zu spielen. Der vorliegende Text ist also (im Einverständnis mit dem Autor) weniger zu einer allzu starren Übersetzung als mehr zu einer mal hüpfenden, mal stolpernden Übertragung geworden – oder vielleicht, um es mit Sprung 28 zu sagen: zu einem Medium, also zu einer (gelegentlich etwas wackligen) Brücke zwischen Autor und LeserInnen.
Obwohl Norval Baitello jr. schon im Untertitel – »Über Pobacken, Stühle und Bilder« – nicht nur seine eigenen Gedanken, sondern auch die seiner LeserInnen ins Hüpfen, wenn nicht gar ins Schleudern bringt (unser mentaler Allerwertester hat bei ihm keine Chance, an etwas kleben zu bleiben …) so sitzen sie (gemeint sind nun wiederum Norval Baitellos Gedanken) doch durchweg ganz großartig, in dem Sinn nämlich, in dem sich das auf Deutsch etwa von einem exzellent geschnittenen Kleidungsstück aus Patchwork-Material sagen lässt.
Christoph Wulf, Frankfurt am Main im Frühjahr 2023
Mancherlei Gedanken haben sich seit Langem in uns festgesetzt und rühren sich nicht mehr von der Stelle – doch mit diesem Buch wollen wir sie zum Tanzen bringen. Wir werden Pirouetten um sie drehen und sie lehren, Salto mortale zu schlagen!
Vielleicht taucht beim Hüpfen und Springen ja auch der eine oder andere Grund für die unglaubliche Zähigkeit, für das »Sitzfleisch« so manch festgefressener Vorstellungen auf. Damit sind nicht solche Konzepte oder Erkenntnisse gemeint, die auf soliden Kenntnissen beruhen und denen wir gerne zustimmen können, sondern Ideen, die sich – fast unversehens und scheinbar ohne unser Zutun – bei uns und in uns eingeschlichen haben. Es geht also um eingerostete Ideen, die sich seit Langem nicht mehr bewegt haben, schon gar nicht gegen etwas angegangen oder gar angesprungen sind, Ideen, die es sich in uns und in denen wir es uns bequem gemacht haben und die sich, darauf befragt, inzwischen nicht einmal mehr noch selber verteidigen könnten.
Leserinnen und Leser mögen sich daher nicht wundern, wenn wir – anders als in Gesprächen mit Freunden, ehemaligen Studenten oder Kollegen – hier übergangslos von einem zum anderen hüpfen. Wie oft weisen wir sonst darauf hin, dass wir gerade vom »Hölzchen aufs Stöckchen« kommen, dass wir ein Thema wechseln, ohne das vorherige erschöpfend behandelt zu haben, dass wir nicht objektiv sind! Wie viel Zeit verschwenden wir in Diskussionen daran, logisch vorzugehen und Gedankengänge gradlinig zu verfolgen – als gäbe es das überhaupt! Wie viel Beweglichkeit zerstören wir in unseren Kindern mit einer Pädagogik, die Bewegung als Unruhe disqualifiziert, ja, sie in Extremfällen sogar pathologisiert! Wie viel Energie geht dabei in eine Erziehung, mit der sie ruhig und still, »auf Linie« gehalten werden sollen, eine Erziehung, die nicht in der Lage ist, sich von der unerschöpflichen kindlichen Neugier und Experimentierfreude beglücken zu lassen, eine Erziehung, die nicht einmal kognitive Aufregung als kreative Ausdrucksform akzeptiert! Wir alle verbringen erschreckend viele Jahre unseres Lebens im Sitzen – wir sitzen auf Schulbänken, in Kirchengestühl, auf Bürosesseln, am Schreibtisch, wir sitzen im Kino, im Theater, in Vortragssälen, wir sitzen im Bus, im Zug, auf dem Fahrrad, im Auto. Wir sitzen, last not least, auf Stühlen um einen Tisch herum und halten die berüchtigten, nicht zufällig so genannten »Sitzungen« ab. Und wenn wir dann schließlich zu Hause sind, versinken wir in Sofas oder Sesseln und lassen uns – natürlich im Sitzen – von Apparaten mit Bildern füttern.
So viele Stühle, so viel sesshafte Sitzerei – lasst uns wenigstens hier stattdessen üben, von einem Ding zum nächsten zu springen, hüpfend eine Idee um die andere zu erproben, kurzum: mit unseren Gedanken zu jonglieren! Vielleicht können wir sogar zu der alten Gewohnheit zurückkehren, im Gehen zu lesen, so wie unsere Tanten und Onkel, unsere Väter und Mütter, die für Prüfungen lernen mussten, als es noch keine Computer gab, vor denen sie hätten sitzen können? »Fantasie für Freiheit, Freiheit für Fantasie« hieß ein Slogan der Achtundsechziger – bestimmt fallen uns noch ganz andere Möglichkeiten ein, uns beim Lesen zu bewegen!
Auch deswegen möchte ich diesen Text in kurzen Blöcken und Sprüngen schreiben – dann können Sie ihn in ungewöhnlichen, vielleicht sogar frisch erfundenen Haltungen lesen. Schließlich soll es dabei ja nicht zu jenen plötzlichen Krämpfen oder Verrenkungen im Rücken kommen, die wir Hexenschuss nennen (und den die echten Hexen niemals bekommen, weil sie nämlich immer zu Fuß gehen oder auf Besen reiten!). Und vielleicht kann ja auch das handliche Format dazu beitragen, Lesen zu einer nomadischen Erfahrung zu machen.
