Beschreibung

Die Geschichte eines Verrates und dessen Folgen: Jan Winter wird mit 16 Jahren von der Staatssicherheit als Spitzel angeworben. Er soll seinen Freund Lorenz Kaden ausspionieren. Als Gegenleistung darf er seine verpatzte Mathematikarbeit verbessern. Aus Angst, den Schulabschluss nicht zu schaffen, ergreift Jan die ihm angebotene Chance und trifft damit eine Entscheidung, die nicht nur sein, sondern auch das Leben seines Freundes für immer verändern wird.

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Seitenzahl: 243

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Maren Schwarz

Gesichtsverlust

Roman

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

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Gmeiner Digital

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© 2016 – Gmeiner-Verlag GmbH

Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon 0 75 75/20 95-0

[email protected]

Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Katja Ernst

E-Book: Mirjam Hecht

Umschlagbild: © goldpix – Fotolia.com

Umschlaggestaltung: Benjamin Arnold

ISBN 978-3-7349-9412-8

Prolog

»Das Gericht sieht die Schuld des Angeklagten als erwiesen an. Im Namen des Volkes ergeht folgendes Urteil: …«

Jan hörte die Worte des Richters, ihre Bedeutung aber wollte sich ihm nicht erschließen. Wie aus weiter, nebelhafter Ferne drang schließlich der Richterspruch in sein Bewusstsein vor.

»… daher hält das Gericht eine Strafe von zehn Jahren für angemessen.«

Endlich erwachte er aus seiner Erstarrung. »Ich bin unschuldig, bitte verstehen Sie doch! Warum glauben Sie mir denn nicht?« Er sprang auf. Sofort traten zwei Vollzugsbeamte hinter ihn, legten ihre bleischweren Hände auf seine Schultern und drückten ihn auf die hölzerne Sitzbank zurück. Wenig später führte man ihn in Handschellen aus dem Gerichtssaal.

Er hatte alles Erdenkliche getan, um seine Unschuld zu beweisen.

Der Prozess war allein auf Indizien aufgebaut gewesen, doch das Gericht hatte die Beweislage als eindeutig empfunden und ihn rechtskräftig verurteilt.

Bevölkerung und Medien der Stadt hatten regen Anteil an dem langwierigen Prozessverlauf genommen. Eine Verurteilung aufgrund eines reinen Indizienprozesses, das hatte es hier noch nie gegeben.

Während die Zeitungen seine Niederlage in schwarzen Lettern druckten, saß Jan einige Stunden nach dem Richterspruch wieder hinter Schloss und Riegel. Später konnte er nicht mehr sagen, wie er die folgenden Stunden verbracht hatte. Erst als mit Einbruch der Nacht auch die letzten Gespräche verstummt waren, kam er wieder zu sich. Man hatte ihm eine der oberen Pritschen in der Zelle zugewiesen; die Matratze war dünn, das Holz darunter hart. Das fahle Licht des Mondes fiel zu dem vergitterten Fenster herein und zeichnete unheilvolle Schatten an die Wände der engen Zelle. Draußen stürmte es. Jan konnte die Bäume ächzen und stöhnen hören. Die Stimmung war düster und bedrückend, fast als hätte sich die Nacht seinem Gemütszustand angepasst. Unruhig wälzte er sich auf der schmalen Pritsche hin und her. Noch immer suchte er verzweifelt nach Antworten, nach einer Erklärung.

Seine Gedanken schweiften in die Vergangenheit. Lag die Antwort dort verborgen? Hatte er seine Strafe im Grunde doch verdient? Denn dass er schuldig war, daran gab es keinen Zweifel. Nicht schuldig im Sinne der Anklage, aufgrund derer man ihn heute verurteilt hatte. Doch es hatte eine Zeit in seinem Leben gegeben, in der er eine große Schuld auf sich geladen hatte – in der seine Schuld den Tod eines, vielleicht sogar mehrerer Menschen verursacht hatte.

Hatte es damals eine andere Möglichkeit für ihn gegeben? Hatte er eine Wahl gehabt? Wann hatte er den Punkt überschritten, an dem es zu spät gewesen war?

Und plötzlich erinnerte er sich wieder an jenen Albtraum, mit dem alles begonnen hatte.

Sommer 1975

»Wo bin ich?«, fragte sich Jan, während ihm die Furcht mit eisernem Würgegriff die Kehle zusammendrückte: Das Letzte, an das er sich noch vage erinnern konnte, war dieser Stoß: kraftvoll und unbarmherzig. Dann der unendlich lange Fall.

Zögernd öffnete der Junge seine Augen: doch die Dunkelheit blieb. Zu ihr gesellte sich ein durchdringender Geruch nach Fäulnis und Moder. Feuchte Kälte drang bis in sein Herz hinein, verlangsamte dessen Schlag und nahm ihm den Atem. Er fror entsetzlich. In seiner Verzweiflung begann er die ihm unbekannte Umgebung zu erforschen. Die bebenden Hände wie zum Schutz vor sich ausgestreckt, ging er zaghaft ein, zwei kleine Schritte, bis er mit seinen Fingerspitzen auf einen Widerstand traf. Nachdem er im ersten Moment davor zurückgezuckt war, tastete er sich wieder mutig vor. Das, worauf er gestoßen war, schien eine Wand aus grob behauenen Felsbrocken zu sein. Wo es eine Wand gibt, dachte er, muss es auch eine Tür, einen Ausgang geben. Gegen die undurchdringliche Schwärze ankämpfend, stolperte er vorwärts. Nach einer Weile merkte er, dass er im Kreis lief. Irgendwann glaubte er von ganz weit oben ein Licht wahrzunehmen. Allerdings erschien es ihm nicht hell und tröstend, sondern eher bedrohlich. Es kam vom Rande des Verlieses, in dem er sich befand, und brach sich flackernd, wie das Licht einer Kerze im Wind, am Gitter, das weit oben, hoch über seinem Kopf, sein Gefängnis verschloss. Die Angst war nun so mächtig, dass er kaum mehr einen klaren Gedanken fassen konnte. In seiner Verzweiflung krallte er sich an die glitschigen, bemoosten Steine. Immer wieder zog er sich hoch, rutschte ab und fiel zurück. Als er die Ausweglosigkeit seiner Lage erkannte, begann er zu schreien …

»Jan, Junge, wach auf! Was hast du denn?«

Klara Winter stand am Bett ihres schlafenden Enkels und rüttelte ihn. So etwas hatte sie in all den Jahren noch nie erlebt. Wie durch einen Dunstschleier hindurch hörte Jan die Stimme, die immer wieder seinen Namen rief. Ungläubig öffnete er die Augen, um sie gleich darauf wieder zu schließen. Ein Traum, dachte er voller Erleichterung, es war alles nur ein böser Traum …

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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