Sollten Sie allerdings Angst vorm Stolpern haben, bucklige Böden unter ihren Füßen scheuen oder sich beim Herumgehen an ihren Möbeln zu stoßen pflegen, dann lesen Sie bitte doch lieber im Sitzen – aber versuchen Sie unter allen Umständen, nicht im Sitzen und schon gar nicht wie ein Sitzender zu denken! Denken Sie beim Laufen, oder laufen Sie beim Denken. Machen Sie es wie Aristoteles und seine Schüler, die in Wandelhallen (gr. Peripatos) auf und ab schritten, während sie philosophierten – sie wurden danach sogar »Peripatetiker« genannt.
Übrigens ließen sich nicht nur die alten Griechen beim Wandeln inspirieren. Goethe zum Beispiel vermochte angeblich nur im Gehen seine Ideen fließen und seine Worte erblühen zu lassen, Heidegger wanderte beim Philosophieren durch Wald und Feld (und betitelte sogar eins seiner Bücher »Holzwege«), Dietmar Kamper nannte seinen Essayband von 1998 mehrdeutig »von wegen«, und die Aufklärer des 18. Jahrhunderts schritten beim Denken die Alleen der großen Gärten auf und ab. Gerade sie gingen dabei gewiss sehr planvoll und vernünftig vor – aber sie gingen!
Friedrich Nietzsche hat als einer der ersten auf die Bedeutung hingewiesen, die das freie Spiel unserer Muskeln für ein freies Denken hat. Er hat beschrieben, welche Probleme entstehen, wenn diese freie Beweglichkeit fehlt, und folgert:
»so wenig als möglich sitzen; keinem Gedanken Glauben schenken, der nicht im Freien geboren ist und bei freier Bewegung, in dem nicht auch die Muskeln ein Fest feiern. Alle Vorurteile kommen aus den Eingeweiden. Das Sitzfleisch1 ist die eigentliche Sünde wider den heiligen Geist«.2
Bereits Nietzsche hat also den Sitz-Zwang und die damit einhergehende permanente Überbelastung der Gesäßmuskeln kritisiert. Zwar musste man bereits zu seiner Zeit nicht nur bei der Arbeit, sondern auch in der Freizeit viel sitzen, und die Erziehung hatte bekanntlich seit Jahrhunderten ihr Möglichstes getan, den Kindern das Sitzen beizubringen (und sie damit ruhig zu halten). Aber selbst Nietzsche hätte sich wohl kaum vorstellen können, welche Karriere das Sitzfleisch bis heute noch machen würde und wie sehr sich der Druck auf unseren bunda durch das unendliche Sitzen vor allen Arten von großen und kleinen Bildschirmen noch verschärfen sollte. Nein, niemand konnte ahnen, was auf unseren armen »Allerwertesten« zukommen würde, der inzwischen über viele Stunden und oft pausenlos das Gewicht unserer oberen Körperteile ertragen und dabei auch noch den Wechsel zwischen unerbittlicher Härte und unerträglicher Bequemlichkeit der diversen Sitzmöbel aushalten muss.
Allerdings galt Nietzsches Interesse nicht so sehr den muskulären Aspekten des Themas, als Philosophen beschäftigte ihn vor allem deren Auswirkung auf unser Denken. Schon er sieht, wie »gesetzt« dieses Denken geworden ist, ja, dass es sich geradezu selber (freiwillig?) gesetzt hat. Er sieht, dass es dabei zu einem langweiligen Akt mutiert ist, zu einem Akt ohne Sprünge, ohne Lust, ohne frische Impulse, kaum noch mit einem Rest von Bereitschaft, sich überhaupt zu bewegen. Er beschreibt, wie dies Denken stattdessen zu einer braven Rede verkommen ist, die aus wohlgesetzten Textbausteinen fügsam Logisches, Vorhersehbares und Altbekanntes zusammenbaut – und wie wir damit vermeiden, uns noch bestürzen, entsetzen oder gar provozieren zu lassen.
Dieses ach so gesetzte Denken und Leben entspricht dem aktuell angestrebten (und vielfach bereits erreichten) Stand unserer Zivilisation. Körper und Denken erstarren und erfüllen so die Wünsche unserer rationalen, belesenen und verschulten Kultur, einer Kultur, aus der Kreativität ebenso verschwindet wie Unvorhersehbares und Überraschendes.
Glauben wir, dass Sitzen den Körper bändigt und den Menschen zähmt? Wünschen wir uns, dass das unruhige, kreative Tier in uns sich beruhigt und im Sitzen endlich brav und folgsam wird? Hoffen wir, dass unsere Sesshaftigkeit endlich jenen Vulkan zum Erlöschen bringt, der immer wieder in und aus uns auszubrechen droht? Warum sonst sollten wir Technologien entwickeln, mit denen sich alle Geräte (insbesondere die Bildschirme) im Sitzen, dem klassischen Synonym für Bequemlichkeit, bedienen lassen? Alle unsere großartigen neuen Kommunikationsmedien brauchen Stühle, Sofas, Sessel, Bänke, Throne oder wenigstens Schemel. Alles dreht sich um Sitzplätze.
In seiner Schrift Man: His First Two Million Years
